Samstag, 5. Mai 2018

Dialogische Herausforderungen 3/2018

https://egoistenblog.blogspot.ch/2018/04/was-uns-verbindet.html

Was uns verbindet

Natürlich ist es leichter, anzuprangern und Fehlentwicklungen zu konstatieren, als tatsächlich selbst qualitative, relevante, konstruktive Beiträge zum Dialog zu verfassen. Die qualitative Ebene ist immer schwer zu greifen und noch schwerer zu formulieren. Zu bemerken ist, dass trotz ernsthafter Bemühungen standardisierte Vokabeln, Formeln und Phrasen sich gegenüber einem qualitativeren Sagen in den Vordergrund drängen. Die tatsächliche Erfahrung jedoch - die immer eine esoterische, d.h. mehrschichtige Qualität hat -, ja jegliche Erfahrung kann nur durch sprachschöpferische Aktivität ausgedrückt werden. Man kann nicht wirklich zurück greifen auf die Sprache und die Vorstellungen der Vergangenheit, wenn man mit Wirklichkeit konfrontiert ist - oder anders ausgedrückt: Das Jetzt fügt sich nicht in die sprachlichen Muster, die vergangen sind, und das sind sie notwendigerweise immer. Sprache beschreibt stets etwas, was bereits Konvention geworden ist. Aber auch das Denken und die Vorstellungen sind durch Sprache, Konvention und innere Kontextualisierung geprägt, durch die Geschichte eigener Erfahrung und deren Interpretation, durch einen reifen Erinnerungsleib voller gesammelter, geordneter und auch geschönter Geschichten, die so tun, als gäbe es eine zusammenhängende biografische Geschichte, die das Bild dieser meiner Person trägt. Aber auch das sind Geschichten, die eigentlich Vergangenheit sind; die aber, sobald man sie zu betrachten versucht, ein Eigenleben entwickeln; sie greifen nach einem, verwickeln einen, lassen einen in Scham, in vergangenes Glück, in stille Wünsche abgleiten, bis man sich in der alten Geschichte so verstrickt hat, dass sie das betrachtende Ich und jegliche Aufmerksamkeit verschlingt.

Ja, man muss regelrecht Stärke entwickeln vor der Kraft der eigenen Erinnerung. Man dachte, die Geschichten seien etwas wie ein abgelegter Film- aber berührt man die Oberfläche der eigenen Erzählung, erhebt sie sich, erwacht zu Leben und reißt eventuell nicht nur irgendwelche Wunden auf: Vielleicht sind es die Gespenster, die im Dunkeln kauern, die, um derentwillen man der geworden ist, der man ist- um die man eine seelische Insel gebaut hat, eine Burg, für die man gepflanzt, gesät, geackert hat, für die man vielleicht ein anständiger Mensch geworden ist, für die man geglaubt, für die man einen Beruf ergriffen oder für die man ein Vermögen angehäuft hat. Nun liegen die inneren Geister im Untergrund und reißen das Maul auf, und die eigene Welt stürzt auf sie ein.

Diese Dinge kann man nicht umgehen, wenn man „spirituell“ arbeitet. Es ist eigentlich eine Position der Stärke, der Souveränität, aus der man das seelische Gesamtbild, die biografische Struktur anschauen und das aushalten kann, dass dann auch die Brüche sichtbar werden, die Unaufrichtigkeit, das, was wie eine treibende Kraft, aber als Wunde und Schwäche, zugleich konstituiert und destabilisiert. Man muss das nicht moralisieren, mystifizieren oder mit christlicher oder anderer religiöser Begrifflichkeit überziehen; die menschliche Zwitterhaftigkeit zwischen biologisch- biografischer Erzählung und einem bewussten, aktiven Betrachter und Gestalter bedient solche Widersprüche; es ist kein individuelles Drama, oder eben doch, weil jegliche individuelle Geschichte ein solches Drama enthält. Die „Erlösung“ kann nur in dem aktiven Betrachter, in der bewussten Entität liegen, der das Drama entwirrt, sich der Geschichte, der Irrtümer und Verwirrung stellt, aber sich eben auch aus der Determination befreit. Die Souveränität im persönlichen Drama klärt die Angelegenheit und relativiert sie damit auch. Die konstruktiven Kräfte haben eine nicht mehr nur persönliche Note - zumindest nicht in dem Sinne, dass man in das eigene Drama verwickelt und von ihm getrieben wird. Aber es ist auch nicht etwas, was man ab- und weglegen könnte. Es ist eher so, dass die Kräfte, die das persönliche Trauma bindet, frei werden, und zur Verfügung stehen- als Bewusstseinkräfte, als Möglichkeit zur reinen Gegenwärtigkeit, als Möglichkeiten in der sozialen Gestaltung. So bindend die innere Wunde und die biografischen Gespenster waren, so unendlich ist die Entfaltung der vorher gebundenen Kräfte; die Entfaltung ist wie der Schnittpunkt einer kosmischen Energie- und Erkenntnisquelle. Die magische Bindung, der seelische Pflock, sie enthalten zugleich den heilenden Wendepunkt. Das ist eben die Maja, die große Illusion: Dass es kein Entkommen aus dem inneren Drama gäbe.

Einer der wenigen anthroposophischen Autoren, der diese wirklich spirituell- allgemein-gültigen und vielschichtigen Themen bearbeitet, ist Karsten Massei. Auch in seinem neuesten Buch, „Erde und Mensch. Was uns verbindet“, geht er in aphoristischen Betrachtungen nicht nur auf das innere Drama, sondern auch auf das Verhältnis zur Natur und auf das Leben nach dem Tod ein. Der innere Wendepunkt klingt bei ihm so: „Durchaus ist eine innere Kraft nötig, um auszuhalten, was passiert, wenn ich mich den Bildern meines Lebens überlasse. Es kann leicht geschehen, dass ich übermannt werde von Erinnerungen, dass dadurch ein Nacherleben beginnt, das für mich schwer zu ertragen ist. Ich stürze dann in die Erlebnisse ab, vor denen ich mich bisher wohlweislich zu schützen wusste.“ (S. 132) Das „Licht der eigenen Aufmerksamkeit“ hellt eben auch das auf, was eben diese Aufmerksamkeit in Beschlag zu nehmen vermag, dem man schwer standhalten, ja das man kaum erkennen kann, obwohl es für andere Menschen vielleicht ganz offensichtlich ist. Für einen selbst ist es ein blinder Fleck im Auge.

Und zugleich, in dieser Blindheit und Schwäche, gilt eben auch das, was Massei als das eigentliche Wesen der bewussten Entität beschreibt: „Das Ich ist der Name, den man sich selbst gibt; aber es ist mehr, es ist die Kraft, aus der unsere Individualität hervorgeht, und es ist noch mehr: es ist das Wesen, in dem sich unser höheres Wesen, unser göttliches Selbst äußert. Wir sind unserer Natur nach geistige Wesen, eigentlich Götter. Im Ich, seinem für uns zwiespältigen Wesen, seiner Flüchtigkeit und Macht, offenbart sich unsere göttliche Natur.“ (S. 126)

Bei Karsten Massei sieht man in seinen über die letzten Jahren erschienenen Büchern eine immer weiter gehende Öffnung. Zuerst klang er wie ein hellsichtiger Heiler, der sich ganz den Pflanzenkräften und elementaren Wesen widmen will. Das scheint auch tatsächlich die Ebene zu sein, auf der Massei seinen Zugang findet. Aber von da aus widmet er sich dem Menschen und Schicksal in einem immer umfassenderen Sinne. In vieler Hinsicht trifft er dabei auf allgemein gültige Punkte, die für jeden spirituell interessierten und arbeitenden Menschen von Interesse sind - die Sprachbilder (Imaginationen), in denen sich Massei sich ausdrückt, erhalten eine Transparenz und Tiefe, die sich von Buch zu Buch steigert. Er wird damit zu einem der wenigen echten zeitgenössischen spirituellen Lehrer aus anthroposophischem Zusammenhang.

© Michael Eggert April 29 2018
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Karsten Massei, Erde und Mensch. Was uns verbindet, Basel 2018
Website Karsten Masseis

Kommentare:
Anonym Montag, 30. April 2018 um 09:34:00 MESZ

"Natürlich ist es leichter, anzuprangern und Fehlentwicklungen zu konstatieren, als tatsächlich selbst qualitative, relevante, konstruktive Beiträge zum Dialog zu verfassen".

Exakt so ist es. Es ist auch nicht nur leichter, es kann entlasten und Spannungen abbauen: Im Anprangern blickt man auf die Anderen, auf deren Fehler und Schwächen, man muss die eigenen Schattenseiten nicht anschauen. Es entsteht auch ein vermehrtes "Wir-Gefühl" und Überlegenheitsgefühl. Bringt zudem auch mehr Klicks, Likes und Aufmerksamkeit.

Jostein Sæther Donnerstag, 3. Mai 2018 um 10:03:00 MESZ

Wenn ich den folgenden Satz als verallgemeinernd aus dem Pronomen »man« geschrieben lese, ist er für mich nicht selbstverständlich, selbsterklärend, ich meine: er behauptet etwas Allgemein-gültiges, was ich nicht so bejahen kann: 
»Natürlich ist es leichter, anzuprangern und Fehlentwicklungen zu konstatieren, als tatsächlich selbst qualitative, relevante, konstruktive Beiträge zum Dialog zu verfassen.«
Ich würde eine solche Aussage differenzieren, zu einer Ich-Botschaft umwandeln und dann neu überlegen, wie ich ein ähnlicher Satz formulieren würde. Für mich würde er so aussehen:
»Manchmal überfällt mir die Neigung, anzuprangern und Fehlentwicklungen zu konstatieren, aber, wenn ich mir bewusst werde, dass es für meinen Kontrahenten und die Sache, das Thema besser ist, tatsächlich selbst qualitative, relevante, konstruktive Beiträge zum Dialog zu verfassen, dann überlege ich, wie ich dies demnächst tun kann.«
Ich erlebe, dass du hier, Michael, im Verhältnis zum Autor Karsten Massei, gerade dies getan hast: einen qualitativen, relevanten, konstruktiven Beitrag zum Dialog geschrieben hast! 
Würde dies jedes Mal geschehen, wenn Autoren und Kommentatoren etwas online posten, wäre der Dialog zu spirituellen Themen und Erfahrungen fortschrittlicher, als er heute noch ist. Dann bräuchten wir keine spirituellen Lehrer auch im anthroposophischen Zusammenhang nicht. Denn der Dialog wirft ein erquickliches Licht in unsere Biographien hinein, die auch die geistige Welt nicht geben kann. Egal wie eingeweiht ein Geistesforscher sein würde, in der geistigen Welt findet er die Qualität einer menschlichen Dialoggemeinschaft nicht. Sie ist ein sinnlich-geistiges Phänomen, nach dem die Hierarchien lechzen! 
Meine einzige Kritik ist, dass ich das »man» gänzlich weglassen würde, um zu schauen, welches Pronomen dann relevant wäre. Ich fühle mich mit dem »man› nicht angesprochen und lese bei solchen Texten selten zu Ende. Ich war gerade auf der Website der Zeitschrift »Die Drei« und las die Gratisaufsätze. Auch da häuft sich das Verwenden des »man« in den Himmel hinauf, aber dieser wendet sich davon ab! 


Michael Eggert Donnerstag, 3. Mai 2018 um 12:02:00 MESZ


Lieber Jostein, Du hast sehr recht, die Neigung zur Verallgemeinerung ist auch ein Versuch, die eigene Meinung mit Tarnfarbe zu versehen. Es kann ein aggressiver Akt sein, der Versuch, ein Stück öffentliche Meinung zu besetzen. Dennoch bin ich mit Dir einer Meinung, dass es Anlässe zur Auseinandersetzung, aber auch solche gibt, die auf reiner Konstruktivität beruhen. Man muss eben immer sehen, inwieweit man noch dialogisch produziert, den Dialog behindert, monologisiert oder gar aggressiv manipuliert. Insgesamt hat das Netz dazu geführt, dass der aggressive Monolog grassiert. Aber es gibt in der Szene, die wir hier betrachten, auch insgesamt nicht so viele erfreuliche Erscheinungen- erfreulich insofern, dass man bei einem Autor eine kontinuierliche Entwicklung betrachten, ja ihr von Buch zu Buch folgen kann. Meist erlebt man bestenfalls eine Mühle der immer gleichen Meinungen, oft eine elaborierte Sprache, selten reale Originalität. All das erlebe ich bei Massei- und zwar so, dass sowohl der allgemein interessierte Leser als auch der Praktizierende (und zwar aus jedweder Schule) Gewinn ziehen kann, Einblicke nimmt, tiefe Imaginationen verarbeiten und auf sich wirken lassen kann. Das ist einfach auch tröstlich für alte Anthroposophen, dass es doch auch wieder tatsächlich spirituell relevante Autoren gibt.



Bernhard Albrecht Donnerstag, 3. Mai 2018 um 14:28:00 MESZ

@ Jostein und Michael



Ja genau so sehe ich es auch, der Himmel wendet sich ab gegenüber Deklinationen wie „wenn man dieses oder jenes in die Wege leiten würde dann …“ und so weiter. Es geschieht nichts, solange „ich“ nicht konstruktiv wertschätzend meine Hand dazu reiche. Der Himmel ist heute um ein Vieles näher an die Erde heran gerückt, als noch zu Rudolf Steiners Lebzeiten. Die Schwelle der geistigen Welt zieht sich mitten durch die Dialog-Zwischenräume von Mensch zu Mensch. „Reagiere“ ich hier kommentierend „halbbatzig“ kann die geistige Welt nicht helfend unterstützen. Die Frage geht also an mich zurück: Kann ich nicht ein Mehr an moralischer Phantasie im konkreten Fall aus mir heraus setzen, um den gegebenen Dialogansatz konstruktiver fortzusetzen? Ist für mich nicht mehr Durchatmen angesagt bevor ich antworte, mehr Hinschauen auf verborgene Triggern-Punkte bei mir, als dem anderen Menschen, salopp gesagt die Fresse zu polieren, weil er mir „scheinbar“ völlig unangemessen auf die Füsse getreten ist oder in seiner Auffassung völlig neben der Spur liegt? 
Ich jedenfalls habe bei mir in solchen Augenblicken des Innehalten immer wieder feststellen dürfen, dass es an mir liegt Selbstverwandlungen, sprich „Karma Bereinigungen“ ganz im Alltäglichen in die Gänge zu bringen und nicht zu glauben mein jeweiliges Gegenüber für etwas in die Haftung nehmen zu können, was tiefer betrachtet allein meine Sache ist tätig umzusetzen. Immer wieder war und ist mir der andere Mensch (oft auch unwissentlich) nur Bote gewesen für etwas, das jetzt einfach dran war genauer unter die Lupe meiner seelischen Beobachtung zu nehmen.
Es ist eines von Ätherleib und Astralleib zu reden und ein anderes in solchen, vielleicht auch schwierigen Dialogmomenten sich daran zu „erinnern“ und selber innerlich auf die Pirsch zu legen in seelischen Beobachtungen das eine oder andere Geschehen einmal forschend abzufragen, sprich sein eigenes Äther- und Astralleib Gestrüpp in seelischen Beobachtungen durchzukämmen.
 Ich kenne Karsten Massei bisher noch nicht, will dies aber nachholen. Vielen Dank für den wertvollen Hinweis.

Bernhard Albrecht


Anonym Donnerstag, 3. Mai 2018 um 18:39:00 MESZ

"Egal wie eingeweiht ein Geistesforscher sein würde, in der geistigen Welt findet er die Qualität einer menschlichen Dialoggemeinschaft nicht. Sie ist ein sinnlich-geistiges Phänomen, nach dem die Hierarchien lechzen! "

Dem kann man zustimmen, vorausgesetzt, dass der Artikel über Massei exemplarisch oder beispielhaft für diesen Blog stehen würde. Tut er aber nicht. Auf diesem Blog geht es eben gerade nicht um das "Was uns verbindet" sondern um zahlreiche Variationen zum Thema "Was uns trennt". Seit Jahren.

 Die heutigen Anthroposophen (häufig auch Steiner selbst) werden hier meistens dargestellt als mystische Schwärmer und/oder rechtspopulistische Verschwörer. Dass es noch zahlreiche positive Entwicklungen, interessante Autoren innerhalb der anthrop. Bewegung gibt (u.a. zu finden auf www. anthroposophische-meditation.org) ist hier grundsätzlich kein Thema. Mag daher sein, dass ganz andere Wesen nach dem lechzen, was hier passiert.



Jostein Sæther Donnerstag, 3. Mai 2018 um 19:17:00 MESZ

@ Anonym


Mit anonymen Kommentatoren führe ich erfahrungsgemäß keine Gespräche. Warum bist du denn hier anonym und habe nicht ein digitales Profil schon längsten gemacht, der dich als Person irgendwie mit einem Foto kennzeichnet? So dass ich dich auch mit deinem Namen im Internet anderswo wiedergefunden werden kann? Sind wir denn nicht beide mit Anthroposophie als Grundstein im Herzen unterwegs? Ich jedenfalls bin es, und dann versuche ich in jedem Fall immer so aufzutreten, wie es Bernhard Albrecht Albrecht es hier oben beschrieben hat. 
Ich würde mich freuen, bei den AnonyMusen, die hier im Blog häufig schreiben, bald mit menschlichen Gesichtern zu erblicken.
 Lieber Michael, deshalb fordere ich dich auf, den Kommentarzugriff in den Einstellungen auf »Registrierte Nutzer – einschließlich OpenID« zu ändern. Was hat denn diese Anonymität mit ehrlicher Dialog zu tun? 
»Dass es noch zahlreiche positive Entwicklungen, interessante Autoren innerhalb der anthrop. Bewegung gibt (u.a. zu finden auf www. anthroposophische-meditation.org) ist hier grundsätzlich kein Thema.«
 Gerade wird so etwas unter einem Beitrag geschrieben, in dem gerade »positive Entwicklungen, interessante Autoren innerhalb der anthrop. Bewegung« – jedenfalls kommt ein Autor hier vor – sehr positiv bewertet: »Bei Karsten Massei sieht man in seinen über die letzten Jahren erschienenen Büchern eine immer weiter gehende Öffnung.«


Jostein Sæther Donnerstag, 3. Mai 2018 um 19:19:00 MESZ

Soll heißen: …anderswo wiederfinden könnte?



Michael Eggert Donnerstag, 3. Mai 2018 um 19:41:00 MESZ


Lieber Jostein, das Anonyme ist und bleibt ein Teil der Freiheit, den der egoistische Blog bietet. Das ist Teil der Einstellung, solange es nicht zum Monolog oder zu Rechtsverstößen kommt. Es führt auch zu einer gewissen Lebendigkeit, vor allem, weil man sich über das Blog selbst auslassen kann 😉. Man kann an eine gewisse Verbindlichkeit der Kommentatoren appellieren, natürlich. Aber wer es schätzt, anonym zu bleiben, sollte die Freiheit dazu auch haben und behalten.



Anonym Donnerstag, 3. Mai 2018 um 19:58:00 MESZ

@ Jostein


Ich habe Dir auf Facebook geantwortet.



Bernhard Albrecht Donnerstag, 3. Mai 2018 um 20:36:00 MESZ


Wie schade! Ohne es anscheinend selber zu bemerken setzt Anonym (oben 18:39 MEZ) hier seinerseits ein deutliches Zeichen der Trennung. Warum nicht hier antworten? Sind auf dem Egoisten Blog wirklich nur Menschen unterwegs, die allesamt nur Trennendes im Auge haben? Die anscheinend unterschwellige Angst sich hier mit Beelzebub zu verbrüdern, was für einen "echten Anthroposophen" natürlich nicht gehen kann trägt in meinen Augen mitunter beinahe schon manische Züge an sich. Da kann ich nur sagen, je mehr ich diesen Kräften ausweiche, umso mehr haben sie mich am Wickel. Auf der Keule, dass "alle" Kommentatoren hier nur Trennendes im Sinne hätten sitzen sie zu Hauff - jedenfalls für den, der darauf hinschauen mag.


Bernhard Albrecht



Stephan Birkholz Donnerstag, 3. Mai 2018 um 20:42:00 MESZ

Trennung ist doch kein Problem, wenn man an Türen arbeitet. 
Wirklich schlimm ist nur die hermetische Unzugänglichkeit des Abgetrennten...



Bernhard Albrecht Donnerstag, 3. Mai 2018 um 22:48:00 MESZ


Zwei Nachfragen

Hm ... wenn "man" an Türen arbeitet ...
Kann ein "man" an einer wirklichen Türe arbeiten oder arbeitet es vielleicht dann nur an einer illusionierten Tür? Und: In welcher Richtung schielst Du, wenn Du von hermetischer Unzugänglichkeit sprichst?

Eine gute Nacht Dir,



Bernhard Albrecht



Anonym Freitag, 4. Mai 2018 um 06:09:00 MESZ


"Gerade wird so etwas unter einem Beitrag geschrieben, in dem gerade »positive Entwicklungen, interessante Autoren innerhalb der anthrop. Bewegung« – jedenfalls kommt ein Autor hier vor – sehr positiv bewertet"



@ Jostein


Wie schon oben dargestellt: Der Artikel über Massei ist "erfreulich", aber eben eine Ausnahme, eigentlich passt er überhaupt nicht zur ideellen Ausrichtung des Blogs. Sieht man u.a. auch daran, dass es vor Deiner Intervention keine inhaltlichen Kommentare zu dem Artikel gab. Ich gehe also weiter davon aus, dass jubilierende Chöre der Hierarchien im virtuellen Umkreis des Egoblogs eher nicht zu finden sind.



Stephan Birkholz Freitag, 4. Mai 2018 um 07:45:00 MESZ


Ob Türen entstehen, hängt von beiden Seiten ab; der 'hermetische Verschluss' findet dabei eigentlich immer von Innen gegen die Außenwelt statt. Idealer Weise sollte man eine sogenannte 'Klöndor' einbauen - für Leute, die eintreten wollen, lässt sie sich ganz öffnen, für Menschen, die nur monodirektional ihr Nicht- Einverstanden-Sein loswerden wollen, lässt sich oben eine Klappe öffnen, wo man dem Beschwerdeführer freundlich entgegen lächeln kann...



Anonym Freitag, 4. Mai 2018 um 09:49:00 MESZ


Letztendlich hängt es auch von der Verarbeitung des Lacks ab (Danke, wichtiges Thema)

www.haus.de/modernisieren/tueren-selber-lackieren-schritt-fuer-schritt



Bernhard Albrecht Freitag, 4. Mai 2018 um 11:52:00 MESZ

@ Stephan


Ist das so, dass der hermetische Verschluss "(eigentlich) "immer" von innen gegen die Aussenwelt" stattfindet? Ich sehe in diesem Zusammenhang fragend z.B. die tatsächliche Aussenwelt "und" im eigenen Innenraum einen Prozess einer Aussensetzung innerhalb des eigenen Innenraums, von etwas also, das nicht unbedingt mit dem tatsächlichen Aussen korrelieren muss. Vorstellungen haben diese Eigenart, dass sie eher selten mit dem Aussen so korrelieren wie sie dem inneren Vermeinen nach gesetzt werden. An das Anderssein kommt das Vorstellen nicht heran weil es den Prozess tatsächlichen Erlebens ausschliesst. Jedenfalls kann dies die eigene Selbsterforschung erschliessen.
 Ich halte meinerseits nichts von monodirektionalen Spielzügen. Das Fragen, Fragen , das Befragen und erneut Befragen, das innere Umkreisen und erneut Befragen usw. liegt mir näher. Hier komme ich immer wieder zu überraschenden Einsichten und Durchsichten ... wenn ich mir die Zeit dafür gebe. Und meinerseits gebe ich mir dieses Ausatmen und Durchatmen immer wieder. Die Welt, innen wie aussen wird farbiger, das jedenfalls ist meine Erfahrung.
 So, jetzt aber genug. Ich gehe mal klönen, eine alte Frau im Haus besuchen, deren Mann vor kurzem verstorben ist.



Bernhard Albrecht



Jostein Sæther Donnerstag, 3. Mai 2018 um 20:18:00 MESZ

Ich respektiere deine Einstellung, Michael, und kann verstehen, dass dadurch eine gewisse spielerische und impulsive Art entsteht! Für mich ist es eher ein Hindernis und ich gehe meistens alle diese Kommentare vorbei. 
Für mich hat Anonymität jedoch nichts mit Freiheit zu tun. Ich sehe hier die Gefahr, dass seelische Tendenzen ausgelebt werden, die sich dem Ich entziehen will. Die Lebendigkeit des offenkundigen, ehrlichen, angstfreien und sich selbst bekanntmachenden Ich finde ich interessanter als die untergründige Spitzfindigkeit und das intellektualistische Jonglieren des Astralleibs. 
Ich kann mich doch genauso gut und vielleicht noch besser »über das Blog selbst auslassen«, wenn nachvollzogen wird, wer ich bin. Im Zeitalter der Selfies, verstehe ich diesen Anonymitätswahn nicht!


Stephan Birkholz Donnerstag, 3. Mai 2018 um 20:38:00 MESZ


Der 'Anonyme' hat nicht Angst, sich vor der Umwelt zu seinen Anschauungen zu bekennen, er hat Panik davor, sich vor sich selbst zu seinen Ansichten bekennen zu müssen.
 Die Vorstellung, das eigene Gedankengut zu lesen und als Urheber den eigenen Namen darüber lesen zu müssen, schreckt ihn furchtbar.
 Dieses nicht ich, sondern der kleine Stänkerer in mir bietet ihm da eine Sandbox, eine Virtual-Machine für seine spielerische Auseinandersetzung mit den eigenen Blickwinkeln.
 An den Rollen- und Versteckspielchen eines Heinz Fleischmann (und seinen parallelen persönlichen Nachrichten auf Facebook) kann man das sehr schön exemplarisch beobachten...


Bernhard Albrecht Donnerstag, 3. Mai 2018 um 20:47:00 MESZ


Ja Jostein, da stimme ich Dir zu. Auch wenn ich gewisse Gedankengänge, die einen anonym bleiben wollenden Menschen bewegen nachvollziehen kann. Dieser scheint mir eben noch unterwegs zu sein "das Fürchten noch lernen zu müssen." Mit dem Ich, mit einer Repräsentation von Anthroposophischer Hochschule ist Anonymität in meinen Augen jedenfalls nicht zu vereinbaren. Da geht es um bis an die Wurzel gehende Zeugenschaft.



Bernhard Albrecht

…….

Anonym Freitag, 4. Mai 2018 um 06:28:00 MESZ

Die entscheidende Frage wurde bisher noch nicht gestellt: Wie steht Massei eigentlich zu Ganser und Putin?

Bernhard Albrecht Freitag, 4. Mai 2018 um 10:33:00 MESZ

Ja freilich, als ob es hier auf diesem Blog "nur" um diese eine entscheidende Frage ginge?



Bernhard Albrecht

Anonym Freitag, 4. Mai 2018 um 11:15:00 MESZ

"Nicht zu vergessen die Akasha-Chronik, in der sowieso alles ewig aufgezeichnet bleibt…"

Auch wenn's mit einem gewissen Lächeln gesagt wurde, das klingt aber doch irgendwie nach Drohung und erinnert mich an die Angstmacherei im Religionsunterricht in der Grundschule. Das analoge "Gott sieht alles" hat doch schon sehr lange Zeit Generationen geprägt.....



Bernhard Albrecht Freitag, 4. Mai 2018 um 12:33:00 MESZ

Nun, das mit der Angstmacherei im Religionsunterricht, das kenne ich auch. Die Akasha-Chronik ist aber alles andere als so ein Angstgebilde. Sie ist, so es Dir gelingt in der eigenen Selbsterforschung immer aufrechter Dir selber in die Augen schauen zu können, ein Kraftnetzwerk starker Mutkräfte die eigene Entwicklung an die Hand zu nehmen. Sie ist also kein Ort, wo alle unsere Sünden abgelegt sind, gewissermassen als beständig drohendes Damoklesschwert schrecklicher Bestrafungen über unserem Kopf. Das wäre die Deutung klerikaler Angsthasen.
 In der Akasha-Chronik sind vielmehr alle unsere eigenen Entschlüsse abgelegt unvollendete Entwicklungen wieder aufzunehmen und fortzusetzen. Die Akasha-Chronik ist kein Ort im Irgendwo, sie ragt heute, so wir unsere Augen wirklich öffnen wollen in alle unsere Sozialbezüge und Dialogräume herein und ruft uns leise zu dieser oder jener Entwicklungsfortsetzung auf.



Bernhard Albrecht

Ingrid H. Freitag, 4. Mai 2018 um 13:03:00 MESZ

Mein Hinweis auf die Akasha-Chronik war nicht als Drohung gemeint.
Derjenige, der alles sieht, ist ja nicht in erster Linie ein Strafender. 
Und die „Aufzeichnungen“ der Akasha-Chronik befinden sich, wie Bernhard Albrecht ja schon gesagt hat (danke), nicht an einem Gerichtshof irgendwo dort draußen, sondern diese „Chronik“ liegt in jedem einzelnen von uns - wenn auch nicht immer klar bewußt.

 Das Bewußtsein „Gott sieht alles“ hat unter anderem dazu geführt, daß Deckenfresken wunderbar genau ausgeführt wurden, obwohl der Künstler davon ausgehen mußte, daß niemand sie von unten so genau würde sehen können.

Ich denke auch an Rilkes Gedicht über den Archaïschen Torso Apollos, dessen letzte Zeilen lauten: 
» … denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. / Du mußt dein Leben ändern.« 

Unter Anthropotanten, so dachte ich jedenfalls bisher, haben Rudolf Steiners Mitteilungen doch einiges Gewicht. 
Zum Beispiel auch seine Schilderungen des nachtodlichen Lebens, über das rückläufige Wieder-Erleben unserer Erlebnisse hier auf Erden; allerdings werden wir dann, sagt Steiner, sozusagen die andere Hälfte erleben, also die Auswirkungen all dessen, was wir getan, gesagt oder unterlassen haben, auf unsere Umwelt… 
Man könnte denjenigen, der alles sieht, auch als unser „Gewissen“ bezeichnen; und den Menschen, der aus einem solchen Bewußtsein heraus handelt, als „gewissenhaft“.

Stephan Birkholz Freitag, 4. Mai 2018 um 13:47:00 MESZ

'Richten' ist wohl sinnvoller mit (wieder) zurecht-richten, aufrichten etc. als mit 'hin-richten' zu verknüpfen...

Bernhard Albrecht Freitag, 4. Mai 2018 um 17:14:00 MESZ

Apollo



Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt, 

darin die Augenäpfel reiften. Aber
sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber, 

in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt, 



sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug

der Brust dich blenden, und im leisen Drehen

der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen

zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz

unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle; 



und bräche nicht aus allen seinen Rändern 

aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle, 

die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern. 




Aus: Der neuen Gedichte anderer Teil (1908) 

von Rainer Maria Rilke



@ Ingrid

» … denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. / Du mußt dein Leben ändern.« 



Nackt steht dieser Torso vor Dir … und ohne Kopf. Entblösst von aller Vorstellung schaut er Dich an. Er schaut Dich an, so als ob er spräche. Das ist der Mensch, nachdem er sich von allen Vorstellungen befreit, sich aller Abschirmungen entledigt hat. Nackt, im Ich stehend. Das ist der Mensch. Das bist Du, wenn Du ohne wenn und aber Dich Dir selber gegenüber stellst. Wenn Du Dein Akasha aus den Händen des Du entgegen nimmst. Mutvoll.



Bernhard Albrecht

Dienstag, 24. April 2018

Nachlese zur Generalversammlung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 3

Was im Zuge der diesjährigen Generalversammlung als Sturmlaufen - wie wiederholt nach aussen hin verlautbart wurde - von sogenannten Hardlinern wider den Vorstand und die Generalsekretäre am Goetheanum seinen Ausdruck fand, scheint mir tiefer betrachtet eine mehr als grobe Missdeutung wiederzugeben. Sturm ja, aber ein Zeiten-Sturm im Hinblick auf mehr Transparenz, nicht im eigentlichen Sinne ein Sturm gegen die beiden abgewählten Herren des Vorstandes, für deren Arbeit durchaus die ein oder anderen sachlich begründbaren Argumente und darüber hinaus auch Sympathien vorhanden waren.

Ich will mit der Einschätzung der Sachlage sogar soweit gehen, dass diese Generalversammlung nicht jenes Ende hätte nehmen müssen, wenn nicht derartig viele Transparenz-Mängel im Vorfeld und bei der Generalversammlung selbst zu Tage getreten wären. So ist die Abwahl letztlich als quasi Kollateralschaden eines zeitgeistigen Sturmlaufs zu sehen. Ein Umsturzversuch gewisser Hardliner, wie die Presse vollmundig meinte schreiben zu können, hat jedenfalls nicht stattgefunden.

Es ist heute einfach nicht mehr möglich an eine grössere Mitgliedschaft so „nichts sagend“ heranzutreten wie geschehen und das anscheinend selber gar nicht zu bemerken. Das Sensorium der Mitglieder für die Qualität des Gesagten in dieser Weise zu unterschätzen zeugt - und mir ist bewusst, dass dies hart klingt - einfach von Weltfremdheit und ist schlichtweg unprofessionell. Im Gespräch mit mir fremden Mitgliedern habe ich jedenfalls mehrfach ungefragt Rückmeldungen zu hören bekommen, die genau in diese Richtung deuteten.

Die nachhaltig wahrzunehmende immer wieder neu sich manifestierende Augenhöhe mit den Mitgliedern ist in dieser Gesellschaft verloren gegangen. Und dies nicht erst im Zuge dieser Generalversammlung, sondern schleichend schon sehr viel länger. Von einem gewissen Gesichtspunkt aus ist sie zeitgemäss auch nicht wirklich entwickelt worden. Die Abwahl war demgemäss ein Alarmzeichen, ein sehr dringliches Alarmzeichen sich über den Zustand dieser Gesellschaft deutlich anders und tiefer reichend Klarheit zu verschaffen. Mit anderen Worten sich Rechenschaft zu geben, was es eigentlich heisst in heutiger Zeit Vorstand einer Gesellschaft mit einer geistigen Aufgabe zu sein und dieses Amt auch spirituell aktiv ausfüllen zu wollen.

In der Einführung zur Aussprache fiel ein Satz, der mich aufhorchen liess. Das Wort vor der Generalversammlung zu ergreifen bedeute einen besonderen Ort zu betreten. In welcher Weise dies ein besonderer Ort sei wurde allerdings nicht gesagt. So will ich nach beinahe vierzig Jahren des Schweigens aus eigenem Erfahren heute etwas dazu sagen. In diesen Saal hinein zu sprechen kann als ein Herantreten an die Schwelle zum Geistigen hin erfahren werden. Wie das? In der Weise, dass, wie Rudolf Steiner das für den grundständig zu erneuernden Gemeinschaftskörper einer zukünftig geistesgegenwärtigen Anthroposophischen Gesellschaft nach der Weihnachtstagung benannt hat, alle eigenen Vorstellungen im Sprechen von diesem Ort her zu löschen seien. Ein innerer Feuerprozess müsse im Sprechen  gewissermassen als Oberton mitschwingen können. Auf eine andere Weise könne in tatsächlicher Repräsentanz der anthroposophischen Bewegung hier nicht gesprochen werden.

So streng hat das nach meinem in langen Jahren erarbeiteten Verständnis Rudolf Steiner benannt. Und dem Vorstand wie den Generalsekretären obliegt es dafür Zeugnis abzugeben, dass dieser innere Vorgang im Sprechen zu, wie noch mehr im Antworten auf Mitgliederfragen qualitativ wenigsten ansatzweise beispielhaft wirksam wird. Das ist das eigentlich spirituelle Geheimnis von Augenhöhe, ist die Kraft, die aus tatsächlicher Augenhöhe hervorgehen kann, die anthroposophisches Leben hervorbringt.

Mit anderen Worten: Das Sprechen vor der Generalversammlung kommt einem Gang nach Emaus gleich. Wo hier sprechend die Worte nicht deutlich bemüht so geformt werden, dass „der Dritte“ leise raumgreifend anwesend werden kann fehlt dieser Gesellschaft genau diejenige Dynamik in ihrer eigentätig zu entwickelnden Gestaltungskraft, die sie vor der heutigen Welt berechtigterweise als zeitgerecht modern dastehen lässt. Und eben hier beginnt die stets sich erneuernde Schwierigkeit des Stehens dieser Gesellschaft in Augenhöhe vor der Welt, bzw. des Stehens des Einzelnen in Augenhöhe „vor sich selbst.“ Das Stehen in unerschrockener Augenhöhe  vor sich selbst bereitet nämlich den Zugang für ein begleitend Inspiriert werden Können durch den Dritten im Dialog mit dem anderen Menschen, bzw. einer grösseren Gemeinschaft von Menschen innerlich vor.

Es geht also bei einem Sprechen von diesem Ort um das aufrechte Stehen im Ich, um ein aktiv unmittelbares Bezeugen seiner Kraft in innerem Gleichgewicht. Das wiederum kann Geistesgegenwart der nicht unbedingt einfachen Art herausfordern. Die Möglichkeiten hier die Augenhöhe zu sich selbst wie zur Gemeinschaft der Anzusprechenden zu verlieren sind vielfältig, insbesondere in einem freigegebenen Dialog zwischen Sprecher von vorne und Sprechenden von der Saalseite her. Es geht grundständig ans Eingemachte des Ego in der eigenen Seele der Menschen auf beiden Seiten während eines derartigen Dialogprozesses. Darin liegt aber auch die stets neue Bewährung einer spirituell ausgerichteten Gemeinschaft, inwieweit sie sich entwickelnd vorankommt, bzw. sie durch mangelnde Geistesgegenwart in die Stagnation abgedrängt wird.

Das Stehen im Ich ist über ein ideelles Anschauen desselben hinaus und jenseits verbaler, auch anthroposophischer Abstraktionen des Verstandesdenkens vom Grund her nämlich mit dem Erfahren eigener seelischer Nacktheit, die auch nur über eine kleinere Wegstrecke auszuhalten einigen Mut erfordert, verbunden. Die Winkelzüge des Ego diese Nacktheit bei sich selber zu verbergen, bzw. die Möglichkeit bei Dialogpartnern den Sturz in diese Nacktheit zu übersehen sind gross, geht es doch um sehr subtile seelische Vorgänge, die erst einer reiferen seelischen Beobachtung zugänglich und von daher handhabbar werden. Es ist eben etwas ganz anderes vom Ich zu reden oder dieses zu leben und aus dieser Haltung heraus ein anderes keimenden Ich zu schützen. Der Schutz des Ich aber ist die grösste Aufgabe eines spirituell wirkenden Vorstandes am Goetheanum.

Auch hier ist im besinnend Nachgang dieser Generalversammlung selbstklärend für „alle Beteiligten“ in freier Weise zu prüfen welche Missgeschicke diesbezüglich geschehen sind. Es geht also heute um Missgeschicke, die sich allzu leicht unbemerkt einschleichen, wenn die Zurückdrängung des Leibes, von der Rudolf Steiner in seiner Philosophie der Freiheit schreibt nicht gelingt. Möglicherweise deshalb nicht gelingen konnte, weil dieses Forschungsfeld, das bis heute in meinen Augen zu wenig praktisch nachvollzogen, bzw. in seiner ganzen Tragweite forschend hinterfragt und seiner Bedeutung gemäss weiter geführt wurde. Mit der Folge, dass die Entflechtung von Astralleib und Ätherleib, die an die Zurückdrängung des Leibes eng gekoppelt ist im sozialen Raum der Anthroposophischen Gesellschaft zu wenig als heilende Kraft dualer Konfliktfelder erkannt und demgemäss entwickelt werden konnte.

Von der Seite der inneren Bewegung der Zurückdrängung des Leibes her betrachtet kann innerhalb sozialer Prozesse sogar gesagt werden, dass das Gelingen bzw. Nichtgelingen der Zurückdrängung des Leibes nicht wenig Bedeutung dafür hat inwieweit die Anthroposophische Bewegung verduftet oder eine Möglichkeit findet zu einer zeitgerechten Metamorphose im sozialen Raum hin zu finden. Als selbstverständlich bestehend kann sie in meinen Augen jedenfalls nicht betrachtet werden, ist sie doch an die repräsentative Ichtätigkeit von Menschen gebunden. An eine Ichtätigkeit, die auch den Drachen in seine Schranken zu weisen vermag, der in der Bemühung um die Zurückdrängung des Leibes ebenfalls innerlich sein Unwesen zeigen kann. Der Einzelne, der im grossen Goetheanum Saal sprechend vor die Mitglieder dieser Gesellschaft tritt wird auf die eine oder andere Weise immer auch auf den werdende Leib der Anthroposophischen Bewegung einwirken, je nach dem wie wach er von seinem Ich her ist. Der einführende Sprecher zur Aussprache der diesjährigen Generalversammlung hatte also allen Grund auf diesen besonderen Ort hinzuweisen.

© Bernhard Albrecht Hartmann, 24.04.2018

Sonntag, 1. April 2018

Nachlese zur Generalversammlung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 2

https://egoistenblog.blogspot.ch/2018/03/mr-spock-und-andere-auerirdische-im.html?showComment=1522594502250#c85736339182235385

Ingrid H. Mittwoch, 28. März 2018 um 00:31:00 MESZ

Lieber Bernhard Albrecht,


auch von mir vielen Dank für Deine Schilderungen!



Soviel ich verstanden habe, ist einer der schwerwiegenden Gründe die „prekäre finanzielle Schlagseite“, zu deren Überwindung noch keine Strategie gefunden werden konnte. 
Waren dafür nicht die übrigen Vorstandsmitglieder genauso verantwortlich? Schatzmeister war doch Justus Wittich…


Und was mag es zu bedeuten haben, daß Frieder Sprich, der ja ein paar Tage vor der Generalversammlung im Nachrichtenblatt der IEA eindringlich vor einer Bestätigung Mackays und von Platos gewarnt hatte, nicht mehr (wie noch bis vor ganz kurzem) Assistent des Schatzmeisters ist? 
Bisher war Frieder Sprich Leiter der Finanzabteilung, jetzt scheint die Finanzabteilung keinen Leiter mehr zu haben...


Ich bin wirklich sehr gespannt, wie es weitergeht. 

Insbesondere, ob diese Nicht-Bestätigung, wie Du zu erwarten scheinst, einen „moderneren Stil“ für die Zukunft bedeutet, oder ob im Gegenteil (wie Ton und bobby ja schon angedeutet haben) die beiden Abgewählten der Mehrheit der Anwesenden eher zu „modern“ waren...

(Und: es würde mich sehr interessieren, warum Du nicht mit abgestimmt hast…)


Gute Nacht!
 Ingrid

@ Ingrid

Nicht abgestimmt habe ich, weil ich aus terminlichen Gründen erst in letzter Minute mich freischaufeln konnte wenigstens den Ausspracheteil der Generalversammlung zu besuchen. Mehr war nicht möglich. Mir hat die Möglichkeit hier ein wenig tiefer wahrnehmen zu können schon gereicht. Die ganze Angelegenheit ist nämlich, unabhängig von welcher Art der Abstimmung auch immer, sehr viel komplexer als es auf den ersten oder auch zweiten Blick hin erscheint. Da musst Du schon persönlich „langatmig dynamisch“ in einzelne gegenwärtig und früher sich bereits abzeichnende Bewegungsmuster bereit sein einzutauchen, um allmählich zu einem vielleicht tieferen Verständnis vorzudringen.
Was Frieder Sprich betrifft, so ist er altersgemäss in Rente gegangen und hat im Vorfeld seines Abgangs die Gelegenheit genutzt noch einmal seinem Herzen Luft zu verschaffen. Ich frage mich bei einem derartigen Vorgehen: Wie schwer muss ein Mensch vorausgehend von diversen internen Vorgängen betroffen worden sein, dass er sich seinen Abgang so beschwert. Verdankt wird ihm dies Tun wohl kaum. Die Würdigung einer gegenüber der offiziellen Sichtweise anders lautenden Auffassung zu internen Vorgängen im Goetheanum war jedenfalls aus meiner Erfahrung heraus in den letzten Jahrzehnten keine besonders gepflegte Eigenschaft der jeweils Verantwortlichen.
Nach aussen Tod schweigen und nach innen möglichst schnell wieder zur Tagesordnung übergehen. Den „Burghof kehren“ und weiter wie gehabt, das ist der Ausdruck einer tief sitzenden Angst angesichts der Aufgabe, um die es hier im Grund geht, für die es eigentlich mutig einzustehen gelte. Dass dem so ist, das ist nicht zu verurteilen, muss vielmehr bis in die eigene Seele hinein erst einmal „erlebend“ angeschaut und verstanden werden. Anders sind aus meiner Sicht heraus keine Lösungen zu finden. Denn: Die Zeiten dual Konflikte auszutragen sind vorbei, auch wenn das Verständnis dahin gehend über den Keimzustand hinaus noch nicht sehr weit vorgedrungen ist.
Schaue ich mir das an, was über die Generalversammlung in „Anthroposophie weltweit“ zu lesen ist, dann ist die Botschaft aus dem Mitgliederkreis dieser Generalversammlung „nicht“ angekommen, dass es dabei um eine sehr dringliche Anmahnung von mehr Transparenz ging. Die Goetheanum Leitung versteht immer noch nicht, dass der Mündigkeit-Zug der Mitglieder deutlich an Fahrt aufgenommen hat. Es wird formal berichtet, nicht qualitativ in die Tiefe gehend. Es wird nur das gesagt, was die Vereinssatzung zwingend vorschreibt, nicht aber das, wozu ein Freies Geistesleben einem ichhaft still und leise mutig aufruft.
So ist zu erwarten, dass das, was die Presse berichtet, dass bei dieser Generalversammlung die Hardliner unter den Anthroposophen die Gunst der Stunde zu einer „Art Putsch“ genutzt hätten dem verbleibenden Vorstand stillschweigend entgegen kommen wird. Dass dem nicht so war interessiert dabei wenig, entscheidend ist das Bild, dass dadurch in die Öffentlichkeit hinein als Wirklichkeit suggeriert wurde und mit dem sich verklausuliert weiter nach innen hin gut operieren lässt. Die Sachlage wird dahingehend verdreht werden, dass fürderhin alles getan werden müsse, dass der eigentliche Mitgliederwille nicht mehr so verkürzt werden könne.
Von daher würde es mich nicht wundern, wenn es im Herbst zu einer ausserordentlichen Generalversammlung käme, welche über die Mitwirkung aller Mitglieder, also auch derjenigen, die jeweils nicht zur Generalversammlung anreisen könnten eine entsprechende Satzungsänderung zur Abstimmung brächte. Nur erscheint es mir sehr naiv zu sein damit das Problem lösen zu wollen. Wir werden sehen.
Die bei dieser Generalversammlung deutlicher in den Vordergrund getretene Haltung bezüglich einer Transparenz auf Augenhöhe zwischen Vorstand und Mitgliedern wird damit nicht auszubremsen sein. Die Dampfventile einer Menschengruppierung können mit noch so vielen Reparatur Massnahmen nicht dauerhaft verschlossen werden. Ganz im Sinne von Stefan Birkholz (Montag, 19. März 2018 um 13:22:00 MEZ) kann ich meinerseits nur unterstreichen, weitere Instrumentalisierungen und Legendenbildungen werden einer spirituell aktiv gelebten Anthroposophie nur immer deutlicher zum Durchbruch verhelfen. Dazu ist keine wie auch immer geartete Revolution vonnöten. Zeitgerechte Evolution folgt ihren eigenen Gesetzen.

Bernhard Albrecht



Nachlese zur Generalversammlung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 1

https://egoistenblog.blogspot.ch/2018/03/mr-spock-und-andere-auerirdische-im.html?showComment=1522594502250#c85736339182235385

Michael Eggert Dienstag, 27. März 2018 um 16:18:00 MESZ
Danke für dieses Stimmungsbild aus einer revolutionären GV. Dank auch für die komplexe Schilderung, die es verbietet, für das Geschehen zu einfache Ursachen anzunehmen. Es fällt wirklich viel zusammen, wobei letztlich fraglich erscheint, in ausgerechnet Mackay und von Plato für die Probleme wirklich verantwortlich zu machen sind. Aber nun ist es so geschehen, und es bleibt zu hoffen, dass im Folgenden tatsächlich eine Sanierung mit Augenmaß, Transparenz und Fingerspitzengefühl gelingt. Vermutlich ist die Botschaft angekommen.


@ Michel Eggert

Die Botschaft ist angekommen. Gleichzeitig aber auch ein grosses Erschrecken. Freiheit wird einem nicht geschenkt, sie hat ihren Preis. Sie will wertschätzend erarbeitet sein - gemeinsam von sich mit in die Verantwortung stellenden Mitgliedern ebenso, wie vom Vorstand, Hochschulkollegium und Generalsekretären.
Ob sich alle Mitglieder, die sich für die Abwahl entschieden haben ihrer damit verbundenen tiefer reichenden Verantwortung schon bewusst sind, das will ich dahingestellt sein lassen. Die kommenden Geschehnisse wird eine Bewusstheit in dieser Richtung allseitig aus meiner Sicht mehr und mehr einfordern, das ist zu erwarten. Du kannst nicht eine Zäsur einleiten und dich dann wieder zurücklehnen und „die da oben“ machen lassen und gegebenenfalls nur wieder Einspruch erheben. Das geht vor dem Bewusstsein der gegenwärtigen Zeit, dem tiefer reichenden Ernstnehmen dessen, was mit dieser Generalversammlung geschehen ist einfach nicht mehr. Schon allein deswegen, weil sie mit Ita Wegmann und Elisabeth Vreede verbunden war, was heisst, der Geist dieser beiden Frauen ist wieder zu beleben, wenn ihre Rehabilitierung nicht nur eine formale abstrakte Fingerübung gewesen sein soll.
Der neue Vorstand wird nicht umhinkommen sich diesbezüglich zu erklären. Inwiefern diese Dimension der Rehabilitation schon wirklich gesehen wurde, das wird sich dabei weisen. Jedenfalls wird sie nach und nach ins Auge gefasst werden müssen, wenn sie weiter geistgemäss voran gebracht, wenn dem gewachsenen Mitgliederbewusstsein Rechnung getragen werden will und die finanzielle Schieflage wieder ins Lot kommen soll. Gewiss kein leichtes Unternehmen.
Es erscheint mir zudem gegenüber Paul Mackay und Bodo von Plato ein sachlich unbedingt gebotener Ausdruck von Fairness zu sein, dass die beiden Männer im Zuge dieser Abstimmung nicht als Sündenböcke für die finanzielle Schieflage der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft in die Wüste geschickt werden. Eine Verantwortlichkeit haben sie, aber tiefer betrachtet nicht in dem Sinne, wie sie ihnen gegenwärtig zugesprochen wird.
Im Falle einer finanziellen Schieflage mit parallel laufender weitgehender Erschöpfung der Rücklagen eines Unternehmens muss, so Gesprächsanmerkungen in meinem Umkreis, über die notwendig gebotenen Finanztransaktionen hinaus die Frage nach der Fähigkeit zur Mehrwert Bildung dieser Gesellschaft gestellt werden. Haben die Mitglieder dieser Gesellschaft noch ein tiefer greifendes schöpferisches Potential, das Mehrwert bildend wirksam werden kann? Das ist die entscheidende Frage, denn „Geldflüsse“ sind an eine fortlaufende Mehrwert Bildung gebunden. Geld und Geist stehen in einem Wechselverhältnis zueinander.

Bernhard Albrecht

Dienstag, 27. März 2018

Einige Anmerkungen zur Aussprache der Mitglieder der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft während der Generalversammlung 2018

Ich war lediglich bei der Aussprache über die verschiedenen Anträge zugegen, bei der Abstimmung darüber hingegen nicht mehr. Wundern tut mich das Ergebnis der Einzelabstimmung aber überhaupt nicht. Im Vorlauf dieser Abstimmung haben sich so viele Transparenz Unterschlagungen gezeigt, dass bildlich gesprochen die Balken im Goetheanum nur so knackten. Anspruch und Wirklichkeit, alte Welt und neues keimendes Bewusstsein sind aufeinander geprallt (nicht revoltierend, sondern in einer Haltung, die sich einfach nicht mehr „wegkehren“ liess - das muss hier deutlich angemerkt werden) und bis zuletzt sind die Zeichen der Zeit nicht gesehen worden.
Sich verstecken hinter Empfehlungen der Generalsekretäre der Ländergesellschaften (mit Ausnahme der schweizerischen Generalsekretäre, die keine Empfehlung zur Verlängerung des Vorstandsmandates dieser beiden Herren abgeben wollten) ist einfach kein wirklich moderner Stil. Dazu ein Pseudorechenschaftsbericht, der nicht einmal persönlich, sondern stellvertretend durch den niederländischen Generalsekretär vorgetragen kaum anders als verschleiernd intransparent verstanden werden konnte. Keine wirklich nachvollziehbare Strategie, wie diese prekäre finanzielle Schlagseite der AAG. zu überwinden sei. Bei einem derartigen Vorgehen kann ein ernsthafter Betrachter des Geschehens einfach nur zu dem Schluss gelangen: Sie haben geerntet, was sie gesät.
Geerntet haben sie die Folgen ihrer inneren Einstellung gegenüber der Mitgliedschaft, die unabhängig von diesen beiden Herren als Erbe im Amt schon bis in die endsechziger/Anfang-siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts zurückreicht, wo sie erstmals in Unmutsäusserungen offen zu Tage trat und die untergründig vermutlich noch sehr viel weiter zurückzuverfolgen ist. Wieder bildhaft gesprochen: Du kannst die Mitglieder nicht wie einen Haufen gackernder Hühner nach dem Standpunkt auserwählter Hähne vom „Misthaufen“ her regieren. Das muss irgendwann einmal in die Hose gehen.
Du kannst Mitglieder nicht damit aushebeln, dass behauptet wird über geistige Belange könne nicht abgestimmt werden, wenn genauer hingesehen das Leben eine ganz andere Sprache spricht. Mit einem derartigen Vorgehen wird lediglich Ideologie unversöhnlich gegen Kommunikation in Stellung gebracht.
Das Leben zeigt nämlich, dass über geistige Belange durchaus abgestimmt werden kann und zwar in einem wertschätzenden Wettstreit der Argumente. Jeder Dialog ist im Grunde ein „sich Abstimmen“ im Hinblick auf die sachlich stichhaltigere Argumentationslinie. Natürlich kann niemand in einem solchen Prozess die andere Seite dazu verpflichten der jeweils eigenen Argumentationslinie zu folgen, denn hier setzt die Ich-Verantwortung dafür ein in Folge dann auch einzustehen für das, wofür sich jeweils entschieden wird. Das wäre dann Ausdruck eines lebendigen Freien Geisteslebens.
Ob mit der Entscheidung Bodo von Plato und Paul Mackay nicht für weitere sieben Jahre in ihrem Vorstandsamt zu bestätigen die Situation am Goetheanum besser wird, das bezweifle ich. Intern werden sehr wahrscheinlich die Tore der „AAG.-Burg,“ wie es Schmidt Brabant schon 1975 programmatisch (nur wenige Wochen vor seiner Wahl in den Vorstand) verkündet hatte noch mehr schützend abgeriegelt werden. Im Aussen der Mitgliedschaft aber wird sich neues bilden. Rudolf Steiner hat es schmerzhaft voraus gesehen. Zwei Bewusstseinshaltungen innerhalb der AAG werden sich voneinander trennen und miteinander ringend letztlich die Öffnung für ein neues Mysterien-Bewusstsein heraufführen.
Ein guter Freund von mir hat in diesem Zusammenhang gesprächsweise angemerkt, dass es schon bemerkenswert sei, wie der Ausschluss von Ita Wegmann und Elisabeth Vreede 1935 und deren Rehabilitierung heute mit der Verweigerung der Neubestätigung im Vorstandsamt von Bodo von Plato und Paul Mackay bei dieser Generalversammlung synchron gelaufen seien (ein in Stellvertretung Einstehen dieser beiden Herren für damaliges Unrecht). Er sah es wie eine Umkehrung der Verhältnisse. 1935 den Beginn einer Abschottung der AAG. durch eine wie er meinte „klerikale“ Bewegung und 2018 mit der Rehabilitierung von Elisabeth Vreede und Ita Wegmann eine nicht mehr zu unterdrückende Bewegung zu Aufbruch und Erneuerung.
Ich erwiderte ihm darauf ja, das kannst Du so sehen. Nur das mit „klerikal“ passt für 1934/35 noch nicht wirklich, wenn es auch im Hintergrund schon (empfindungshaft) an die Pforten pochte. Wirklich klerikal wurde es erst mit Rudolf Grosse (positiv, wenn auch zur Vergangenheit hin gepolt) und Hagen Biesantz (negativ, magisch und zwingend gepolt). Mit Paul Mackay kommt dann eine Individualität mit starkem Willen nach aussen, aber nach innen verborgen ängstlich sich anpassend zum Zuge, während von Plato mehr den Typus des offen für gegenwärtige Tendenzen eintretenden Menschen repräsentiert, der aber die Ich-Kontur dafür nicht so recht zur Reife zu bringen wusste. Er schleicht durch die Lande mit einiger Anerkennung ohne individuelle geistige Führungskraft entwickeln zu können.
So sind die beiden am Ende über ihre eigene ursprüngliche Initiative, die bis anhin lebenslängliche Vorstandsberufung alle sieben Jahre erneut bestätigen lassen zu müssen gestolpert. Sie hätten sich zwar gegenseitig gut in die Hände gearbeitet und schienen von daher für die Mehrheit der Generalsekretäre für weitere sieben Jahre unverzichtbar zu sein, nur - fehlte beiden die jeweils individuell verankerte dynamische Mitte, die vor dem seit dem Ableben Rudolf Steiners hintergründig gewachsenen Bewusstsein in der Mitgliedschaft und welthaft überhaupt, sich glaubhaft für eine weitere Amtsperiode vertreten zu können.
Geradezu tragisch ist die Haltung der Generalsekretäre, die in ihrer Empfehlung für das Verlängern des Vorstandsmandats wiederholt auf den tragenden Teamgeist dieser beiden Männer innerhalb der gemeinsamen Vorstandsarbeit meinten hinweisen zu müssen. Nur lässt sich bildhaft eine Gemeinschaft mit spirituellem Vermächtnis heute nicht mehr aus einem „seelischen Team-Suppen-Bewusstsein“ heraus führen.
Dazu braucht es sehr viel individuellen Mut und innere Standfestigkeit in der Argumentation nach innen gegenüber den eigenen Vorstandskollegen, sowie den Generalsekretären, wie auch nach aussen nach der Seite der Mitglieder hin. Wer zu spät kommt den bestraft das Leben, das „Leben“ und nicht , wie aus subjektiven Entsetzen heraus durchaus als Stimmung entstehen könnte, dass eine unsachlich agierende Minderheit innerhalb der Mitgliedschaft revoltierend die Gunst der Stunde zu einem Umsturz wider den Willen einer grossen nicht anwesenden Mehrheit der Mitglieder genutzt habe.
Das Gegenteil war nämlich der Fall. Initiative zu wirklicher Kommunikation hat sich gezeigt. Und diese hat während der Aussprache der Generalversammlung im Wesentlichen konstruktiv wirken können und dürfen, wenn ich kleinere Verdrängungsversuche seitens der Versammlungsleitung nicht hoch hängen will. Fairerweise muss nämlich hier gesagt werden, dass der Versammlungsleiter sich am Ende der Aussprache für einige seiner Missgeschicke entschuldigt hat. Die Aufgabe war wirklich nicht leicht. Für den weiteren Fortgang der Auseinandersetzung ist von daher nicht gefragt ein aus eventueller Bestürzung Mauern, sondern im Gegenteil ein aufeinander Zugehen. Nicht gefragt ist ein die jeweilige andere Seite auf diese oder jene Weise Verdächtigen oder mit Unterstellungen Bombardieren. Notwendig scheint mir vielmehr ein inneres Ausforschen und Bearbeiten eigener Trigger Punkte, welche mich innerlich dahingehend abdrängen wollen unreflektiert und unsachlich dieses oder jenes Argument zu zerfleddern, bzw. in Gegenübertragungen von mir zu stossen. Also Bewusstheit und noch einmal Bewusstheit.

Bernhard Albrecht Hartmann

Dienstag, 20. März 2018

Dialogische Herausforderungen 2/2018

https://egoistenblog.blogspot.ch/2018/03/burghard-schildt-versuch-eines.html
Bernhard AlbrechtSamstag, 17. März 2018 um 20:01:00 MEZ

Das mit dem Sonne untergehen, das ist schon so eine Sache - so ein Prozess will ich gar nicht sagen - denn da hängt unversehens zu viel emotionaler Teer im eigenen Getriebe, der das Sonne Untergehen auf alle nur mögliche Weise behindert. Und diesbezüglich im eiligen Kopf-Wegdrehen auf den jeweils anderen Menschen zu blicken, das macht das eigene Sonnenrad noch lange nicht flott und lässt es gegen seinen Sonnenuntergang rollen. Keck vorgetragene wortreich hämische Hilfsbereitschaft ist hier demnach keine Option.

Burghard beschreibt es sehr treffend: „Und da es sich dabei, laut Steiner, um ein Geist-Erleben handelt, daher kann zudem gesagt werden: Geist-Erinnern und Geist-Besinnen.“

Burghard weist mit seinem Sagen auf drei Punkte. Geist-Erleben, Geist-Erinnern und Geist-Besinnen. Angeschaut: Inwieweit hat hier Geist-Erleben stattgefunden und wenn in welcher inneren Ausrichtung? Ego zentriert oder darüber hinaus reichend? Das wäre bei gutem Willen also erst einmal zu überprüfen. Was sich vordergründig gezeigt hat, das weist eher in die Richtung: Schraube von der eigenen Ölwanne lösen und Altöl ablassen, alle denkbaren Regeln zur Vermeidung von Innwelt Verschmutzungen ausser acht lassend.

Punkt zwei: Geist-Erinnern. Hier geht es um ein genaues und tiefer reichendes Anschauen dessen was mir sagend entgegen tritt. Und im Anschauen, gewissermassen in seiner inneren Gegenbewegung um eine Überprüfung (Geist-Erinnern) meiner Vorstellungen, inwieweit sie wenigstens teilweise passgenau an das anschauend Erfasste tatsächlich anknüpfen. Ein auf eine monistisch/nonduale Art ausgerichteter Dialog Beitrag fusst auf einem möglichst exakten Geist-Erinnern. Ansonsten sind emotionale Kampfszenen unvermeidlich. 

Das ist eben die grosse Täuschung: Wir leben nicht im Krieg gegeneinander, sondern sehen uns in zum Teil hoch komplexe Verfilzungen unseres eigenen Selbst verwickelt. Die Zündstoffe, die dort am Wirken sind tragen wir anstatt sie innerlich für uns aufzuarbeiten mehr oder weniger selbst verdrängend oder aggressiv nach aussen. 

Das wiederum verhindert die Entfaltung von Punkt drei nach Burghard. Wir berauben uns der Möglichkeit aus dem Besinnen heraus zu Lösungen im Umgang mit- und untereinander zu gelangen. Der eigene Blick wird von eigenen und fremden emotionalen Schwaden soweit getrübt, das im zueinander Sagen sachliche Verbindungen nur schwer, wenn überhaupt noch geknüpft werden können, wenigstens über mehrere Dialogstationen hinweg. Wir reden aneinander vorbei, wo durchaus mehr Gemeinsamkeiten gefunden werden könnten.



Bernhard Albrecht

Anonym Samstag, 17. März 2018 um 22:18:00 MEZ

@Bernhard



Danke für deine Interpretation des Burghard-Textes. Finde ich gut, dass du dir die Mühe gemacht hast, ist ein Klassiker geworden quasi. Ich denke, in dem Text liegt sicher noch Spielraum für andere Interpretationen... 


Zu deiner subjektiven Wertung: 

Kecke hämische Hilfsbereitschaft (?) usw. usf. Auch da hast du relativ viel Zeit, Mühe und Wort reingepackt insgesamt.

Und fast scheint es, dass deine Antipathie für 'kecke Hilfsbereitschaft' (so DEINE Interpretation) und vieles andere aus der Einleitung, so groß ist, dass es sich unterschwellig wie so ein abschreckendes Übel, durch deinen ganzen übrigens Text zieht.. so scheint es...


Sicher ist nicht alles nach Schema F gelaufen, aber meine Meinung habe ich gerne kundgetan, muss da aber jetzt nicht weiter drauf rumreiten, gibt wichtigeres. Ich habe da andere Ansprüche..


Aber du, wie sagte Steiner einmal, sinngemäß: 
Ein weiser Mensch schaut alle Seiten an.

Jedenfalls so begann es hier, ganz sachlich, ganz keck und hilfsbereit:

"Hey, im falschen Beitrag gelandet? 
Verschwörungstheorien?"


und das kam u.a. dabei heraus gen Ende: 

"Vollkornkleie-Vollbart im Gesicht. Der "gute Hirte" spricht. Damit kannste Deine selbstmitleidenden Herz-Jesu Drachen in Anthropo-Tantistan beeindrucken. Ein kleiner St. Michaelischer. Anderen Menschen aber schadet Deine Ignoarrogänserige Elitität, Du egoloser Heiliger Du! Troll Dir heimwärts, Engelchen. Ehe Dir welche an die geflügelte Wäsche gehn."


Da bekommt man schon Angst, gell Bernhard. Aber vielleicht hat dich diese Äußerung ja auch gefreut, so ganz im Stillen? Denn kein Mensch ist ein Superheld und Häme kann viele Gesichter haben...




Das scheint dir aus gewissen Gründen wichtig zu sein, so dass du recht geschickt lavierend dein eigenes Kopfwegdrehen, quasi auch vor dir selbst verborgen hast.


@ Anonym Samstag, 17. März 2018 um 22:18:00 MEZ

Mein Kommentar eine Interpretation von Burghards Text? Das würde ich als zu hoch gegriffen ansehen. Allenfalls habe ich einem kleinen Wellenspiel aus seiner Flussbetrachtung etwas hervorgehobene Aufmerksamkeit gezollt, habe das dynamische Leuchten von einigen Edelsteinen unter einem gewissen Blickwinkel in die Sichtbarkeit gerückt.
Mit einem in sich fliessenden Denken liesse sich da noch einiges mehr hervorholen. Das aber hiesse bereit zu sein sich der Grundhaltung des Geist-Erlebens im Denken zu vergewissern und alle, wirklich alle Vorstellungen (wie Rudolf Steiner nach der Weihnachtstagung 1923/24 für diejenigen Menschen hervorhob, welche den Grundstock dieser neuen Gesellschaft bilden wollen) mit jedem seiner inneren seelischen Beobachtungsschritte immer mehr hinter sich zu lassen, was im Hinblick auf die Sprache bedeutete in das Reich „des ich weis, dass ich nichts weis“ konkret einzutreten.
Auf welcher tatsächlichen Sachgrundlage und … darüber innerlich noch ein Stück hinaus greifend, mit welchem Recht sinnen wir einem anderen Menschen an seine Aussagen seien z.B. von (auch nur scheinbarer) Antipathie tief durchwachsen? Was tun wir da eigentlich, ohne unserem Vermeinen tiefer auf den Grund zu gehen? Mit welcher Art wie beiläufiger Wirklichkeitsverdrehung gehen wir da unbemerkt um, zaubern aus unserem Nähkästchen mal diese, mal jene uns jeweils genehme Fata Morgana, um den Schorf über unseren möglicherweise eigenen inneren Wunden und den damit verbundenen Schmerz gar nicht erst aufkommen zu lassen? Welche unserer Illusionen halten wir damit am Leben, bzw. erzeugen diese sogar neu ohne sie unter der Lupe der seelischen Beobachtung tiefer zu bearbeiten?
Warum hindern wir uns nur so, beinahe möchte ich sagen so überwach daran unser Hineingehen in den inneren Sonnenuntergang, in die Nacht des „Nichtwissens“ zu verhindern? Warum ist es so schwer unserer eigenen Menschlichkeit in die Augen zu schauen und von daher ein schöpferisches Mitgefühl für das Weg Schreiten des jeweils anderen Menschen zu entwickeln. Oder war Rudolf Steiner ein „Depp,“ wenn er in diesem Zusammenhang von wechselseitiger Initiative zu innerer Umkehr sprach? Ganz nebenbei gesagt, die Konsequenzen seines Sagen ein wenig verdeutlichend! …

Manchmal erscheint es mir fast so, als ob es in verschiedenen Dialogansätzen um das Erringen einer Goldmedaille im andere Menschen  von ihren Standbeinen zu fegen ginge. Nur, anderen Menschen so lange auf den Kopf zu klopfen bis sie etwas kapieren, was „mir“ zwingend geboten erscheint, das ist vergebliche Liebesmühe. Aus meiner Sicht so lange, wie ich nicht selber einen Ansatz zu eigener innerer Verwandlung in einen Dialogprozess meinerseits leise mit einbringe. Initiative dreht ein Ding!

Bernhard Albrecht

Anonym Dienstag, 20. März 2018 um 19:51:00 MEZ

Bernhard, du hast so deinen Fokus...
Zu "Initiative dreht ein Ding!" Ja, da ist was dran, das kann passieren. Und sicherlich hat sich "das Ding" hier auch aus den unterschiedlichsten Gründen doch noch gedreht...ist doch schön...
                                                                        
Bernhard Albrecht Dienstag, 20. März 2018 um 23:05:00 MEZ

Jede kleinste Drehung ist wichtig und hat mitunter Wirkungen, die unterschwellig sehr viel weiter reichen. Ein springender Stein ...
 Gute Nacht.

 Bernhard Albrecht

Montag, 12. März 2018

Naturbeobachtung u n d seelische Beobachtung

Er sitzt in der Spitze einer vom Sturm schief gestellten und arg zerflederten hohen Tanne - der Wanderfalke, seit Stunden. Streifen des Mondlichtes zwischen den Wolken lassen seine Augen immer wieder einmal kurz im Dunkeln wie aufblitzen. Nicht eingezogen sein Kopf, sondern aufgerichtet, blicken seine Augen das Ufer des Sees entlang, bewegungslos. Hätte ich ihn nicht selbst anlanden gesehen, ein späterer Beobachter könnte dort wo er jetzt sitzt eine Sturm gebogene Astanomalie sehen.
Da, wie aus dem Nichts schiesst er nach vorne und dann beinahe senkrecht nach unten, nimmt etwas aus dem Ufersand auf und kehrt wieder auf seinen Aussichtspunkt zurück. Ein Schlagen seiner Flügel, ein kurzes kräftiges Hacken mit seinem Schnabel zwischen seine Füsse. Einige Kleinteile fliegen durch die Luft, den Rest verschlingt er beinahe in Sekundenschnelle. Dann wieder Ruhe, als ob nichts geschehen wäre. Die Luft scheint wie geschwängert von seinem Jagd - Greifen.
Der Falke lebt in und durch das Greifen. Sein Gleitflug, wie sein Sturzflug sind fliessende Greifbewegungen. Zentriert in sich ruht er beständig im Zentrum greifender Bewegung. Auch wenn er nur auf einer Astgabel sitzt. Er verfügt in der nachhaltigen Beobachtung über eine schier endlose Ausdauer in Ruhe, wie im Flug. Selbst wenn keine äussere Bewegung mehr an ihm festzustellen ist, ruht er nicht. Auch seine Ruhe ist verdichtete, dynamische Bewegung.
Von daher umfasst er den Begriff Freiheit viel tiefer als beinahe jeder Mensch. Seine greifenden Bewegungen sind fliessende Manifestationen gelebter Freiheit.
Sitzt Du dem Falken in einer echten Falken-Schulung gegenüber und Du kannst irgendwann einmal fliessend seinem Blick standhalten, dann kannst Du bemerken, dass er einzig und allein darauf wartet, dass Du im inneren Durchgang durch seine Augen Deine Freiheit findest.
Wenn die Menschheit überleben will, dann, so meine Sicht, wird sie sich erneut darauf einlassen  müssen diese Kräfte zu entwickeln. Fliessendes Greifen, fliessender Begriffsfluss.




Samstag, 10. März 2018

Dialogische Herausforderungen 1/2018

https://egoistenblog.blogspot.ch/2017/12/rudolf-steiner-die-mahatmas-und-die.html#comments
Stephan Birkholz Samstag, 30. Dezember 2017 um 08:08:00 MEZ

Kern des Kultus ist also nicht die Transformation, die Metamorphose, die Verwandlung, sondern das Kaschieren, das Überdecken von Schwächen und Unzulänglichkeiten...

Bernhard Albrecht Dienstag, 9. Januar 2018 um 23:11:00 MEZ

@ Stephan Birkholz (30.12.2017 um 08:00 MEZ)
und wer sich sonst noch „betroffen“ oder angesprochen fühlen mag.



Ja, Wenn Du selber nicht im Kern Wohnung nehmen kannst und willst, weil Du … wie der Teufel das Weihwasser zu fürchten scheinst, anstatt in der seelischen Beobachtung die Orientierung aus Deinem inneren Dilemma zu suchen und zu finden, dann kannst Du das nur „so“ sehen. Ich kann ganz gut nachempfinden wie behämmert „Du“ Dich da fühlen musst, Du … in Deinen inneren Fluchten in den Zynismus - der Dämmerung des falschen Bewusstseins, wie es Peter Sloterdijk nennt (Kritik der zynischen Vernunft, Edition Suhrkamp 1099).

Sloterdijk - eine Möglichkeit gewisse Entgleisungen des eigenen Schulungsweges, die Verzerrungen des Selbstbildes auf diesem Weg ganz für sich zu identifizieren (und nur für sich, denn es gibt keine zwei sich auch nur annähernd einander gleichenden Verzerrungen), sie innerlich sich vor Augen zu führen und in ihren unterschiedlichen dynamischen Schichten zu reflektieren (wie es Michael am 02.01.2018 um 13:40 MEZ weiter unten hier in einem Kommentar anregt). Ganz leise innere Selbstdekonstruktion zu betreiben um einer tatsächlichen Willensdynamisierung willen. Die Selbstdekonstruktion der eigenen Ego-Fallen auf den ersten Rang unserer (mich eingeschlossen) jeweiligen TO-DO-Liste fortlaufend immer wieder neu zu stellen.
 
Tiefer betrachtet hat Selbstdekonstruktion durchaus nämlich etwas mit einer kultischen Handlung zu tun. Dass wir dies heute in der Regel nicht auf Anhieb so sehen können, das ist unter anderem die Folge unserer Vorstellungsverkrustungen, in die uns unser gegenwärtig weitgehend wirtschaftlich/staatlich gelenktes Bildungssystem geführt hat, ist die Folge der damit einher gehenden Ego-Panzerungen (auch spirituellen), in die wir uns, mehr als uns dies meist bewusst ist, verfangen haben.
 Das zentrale Geschehen einer kultischen Handlung aber fusst Kultur und Zeit übergreifend seit jeher durchweg auf einem Opferakt. 
Weil wir das vergessen haben, deshalb wird hier vielleicht immer wieder soviel aneinander vorbei geredet, über einander her gefallen und wechselseitig einander unterstellt. Wir haben verlernt konsequent und uneingeschränkt vom jeweils anderen Menschen her zu denken. In Anlehnung an Rilke können wir einfach nicht „lassen,“ den anderen Menschen so lassen wie er in seiner Einzigartigkeit eben ist … und noch weniger mit Burghard 05.01.2018 um 20:24 MEZ „innehalten,“ um in uns so hinein zu lauschen, dass das Vorgeburtliche in uns hörbar werden kann.

Beinahe hundert Jahre nach Rudolf Steiners Tod können wir offenbar immer noch nicht wirklich begreifen, dass die Mehrzahl der Gedanken, die uns der jeweilig andere Mensch hier entgegen trägt Schöpfungen des Vorgeburtlichen aus einer Zeit nach Rudolf Steiners Tod sind. Wir wollen nicht sehen, dass diese Gedanken in unser Denken zu integrieren erst die Erfüllung unserer eigenen vorgeburtlichen Entschlüsse ermöglichen kann. 
Dass gerade das, was uns auf ein Erstes hin widerstrebt in unserem Denken integrierend zu verarbeiten Karma auflösen kann anstatt es weiter zu verfestigen und zu verwirren. Gegensätze als Herausforderung, um aneinander zu wachsen.
 Was heisst das für die Geisteswissenschaft. Ich frage mich diesbezüglich seit mehr als 40 Jahren: Wie würde Rudolf Steiner heute denken?

Geisteswissenschaft verkommt entweder zu einer Persiflage ihrer selbst oder wird in individueller Verantwortung dynamisiert, wird Leben. Und das bedeutet die beständige Überprüfung unseres eigenen Denkens auf etwaige Verfestigungen hin, die uns daran hindern Gedanken eines anderen Menschen in unserem Denken dynamisch zu integrieren, anstatt sie vorschnell abzuweisen oder gar der Lächerlichkeit preiszugeben. 
Der Weg eines jeden Menschen ist einzigartig und als solcher zu achten. Und von daher ist zu fragen, ist mein Sagen hilfreich für ihn, wie gleicherweise für mich. In eine derartige Frage hineinzugehen kann sehr beschämend sein. Doch ich denke mittlerweile, dass Selbstdekonstruktion erst dann eine tiefer greifende Wirklichkeit jenseits eigener Ego-Fallsüchte zu bilden vermag, wenn genau dies geschieht. 

Damit kämen wir in meinen Augen auf den Kern einer möglichen Transformation und Metamorphose, die von niemandem anderen als von mir und jedem anderen, der es so sehen kann und will, ausgehen kann. Es ist nicht meine Aufgabe einen anderen Menschen ändern zu wollen. Dies zu verinnerlichen führt in meinen Augen über den Dualismus hinaus in echte Dialoge hinein.



Bernhard Albrecht


Stephan Birkholz Mittwoch, 10. Januar 2018 um 01:56:00 MEZ

@Bernhard Albrecht


Ich habe meine Wohnung im Kern längst bezogen, 
während Du offensichtlich noch bei irgend welchen Hilfsanthroposophen zur Untermiete wohnst. 
// 
Lies einfach nochmal den Text oben, dann schnallst Du vielleicht auch, wo hier der Hammer hängt.



Bernhard Albrecht Mittwoch, 10. Januar 2018 um 14:07:00 MEZ

Stephan, wer so auf den "eigenen(?)" Hammer verweisen muss und zugleich mir nichts anderes zu sagen weiss, als dass ich "offensichtlich" bei irgendwelchen Hilfsanthroposophen zur Untermiete wohne, der erweckt in mir die Frage, wie weit er dem "Innehalten" in sich schon wirklich auf die Spur gekommen ist. Lächel ... und nichts für ungut.



Bernhard Albrecht

Stephan Birkholz Mittwoch, 10. Januar 2018 um 22:25:00 MEZ

Herr Albrecht,

Ihr ganzer Sermon auf meine fehlenden Zugangsmöglichkeiten zum geistigen Kern der Dinge zeigt mir eben, dass Ihre ganze mentale Struktur nach diesem hier im Beitrag hinlänglich behandelten Totschag-Hammerargument getaktet ist:

 „Theosophists ended up with classic no-win logic: “if you had reached enlightenment, you would agree – therefore if you do not agree, clearly you have not yet reached enlightenment.”

 
Mit Ihren anderen Ausführungen kann ich ja ganz gut leben, aber aus ihren eigenen zarten Geistesbemühungen heraus über Beschränkungen anderer Zeitgenossen zu philosophieren, ist eben nichts als der typische Anfängerfehler derjenigen, die in der geistigen Welt gerade etwas das Blinzeln anfangen...

@ Stephan

Hhm. … Wenn Du meiner anfängerhaften Erfahrung nach, lächel, so starke Wortbildungen auf mich meinst von der Leine lassen zu müssen, was verdeckst Du damit im Gegenzug eventuell in Dir? Du meinst den Hammer aus dem Sack holen zu müssen ohne, wie mir scheint in eine ernsthaft fragende Haltung meinem Sagen, samt vielfachen sich überlagernden internen Vernetzungen gegenüber einzutreten, was meinem Dafürhalten nach für ein auch nur anfängliches Verstehen unerlässlich erscheint. Eine etwas andere Auffassung so vom Platz zu fegen … ich weiss nicht …?
Und damit wir uns richtig verstehen, ich  f r a g e  das nur, sage nicht, dass das auch so ist (weil es mich zudem auch garnicht interessiert). Vielmehr gebe Dir damit nur die Gelegenheit zu Willensdynamisierung über das bisher Erreichte hinaus, so Du daran wirklich (weiter?) ein Interesse haben solltest, wie Du vor nicht langer Zeit mir gegenüber einmal kommentierend angemerkt hast.
Und was Dein englischsprachiges Zitat betrifft, so geht seine Gedankenführung in meinen Augen vollkommen an dem Verständnis von Logik vorbei, das Aristoteles ursprünglich seiner Logik zugrunde gelegt wissen wollte. Das wird in einer zukünftigen Aristoteles Renaissance  wohl noch Gegenstand so mancher Untersuchungen auf der Grundlage differenzierter seelischer Beobachtungen werden.
Auch wenn Du es nicht für möglich hältst, Aristoteles hatte keinerlei Interesse an einem derartigen Umgang mit Erleuchtung. Sein zentrales Forschungsfeld war der „aktus,“ der dynamisierte Wille und nicht irgendwelche verdeckte Sensationen von Erleuchtung jedweder Art. Schon gar nicht eine Form von Erleuchtung als Beweisgrundlage um richtig oder falsch im Denken zu unterscheiden, bzw. darüber zu entscheiden. Sein Forschen und Handeln richtete sich allein auf die Begründung und stete Erweiterung einer neuartigen Weise zu denken.
Und weil ich das für mich in langen Untersuchungen identifiziert habe, kann ich nur mit der Schulter zucken, wenn Du es für notwendig erachtest auf mein anfängerhaftes Blinzeln in Bezug auf die geistige Welt abzuheben. Wenn das „sogenannte“ Übersinnliche sich nicht in einem Denken innerhalb seelischer Beobachtungen sprachlich ausdrücken lässt ohne jedweden Verweis auf Übersinnliches, dann - kurz und bündig gesagt - taugt das Denken nicht. Mein Weg ist der der seelischen Beobachtung in stetig zu erweiternden  Willensdynamisierungen. Und damit werde ich bis an mein Lebensende (und darüber hinaus) ein Anfänger bleiben.
Du musst mir gegenüber also nicht empört ins „Sie“ zurückfallen und mich in der Anrede „Herr Hartmann“ titulieren. Du musst mein Sagen auch nicht als „Sermon“ qualifizieren wenn Du damit einen eigenen Status indirekt meinst hervorheben zu müssen. Zwischen sachlich ansprechen und  dem Ziehen des Totschlag Hammer Argumentes besteht in meinen Augen ein grosser Unterschied.
Wozu dies alles also, wenn ich es nicht als meine Aufgabe sehe einen anderen Menschen (Dich) zu ändern. Zu dieser meiner Grundhaltung passt das Schwingen des Totschlag Hammers nämlich genauer besehen überhaupt nicht. Nichts ist also in dieser Richtung getaktet. Sollte ich Dir in irgendeiner Weise auf die Zehen getreten sein, dann muss ich mich deswegen bei Dir nicht entschuldigen. Warum nicht? Wenn Du willst, so überlasse ich das gerne Dir. … (Ich denke  hier jedenfalls, dass mein übergrosses Zutrauen eine spezifische Willensdynamisierung mit Bedachtsamkeit ab- und aufzufangen nicht der Entschuldigung bedarf).
Was gegenwärtig also bleibt ist, dass sich unserer beider Wege nicht (noch nicht) treffen können. Ich für meinen Teil akzeptiere das und werde mich entsprechend verhalten. Also keinen „Häuserkampf.“ (https://wege-der-befreiung.blogspot.ch/2017/11/hauserkampf.html) Zudem vollziehen sich die in meinen Augen wesentlichen Prozesse eines Kultus der Transformation ohnehin im Schweigen.
Ich grüsse Dich,

Bernhard Albrecht


Lieber Herr Albrecht (*),
Sie haben unseren Dialog damit begonnen, mir Beschränkungen in meiner geistigen Reichweite zu unterstellen: 
Ja, Wenn Du selber nicht im Kern Wohnung nehmen kannst und willst, weil Du … wie der Teufel das Weihwasser zu fürchten scheinst, anstatt in der seelischen Beobachtung die Orientierung aus Deinem inneren Dilemma zu suchen und zu finden, dann kannst Du das nur „so“ sehen. Ich kann ganz gut nachempfinden wie behämmert „Du“ Dich da fühlen musst, Du … in Deinen inneren Fluchten in den Zynismus - der Dämmerung des falschen Bewusstseins, wie es Peter Sloterdijk nennt (Kritik der zynischen Vernunft, Edition Suhrkamp 1099).

Und zwar exakt unter Anwendung der oben besprochenen Schwachmaten-Logik:

If you had reached enlightenment, you would agree – therefore if you do not agree, clearly you have not yet reached enlightenment

Und jetzt tanzen Sie mich mit Aristoteles an, nur weil ich Ihnen diesbezüglich den Stöpsel gezogen habe - also bitte!
Stephan Birkholz

(*) [Die Sie-Form verwende ich immer, wenn ich mich von Leuten 'angetanzt' fühle, die mich unter Umgehung jeglicher Argumente von etwas überzeugen wollen]

  • Hopfen und Malz verloren. Ein ewiger Spötter wird niemals anders können! 
  • @Hopfen

    Wenn du erleuchtet wärst, so würdest du wissen, dass ich nicht spotte - so lange du aber meinst ich würde spotten, bist du offensichtlich noch nicht erleuchtet...

  • @ Erleuchteter,

    Wenn du nicht spotten würdest, würdest du wissen, dass du nicht erleuchtet bist!

  • Wie bereits gesagt: Ich führe keine Häuserkämpfe, siehe: https://wege-der-befreiung.blogspot.ch/2017/11/hauserkampf.html

    Bernhard Albrecht

  • Ich führe auch keine Häuserkämpfe, ich lege mir nur ein paar Sandsäcke vor die Haustüre, wenn der Abwasserkanal über seine Ufer tritt...

  • Montag, 26. Februar 2018

    Hagiographie

    Eine Antwort auf zwei Kommentare zu meinem Beitrag. "Den Irrtum verwandeln"
    https://egoistenblog.blogspot.ch/2018/02/friedrich-benesch-nationalsozialist.html?showComment=1519646278567#c2634013363375082818

    „Wir wissen das, aber mancher ist von seiner hagiographischen Sichtweise so abhängig, wie der starke Raucher von seinen Kippen.“

    Die seelische Beobachtung gleicht in mancher Hinsicht einem Brunnen mit unendlich vielen Klangräumen. Vieles bleibt verborgen, wenn sich Ohr und Auge dafür nicht aufschliessen können. Ich könnte auch sagen, ein jeder Mensch trägt in sich einen derartigen Brunnen mit einem schwer auszulotenden Grund. Sich angesichts dieses Grundes den Mut immer wieder neu abzuringen für das Erreichen des nächsten „Jenseits-Ufers“ ist schwer. Tändelnd auf der Mauer zu sitzen und im „Wir-Ton“ zu munkeln über hagiographische Attitüden angesichts derartigen Bemühens, ich weis nicht, für mich klingt das respektlos und zudem naiv gegenüber eigenen, anscheinend nicht hinterfragten Vorstellungsverklebungen. Aber die Geschichte vom Splitter in den Augen anderer Menschen und dem Balken vor der eigenen Sicht ist ja so alt wie es Menschen gibt.
    Damit ist nicht der Verharmlosung von Irrtümern das Wort geredet sondern nur leise an die Würde des Menschen erinnert. Meine Art des Umgangs mit Irrtümern umzugehen kann nicht die Gangart eines anderen Menschen sein damit umzugehen. Niemals. Dieser Weg ist immer ein individuell zu verantwortender und für das Reden über das Wie von Irrtumsbewältigung anderer Menschen bleibt am Ende nur das Schweigen, wenn die eigene Würde dabei nicht unversehens ins Kannibalische abgleiten soll. Der öffentliche laute und noch mehr der leise Hashtag zwischen den Zeilen und die damit anscheinend weitgehend unbemerkt bleibende Lust hinter vorgehaltener notwendiger sachlicher Aufklärung, die eigene Selbstkritik geht damit verloren. Und damit gerät auch das letztlich Unantastbare der menschlichen Würde vollkommen aus dem Auge.
    Auf unbefriedigende soziale Verhältnisse lässt sich indirekt nur einwirken über die Umwandlung eigener innerer Zustände. Was ich aussen sehe und meine vollmundig kritisieren zu können wird die Welt um kein Jota verändern können. Ein wirklich griffiger Beitrag kann in meinen Augen hier, jenseits der zweifelsfrei notwendigen „sachlichen“ Aufklärung nur die eigene Selbstkritik mit den daraus abzuleitenden Konsequenzen liefern. Eben erwachen am anderen Menschen. Und … den eigenen vorgeburtlichen Entschlüssen im Erwachen bereit sein in die Augen zu schauen. Das wiederum ist alles andere als leicht und kann und wird immer wieder schnell einmal bei Seite geschoben. Wir leben eben gegenwärtig nicht gerade in einer Zeit, die bereit ist sich für die leisen Töne im eigenen Inneren zu öffnen. Sie werden sang- und klanglos einfach kurzgeschlossen weil es eben äusserst unbequem ist die eigene Willensdynamisierung an die Hand zu nehmen.
    Nach meinem Kenntnisstand war die letzte Lebenszeit von Friedrich Benesch von einer durch ihn weitgehend verborgen gehaltenen tiefen Einsamkeit überschattet. Er wusste darum, dass der Umgang mit seinem mitunter erratischen Wesensausdruck für manche gefühligen Ausdrucksweisen in seinem Umfeld, bzw. unter Menschen, die ihn noch besuchten, nicht einfach war. Doch er war wie er war und blieb sich selber treu - eine Herausforderung für viele andere Menschen zu sein, von den Anfängen in Jugendjahren bis zu seinem Lebensende.

    „… aber mancher ist von seiner hagiographischen Sichtweise so abhängig, wie der starke Raucher von seinen Kippen.“ Kann ich das wirklich illusionsfrei wissen? Und wenn, was wären die Voraussetzungen für ein Erfahren ohne Vorstellungsverklebungen?

    Bernhard Albrecht

    Freitag, 23. Februar 2018

    Den Irrtum verwandeln

    «Denn die wirkliche Wahrheit ist nicht die Wahrheit, sondern der überwundene Irrtum».

    Ich kannte Friedrich Benesch, aus mancherlei persönlichen Gesprächen und bin ihm, seinen Vorträgen lauschend, im Kreise vieler junger Menschen an verschiedenen Orten über Jahre hinweg immer wieder begegnet. Er war ein Meister der pointierten leisen Wortbetonungen, die sich für den, der ein Ohr dafür hatte dann überraschend weit in ihrer Bedeutung und Tragweite öffnen konnten, ohne dass er selbst dazu grosse Erläuterungen hinzufügen musste. Er ging auf seine Art immer hautnah an der Kimme der Worte und Gedanken Netzwerke entlang, die er sich für seine Vorträge zum Thema gewählt hatte. Und gerade das konnte unter seinen Zuhörern ein Gefühl für ihre eigene innere Freiheit wecken und in Folge Begeisterung hervorbringen.
    Graniten sein Denken, ja. Doch da war noch etwas anderes, das dem inneren Anschauen sich nicht unbedingt zeigte. Ein Feuer, das um seine Zügelung und innere Führung mit grosser Disziplin rang. Benesch war ein starker Raucher, aber keiner aus Lust oder ausgefranster Gewohnheit heraus. Er benutzte unter anderem das Rauchen, um sein Feuer in den Klüften seiner kräftigen physischen Gestalt abschirmend bändigen zu können. Wie schwer ihm das auch werden konnte, das trat nicht oft und wenn überhaupt nur ganz leise in Erscheinung.
    Den Kopf in die linke Hand gestützt, den Körper leicht nach links und hinten geneigt, so konnte er in der Runde junger Menschen in seinem Lehnstuhl sitzen. Ein leises, nach innen gewandtes Lächeln, so, als ob er dort etwas bewachte, verbunden mit einem Flor von Schmerz, bevor er seinen Falken gleichen Blick wieder voller Interesse auf die jungen Menschen um sich herum richtete. Einfach unauffällige Präsenz in Person.
    Einmal erzählte er wie nebenbei von seiner dramatischen Flucht mit den Bewohnern von Birk aus Siebenbürgen. Ein Kette von Ereignissen, aus dem sich eine heldenhafte Vita stricken liesse. Doch er lenkte dabei den Blick, als er den Flüchtlingstreck als Anführer kurz entschlossen eine Brücke im Galopp nehmen lies, die schon unter Beschuss stand und die kurz danach in sich zusammen brach auf ein ganz anderes Ereignen. Grau im Gesicht, die Pupillen seiner Augen wie arretiert auf ein bestimmtes Nacherleben gerichtet, lies er mich an dem Ineinander Fallen von Vergangenheit und Zukunft in diesem dramatischen Augenblick teilhaben. Danach verlies er die Runde der jungen Menschen, was er meiner Erfahrung nach in einer Seminarpause niemals vorher getan hatte.
    Erst Jahre später begriff ich wie viel mehr noch mit diesem Geschehen verbunden war. Was in esoterischen Kreisen heute oft so gerne vermarktet wird, der eindringliche Verweis auf das Hier und Jetzt kann zu einem intellektuellen Fallstrick werden, wenn nicht das Dahinter in ihm … bewegt in Bewegung … innerlich gefasst wird.
    Friedrich Benesch hat seine nationalsozialistische Vergangenheit an entscheidender Stelle offenbar nicht aufgedeckt. Er hat aber die Verwandlung seines Irrtums durch tausend Tage nachfolgenden Alltags in einer nicht alltäglichen Präsenz vor aller Augen, die das sehen wollten, unauffällig vorgelebt. - Seine Art von Freiheit nicht nur zu sprechen, sondern diese auch zu leben.

    „Denn die wirkliche Wahrheit ist nicht die Wahrheit, sondern der überwundene Irrtum“
    https://egoistenblog.blogspot.ch/2018/02/friedrich-benesch-nationalsozialist.html?showComment=1519390543203#c1615849764438047754

    Sonntag, 18. Februar 2018

    Pneumatischer Organismus und "Zurückdrängung des Leibes"

    Einige weiterführenden Gedanken zu Mieke Mosmullers Blogeintrag vom 31.01.2018:
    Geistleib, Ätherleib oder Astralleib … Ein philosophischer Versuch von Immanuel Hermann Fichte
    https://www.miekemosmuller.com/de/blog/geistleib-atherleib-oder-astralleib-ein-philosophischer-versuch-von-immanuel-hermann-fichte?comment_Show=1

    Die zusammenfassenden Verweise auf einige wesentliche Passagen von Immanuel Hermann Fichtes „Anthropologie“ machen in verschiedener Hinsicht nachdenklich. Zum einen über den versteckten Zusammenhang von Vorstellen und Täuschung, den Fichte durchschaut, ohne, wie viele seiner Zeitgenossen, darüber innerlich zu stolpern. Das Vorstellen, das die Anschauung dessen was ist (das tatsächliche Wirken von Sauerstoff, Stickstoff, Wasserstoff und Kohlenstoff) verschleiert, noch bevor diese Anschauung gelingt.
    Doch gelingt Anschauung nicht erst, wenn ein aktives  Anschauen dessen was ist, mithin ein in Wirklichkeit erschaffen desselben, den Boden dafür bereitet? Warum aber sollte das so sein? Weil Wirklichkeit nicht per se ist? Weil Wirklichkeit aus der aktiven Teilhabe, sowie der inneren Überschau über die Prozessabläufe des Anzuschauenden im Denken hervorgeht? Das jedoch würde heissen, dass Wirklichkeit aus dem individuell dynamisierten Willen in eigenständiger Selbstverantwortung hervorzubringen ist.
    Demzufolge wäre der nicht durchschaute Prozess des Vorstellen unverblendet durchdacht dann also die Grundlage für die materialistische Weltanschauung, in der Abbilder die unvollendet bleibende Anschauung dessen was ist überlagern. Was heisst: Dass damit ein Schein von Erfahrung entsteht, der tatsächlich aber keine wirkliche Erfahrung beinhaltet, weil dieser Erfahrung kein Anschauen zugrunde liegt.
    In der Folge hat dies nicht geringe Auswirkungen auch auf das individuelle Darinnenstehen in einer wie auch immer gearteten eigenen und im besonderen der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung. Pointiert gesagt: Wo Geisteswissenschaft nicht über das hinaus gelebt wird, was Rudolf Steiner zu ihrer Entwicklung einmal gesagt hat, wo Vorstellungen im eigenen Willen auf innere Anschauungen hin nicht dynamisiert werden, dort kann ein Freies Geistesleben sich nicht entfalten, ein Begegnen von Mensch zu Mensch wechselseitig wachstumsförderlich nicht wirklich ereignen.
    Es wird unerkannt zu einer täuschenden Fata Morgana. Immanuel Hermann Fichte ist also nicht nur auf eine heute vergessene Weise wissenschaftlich hochaktuell, er ist es darüberhinaus auch in Bezug auf die gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse im weitesten Sinne des Wortes. Seine innere Anschauung von dem, was den Leib letztlich konstituiert, das lässt nämlich auf gesellschaftliche Verhältnisse bezogen, seine Lehre vom pneumatischen Organismus in ganz neuem Lichte erscheinen. Wie steht es um das Kraftwirken in diesem pneumatischen Organismus und welche Kraft kann dieses Kraftwirken, das „Pneuma“ in ihm zur Entfaltung bringen? Was sind gewissermassen die Bedingungen, welche die dynamische Kraft des „Pneuma“ einer Menschen Gemeinschaft im wechselseitigen Austausch individueller ein- und ausströmender Kräfte bildend zum Fliessen bringen kann?
    Ohne auf den Songtext von Helene Fischer „Atemlos“ näher eingehen zu wollen trifft der Titel dieses Songs genau den Nerv des Gemeinschaftsempfindens unserer Zeit. Wir sind in unserem einander Begegnen, bzw. Nicht-Begegnen mehr atemlos als wir uns das eingestehen wollen und können. Schon eine gleichsam nebensächliche Begegnung unter Menschen kann bei einer näheren Bemühung um Anschauung dessen was da geschieht diese Atemlosigkeit blosslegen.
    Sie ist da, weil Kommunikation anstrengend ist, weil sie, wie wir durchaus wissen, zumindest aber versteckt spüren einen tiefer greifenden Willen einfordert, wir aber in der Regel dieser Anstrengung schlichtweg ausweichen. So breitet sich über derartige Geschehnisse fein zerstäubte, nichts sagende Atemlosigkeit, im schlimmsten Fall sogar der Atem unendlicher Verletztheit aus. Diese wiederum zieht leise das Gefühl der Vergeblichkeit und in Folge einer Leere nach sich, bzw. am Ende sogar eine schleichend progressive Depression. Von daher gesehen kann Depression als die Krankheit bezeichnet werden, die letztlich aus einem wechselseitigen Nicht-Einlösen von menschlicher Begegnung hervorgeht.
    Was aber führt uns auf den Pfad Begegnung immer und immer wieder nicht oder doch nur unvollständig, d.h. nicht tief genug einzulösen. Unser jeweiliges Verhältnis von Nähe und Distanz zum anderen Menschen nicht mehr zu hinterfragen. Es ist die Angst dabei die eigene Bodenhaftung zu verlieren. Es ist die Angst vor den Konsequenzen, die eine tiefer gehende Bemühung um Anschauung dessen, was im Begegnen geschieht, einfordern könnte. Es ist die Angst vor dem unumgänglichen Neuwerden, das einer jeden Begegnung vom Grunde her anhaftet. Es ist die Angst dieser Angst zu begegnen. Es ist die Angst davor sich dabei in einer Weise in die Augen schauen zu müssen, welche die Selbstillusion bisherig eigener Selbstsicht sprengen könnte.
    Angst ist also das Grundthema von Begegnung. Und diese Angst will im Sinne der Philosophie der Freiheit zurückgedrängt, nicht (wie zum Beispiel durch Zynismus oder Kanzel Rederei) verdrängt sein, damit in dem frei werdenden inneren Erlebensraum dasjenige angeschaut werden kann, was durch die Worte des jeweilig anderen Menschen im Begegnen tatsächlich zu mir spricht, frei von durch mich übergestülpten Abbildern, frei von damit einhergehenden Vorstellungsverklebungen.
    Auf was kann uns nun aber das durch den pneumatischen Organismus wirkende „Pneuma“ aus heutiger Sicht hinweisen? - Atemlosigkeit versus schöpferischer Atem des Pneuma. Was spricht durch das Pneuma, wenn aktiv ausgerichtete innere Anschauung auf das Geschehen den Boden dazu bereitet? Was kann in diesen inneren Raum der Anschauung sprechend vernommen werden, wenn dieser Raum durch das, was Rudolf Steiner so rätselhaft die „Zurückdrängung des Leibes“ nennt, geöffnet werden kann? Zurückdrängung ein in erster Linie nicht körperlicher Prozess, sondern ein Prozess der Entflechtung von ätherischen und astralen Dynamiken, mit physiologisch körperlichen Folgewirkungen in Form innerer Verdunkelung und Schläfrigkeit, einer Art innerer Muskelkater des eigenen Willen, der überwunden, im Verlauf des übenden Umgangs mit der seelischen Beobachtung  sich in eine innere Präsenz wandeln kann.
    Seelische Beobachtung: Wenn durch sie die Überschau der in der Seele ereignishaften geistigen Prozesse sich dem erwachenden inneren Auge nach und nach erschliesst, was kann dann Sprache dem inneren Ohr und Auge erfahrbar werden lassen. Wessen Sprache: Die Sprache der Vorgeburt. Ich wiederhole, die Sprache der Vorgeburt, denn sie ist im konkret irdischen Ablauf des Denkens unabweisbar angekommen. In der Sprache des jeweiligen Du spricht sie und kann dort vernommen werden, wenn die ätherisch und astralen Prozesse in der Seele entwirrt werden.
    Sie, die Sprache der Vorgeburt ist angekommen im ganz alltäglichen Sprechen des Du, also auch im Sprechen von Passant zu Passant unter einander wildfremden Menschen. Ich kann hören die Sprache der Vorgeburt, wenn ich in der Seele die ineinander laufenden Prozesse von Äther- und Astralleib zu ordnen verstehe. Wenn ich dem Ego, das durch vorschnelles Vermeinen das Hinein-Hören in das Sagen des Du immer wieder zu blockieren sucht, in meiner wachsenden Wachheit gewissermassen den Weg abschneide. Ich-Präsenz aufbaue wider die Selbstgefälligkeit des Ego und seine subtile Selbstverliebtheit in die jeweils eigene Sicht der Dinge. Ich alles daran setze, dass das Ego einer tieferen Begegnung mit dem Du nicht länger mehr ausweichen kann. Mit anderen Worten das Ego seine Platzhalter Stellung zu Gunsten des Ich räumt.
    Die Sprache der Vorgeburt, was ist gemeint. Es ist der beständig leise und deshalb so leicht überhörbare innere Anruf, was durch mich zu verändern sei, damit Begegnung, ein wechselseitig tieferes Hineinwachsen in die eigene Menschlichkeit gelingt. Das Gespräch oder anders ausgedrückt, die zum Leben erweckte Kategorie der Relation des Aristoteles ist mithin das Feld der Karma Auflösung. Gelebte Relation wiederum bringt das Pneuma im pneumatischen Organismus zum Fliessen, der nicht nur auf den je individuellen Menschen begrenzt ist, sondern über diesen hinaus am Leib sich entwickelnder Menschlichkeit mit baut. Was aber wäre in den bedrängenden Niedergangserscheinungen unserer Zeit wichtiger, als dabei mit Hand anzulegen. Im Augenkontakt zum Beispiel mit der Kassiererin an einer Supermarktkasse. Die Entmystifizierung des Karma Gedanken hinein in das alltägliche Leben, in die Liebe zum Kleinen. Ein konkret praktisches Anknüpfen auch an Immanuel Hermann Fichte im Hier und Jetzt, indem auf derartigen Wegen der pneumatische Leib mehr und mehr zum Leben erweckt, in die bewusste innere Anschauung und damit individuelle Erfahrung angehoben wird.

    Bernhard Albrecht Hartmann


    Mittwoch, 6. Dezember 2017

    Dialogische Herausforderungen /1 - 2017

    Eine Antwort auf Anonym 30.11.2017 um 12:45 MEZ
    https://egoistenblog.blogspot.ch/2017/11/ralf-sonnenberg-vergangenheit-die-nicht.html?showComment=1512042321527#c5603489302077417728

    Wenn Sie meinen dafür stehen zu können mit dem Habitus der Wissenschaftlichkeit die Geisteswissenschaft Rudolf Steiners aus gegenwärtigen, gewiss nicht immer durchweg sachlichen geführten, aber nichts desto Trotz geführt in dem mutigen Ringen Klarheit für sich zu finden, was aus der Sicht von heute innerhalb zunehmender Verschleierungen und Verkleisterungen die Kernaussage und Kernaufgabe der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners sei, wenn Sie meinen sie aus diesen Auseinandersetzungen, diesem Ringen um Erkenntnis bis in die existentiell eigenen Willenstiefen hinein herausführen zu können, dann irren Sie sich. Was Sie herausführen ist ein toter Korpus, denn Sie trennen den Namen Rudolf Steiners von der Geisteswissenschaft. Ich bezeichne ein derartiges Unterfangen schlicht und einfach als einen Schachzug offener Rückführung in die kurialen Hallen einer fürsorglichen grauen Omnipotenz. Verbunden mit der indirekten Kernaussage: Wir vergeben das Imprimatur für das, was in Bezug auf die Geisteswissenschaft zukünftig als wissenschaftlich zu gelten hat.
    Tiefer kann in meinen Augen Geisteswissenschaft im Sinne Rudolf Steiners nicht missverstanden, um nicht zu sagen verzerrt werden. Und das alles vollmundig in sonor einlullender Tonlage. Respekt, sehr gekonnt, aber dennoch durchschaubar.
    Doch das eigentlich entlarvende Ihres Tuns zeigt sich daran, Sie tun was sie tun anonym, ohne den Mut im eigenen Namen zu sprechen, ohne die auch äusserlich sichtbare Anbindung an den eigenen tatsächlichen Namen, die eigene von daher individualisierte, von jeglicher Verschleierung freie Verantwortung. Grau, grau grau …
    Rudolf Steiner hat ja nicht aus engen persönlichen Ambitionen heraus davon gesprochen die anthroposophische Geisteswissenschaft dürfe nicht von seinem Namen getrennt werden. Warum also dann? Er hat es getan, weil „seine Zeugenschaft für die reale Erfahrung der geistigen Welt“ nicht von dieser Wissenschaft getrennt werden dürfe. Darum ginge es ihm. Und Geisteswissenschaft in diesem Sinne wird sich nur weiter entwickeln, wenn sich Zeugen finden, die in diesem Sinne wissenschaftlich arbeiten, mit eigenem Namen ihre Zeugenschaft bezeugen.
    Was Sie tun werter Anonym: Sie galvanisieren die Geisteswissenschaft in eine noch tiefere Schicht der Abstraktion hinein, als sie über das jahrzehntelange Exegetisieren von Steiner Aussagen bisher schon gelangt ist.

    Bernhard Albrecht Hartmann

    Die Antwort von Anonym
    Donnerstag, 30. November 2017 um 19:04:00 MEZ

    
Vielen Dank für den Versuch einer Analyse meiner Standpunkte und Anthroposophie-Interpretation. Die schon mehrfach kritisierte Anonymität sehe ich als notwendiges Mittel, den in diesem blog bei Meinungsverschiedenheit leider üblichen und nicht selten weit unter die Gürtellinie gehenden persönlichen Angriffen etwas weniger Spielraum und Projektionsflächen zu gewähren, die in sachlichen Auseinandersetzungen ja auch keine Rolle spielen sollten.


    Außerdem missverstehen Sie mich gründlich. Gerade ich habe immer wieder kundgetan, dass ich jede Anmaßung zu diktieren, was an der Geisteswissenschaft richtig oder unrichtig ist, zutiefst verabscheue. 

    Warum behaupten Sie dann, ich würde so quasi das Imprimatur beanspruchen, ich würde für mich beanspruchen zu definieren "was in Bezug auf die Geisteswissenschaft zukünftig als wissenschaftlich zu gelten hat" ? Alles was sich als Wissenschaft bezeichnet, ist bis zu seiner Widerlegung als Wissenschaft anzusehen.


    Sehen Sie es doch einmal so, ich trenne nicht die Anthroposophie von Steiners Namen, ich trenne sie sehr wohl aber von seiner Person.

    Ich spreche mich gegen die Denigrierung der Person Steiner aus, was hier leider im Übermaß betrieben wird. Warum und aus welchen Motiven , hatte ich schon ausführlich begründet.


    Heutige Anthroposophie kann nur dasjenige von Rudolf Steiner Mitgeteilte sein, das sich heute auch sinn- und gewinnbringend im geistigen Sinne einsetzen lässt. Wer also Steiner persönlich angreift, zum Beispiel als Antisemiten oder Rassisten, verfolgt damit das Ziel durch den damit suggerierten Zusammenhang seiner Person mit der Anthroposophie, gegen den ich mich vehement ausspreche, auch den Ruf und die Wirkungsmöglichkeiten der Anthroposphie selbst negativ zu beeinträchtigen.

    Meine Erwiderung
    Samstag 2.12.2017 um 13:56/13:57 MEZ

    Werter Anonym, wenn sie meinen ich hätte ihre Aussagen einer Analyse unterworfen, so irren Sie sich gründlich. Was ich getan habe ist, ich habe in Ihr Sagen vertieft hinein gelauscht und aus den Klangräumen Ihrer Worte, den Ober- und Zwischentönen, die dabei an mein Ohr gelangt sind in meinen Worten einen Klangspiegel vor Ihren Augen aufgezogen, der ihnen die freie Möglichkeit vor Augen führt in diesen dynamisierten Klangräumen sich selber tiefer erkennend wahrnehmen zu können, wenn Sie das wollen. Doch wie es aussieht haben Sie auf Ihrem Lebensweg allem Anschein nach keine Vorsorge ausgelassen ein Verhältnis zur Anthroposophie aufzubauen, das sich auf nicht wenige aussen und innen Standpunkte stützt.
    Nun haben es aber Standpunkte (das Stehen auf einem Punkt) so an sich, das Sie von dort her nur einen sehr begrenzte Sicht auf das hin erlangen können, was Sie in Ihre Betrachtung rücken, also in unserem Falle die Anthroposophie. Im Heilpädagogischen Kurs spricht Steiner von der Notwendigkeit ein Tänzer zu werden. Ich will hier dieses: „Werden Sie wie ein Tänzer“ einmal auf das Verstehen-Können von Anthroposophie beziehen und sagen, ohne eine hohe, eine sehr hohe innere Beweglichkeit im Denken „und“ Erleben zu entwickeln kann das Wesen Anthroposophie nicht erfasst werden.
    Standpunkte sind zudem meist sehr tief beeinflusst von dem Selbstbild, das ein jeder Mensch durch sein Leben trägt, gewissermassen - um es bildhaft auszudrücken - als seinen Monteuranzug, auf dem alle Risse, Öl- und Schmierflecken usw. abgebildet sind, die er mit anderen Menschen schicksalhaft noch in der einen oder anderen Weise abzuklären hat. Wenn dann innerhalb seiner sozialen Begegnungen seine Schicksalsgenossen im Vorbeigehen aneinander von dem einen oder anderen Flecken wie getriggert darauf reagieren, dann hat das nicht unbedingt etwas mit negativer Projektion zu tun, sondern in erster Linie mit einem vielleicht sogar schmerzhaften Impuls dasjenige erinnernd (Geisterinnern!) innerlich heraufzuholen, was es noch zu bereinigen gilt. Hiergegen wehrt sich nun das eigene Selbstbild vehement, fühlt sich vielleicht so gar beschmutzt ohne zu bemerken, dass der Schmutz bereits tief in seine Bekleidung eingewoben vorhanden ist und es „nicht die Anderen sind,“ die dieses Kleid beschmutzen.
    Damit habe ich „eine“ wesentliche Dynamik sozialer Interaktionen aus der seelischen Beobachtung heraus skizziert. Es gibt noch andere. Doch diese wesentliche Linie will zuerst bearbeitet sein, bevor aus meiner Sicht heraus ein fruchtbarer Umgang mit anderen Dynamiken möglich wird. Andernfalls kommt einem eine latente, vom Selbstbild gesteuerte Überheblichkeit allzu leicht in die Quere und treibt soziale Interaktionen an Abgründe heran und über diese hinweg. Die Geschichte der grossen und kleineren Konflikte innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft bietet hierfür mehr als ausreichendes Anschauungsmaterial.
    Was Sie über die Angriffe auf Rudolf Steiner sagen, dazu will ich vorderhand nur dieses erwidern. Diese Angriffe auf Rudolf Steiner sind die Folge starker Defizite innerhalb der Anthroposophenschaft genau das untereinander zu bearbeiten, was ich Ihnen oben als Dynamik aus der seelischen Beobachtung heraus skizziert habe. Wäre dieses umfassender geschehen, so hätte sich damit auch gegenüber der Öffentlichkeit eine andere Sprache herausbilden können darauf einzutreten. So aber wird nicht wenig verdeckt ideologisch argumentiert, verharmlost, zugedeckt, gerechtfertigt und wer weiss was sonst noch. Die Probleme hier sind also in erster Linie hausgemacht und kommen nicht in dem Umfang von aussen wie es den Anschein hat. Wenn Sie tiefer hinschauen, können Sie auch von einer Sogwirkung im Hinblick auf gleichsam schwarze Löcher innerhalb der sozialen Abläufe in der Anthroposophenschaft sprechen. Kein inneres Tun oder nicht Tun bleibt ohne Aussenwirkung.
    Abschliessend noch dieses: Ich habe nicht behauptet „Sie“ würden quasi das Imprimatur beanspruchen, „was in Bezug auf die Geisteswissenschaft zukünftig als wissenschaftlich zu gelten hat.“ Da Sie sich aber in Ihrem Sagen gerne nicht nur als Verteidiger Ihres Verständnisses von Anthroposophie darstellen, sondern auch auf eine unterschwellige Art gleichsam auch als Sprecher einer nicht näher umrissenen Gruppe anderer Menschen hat das Imprimatur oder besser gesagt  die „Haltung zu einem Imprimatur“ möglicherweise auch etwas mit Ihnen zu tun. Doch die möglichen tieferen Zusammenhänge mit Ihnen gesprächsweise zu bearbeiten, das ist nicht meine Aufgabe. Wenn Sie den oben skizzierten Weg gehen wollen, dann werden Sie es früher oder später schon selber herausfinden.

    Bernhard Albrecht Hartmann

    Montag, 23. Oktober 2017

    Nachtgedanken

    Der Flügelschlag als zarter Ausdruck eines Geschöpfes wie dem des Schmetterling weist auf das so schwer dynamisch zu findende und noch mehr zu haltende Gleichgewicht hin, mit den Fühlern des Interesses, einer beständig neu anlandenden Fühl- und Erlebnis Bereitschaft, wie gleicherweise innerlich getakteten Haltung gegenüber dem Fremden Weltoffenheit zu leben. Die Schatten der Verdächtigung und des Vor-Urteils sind allgegenwärtig. Unvermittelt verführen sie zu Übertragungen eines Vermeinens, dem eine differenziert ausgelotete Sachgrundlage mitunter fehlt, bzw. die auf die Schnelle hin nicht um-sichtig weit genug beigezogen wird und gegenüber dem anderen Menschen achtsam seinen Ausdruck findet.
    Die Freiheitswege der Menschen um mich herum und ihre inneren Such- und Erfahrungswege sind eben  s e h r  anders ausgerichtet und von daher zu durchleben als meine Wege. Dies zu sehen, zuzulassen und auszuhalten, was eine sachliche Stellungnahme nicht ausschliesst, fällt in den Bereich der heute immer umfassender notwendig werdenden Klärung von Resonanzprozessen. Dual ausgetragen enden sie nicht selten unbefriedigend. Nach innen vertieft und durch zahlreich mögliche Filter des eigenen „erkenne Dich selbst“ geleitet können sie zu einer Keimkraft tatsächlich gelebten Freien Geisteslebens werden.
    Der Schmetterling lebt uns die Möglichkeit dieser Berge versetzenden Kraft, die zu entwickelnde dynamische innere Haltung einer immer umfassenderen Präsenz, unscheinbar leise vor. Substanziell geankert in mir schafft diese Haltung Verbindung unter den Menschen.