Freitag, 31. Juli 2020

Zwischenruf 3/2020

„In die Stille des Erinnern hinein“ … will ich diesen Zwischenruf ergänzend betiteln.
Eine weise Frau machte in einer grösseren Runde vor einiger Zeit wie beiläufig diese Bemerkung: „Es ist ein Irrtum, dass Mütter Kindern zur Geburt verhelfen, sie geben ihnen lediglich eine neue Gelegenheit zu sterben.“
Ich bin nicht sicher, ob alle dazumal Anwesenden in dieser Runde die tiefere Bedeutung dieser Bemerkung wirklich verstanden, denn wer erschrickt nicht angesichts der Geburt eines Kindes diese sogleich mit dem Tod in Verbindung gebracht zu sehen. Und doch liegt in diesen Worten grosse Weisheit.
Stelle ich dieser Bemerkung ein Wort von Angelus Silesius an die Seite, mit dem er davon spricht: „Wer nicht stirbt bevor er stirbt, der verdirbt“ dann kann sich das Erschrecken über erstere Bemerkung sogar noch vertiefen. Denn dann spricht Dich dieses an: Verschlafe auf Deinem Weg ins Leben hinein nicht den Augenblick zu Dir zu erwachen. Erinnere Dich, wer Du vom Grunde Deines Wesens her bist. Sieh Dich im Spiegel der Wahrheit, im Spiegel des Du als Dich selbst und ermutige Dich im „Erkenne Dich selbst“ als Todüberwinder in eigener Sache. Bereite der Auferstehung Deines Wesens seinen Weg bevor Du verdirbst.

© Bernhard Albrecht

Sonntag, 26. Juli 2020

Zwischenruf 2/2020

Sturm auf dem See.
Ein Bild … oder eine Wirklichkeit, die ich (mit Verlaub wir) partout nicht sehen wollen, weil wir der Gewohnheit nicht wirklich nachhaltig entsagen können, weiter mit einer Stange versehen am Bug unseres Lebensschiffes stehend, uns durch mehr oder weniger immer gleiche Vorstellungskanäle (spirituelle wie materielle) vermeintlich vorwärts zu staken, ohne zu bemerken, dass wir uns im Kreise unseres eigenen Brackwassers bewegen.
Provokativ? Das will es an dieser Stelle auch sein.
Die Welt brennt. Und wir? Sind wir bereit unseren „vergessenen“ Mut neu zu entdecken und ein jeder auf seine Weise, aus seiner Lebenssituation heraus ins Nirgendwo zu gehen? Sind wir bereit die Basisfrage des Sokrates neu ins Auge zu nehmen und in die eigenen Seelentiefen hinein zu fragen, was weiss ich wirklich und wo hänge ich mich nur an diese oder jene fremden Kreditlinien? Wo verwurste ich mein Nichtwissen und fliehe vor dem Nirgendwo?
Nachhaltig in die Tiefe fragen, würde Sokrates heute sagen - der Mut zum Nirgendwo - ist der Beginn des ureigenen Ich Weges eines jeden Menschen in heutiger Zeit.

© Bernhard Albrecht

Donnerstag, 16. Juli 2020

Dag Hammarskjöld. Ein Ich Weg.

Eine Antwort auf den Beitrag von Michael Eggert:
https://egoistenblog.blogspot.com/2020/06/opfer-dag-hammarskjolds-politische.html#more

„Nur die Hand, die ausstreicht, kann das Rechte schreiben.“     (1) Diese Worte des schwedischen Dichters Bertil Malmberg (1889-1958), die Dag Hammarskjöld seinen Tagebuch Notizen voranstellt stehen mir seit der ersten Begegnung mit seinen „Zeichen am Weg“ 1965 immer wieder einmal still vor Augen. Meinerseits könnte ich dem heute hinzufügen: Nur das Wort, das im Herzen still behütet, kann Keimkraft freisetzen für das Werden des Ich.
Dag Hammarskjöld ist in der Selbstwahrnehmung seines „extrem prüfenden, selbstreflektierenden und Selbständigkeit suchenden Intellekt“ (2) einen Ich-Weg gegangen, einen Weg wie ihn auch Rudolf Steiner zum Beispiel in seiner Einleitung zu: „Die Mystik im Aufgang des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhältnis zur modernen Weltanschauung“ aufzeigt. Ihm blieb die Wahrnehmung seiner selbst, unter den Menschen mit denen er in Verbindung stand, kein Äusseres. Er tastete sich bis auf den Willensgrund dessen vor, was ihm seine Wahrnehmung in Selbsterkundungen immer deutlicher zusprach und erfuhr so “das erkenne dich selbst“ in fortschreitend tiefer durchlichteter Gegenwärtigkeit. 
Schonungslos sich selber gegenüber lies er sich auch von den Mächtigen dieser Welt auf der politischen Bühne mit ihrer Interessenpolitik nicht ins Wort reden und tat, was er für richtig hielt. Den Weg des Dialogs über alle scheinbar für unüberwindbar gehaltenen Hürden hinweg zu nehmen und mit Mois Tschombe in Ndola an der Grenze zu Katanga über einen Waffenstillstand zu verhandeln. Dass er damit in ein politisches Wespennest stach, das wusste er. Dennoch: Im Politischen Machtkalkül dem freien Geist nicht das Wort nehmen zu lassen, das war ihm das Risiko wert.
Er nahm den Schierlingsbecher aus der Hand des aufgebrachten seinerzeitigen Staatssekretärs des britischen Foreign Office und trank ihn vor aller Augen aus, indem er völlig überraschend Leopoldville verlies und nach Ndola flog. Wie wir heute wissen, sein Flug in den Tod.
                   
                   
                    Still …

                    Gerufen
                    Ihm Herberge
                    zu geben.

                    Ausgesondert
                    zu erfahren
                    Erden-Dunkel-Nacht.

                    Verlassen
                    frei den Tod
                    zu bestehen
                    ihn zu fliehen.

                    Sah ich -
                    für einen Augenblick
                    das Segel
                    im Sonnensturm
                    zerbrechender Zeit.
               
                    Tanzend
                    auf fliessendem Licht,
                    einsam -
                    seewärts geboren.

                    In -
                    einem Augenblick -
                    der Ich-Schau.

                    Dag Hammarskjöld - „Zeichen am Weg.“
                    Eintrag vom 11.06.1961, drei Monate vor seinem Tod.
                    Aus dem Englischen frei übertragen.
                    © Bernhard Albrecht Hartmann,
                    06.01.1976/09.07.2020

Wie offiziell vermeldet, wurde Dag Hammarskjöld am Tag danach(18.09.1961) ohne sichtbare Verletzungen tot neben dem abgestürzten Flugzeug, mit einem Grasbüschel in der Hand friedlich auf dem Rücken liegend gefunden. Als Einziger ohne Anzeichen von Verbrennungen in Folge des voraus gegangenen Flugzeugabsturzes.
War er gescheitert oder hat er vor aller Welt still bezeugt, was allein wichtig, das ungebrochene Vertrauen in das Rein-Menschliche als durch keine Verhandlungsblockade zerstörbare Entwicklungsferment? Den Eigentlichen Grundstein einer Völkergemeinschaft? Oder  w e i t e r  gedacht eines Freien Geisteslebens? Und damit den nur durch Individuation zu befreienden Geist, der sich im übrigen nur miteinander dialogisch entfalten lässt?
Hat Dag Hammarskjöld also in illusionärer Verblendung gegenüber einer etwaigen eigenen biographischen „Präokkupation, einer Besessenheit wider alle Vernunft den Boden unter den Füssen verloren und ist im doppelten Sinne abgestürzt? Oder hat er in letztlich nicht zu hintergehender Treue zu sich selbst genau diesen freien Geist in seinen Tagebuchaufzeichnungen, wie durch seine Tat vor aller Welt bezeugt - sprich den kurzschlüssigen Interessenkalküls und wohltönend etikettierten Vorstellungsverklebungen divergierender Machteliten „sein Nein“ entgegenzuhalten gewusst?
Vom damaligen Staatssekretär des britischen Foreign Office spricht heute kaum noch jemand, das Tagebuch Dag Hammarskjölds hingegen ist ein spiritueller Weckruf für viele Menschen bis heute.
Wären es demzufolge die stillen Wege auf die es ankommt? Sind sie es, die langsam den Grund pflügen, um Keime für Veränderungen zu umhüllen, die am Ende dem Leben wirklich nachhaltig zu dienen vermögen? Nun, im Kongo sind in Folge der schon von Dag Hammarskjöld aufgezeigten Kurzsichtigkeit gegenüber den Gegebenheiten vor Ort bis in die 2 -tausender Jahre hinein Frauen von gegeneinander operierenden Söldnertruppen vergewaltigt, sind Kinder versklavt in Kamps immer wieder und wieder zusammengetrieben worden, um in den Mienenfeldern gegenläufiger Interessen als Kindersoldaten sodann verstümmelt ihr Leben zu lassen. Wäre das also der nicht mehr zu widerlegende Beweis für das Scheitern von Dag Hammarskjöld? Oder ist da in punkto der Wirkung von Dag Hammarskjölds seinerzeitigen Bemühungen noch tiefer zu graben?
Tiefer graben:
Tiefer graben hiesse auch die Geisteshaltung von Dag Hammarskjöld wirklich verstehen und zu einer inneren Anschauung derselben vorzudringen. Kein leicht Ding Anschauung gegen Vermeinen hier zu profilieren, sprich die eigene Kernung auf den Weg zu bringen. Dag Hammarskjöld hat es auf seine ureigene Weise vorgelebt wie mit dem Fusel-Schnaps eigenen Vermeinens zu verfahren ist. „Nur die Hand, die ausstreicht, kann das rechte schreiben.“ Mit anderen Worten: Nur wer Vermeinen von Anschauung innerlich zu trennen weiss betritt Ich-Wege.
Auch Sokrates ging es in seinen Dialogen mit seinen Schülern schon um die rechte Anschauung dessen, was er mit seinen Schülern fragend zu erkunden suchte. Und ebenso wie von Dag Hammarskjöld kann auch von ihm gesagt werden, er sei wider alle Vernunft in den Tod gegangen, obwohl er die Gelegenheit zur Flucht gehabt hätte. Doch wie Dag Hammarskjöld blieb auch er sich treu und wankte keinen Schritt zurück vor den Mysterien-Wächtern seiner Zeit und bewies Haltung.

© Bernhard Albrecht

(1)  Dag Hammarskjöld Zeichen am Weg, Droemer Knaur München/Zürich 1965 S. 23
(2)  Henrick Berggren, Dag Hammarskjöld, Das Unmögliche möglich machen.       
      Die Biographie, Urachhaus Stuttgart 2017, S. 46