(für Christian Deeken und andere, die sich hier um einen fortschreitenden Tiefgang in der Betrachtung erkennender Prozesse bemühen)
https://ich-quelle.blogspot.com/2020/03/ein-spaziergang-mitten-durch-den.html
Die folgenden beiden Anmerkungen entspringen keinem flapsigen Artikulieren, sondern zielen - wenn Sie es denn zulassen wollen - im jeweiligen Alltag auf eine vertiefte Beobachtung eigenen Umgangs mit „Gedanken“ hin, können aufzeigen wie weit Sie/ich in der Vergegenwärtigung derselben uns innerlich beobachtend tatsächlich denkend nahe bei ihnen eingefunden, bzw. Sie sich/ich mich noch mehr oder weniger weit davon entfernt bewegen.
1. „Denke nie gedacht zu haben, denn das Denken der Gedanken ist gedankenloses Denken, wenn Du denkst du denkst, denkst Du nur Du denkst. (Erich Kästner?)“
2. Das „Was“ bedenke, mehr das „Wie.“
Das Leben hat mich gelehrt, dass die „Was Frage“ undifferenziert vor meinem inneren denkend bewegtem Umgang auf ideelle oder spirituelle Belange zu richten mir von allem Anfang her einen Schleier grundständiger und von daher unversehens unbemerkter Befangenheit überwerfen kann, so ich nicht wirklich anhaltend ganz genau hinschaue. Darf der Gedanke mithin genauer besehen gegenständlich (dinghaft geprägt) gedacht werden? Verhakt sich der Gedanke dadurch nicht von Anfang an in einer Abstraktion und „Undurchsichtigkeit?“ In einem quasi bildlosem Vermeinen mit dem „Nichts“ als Hintergrund? Erschreckend, nicht wahr? Oh ja, das muss es vor einem tieferen Betrachten her auch sein, wenn ich Zugriff auf die bildende Bewegung (in sich nonduale Bewegung) erlangen will, die einem jeden Gedanken seiner tieferen Eigenheit nach (wie Sie/ich entdecken können) zugrunde liegt. Denken bedarf vorgängig der Opferbereitschaft wirklich nichts, also rein gar nichts ausser acht zu lassen, was auf den eigenen Tisch gründlich forschender Betrachtung gelegt wird (also sowohl Aussenansichten wie Innenansichten). Und das sind von innen her gesehen vor allem die Illusionen, die ein jeder Mensch heute in seinen Umgang mit dem, was er als Wirklichkeit versteht oder auch anzuerkennen bereit ist, in seiner Art und Weise Weltdialoge zu führen tagtäglich innerhalb der gelebten sozialen Bezüge bearbeitet.
Ich und Illusionen, oh nein! Ich bin doch Wissenschaftler und von daher methodengeeicht im Umgang mit dem Denken. Ist das so? Und damit wird es ernst. Empedocles, ein Mysterien Wissenschaftler war zu seiner Zeit sogar bereit in den Krater des Aetna zu springen um sich zu reinigen, sich von allen Illusionen seiner Zeit zu lösen und damit seinen redlichen Weg als Wissenschaftler in die Zukunft hinein offen zu halten. Rudolf Steiner hat immer wieder sehr ernst darauf hingewiesen, dass den Weg eines Geisteswissenschaftlers (eines Lebenswissenschaftlers in der Bewusstseinsseele) zu gehen die Bereitschaft geradezu herausfordere sich von allen Illusionen, sprich Vorstellungen über das was Sie/ich als die Wirklichkeit in Betracht ziehen ernsthaft bis auf den Grund des „ich weiss, dass ich nicht weiss“ zu prüfen sei, was bedeutet den Weg durch das Feuer des Verbrennens (in Nachfolge von Sokrates) immer und immer wieder neu zu gehen, bzw. diesen fortzusetzen. Was bedeutet sich innerhalb seiner sozialen Zusammenhänge mehr oder weniger offen auf einen Vulkankegel hinaufgeführt zu erleben, so Sie/ich/wir denn tiefer in uns hinein zu lauschen gewillt sind. Weit tiefer als die gängige Intellektualität uns gemeinhin auf ein Erstes nahelegt. Denn die Intellektualität ist solange in ihrer Möglichkeit unvollendet, solange sie nicht allseitig bemüht ist alle „Zwischenräume“ ihres eigenen Selbstausdrucks bis auf den Grund tatsächlich auch anhaltend aufzuhellen.
Alle Zwischenräume: Diese aber tun sich auf in dem sogenannten unmittelbaren Verstehen, das ich gerne allzu schnell an den Tag lege, das aber genauer besehen nichts anderes ist als mein blosses Vermeinen dahingehend zum Ausdruck zu bringen, was das Gegenüber - Du an Gedanken jeweils von Augenblick zu Augenblick an mich heranträgt. Mein Vermeinen: In diesem stehe ich nämlich nicht vor der Wirklichkeit dessen was dieses oder jenes Du mir zu artikuliert hat, ich stehe, wenn auch unbemerkt aber dennoch tatsächlich am Rande des Nichts - vor den Stufen, - „dass ich weiss, dass ich nicht weiss“, was in diesem Augenblick mir innerlich vor Augen steht. Deshalb bin ich auch, um hier nicht zu straucheln, schnell geneigt dem Sagen des Du blitzschnell aus dem Fundus meines Verhältnisses zur Wirklichkeit diesen oder jenen Schleier überzuwerfen, um meine Ego Sicht abzusichern. Und ich tätige diesen Überwurf so schnell, dass ich dies unmittelbar zunächst gar nicht bemerke. Ich „binde“ das vom Du Gesagte an mein Wirklichkeitsverständnis.
Dem Aneinander vorbei Reden sind damit Tor und Türe geöffnet. Der Drache des Unverständnisses findet durch viele Ritzen immer wieder neue Zwischenräume um ermüdendes an einander Vorbeireden zu ermöglichen. Bewusstseinsseele zu leben ist eben anstrengend, bedeutet, dass die Teilhabenden im aufeinander Zugehen immer wieder aus der Kurve fliegen, mit Gedanken wie: Das kann doch nicht möglich sein so zu denken. Doch, es muss möglich sein, denn es geht in keinem Dialog - und ich betone das - aus der Wirklichkeitsbemühung um Bewusstseinsseele über Lebenslange Hürden hinweg, - es geht zuallererst nicht um Irrtumshaltungen meines jeweiligen Gegenübers, es geht um meine eigenen Wirklichkeitsvernebelungen. Vernebelungen, die ich geneigt bin allzu gerne meinem Dialog - Gegenüber anzuhängen, anstatt die eigenen seelischen Sümpfe vorgängig selbsterkennend auszutrocknen und innerlich zu bereinigen.
Es geht also darum mir selber Feuer unter den Arsch zu legen und mein Gegenüber nicht mit dieser oder jener „wohl anständig“ vorgebrachten Anmerkung wie nebenbei des Irrtums zu bezichtigen. Mein Du - Gegenüber fungiert, wo immer ich es auch mit ihm zu tun bekomme als „Briefträger.“ Ich bin Empfänger für eine Karma Bau-Stellen-Anweisung zur Fortsetzung meines Selbst-Erkennen Bemühens. Und ich kann diese nicht einfach, wenn auch leise und höflich oder wissenschaftlich hochgetunt abwiegeln oder im „leichtfertig“ unter den Tisch kehren mir vergessen lassen, denn es geht in der Substanz allein darum mich dem „ich weiss, dass ich nicht weiss“ in seiner Erfahrungskonsequenz zu stellen und das „Fürchten,“ das an diesen Grenzen überwunden sein will, nicht mehr zu umschiffen.
Das „Fürchten“ oder besser gesagt die Zügel des Fürchtens in die Hand zu bekommen, was bedeutet über mein „erstes“ Wirklichkeit Vermeinen bezüglich des anderen Menschen hinauszublicken und mehr und mehr in einem wachsenden Interesse auf den anderen Menschen hin zu erwachen. Denn „er ist der Bote“ und an mir ist es den möglicherweise über eine „lange Zeit“ in die Tiefe hinein wachsenden Willen zur Erkundung „seiner“ spezifischen Art des Denkens zu kultivieren. Den Willen - frei von interpretierenden Denkeinschlüssen - welcher Art auch immer. Ich kann das Denken eines anderen Menschen - hier Rudolf Steiner - nicht wissenschaftlich kritisieren, wenn ich nicht vorweg die Denkweise dieses anderen Menschen mir innerlich vergegenwärtigen konnte, mir also aus „seinen“ Gedankengängen heraus ein Verständnis seiner spezifischen Art zu Denken „durchgehend sachlich“ vor Augen geführt habe. Ohne die Kunst der seelischen Beobachtung in mir selber auf eine gewisse Erfahrungshöhe hin entwickelt zu haben kann über Rudolf Steiners wissenschaftliches Verständnis keine sachliche Aussage gemacht werden. Und das bedeutet nicht Rudolf Steiner sakrosankt gegenüber allem und jedem wie abzuschirmen, sondern in der unnachgiebigen Auseinandersetzung mit der eigenen abstrakten Denkweise so weit über sich selber hinaus zu wachsen, dass die seelische Beobachtung zum Erfahrungsfeld hin sich öffnen kann, auf dem in Erscheinung treten kann was Denken in eigener subjektfreier Anschauung überhaupt ist. Denn zu wissen was Denken seiner Essenz nach ist kann überhaupt erst die Ausgangsbasis für ein Ego freies Selbst Vergegenwärtigen wirklich freien Philosophierens erschliessen.
Rudolf Steiner hat es zu seinen Lebzeiten gewagt (anknüpfend an Kant !!!) leise über das bis anhin allein anerkannte abstrakte Denken auf einen Erfahrungsraum des Denkens hinzuweisen und in Folge mit seiner Philosophie der Freiheit eine Spur in dieser Richtung gelegt, die zur Geburt einer erweiterten Erfahrung von Denken hätte führen können. Zu einer erweiterten Erfahrung des Denkens, wenn denn dem bis anhin schlafenden Willen in der Intellektualität mittels der seelischen Beobachtung in der sozialen Breite ernsthaft auf die Sprünge geholfen worden wäre. Sie - die seelische Beobachtung nach naturwissenschaftlicher Methode - ist nämlich der Schlüsselpunkt im Schaffen Rudolf Steiners, der in meinen Augen bis heute in seiner Tiefe nicht wirklich erfasst worden ist und deshalb leben wir in der heutigen Welt wie sie eben ist. Der echte Wille zur Zeitenwende fehlt ihr, das kann sich ein jeder nur eigenständig vor Augen führen. Eine an die Wurzel reichende Metanoia Haltung, ein Wille zur basishaften Einkehr und individuellen Umkehr zeichnet sich von Einzelereignissen abgesehen einhundert Jahre nach Rudolf Steiners Tod in grösserer sozialen Breite nicht ab. Wenn das nicht bestürzend ist?
In seinem Vorwort zur Steiner kritischen Ausgabe Band 2 (Seite XVI) weisst der Kant Forscher Eckhart Förster auf die Notwendigkeit eines wirklich tieferen Erfassen des Denken von Rudolf Steiner mit diesen Worten hin: „Ohne den bereitwilligen Versuch, ein solches sich selbst erzeugendes Denken im Sinne Steiners selbst auszubilden, wird sich über dessen Wirklichkeit nichts entscheiden lassen.“ Die Philosophie der Freiheit sieht er als ein Übungsbuch, was in meinen Augen bedeutet einen langen Weg zu gehen, um das eigene bisherige Denken dahingehend zu weiten, dass sich in ihm gewissermassen das Auge öffnen kann, das auf eine über die Abstraktion hinausreichende Wirklichkeit weisst, auf die in unmittelbarer innerer Erfahrung geweitete Anschauung des Geistes. Diese Erfahrung kann nicht gelehrt werden, sie will in eigener Entscheidung über alle Hürden des für jeden Willigen innerlich zugänglichen „ich weiss, dass ich nicht weiss“ eigenständig immer wieder neu angesteuert werden. Denken „und“ Wille müssen wieder in innerer Erfahrung verbunden werden, was die Aufgabe der seelischen Beobachtung von ihrem Kern her ist. Die Abstraktion aber hat den Willen als etwas zu Beobachtendes unversehens ins Vergessen abgedrängt. Mit den Worten Kants gesprochen ist das sogenannte „Ding an sich“ mit dem er seine analytischen Philosophie gewissermassen zusammenfassend abschliesst das von ihm hinterlassene ungeöffnete Ei, das dem je eigenen inneren Erfahren zugänglich zu machen wäre. Sagt doch Kant selber alles Sagen müsse der Erfahrung zugänglich gemacht werden, damit es vor der Wissenschaft Anerkennung beanspruchen könne. Seine bedeutsame Denkleistung bezeichnet demnach zweierlei, das Ende seiner denkend vollzogenen philosophischen Hinterlassenschaft und in Ehrerbietung vor seinem Tun gleicherweise die Herausforderung „das Ding an sich“ auf vielfach individuelle Weise als Ziel in das eigene Aufgabenfeld zu erweiternder Denk Erfahrungen aufzunehmen. Kant zu lesen bedeutet also selbsterkennend Verantwortung zu übernehmen.
Ich will mit Dornröschen hier enden. Ja sie haben richtig gelesen, mit Dornröschen. Mit Dornröschen in einem philosophischen Kontext. Denn diese märchenhafte Imagination kann unter einer ernsthaften Betrachtungsweise als geheimnisvoll verborgene Quelle der Stille erkannt werden. Der Stille, die sich dem Selbst-Erkennen auftut am Ende von allem Gedanken-Radschlagen, am Ende jeglichen Vermeinens. Am Ende der Selbst-Behauptung gegenüber dem grossen Ego Scharaden-Spieler in unserer aller Leben. Dornröschen! Weil nur in dieser Stille - von der neben so manchem Anderen, Meister Ekkehart der grosse Philosoph und Theologe des Mittelalters so herausfordernd tief gesprochen hat - Tür und Schlüssel für den Zugang und Eintritt in die Welt individuellen Geist - Erfahren gefunden werden kann. Denn ohne die denkend vollzogene innere Erfahrung der Stille ist ein zeitgemässer Zugang zur Welt des Geistes nicht möglich. Der Jüngling in Dornröschen ist also gefordert mutig sein inneres Gedanken Gestrüpp nach vielen Richtungen hin durchzuhacken und zu jäten. Er muss den Mut in sich immer und immer wieder erwecken dem „Ich“ von Augenblick zu Augenblick auf den Wogen immer tiefer um sich greifender Bewegungserfahrungen ins Auge blicken zu wollen. Bewegungserfahrungen, weil sein bisheriges Dualität Erfahren notwendigerweise schrittweise zusammenbricht und er sein Stehvermögen allein nondual in sich gefordert ist zu finden. Die Gebärmutterschale des Ego bricht sukzessive - und im Sinne des Märchens von Dornröschen und vom Froschkönig kann der treue Johannes frohen Mutes den Jüngling seiner Wege gehen lassen, weil er sich durch eigenes Bemühen in die Lage versetzt hat dem erwachenden Dornröschen in die Augen zu blicken zu können, bzw. nicht weiter der Notwendigkeit unterworfen ist von der Prinzessin im Froschkönig an der Wand gleichsam zerschmettert zu werden. Er darf und kann sein Leben ganz aus der Kraft des Ich heraus führen.
© Bernhard Albrecht Hartmann, 27.07.2026
Nicht wenige auf https//ich-quelle.blogspot.ch in den vergangenen 20 Jahren schreibend niedergelegten Essays können als ergänzende Gesichtspunkte zu dem oben Gesagten gelesen werden.
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