Montag, 23. Oktober 2017

Nachtgedanken

Der Flügelschlag als zarter Ausdruck eines Geschöpfes wie dem des Schmetterling weist auf das so schwer dynamisch zu findende und noch mehr zu haltende Gleichgewicht hin, mit den Fühlern des Interesses, einer beständig neu anlandenden Fühl- und Erlebnis Bereitschaft, wie gleicherweise innerlich getakteten Haltung gegenüber dem Fremden Weltoffenheit zu leben. Die Schatten der Verdächtigung und des Vor-Urteils sind allgegenwärtig. Unvermittelt verführen sie zu Übertragungen eines Vermeinens, dem eine differenziert ausgelotete Sachgrundlage mitunter fehlt, bzw. die auf die Schnelle hin nicht um-sichtig weit genug beigezogen wird und gegenüber dem anderen Menschen achtsam seinen Ausdruck findet.
Die Freiheitswege der Menschen um mich herum und ihre inneren Such- und Erfahrungswege sind eben  s e h r  anders ausgerichtet und von daher zu durchleben als meine Wege. Dies zu sehen, zuzulassen und auszuhalten, was eine sachliche Stellungnahme nicht ausschliesst, fällt in den Bereich der heute immer umfassender notwendig werdenden Klärung von Resonanzprozessen. Dual ausgetragen enden sie nicht selten unbefriedigend. Nach innen vertieft und durch zahlreich mögliche Filter des eigenen „erkenne Dich selbst“ geleitet können sie zu einer Keimkraft tatsächlich gelebten Freien Geisteslebens werden.
Der Schmetterling lebt uns die Möglichkeit dieser Berge versetzenden Kraft, die zu entwickelnde dynamische innere Haltung einer immer umfassenderen Präsenz, unscheinbar leise vor. Substanziell geankert in mir schafft diese Haltung Verbindung unter den Menschen.


Montag, 18. September 2017

Den Willen dynamisieren

                                              
                                                    Den Willen dynamisieren I

                                                                                      
                        „Das, was den Gegenstand schwer verständlich macht ist … nicht, 
                           dass irgendeine besondere Instruktion … zu seinem Verständnis  
                         erforderlich wäre, sondern der Gegensatz zwischen dem Verstehen 
                       des Gegenstandes und dem, was die meisten Menschen sehen wollen. 
                   Dadurch kann gerade das Naheliegendste am allerschwersten verstanden 
                      werden. Nicht eine Schwierigkeit des Verstandes, sondern des Willens 
                                           ist zu überwinden." Ludwig Wittgenstein (1)



Nike von Samothrake (18)   


                     Einige Anmerkungen zu Inhalt und Umkreis des Vorwortes 

             von Eckhart Förster im Band 2 der Steiner Kritischen Ausgabe (SKA)


Eckhart Förster spricht in seinem Vorwort zu Steiner Kritischen Ausgabe Band 2 etwas aus, das nach meiner Kenntnis vor ihm noch niemand aus dem Umkreis der universitären Wissenschaft so benannt hat. „Ohne den bereitwilligen Versuch, ein solches sich selbst erzeugendes Denken im Sinne Steiners selbst auszubilden, wird sich über dessen Wirklichkeit nichts   entscheiden lassen (2).“
Damit sind aus meiner Sicht, unabhängig davon in welchem Umfang und auf welche Weise es zu solchen Selbstversuchen kommt, bzw. bereits vorhandene Ansätze dazu einer akademisch wissenschaftlichen Würdigung unterzogen werden nicht wenige Auseinandersetzungen zu erwarten. Die Selbstbindung des abstrakten Denkens ist nämlich nicht so einfach aufzulösen. Und das betrifft keineswegs alleine die  akademische Wissenschaft, sondern auch und nicht weniger „anthroposophische“ Kreise und deren  Umgang mit dem Denken. Unbefangen angeschaut scheint es mir bei der Selbstanalyse des abstrakten Denkens primär um eine Vorstellungs-Befangenheit, um nicht zu sagen Vorstellungs-Blindheit bezüglich des Willens und der Art und Weise seiner Entwicklung  innerhalb des je eigenen Denkens zu gehen.
Ob der  > Spielball <  von Eckhart Förster aufgegriffen wird, ist in meinen Augen weniger an eine noch weiter anhaltende Vorurteilslage in Bezug auf Rudolf Steiner gebunden, als vielmehr an das methodische Paradigma des Umgangs mit dem Denken in wissenschaftlichen, wie auch in anthroposophischen Zusammenhängen und von da her bis in die Alltagswelt hinein. „Das unbeobachtete  Element unseres gewöhnlichen Geisteslebens“ (3) scheint heute noch mehr dem Beobachten entschwunden zu sein als zu Lebzeiten von Rudolf Steiner. Auf die Spitze hin formuliert bedeutet das in meinen Augen, das Denken hat sich in der Abstraktheit seiner Begriffe möglicherweise etwas zu weit selbst verloren. 
Von daher sind die Hemmnisse das eigene Denken gewissermassen in seiner grundständigen Ausrichtung umstellen zu müssen, um es auf eine Ebene des sich selbst Erfahren zu führen, erheblich. Es entspricht der Art und Weise einer langen Wissenschaftstradition, dass das Denken nach aussen gerichtet wird. Das aber führt dazu, dass im Interesse einer Objektivierung eines von sich selbst absehenden Denkens, dieses abstrahierende Denken vorrangig die dunklen Flecken im Denken des jeweiligen Gegenübers sucht und von dort her untersucht.
Ein allem Sprechen vorauseilender, bzw. dieses begleitend, erlebender Bezug zum eigenen Denken und seinen Schattenspielen scheint auf Grund der Abstraktheit desselben immer schwerer erreichbar zu sein. Und das bedeutet, so der Anschein, eine Betrachtung des eigenen Denkens in Bezug auf die Wesensebene des Wortes, mit dem umgegangen wird, ist immer schwerer innerlich zu bewerkstelligen. Ein Abgrund tut sich auf und zwischen den Worten, den miteinander sprechenden Menschen, breitet sich unscheinbar das Absurde in willkürlichen Faktizität-Ansprüchen aus.
Von der Wesensebene des Wortes zu sprechen erscheint im heutigen Wissenschaftsumkreis gewagt zu sein. Das abstrakte Wort gilt als das allein Objektive, das wissenschaftliche Untersuchungen begleiten kann und darf. Anders könne Wissenschaftlichkeit nicht gewährleistet werden.
Wenn ich danach Ausschau halte, diesen Umstand verstehend zu verorten, so denke ich dabei an Kant. An Kant und sein Ansinnen „der Philosophie erstmalig den Status einer Wissenschaft zu verschaffen (4).“ Dazu wie nebenbei angemerkt: Auch Rudolf Steiner wollte nichts weniger als das. Er suchte die Geisteswissenschaft in einem durch sich selbst erfahrbaren Denken zu gründen und - scheiterte wie Kant.
Diese Art der Gegenüberstellung mag den einen oder anderen Denker irritieren, ihm vielleicht sogar unzulässig erscheinen. Ich denke hier jedoch: Können wir nicht wenigstens für einige Augenblicke versuchen von der ritualisierten Denkweise des üblichen Wissenschaftsdenkens Abstand zu nehmen, sowie einer sich vor sich selbst verschleiernden anthroposophischen Exegeten Denkweise in Bezug auf Rudolf Steiner? Und wollen wir nicht wenigstens versuchen wie von einem Aussenstandpunkt unbefangen diesen möglichen Tatbestand betrachten? Geben wir uns doch den Freiraum zu einem tastenden Betrachtung und Überschau zu gelangen ohne die Angst damit sogleich bisher uns geltende Grenzen zu überschreiten, bzw. uns aus gutem Grund geltende Prinzipien und Treue Haltungen zum Wanken zu bringen oder sie gar zu verraten. Sind Kant und Steiner in ihrem jeweiligen Ansinnen gescheitert? Sich Fragen zu stellen, ohne damit beidseitig ein vermeintliches Sakrileg zu verletzen?
Für Kant, den Begründer der klassischen Transzendentalen Philosophie, war das Ich eine bloss logisch formale Identitätsbestimmung der Vernunft. Es bezeichnete den Gedanken eines Gegenstand konstituierenden Bewusstseins vor jeder Erfahrung, mithin die formale Struktur, welche eine vernünftige Ordnung der Welt mittels des Denkens grundständig überhaupt erst ermöglichen sollte. Dieses Ich war auf Logik gebaut, nicht auf Anschauung, nicht auf erfahrungsbasiertem Wissen und schon garnicht auf Bewusstsein-Gegenwärtigkeit im inneren Tun. Es war und ist nach wie vor ein abstrakter Quellcode der Denkmöglichkeit. Für Kant blieb das Denken damit ein letztlich ungelöstes Koan.
Dem gegenüber suchte Steiner mit seiner Philosophie der Freiheit und den beiden Grundschriften, die dieser vorausgingen umrisshaft einen Weg zu eröffnen, die Abstraktheit zu überwinden, in die Kant das Denken noch kleiden musste, weil er „Erfahrung“ nicht anders als zeitbedingt nach aussen gerichtet denkend verstehen konnte. Er veranlagte die Philosophie der Freiheit als einen Willensweg, der im inneren Nachvollzug dieses Gedankenweges, wie in darüber hinausgehenden eigenen Untersuchungen - die Willensbewegung, konsequent immer wieder aufgenommen und verfolgt - das Denken nur immer deutlicher in die eigene innere anschauende Erfahrung erheben kann. Denkwille als selbstinduzierte Setzung des Ich im Denkblick (5).
Eckhart Förster hat in seinem Vorwort unversehens eine Türe aufgestossen und damit unübersehbar ein weites, wie gleicherweise hoch komplexes Forschungsfeld eröffnet. Wird dieser Spielball  tiefer gehend aufgenommen, so sind zweifelsohne mannigfaltige Kontroversen zu erwarten. In einem bisher eher marginal betriebenen Umgang mit den wesentlichen Intentionen Rudolf Steiners in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung könnte das zu einer langsamen Kehrtwende führen. Eckhart Förster hat mit leisen Tönen einen „bereitwilligen Versuch, (von Seiten der Wissenschaft sachlich angemahnt) ein … selbst erzeugendes Denken … selbst auszubilden.“
So wie aussen, so auch innen, gewissermassen als notwendige Fortsetzung und Ergänzung einer vor langer Zeit begonnenen Aufklärung, an der Kant einen grossen Anteil hat, was bedeutet die nach aussen hin gerichtete geschärfte Beobachtungskraft umzukehren auf eine nach innen hin nicht weniger differenziert auszubildende Beobachtungsfähigkeit. Wird diesbezüglich der Forderung Kants gefolgt alles auf Erfahrung zu gründen hiesse das, den Denkwegen nicht nur abstrakt zu folgen, sondern eine die Abstraktion durchdringende Reflexionsfähigkeit, zu einer dynamischen Beobachtung innerer Willensprozesse hin zu erweitern, … wenigstens für den, der wagt versuchsweise gewohnte Bahnen zu verlassen und „Selbstkritik“  über das bisherige Mass hinaus auf sein eigenes Tun hin grenzöffnend zuzulassen.
Eckhart Förster scheint mit seinem vorsichtigen Herantasten an das Wie des Denkens Rudolf Steiners über eigene Selbstversuche zur Selbstvergewisserung eines sich selbst erzeugenden Denkens zu gelangen, jenseits  von Polemiken das Forschungsvorhaben Rudolf Steiners, wie dieser es in seinem Untertitel zu seiner Philosophie der Freiheit: „Seelische Beobachtungsresultate  n a c h  naturwissenschaftlicher Methode“ sich selber und der Nachwelt als  > Forschungsprojekt <  vor Augen gesetzt hat, für die universitäre Forschung gewissermassen aus dem Dornröschenschlaf zu wecken.
Das bedeutet, so ich das „als ein Nachgeborener“ ernst nehme, sich, wie ein Fremder (6) und wie von aussen aufgefordert zu sehen, in ein derartiges Forschungsprojekt erlebend hineinzustellen. Ich sagte es ja schon, es sind Fragen zu stellen, Fragen, Fragen und noch einmal Fragen. Und ich sehe das wirklich ganz konkret so. Wer sich davor scheut, im Angesicht bestimmter Gedanken, nicht immer und immer wieder sich einmal die Augen zu reiben, um den Blick wie durch die Nebel eigener Vorstellungen hindurch bringen zu können, ihn von darüber abgelagerten Spinnweben zu befreien, der wird den eigenen Willen nicht dynamisieren können.
Fragen sind nämlich wie Keime, aus denen dynamisierte Willenskraft wachsen kann. Und dies wiederum macht es dort, wo Kant und Rudolf Steiner und andere auf ihren Wegen in ein zu erweiterndes Bewusstsein hinein Fragen ausgestreut, bzw. offen gelassen haben, diese überhaupt erst zu sehen, damit ich als Nachfahre sie mutig aufgreife, sie in mir weiter entwickle, anstatt mich hinter Kant und Steiner mit dem Finger einer ritualisierten Deutungshoheit in Vorstellungen zu verstecken. Es bedeutet „den Prinzen in sich“ auf die Reise zu schicken durch die Dornen-Landschaften eigener Vorstellungsverstrickungen und in damit einher gehender wachsender eigener Willenskraft die jungfräulich weibliche Weisheitskraft  Dornröschens in der eigenen Seele zu erwecken.
Unter einem anderen Blickwinkel gesagt bedeutet es, es wird von Kant her gesehen keine „erstmalig wirklich wahrheitsfähige Philosophie“ geben und durch sie zu einer Kulmination im Denken kommen, wenn Kants Erfahrungsbegriff nicht auf von ihm gesetzte Ausschlüsse von Erfahrung hin tiefer untersucht wird. In meinen Augen ist Kants Projekt einer „erstmaligen Philosophie“ in den Anfängen hängen geblieben und - weiter virulent einer Lösung harrend. Dass die Welt einen erweiterten inneren Erfahrungszugang zum Denken braucht kann heute noch mehr als zu Kants Zeiten einem jeden sichtbar werden, der bereit ist an ihn letztlich nur selbst schützenden Scheuklappen innerlich zu rütteln.
Ich will es einmal so anschauen, Kant hat durch seine Art der Begriffsmeditation in seinem Werk  eine nicht hoch genug zu schätzende Vorarbeit auf die noch ungeborene „erstmalige Philosophie“ (6) geleistet, die nach dem bahnbrechenden Werk von Eckhart Förster in ihrer Art noch weiter wissenschaftlich heraus zu arbeiten wäre. Er hat und musste in evolutionärer Folgerichtigkeit die Begriffe in seiner  Transzendental-Philosophie um des Erringen der  Freiheit im Selbstbewusstsein willen (seelisch beobachtet im Sinne Rudolf Steiners) in eine Art innere Lähmung versetzen. Die Abstraktion als Kunstgriff, um das Denken vor den Gefahren der Selbstillusion zu schützen, um ein durch sich selbst zu stabilisierendes Selbstbewusstsein hervorbringen zu können. Sollte „diese erstmalige Philosophie“ einmal tatsächlich in Erscheinung treten, dann wäre das der grosse zu würdigende Beitrag Kants.
Die Abstraktion als verdichtete Kraftgebärde eines im eigenen Bewusstsein zu umfassenden und zu lenkenden Denkblicks. Die Abstraktion als innerer Kraft-Umkehrpunkt in das Erfahren eigener Willensdynamik hinein. Die Abstraktion als Übergang  vom Stehen in der Kraft (Ver-Stand) in die immer bewusstere Teilhabe mit den Kräftebewegungen dieser Welt auf unterschiedlichen Bewusstseinsebenen. Die Abstraktion aber auch als fortlaufend tiefer um sich greifendes Gefahrenmoment einer unterschwelliger Angst den Boden unter den Füssen zu verlieren und sich in einem substanzlosen Nichts zu verlieren. Die Abstraktion, weil nicht bewältigt - in ihrer Kraftgebärde erfahrend erschlossen - als subjektseitige Abwehrfalle sich in eigenen Vorstellungswelten und damit einher gehenden Wirklichkeitsverschleierungen wechselnd abzukapseln oder zu verlieren. Die Abstraktion, „bildhaft,“ als Schwellengebirge vor dem möglichen Übergang in ein Bewusstsein, das diesen Namen verdient, weil selbsttätig erzeugt, bzw. hervorgebracht.
Damit berühren diese Ausführungen unausweichlich ein in meinen Augen hoch problematisches Selbstverständnis bestimmter anthroposophischer Kreise in ihrem Verhältnis zu Rudolf Steiner. Kann ein „Überhöhen“ der Persönlichkeit Rudolf Steiners hilfreich sein für die vertiefende Entwicklung seiner Intentionen? Kann ein indirekt gläubiges Aufschauen zu seiner Person ein selbsttätiges Denken wirklich unterstützen und voranbringen? Ist es so, dass Menschen, die sich dem Werk dieses Mannes zugeneigt sehen tatsächlich seinem Namen verbunden bleiben - im Sinne der Aussage Rudolf Steiners, dass sein Werk nicht von seinem Namen getrennt werden dürfe? Gibt es eine Art des Umgangs mit dem Werk Rudolf Steiners, die nicht mit seinem Namen kompatibel wäre und demgemäss zu einer Trennung des Namens Rudolf Steiners von seinem Werk führen könnte? Wer befindet über eine Verbindung/Trennung von Werk und Namen oder geschieht das in einem Prozess unscheinbar fliessend - wie nebenbei - und liegt damit in der Verantwortung eines jeden Einzelnen sich dessen bewusst zu werden und gegebenenfalls gegensteuernd darauf Einfluss zu nehmen?
Kurz zusammengefasst, hat die eigene Art mit diesem Werk zu arbeiten Einfluss auf diesen Prozess? Was ist das Kernstück von Rudolf Steiners Werkschaffen? … Das Denken selbsttätig hervorbringen zu lernen. … Wenn dem so ist, welche Konsequenzen leiten sich von daher für jeden Einzelnen ab, der sich Rudolf Steiner zugeneigt erlebt?
Das eigene Arbeiten auf ein selbsttätiges Denken hin auszurichten und zu vertiefen, um die Verbindung von Rudolf Steiners Werk mit seinem Namen zu stützen  —  wenn ich genau hinschaue, ist hier nichts in Stein gemeisselt.
Am Anfang eines Selbsttätigen Denkens und dem aus diesem hervorgehenden sich dynamisierenden Willen steht in meinen Augen die Selbstkritik. Sie öffnet aus meiner Erfahrung heraus die Quellen eigener selbsttätiger Kraft und fördert das innere Überschauen-Können und dynamische Erfassen, Durchdringen und gebändigte Integrieren von Willensprozessen im Hinblick auf eine über das Verstandesdenken hinaus reichende Bewusstheit.


                                 Den Willen dynamisieren II

 
                              Am Wegesrand steht eine Rose. Welch schöne Rose!
                                       Wir stellen es fest und gehen weiter. Immer gehen wir weiter.
                                                          Wir haben verlernt zu verweilen.
                                   Doch nur im horchenden Verweilen kann uns das Zeitlose in der Zeit,
                                  das WESEN begegnen, das in und jenseits der Rose und aller Dinge ist.
   
                                                                    Karlfried Graf Dürkheim (7)

                                                 

Am Anfang eines Selbsttätigen Denkens und dem aus diesem hervorgehenden sich dynamisierenden Willen steht in meinen Augen die Selbstkritik. Sie öffnet aus meiner Erfahrung heraus die Quellen eigener selbsttätiger Kraft und fördert das innere Überschauen-Können und dynamische Erfassen, Durchdringen und gebändigte Integrieren von Willensprozessen im Hinblick auf eine über das Verstandesdenken hinaus reichende Bewusstheit.
Demzufolge ist Kritik über andere Menschen auszuschütten ohne eine vorauseilende, mindestens aber parallel einzubindende Selbstkritik, wie gleicherweise grundständige Wertschätzung des fremden Denken kontraproduktiv. Ohne echte Teilhabe am wechselseitig fremden Denken ist eine konstruktive Fortführung von Denkansätzen im Felde auszutauschender seelischer Beobachtungen nicht möglich. Der Sturz in die Dualität folgt auf dem Fuss und lässt damit  allzu schnell ein Kampffeld entstehen, auf dem quasi mit Rammböcken aufgefahrene wechselseitig vorgebrachte Vorstellungen über den jeweils anderen Menschen Nebelgefechte nach sich ziehen, anstatt dass sie auf einem Weg der Verständigung bestrebt sind an gemeinsamen Problemlösungen - also weniger gegeneinander als vermehrt miteinander - zu arbeiten.
Die Spannungsverhältnisse, die dabei im eigenen Innenleben auftreten können sind nicht zu unterschätzen. Bei der Erweiterung des Erfahrungsraumes von einer klassisch naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise - mit dem beigeordneten wissenschaftlichen Verständnis Erfahrung sei aussenbezogen zu bearbeiten und nur so wissenschaftlich anzuerkennen - um Bewusstseins-Erfahrungsräume, die seelisch beobachtbar sein sollen, müssen verstandesgeleitete Vorstellungskomplexe in Abwehrfront gehen. Dies ist eine natürliche Reaktion auf ein unterschwelliges Erfahren der Boden unter den eigenen Füssen entzieht sich mir hier und jetzt leise. Dieses Erfahren öffnet, was … übersehen werden kann, den Horizont auf die eigentliche Frage nach dem michaelischen Mut, der aus dem Erfahren dieser Schwellensituation allein zu entfalten ist.
Konnte bei Erscheinen der Philosophie der Freiheit der Untertitel dieses Buches auf die damalige Wissenschaftswelt noch wie ein Giftpfeil wirken, der nichts anderes als ein Ablehnen von Rudolf Steiners Ansinnens nach sich ziehen musste und zwar eine von der Sache her im Wesentlichen ungeprüftes Abweisen der tatsächlich von ihm vorgebrachten wissenschaftlichen Intention. Mit dieser Haltung wurde nicht einmal in Erwägung gezogen seine Grundaussagen gewissermassen als Hypothesen in wissenschaftlich Untersuchungen versuchsweise näher zu treten, was doch eigentlich zum Grundinventar wissenschaftlicher Auseinandersetzung gehört. Das zeigt nur, dass sie nicht wirklich verstanden wurden, bzw. welche grosse innere Hürde das abstrakte Denken samt seinem Selbstverständnis darstellt, das einem Verstehen von Rudolf Steiners wissenschaftlicher Intention im Wege zu stehen scheint. Womit wir wieder bei dem leisen, zu Beginn dieses Beitrags bereits angeführten, Anmahnen Eckhart Försters wären: „Ohne den bereitwilligen Versuch, ein solches sich selbst erzeugendes Denken im Sinne Steiners selbst auszubilden, wird sich über dessen Wirklichkeit nichts entscheiden lassen.“
Der Tatbestand von heute ist nun der, dass sich in den letzten einhundert Jahren das abstrakte wissenschaftliche Denken sogar noch weiter verstärkt hat. Der praktische Problem-Lösungsdruck, der in Folge dieser Art zu denken sich immer deutlicher einstellt, weil allem Anschein nach in vielen Bereichen Probleme vermehrt nur noch verschoben oder zugedeckt werden können, wird im Tagesgeschäft von Mainstream Verlautbarungen, hinter vielfältigen Expertenäusserungen für den, der tiefer hinein hört dabei immer wieder deutlich. Kurz gesagt, es lässt sich nicht mehr verbergen und das erzeugt im sozialen Raum lähmende, wie gleicherweise eruptive Prozesse aus, die immer weniger zur Seite gewischt werden können.
Der Eindruck, das wissenschaftliche Denken könnte sich heute in einer selbst erzeugten Abstraktionsfalle verfangen haben, folge ich diesbezüglich etwa den Denkwegen von Thomas Nagel in seinem Buch: „Geist und Kosmos“ (8) oder dem Aufsatz von Holm Tetens: „Der Naturalismus, das metaphysische Vorurteil unserer Zeit?“ (9) ist aus meiner Sicht nicht mehr so einfach von der Hand zu weisen. Es wäre aber grundfalsch vor diesem Hintergrund sagen zu wollen, die Philosophie der Freiheit Rudolf Steiners böte die Lösung für das bezeichnete Problem heutigen wissenschaftlichen Denkens.
Rudolf Steiner hat mit diesem Buch seinen eigenen Denkweg nachgezeichnet und damit auf eine „grundständig zu verändernde Haltung,“ auf eine gegenüber dem abstrakten Denken deutlich auf Erfahrung oder innere Anschauung der dabei sich vollziehenden Prozesse verwiesen. Die Art und Weise des sich im Denken Bewegen ist nicht weniger von Bedeutung als die Gegenstände des Denkens, bzw. die sie der Möglichkeit nach ausdeutenden Begriffe. Er hat für die Wirkgeschichte dieses Buches einen Rahmen von 500 Jahren benannt, wohl wissend, dass sich der von ihm ansatzweise beschriebene Umgang mit dem Denken eine lange Zeit brauchen würde sich zu entwickeln.
Zudem ist es ein Dilemma von Pionieren im Allgemeinen und hier in Sonderheit von Rudolf Steiner, dass er den gesamten Umfang des von ihm mit seiner Philosophie der Freiheit neu betretenen Forschungsfeldes nicht von Anfang an auch nur annähernd umfassend beschreibend dokumentieren konnte. Pioniere auf einem derartig komplexen Forschungsfeld sind auf Nachfolger angewiesen, die bereit sind  sich ihrerseits auf einen inneren Forschungsweg zu begeben, den Weg ein „sich selbst erzeugendes Denkens auszubilden“ und dieses in Folge dann tiefer zu untersuchen.
Leider greift Christian Clement diesen Aspekt in seiner Einleitung zu SKA Band 2 nicht wirklich auf. Er umkreist skizzenhaft die Denkwege Rudolf Steiners von den verschiedensten Seiten her ohne auf dessen methodischen Ansatz der seelischen Beobachtung kritisch einzugehen und verbleibt so - im Wesentlichen - in einer  philologischen Textdokumentation. Was eine eigene Thesen und Hypothesenbildung in Bezug auf die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Rudolf Steiner betrifft, darin hält er sich bedeckt. In meinen Augen hätte es seine Arbeit die Grundschriften Rudolf Steiners kritisch editiert herauszugeben gut vertragen wenigstens ansatzweise hinweisend deutlich zu machen, unter welchen Gesichtspunkten eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Rudolf Steiner heute tiefer greifend beginnen könnte, wie sie angesichts der gegenwärtigen Befindlichkeit des Denkens in Wissenschaft und gesellschaftlichen Zusammenhängen verschiedenster Art in meinen Augen mehr als überfällig ist geführt zu werden.
So bleibt er bedauerlicherweise hinter dem oben genannten leisen, aber nichts desto trotz mutigen Hinweis  Eckhart Försters zurück. Aber vielleicht kann sich Eckhart Förster nach seiner Arbeit über die 25 Jahre der Philosophie (10) in einer weiter gehenden Betrachtung dazu aufgefordert sehen zukünftig den wissenschaftlichen Dialog mit Rudolf Steiner von seiner Seite vertiefend aufzugreifen. Es könnte sich als fruchtbar herausstellen den von Kant so benannten „Beginn der Philosophie“ innerhalb dessen philosophischer Erörterungen dahingehend erneut und weitergehend ins Auge zu fassen, dass eben diesen Beginn bei Kant Rudolf Steiner in seiner Philosophie der Freiheit erneut aufgegriffen hat. Weiter könnte zu Tage treten, dass Rudolf Steiner mit dieser „ersten Skizze“ ein bis dahin nicht ins Auge gefasstes, ein auf diese Ausgangslage hin zu erweiterndes Forschungsfeld zur weiteren Bearbeitung eröffnet und der Wissenschaft hinterlassen hat. Ein Forschungsfeld, das nicht nur das „Was,“ sondern gleicherweise das „Wie“ des Denkens ins Auge zu nehmen hätte - gewissermassen als einen Versuch eine über das abstrakte Denken hinausreichende erweiterte innere Haltung und daraus hervorgehend innere Anschauung in Bezug auf den Umgang mit dem eigenen Denken zu dokumentieren.
Gewiss, ein Verständnis von der Methode der seelischen Beobachtung, wie sie Rudolf Steiner nicht nur im Untertitel, sondern durchweg untergründig seiner ganzen Philosophie der Freiheit in meinen Augen dynamisch unterlegt ist nicht so ganz einfach heraus zu arbeiten, denn Rudolf Steiner beschreibt diese Methode selber nicht direkt, d.h. als eine gleichsam kopierbare Konstrukt-Schablone. Er geht in seiner Philosophie der Freiheit einen Weg und der fragend offene Nachvollzug dieses Weges erhellt schrittweise die zu Grunde liegende Methode der seelischen Beobachtung. Genau so wie das Befragen eigener Gedankenwege, samt ihren individuell sehr unterschiedlich zugreifenden und zu bändigenden inneren Wirkfaktoren in einem fortgeschritteneren Stadium vertiefter Selbstkritik zu immer klareren Begriffen, sprich einer inneren Anschauung derselben im Denken führt.
Mit dieser Anschauung geht ein wachsendes Erfahren der inneren Bewegungen des Denkens im Umgang mit Begriffen einher. Was Wille ist erhellt sich auf eine gänzlich neue Weise. Es kann sich aus meiner Sicht darüber hinaus auch die Möglichkeit des Zugriffs auf die innere Erfahrung eines subjektfreien Denkens über den Denkblick einstellen, der im Zuge eines dynamischen, durch Selbstkritik befreiten eigenen Denkens gleichsam als Steuerorgan der Denkprozesse in Erscheinung tritt.
Zu erwarten ist in meinen Augen, dass alles, wirklich alles zukünftig auf eigene Erfahrungen im Denken gegründet werden kann und von daher wissenschaftlich zu erforschen sein wird. Und das bedeutet auch, dass nicht wie noch vor 100 Jahren weiter hilfsweise „von einer übersinnlichen Welt gesprochen werden muss,“ da diese als Kraftgestalt im eigenen Denken wirksam anwesend so lange schlummert, bis das Denken sich dynamisch weit genug entfaltet hat, dass sie einsehbar wird. Nichts mehr ist und bleibt okkult, alles tritt unmittelbar und nondual im eigenen Denken zu seiner Zeit in Erscheinung, sofern der Wille im eigenen Denken dahingehend aktiviert werden kann und bewegt in Bewegung eine neue Dimension des Seins sich öffnet.
Auf Aristoteles geht die Peripatetik, zumindest in der stringenten Anwendung derselben zurück, Denken und Sprechen im Schreiten, Denken und Sprechen in und aus der Bewegung hervor. Von was sprach Aristoteles also, wenn er in seinen Vorlesungen denkend und sprechend vor seinen Schülern auf- und abschritt? Er erzählte ihnen von seinem inneren Forschen in eben diesem Augenblick, während er zu ihnen sprach. Wer sich auf Selbstversuche die Peripatetik  innerlich auszuforschen einlässt, der kann entdecken, dass er mit etwas Übung seine Gedanken immer flüssiger aus dem Augenblick schreitend lernt zu entwickeln und ein vorgefertigtes Sprechkonzept auf diese Weise hinter sich lassen kann. Die praktische Peripatetik führt das Denken in seine Gegenwärtigkeit, begleitet es an die Grenzen des Wissens und insofern es willensdynamisch aktiviert wird über diese hinaus.
Aristoteles berichtete seinen Schülern also von seinem inneren Grenzgang entlang des Nichtwissens; mit den Worten des Sokrates, wie sie von Platon übermittelt wurden von seiner Art des: „Ich weiss, dass ich nicht weiss.“ Aristoteles schritt, wenn er sprach demzufolge entlang des Ursprungs im Denken, vermittelte die Ursprünglichkeit der Bewegung im Denken und was von daher in Erscheinung treten kann.
Er erzählte ihnen, dass „er“ sie nichts lehren könne. Nur aufzeigen, was von ihnen gefunden werden könne, das sei ihm möglich, wenn sie ihrerseits, wie er an die Grenzen des „ich weiss, dass ich nicht weiss,“ sich vorwagten. Im Zusammenschluss mit der stetig fliessenden Bewegung des Denkens würde von daher erfahrbar werden, was in diesem ihren ureigenen forschenden biographischen Augenblick zu erfahren möglich sei. Das sei das innere Geheimnis des „Aktus,“ in dessen Umfeld er so einiges forschend einer ersten Klärung zugeführt habe. Er könne ihnen nur die von ihm weiter entwickelte Fragetechnik des Sokrates ans Herz legen und sie ermuntern in Selbstversuchen niemals in einem über ihn hinaus gehenden Erforschen innerer Bewegungen nachzulassen. Der Wille dürfe unter keinen Umständen vom Denken getrennt werden.
Der Wille wird als Bewegung erst in dem Masse greifbar, wie eine unmittelbare Annäherung an ein „Erleben“ des „ich weiss, dass ich nicht weiss“ tatsächlich erfolgt. Eine Vorstellung vom Inhalt dieser Aussage, selbst so etwas wie eine Art Empfindung davon, das lehrt die Erfahrung im vertieften Ringen um Annäherung an die Tatsächlichkeit des "ich weiss, dass ich nicht weiss“ sind nicht selbsterklärend. Das Denken als Bewegung, als Willensstrom, wird erst in diesen Grenzbereichen, wenn Grenzen sich auflösen und der Forschende dennoch weitergeht wirklich erfahrbar und ist in der Isolierung, dem fliessenden immer neuen Fokussieren auf nichts als den Willen hin, gelinde gesagt, nicht einfach zu verarbeiten.
Wer sich hierher vorwagt, der weiss aus eigenem Erfahren, dass er Katarakt artige innere Erfahrungs-Abbrüche wie auch unvermittelte Stürze zu überwinden und zu verdauen hat. Die fliessende Bewegung ist eine Erfahrungsweise, die blinde Flecken in dem solchermassen Erfahrung Suchenden sehr schmerzhaft sichtbar machen. Entsprechend stark umdrängen Ego-Spiele dieses Klärungsfeld um eine tatsächliche Begegnung und innere Verbindung im Denken mit dem zum jeweiligen Forschungsaspekt gehörenden Willensanteilen.
Einen modernen Vertreter und ausgezeichneten Logiker, der in meinen Augen auf eine hintergründig keimhafte Art und Weise über die Kimme des Abstrakten Denkens auf ein Prozesshaftes im Denken hinzuschauen scheint (siehe unten unter 1.1 … Gesamtheit der  T a t s a c h e n,  nicht der Dinge) sehe ich in Ludwig Wittgenstein. Wenn er selbst in seiner auf strenge Form hin ausgerichteten Sprache dies auch wie verhüllt (11). In meinen Augen zeigt sich hier die alte Bruchlinie, welche die Logik schon bald nach Aristoteles immer deutlicher durchzieht - die langsame Trennung von Form und formbildender Kraft, mit anderen Worten die Trennung des Willens vom Denken. Was in der Peripatetik des Aristoteles noch präsent war, verliert sich in der Folgezeit mehr und mehr und endet schliesslich in der Abstraktion.
Dem Wortstamm nach kommt Logik von Logos. Bis zu Aristoteles hin waren die Menschen noch mehr oder weniger verbunden mit den Logos-Kräften. Heute können wir auf diese Art von Verbindung nicht mehr zugreifen. Wir müssen neue Wege suchen. Wege, die der modernen Wissenschaft zugänglich sind. Übersetze ich „Logos-Kräfte“ in moderner Sprache mit „Struktur bildende Kräfte,“ so könnte das ein Ansatz für eine zeitgerechte wissenschaftliche Forschungsinitiative sein. Herbert Witzenmann hat in dieser Richtung weisend die Skizze einer  Strukturphänomenologie (12) vorgelegt und Johannes Wagemann hat mit seiner Dissertation „Gehirn und menschliches Bewusstsein“ (13) diesen Ansatz in einer bemerkenswerten Weise wissenschaftlich bearbeitet. Leider haben beide Arbeiten in SKA 2 keinen Eingang mehr gefunden, denn sie hätten das Format an so prominenter Stelle benannt zu werden und in weiteren wissenschaftlichen Aufsätzen aufgegriffen und fortgeführt zu werden. Nicht zuletzt auch als ein Beispiel wie wissenschaftlich forschender Geist aus anthroposophischem Hintergrund heraus sich mit mit klassisch akademischer Wissenschaft fruchtbar verbinden lässt.
Schliessen will ich dieses Essay mit einer Anregung an die Leser den Anfang des Tractatus logico-philosophicus  einmal in einer von mir prozesshaft bearbeiteten Version zu betrachten und daran ein vielleicht sogar erstmaliges Gefühl für den Willen in der  Sprache zu entwickeln. Ich selber will mich dazu an dieser Stelle weiterer Kommentierungen enthalten:
    
     Das Original:
     1         „Die Welt ist alles, was der Fall ist.
     1.1      Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.
     1.11    Die Welt ist durch die Tatsachen bestimmt und dadurch, dass es alle Tatsachen sind.
     1.12    Denn, die Gesamtheit der Tatsachen bestimmt, was der Fall ist und auch, was alles
                nicht der Fall ist.
     1.13    Die Tatsachen im logischen Raum sind die Welt.
     1.2      Die Welt zerfällt in Tatsachen.
     1.21    Eines kann der Fall sein oder nicht der Fall sein und alles übrige gleich bleiben.
     2         Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten.
     2.01    Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen (Sachen, Dingen).
     2.011  Es ist dem Ding wesentlich, der Bestandteil eines Sachverhaltes sein zu können.
     2.012  In der Logik ist nichts zufällig: Wenn das Ding im Sachverhalt vorkommen kann, so
                muss die Möglichkeit des Sachverhaltes im Ding bereits präjudiziert sein.
     2.013  Jedes Ding ist, gleichsam, in einem Raume möglicher Sachverhalte. Diesen Raum
                kann ich mir leer denken, nicht aber das Ding ohne den Raum.“ … (14)
    
    Meine Version:
    1          Die Welt ist alles, was im Bewusstsein in Erscheinung tritt.
    1.1       Die Welt ist die Gesamtheit der von mir tätig hervorgebrachten Tat-Sachen.
    1.11     Die Welt ist durch Tat-Sachen bestimmt, Tatsachen, die als Bewusstsein-Prozesse in
                mir aktiviert, sich allesamt als tätig von mir hervorgebrachte Tat-Sachen zeigen.    .
    1.12     Denn die Gesamtheit dessen was tätig hervorgebracht bestimmt, was der Fall ist
                und auch, was nicht der Fall ist, weil nicht selbsttätig hervorgebracht.
    1.13     Die Tat-Sachen, d.h. das was der Fall ist, ist tätig hervorzubringender 
                Bewusstseinsprozess und der Ausdruck immanenten Universalien-Geschehens
                im Prozessraum des Logos der Welt.
    1.2       Die Welt zerfällt und ersteht in Tat-Sachen, im selbsttätigen Dekomponieren und
                tätigen Hervorbringen derselben in Bewusstseinsprozessen.
    1.21     Eines kann der Fall sein oder nicht der Fall sein, weil tätig hervorgebracht           
                oder nicht und alles übrige gleich bleiben, weil nicht von Bewusstsein erfasst.
    2          Was der Fall ist, die Tat-Sache, ist wie aus dieser eigentätig
                Sachverhalte hervorgehen.
    2.01     Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Prozesssequenzen, die in geistigen und
                materiellen Gegenständen Form annehmen.
   2.011    Es ist dem Ding wesentlich ein in eine spezifische Form hinein verdichter                                     Bestandteil, eine prozessgelenkte Ausrichtung eines 
                sachgeleiteten Bewusstseinsprozesses sein zu können.
    2.012   In einer der Abstraktheit enthobenen Logik, mithin dem    
                fliessenden Niederschlag der Logos- bzw. Struktur gebenden
                Kräfte ist nichts zufällig.  Alles ist mit allem                                                         
                in beständigen Kräfteverbindungen verbunden
                und in diesen als Kraftpotenz der Möglichkeit nach enthalten.
                sachgeleitete Prozess-Ausrichtungen präjudizieren ein mehr oder weniger
                breites Spektrum von Sachverhalten, die in entsprechenden
                Formen sich als Ding ausdrücken.
    2.013   Jedes Ding als in die Form geronnener Ausdruck einer sachgeleiteten 
                Prozessausrichtung konstituiert sich in Bewusstseinsprozessen als zumindest
                vorübergehende Raumgebärde in bestimmten Sachverhalten. Dieser Potentialraum
                ist im Denkblick, der dynamisch seiner selbst bewussten Kraftmitte, dem
                Steuerungsorgan des Denkens erfahrend zu verorten, ist bestimmungslos und kann
                damit in sich als leer oder reine Potenz erfahren werden. …

Ob gegen die Auffassung von Ludwig Wittgenstein (15) in der Zukunft vielleicht doch einmal davon gesprochen werden kann, der Wille könne der Träger des Ethischen sein, muss gegenwärtig in meinen Augen offen bleiben.  Ich weiss, das kann als verhaltene Kritik gedeutet werden. Hat nicht Rudolf Steiner in seiner Philosophie der Freiheit vom ethischen Individualismus gesprochen? Gewiss doch. Inwieweit dieser ethische Individualismus im Einzelfall eingelöst, eben das ist die Frage? Für mich besteht die Quintessenz der Philosophie der Freiheit, als einem Willensbuch durch und durch, darin, dass der durch dieses Buch auszulösenden Selbstkritik auch innerlich standgehalten werden kann. Wie soll das gehen? Eben dadurch, dass dieses Buch nicht inhaltsbezogen gelesen wird.  Dynamisch ist dieses Buch zu lesen, als beständiger Begleiter durch meinen Alltag, indem ich mich in selbst aktualisierten seelischen Beobachtungen herausfordere mein Tun und Lassen unter die Lupe zu nehmen, um auf diese Weise mehr tatsächlichen Kontakt zu meinem Denken zu bekommen. Das mündet dann in Folge gewissermassen in einem inneren Umstülpen des eigenen Erkenntnisverhaltens, lässt mich meine je soziale Umwelt mit anderen Augen sehen und meine Verantwortlichkeiten aus einer so geweiteten Sicht neu bestimmen. Bündig gesagt, die seelische Beobachtung als fortlaufende Alltagsübung entwickelt die Fähigkeit eines gelebten ethischen Individualismus. Mit ihm wiederum kann ich, in Verbindung mit Ludwig Wittgenstein, auf eine moderne Weise selbstbestimmt bestimmen, „was der Fall ist.“
In einer Zeit der  > fake news  <;  und  > bad comments <, die Menschen und deren Biographien von einem Augenblick auf den anderen unter Umständen nachhaltig schädigen und sogar zerstören können, ist da eine neue Sicht auf das Denken nicht mehr als dringlich geboten? Mit was gehe ich da eigentlich um, wenn ich denke und wie steht es um meine Verantwortung, wann immer ich denke? Ist Denken etwas, das ich einfach so beiläufig und beliebig freisetzen kann oder erzeuge ich damit unter Umständen weitreichende  und schwerwiegende Wirkungen? Warum hat Rudolf Steiner so eindringlich darauf verwiesen, dass alle Vorstellungen zu verbrennen seien? Warum hat er dies zuletzt sogar damit in Verbindung gebracht, dass  den Grundstock der von Weihnachten 1923 her neu zu schaffenden Gesellschaft nur Menschen bilden könnten, die genau dies zu tun bereit seien? Alles sei mit Leben zu erfüllen, mit einem zu befreienden Willen aus ethischem Individualismus heraus. Und heute beinahe 100 Jahre danach? In meinen Augen ist Denken und Bewusstheit die alles entscheidende Frage.
Kant legt den Finger auf den Punkt, es geht um nichts weniger, als um die Willenskonfigurierung von Philosophie gegründet auf Erfahrung. In dieser Beziehung hat er seinerzeit auch gegen Swedenborg einen Damm errichtet, einen Damm gegen jede Art von „visionärem Zauber“ auch heute. Mit Ludwig Wittgenstein gesagt, geht es um das, was Tat - Sache ist, was als Wille durch mich in Wirkung versetzt und nicht um „ein Träumen in als ob Vorstellungen“ eines Seins-Zustandes, der nicht ist, weil nicht selbsttätig hervorgebracht.  Es geht darum Kant und Steiner als Zen-Meister einer je eigenen Gegenwärtigkeit zu sehen, die über die Zeit hinweg einander zuarbeiten „Ungeborenheit“ in ein verdichtet/fliessendes Jetzt hinein anzustossen (16) und um einen zeitgemässen offenen, wie allseits wertschätzenden Dialog im zutiefst sokratischen Sinn.

Bernhard Albrecht Hartmann


(1)   Ludwig Wittgenstein - Ein Reader: Das Wesen der Philosophie S. 315,                                                   Reclams Universal Bibliothek Nr.9470, Druckauflage 2011
(2)   Steiner Kritische Ausgabe  (SKA) 2, Frommann-Holzboog Verlag Stuttgart-Bad Cannstatt
        2016, daselbst Vorwort von Eckhart Förster S. XVI
(3)   SKA 2, Die Philosophie der Freiheit - Das Denken im Dienste der Weltauffassung, S.103
(4)   Eckhart Förster: Die 25 Jahre der Philosophie, Vittorio Klostermann Verlag Frankfurt a.M.,
        2. Auflage 2012, S. 185.
(5)   siehe hierzu die Untersuchungen von Herbert Witzenmann in: Intuition und Beobachtung
        Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1977 und 1978
(6)   SKA 7, Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten, Innere Ruhe
(7)   Karlfried Graf Dürckheim, Ton der Stille S. 44, N.F. Weitz Verlag, Aachen 1986
(8)   siehe Thomas Nagel: Geist und Kosmos, Suhrkamp Verlag Berlin, 5. Auflage 2014
(9)  siehe Information Philosophie: Die Zeitschrift, die über Philosophie informiert, 03/2013                  Teten Holms: Der Naturalismus, das metaphysische Vorurteil unserer Zeit, S. 8 - 17
(10) Eckhart Förster dito S.14
(11) Ludwig Wittgenstein, dito  Tractatus logico-philosophicus S. 45 Traktate 6.54 und 7
(12) siehe Herbert Witzenmann: Strukturphänomenologie, Gideon Spicker Verlag
        Dornach 1983
(13) siehe Johannes Wagemann: Gehirn und menschliches Bewusstsein, Neuromythos und
        Strukturphänomenologie, Shaker Verlag, Aachen 2010
(14) Ludwig Wittgenstein, dito S. 9, Traktate 1 - 2.013
(15) Ludwig Wittgenstein, dito Tractatus logico-philosophicus S. 43 Traktat 6.423   
(16) https://egoistenblog.blogspot.ch/2017/08/zen-meister-bankei-und-rudolf-steiner.html
(17) https://wege-der-befreiung.blogspot.ch/2017/08/glockengelaut.html#comment-form
(18) Nike von Samothrake, Paris Louvre