Sonntag, 9. Juli 2023

Schatten Aufmerksamkeit versus Schatten Blindheit

Kann es angehen, dass die sich selbst so benennende „Letzte Generation“ die Peitsche zur Umerziehung der Mehrheit der Menschen einzelner Regionen eines Landes ziehen kann ohne dass dem laut widersprochen wird? 

Was hier geschieht ist in seiner Handlungsweise nämlich in einem Masse von seiner Gesinnung hintergründig autoritär bestimmt, dass es eigentlich jeden Menschen, der in den Bannkreis derartigen „sozialen Umgangs* gerät unter seiner Haut frösteln müsste. Gewiss die Umweltkrise läuft auf einen Kipppunkt zu von dem her unumkehrbar der Katastrophenmodus zum bestimmenden Faktor gesellschaftlicher Lenkungsmassnahmen wird (1). Doch kann damit ein derartiges Vorgehen seine Rechtfertigung finden?

Betrachten wir „das Bild“ auf Hauptverkehrsstrassen festgeklebt sich dem Verkehrsstrom entgegenstellender Menschen einmal unter einer anderen Perspektive etwas näher. Hunderte von Verkehrsteilnehmern werden im Morgenverkehr daran gehindert (genötigt?) rechtzeitig ihre Arbeitsstelle zu erreichen. Ich wage es rundheraus einmal so zu sagen, sie werden geohrfeigt weil sie aus der Sicht der Kleber einfach nicht sehen wollen wie dramatisch sich die Umweltkrise zugespitzt hat. Deshalb sollen sie nach Art gewisser Eltern, die ihren Kindern morgens die wärmende Bettdecke wegziehen um sie zum aufstehen zu bewegen aufgeweckt werden. 

Sehen diese Menschen durchwegs wirklich nicht wie es um die Umwelt bestellt ist? Oder sehen die Kleber in ihrer eigenen Existenzpanik vielleicht Entscheidendes in diesem Zusammenhang nicht?

Der Entwicklung des Menschen liegt eine über Jahrtausende hinweg alte Weisheit zu Grunde. Nämlich die, dass die Menschen zu keinem Zeitpunkt ihrer langen Geschichte durch äussere Maßnahmen zur Umkehr in ihrem Verhalten bewegt werden konnten. Babylon, Alexandria und Rom mussten untergehen ehe sich Neues entwickeln konnte. Denn jede evolutionäre Bewegung hat ihren entscheidenden Keimpunkt in der Selbsterkenntnis einiger weniger Menschen und entwickelte sich von dort her evolutionär in die Breite. Evolution baut also auf der Selbsterkenntnis auf „Du“ allein musst dein Leben ändern bevor in der Breite grössere Veränderungen möglich werden können.

So betrachtet können sich also die Klimakleber auf der Strasse nach aussen bezüglich der Klimaproblematik wach, im Hinblick auf ihre „Innwelt“ Problematik aber blind in ihrem terroristischen Idealismus verklebt und die gehinderten Verkehrsteilnehmer zumindest in Teilen in selbsterzeugtem Zweckoptimismus es werde „irgendwie“ schon weitergehen eingekleistert erfahren. Schatten Aufmerksamkeit versus Schatten Blindheit treiben einander wechselseitig auf den Systemzusammenbruch  zu. 

Kein wie auch immer gearteter Aktionismus, wozu auch der sogenannte politische Realismus gehört, wird daran etwas ändern können. Was allein zählen wird je näher wir auf die Stunde Null hin zu rücken ist Mut. Der Mut von vielen einzelnen Menschen, die ihr Leben von Augenblick zu Augenblick in die Hand zu nehmen wissen und von dorther bereit sind das Mögliche unerschrocken zu tun.

© Bernhard Albrecht Hartmann 09. Juli 2023

(1)  Thomas Metzingerbewusst seins kultur" Spiritualität, intellektuelle Redlichkeit                                                                               und die planetare Krise, Berlin Verlag 3. Auflage 2023, 1. Kapitel


Montag, 26. Juni 2023

In Resonanz

Wann leben wir wirklich in Resonanz mit einem Du, das zu uns spricht? Und mit was kann uns dieses Resonanzfeld verbinden, so wir es in echtem Interesse erschliessen? 

Nun echtes Interesse bedarf der inneren Ruhe und von dort her des sich Herauslösen aus Lebenszusammenhängen in denen ich bis soeben noch gestanden oder mich bewegt habe. Interesse beinhaltet somit etwas wie einen Sitzplatz auf einer Aussichtsplattform einzunehmen, einen befreiten Blick sich zu eröffnen auf Neues, das ich so bisher mir nicht vor Augen gestellt habe. Heraus … lösen, Abstand herstellen. Eben Inter … esse aufbauen. Aussteigen aus der eigenen Sichtweise und den Blick öffnen auf …

Interesse stellt sich also nicht von alleine ein. Es fordert die Bereitschaft heraus sich einlassen zu können auf Neues. Und was sich hier in einem ersten Bemühen zunächst zeigt, wie vielfältig verschränkt sich unsere eigene Sichtweise darbietet - wenn wir auf sie hinblicken wollen - wie viele Rückkoppelungsspiegel aus verborgenen Asservaten Kammern wir unversehens bereitzustellen in der Lage sind, nur, um uns ja nicht mit dem Neuen in seiner ganzen Fülle konfrontieren zu müssen. Da ist es doch leichter Vorurteilsgase zu versprühen und sich mit dem Fächer eigen-sinnigen Vermeinens diese Gase wohlgefällig oder besserwisserisch um die eigene Nase streichen zu lassen, statt innerlich das „Bisher“ loszulassen und das Neue mit seiner ganz eigenen Lebensart zu zulassen. Interesse … Augen öffnen, Aufmerksamkeit bereit stellen - ein hoch aktives Unterfangen - das durchaus mit einem leisen Empfinden den Boden unter den Füssen zu verlieren verbunden sein kann.

Wann leben wir also wirklich in Resonanz … ? Wann? Vom Grunde her (Plato Höhlengleichnis) erst dann, wenn wir die Furcht in uns gemeistert haben im Wieder-Hinabstieg in die Höhle  unausweichlich zunächst allein uns selbst zu begegnen. Wie das, Interesse beinhaltet also zu allererst die Überwindung der Furcht vor der Selbstbegegnung mit uns selbst?

Versuch der Annäherung an diese Aussage über ein Beispiel. Ich begebe mich auf eine Internet-Reise nach Japan. Und begegne dort einer etwa 60-jährigen Japanerin bei der Arbeit in ihrem Garten. Kein professionell gedrehtes Video und doch zeichnet die Tochter die tägliche Arbeit ihrer Mutter in einer Weise nach, die berührt und bestürzt zugleich. Diese Frau bewegt sich in einer inneren Verbundenheit durch diesen Garten, in der alles über ihre Hände und Mimik zu sprechen beginnt. Eines geht ins andere über. Und da steht die Libelle auf einer wieder in den Garten integrierten Baumwurzel genau so im Mittelpunkt, wie ein stacheliger Baumsame oder der energische Griff der Frau nach einer schmalen Stechschaufel, um aus Bruchziegeln in der Wiederverwendung einen Gartenweg weiter auszubauen. Jede Bewegung sitzt und selbst die Übergänge zu einem neuen Arbeitsabschnitt sind in sich nicht gebrochen, sondern gestalten sich fliessend aus der inneren Haltung der Frau, die alles im Auge hat und unprätentiös von Innen heraus führt. Selbst die Augenblicke des Verweilen auf einem der zahlreichen verwunschenen Sitzplätze in ihrem Arbeitsreich sind Teil ihrer Verbundenheit mit dem Garten. Sie atmet, lebt und blüht in einem „stillen Rhythmus“ mit ihrem Garten. … Sparsame Musikuntermalung wie gleicherweise deutsche Untertitel wechseln mit Stille, einer immer wieder lange anhaltenden Stille, die durch die Hände dieser Frau wie tönt. Diesen Garten durch die Jahreszeiten zu einem Gesamtkunstwerk werden lässt.

Selbstbegegnung mit der Stille. Wer hält dies wie lange aus und kann diesen Faden der Stille über die Arbeit seiner Hände durch den Tag in sein Arbeitsverhalten wie einweben?

Die Stille am Sonnenaufgangspunkt einer Resonanzfläche hin zum Du. Vielerorts unterdrückt, weil uns die Furcht vor eben dieser Stille wie fortreisst, da wir ihr nicht zu begegnen wissen. Kleine Kinder bieten uns diesen Weg in die Stille selbstloser Teilhabe mit ihrem Tun immer wieder an. Wie reich sind sie. … Wie viel Bereicherung können wir erfahren, wenn wir in solchen Momenten loslassen. Dem Loslassen uns überlassen ohne wenn und aber.

© Bernhard Albrecht H. 26.06.2023

Freitag, 16. Juni 2023

"Der Blick von Nirgendwo" - eine dynamische Denkpotenz

Ist in vielen Lebensbezügen heute nicht eine hintergründig latent beunruhigende Empfindung mehr oder weniger deutlich spürbar, dass der Boden unter den eigenen Füssen wie wegbrechend sich anfühlt? Eher selten wirklich greifbar, aber gerade deshalb - für Augenblicke  - verunsichernd. Augenblicke, die, um nicht aus dem Tritt zu geraten, schnell wieder wie mit einem Schleier überzogen werden. Was hier jedoch für den Moment die Sicherheit wieder herstellen soll, das eigene innere Gleichgewicht aufzufangen sucht, lässt die unterschwellige Furcht vor entscheidend nächsten Schritten mitunter nur wachsen und befördert so unvermeidlich die Entstehung illusionärer Wirklichkeitsverzerrungen in Form von Meinungen, bzw. inneren Einflüsterungen über das was angeblich ist. Die Wirklichkeit der ich mich vom Grund her individuell zu stellen hätte flieht über nicht weiter konkretisierte innere Horizonte. Was bleibt sind augenblickshaft äussere Umklammerungen angeblicher Wirklichkeiten Zuweisungen und aus meiner Vergangenheit unter dem Deckel gehaltene „so ist das eben Sedimente,“ für die ich im Jetzt dieses Augenblicks keine Veranlassung sehe sie neu zu hinterfragen.

Was aber ist meine Wirklichkeit, was ist die Wirklichkeit. Weiss ich mich in ihr in aufmerksamer Tateinheit zu verorten oder schwimme ich eher in einem breiten Strom von innen wie zugeflüstertem und von aussen schlichtweg ohne grosses Hinsehen adaptiertem Vermeinen über das was Wirklichkeit - die Wirklichkeit - ist, ohne meinerseits einen eigenständigen Zugriff darauf zu haben. Eigenständiger Zugriff: Leichter gesagt als getan. In einer Welt, die so schnelllebig, mitunter geradezu minutiös getaktet ist, wie kann ich da noch Innenräume in Form von Zeitfenstern bereitstellen um von dort her meinen Zugriff auf Wirklichkeit eigenständig zu bilden? Muss ich da nicht durch vielfältige Schichtungen hindurch auf Meinungssurrogate anderer Menschen zurückgreifen, um wie es so schön heisst mich aus der Wirklichkeit nicht ausgeschlossen zu fühlen oder mindestens an den Rand von Geschehnissen gestellt zu sehen, die ich nur noch unvollständig verstehe. Was ist also Wirklichkeit innerhalb des ständig mich überflutenden Meinungsstromes, mit all seinen Täuschungen, denen ich verfalle weil ich nicht aufmerksam genug bin?

Aufmerksamkeit und Wirklichkeitsfindung: Aufmerksamkeit kann in seiner ganzen Kraft sich nur durch das Tor des Augenblicks freisetzen. Sie ist also von ihrer Kraftentfaltung her, vom Erfahren der ihr innewohnenden Kraftpotenz das Momentum fliesender Unmittelbarkeit. Die fliessende Unmittelbarkeit ihrerseits ist der innere Zustand - so ich mich auf einen derartigen Weg einlassen kann - der über punkthaft verdichtete Konzentration hinausreichend mich an die innere Sphäre der Hoch-Wachheit heranführt. Die in mir jene tiefere Gegenwärtigkeit zur Anwesenheit bringt durch die ich bewegt in unmittelbarer Bewegung mich erfahre. Mir die Augen in fliessender Teilhabe für alles was immer sich mir in meinem unmittelbaren Blickfeld zeigt öffnet, soweit ich interessierte Offenheit dafür bereitstelle. Die Augen für das Wesentliche im Wirklichen des Augenblicks weitet und die konstituierenden Kräfte des Geistes hinter äusseren Wirklichkeitsschleiern mehr und mehr sichtbar werden lässt. Geübte Aufmerksamkeit erschliesst mithin als Wesentliches die Geistessphäre im - bewegt erhöhten Augenblick, - was von der inneren Verfahrensweise her kein übersinnlicher Vorgang ist, sondern ein Verfahren, das letztlich auf das tiefer reichende Ableiten von Sedimenten lange unerkannter Vorstellungen beruht. Anschauen in bewegter Unmittelbarkeit führt mich ins Nirgendwo.

Der Blick von Nirgendwo als vorstellungsfreies Geschehen: Wirkliche ganz von innen her errichtete Aufmerksamkeit, in Tateinheit also bewegtes Hervorbringen und sich Lösen von allen inneren Haltestangen, was nicht so ganz einfach ist da nicht wenige zunächst unbewusste Bewusstseinsfestlegungen sich lange verborgen halten können, beinhaltet ein Hineingleiten in das Nirgendwo. Das Nirgendwo als Erfahren ist raumzeitloses Erfahren, ein Erfahren das dem Stehen auf bewegten Wellenbergen ähnlich ist ohne im Stehen daselbst zu versinken. Wer das Schwimmen gelernt hat kann in der Rückerinnerung darauf auf Erfahrungen von Bodenlosigkeit zurückgreifen, die einen um sich schlagenden Schrecken auslösten bis die neue Erfahrung sich an seine Seite stellte, dass ich durch Bewegen die Oberhand über dieses Geschehen herstellen kann und von daher nicht fürchten muss unterzugehen. Das Nirgendwo als Realerfahrung ist im Inngang seelischer Beobachtungen nun ein erhöhtes Erfahren von Bodenlosigkeit. Es ist ein Erfahren, das sich auf nichts anderes stützen kann als bewegen, bewegen, bewegen …

In diesem Bewegen fallen sodann nach und nach alle Schleier über unserer bis anhin vorstellungsdurchwirkten Wirklichkeit. Ich bin von diesem Augenblick an herausgefordert verantwortlich aus vertiefter Sinnlichkeit heraus an dem was Wirklichkeit sein kann schöpferisch schaffend mitzuwirken.

Sinnlichkeit vertieft verläuft nicht übersinnlich, sondern ist ein Ich geleiteter Sinnen-Vorgang in nichts als fort und fort sich steigernde innere Intensität von Bewegung hinein. Diese Bewegung ist die Kraft, die den Denkblick aus sich in fortgeschrittenem Üben mehr und mehr verdichtend hervorbringt. Nachvollziehbar für jeden - auch wissenschaftlich - der über den mehrheitlich inhaltsbezogenen, also nach aussen gewandten Umgang mit dem Denken hinaus schreitet und sich selbst was sein inneres Tun betrifft auf seelische Beobachtungen einlassen kann. Bereit ist fragend bis auf den Grund und durch das Nirgendwo im Sinne des Sokrates hindurch zu gehen. Das bedeutet: Es reicht nicht regelmässig seine 10 km Laufen als Konditionstraining zu absolvieren, sondern es geht darum im inneren Krafttraining eigene Gedankengebilde so weit zu durchdringen, bis alles Vorstellen in ihnen sich auflöst. Kurz, Du im Nirgendwo als innere Erfahrung Heimat findest und dich in die Intensität des Bewegens dort in fliessender Gegenwärtigkeit furchtlos einzugliedern weisst.

Alles muss sich laut Emanuel Kant auf Erfahrung gründen. Das hat demgemäss auch für das Denken zu gelten. Nur ist Kant nicht wirklich bis zur inneren Erfahrung des Denkens vorgedrungen. Er hat das Denken in seinen Strukturen erforscht. Dies jedoch nur in seiner abstrakt analytischen Gestalt. Vor der eigentlich inneren Anschauung des Denkens ist er stehen geblieben. An dieser Nahtstelle hat Rudolf Steiner Kants forschende Spur wieder aufgenommen und mit seiner Philosophie der Freiheit ein Beispiel für die Anwendung der seelischen Beobachtung als wissenschaftliche Methode hinterlassen. Eine Methode, die in ihrer Bedeutung in wissenschaftlichen Zusammenhängen bisher wenig Beachtung fand. Nicht weil sie als Forschungsinstrument für nicht tauglich befunden, sondern weil sie in ihrer Handhabung nicht wirklich ausgelotet und damit aus meiner Sicht nicht verstanden werden konnte. Hier besteht also noch Forschungsbedarf.

Über das hinaus was ich aus der seelischen Beobachtung heraus den Forschungsansatz Rudolf Steiners aufnehmend und weiter entwickelnd, beispielgebend zur inneren Vorgehensweise hier und in vorausgehenden Blog-Beiträgen bereits gesagt habe, will ich nicht bestreiten, dass dies in meinen Augen nicht mehr als leise Kontur-Erweiterungen sind. Da es sich dabei um sehr individuelle Vorgehensweisen handelt bedarf es des Mutes und der inneren Ausdauer vieler, die angesichts der gegenwärtigen Verfasstheit der Wissenschaft sich darauf einlassen wollen diesen Forschungsansatz bemerkenswerter im wissenschaftlichen Räumen zu etablieren. Die latente Furcht die Subjekt/Objektschranke als abstrakt mühsam herausgearbeitetes wissenschaftliches Forschungsresultat einer langen Wissenschaftsgeschichte könnte dabei kompromittiert werden ist nicht von der Hand zu weisen. Sie wird sich nur in einer selbst zu machenden umfassenden inneren Anschauung und daraus hervorgehenden geweiteten Einsicht  bezüglich der  gemachten E R F A H R U N G E N überwinden lassen. Und damit - sachlich - auch ihre Grundlage verlieren, denn  der nicht zu umgehende notwendige Abbau bisheriger Vorstellungen über Mensch und Welt wird die bisherige Blickweise auf die Wirklichkeit erfahrungsbasiert nachhaltig verändern. Vorsichtig gesagt wird die Welt von Morgen was die überkommene duale Ausrichtung von Selbst und naturwissenschaftlich empirisch begründeter Aussenwelt so nicht mehr zu halten sein. Gelingt es nämlich den von Aristoteles keimhaft angedachten Aktus als urmenschliche Kraftpotenz geisteswissenschaftlich über die bisherige abstrakte Anschauung hinausreichend erfahrungsbasiert im Denken zu verankern, so hat das weitreichende Auswirkungen.

Thomas Nagel sagt diesbezüglich in seinem Buch - Der Blick von Nirgendwo - : "Könnte man aufklären in welcher Beziehung die interne und die externe Perspektive" (die subjektseitig, bzw. objektseitig Perspektive in der Vorstellungsbildung) "zueinander stehen, auf welche Weise jede von ihnen so entwickelt und verändert werden kann, dass sie der anderen Rechnung trägt, und wie beide im Zusammenspiel das Denken und das Wirken jeder einzelnen Person bestimmen können, so käme dies einer Weltanschauung gleich.“ (1) Den Problemen, die sich ihm im Zuge seiner Ausführungen stellen will er dabei unter keinen Umständen ausweichen und bezeichnet das in seinen Worten nüchtern so: "Philosophie (und Wissenschaft?) darf keinesfalls zu ermässigten Ansprüchen ihre Zuflucht nehmen (2)“ Sie fusst auf der steten Weiterentwicklung "ihrer eigenen unterentwickelten Fähigkeiten (3)" und was not tut, so ich in der unweigerlichen Kollision einander widerstreitender Perspektiven auf das "Absurde" stosse, "ist der Wille, es mit ihm aufzunehmen (4)," den fremden Vorstellungskonstrukten ins Auge zu schauen und angesichts eigener nicht hinterfragter Vorstellungsgebilde diesen in Projektionen nach aussen hin nicht auszuweichen, um die möglicherweise notwendige innere Umkehr so zu umgehen (5).

…  in der Vorstellungsbildung „zueinander stehen, auf welche Weise jede von ihnen so entwickelt und verändert werden kann," (1) …  Es geht damit also um das Hinschauen, das vertiefte Hinschauen und das Fragen, auf das ich bereits unter verschiedenen Aspekten daraufhin laufender Beobachtungen an verschiedenen Stellen wiederholt verwiesen habe. Was weiss ich wirklich, wenn ich solchermassen die inneren Bewegungsabläufe in der Konstitution meiner Denkabläufe, das heisst das bildsame Hervorbringen daselbst näher zu untersuchen versuche. Je weiter ich mich da vortaste und dabei zu verstehen versuche was da jeweils geschieht, wie ich hier verwickelt bin, bzw. in grössere Klarheit und innere Überschau hinein ich mich aufrichte, umso dringlicher treten die Fragen an mich heran, was weiss ich wirklich. Ich bemerke immer eindringlicher, dass ich mich so manchem mich anfallenden Bestreben der Verantwortung für das was hier geschieht nicht mehr entziehen kann. Bewusstseinsseele, wie sie sich hier unter meinen Augen bildet fordert ihren Tribut, was heisst Einsicht, auch und gerade schreckhafte Einsicht wie innere Umkehr. So wie bisher geht einfach nicht mehr. Selbstverantwortung ist in den Räumen des „erkenne Dich selbst“ nicht verhandelbar. Und zwar in dem strengen Sinne, dass ich mich fortan in dieser Verantwortung hinter niemanden mehr seitwärts flüchtend in die Büsche schlagen kann. Meine Verantwortung bleibt meine Verantwortung. Ich kann sie nicht einmal in Teilen auf andere übertragen. Das „erkenne Dich selbst“ weicht nicht von meiner Seite, auch dann nicht wenn auf mein mich Wegdrücken aus der Verantwortung scheinbar nichts geschieht. Schwerthaft in seinem Ausdruck bleibt es dennoch gegenwärtig.

So bleibt auch auch die von Fall zu Fall fortlaufend neu aufzulösende Subjekt-/Objektspannung in beständiger Gegenwart durch mein - das Leben im gesellschaftlichen Umfeld heute und morgen - bestehen. Der Wind der Wandlung gebiert sich aus dem inneren Aushalten des Fragens schlechthin. Die Lösungen für die gegenwärtige Klimakrise wachsen nicht so einfach auf den Bäumen an den Lebensrändern unser aller Leben. Sie wollen reifen. Reifen in meiner, unserer aller Innwelt. Mit Empörung auf die Klimakleber zu reagieren verschiebt nur das Problem ohne es zu lösen. Wir alle leben auf die eine oder andere Art in und mit der Angst. Es geht also im Grunde um Gleichgewichtsbildung in unser aller je eigener Seelenlandschaft. Den Knüppel der Empörung aus dem Sack fahren zu lassen mag zwar für einen kurzen Augenblick entlasten, die dabei freigesetzten psychischen Gase vernebeln aber mögliche Wege auf zu findende Lösungen hin. Und das gilt für die Klimakleber wie gleicherweise für all diejenigen die mit Empörung, bzw. unterschiedlichen Formen der Beschwichtigung auf ihr Tun reagieren. Beide Seiten umgehen auf diese Weise ihre tiefer aufzuhellende Selbstverantwortung. Selbsterkenntnis ist heute nicht zu billigen Tarifen zu erlangen. Sie schmerzt bevor sich Wege der Heilung öffnen. Im persönlichen und im gesellschaftlichen Umfeld (6).

© Bernhard Albrecht Hartmann, 16.06.2023

(1)  Seite 11, Abs. 3, Vorrede in: Thomas Nagel, Der Blick von Nirgendwo Suhrkamp TB 2012

(2)  Seite 22, Absatz 27, Vorrede in: Thomas Nagel, dito

(3)  Seite 23, Absatz 28 dito 

(4)  Seite 24, Absatz 29 dito

(5)  https://ich-quelle.blogspot.com/2016/07/einige-anmerkungen-zu-thomas-nagel-der.html

(6)  https://ich-quelle.blogspot.com/2015/07/von-der-inneren-umkehr.html  


Donnerstag, 8. Juni 2023

Vom geistigen Pfingstfeuer

Das Wort von der Zeitenwende tickt nicht erst seit den Tagen nach dem Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine in vielerlei Nachrichten um die Welt. Es ist unter den Menschen hintergründig präsent mindestens seit der Mensch in seinem individuell werdenden Denken sich unmittelbarer zu emanzipieren begann. Wer diesem Zeitenwende-Phänomen tiefer erlebend näher treten will kann dies schon in dem Verhältnis von Aristoteles und Platon nach dessen fluchtartiger Rückkehr von seiner letzter Syrakus Reise identifizieren. Weniger als historisch dokumentiertem Tatbestand, sondern der Möglichkeit nach als geistig erlebbar zu erweckenden Tatumstand in dem weiteren  Lebensumgang der beiden nach dieser Reise. 

Aristoteles verlies bald danach Athen. Mehr äusserlich betrachtet wird das historisch gesehen als Folge der wachsenden Spannungen von Athen gegenüber Mazedonien, der Heimat des Aristoteles angesehen. Wer tiefer hinschauen will kann in diesem Umstand die zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zu überbrückende Differenz der beiden was ihre Denkweise betrifft ausmachen. Realismus versus Idealismus im Denken oder anders ausgedrückt die Umkehrung der Deutung des Höhlengleichnisses von Platon durch Aristoteles. Aristoteles sieht in dem Wieder-Hinabstieg in die Höhle die letztendlich mögliche Vollendung der Befreiung des Menschen von jedweden Fesseln, für Platon hingegen ist diese Befreiung bereits erfüllt in dem Ausstieg aus der Höhle, hinein in die Ideenschau, das Sonnenlicht im Geiste. 

Aristoteles stand eine völlige Neuordnung des Verhältnisses von Physis und Logos im zu erfahrenden Denken vor Augen. Keimhaft im Ansatz, denn das Denken, sprich das Erkenne Dich selbst im Denken zu verorten, Anschauung werden zu lassen ist hintergründig besonnt sein Ansinnen in allem was sich um den Aktus dreht. Denken als tatsächlichen fortwährend zu aktualisierenden Willensprozess zu veranschaulichen. Oder anders ausgedrückt fragend durch das Niemandsland des „ich weiss, dass ich nicht weis“ bis auf den Grund des Erwachens für die Wirklichkeitsbildung im Denken hindurch zu gehen und anschaulich im willentlichen Denkvollzug zu dokumentieren, das war tiefer betrachtet seine Erkenntnisperspektive. Hier unterschied er sich von Platon und sah sich demzufolge vor die Entscheidung gestellt seinen eigenen Wege zu gehen, was bedeutete sich von Plato und seiner Denkweise deutlich abzusetzen. 

Idealistische Ideenschau versus fortlaufend realaktualisierte Peripatetik im Denken. Der innere Dreischritt - GEHEN, SPRECHEN, DENKEN - als selbstverantwortlich gestalteter Willensprozess war und ist das bis heute unvollendet gebliebene Zeitenwende Vermächtnis des Aristoteles.

In welcher Beziehung steht dieses nun zu dem oben benannten Titel dieses Essays? Geistiges Pfingstfeuer als Ereignis des Erwachens am anderen Menschen und … wie ich hier ergänzend hinzufügen will, die Überwindung der Furcht im Durchgang durch das Niemandsland im Fragen bis auf den Grund. Im Fragen auf das Erwachen des individuellen Denk-Augenblicks im eigenen Denken hin. Erwachen in das „tatsächlich“ immer umfänglicher willentlich geführte Denken, das Denken in unmittelbarer Tat-Einheit mit sich selbst. 

Die Quell-Dohle von der aus dieses Pfingstfeuer von Augenblick zu Augenblick sich immer tiefer erfahren liesse ist das Du des jeweilig anderen Menschen. Denn im Spiegel des Du kann ich erinnernd erfahren wer ich im eigentlichen Sinne des Wortes bin. Am sich mir mitteilenden Du kann, sofern ich meinerseits mich in der Anschauung ohne jedwede Urteilsabschweifung, sprich prolongierte Selbsttäuschung mir selbst gegenüber, bzw. im Rückhalt von Urteilsübertragungen auf das Du hin zu halten weis, ich mich als den der ich in meiner schöpferischen Willensgestalt bin nach und nach von innen her immer besser ausrichten. Das innere Feuer zur aktiven Selbstverwandlung erwacht und nimmt gemäss der eigenen Bereitschaft zur Wandlung in fortlaufenden Du Begegnungen Fahrt auf.

Das Ich ist allein dem verantwortlich, was aus dem wachsenden Erinnern sich kundgibt. Und mit dem was von dort her mit allen weiteren Konsequenzen in seine Hände gelegt wird, ist es von seinem inneren Wahrnehmen her immer unabweisbarer angehalten die Gebärmutterhülle des Ego zu verlassen. Angstfrei, denn aus dem Denken kann ich nicht herausfallen, ich kann nur immer und immer wieder den Einstieg in seine Tiefen verweigern - aus Angst. Insofern ist der Kern von Zeitenwende, dass ich die Verantwortung für dieses mein Denken ohne wenn und aber übernehme. Nicht also der Selbsttäuschung von Verschwörungen jedweder Art verfalle, sondern meinerseits alles bis auf den Grund hin hinterfrage. Das Selbsterkennen erinnernd annehme und in Taten umsetze.

Von Pfingsten her weht der Wind zur eigenständigen Selbstverwandlung im Denken gemäss meinem Erinnern und Besinnen wie es durch das Du meines Schicksalsumfeldes an mich herangetragen wird. Konkret gesagt: Ich kann mich hinfort nicht mehr meiner Selbstverantwortung entziehen deutlicher meine Zeitenwende Verantwortung in die Hand zu nehmen. Und … hier zu tun was immer wenn auch nur im Kleinen mir möglich ist. Von Zeitenwende nur zu reden ist ein Unding. Die Zeitenwende durch andere zu erwarten ebenso. Zeitenwende vollzieht sich als weitreichende soziale Verantwortung und kann vom Grunde her nicht umgangen werden.

Über das Denken ist nicht erst seit heute alles mit Allem in subtilen Wirkverhältnissen untereinander verbunden und aufeinander bezogen. Der Unterschied zu früheren Zeiten ist der, dass die Verantwortung des Einzelnen heute eine viel viel grössere ist. Zeitung lesend am Weltgeschehen Anteil zu nehmen ohne täglich aktiv meinen eigenen Selbsterkenntnis Acker zu bestellen ist nicht mehr ausreichend in einer Zeit da die Chaos Kräfte unmittelbar vor der eigenen Haustüre am Wirken sind.

Demzufolge ist es buchstäblich auch naiv zu glauben mit militärischen Mitteln den Ukraine Konflikt bewältigen zu können. Es ist aber ebenso geradezu hirnrissig per wie auch immer gearteter Appellation Frieden anmahnen oder herbei reden zu können. Wenn seit dem durch Putin autorisierten Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine von Zeitenwende gesprochen wird, so ist mit dieser Tatsache nur das Zeitenwende Phänomen, das durch die gesamte Geschichte ein zu jeder Zeit ablesbarer Entwicklungsfaktor war erneut aus dem Schatten in den Vordergrund getreten.

Aus dem Schatten: Putin muss Einhalt geboten werden. Aus seinem Handeln jedoch, von welcher Seite auch immer ein Böse-Buben Spiel zwischen Ost und West mit noch so griffigen Argumenten vermeintlich unwiderlegbar ausmachen zu wollen, das geht an den wirklichen Notwendigkeiten vorbei. Denn der Krieg um die Ukraine wirft ein nicht mehr beiseite zukehrendes Schlaglicht auf tiefere Wirkverhältnisse in diesem Konfliktfeld. Dieser Krieg ist kein Stellvertreterkrieg der Ukraine für Europa, er ist ein Krieg um das Bewusstsein des Menschen und dessen aktiv zu entfaltende Potenz darinnen - das Ich. Die Entfaltung des Ich kann erst wirksam werden mit dem Eingeständnis, was habe ich auf meinem individuellen Entwicklungsweg durch dieses mein Leben versäumt (?) an die Hand zu nehmen. Wo habe ich meinen zumeist eher verborgeneren Ego-Bedürfnissen immer wieder den Vorrang eingeräumt vor meinem stetig in grössere Tiefen hinein zu erweiternden Selbsterkenntnis-Prozess. Denn der tote ukrainische oder russische Soldat gerade heute am Donbas steht in einem unmittelbaren Wirkverhältnis damit. Es ist dies keine Frage von Schuld sondern von not-wendend aufzubauender und durchzuhaltender Wachheit im Umgang mit meinem Denken. Verantwortung die nicht auf andere übertragen werden kann. Denn ich bin mitverantwortlich für alles was immer in der Welt geschieht, ich bin Teil des welthaften Bewusstseinsprozesses.

© Bernhard Albrecht Hartmann, 08.06.2023


Sonntag, 4. Juni 2023

Fragment 1/2023

Nur dem Anschein nach ist die Stille unverwortbar. Denn - ihrer inneren Essenz nach - weiss sie sich allzeit sehr lebendig auszudrücken und ist als Quelle allumfassender schöpferischer Kraft immer und überall zwischen den Worten präsent. Nur ist die gegenwärtige Zeit eine solche, dass es mitunter recht schwierig ist der Stille in ihrer Tiefe teilhaftig zu werden. Zu viele der Vorstellungen stehen den Menschen im Weg, bauen sich scheinbar unüberwindbar in der eigenen Seele auf und behindern so den Weg des Menschen in das unmittelbare Erfahren der Stille.

Sie hindern den Menschen einerseits Abstand zu nehmen von dem, was auf ihn beständig von aussen her vereinnahmend einzuwirken, ihn auf der anderen Seite nach innen hin in der einen oder anderen Weise zu binden sucht. Die Stille bleibt daher unentdeckt, obwohl sie in Tateinheit  beständig gegenwärtig ist.

In Tateinheit: Die Stille will gesucht sein, - gefunden werden - durch den eigenen Willens-Ausstieg aus den Turbulenzen des Alltags. Sprich, der Weg zur Stille öffnet sich über das nachhaltig geübte Innehalten und damit das Erfassen des Augenblicks als fortlaufend immer stärker sich manifestierende innere Erfahrung. Der Grund auf dem die Stille beheimatet lebt „ist“ mithin als  höchst dynamische Willenspotenz zu beschreiben - fern aller Abstraktheit. Eine Potenz, die den eigenen Kraftbereich beleben wie niederschmettern kann. 

© Bernhard Albrecht Hartmann 04. Juni 2023

Freitag, 14. April 2023

WindWorte 3

Es ist die Stille die erfahren sein will. Die Stille zwischen den Worten Deiner täglich nach aussen „und“ nach innen geführten Kommunikationsprozesse, die innehaltend zwischen diesen Dialog-Puzzele-Teilen der Worte Dir begegnet, so Du aufmerksam Dich dafür offen halten kannst. In dieser Stille wird Dir Dein Weg, wird Dir das was selbsterkennend für Dich gerade jetzt ansteht immer deutlicher sichtbar. Ganz bei Dir erwachst Du im inneren Gleichgewicht mit Dir gewissermassen in Dein menschliches Urversprechen auf-zu-erstehen.

Die Auferstehung von Ostern ist Deine Botschaft des modernen Selbsterkennens an Dich. Ostern heute also nicht ein Vergangenheit bezogener Gedenk- und Feiertag, sondern der Ereignistag für Dein aktiv in den Alltag hinein umzusetzendes Selbsterkennen. Selbsterkennen als fliessend in Bewegung gebrachte Aufmerksamkeit Deiner schöpferischen Selbstverantwortung.

Du kannst die Welt weder in Deinem grossen noch in Deinem kleineren gesellschaftlichen Umkreis retten, denn das ist nicht Deine Aufgabe. Es ist von daher müssig da oder dort in Deinem Umfeld diese oder jene Fehlleistungen zu bemängeln. Genau so wenig ist es zielführend Dich auf Mutmassungen über angebliche Verschwörungen einzulassen. Dies ist im Grunde nämlich nur eine gross und gleichzeitig subtil angebahnte Täuschung, die Dich von Deinem eigentlichen Weg der nach innen hin zu vertiefenden Aufmerksamkeit Entwicklung abbringen will. 

Du kannst von heute her etwas konkreter benannt in Schulklassen aus dem Ruder laufende Disziplinlosigkeiten nicht „nachhaltig“ verändern, solange es Dir nicht gelingt eine Haltung fliessender Aufmerksamkeit zu entwickeln, denn Disziplinlosigkeit gründet in fehlender Aufmerksamkeit für diese Kinder meist über eine längere Zeit hinweg und unter nicht selten für sie traumatischen Umständen. Was sie viel zu wenig haben ist anhaltend warme menschliche Zuwendung gerade in den kleinen Belangen ihres Alltags. Von Beschäftigung Informationen noch und noch geradezu überflutet geht ihnen die innere Orientierung verloren, die nur in der Geborgenheit Auge in Auge zu keimen und zu wachsen vermag. Sie müssen viel zu früh funktionieren und laufen so ohne es zu wissen warum alarmiert aus dem Ruder. Die Erwachsenenwelt reagiert darauf dann oft viel zu spät und häufig unangemessen. Denn: Erziehen von Kindern kann nur nachhaltig gelingen auf der mindestens gleichlaufenden Selbsterziehung der Eltern und Lehrpersonen.

Rafael hat in seinem grossen Bildwerk „Die Schule von Athen“ jene Stille von der ich hier schreibe in einer grossartigen Imagination ihren gestalthaft farbig konkreten Ausdruck verliehen. Sie, die Stille ist immer da - auch mitten in den so oft chaotischen Turbulenzen - in unserer heutigen Welt. Sie nimmt das was immer geschieht in sich hinein und begleitet, befreit die Menschen aus allen nur denkbaren Wirrnissen ihrer jeweiligen Lebensverhältnisse. Still und unermüdlich.

© Bernhard Albrecht Hartmann 04.04.2023


 

Sonntag, 4. Dezember 2022

WindWorte 2

Wenn Sinnesoffenheit in Achtsamkeit tiefer hineinwächst gehst Du auf einer inneren Ebene irgendwann durch das Tor des Schweigens. Was nicht heisst, dass Du damit für das alltägliche Leben verstummen musst. Nein. Du wirst ganz bei Dir immer wacher für das was Du jeweils tust, was heissen kann, dass auch das Wort merklich immer bedeutsamer für Dich und Deinen Umgang mit ihm wird. Kommunikation bekommt eine neue und tiefere Bedeutung und das kann auch eine zeitweise Hemmung im persönlichen Umgang mit Worten zur Folge haben. 

Die bisherige meist eher gegen aussen agierende seelische Empfindsamkeit weitet sich mit Aufmerksamkeit-Übungen. Du rückst mehr ins Zentrum, wirst zum immer unmittelbar erfahrenden Kreuzungspunkt allseitig in Dir und um Dich herum sich begegnender Empfindungen. Sie verflüssigen sich gewissermassen. Verletzungen treten schneller in Erscheinung. Du spürst allenthalben, dass Du selbst alltägliche Willensstrebungen gehalten bist mehr geführt in Deine Hände zu nehmen, damit Du nicht unversehens aus dem Gleis gerätst. Der Wille ist immer weniger das was Dich selbstverständlich trägt. Du musst die Führung übernehmen.

Schuldige im Aussen zu suchen wird obsolet und bisher verlässliche Schutzmechanismen brechen weg. Du erfasst von Mal zu Mal tiefer die Herausforderung, die darin sich zeigt, dass vermeintlich andere es sind, die Dich da oder dort scheinbar verletzen und im schlimmsten Fall sogar vorübergehend erschöpft einknicken lassen und Dein Seelenerleben abdunkeln. Der Anschein trügt. Sie treffen durch ihr Tun nur eine Wunde in Dir, die vordem schon da war und möglicherweise schon eine lange Zeit dort vor sich hin schwärte. Ihre vermeintliche Untat beinhaltet in Wirklichkeit also nur eine Briefbotschaft mit einer Aufmerksamkeit-Übung. Widme diesem oder jenem bestimmten seelischen Erlebnisbereich in Dir mehr Achtsamkeit … 

Bewusstseinsseele“ fällt Dir nicht in den Schoss, sie will in Respekt vor jedwedem anderen Menschen erarbeitet sein. Freiheit ist kein zu beanspruchendes Gut. Sie will individuell aktiv hervorgebracht und gestaltet sein.

© Bernhard Albrecht Hartmann 04.12.2022

Der Ukraine Krieg - eine ungewöhnliche Anmerkung

Und immer noch ist Heraklit höchst aktuell … denn das Denken ist trotz aller Dialektik und Reflexion vor der eigenen, individuell „tatsächlich inneren Anschauung“ her bis heute das am wenigsten Durchdrungene (1). Es ist abstrakt und damit tendenziell tot und in sich leer, was in meinen Augen bedeutet in seinem je tieferen Gehalt deswegen zu wenig authentisch. Es fliesst eben nicht, weil ich zu seinen verborgenen Gestalt gebenden Bewegungen innerlich nicht vordringe. Ich halte mich zumeist eher hinter Vorstellungsbarrieren bedeckt zurück, als konkret Räume oder wohl besser gesagt Dimensionen des Nichts anschauend zu erkunden. 

Wie es so schön im Märchen benannt wird, das Fürchten will gelernt sein oder mit Thomas Nagel das Denken will vom Nirgendwo (2) her erkundet sein. Mit anderen Worten, der Wille im Denken darf als Erfahrung nicht länger mehr verborgen bleiben.

Grundständig ist aber bei derlei Bemühungen der Satz des Sokrates nicht zu umgehen. Jener Satz nämlich der bis heute durch vielerlei philosophische Bemühungen und Coach Beratungen geistert, jenes die Zeiten übergreifende hintergründig sich zu erschliessende Selbsterkenntnis Eingeständnis, das Sokrates seinen Schülern immer wieder bei vielerlei Gelegenheiten wie leise ermunternd zusprach und für das er selber mit aller Konsequenz einstand nachdem er vor das Mysterien Gericht gestellt worden war: „Ich weiss, dass ich nicht weiss.“ 

Ich wage es hier einmal ganz offen so auszusprechen, dieser Satz ist bis heute in seiner Essenz nicht wirklich breitere innere Erfahrung geworden. Und von daher ist der je eigene individuelle Giftbecher nicht einmal im Ansatz ausgetrunken.

Der Krieg bleibt also in meinen Augen so lange der Vater aller Dinge bis das Denken sich in heutiger Zeit bis auf die „Erfahrungsebene“ des Heraklit (alles fliest) in eigenen individuellen Erfahrungen vertieft hat.   

© Bernhard Albrecht Hartmann

Siehe dazu auch: https://ich-quelle.blogspot.com/2022/01/mit-den-augen-des-falken-3.html   

https://ich-quelle.blogspot.com/2016/07/einige-anmerkungen-zu-thomas-nagel-der.html



Freitag, 28. Oktober 2022

Über das Dialogische

 https://www.facebook.com/groups/nobuanthro/posts/6544069638943584/?comment_id=6544105825606632&reply_comment_id=6545032998847248&notif_id=1666778489030147&notif_t=group_comment&ref=notif

Der nachfolgend hier eingestellter Kommentar wurde vor zwei Tagen auf Facebook gepostet, kurz nachdem der Beitrag auf den er sich beziehen sollte von Facebook wegen Hatespeech gesperrt und gelöscht wurde. Ein zu denken gebender Vorgang. Denn besagter Beitrag verwies per Kopie des Beitrages von Maria Dörig lediglich auf Aussagen daselbst in dem Magazin Agora 5/2022, war durch sich selbst geprägt demnach keine unmittelbar ausgeübte Hatespeech. Selbst wenn ich meinerseits die Aussagen von Frau Dörig als grenzwertig ansehe waren sie genau besehen nur Interpretationen von Vorgängen, die sie ihrerseits innerlich sich eben so zum Verständnis brachte. Eine direkt ausgeübte Hatespeech gegen eine konkrete Person konnte ich darin nicht erblicken. Insofern betrachte ich es als bedenklich, wenn von Facebook in die freie Meinungsäusserung auf diese Weise eingegriffen wird. Anscheinend sind die Algorithmen die Facebook hier einsetzt nicht differenziert genug entwickelt.


In Krisen-/Kriegs-Zeiten dem Dialogischen Bedeutung zusprechen, ist das nicht durchgedreht weltfremdes Wunschdenken?

Kann somit Waffen zu Pflugscharen umzuschmieden heute noch ein hehrer Wunsch, eine taugliche und damit auf die besonderen Gegebenheiten hinorientierte innere Haltung zum Ausdruck bringen? Oder ist dies in unseren Tagen in seinen vielfältig abgewandelten Varianten mit seinem vor sich selbst nicht selten verborgen gehaltenem, (gerade deshalb aber immer wieder mit Verve intellektuell virtuos und politisch scharf bis spitzfindig argumentierend vorgetragenen) ideologisch hochgetunten Background nicht naiv und weltfremd? Kann darin also ein Zeiten - Wende Wille, eine aktive Zeiten - Wende - Haltung tatsächlich und wirklichkeitsnah zum Ausdruck gelangen?

Ich will damit wen auch immer keinesfalls verurteilen, sondern nur versuchen den Finger in „die“ Wunde zu legen, die wir alle, mich also eingeschlossen heute mit uns durch unser Leben tragen. Und das ist bildhaft gesprochen die Wunde der (auch unerkannt oder verschleiert) gebrochenen Authentizität, des sich Abstützens letztlich mehr oder weniger deutlich auf wie auch immer vorbildhafte andere Menschen, bzw. fremdseitig eingespielte, meinerseits wohl häufiger eher nicht wirklich bis auf den Grund hin überprüften sogenannten Tatsachen (z.B. unter anderem auch Fake-news bzw. Verschwörungstheorien).

Aufrecht stehen und diesen in jedem Falle sehr individuellen Ausdruck auch durch alle inneren und äusseren Wendespiele, die dich/mich im nu dabei in Dialogen unterspülen und verdrehend in einem Malstrom erfassen können durchzuhalten, das ist wahrhaft eine Kunst innerhalb der Strudelereignisse von Scilla und Charyptis in der heutigen Zeit (→ Mehrfahrt des Aeneas, bzw. die des Odysseus).

Wie schwer diese „Dialog-Kunst“ im Leben zu verankern ist, das zeigt Maria Dörig in ihrem hier von Rainer Herzog (leider teilweise für mich nicht lesbar, zwischenzeitlich wieder zurückgezogenen) Agora Beitrag. Und wie sehr der Dialog dabei auch aus dem Ruder laufen kann, das wird an Inhalt und Duktus ihres Sagen wie auch der Reaktion hier nur mehr als deutlich.

Vor weiteren Einlassungen meinerseits zum Beitrag von Maria Dörig eine aus meiner Sicht notwendig ernste Anmerkung vorweg: Die Dialogkunst führt mich, innerlich konsequent verfolgt in das Nichts hinein, prüft mich auf jede nur erdenkliche Weise auf eine innere Meerfahrt ohne Rückhalt hin, d.h. ohne festen Boden. Was mich in meinem ganz persönlichen Erfahren, so ich aufmerksam in und um mich in den sozialen Raum hinein lausche, zum immer umfassenderen Verzicht auf alle Vorstellungen die ich über andere Menschen in mir trage offen oder verdeckt auffordert. Dialog auf eine fortschreitend sich entwickelnde Kunst hin geübt, weckt damit gleichlaufend in mir eine weitere Kunstfertigkeit, die der seelischen Beobachtung.

Kurz und bündig auf Maria Dörig bezogen, übt sie im Hinblick auf Ute Halaschka und Jaroslava Black-Terletska hier seelische Beobachtung? Die seelische Beobachtung zeichnet sich nämlich gerade dadurch aus, dass sie vorsichtig fragend an das tiefer zu Verstehende herantritt. Maria Dörig hingegen tritt kämpferisch auf, wogegen grundsätzlich nichts zu sagen wäre. Nur, zeichnet sich ein echter Kämpfer nicht durch differenzierte Waffenführung aus?

Nimmt Frau Dörig von daher die Argumente von Ute Halaschka und Jaroslava Black-Terletska näher unter die Lupe? Knüpft sie mit eigenen Gedanken an sie an? Nein, sie wischt sie vom Tisch, belegt sie mit der Deutung der luziferischen Irreführung und unterstellt Manipulation. Doch weil das noch nicht reicht bringt sie sogar die schwarzmagische Keule ins Spiel.

Frau Dörig, ich will sie hier ganz direkt offen ansprechen, haben Sie, ihrem Beitrag in Agora 5/2022 vorauseilend sich um Teilhabe an den Geschehnissen z.B. in Butscha soweit innerlich angenähert, dass sie nachfühlen konnten was Schmerzagonie für eine Grossmutter bedeutet? Eine ältere Frau, die Tochter, Enkelkind und Mann, sowie ihr Haus mit bescheidener Habe in einer einzigen Nacht verloren hat? Können Sie innerlich erlebend nachvollziehen, dass, um am eigenen Schmerz nicht zu ersticken, Schreien und in Gemeinschaft sich Bewegen hilfreich sein kann, um sich selbst wieder zu spüren und damit dem Leben nicht verloren zu gehen?

Können Sie das, was ich Ihnen denkend hier näher zu bringen versuche, Frau Dörig, können Sie konkret auf die Situation dieser schwer traumatisierten Menschen in Kiew bezogen Mitgefühl in sich soweit aktivieren, dass Sie in Ihrem Herzen still geöffnet nachempfinden den Schmerz, die innere Leere, das innerlich ausgebrannt Sein dieser Menschen? Oder bin ich in Ihren Augen, weil ich diesbezüglich anders denke als Sie auch ein luziferischer Verführer? Ein Un-Denker?

Ein Wort zum Schluss: Die Mitte Europas liegt nicht in Deutschland und nicht in der Ukraine, also nicht im Aussen. Aus meiner Sicht hat Rudolf Steiner sie zu Weihnachten 1923/24 als dynamische Äthersubstanz in die Herzen der Menschen zur frei zu verantwortenden Entwicklung eingepflanzt, auf dass sie aus dieser Keimkraft im Dialog Wege eröffnen könnten alle ihre „Vorstellungen“ auf mehr „gelebte“ Menschlichkeit untereinander hin zu verwandeln. Die Versäumnisse hier sind ein wesentlicher Auslöser für den Krieg in der Ukraine heute. Denn was ich hier vor meiner Haustüre, in den menschlichen Zusammenhängen, die mir geistig etwas bedeuten durch „meine innere Verwandlung“ als Beitrag einbringe, nur das kann sich in die Weite atmen und in Russland zur gegebener Zeit als neuer Geisteskeim aufblühen. Konkret individuell gelebte Ich geführte Geistestat also, frei von jeglicher Dogmatik.

© Bernhard Albrecht Hartmann, 28.10.2022


Montag, 22. August 2022

Ich geleitetes Denken: Ein Z u r u f aus dem Alltag

Wie bewege ich mich in meinen Alltagsgeschäften im Einklang mit dem Ich-Schreiten, wie kann ich von Tag zu Tag immer näher und tieferreichender an „meine“ ureigene Ich-Gegenwärtigkeit im Tun erfahrend herantreten mich mit ihr innerlich verbinden?

Es ist im Grunde eine ganz einfache Bewegungsgeste innerhalb des Fundus meiner Alltagsabläufe. Und die heisst Abläufe unterbrechen. Gezielt unterbrechen und innehalten. Innehalten und sich besinnen, was als nächstes zu tun ist - und für einen kleinen Augenblick mit erhöhter Aufmerksamkeit in die anstehende neue Tatbewegung einsteigen. Für einen kleinen Augenblick … . Nichts weiter? Ja nur dies, immer wieder.

Was geschieht in einem derartigen Augenblick? Ich belüfte so wie ich die Fenster meines Arbeitszimmers regelmässig öffne um frische Luft hereinzulassen, ich belüfte auf diese Weise meine inneren Seelenräumlichkeiten, löse mich aus der Umschlingung von so manchen Antreibern, die meinen Alltag allzu oft eher unbewusst bestimmen. Ich kann des geistigen Himmelblau inne werden und mit seiner Vergegenwärtigung Einsitz nehmen in der Stille. 

Geistiges Himmelblau: Ist das ein Metapher oder weisst das auf eine reale Erfahrung? Nun, es führt den, der sich tatsächlich darauf einlassen kann immer wieder einmal mit Nachdruck seine Alltagsverläufe zu unterbrechen in ein tieferes Anschauen von dem hinein was ist. Es weitet den Blick auf die eigenen Seelenkräfte hin und lässt beobachten wie sie Wirklichkeit konstituierend arbeiten. Stellt Sinnesnähe her zu dem, was ich gerade tue und - öffnet damit unmittelbar erfahrend die Verbindung zu den universalen begriffsbildenden Elementen im Wirklichkeitsaufbau.

Statt dem Leben nachzujagen werde ich durch diese einfache mit Nachdruck geübte Unterbrechung in  meinem Alltagsverlauf  an den beständig leise rieselnden Quell des Lebens herangeführt. Erfahre Kraft Aufbau.             

 © Bernhard Albrecht Hartmann, 22.08.2022


Donnerstag, 11. August 2022

Das Denken ist eine Ich-Erfahrung (1) oder es ist kein Denken (❋ 2)

Das Denken ist eine Ich-Erfahrung. Wie kann das sein? Ist eine derartige Auffassung von allem Anfang her nicht zumindest tendenziell als tollkühn zu betrachten? Um  hier nicht weiter  um sich greifende Mutmassungen zu befördern kann ich nur versuchen mich der angesprochenen Aussage sachlich tiefer anzunähern. Welche besondere Art der Anschauung des Denken könnte demnach also aufzeigen, dass mit diesem Denken Ich-Erfahren zum Ausdruck kommt, mithin in einer direkten  Verbindung steht? Das bedeutet, dass die auf das Denken hin gerichtete unmittelbare Aufmerksamkeit näher zu untersuchen, also im Grunde die Möglichkeit das Denken überhaupt beobachten zu können zu prüfen wäre. Schon diese wenigen Fragen mit der durch sie aufscheinenden Problemlage zeigt, dass wir uns zwecks tatsachengerechter Klärung dieser Fragen auf ein sachlich nicht einfach zu erschliessendes und darüber hinaus eventuell individuell noch schwerer zu durchdringendes Erfahrungsfeld begeben. Das kann für einen innerhalb seiner Denkwege aufgeschlossenen Suchenden die innere Spur sichtbar machen, dass es sich bei dem hier umrissenen Fragehorizont um nichts weniger als den Weg vom Gedanken gesättigten Ich-Sagen zum Ich-Erfahren im Denken handelt. Die möglicherweise denkbar schwerste Herausforderung in Zeitenwende Zeiten wie den gegenwärtigen.

Das Denken „ist“ eine Ich-Erfahrung. Klingt das apodiktisch oder ist in dieser Ist-Aussage jenseits der möglichen, bzw. zu unterstellenden Behauptung eine tiefere Erfahrung angesprochen? Was beinhaltet eine Erfahrung? Was ist der eigentümliche und tiefere Gehalt von Erfahrung? Konsequent betrachtet: Suchen wir im Umgang mit unserem Erfahren nicht immer und immer wieder „die Erfahrung der Evidenz?“ Das bedeutet ich kann mich nicht „mit Glauben im Sinne einer in sich nicht plausiblen, irrationalen Hypothese zufrieden“(3) geben, wenn ich darüber Gewissheit erlangen will, dass Denken tatsächlich eine Ich-Erfahrung ist. Was ist also Erfahrung per se? Dies ohne wenn und aber stets auf ein Neues hin fragend sich zu vergegenwärtigen, das führt uns, so wir  aufmerksam die  Tiefen wie gleichermassen  die  U n t i e f e n   unserer Erfahrungen erkunden wollen an den Angelpunkt möglicher Ich-Erfahrung im Denken heran.

Der Angelpunkt oder auch Schnittpunkt wirklichkeitsgemässer Erfahrung: Hier türmen sich die Schwierigkeiten in der  U n t e r s c h e i d u n g  dessen, was wir für uns möglicherweise vorschnell als  unser Erfahren gelten lassen. Halten wir inne. Leben wir nicht alle mehr oder minder in der Entfremdung zu dem, was wir als unser Erfahren ausgeben? Die Schnelligkeit unserer Alltagswelt führt uns in beinahe jedem Lebensmoment diverse Täuschungen vor Augen, so dass wir mehr als uns eigentlich lieb sein kann nicht mehr unmittelbar zu einer sinnlichen Erfahrung  dessen was tatsächlich ist durchdringen. Wir leben in Repräsentationen von dem, was Erfahrung der eigentlichen Bedeutung nach ist. Erfahrung ist nämlich von ihrem Ursprung her eine Angelegenheit des aktiven sinnlichen Bezugs. Und diesen Bezug stellen wir den genauer besehen nicht allzu oft nur noch rudimentär her? Wir leben, ohne dass wir uns das im jeweiligen Augenblick unmittelbar vor Augen bringen in einer in sich vielfältig verkapselten Welt abstrakter Tatsachen. 

Dieser Umstand der verkapselten Tatsachen, in denen wir leben, bestimmt auch weitgehend folgenschwerer als es von seinen jeweiligen Anfängen her zunächst den Anschein haben mag, das soziale Beziehungsgefüge der Menschen untereinander. Das heisst: „ich sehe dich, und du siehst mich. Ich erfahre dich, und du erfährst mich. Ich sehe dein Verhalten. Du  siehst mein Verhalten. Aber ich sehe nicht  deine  Erfahrung von mir…(4).“ Noch pointierter gesagt: „Ich kann deine Erfahrung nicht erfahren. Du kannst meine Erfahrung nicht erfahren. Wir sind beide als Menschen unsichtbar. Jeder ist für den anderen Menschen unsichtbar. Erfahrung ist die Unsichtbarkeit des Menschen für den Menschen (5).“

Ich will diese Aussagen von meiner Seite zunächst bewusst keiner Auflösung zuführen. Auch wenn das bei manchen Lesern innere Fluchtbewegungen in ihrem Denken auslösen kann, einfach weil eigenes Vermeinen sie dazu verleitet schnell den einen oder anderen Vorstellungsschleier über Menschen, die sie kennen auszuwerfen und sie damit in ihren Augen zweifelsfrei höchst sichtbar zu machen. Beides, die Unsichtbarkeit des anderen Menschen, wie auch seine eventuelle dennoch Sichtbarkeit müssen individuell vielfältigen Fragen unterworfen werden, um in Bezug auf das was tatsächlich ist Sicherheit zu erfahren. Das bedeutet über die faktisch sich uns anzeigende vielfältig verkapselte Welt hinaus, in der wir dem Anschein nach selbst entfremdet leben wieder zu sinnlich ursprünglicher Erfahrung durchzudringen. Das kann die Möglichkeit erschliessen die im abstrakten Denken verloren gegangene Seele über vertiefte sinnliche Erfahrung wieder zu finden. Anders gesagt ermöglicht dies des Seelenauges wiederum ansichtig zu werden, das sie werter Leser, wie mich beobachten lässt das, was in abwägender Beobachtung am Ende Gewissheit vermittelt über das was tatsächlich ist. Bildhaft ausgedrückt - allseitig knospend für das Leben zu erwachen.

Vertiefte sinnliche Erfahrung: Ein Augen öffnen. Ein leises Hineinwachsen in das Gewahren neuartiger Zugänge schöpferischer und nicht mehr allein leibgebundener Willenskräfte. Bedingungslose Offenheit für den anderen Menschen im Widerstreit mit der Zurückdrängung des Leibes. Aktiv geführte Aufmerksamkeit. Im Umgang mit Natur und Mensch heisst dies: „Reine Erfahrung ist die Form der Wirklichkeit, in der diese uns erscheint, wenn wir ihr mit vollständiger Entäusserung unseres Selbstes entgegentreten (6).“ Das bedeutet: Die Form der Wirklichkeit nicht l e i c h t h i n  als Gegebenheit zu erfahren. Diese Hürde im Wiedergewinnen der Wirklichkeit  ist vielmehr durch alle Sinne hindurch immer und immer wieder aktiv zu nehmen. Sich dieser Herausforderung in je andersartiger individueller Ausgangskonfigurierung zu stellen ist mit schmerzhaften inneren Aufrichte-Prozessen, wie gleicherweise Aufmerksamkeit-Korrekturen verbunden, die weit mühseliger innerlich ordnend zu durchlaufen sind als das Aufwachen nach einer durchzechten Nacht mit einem ominösen Kater. Denn es geht hierbei nicht um das Durch-Deklinieren bestimmter Übungsabläufe, sondern um das sich Stellen vor den  S p i e g e l  d e r  W a h r h e i t  in strengen Selbstbefragungen bezüglich dessen was ist, bzw. nicht ist. Ein Vorgang durch alle nur denkbaren Turbulenzen innerlich sich beständig neu und anders überlagernder Bewegungen im Hinblick auf in sich zu erweckende Fragen für im Nachgang zu tätigende Unterscheidungsvorgänge vielfältigster Art. Seelische Beobachtung eben. Und sie fusst auf    n i c h t s  a n d e r e m  als Selbstbefragungen.

Der Spiegel der Wahrheit: Er ist  u n s c h e i n b a r  beständig präsent in uns, nur wischen wir die Bilder, die er uns vermitteln will meist viel zu schnell beiseite um damit der allgegenwärtigen Täuschung Tür und Tor zu öffnen. Denn in unseren sozialen Begegnungen kommen wir in der Mehrheit entsprechender Situationen unangemessen schnell zu dem Schluss, dass sich in erster Linie der andere Mensch hier in Bereichen von Irrtümern oder zumindest nicht zur Sache gehörenden Einlassungen bewegt und nehmen ihn von da her ohne grosses Prüfverfahren kurzerhand auf die Gabel unserer intellektuellen Hörner. Mindestens partielle Verurteilung, bzw. Abgrenzung zu ihm unter Einsatz von Musterfiltern des eigenen Selbst haben Vorrang in der Einschätzung auf das vermeintlich an ihm Wahrgenommene, ohne das ich im inneren Durchgang auf die sinnliche Basis des Gesehenen mich in so weit aufgefordert fühle mich zu vergewissern was an dem vermeintlich Wahrgenommenen nun tatsächlich Sache ist und was eben nicht. Das Gift der Täuschung  wirkt unscheinbar und beraubt mich dadurch wertvoller Selbsterkenntnisse. Wie aktuell z.B. im Falle des sich gegenwärtig entwickelnden Skandals um die zurückgetretene ARD Intendantin Schlesinger, der bündig wie folgt kommentiert wird: „Gier frisst Hirn.“ Was hier von der Presse notwendig laut ans Licht gebracht wird, das wird in vielen Fällen unserer Alltagsbegegnungen einfach fraglos beiseite geschoben und vergraben. Nur, Selbsterkenntnis ist in sich zeitlos geduldig, bis eines Tages ans Licht tritt, was nicht länger mehr zu verbergen ist. Selbst wenn darüber ein halbes Jahrhundert und mehr vergeht. Selbsterkenntnis überwindet selbst die Hürde des Todes.

Um was geht es also in zwischenmenschlichen Begegnungen in  e r s t e r  L i n i e ? Es geht vor jedwedem Vermeinen über den anderen Menschen um die grundlegende Prüffrage, warum spricht mich der andere Mensch so an wie er es tut und was hat das mit mir zu tun, dass er es so tut wie er es tut und nicht anders. Einsichtnahme in Bezug auf das eigene Selbst, innere Einkehr oder doch zumindest ein Innehalten ist im Hinblick auf einen möglichen Dialog das Gebot der Stunde. Die vorrangige Selbstbereinigung öffnet im wiederholenden Bemühen dann nach und nach tiefer reichende tatsächliche Begegnungen mit dem anderen Menschen. Was in früheren Zeiten die Funktion des Mysterien-Wächters beim Eintritt in die Mysterien-Stätte war, das ist heute die Aufgabe des von Mal zu Mal anderen Menschen. Er mahnt offen oder verdeckt das „Erkenne Dich selbst“ an und öffnet oder versperrt so gleicherweise Wege zu tieferen Geistesberührungen und Geisteserfahrungen. Und das gilt für einen jeden Menschen und nicht nur für Menschen denen ich dafür aus meiner Sicht die Fähigkeit zuspreche.

Nach der Selbst-Bereinigung geht es in einem fortgeschritteneren zweiten Schritt innerer selbstbefragend herauszukristallisierender seelischer Beobachtungen um die eigene Selbst-Kernung innerhalb der jeweiligen zwischenmenschlichen Beziehungen. Und dies bedeutet die Selbstbereinigung über ein Ich-Sagen hinaus auf die eigene Ich-Geburt hin voran zu bringen. „Wer nicht stirbt bevor er stirbt der verdirbt.“ Dieser Spruch von Angelus Silesius kann für den modernen Mysterien-Wanderer zur Wegleitung werden, so es ihm auf seinen weiteren Wegen tatsächlich um Geistesbegegnung geht. Es ist dies der Weg zur praktischen Demut mitten im alltäglichen Geschäft des eigenen Handelns. Denn die Selbst-Kernung gelingt nur insoweit als bedingungslose Teilhabe an den Wegen anderer Menschen geübt wird. Teilhabe ohne Kritik. Wem hier ein ja aber aufstösst, dem will ich aus meiner Selbsterkenntnis-Erfahrung heraus zu bedenken geben, dass in dieser Phase der inneren Ausforschung des Koan, „Denken ist eine Ich- Erfahrung oder es ist kein Denken,“ es sich zunehmend innerhalb eigener Erfahrungen als notwendig herausstellt so zu verfahren, soweit tatsächlich Klarheit angestrebt werden soll. Evidenz-Erfahrung kann sich nicht lebensnah einstellen, wenn die eigenen Willenshandlungen nicht aus der Bereitschaft zur strengen Klarheit, sprich Unterscheidung hervorgehen. Gesteigerte Selbstbereinigung also vor vermeintlich berechtigter Kritik am anderen Menschen. Auf die Basis unmittelbarer Sinneserfahrungen innerhalb sozialer Interaktionen über alle Sinnesebenen hinweg ist eben nicht durchzudringen ohne vorrangig strenge Ausrichtung auf die eigene Selbstbereinigung. Das kann sich als innerlich aufreibend darstellen, um nicht zu sagen mitunter sogar als unerträglich, weil die allgemeine kulturelle Entwicklung weitreichend auf nahezu blinde soziale Polaritätsbildungen innerhalb zwischenmenschlicher Prozesse sich hin entwickelt, in mancher Hinsicht sogar gefährlich verhakt hat. Die je individuelle Art der Abgrenzung und Selbstbehauptung hat ein Mass erreicht, das unterschwellige Stagnationsprozesse zum bestimmenden Faktor allzu vieler sozialer Geschehnisse hochschaukelt, bzw. soziale Glutnester fortlaufend immer wieder neu entflammt. Wechselseitige emotionale Entgleisungen, wie unterschwellige zynische Sticheleien oder verdeckte Überheblichkeiten führen in sozial schwierigen Prozessen zu keinen Lösungen, solange individuell induzierte Selbstbereinigung nicht immer wieder für Belüftung sozialer Räume sorgt.

Der dritte Schritt umfasst schlussendlich Prozesse des Hineinwachsen in das was Salvatore Lavecchia (7) das Ichsame Gespräch: „Im Schmerzen ichsam, frei von sich und anderem, Augende Wärme“ nennt. Augende Wärme - das Erwachen des Geistesauge im Denken. Wie das? Zehn Sinne sind darauf hin angelegt uns die Wirklichkeit in den zugrunde liegenden Elementen in vielschichtig übereinander gelagerten wie gleicherweise vielfarbigen unverbundenen Einzelheiten darzustellen. Diesen Zustand der unverbundenen Einzelheiten erleben und erfassen wir allerdings, wenn überhaupt dann nur mehr sehr rudimentär und flüchtig. Warum? Weil wir bis heute nach dem Verblassen unserer Kindheitsaugen für die unmittelbare Sinnen intensive Begegnung mit der Wirklichkeit durch Willensumkehr, die über den 11 Sinn, den Begriffs oder Wortsinn zu eröffnen wäre zu wenig an die Hand genommen haben. Deshalb meine diversen Verweise hier und an anderen Stellen meines Blogs. Wir verstehen es ausgezeichnet uns durch Vorstellung-Poltersteine den Zugang zu einer Geist belebten Wirklichkeit immer und immer wieder selbst zu verbauen. Diese Barrieren kann ein jeder nur über seine individuell fort und fort neu zu initialisierenden Selbstbereinigungen aus dem Weg schaffen und in individueller Selbst-Kernung auflösen. Was heisst die Annahme von Metanoia Prozessen aus dem Sozialen Beziehungsraum und deren bedingungslose individuelle Umsetzung im  E r k e n n e  D i c h  S e l b s t.  Rudolf Steiner hat seinerzeit sein Lehramt geopfert um der Freiheit all derer Willen, die in seinen vielfältigen Hinweisen etwas sehen wollten, das durch sie auf individuelle Weise zu verwirklichen ist. Er löste damit von sich aus eine jegliche Anhaftung an seine Person im Vertrauen auf die Gehfähigkeit all derer denen selbstverantwortliche Eigenständigkeit ein Anliegen ist. Freiheit ist eben nicht zu haben sondern kann nur in Prozessen der Selbstbereinigung im eigenen Willen mehr und mehr verankert werden. Dass dies möglich ist, das hat Rudolf Steiner durch seinen individuellen Lebensweg aufgezeigt. Die Möglichkeit zu einer neuen Art von Mysterien-Dasein ist damit eröffnet. Gehen wir also aufeinander zu und halten uns nicht weiter von einander getrennt. Wenden wir unseren Willen in ichsamen Gesprächen, beenden wir unsere Unsichtbarkeit und machen uns sichtbar (5), denn wir sind ein jeder für den anderen jeweils der unentbehrliche Mahner, Förderer, Herausforderer und stille Begleiter, mithin Weggenosse auf einander wiederum bezogenen Entwicklungswegen.

Ausklang: Ich frage mich wer Du bist, wann immer ich zu Dir rede, ich frage mich bei jedem Wort, das ich an Dich richte. Ich frage mich, bin ich berechtigt Worte wie diese, die ich gerade jetzt zu Dir spreche, wirkkräftig über die Schwelle meiner Lippen auf die Reise zu schicken?!  Und ich sage Dir, ja so ist es, denn Du hast mich gerufen. Ich frage mich weiter, was diese Worte  mir selber b e d e u t e n  wollen, indem sie meinen Mund zum Ort für ihr Erscheinen in dieser Welt bestimmt haben. Auch wenn das zunächst rätselhaft klingen mag, wir sind auf eine unscheinbare und tiefe Weise miteinander verbunden. Metanoia ist der Ton, der uns durch die Zeiten wieder zueinander ruft. Metanoia, zu der ein jeder von uns sich nur auf seine ganz eigene Weise auf den Weg machen kann. Auch wenn es schwer fallen mag, schenken wir uns doch vorgängig gegenseitig ein Lächeln, bevor wir uns selbst vergessend die Augenhöhe zu einander verlieren und über Vordergründiges hinweg uns berechtigt sehen so dieses oder jenes vermeintlich Irrtümliche einander vorhalten zu können. Über mich/dich (auch subtil freundlich) herzufallen ist leicht, schwer ist es auf einander wirklich zu zugehen und wechselseitig unser beider Reichtümer, die wir in uns bergen miteinander zu teilen. Diese Reichtümer bergen nämlich die Spurenelemente in sich, durch die ein jeder von uns nur seinen ureigenen Weg finden und fortsetzten kann. Sie sind Kraft und Trost in einem, gerade in Zeitenwende - Zeiten. Das Denken ist eine Ich-Erfahrung dort wo der Vogel Phönix fragend sich über sich hinaus erhebt, horizontlos sich weitet - mutig und damit im Sinne von Wilfried Jaensch Geisteswillenschaft (8) eigentätig aus sich heraus bezeugt.

© Bernhard Albrecht Hartmann, 11.08.2022

(1)  https://ich-quelle.blogspot.com/2016/02/ein-koan.html 

(❋) im Gedenken an Wilfried Jaensch all jenen gewidmet, die bereit sind    

      sich ohne wenn und aber in Frage zu stellen, um auf diese Weise mehr in   

      "die schöpferische Kraft des eigenen Willens“ hinein erwachen zu können.

(2)  https://ich-quelle.blogspot.com/2022/02/im-gedenken-wilfrid-jaensch-1.html 

(3)  Ronald D. Laing, Phänomenologie der Erfahrung, Edition Suhrkamp 314, Suhrkamp Verlag

      Frankfurt am Main, 19. Auflage 1998, Seite 11, 1. Absatz 

(4)  dito Seite 11, 4. Absatz

(5)  dito Seite 12, 2. Absatz

(6) Rudolf Steiner, Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung        

     Philosophisch Anthroposophischer Verlag Dornach, 3. Auflage 1924, 

     4. Kapitel Feststellung des Begriffes der Erfahrung, Seite 13

(7)  siehe Salvatore Lavecchia Ich als Gespräch Anthroposophie der Sinne, 

      Verlag Freies Geistesleben & Urachhaus GmbH, Stuttgart 1. Auflage 2022, 

      Seite 115/116, Ausklänge

(8)  http://enzyklika.blogspot.com/2015/04/geisteswillenschaft.html

 

Montag, 13. Juni 2022

Ein Weniges über die Gefahren im inneren Handhaben von "Ein" ... "Sicht"

Wer kennt sie nicht, die überraschend sich einstellenden Momente von „Ein“ … „Sicht“ - nicht nur mitten im prallen Leben, sondern durchaus auch aus der meditativen Arbeit heraus - in seinem Leben, wer durfte dabei nicht ab und an einmal befreit in dem Gefühl ausschwingen: Ach so ist das also? Die Faszination die ein derartiges Gefühl nicht selten begleitet erzeugt dann leicht eine Art seelischen Schleier-Nebel, der den fragend prüfenden Blick auf die „empfangene“ „Ein“ … „Sicht“ verdunkelt, um nicht zu sagen vergessen lässt. 

In der Tat: Der wachsam prüfende Blick im inneren Umgang mit seelischen Beobachtungen lehrte mich über so manche Irrtümer hinweg, nichts ist auf diesem inneren Felde wichtiger als das fragende Rückfragen auf das solchermassen Gesichtete. Das bedeutet die hier stets mögliche Täuschung, bzw. die nicht ganzheitliche Sicht auf das Erfahrene will auf das hin hinterfragt sein, was ich tatsächlich weiss oder eben gerade noch nicht wirklich sicher weiss. Weil: Die Illusion unbemerkt ausbremsend, dich schleichend umkreisend sich auf vielfältige Weise Dir immer wieder in den Weg stellt, bis Du bereit bist Deine mentalen, psychischen und physiologisch-leiblichen Muster diesbezüglich aufzudecken und zurückzudrängen, was heisst im inneren Blick auf das „Erkenne Dich selbst“ tiefer befragend ausleuchtest.

Die seelische Beobachtung „nach naturwissenschaftlicher Methode“ stellt an den der sich ihr ernsthaft widmet höchste Ansprüche was die eigene Redlichkeit und vor allem  „Bescheidenheit“ betrifft. Schon die äussere naturwissenschaftliche Laborarbeit ist an höchste hygienische Standards gebunden. Um wieviel mehr hat das für die Arbeit des inneren Denkblick-Auges im Umgang mit Phänomenen auf der seelischen Petri-Schale zu gelten. Hier ist eine Unterscheidungskraft von Nöten, die erst mit einer gereiften inneren Furchtlosigkeit (geistes-wissenschaftlich) handhabbar wird. Warum? Weil sich dynamische Lichtkraft-Ereignisse einstellen, die nur mit „Mut“ nach und nach immer besser handhabbar werden.

Ich will es mit aller Deutlichkeit sagen, wer nicht bereit ist sich durchgängig auf die „Vielschichtigkeit“ allein seines Denkens einzulassen, der steht noch nicht wirklich selbständig  auf eigenen Füssen und setzt sich damit unter Umgehung der „Zurückdrängung des Leibes,“ was heisst der nicht durchschauten Einflussnahme mental-psychischer und physisch-physiologischer Prozess-Ereignisse dem Hineingleiten in eine Hellsicht aus, die ungeprüft sich als unzeitgemäss herausstellen kann, weil sie von Fall zu Fall die der zutage getretenen Beobachtung entsprechende eigenständig eingebrachte denkerische Bewusstseinskraft vermissen lässt.

Das „ERKENNE DICH SELBST“ lässt sich eben nicht nebenbei abhalftern. Wer hier nicht nachhaltig durch erhebliche innere Schmerzen hindurchgeht - und das fortlaufend immer wieder - der ist aus meiner Sicht auf dem Schulungsweg noch nicht in Echtzeit zugange. Vor den Spiegel der Wahrheit zu treten ohne jedwede Selbstbeschönigung ist alles andere als ein leicht Ding. Das „ÜBE GEISTERINNERN“  a u s s c h l i e s s l i c h  bei sich selbst - also ohne Müllverklappung bei Menschen des jeweiligen eigenen sozialen Umfeldes zu meistern - kann und muss Dich schon gelegentlich in die Knie zwingen. Denn erst dann erwachst du innerlich dahingehend welcher Art hochgradig inneren Gleichgewichtes es bedarf um seelische Beobachtungen „geisteswissenschaftlich“ untersuchen zu können.

In den Bereich des stringenten „Erkenne dich Selbst“ gehört noch ein weiteres hier zu benennendes Sediment bewusstseins-genetischer Prozess-Ausfällungen, das als Multimedia-Faktor innerhalb dualistischer Verhaltensstrukturen gerne übersehen wird. Und das ist, wie ich es bezeichnen will, das sogenannte „Man-Gebaren,“ ein Verhalten, das ursprünglich aus wissenschaftlich philosophischen Forschungen hervorging und daselbst aus der Abgrenzung subjektiver Denkwege gegenüber als möglich betrachteten objektiven Betrachtungsweisen. 

In der Kommunikation unter spirituell arbeitenden Menschen hat sich daraus wie nebenbei eine Art Bumerang-Effekt heraus entwickelt. „Man“ dünkt sich unversehens gerne, weil in einer  vermeintlich „Höheren Ein-Sicht“ stehend dazu berufen einem anderen Du so dies und das mehr oder weniger „wohlmeinend“ als Handreichung zur Beachtung nahezubringen. Und übersieht dabei - so tritt es mir rückfragend immer wieder innerlich vor Augen - dass von anderen Menschen keinerlei Veränderung erwartet werden kann, solange ich nicht mein ERKENNE DICH SELBST, angestossen durch ein anderes Du, im inneren und äusseren Selbstausdruck auf mehr Menschlichkeit im Selbstausdruck ein jedes Mal weiter entwickle.

Die alte Grussformel „Grüss Gott“ bedeutet nämlich - modern übersetzt - ich grüsse im anderen Menschen „MEIN“ ERKENNE DICH SELBST. Doch wie sieht die Wirklichkeit aus? Hat die Selbsterkenntnis, das besonnene Innehalten - das Erinnern, das sich aus den Tiefen meiner Seele kundgeben will - um auf dieser Grundlage Freiheit aktiv verwirklichen zu können, werden diese Grundtöne des Seelenlebens, wenn überhaupt dann noch umfassend genug wahrgenommen? Geschieht es in meinem Multimedia-Alltag etwa, dass ich während des Sprechens zu einem anderen Menschen plötzlich erschrecke und so an die Würde des anderen Menschen erinnert werde? Warum eher nicht? Weil ich mir die Augenhöhe zu ihm einzunehmen innerlich versagt habe, was heisst seiner Lebenswirklichkeit in Echtzeit zu begegnen, mithin T E I L H A B E zu leben.

Haben wir im Zeitalter der Täuschungen und überbordenden Zerstreuung (Z - S Y M B O L), der  vom Grund her eigentlich nicht mehr zu übersehenden  Zeitenwende (Z - S Y M B O L) etwa die Wirklichkeit (1) verloren? Die Wirklichkeit des anderen Menschen, der seinen ureigenen Weg gehen darf? An dem wir durch mitmenschliche Zugewandtheit (Z - S Y M B O L) kritisch teilhaben und selbstkritisch uns hinterfragend auf bis anhin noch nicht genügend beachtete eigene Entwicklungsbaustellen wachsen können? Machen wir uns also nichts vor, das Z - S Y M B O L  ist schon lange in unserer Welt zu Gange und keinesfalls  durch Putin erstmals in Erscheinung getreten.

Der Krieg mitten in Europa hat nicht erst mit der sogenannten Sonderoperation Putins gegen die Ukraine am 24.02.2022 begonnen. Wagen wir es doch einmal versuchsweise so anzuschauen: Dieser Krieg ist nur die wiederum erneut nach aussen in Erscheinung getretene Fortsetzung des ersten Weltkrieges, der nie aufgehört hat. Erinnern wir uns: In der Jahreswende 1923/24 hat Rudolf Steiner mit den eindringlichen Worten ÜBE GEISTERINNERN und ÜBE GEISTBESINNEN die aus Geisteserkennen notwendige Zeitenwende (Z - S Y M B O L) versucht einzuleiten. Was ist aus diesem Impuls geworden? Ein Gesellschaftskrieg ist aus ihm hervorgegangen, der bis heute unterschwellig weiter schwärt. Ein tragfähiges Erkenne dich selbst als Basis eines beispielhaft sich fort und fort erneuernden Gesellschaftskörpers ist nicht entstanden. Warum: Weil dem Willen zur eigenen Selbstveränderung aus den Schicksalsbotschaften des je anderen Du innerhalb der eigenen sozialen Umräume zu begegnen nicht tief genug Rechnung getragen wurde. Die Zeitenwende (Z - SYMBOL) ist in scheinbar unüberwindbar sich darstellenden alten Gewohnheiten hängen geblieben. … Und wo ENTWICKLUNGEN hängen bleiben, da führt das früher oder später zu kriegerischen Turbulenzen innerhalb der Weltverhältnisse. Dies kann ein jeder Zeitgenosse weltweit erkunden, dem ein tiefer reichendes Erforschen der jeweiligen Sachzusammenhänge ein Anliegen ist. Gerade in der heutigen Zeit ist SELBSTERKENNEN ein Faktor für die weitere Weltentwicklung, der nicht mehr kleingeredet werden kann.

Zum Schluss sei hier noch dies angemerkt. Europa steht von seiner geistigen Grundkonfigurierung her auf diesen beiden Beinen: Der erratischen Frage - weis ich was ich weis oder tue ich das eher noch nicht (Sokrates) und dem Erkenne Dich Selbst, das Aristoteles zu seiner Zeit aus uraltem Mysterien-Wissen heraus als Kern-Dynamik dem von Platon entwickelten neuen Denken verborgen einpflanzte. Womit er den Keim legte Freiheit denken zu können, um sie in Folge sodann in Taten wirksam werden zu lassen. Von heute her betrachtet könnte das nicht heissen: Bin ich aus dem  Hinschauen auf die  Zeitereignisse bereit  „m e i n e“  individuelle  Sonderoperation  im  Selbsterkennen in  eigene  Hände  zu  nehmen  und  Z E I T E N W E N D E (Z - SYMBOL) aktiver mitzuverantworten?

© Bernhard Albrecht Hartmann 07.06.2022

(1)   Matthew B. Crawford: Die Wiedergewinnung des Wirklichen 

       Eine Philosophie des Ichs im Zeitalter der Z  rstreunung, Ullstein Verlag Berlin 2016