Mittwoch, 15. Juli 2015

Eine Anmerkung zu Mieke Mosmullers Blog-Eintrag: Das dreifache spirituelle Ideal des Menschen

Wenn der Materialist nur für Sekunden sich einmal darauf einlassen wollte, das, was er in abstraktem Selbst-Illusionieren  an Bewegungsgeschehen im Protonenbeschleuniger des europäischen Kernforschungszentrums in Genf technisch veranlasst, im eigenen Bewusstsein für einen Augenblick als Erfahren zuzulassen, wenn er sich ermutigen könnte an dieses Geschehen erfahrend heran zu treten, er würde bis ins Mark hinein erblassen und womöglich ohnmächtig zusammenbrechen vor der Bewegungsmacht, die er, ausschliessend von seinem Ich im Ego gebannt hält.
Wenn Menschen, die nach ihrem Erleben sich einer Anthroposophie oder einer anderen massgeblichen spirituellen Zeitströmung zugeneigt empfinden, nicht den Krieg untereinander bereit sind zu beenden, dann wird all ihr Bemühen für einen erweiterten Wissenschaftsbegriff in heutiger Zeit einen Beitrag zu leisten ins Leere laufen. Denn eine vermeintlich nicht zu umgehende Auseinandersetzung mit anderen Menschen um „die Wahrheit“ vernebelt das entscheidende Geschehen, um das es eigentlich geht, die Furcht vor dem Sprung über den Abgrund, von in Abstraktionen erstarrten Ego-Anhaftungen in den Bewegungsfluss des Ich zu meistern.
Barmherzigkeit für den anderen Menschen fängt bei der Barmherzigkeit gegenüber mir selbst an, bei dem inneren Loslassen ich müsse einem anderen Menschen den Weg zur Wahrheit weisen. Wahrheit findet ein anderer Mensch ganz aus sich, je mehr ich meine Ego-Verhaftungen bereit bin zu lösen. Gelingt es mir einem anderen Menschen, der mich um der Wahrheit Willen heftig attackiert dennoch Respekt zu erweisen, dann ist dies der Beginn möglicher Barmherzigkeit vom Herzen her.
Wir leben nicht mehr im Mittelalter, sondern in einer Zeit, in der es um die innere Ausbildung einer Bewusstseinsseelen-G e m e i n s c h a f t  geht.

Bernhard Albrecht

Im Vorbeigehen einem alten Herrn zugesprochen

Vergesslichkeit ist nicht selten ein beklagter Selbstausdruck, wo eigene Anhaftung an die Erinnerung vergangener schöner Tage die Wirklichkeit vernebelt. Der Mensch ist ein sich entwickelndes Wesen. Wohl dem, der sich zu jeder Zeit erneut auf Reisen begeben kann dies Wunder Mensch immer wieder neu zu erkunden. Manch einer hat schon ein Leben lang neben einem „Schatz,“  auf hohem Level in sich verhakt vor sich hin gelebt, ohne auch nur in die Nähe dieses Schatzes an seiner Seite gelangen zu können, dessen verschleiert „an ihn gerichtetes Sagen“ in seinen Tiefen wirklich aus zu loten. 

Manch einer erkennt erst am Ende seines Lebens, dass er trotz nicht weniger Mühen, die er aufgewendet hat, die Welt des anderen Menschen zu verstehen, er den eigenen Gartenzaun Blick des stillen Vorurteils nicht bewältigt hat, mit dem er sich den Zugang zu der Welt des anderen Menschen letztendlich immer wieder selbst verstellt hat. 

Auf solchen Wegen baut sich nicht selten eine Schimäre vom Sein des anderen Menschen auf, die leichthin betrachtet und scheinbar schwergewichtig durch dies und das untermauert als Wirklichkeit gelten mag und doch ein Produkt eigner Selbstillusion ist. Der wirklich unbefangene Blick auf den mir nahen Menschen an meiner Seite ist eine der schwersten Lebensübungen, die uns als Menschen auferlegt wird. Und das nicht ohne Grund. Denn nicht anders als durch diesen mitunter sehr harten Widerstand können wir zu uns selbst erwachen. Am Widerstand des Du bildet sich die Erfahrung eigenen Ich - Werdens.

Ich kann wunderbar in einer planetarischen Meta Welt kreisen und dort in stiller (selbstverliebter) Selbstherrlichkeit residieren und wenn das nicht mehr geht z.B. im schwarzen Humor letztendlich nur mich selbst bedauernd mir eine Selbstbescheidung und Schein - Freiheit vorgaukeln, die Lebenslüge ist. Lebenslüge von der Art, die schon Platon in seinem Höhlengleichnis mehr als deutlich benennt.
Dem mir nahen Menschen an meiner Seite einmal für seine Treue zum Lebenswiderstand  zu danken, ist vielleicht eine etwas ungewöhnliche Sicht, aber bei Bereitschaft zum Einlassen auf diese Sicht auch ein Torbogen zu neuer Lebenskraft. Mit Herzenstakt gepaart sogar eine Möglichkeit zu mehr gemeinsamer Lebensfreude erneut hinfinden zu können.

Nichts für ungut für diese deutlichen Worte an dieser Stelle! Ein schriller Pfiff, bevor der Karren endgültig an der Wand zerschellt. Es ist nie zu spät von eigenen umnebelten Sichten Abschied zu nehmen. Und ... Möglichkeiten Liebe zu bekunden sind auch in scheinbar mehr als verfahrenen Situationen immer gegeben, es sei denn ich will den Stoffel in mir zum inneren Gott meiner letzten Lebenstage erheben.
Ich wünsche von Herzen allen erdenklichen Mut!

© Bernhard Albrecht Hartmann, 15.07.2015

Dienstag, 21. April 2015

Ich

Nachfolgenden Beitrag habe ich im Juni 2014 schon einmal hier eingestellt. Aus aktuellem Anlass tue ich dies erneut, ergänzt um einen kurzen Dialog aus dem Blog von Info 3, in dem dieser Beitrag ebenfalls veröffentlicht wurde, sowie einem neuen "Fadenschlag" zum Thema von mir aus den letzten Tagen. Mit und weiter denken aus dem Leserumkreis, in welcher Form auch immer, würde mich sehr freuen.

Bewegt in Bewegung. Ich ist nicht, wo diese fliessende Bewegung, dieses bewegt in Bewegung Sein nicht in sich aufgesucht werden kann.

Ich sehe den Einwand. Ich ist nicht? Das widerspricht dem Anschein nach jeglicher philosophischen Forschung über Jahrhunderte hinweg, die sich um dieses Thema bemüht hat. Es widerspricht auch den Forschungen der Entwicklungswissenschaften, die von einem ersten grossen Schritt der Ich Vergegenwärtigung des Kindes im Alter von etwa drei Jahren ausgehen. Das Kind spricht zum ersten Mal von sich als Ich.

Und jetzt: Ich ist nicht, wenn ... Ja wenn fliessende Bewegung in sich nicht aufgesucht, wenn eine Erfahrung dieser Art sich nicht eindeutig vergegenwärtigt werden kann. Ja, was nun? Fliessend erfahrene Bewegung in sich soll zum Ich führen und wo diese Bewegung sich nicht vergegenwärtigt werden kann, da ist kein Ich, da ist Ich nicht, noch nicht? Ja wie nun?

Ich und Bewegung, wie hängen sie zusammen? Und die andere zwangsläufig sich daraus ergebene Frage? In welcher Beziehung steht dazu die Erfahrung der Leere als scheinbarem Endpunkt einer Bewegung, als Erschöpfungszustand des Verstandes am Abgrund, als Sinnkrise, die heute so viele Lebensbereiche der Menschen durchzieht? Leere und Sturz ins Nichts, Depression. Nun, ich will hier diese Fragen nicht ins Einzelne gehend ausloten, vielmehr das Augenmerk allein auf einige wenige Tatbestände lenken, die zum Ausgangspunkt von eigenen inneren Erkundungen werden können.

Wer sich auf eine so geartete Selbsterkundung einlassen kann, der wird in deren Verlauf unschwer feststellen, dass nur das zu einer Erkenntnis hin reifen kann, was aus einer Eigentätigkeit hervorgeht. Mehr Wissen zu den angedeuteten Zusammenhängen führt, auch dies kann als Selbsterkenntnis aus einem derartigen Erkundungsgang hervorgehen, nur immer näher an eine zunächst schleichend auftretende Depression heran, mit der Folge früher oder später sich in panikartigen inneren Zuständen vor einen schwarzen Abgrund gestellt zu sehen.

Es ist heute eine allgemein zugängliche Erfahrung, dass sich unsere gegenwärtige Verstandestätigkeit als eine seit der griechischen Antike entwickelte Kulturtechnik des Denkens auf ein Aussen bezieht, also dual gepolt ist. Die Folge davon ist, dass sich daraus eine höchst differenzierte abbildende Denktätigkeit, ein abbildendes Wirklichkeitsverständnis entwickelt hat. Die bloss abbildende Tätigkeit des Denkens hat dabei eine derartige Intensität angenommen, dass unkritisch sich selber gegenüber sogar geistige Prozesse anscheinend nicht mehr anders als abbildend wahrgenommen werden können, mit der Konsequenz eines nahezu durchgehenden materialistischen Weltverständnisses.

Es scheint mir in dieser über alle Grenzen hinaus betriebenen Denkbemühung längst nicht mehr um die Abgrenzung von Subjektivität und Objektivität, was den wissenschaftlichen Blick auf die Ergebnisse des Denkens hin betrifft zu gehen, sondern um einen krampfhaft verdeckten Selbstausschluss der Kraftgestalt des Denkens innerhalb eigener innerer Erfahrungsmöglichkeiten schlechthin.

Ich und Welt erleben sich per paradigmatischer Festlegung als getrennt. Ich? Sagte ich nicht, Ich ist nicht, wenn es nicht in fliessender Bewegung, als in Bewegung auftretende Erfahrung erlebend gegenwärtig werden kann. Das aber ist die Schwierigkeit für ein abbildendes Verstandesdenken. Es hat die Verbindung zur schaffenden Bewegung in sich verloren, mit anderen Worten, die Kraftgestalt, aus der im ursprünglich aristotelischen Sinne das Denken hervor zu gehen hat, ist dem inneren Blickfeld entschwunden. Dieser Umstand aber ruft das Abgrund Erleben von immer mehr Menschen in der heutigen Zeit hervor. Die selbst geschaffene Dualität im Verhältnis zur Welt muss aus sich heraus dynamisiert werde.

Das mit diesem dualen Wirklichkeitsverständnis erworbene Selbstbewusstsein und daraus resultierend die Möglichkeit zur fortlaufenden Selbstbestimmung hat ihren Preis in einer immer offenkundiger zu Tage tretenden Angst, sprich einem fast pandemisch um sich greifenden Sicherheitsbedürfnis auf beinahe allen Ebenen des Seins. Der Mensch stürzt ins Nichts, erlebt sich in einer immer tiefer um sich greifenden Leere, die er durch alle nur erdenklichen Ablenkungen zu unterlaufen, von sich zu weisen sucht. Seine grösste Angst ist es dabei den Boden unter seinen Füssen und damit im Bodenlosen sich selber zu verlieren.

Die Schnelligkeit, die im äusseren Leben allenthalben gefordert und forciert wird, ist, tiefer betrachtet, ein Hinweis auf die notwendig zu entwickelnde Wachheit für im Inneren eigentätig zu gestaltende und fortlaufend tiefer zu erfahrende Bewegungen. Schwimmen lernen in geistigen Prozessen ist angesagt. Dort aber wo das abbildende Denken unterschwellig immer noch als Massstab für ein sich selbst ordnend im Denken Einfinden Können angesehen wird, ist der Sprung über diesen inneren Abgrund hinweg ein immer wieder auf ein Neues sich bemerkbar machendes und zu verdrängendes Ärgernis eigene Entwicklung nur selbstverantwortlich in die Hand nehmen zu können.

Ich in Bewegung zu erfahren scheint in der Tat für ein zur Gänze in die Abstraktion geratenes Denken unmöglich zu sein. Dennoch ist die Abstraktion ein nicht zu überspringender höchst bedeutsamer Schritt in der Entwicklung zu selbstbestimmtem Denken, führt sie den Menschen doch an eine einzigartige Grenze heran, an eine Grenze, die, so der denkende Mensch sich eine innere Anschauung von seinem Tun des Grenzganges verschafft, eindrücklich zum Erleben bringen kann, dass an dieser Grenze im eigentlichen Sinne überhaupt kein Abgrund vorhanden ist.

Die Abstraktion ist ein unendlich weites Feld und was in dumpfem Erleben hier einen Abgrund vorgaukelt, das ist genauer besehen der in Kraftlosigkeit hinein zusammenbrechende Ausdruck eigenen Denkens, ist Ausdruck von Muskelkater in Bezug auf die eigenen Möglichkeiten denken zu können. Die innere Spannkraft fehlt das Feld der Abstraktion in seiner verschleierten Imateralität zu durchdringen. Bildhaft gesprochen liegt der Abstraktion ein Denken im Glashaus zu Grunde. Das der Abstraktion innewohnende Wesenhafte kann nicht erfasst werden, weil dem Denken die Kraft dazu abhanden gekommen ist und Wege diese Kraft aufs Neue zu erwerben zwar vorhanden, aber allem Anschein nach als Quellgrund für ein weitreichendes forschendes Tätigwerden Können noch nicht ernsthaft genug begangen und erkundet worden sind.

Es mag verwundern, wenn hier gesagt wird, dass die Überwindung oder besser gesagt ein lebensvolles Durchdringen der Abstraktion nur über eine innere Neuausrichtung von Ich und Du im sozialen Raum möglich werden kann. Aus dem einfachen Grunde heraus, weil Gleiches nur durch Gleiches, Wesenhaftes also nur durch Wesenhaftes erkannt wird. Gelingt es das Wesenhafte im sozialen Raum sich erneut lebendig vor Augen zu führen, dann wird es auch möglich werden die Abstraktion in der Wissenschaft aufzubrechen, sie auszurichten auf einen Paradigmenwechsel in der Anschauung immaterieller geistiger Realitäten.

Was als Kraftgestalt hinter dem aristotelischen Denken liegt und was Aristoteles einstmals in seinen Dialogen, soweit sie noch erhalten sind, allem Anschein nach zum Ausdruck gebracht hat, das gilt es im Dialog zwischen Ich und Du erneut an das Licht des Tages, ins Bewusstsein herauf zu heben, wenn die über weite Ereignisfelder hin reichende gegenwärtige Bewusstseinskrise überwunden werden soll. Das Ego als ein Ergebnis dual ausgerichteten Wirklichkeit Verstehens will dynamisiert werden.

Dass ein vertieftes Verständnis, ein Durchschauen der dem Ego zugrunde liegenden Bewegungsdynamik für die Erweiterung des gegenwärtigen Wissenschaftsverständnisses in Richtung auf eine noch zu entwickelnde naturwissenschaftssysthematische Erforschung geistiger Realitäten von entscheidender Bedeutung sein könnte, das kann einem jeden einsichtig werden, der sich auf ein Erkunden der Bewegungsdynamiken innerhalb des Ich Du Prozesses über längere Zeit einlassen mag. Dass damit auf keinen leichten Weg verwiesen wird, das kann nicht verschwiegen werden. Bewusstseinsklarheit zu erringen, ganz gleich auf welchem Arbeitsfeld, das ist noch zu keiner Zeit eine einfache Aufgabe gewesen.

Ein Gewinn, den das abbildende Verstandesdenken in Bezug auf das heutige Wirklichkeitsverständnis gebracht hat, ist aber nicht hoch genug zu bewerten, nämlich ein damit einher gehendes Selbstbewusstsein des Menschen als Basis eines der Möglichkeit nach immer weiter um sich greifen könnenden Freiheitsbewusstseins. Dass an dieses Selbstbewusstsein nicht wenige auch leidvolle Erfahrungen von Verstrickungen in Ego Mustern innerhalb des eigenen sozialen Umgangs eingebunden sein können, das wird ein jeder Zeitgenosse auf seine ganz eigene Weise bestätigen können. Für den Fortgang der Bewusstseinsentwicklung ist das Ego aber nicht zu überwinden, sondern in seiner inneren Bewegungsdynamik anschauend zu verstehen. Kann doch bei genauerem Hinsehen das Ego verstanden werden als die Samenkapsel, aus der durch eine entwickelte Eigentätigkeit das Ich bewegt in Bewegung mehr und mehr in Erscheinung treten kann.

Die Abstraktion ist das Ergebnis eines auf sich bezogenen Ego zentrierten Denkens. Diesem Denken ist das Erleben der eigenen Kraft im Denken entglitten. Denken wird nicht als eine eigene Kraftbewegung erfahren und noch weniger als eine aus einem inneren Blicken hervor gehende Tätigkeit. Erwacht innerhalb dieser blickenden Tätigkeit das Bewusstsein für ein in fliessender Bewegung sich ausdrückendes Ich, dann keimt in der blickenden Tätigkeit zeitgleich ein Lichtprozess auf, der das Feld der Abstraktion mehr und mehr gleichsam aus einer Erstarrung wie aufweckt und den Blick öffnet auf ein Reich wesenschaffend zu einander in Beziehung stehender Wesenheiten.

Für mutige Wegsucher auf dem inneren Feld des Denkens wird damit auf ein weites Forschungsfeld verwiesen, das ein jeder nur Kraft eigenen Entschlusses betreten kann. Wahrheit kann nur dem zu Teil werden, der die Vertiefung eigenen Erfahrens nicht scheut. Keine Institution, kein wie auch immer ausgebildeter Mensch kann mir die Schritte zu Entwicklung einer inneren Eigentätigkeit abnehmen, auf dem sich Erfahrungs- und Forschungsfelder dieser Art eröffnen können und damit Selbstgewissheit in Bezug auf Wahrheit dessen was ist ermöglichen. Der Dialog über alle Grenzen unterschiedlichen Anschauens hinweg, bezüglich dessen, was ein jeder zunächst für wahr halten mag, baut Schwellenängste ab und lässt scheinbare Abgründe verschwinden. Wahrheit ist eine Prozesserfahrung im Dialog.

Bernhard Albrecht Hartmann 25. 06. 2014
Hallo Bernhard,
könntest Du mal Deinen Text auf das in ihm wohnende Prinzip, bzw. die von Dir gemachte Aussage darin (etwas) eindampfen?

Manroe 12.07.2014


Hallo Manroe

Zuerst einmal, ich freue mich sehr, dass Du als erster auf meinen Beitrag einsteigst. Da wir aber auch in der Vergangenheit eine gewisse Geschichte im Umgang auf verschiedenen Foren im Internet miteinander haben, ist es mir ein besonderes Anliegen Dir zu sagen, dass ich Dich mit keiner meiner Aussagen hier und heute und in Zukunft persönlich treffen will, auch dann nicht, wenn ich einmal hart vor dem Wind segelnd mit meinen Aussagen Dir in die Quere kommen sollte. Es geht mir immer um die Sache. Ich schätze deine Art sehr, selbst dann, wenn wir uns in unseren augenblicklichen Auffassungen zu einem Thema immer wieder einmal unterscheiden sollten. Für mich liegt in der Unterscheidung ein grosses Entwicklungspotential, wenn Ich/Du bereit sind sie jeweils innerlich auszuhalten und die Unterscheidung nicht zum Anlass nehmen sich voneinander abzuwenden.

Das Thema „Ich“ ist ein hoch sensibles. Aus meiner Sicht kann es da nicht um Meinungen gehen. Der kristalline Filz, der sich in einem weiten Bogen um dieses Thema auf verschiedenen Ebenen in meinen Augen abzeichnet, er will existentiell bearbeitet sein. Ich muss mich also im Geiste des Sokrates tief innerlich berühren lassen können und mich meinen Ängsten stellen. Denn: Die Frage nach dem Ich ist, wie ich es sehe, eng an die Aussage des Sokrates geknüpft, „ich weiss, dass ich nichts weiss!“

Daraus ergibt sich aber, wie Dir, meinem Sagen folgend, nunmehr bereits selber vielleicht innerlich gedämmert ist, dass ich meinen Beitrag für Dich hier und jetzt nicht „soweit“ eindampfen kann, dass Dir das „in ihm wohnende Prinzip“ damit sichtbar wird.

Wenn Du hier Klarheit weiter suchen willst, dann wird Dir nichts anderes übrig bleiben, als gewissermassen durch die innere Wand: „Ich weiss, dass ich nicht weiss“ hindurch zu gehen, den Schritt hinaus ins Nichts, in die Leere zu wagen. Ich selber bin diesen Weg viele, viele Male gegangen und das Ergebnis ist ein immer tieferes Gewahren eigener Gegenwärtigkeit in Bewegung.

Jede Frage, die Dir wie mir oder anderen Lesern hier bei einem derartigen Bemühen innerlich entstehen mag, sie miteinander ein Stück weit weiter zu bewegen, selbst dann wenn sie sich für einen jeden unterschiedlich weit auflösen mag, sehe ich als einen Gewinn an der Frage nach dem Ich existentiell beobachtend näher zu kommen.

Bernhard Albrecht 13.07.2014





Hallo Bernhard,

...freut mich ebenfalls Dich hier zu sehen und ich hoffe wir kommen bei einem weiteren Versuch etwas besser miteinander aus als so manches andere Mal. Lass es mich gleich zu Anfang kurz aus meiner Sicht beschreiben, warum wir aneinander geraten sind, aus meiner Sicht, natürlich :-). Du hattest immer "nur" so Andeutungen gemacht an entsprechend "heiklen" Stellen und sie dann nicht belichtet, weiter ausgeführt, was, meiner Ansicht, nicht Meinung nach, wenn es um das Ich geht, eben nicht geht. Da stehen sich dann "Auge" und "Auge" gegenüber, im Nullpunkt selbst und ein jeder Ausdruck der nun kommt ist dann im wahrsten Sinne der ent-scheidende, weil dann dem jeweiligen "Null-Ort" entsprechend sich neue Wege und Abzweigungen ergeben, die die jeweilige Schöpfung repräsentieren und aufzeigen, beschreiben, was gerade geschieht. Also frei nach Sokrates, man muss es dann aussprechen, um was es geht. Man schaut gewissermassen im Bilde ausgedrückt, werdenden Verzweigungen beim Auskristallisieren des gefrierenden Atems zu. Und jene "innere Wand" durch die es zu schreiten gälte, trennt ja ab das Reich vor meinem Atemzug von dem des sich auskristallisierenden, in der Überschau umfasse ich beide Seiten. Und ein Gespräch in diesem Sinne sollte im Sinn haben, dass das miteinander Ausgetauschte sich wieder auflöst dadurch, dass man sich gegenseitig gesehen hat, dann werden Kristalle wieder zu frisch belebtem Wasser, das dann in der Lage sein wird, wiederum neue Schöpfungen zu zeigen. Von Atemzug zu Atemzug.

Und, so sehe ich es, was absolut von Wichtigkeit ist, dass aus den in diesem Sinne getätigten Taten keine Lehren oder sonstigen gesetzmässigen Fakten angestrebt oder gar irgendwie ins geistige Erdreich betoniert werden, sondern ein Fluidum schwebend gehalten wird, das anders denn jene Fakten oder sonstigerlei in diesem Sinne wie beratend und ständig mich begleitend mich umhüllt. Keine harten Fakten, sondern transparente Schwingungen.

Manroe 15.07.2014


Im Prozess mit Manroe
"... Da stehen sich dann "Auge" und "Auge" gegenüber, im Nullpunkt selbst ..,"

„Auge“ und „Auge:“ Welches Auge steht da welchem Auge gegenüber, Deines dem Meinen oder schaust Du Auge in Auge mit Dir, Dir selber ins Auge, bist im Begriff Dich eigentätig auf den Punkt der Gegenwärtigkeit mit Dir zu zu bewegen? Sind wir beide bereit in den Augenblicken des einander Begegnen dies aus der bewegt in Bewegung sich bildenden immer neuen Gegenwärtigkeit heraus zu tun?
Wenn ich Deine Aussage hier so befrage, dann trete ich damit an eine aus meiner Sicht heraus ganz entscheidende innere Hürde heran, was das Durchschauen des Kommunikationsprozesses zwischen Ich und Du betrifft. Schwierig, weil hier ja permanent sich alles in Bewegung befindet.

Sich in Bewegung befindet? Will ich prüfen, in wie weit ich in Bezug auf ein mir begegnendes Du hin im Augenblick der Begegnung, also Auge in Auge mit diesem Du meinerseits wirklich in Bewegung mich befinde, also nicht aus einer statisch, dualen Haltung heraus auf das Du und sein aktuelles Sagen hinschaue, dann kann ich das z.B. daran ablesen, ob mir angesichts der Aussage des Du mehr oder weniger schnell ein „Ja Aber“ aufstösst. Im „Ja Aber“ falle ich nämlich sowohl aus dem inneren Anschauen der Aussage des Du heraus, bzw. komme erst gar nicht an deren Kernbereich heran, ich verliere darüber hinaus auch die Augenhöhe zu mir selber, schaue mir selber nicht mehr ins Auge, zumindest nicht mit der notwendigen inneren Wachheit.

Ich sagte ja, alles ist hier in Bewegung und meine Aufmerksamkeit für die vielfältigen Bewegungen kann hier sehr schnell in ihrer Eigentätigkeit durch diese oder jene Nuance des Geschehens ins Flackern geraten, für das Wesentliche erblinden; kann sich einnebeln durch unterbewusste Einflüsse, die sich im konkreten Augenblick noch der eigenen geführten Aufmerksamkeit entziehen, mit der Folge von Irrtümern und Missverständnissen. Das „Ja Aber“ baut innere Wände zwischen einander Begegnenden auf, kehrt die Aufmerksamkeit in mir um auf den eigenen vergangenheitsgeprägten Vorstellungsgehalt über eine bestimmte Sache und erzeugt sehr schnell eine Haltung das jeweilige Du in dieser oder jener Weise vermeintlich korrigieren zu müssen. Es führt ausserdem zu Übertragungseffekten eigener Vorstellungen auf das Du und öffnet damit einem Hick-Hack Tür und Tor, das so viele Diskussionen begleitet und Gespräche sehr, sehr erschwert, wenn nicht sogar verunmöglicht. Wenn Du Dich erinnern willst, dann kannst Du in Deinen eigenen Erlebnisräumen hier gewiss so manche Begebenheit in dieser Richtung ausmachen.

Es ist aus meiner Sicht ein nicht ganz leicht auszumachender Irrtum im Hinschauen auf eine Aussage des Du, Ich könnte in dessen Denkprozess so ohne weiteres einsteigen. Die jeweilige Denkdynamik ist in sich einmalig und kann nicht nachbildend kopiert werden. Noch schärfer ausgedrückt: Dort wo alles so eminent in Bewegung ist (auch in einem mehrheitlich abstrakten Denken lassen sich hinter Schleiern kraftvolle Bewegungen ausmachen und wirken aufeinander) kannst Du „nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen“ (Heraklit).

Wie kommt dann aber Verständigung von Du zu Du zustande? Du kannst nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen, was gleichermassen für den Denkprozess des Du gilt, wie für Deinen eigenen Denkprozess. Kommst Du auf dem Seelengebiet, in dem dies so nach und nach beobachtbar wird, in fortlaufend sich vertiefenden inneren Bewegungen immer mehr voran und kannst Du die Angst in Dir bändigen, bzw. im inneren Gleichgewichtsempfinden immer wieder auflösen, wenn Du einem kleinen Bergbach gleich zwischen Steinen, Gras- und Fels Katerakten in Deinen inneren Bewegungen vorwärts stürzt, auseinander gerissen und zusammen gepresst wirst, dann siehst Du Dich irgendwann wie vor eine innere Wand gestellt, an der nichts mehr weiter zu gehen scheint.

Hier geht im Wortsinne nichts mehr, denn alles, was sich bis an hin in Dir und um Dich bewegt hat, das entpuppt sich als nicht zu Dir gehörig, ist Abbild geprägtes Baugerüst, ist ein auf Dein Ego hin bezogener Ego Wirklichkeitstraum. Verkürzt gesagt, Du bist nicht Es. Es geschieht in Dir und um Dich, aber Du bist Es nicht.

Im inneren Zwiespalt zwischen dem „Tanz der Affen“ in Dir, den Du eigentlich bändigen willst und der Leere, die sich einstellt, wenn sich dies alles als Chimäre entpuppt, als nicht eigentlich zu Dir gehörig, weisst Du nicht, wohin Du Dich nun wenden sollst. Furcht und Angst breiten sich aus, der Boden unter Dir scheint weg zu brechen.

Du - in der Konfrontation mit dem Nichts und in einer gesteigerten inneren Erfahrungsweise mit der Leere. Das Nichts - ein Erlebnisfeld der Verzweiflung des Verstandes, der um seine gewohnten Haltestreben kämpft; die Leere - ein Erlebnisfeld langsam gegenwärtig werdender Bewegungskräfte, deren Tragfähigkeit in der noch Dunkelheit erprobt sein will.

Dies zu verstehen, auf was ich hier gerade hinzudeuten versuche, das ruft ein grosses, ein tiefgreifendes Dilemma mit auf den Plan. Die Begriffe Nichts, Leere und Dunkelheit sind über eine lange Zeit hinweg überlagert worden von einer immer dichter werdenden Patina materialistischer Vorstellungsschichten, so dass an ihre ursprüngliche Gestalt nicht ganz leicht heran zu kommen ist. Hier gewissermassen den Flammenwerfer in Gang zu setzten und alles niederzubrennen auf ein - „ich weis, dass ich nichts weis“ - hin, dazu gehört, konsequent durchgeführt, einiger Mut, denn ich schlage mir im Wortsinne damit unmittelbar und eigenhändig den Boden unter den Füssen weg, auf dem ich vermeintlich stehe.

Wenn ich auf meine Erfahrungen vieler Jahre zurückblicke, dann kann ich nur sagen Unkraut, in Form von Abbildern, also toter, lebensleerer Begriffe oder materialistischer Worthülsen, wächst hier von den verschiedensten Seiten (nicht nur von den oben bezeichneten Begriffen) her immer wieder nach und fordert Dein inneres Beweglich-Werden beständig neu heraus. Entgegen vieler spiritueller Bestrebungen hat der Materialismus bis in vermeintlich spirituelle Begriffe hinein sehr viel mehr seine Anker versenkt, als gemeinhin bemerkt wird.

Ernst genommen hat dies eine grosse individuelle Verantwortung zur Folge. Ich kann mich auf keine Aussage eines anderen Menschen mehr und sei es auch „ein noch so grosser Lehrer“ dauerhaft gleichsam setzten ohne, erwachend zu mehr Eigentätigkeit, diese Aussage bewegt in Bewegung zu prüfen und zu individualisieren, mit eigenen inneren Anschauungen erlebend zu durchdringen. Mit anderen Worten ausgedrückt mich beständig wiederum neu auf den Nullpunkt eigener Gegenwärtigkeit sachbezogen und nicht voreilig rechthaberisch zu zu bewegen.

Du sprichst ja Deinerseits von dem Nullort und der Möglichkeit von dort her einer beständigen Entkristallisation, Verflüssigung im inneren Durchdringen von Begriffen zu zu wachsen, Dich bewegt in Bewegung innerlich transparent in der eigenen Anschauung erfahren zu können in Resonanz mit rein geistigen Lichtschwingungen.

Leicht durch mich verwandelt, wie Du wohl siehst, lächel! Ich hoffe, Du nimmst mir das nicht übel, denn ich hoffe damit mit Dir einen möglichen Weg für weiteres Forschen und Selbsterfahren zu öffnen, für ein Beschreiben des selbst Erfahrenen von unseren jeweiligen Nullpunkten, Nullorten her.

Der Respekt füreinander, auch wenn sich wechselseitig vielleicht einmal nicht eine jede Aussage sogleich erhellen mag, sei der Wächter über unser Bemühen.
Ich grüsse Dich,

Bernhard Albrecht 13.08.2014 



Ein neuer Fadenwurf in einer schwierigen Fragestellung

Warum Du den angefangenen Dialog nicht weiter führst ist Deine Sache Manroe und bedarf keiner Erklärung oder gar einer Rechtfertigung. Wenn ich den Faden jetzt erneut aufgreife, dann tue ich das, weil mich die aufgeworfenen Fragen in Zusammenhang mit Deinem und meinem Sagen weiter beschäftigen. Fühle Dich also nicht genötigt hier mit zu denken. Das Ich spricht, wenn es aus sich heraus und aus nichts anderem als diesem sprechen will. Dies gilt auch für diejenigen Leser, die sich aus einer erweiterten Runde heraus für das bisher hier Gesagte lesend interessiert haben.

Ich lade alle Leser, die als „Ich“ hier sprechen wollen zum „Dialog“ ein. Denn das „Ich“ kann sich seiner selbst nur im Dialog gewahr werden, erfährt Belichtung dadurch, dass es das Wagnis eingeht sich sprechend zu zeigen.

Das Ich ist keine abstrakte Grösse, die gewissermassen auf einem Seziertisch in einem quasi Nullort Vakuum unter einem Mikroskop analysiert werden könnte. Das Ich ist eine Bewegungsentität, ist eine Kraftgestalt und kann demgemäss also nur in Bewegung, in bewegter Selbstbefragung überhaupt zu einer inneren Anschauung seiner selbst gelangen, zu einer Erfahrung in Bewegung werden.

Das Ich lässt sich mit Vorstellungen, gleich welcher Art, nicht einfangen oder abstrakt auch nur annähernd verstehen. Es ist eine einzigartige Kraftgrösse. Als diese kann es in einer Persönlichkeit langsam aufwachen, indem sich der Keimzustand des Ich, wie er in einem Kind von etwa drei Jahren erstmals sich zu regen beginnt in vielfältigen Du - Erfahrungen immer wieder aufs Neue spiegelt, in der Nährlösung dieser Erfahrungen innerlich reift und in Folge mehr und mehr seiner selbst gewahr werdend, in ein Eigenerfahren hinein wächst.

Von einem gewissen Augenblick an schaut das Ich seinem eigenen Auskristallisieren zu. Und diese Erfahrung ist im Anfang so erschütternd, weil Verantwortung einfordernd, dass ein keimend erwachendes Ich sich immer wieder hinter seiner Ego Schürze zu verstecken geneigt ist. Solange, bis die Erfahrung eigener Kraft gross genug ist, dass sie sich auch ungeschützt zeigen kann. In seiner tieferen Potenz ist das Ich nämlich unverletzbar. Dahin allerdings gelangen und in Erfahrungen innerlich stabil bleiben zu können ist ein sehr schweres Unterfangen.

Das Ich in seinem Werden zu schützen ist von da her der tiefere Grund für das Gebot: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Diese Würde zu schützen dafür braucht es den Respekt. Im Reden und Ringen um Klärung in dieser oder jener vielleicht tiefen Erkenntnisfrage ist dem Respekt die oberste Wächter Funktion zugewiesen.

In meinen Augen zeigt sich die Stärke eines Ich in seiner Fähigkeit zum Respekt über alle Grenzen hinweg.

Bernhard Albrecht, 04.04.2015

Mittwoch, 18. März 2015

"Cogito ergo sum" - "Ich denke also bin ich" (noch nicht) ...

"Welches Glück, wenn man mit dem Bewusstseinszustand den man gerade erreicht hat, etwas anfangen kann. www.egoistenblog.blogspot.de Wir sind die Sklaven der Vergangenheit
Dienstag, 10. März 2015 um 17:32:00 MEZ)

Für mich stellt sich im tieferen Hinlauschen auf diese Aussage die weitere Frage: Wann bin ich innerlich gegenwärtig in einem Bewusstseinszustand, in dem etwas gleichsam so zu mir spricht, dass ich damit etwas anfangen kann, sich mir eine Orientierung ergibt, ich mit der eigenen denkenden Prozessgebärde auf ein Sagen aus der Welt hin meinen inneren und äußeren Weg sinnvoll fortsetzen kann? Wann?

Zum eigenen Überprüfen will ich dazu das Folgende sagen. Ich kann mich einem derartigen Zustand, einer dahin gehenden inneren Verfasstheit aus meinem Erfahren schrittweise dann annähern, insoweit ich bereit bin mich mit meinen "eigenen Texten" textkritisch auseinander zu setzen, sie textkritisch unter die Lupe zu nehmen, zum Beispiel dahingehend wie eigenständig diese Texte, die ich tagtäglich in erheblichem Umfang denkend produziere von mir auch nur angemessen durchdacht sind und werden oder wieviele Einschüsse von anderen Denkern ich in "meinem sogenannten eigenständigen Denken" da unbemerkt mitschleife, ohne auch nur daran zu denken die Quellen auszuweisen, bzw. überhaupt für sie ein Bewusstsein zu entwickeln.

Und auch dieses ist mir nach wie vor lohnenswert innerhalb der eigenen Erfahrungswelt von Textentstehungen in innerem Gleichgewicht einer Betrachtung zu unterziehen: Die Textgeschichte der eigenen Textprodukte. Wie hat sich mein Denken durch meine Textprodukte hindurch, mehr oder minder blinde Adaptionen überwindend, entwickelt, verwandelt und möglicherweise metamorphosiert? Nicht nur bei Rudolf Steiner ist eine Textgeschichte nachweisbar, sie könnte zur Standart Erfahrung einer jeden 
Individualität gehören, so ich darauf nur hinschauen will.

In einem weiteren Schritt könnte sodann, sofern ich wirklich kritisch "in erster Linie mit meinen denkend selbst erschaffenen Texten" Umgang gepflegt habe die innere Dynamisierung von eigenen Textelementen, Textsentenzen folgen, was meinem Erfahren nach in ganz natürlicher Weise zu einem Hineinwachsen in die seelische Beobachtung führt. Dass dies kein einfacher Weg ist, das kann schon nach wenigen Versuchen in dieser Richtung durchaus sichtbar werden. Diesen Schritt ernsthaft in Betracht zu ziehen scheint mir aber notwendig  zu sein im Hinblick auf meine Ausgangsfrage oben.

Textkritik im Sinne gegenwärtiger wissenschaftlicher Usancen haftet zunächst etwas Abstraktes an. Einfach aus dem Grund, weil ich mit Texten umgehe, deren begriffsbildende Ursprungsdynamik mir fremd ist, so ich ehrlich zu mir selbst bin und, weil ich nicht Hervorbringer dieser Gedanken war und bin. Mit Ideogenetik und der Ausforschung der Entwicklungsgeschichte eines Textkorpus kann ich mich ein Stück weit dem mir fremden Denken annähern. Ich kann über das mir fremde Denken denken, ich kann es aber nicht eins zu eins als dieses andere Denken denken.

Um hier weiter zu kommen scheint "mir" nur der eine Weg offen zu stehen, mich individuell verantwortungsvoll mit meinem eigenen Denken, den eigenen Vorstellungsbildungsprozessen entschiedener auseinander zu setzen. Verschaffe ich mir hier Zugang zu einem gewissen Bewusstsein, dann kann ich aus meiner Erfahrung heraus auch fremdes Denken mir nach und nach tiefer zu einem Verständnis bringen. Das stösst auf, ich weiss.

Ich bin auf meinem Weg inzwischen zu der Auffassung gelangt, was so nicht einfach übernommen werden kann, sondern jeweils individuell überprüft werden muss, dass abweichend von der Aussage René Decartes: "cogito ergo sum" ("ich denke, also bin ich"), ich eigentlich noch nicht bin, weil ich zwar denke, denkend aber keinen Anschluss an die Quelle meines Denkens, kein Bewusstsein von der Prozess gestaltenden Kraft meines Denkens in mir habe. Dahin zu gelangen ist ein schwieriges Unterfangen und hat mit den Vorstellungsüberlagerungen zu tun, in die ich gewohnheitsmässig solange hinein laufe, wie ich mir selber denkend nicht als ein Fremder gegenüber trete. Ich bewege mich durch Abbilder der sogenannten Wirklichkeit hindurch, abstrakt ..., nicht lebendig; verstandesklar, jedoch nicht im Bewusstsein der schöpferischen Kraftgestalt, die in meinem Denken schlummert. Diese Kraftgestalt gilt es aus meiner Sicht aufzufinden, wenn ich Glück empfinden will mit dem Bewusstseinszustand, den ich gerade erreicht habe.

Glück ist eine besondere Erfahrung von Freiheit, sie ist mit einer Empfindung von innerer Losgelöstheit verbunden. Losgelöst von was? Losgelöst von einer Sicht z.B. auf bestimmte Belange meines Alltags, in die ich mich kurz vor der Erfahrung dieses Glücksmomentes noch verfangen gesehen hatte, ohne Aussicht auf eine befreiende Sicht innerhalb dieses meines gegenwärtigen Alltags. Vorstellungen können wie Klebefallen an mir hängen. Werden sie auf die eine oder andere Weise von mir oder einem anderen in meiner unmittelbaren Umgebung in einem unvorhersehbaren Zeitmoment aufgebrochen, kann dies Glücksmomente auslösen.

Bilden solche Vorstellung Klebefallen aber die Hintergrundstrahlung von Auseinandersetzungen,  wie gegenwärtig um die Herausgabe der SKA durch Christian Clement, dann kann das zu   unüberwindlich erscheinenden Trennlinien führen, die dem Schutz, wie auch einer zeitgerechten Vertretung und Weiterentwicklung des Werkes von Rudolf Steiner abträglich sind.

Ich habe sehr überlegt im Hinblick auf den gegenwärtigen Prozess der Auseinandersetzung um die SKA den Begriff der Vorstellungsklebefalle hier eingeführt. Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass, auf welcher Seite ich in einer Auseinandersetzung auch stehen mag immer Vorstellungsverklebungen die sachliche Verständigung behindern oder gar verhindern. Insofern ist höchste Achtsamkeit geboten und keine Seite kann für sich auch nur leise in Anspruch nehmen, sie sei von der Möglichkeit einer Verfilzung in solche Zusammenhänge weit entfernt, weil ja die Anderen in dieser oder jener Weise unmöglich argumentieren würden. Wer so meint denken zu können, der hat sich aus meiner Erfahrung heraus noch nicht nahe genug an "seine individuelle Schwellensituationen" in diesem raum-zeitlichen Zusammenhang heran bewegt. Mag er sich auch noch so sehr nur für eine Randfigur in einem derartigen Auseinandersetzungsprozess halten, jenseits möglicher Hauptlinien ist auch er mitverantwortlich vernetzt und damit schmerzlich betroffen gewissermassen seinen inneren Überwindungspunkt seelisch beobachtend ausfindig zu machen und in der Konsequenz einer derartigen Beobachtung aufzulösen.

Abschließend stellen sich mir aus der seelischen Beobachtung zwei dynamische Begriffsstränge vor Augen und das sind die sogenannte kalte Abstraktion, wie ihr entgegengesetzt wirkend die heisse Abstraktion in der individuellen Denkbewegung, die je spezifische Vorstellungsklebefallen vor sich herschieben. Mondenhaft stellen sich diese Klebefallendynamiken in unterschiedlichen Schattenausdrucksformen vor die sich anbietenden Möglichkeiten zu einem Ichausdruck. Aus dem Ringen um dynamische Gleichgewichtsfindung innerhalb meiner seelischen Beobachtungen wird so immer wieder eine selbstverantwortete Manifestation dynamisch tatsächlicher Art, also eine lebendig vom Herzen her getragene Wertschätzung gegenüber gerade auch anders denkenden Menschen unterlaufen.

Die uralte Frage: "was wirret Dir," beinhaltet die Frage eigener Willensumkehr und damit Willenserweckung über das "cogito ergo sum" im bisanhin standardisierten Verständnis hinaus. "Ich denke, also bin ich," wird aus meiner Sicht erst dort voll wirksam, wo das Ich, die Abstraktion überschreitend, aus der seelischen Beobachtung heraus im Willen erwachend in seine Selbstverantwortung gegenüber dem Weltprozess aktiv hinein wächst.

Ich weiss, dass ich mit diesem Sagen ein hoch sensibles Feld betrete, mit der Folge damit auch einen Sturm im Wasserglas auslösen zu können. Deshalb will ich hier noch anmerken, dass diese Gedankengänge lediglich meine Art der Verarbeitung tiefer Betroffenheiten in zahlreichen still verfolgten Dialogen im Zusammenhang mit der Herausgabe der SKA darstellt. Ich, (wir?) stehen vor einer Pforte des Herzensmutes. ...

© Bernhard Albrecht Hartmann, 18.03.2015





Samstag, 31. Januar 2015

Von der Herausforderung "Freies Geistesleben" zu leben

Weitere Anmerkungen zur Auseinandersetzung um die Steiner Kritische Ausgabe auf: www.egoistenblog.blogspot.de

Was suche ich, wenn ich bemüht bin mit einem anderen Menschen in ein Gespräch einzutreten, wenn ich mich an einer Diskussion beteilige? Was suche ich?
Diese Frage scheint auf ein Erstes hin widersinnig zu sein und sie ist es auch, denn das was "Ich" suche steht nicht unmittelbar in meinem Fokus, wenn ich in die Teilhabe an einem Gespräch eintrete. Im Vordergrund steht eine Anmerkung, die mir wichtig ist zu einem vorausgehenden Beitrag zu machen. Es geht also um Mitteilung meiner Weltsicht auf ein zuvor von einer anderen Person Angemerktes.
Mitteilung.
Wie schnell aber kann eine solche Mitteilung ganz leise eine Korrektur oder auch eine latent wirkende Behauptung mit enthalten, der Andere sei einem Irrtum verfallen oder seine Sicht auf den Sachzusammenhang sei einfach nur falsch. Steht es mir zu darüber zu befinden, auch nur leise, unausgesprochen ganz bei mir, ob die Sicht eines Anderen in einer Diskussion falsch ist, wenn mir gleichzeitig die lebensvolle Ausgestaltung eines "Freien Geisteslebens" wichtig ist?
Freies Geistesleben.
Muss ich mich im Sinne eines freien geistigen Austausches unter Menschen nicht eines jeglichen Urteils über andere Menschen enthalten? Denn, wirkt nicht das Unausgesprochene, das so nebenbei unbemerkt Beigepackte in einem Gespräch mit, trägt dazu bei über Gelingen oder Misslingen eines Gespräches? Und umgekehrt: Hat nicht auch die vorschnelle, auch die stille Abwehr eines nicht unmittelbar Beteiligten einer Mitteilung in einer Diskussion möglicherweise stärkere Folgewirkungen auf den weiteren Verlauf des Gespräches? Ob es ausufert oder verhärtet?
Abwehr.
Kann ich in mir eine Abwehr gegenüber einem in einem Gespräch Mitgeteilten ausmachen, in welchem Verhältnis stehe ich dann in mir zu einem wirkungsvoll in Erscheinung treten wollenden "Freien Geistesleben?"
Damit komme ich zurück auf die eingangs gestellte Frage, was suche ich, wenn ...? Suche ich vielleicht über meinen vordergründigen Drang zur Selbstmitteilung hinaus die Selbstbegegnung mit mir? Und wenn dem so sein sollte, was hat dann Abwehrverhalten gegenüber dem Sagen eines anderen Menschen mit meiner möglichen (Nicht)Bereitschaft zur Selbstbegegnung zu tun. Abwehr und (Nicht)Erwachen am anderen Menschen? Abwehr und selbstverzehrende Sehnsucht nach Freiheit? Abwehr und vielleicht sogar (unterschwellig missionarischer) Überzeugungsdrang anderen Menschen gegenüber, weil ich ja weiss, wie es richtig ist? Abwehr und Kopf schüttelndes Verhalten gegenüber, wie ich es vielleicht bezeichnen möchte, befremdlichem  sich Ausdrücken? Abwehr gegenüber dem Fremden im Anderen schlechthin?
Was ist also vorrangig zu löschen bevor in dieser Hinsicht ein ordnender Eingriff von aussen zu erwägen ist? Es sind meine vorschnellen Urteile über einen anderen, diesen bestimmten anderen Menschen. Alle Vorstellungen sind einer kritischen Sichtung zu unterziehen. Was bedeutet Selbstbegegnung auf einen Nullpunkt hin, innerhalb dessen ich mich fortschreitend immer weniger auf ein Aussen als Referenz für mein weiteres Tun und Sagen werde abstützen können. Freiheit in innerer Haltung zu leben ist ein schwieriges Unterfangen, ein beständiges Wagnis und ...
Sokrates modern! Freiheit ist nicht zu haben ohne sich mit dem Gift in der eigenen Unterwelt zu konfrontieren.

Ein neuer Anlauf und weiter reichende Zusammenhänge?
Geht es in der Abwehr der SKA als einer Unternehmung von Christian Clement möglicherweise gar nicht in erster Linie um eine Abwehr dieses Unternehmens, das dem Vorhaben nach kritisch geführt sein will?
Geht es vielleicht eher um die unterschwellige Furcht vieler randständig oder direkter auf dieses Unternehmen hin ausgerichteter Menschen dadurch zu sich selber in ein kritischeres Verhältnis unabwendbar und verstärkt eintreten zu müssen?
Geht es um die Herausforderung der seelischen Beobachtung als einer Schulung in kritischer Selbstbeobachtung von Phänomenen eigener seelisch - geistiger Bewusstseinsprozesse, geht es darum diese anzunehmen und mit den daraus sich ergebendn Konsequenzen zu leben, was aus meiner Sicht und beschränkten Erfahrung heraus alles andere als leicht ist?

Dritter Anlauf, nunmehr im engeren Sinne zur philosophischen Biographie von Rudolf Steiner.
Emanuel Kant äussert sich einmal dahingehend, dass es vor seiner "Kritik der reinen Vernunft" gar keine Philosophie gegeben habe. Eckart Förster widmet dieser Behauptung und einer weiteren Behauptung von Hegel, dass die Philosophie mit dem Jahre 1806 ende, ein bemerkenswertes Buch.
Eckart Förster - Die 25 Jahre der Philosophie - 2. Auflage 2012, Vittorio Klostermann GmbH,  Frankfurt am Main - Rote Reihe, ISBN 978-3-465-04166-5
Ich habe nun gerade erst damit begonnen mich mit diesem Buch tiefer auseinander zu setzen, habe aber an verschiedenen Stellen immer wieder fragend innegehalten, unter anderem an dieser ganz am Anfang des Buches. Kant schreibt in einem Brief an seinen ehemaligen Schüler Marcus Herz, dass er sich gestehen musste,

"dass mir noch etwas wesentliches mangle, welches ich bey meinen langen metaphysischen Untersuchungen, sowie andre, aus der Acht gelassen hatte und welches in der That den Schlüssel zu dem ganzen Geheimnisse, der bis dahin sich selbst noch verborgenen Metaphys:, ausmacht. Ich frug mich nämlich selbst: auf welchem Grunde beruht die Beziehung desjenigen, was man in uns Vorstellung nennt, auf den Gegenstand?" 
Förster, Seite 13, Absatz 2.

Dies lesend habe ich mich gefragt,

hat Rudolf Steiner mit seiner Philosophie der Freiheit nicht über die grossartige Leistung der abstrakt konkreten Herausarbeitung der kritischen Vernunft durch Emanuel Kant hinaus gehend einer zukünftig noch vertiefter zu erarbeitenden kritischen Phänomenologie des Denkens als Bewusstseinsprozess eine erste Spur gelegt?
Diese Frage will ich als eine aus meiner Sicht eminent wichtige Forschungsfrage in die Runde stellen.

© baH, 29.01. 2015

Sonntag, 25. Januar 2015

Weil ich ja weiss, wie es richtig ist!

... Weil ich ja weiss, wie es richtig ist! ... Weil ich ja weiss ...
Beginnt nicht genau da, in unserer vielleicht allzu schnellen Positionierung, in einer (sehr leisen, zunächst kaum zu identifizierenden) Überheblichkeit schon das, was wir dann oft nach langen schmerzvollen Umwegen als Irrtum erkennen müssen?
Wie wäre es stattdessen damit: Nichts ist ungewisser als die Gewissheit. Wenn ich damit jetzt nicht den alles zersetzen könnenden Zweifel ins Feld führen, sondern nur anregen möchte in die Haltung der Gewissheit ein kleines Zögern gleichsam zu implantieren, ganz im Stillen es mir zu Gewohnheit werden lasse ein kleines Türchen offen zu halten, dass es auch anders sein könnte. Was verändert sich dadurch in mir, ganz leise? ...
Ich entwickle ein Haltung der Ehrfurcht hin auf ganz andere Möglichkeiten, wie es auch noch sein könnte.
Und im weiteren Verlauf dieses Weges, wo gelange ich hin, wenn ich lange genug in diese Richtung voran geschritten bin? Wenn sich eine Ehrfurcht an die andere zu reihen begonnen hat, wenn ich vielleicht auch zu einem Menschen aufschauen durfte, der aus meiner Sicht so viel mehr zu wissen scheint, als ich? Was dann, wenn sich das Freiheitsempfinden, der Drang es zum Ausdruck zu bringen immer stärker in mir zu regen beginnt, was dann?
Nach dem Hin- und Aufschauen in vielerlei Ehrfurchten werde ich dem ersten Anschein nach vor ein dunkles Tor geführt. Nach dem Hin- und Aufschauen, was ja auch einem von mir Wegschauen entspricht, einem nach Aussen Schauen, werde ich ganz auf mich zurück geworfen und erfahre, dass ich im Grunde
"weiss, dass ich nicht weiss (Sokrates)".  

Diese Art von Erfahrung, nach vielen lichtvollen Ehrfurcht Ausblicken und Ehrfurcht Aufblicken ist nicht leicht zu verdauen. Sich in einem gewissen Sinne wieder lösen von einer derartigen Erfahrungsweise fällt schwer. Aber sie ist notwendig, wenn ich Freiheitsfähigkeit aktivieren will, wenn ich nicht nur von der Notwendigkeit der Freiheit rede, sondern sie eigenständig auf die Füsse stelle.

Hier habe ich gestern „den Stift“ niedergelegt und kann aus aktuellem Anlass meine Gedanken nicht in der Weise fortsetzen, wie ich sie gestern noch vor Augen hatte.

Wie aktiviere ich nach den Tagen von: „Je suis Charlie“ Freiheitsfähigkeit? Bin ich in der Solidarisierung für „Charlie“ schon „Charlie per se“ mit all seinem Mut, seiner Risikobereitschaft stündlich mein Leben aufs Spiel zu setzen für die Freiheit des Wortes?

Wenn ich weiss, wie es richtig ist! ... stehe ich ich da unter Umständen, wenn ich mich hier  nur tiefer gehender beobachten will, nicht sehr, sehr nahe jenem Sandwirbel, aus dem ein Tornado entsteht, eine terroristische Bewegungsdynamik in mir, in der ich einige wenige Sandkörner zu einer weiter umgreifenden Bewegungsdynamik in der Welt unversehens beitrage? Solches, wenn ich es denn als einen kleinen Stolperstein in mir überhaupt wahrnehmen will, derartig untergründiges Ereignen schiebe ich natürlich schnell zur Seite, verlagere es in die Welt hinaus, um mich sodann, mit den fremdgesteuerten Folgen einer terroristischen Schreckenstat aus der Distanz zur keimhaft möglichen eigenen Mittäterschaft zu solidarisieren.
Mich bestürzt dieser Ausblick zutiefst und ich erlebe in mir, dass ich genau in diesem Augenblick jener oben bereits angesprochenen Erfahrung:

„dass ich weiss, dass ich nicht weiss“

noch um einiges, was die damit verbundene existentielle Intensität betrifft, näher gerückt bin. Ich stehe dem Feuer speienden Drachen aussen, wie innen gegenüber.
Resignation, Entsetzen, Zorn, um sich Schlagen, Depression und vieles mehr, was an dieser Erfahrungsschwelle in mir auftreten mag, dies alles in ein waches anschauendes Gleichgewicht in mir gebracht, wohin führt mich das? Gibt es überhaupt Sinn in dieser Richtung zu denken?

Um das wissen zu können, muss ich bereit sein über den Zustand des inneren Gleichgewichtes hinaus in die Stille einzugehen, muss ich bereit sein für die Erfahrung, im Bodenlosen Fuss fassen zu können. Durch was?
Durch den „guten Willen,“ der mich, von innen heraus wie neu belebend, mir nach und nach immer deutlicher zuwächst! Das Zünglein für Veränderung in der Welt bin ich und niemand anderes sonst! Bewegung ganz aus dem eigenen Kern heraus und durch nichts anderes als das.
Was zeichnet den guten Willen aus? Eine Erfahrung, die aus der Welt, in der wir uns bis anhin fest verankert fühlen nicht möglich zu sein scheint, dass es anders als wir sein könnten, welche die Urteile über die Welt und andere Menschen bilden. Eben aus einer dualen Weltsicht heraus.
Mit der tatsächlich existentiellen Erfahrung, „dass ich weiss, dass ich nicht weiss,“ verlagert sich die Möglichkeit dieser dualen Weltsicht gleitend oder mitunter auch ruckartig in eine nonduale Betrachtungsweise der Welt, das heisst, die Dinge und Menschen erklären sich durch sich selbst und das Ergebnis dieser sich aus sich selbst erklärenden Dynamik unterscheidet sich nicht selten sehr von meinen vorausgehenden Urteilen.

© baH, 11.01.2015

Selbstgeburt

Zum Beitrag von Burghard Schild: "Aus durchwachter Nacht" vom 17.1.2015 auf www.egoistenblog.blogspot.de eine Fortsetzung unter einem etwas anderen Gesichtspunkt.

Selbstgeburt voranzubringen ist, das Küken zeigt es uns, ein Weg durch Härten hindurch. Das Ei will aufgepickt, die zunächst kleine Öffnung erweitert werden, damit das Küken seinen Weg ins Leben hinaus finden kann.
Versetze ich mich in die Lage des Küken, dann entwickelt das Küken an der harten Eischale die Intention diese zu durchdringen. Alle Kraft wird gebündelt, um das Tor zum Leben hin zu öffnen. Zum Leben hin ...
Was aber ist Leben? Für das Küken ist Leben mit Nahrung verbunden, denn der Vorrat an Nahrung im Ei geht mit seinem Heranwachsen dem Ende zu. Deshalb verwendet das Küken alle Kraft darauf aus dem Ei schlüpfen zu können, um neue Nahrungsquellen zu erschliessen.

Wie aber sieht nun Selbstgeburt beim Menschen aus. Gibt es da Ähnlichkeiten auf dem Weg ins Leben hinaus? Dabei habe ich nicht die Geburt eines Kindes aus dem mütterlichen Schoss im Auge, sondern jene zweite Geburt des Menschen, seine Geistgeburt.
Geistgeburt, ein Weg der Selbstgeburt aus einer höher dimensionalen Erfahrung des sich in einem Ei eingeschlossen Empfinden. Selbstgeburt als ein Prozessgeschehen seinen individuellen Freiheitsweg aus sich heraus zu entfalten.
Was aber sind die Mittel dazu? Das Küken fokussiert, von dem Verlangen nach Selbsterhaltung getrieben, seine ganze Kraft in seinem Schnabel, um die Härte der Eischale aufzubrechen. Der Mensch sieht sich in seinem Seelenleben einer Vielzahl von Vorstellungen gegenüber gestellt, deren Härten zu durchdringen sind.
Härte!
Die Härte oder auch Notwendigkeit, vor die sich der Mensch hier gestellt sieht, ist die nur sehr langsam wachsende Einsicht, dass er sich in einem Geflecht von Abbildern verfangen hat, die er für Wirklichkeit hält, die ihn aber letztlich nicht befriedigen und seine Sehnsucht nach Leben nur noch mehr antreiben.
Leben, ein Prozessgeschehen aus der Liebe zum Handeln.
Liebe zu welchem Handeln? Die seelische Beobachtung kann Dir die Antwort darauf geben, sofern Du ihr ein inneres Freigehege überlässt, in dem Selbstgewissheiten aus den Vorstellungen, die zunächst Deine Welt sind, heranreifen können. Heranreifen dann, wenn Du die Vorstellungen, die Du Dir bildest nicht missbrauchst, um damit Urteile über andere Menschen zum Ausdruck zu bringen, sondern um Dich an diesen Vorstellungen zu erinnern wer Du selber bist. Es ist leichter über gewisse Vorstellungen einem anderen Menschen so dies und das anzuheften, als sich in diesen Vorstellungen, in der Art wie Du sie bildest, was Du einschliesst, was Du ausschliesst, sich selber zu erblicken.
In seinem Spätwerk spricht Rudolf Steiner davon Geisterinnern zu üben, in seinem Frühwerk beschreibt er wie Du über die seelische Beobachtung Deinen Weg zu eben diesem Geisterinnern finden kannst.
Ohne Selbsterkenntnis, die aus dem Geisterinnern hervorgehen kann, lässt sich kein wirklich nachhaltig förderlicher Umgang unter den Menschen begründen, lassen sich gegenwärtige soziale Ordnungen, wo auch immer heute auf der Welt, nicht im Sinne von gelebtem Respekt vor der Würde jedweden anderen Menschen geistgemäss umgestalten. Das stösst hart auf, hart auf auch für mich, der ich dies jetzt schreibe.
Selbstgeburt voranzubringen ist kein Spaziergang. Vor der österlichen Auferstehung ist der Durchgang durch den Hades, die Todeswelt eigener Vorstellungen zu bewältigen, immer wieder und mit jedem weiteren Male vertiefter ...
Das scheint mir das zu sein, was Rudolf Steiner vorgelebt hat. Der Vogel Phönix will auf dem Weg über die seelische Beobachtung zum Fliegen gelangen.

baH, 24.01.2015

Dienstag, 20. Januar 2015

... über die Brücke ...

Vorbemerkung:
Aus, vor dem Hintergrund meiner gegenwärtigen inneren Beobachtung her, aktuellem Anlass stelle ich nachfolgenden Beitrag aus einem zwischenzeitlich geschlossenen Blog vom Januar 2010 hier unverändert erneut ein. Auch wenn ich Möglichkeiten, an gewissen Stellen sogar eine gewisse Notwendigkeit zu Ergänzungen durchaus sehe, so will ich die in sich geschlossene Ursprünglichkeit meiner seinerzeitigen Aussage aus gutem Grund hier nicht aufbrechen. Erweiterungen, wie ich sie sehe können auch in nachfolgenden Beiträgen noch Eingang finden.
Die Autorin eines Kommentars zum ersten Teil dieses Beitrages konnte ich leider nicht mehr ausfindig machen, um ihr Einverständnis zum erneuten Einstellen ihres Beitrages einzuholen. Da dieser Kommentar aber das Bindeglied zum zweiten Teil meines Beitrages darstellt, hoffe ich auf nachträgliche Genehmigung, falls die Urheberin dieses Kommentars von meinem Tun Kenntnis erhalten sollte.

Der innere Beobachter ist einigen, die hier lesen und schreiben bekannt. Dass er das Tor zur Nondualität öffnet ist vielleicht nicht allen sogleich ein Erfahrungsbefund. Und doch ist es so, zumindest für diejenigen, die mit einer gewissen Nachhaltigkeit in ihm bereit sind tiefer zu fokussieren, d. h. eine innere "geerdete" Präsenz der Kraft auf zu bauen und wenigstens für einige wenige Augenblicke aufrecht zu erhalten
Die Nondualität ist nämlich die unmittelbare Erfahrung des Ich.
Eines Ich, das ich nicht nur als Ideal - Schild vor mir her trage, sondern das ich auf meine ureigene Weise in eben diesem Augenblick auch repräsentiere!
Eines Ich, das sich ausschliesslich auf sich stellend, bereit ist in seinen ureigenen Meister - Werde - Prozess einzutreten, eines Ich also, das ohne wenn und aber innerlich erwachsen werden will und demgemäss ohne Rückbindung oder Rückversicherung, welcher Art auch immer, in die Selbstverantwortung eintritt.
Gelingt es mir dem inneren Beobachter über ein intellektuelles Sandkasten Spiel hinaus die Kraft meiner ausschliesslichen Präsenz zu zuführen, dann gehe ich über die Brücke, die sich nicht auflöst, weil "Ich" Brückenbauer und zugleich Brücke bin."
Auflösen tut sich die Brücke nur dann, wenn ich meditierend im Idealselbst den Boden unter den Füssen verliere. Habe ich aber das Meditieren ganz praktisch, zum Beispiel beim Schuhe Putzen oder Geschirr Spülen, genügend geübt und gefestigt, dann wird mir das nicht mehr so ohne weiteres widerfahren können.
Manchmal lohnt es sich unter der "Wurstpelle" etwas genauer nach zu sehen, was da als zunächst unbemerkter wesentlicher Rest, achtlos in die Ecke gekehrt und in Unscheinbarkeit gehüllt, noch liegt. Erwachen ohne aktiven Rückgriff auf das Ich, schlechthin eine in sich widersprüchliche, in vermeintliche Erfahrung katapultierte Nicht Erfahrbarkeit.
Und doch auch stimmig, sofern dem Erwachen als Geschehnis innerlich genauer nachgegangen wird.
"Erwachen" überfällt denjenigen, der es erfährt nicht, es ereignet sich durch ihn etwas, auch wenn es plötzlich und unvermittelt auftritt - und dieses Ereignen will integriert sein. Das Auge sucht gleichsam denjenigen, der in seinem Augenaufschlag, erwachend für einen erweiterten Lichtbereich die Augen aufschlägt.
Wird etwa die Verfassung eigener Bewusstheit übend nicht nach gebessert, dann kann es geschehen, dass Erfahrungsträger dieser Art früher oder später in einer Niemandsland - Sphäre sich unmerklich selbst verbrennen. Kafkas Gleichnis vom Torhüter in seinem Roman der "Prozess" schildert in unnachahmlicher Weise einige Aspekte eines ganz anfänglichen Erwachens dieser Art und beendet dieses Gleichnis sinngemäss mit den Worten: Dieses Tor war nur für Dich geöffnet. Ich gehe jetzt und schliesse es.
Die Nondualität ist als Erfahrungsbefund ein mehr als scharfes Schwert. Es gehört Mut dazu sich diesem Erfahrungsbefund anzunähern und innerlich wirklich zu stellen, dieses Schwert in sich real wirksam zu verankern.
Ich wünsche allen, dass dieser Mut, den ein jeder hier in diesem Kreise auf eine unnachahmliche Weise in sich trägt, im neuen Jahr geerdet Fuss fasst und noch mehr nach aussen dringt. Die gegenwärtige Weltlage braucht dies, sie braucht diesen Not wendenden Mut mehr als alles Andere.
Und noch etwas, sie braucht Respekt und Wertschätzung jedweder anderen Individualität gegenüber, gerade dann, wenn diese Gedanken äussert, die gegen den gewissermassen vertrauten Strich gebürstet an der Grenze meines Bewusstseins andocken und mich herausfordern. Fassen wir doch mehr den Mut solche Gedanken von innen her in ihrem Erfahrungsgehalt zu erschliessen, als sie aus eigener kurzatmiger Bewusstseinskraft heraus all zu schnell als "nicht kompatibel" in die Wüste zu schicken.

Bernhard Albrecht

Susanne hat gesagt…
Der offensichtliche Weg des Menschen ist die Linearität. Für jeden Menschen auf dieser Erde existiert eine Brücke, die ihn zur Nondualität führt. Diese zu beschreiten, bedarf mehrerer Paradigmenwechsel, und nicht selten unternimmt der Mensch eigenmächtig Rückschritte, die ihn auf seinem Bewusstseinsweg wieder zurückwerfen. Die Verwandlung negativer Emotionen in positive ist die Grundlage zu einer weiteren Verwandlung des persönlichen Lebensinhaltes. Solange dieser emotionsgeladen (vorherrschend in der Liebe), konzepthaft und linear bleibt, kann diese Brücke nicht betreten werden. 

Es bedarf der Bereitschaft, den Fokus zu verschieben.

Dazu wiederum ist großer innerer Mut und Kraft notwendig, da das äußere Leben dadurch oftmals ins Wanken gerät und man Anfechtungen ausgesetzt ist, die aus gerade der Richtung kommen, welche die lineare Welt aufrechtzuerhalten bemüht ist.
 
Es fängt an mit dem Augenblick, in dem die innere Realität erscheint und diese goldene Brücke sichtbar werden lässt. 

Das höhere Ich erhebt sich über das Ego und betritt die Brücke. 

Von diesem Zeitpunkt an ist alles möglich und nichts mehr so wie es vorher war.

 

Für das Ego ist die Brücke nicht geschaffen.

 

Was ist Verantwortung?

Ich selbst zu sein mit meiner ganzen Präsenz.

Meine zyklischen Schwankungen und Wechselwellen mit meinem bewussten Willen immer mehr zu kontrollieren und sich ihnen immer weniger ausgeliefert zu fühlen.

Ich habe Verantwortung, alle Rückschläge und vermeintlichen Dunkelheiten zu erkennen und zu bearbeiten.

 

Die Irrwege des Lebens haben mich nun in diesen Blog geführt, in dem sich ähnliches Ringen vollzieht.



Und es stimmt für mich, dass sich bei der Meditation die Brücke auflöst.

Wenn ich aber beim Bügeln oder Spülen meditiere, dann kann ich gleichzeitig auch über die Brücke gehen.

Alles eine Sache der Fokussierung.

Und wenn im Idealfall ein Mensch neben mir steht, der abtrocknet, während ich abwasche, während wir beide uns noch ganz woanders befinden und ein dritter diese äußerlich so wenig spektakuläre Tätigkeit betrachtet, so wird er nicht sehen, dass wir mit einem Bein auf der Erde und mit dem anderen in Gottes Allgegenwart uns befinden.

In der Liebe.

Er ist abgetrennt von uns.

Solange er in der Linearität verweilt und unser Erwachen nicht teilt.


Lasst uns unsere Grenzen erweitern und 

Innen 

Aussen 

W E R D E N
Susanne

Eine späte Antwort an Susanne
oder auch ein kleine Fortsetzung zu meinem Beitrag ... über die Brücke ... vom 02.01.10.

Ob es so offensichtlich ist, das der Weg des Menschen die Linearität ist, das will ich einmal dahingestellt sein lassen. Auch wenn der äussere Anschein mitunter Hinweise zu geben scheint, dass dem so sei, so ist damit noch nicht gesagt, dass dem auch so ist.
Der Mensch oder ganz konkret, in einer Weiterführung Ihres Kommentars auf meinen Beitrag vom 2.1.2010 hier in MW, ich, ich bin nicht so gestrickt, dass meine nächsten Schritte sämtlich linear prognostiziert werden, bzw. in einem rückschauenden Überblick als lineare Entwicklung so ohne weiteres zusammengefasst werden könnten. Und auch so mancher Mitmensch, den ich auf den ersten Blick leichthin einer linearen, einförmigen Lebensbewegung zuordnen könnte, ist näher betrachtet viel komplexer gestrickt, so dass Linearität in seinem Leben nicht mehr als ein Muster unter vielen darstellt.
Ist eine derartige Betrachtungsweise also nicht mehr oder weniger starken Vereinfachungen unterworfen und verliert sie nicht allzu leicht das Einzigartige Individuelle aus dem Zentrum ihres Blickwinkels? Einfach, weil der Mensch, solange er sich mehrheitlich im Kreise seiner Ego Anhaftungen bewegt, mit Schablonen vor den Augen sich die Wirklichkeit verzerrt.
Das Paradigma ist eine Folge vereinfachender Prozesse, es ist die Folge einer über längere Zeit ausgeblendeten oder auch verloren gegangenen Offenheit für das so ganz Andere, das jedem Menschen oder einem anderen, erweiterten Lebenszusammenhang eigen ist. Es ist, pointiert gesagt, ein Verrat an der naturwissenschaftlichen Bewusstseinshaltung, die auf Beobachten fusst, auf nichts anderem als Beobachtung und nicht auf einem im Grunde willkürlich ausschliessenden und eingeschränkten Fokus.
Es geht also in menschlichen Belangen nicht um einen Paradigmenwechsel und damit um das Torkeln von einer Abstraktionsfalle in die Nächste, sondern um das sich selbst Erinnern zur Offenheit für das „Einzigartige Individuelle „ eines jeden Menschen.
Ob ich in einer menschlichen Begegnung wirklich offen bin, bzw. den gesprochenen Worten eines anderen Menschen gegenüber Offenheit aufrecht erhalten kann, das kann ich auf eine recht einfache Art und Weise bei mir selber nachprüfen, wenn auch die konsequente Umsetzung dann schon etwas schwieriger ist.
Überall, wo sich unmittelbarer Widerspruch auf das Sagen eines Menschen bei mir allzu rasch anmeldet und nicht bezähmt werden kann da stehe ich zumindest stark in der Gefahr die Offenheit auf ihn hin zu verlieren, weil ich unversehens eigene Wertungsmuster ins Spiel werfe und damit vielleicht bestimmte Schattierungen in seinem Sagen überblende noch ehe ich sie in ihrem umfassenderen Gehalt mir zum Verständnis bringen konnte.
In jedem Sagen eines Menschen ist mehr oder weniger deutlich eine Provokation eingebettet, eine Provokation zum Werden des anderen Menschen, zum Werden aber ohne Vorgabe.
„Ohne Vorgabe:“ Ich höre den Widerspruch schon heran rauschen, der sich auf diese meine Aussage hin unmittelbar aufbauen will.
Nun, ich will Sie Susanne einladen und alle anderen Leser dieses Beitrags ebenso, einmal genau hier den Versuch zu machen Ihren Widerspruch zu bezähmen und stattdessen darauf hin zu lauschen versuchen, was unter Aufrechterhaltung einer inneren beobachtenden Haltung auf das von mir Gesagte hin, bzw. auf die Gedankentumulte, die aus Ihrer Innenwelt hier möglicherweise ausbrechen möchten; - einfach nur hin zu schauen wie auf eine Theaterbühne, auf der ein Drama gespielt wird oder auch eine Komödie. Beides ist möglich und keinesfalls ein Widerspruch in sich. Sie sind der Regisseur und was und wie Ihnen die erzählende Handlung herüber kommt, das bestimmen Sie durch ihre Gestimmtheit im Beobachten des inneren Theater Geschehens. Vorschnell Interpretieren des Gesagten oder O f f e n h e i t!
Wenn Sie am Ende, nach vielleicht sogar mehreren Tagen der inneren Rückkehr zu einer weiteren Beobachtung dieses Theatergeschehens, über das ein oder andere Lachen können oder mit der Bemerkung, aha, so ist das also, innerlich durch schnaufen, dann haben Sie einiges von Ihrem abgelagerten Ego Mist entsorgt und ja, sie werden hier vielleicht erneut „hui“ oder etwas Ähnliches innerlich über Ihre Lippen springen lassen, Sie werden diesen „EGO-GOLDMIST“ gewinnbringend in Ihre Entwicklung investiert haben. Einfach dadurch, dass Sie sich haben provozieren lassen.
Das EGO ist per se nicht schlecht oder etwas das in den Schrank gestellt und weg gesperrt werden müsste. Im Ego manifestieren sich vielmehr in letzter Konsequenz bis in die Erstarrung hinein geronnene Gedankenmuster. Solche Muster geben Halt im Leben, geben auch Schutz, bis das Selbstbewusstsein so weit gereift ist, dass es aus sich heraus das freie und seiner selbst in Beobachtungsgegenwärtigkeit bewusste Ich gebären kann. Das Ego beschenkt mich also mit den Wänden für mein Selbstbewusstsein und ohne diese Verankerung in einem eigenen Haus, kann das Ich seinen Gang über die Brücke nicht antreten. Ohne Akzeptanz des Egos als dem Ich vorauseilender Diener, bleibt die Brücke eine idealisierte Illusion, um nicht zu sagen eine Fata Morgana.
Erstarkt das Ich im Verlauf meines Lebens, dann können Wände in Form von Denkmustern, die das Ego zur Verfügung gestellt hat, allmählich abgebaut, in schöpferische Bewegung moduliert werden. Das Ich entwickelt eine in sich selbst tragende Kraft. Es wird heimisch im Schöpferischen. Es begegnet der Fülle, weil es selbst Quellpunkt der Fülle ist.
Meine Verantwortung besteht also darin bereit zu sein, der Provokation durch andere Menschen an meinem Weg standhalten zu lernen. In der Begegnung mit Ihnen, auch in der Konfrontation eine lauschende Beobachtungsschärfe zu entwickeln, für das, was sich ausgelöst durch ihr Denken in meinem Denken als D a s spiegelt, was mich in der einen oder anderen Weise zur Evolution aufruft. Erwachen in D a s hinein, was sich spiegelt, Selbstbegegnung akzeptieren zu lernen. Unterscheiden, dass, wenn ich vom Widerspruch verführt an der Selbstbegegnung vorbei, gegen diesen oder jenen Gedanken des anderen Menschen allzu schnell Sturm laufe, ich vor mir selber davon laufe.
Apropos davonlaufen, manchmal kann es sein, dass Gesagtes, das an mich herantritt von mir noch nicht aufgelöst, in mein Sein eingebettet werden kann, einfach weil die Zeit für dieses Thema noch nicht reif ist. Dann kann es hilfreich sein derartiges gleichsam innerlich in einer Art Kiste zwischen zu lagern und bei späterer Gelegenheit erneut zu betrachten und dann vielleicht zu sehen, das sich ein erweitertes Verständnis dafür zwischenzeitlich entwickelt hat. Ich jedenfalls habe in dieser Richtung im Laufe meines Lebens gute Erfahrungen gemacht.
„Ablegen mit einer "offenen F r a g e“"
Es geschieht auf diesem Wege nämlich Erstaunliches! Die Frage entwickelt sich durch sich selbst auf eine Antwort hin, bzw. führt mich in Situationen, die erhellend auf diese innerlich abgelegte Frage einwirken können. Ich mache mich damit frei für ein Zusammenspiel von Bewegungen aus unterschiedlichen Quellen  innerhalb verschiedener Begegnungen.
Es geht auch nicht darum im Verlaufe der inneren Begegnung mit fremdartigen, provozierenden Gedanken die eigenen negativen Emotionen in positive zu verwandeln, es geht vielmehr darum den inneren Beobachter zu ermutigen, ihn anzuspornen durchzudringen, d.h. auf ein Verständnis hin zu schärfen, insbesondere dann, wenn ich durch bestimmte Indizien der Auffassung bin gute Gründe zu haben, dass die Aussagen des anderen Menschen in dieser oder jener Hinsicht schief oder gar falsch sind. Wenn, ich wiederhole es, wenn ich mich innerlich weiter entwickeln will, dann geschieht dies mit Sicherheit weniger kurvenreich, je mehr ich mich in die Lage versetze in der Betrachtung fremder Gedanken mein Interpretieren aussen vor zu lassen.
Zum vorläufigen Ende dieser Ausführungen noch eine kleine Bemerkung zur folgenden Aussage von Ihnen Susanne vom 05.01.10:

„Wann wirft der in der Sonne Stehende keinen Schatten seiner Selbst auf die Erde?“

Wenn es mir gelingt nach inneren Kämpfen mich (vielleicht auch nur im stillen Kämmerlein) vor ein Du, mit dem ich im Widerstreit gestanden bin, das Haupt zu beugen. Wenn ich mich ob meiner inneren Nacktheit nicht schäme, sondern ja sagen kann zu dem durch ihn mir zugefügten Schmerz, weil dieser Schmerz mich hin geschliffen hat zu einer höheren Ich – Gegenwärtigkeit, der Geburt nondualen Erfahrens. In so einem Moment kann es geschehen, dass mich ein Licht durchdringt, das mich für einen kurzen Augenblick so umhüllt, dass kein Schatten bleibt. Auf diesen Aspekt möglichen Erfahrens fällt in solchen Augenblicken selten die Beobachtende Aufmerksamkeit. Und das ist vielleicht auch gut so, denn es könnte auch einen angesichts dieses Erlebens unangemessenen Vollkommenheitsrausch auslösen. Letztendlich wird ein derartiges Erleben aus meiner Sicht im vollen Umfang erst der Endzeit einer Entwicklung meines Menschseins voll zugänglich werden können.
© baH, 20.01.2015

Samstag, 10. Januar 2015

Unter der Platane - Ein Dialog über die Zeiten hinweg im zeitlosen Nullfeld, Teil II


Kretos: Das Landgut der Mutter auf Euböa, wohin sich Aristoteles nach dem Tod von Alexander und dem in seiner Folge erneut tiefen Aufflammen der Feindschaft zwischen Mazedonern und Athenern geflüchtet hatte, lag in einer einzigartigen Landschaft. Mannshohe Thymian-, Rosmarin- und Ginster-Sträucher bildeten eine natürliche Begrenzung gegen die Küste hin. Unterbrochen wurde dieser Naturwall gegen die steile Nordklippe allein durch einen Platanenhain in der Mitte. Hier, Saphira, waren Platanen bis in die Felsen hinein gewachsen und bildeten so einen Schutzwall gegen die rauen Winde, die von Norden her besonders im Herbst und Frühjahr stürmisch und nicht selten von Schnee begleitet über die Insel fegen konnten. Hierher also hatte uns Aristoteles durch seine Briefe gerufen.
Er empfing uns inmitten der Blumenwiese vor dem Landhaus, auf der vielfarbig beieinander auch die seltene persische Rose blühte. Wie er auf unser stilles Erstaunen hin später im Hause verriet, war dies die Lieblingsblume seiner Mutter gewesen. Zunächst aber war er nichts als ein freudiger Gastgeber, der seinen Freunden die Schönheiten seines Hauses zeigte.

Saphira: Deine in die Tiefe gehende Sprachbewegung, mein lieber Kretos, versetzt mich in meinem Erleben unmittelbar in den Garten vor dem Landhaus. Mir ist es als zöge der Duft der Rosen durch meine Nase.
Wenn ich nicht auf Reisen in Ägypten gewesen wäre, dann hätte ich diese letzte Begegnung seiner engsten Schüler mit Aristoteles teilen können.

Kretos: Sei nicht traurig. Du warst unscheinbar mitten unter uns anwesend.

Saphira: Ja Kretos, denn jetzt, da ich von Dir um den Todestag des Aristoteles weiss, muss ich sagen, dass ich gerade an diesem Tag ihm zutiefst in Gedanken nahe war.
Wie verlief euer Gespräch also jenseits meiner inneren Verbundenheit mit euch tatsächlich an diesem Tag?

Kretos: Nachdem uns Aristoteles also vor seinem Landsitz empfangen hatte, versammelten wir uns im grossen Wohnraum des Landhauses mit seinen zur Nachmittagssonne hin ausgerichteten Fenstern. Phöbus, der Diener des Aristoteles hatte eine Liege in der Mitte dieses Raumes bereit gestellt, auf der sich Aristoteles, unverkennbar gezeichnet von einer tiefgründigen Erschöpfung, sogleich niederliess. Auf unsere leise geäusserte Beunruhigung hin, winkte er lächelnd ab und begann zu sprechen.
„Ihr alle kennt meine Eigenart im Gehen mein Denken zur Entfaltung zu bringen. Saphira und Kretos schon seit den Anfangstagen meiner Lehrtätigkeit in Platons Akademie.“
Deinen Namen nennend hielt er einen Moment lang inne, neigte sein Haupt ein wenig zur Seite und lächelte wie still in sich hinein, ehe er fortfuhr zu sprechen. Für mich wurde dadurch sichtbar, dass er um Deine innere Nähe zu diesem Zeitpunkt wusste und das löste in mir den Schmerz, den ich um Dein Fernsein empfunden hatte, augenblicklich auf.

Saphira: Obwohl äusserlich nicht verwandt, scheinen wir doch im Geiste so etwas wie Geschwister zu sein. Das ist mir durch all die Jahre unserer nunmehr beinahe ein ganzes Leben lang währenden Freundschaft immer wieder vor Augen getreten.

Kretos: Mir ist es damit nicht anders ergangen.

Saphira: Ich weiss das, doch will ich mich zügeln, damit ich nicht ins Plaudern mit Dir verfalle.
Wie also sprach Aristoteles weiter zu euch.

Kretos: Er sagte: „Ich habe mir diese Art zu denken willentlich anerzogen, weil ich allein darin eine Möglichkeit sah die unmittelbare Kraft meiner Mysterien-Erfahrungen wirksam vermitteln zu können. Ich musste im Denken den Willen ansprechen und so begann ich vor meinen Schülern denkend auf und ab zu laufen.
Ihr habt alle erfahren, welche unmittelbare Konzentrationskraft sich da im Laufe meiner Vorlesungen bei euch innerlich in eurem Denken aufbaute. Denken und Willen dürfen nicht auseinander fallen, wenn die Mysterien Weisheit in einer fernen Zeit einst erneut erwachen können soll. Dies Vermächtnis lege ich hiermit in eure Hände. Möget ihr es allzeit beschützen.“

Wir aber spürten bis in unsere Zehen hinein den grossen Ernst, mit dem er dies zu uns sprach und bildeten ohne Worte in unserem Gehen einen Kreis um ihn.

Doch genau in diesem Augenblick Saphira, da Aristoteles auf die innere Kraftgestalt in seinem Denken zu sprechen kam, die ihm nach seinen Worten das wichtigste Anliegen in seinen gesamten dialogischen Lehranweisungen in und ausserhalb der Akademie gewesen war, genau an dieser Stelle unseres gemeinsamen Austausches mit ihm verlies ihn seine physische Kraft und er winkte seinen Diener Phöbus herbei, um uns hinaus zu geleiten.
Wir waren natürlich beunruhigt ob des so plötzlichen Kräfteabfalls von Aristoteles, auch wenn wir seine Schwäche während unserer Unterredungen immer wieder wahrgenommen hatten. Dass ihn aber seine Kräfte so unmittelbar verliessen, das hatten wir nicht erwartet. Sollte unser Gespräch mit ihm unvollendet bleiben?
So standen wir innerlich bangend beieinander und wussten nichts zu tun ausser still vor uns hin zu schauen. Phöbus war noch einmal zu Aristoteles hinein gegangen und für uns schien derweil die Zeit still zu stehen. So bemerkten wir erst, dass Phöbus wieder zu uns gestossen war, als er schallend lachend in seine Hände klatschte.
Die Stille zwischen uns zerplatzte gleichsam und wir schauten einander verdutzt an, bis uns wie erwachend wechselseitig klar wurde, dass wir alle, ein jeder von uns in eine andere Richtung gehend durch den Raum gewandert waren. Aristoteles pflegte dies zu tun, wenn er über etwas tief nachsann oder in der Akademie vor seinen Schülern sprach. Und wir konnten nicht anders, als in das Gelächter von Phöbus mit einzustimmen.

Saphira: Ach Kretos, wie schön! Lachen an der Schwelle des Todes. Dich hörend überkommt mich von innen genau jenes Lachen, das ich so oft aus dem Munde von Aristoteles vernahm, wenn er unvermittelt zwischen gewichtigen Gedankengängen innehielt und schallend zu lachen begann. Ein jedes Mal, so erinnere ich mich voller Dankbarkeit, ging bei diesen Anlässen wie ein Ruck durch mich hindurch, der das Gehörte, wie ich jetzt nach vielen Jahren weiss, erdete und so das Keimen weiteren sich vertiefenden Verstehens ermöglichte. Aristoteles war doch ein sehr lebendiger Mann!
Er hatte nichts von der Steifheit so mancher Mysterien Gelehrter an sich, die sich fast immer höher stehend als das gemeine Volk verstanden, sich überheblich und besserwisserisch in Zirkeln ihresgleichen gegenüber diesem abschotteten. Kein Wunder, dass die einfachen Bürger von Athen nicht besonders gut auf die Mysterien Schulen zu sprechen waren. Ihre Vertreter überzeugten in der Lebenspraxis ihrer höheren Bildung einfach zu wenig. Aristoteles war da eine Ausnahme.

Kretos: Du sagst es. Aristoteles unterschied sich in seiner tiefen Menschlichkeit schon sehr von den meisten Angehörigen der Mysterien Schulen. Von dem abgesehen, dass er kein Bürger von Athen war und von daher schon sehr vorsichtig sein musste, in dem was er öffentlich sagte. Es traf ihn viel Neid, einfach weil er in seiner Lebensart so ursprünglich und anders war. Er war nicht einzuordnen.
Wenn Platon nicht gewesen wäre, der ihn im Hintergrund zu schützen wusste, er hätte Athen schon viel früher verlassen müssen. Selbst als Platon und Aristoteles sich von ihren Grundanschauungen her getrennt hatten, wusste Platon die Fäden noch so zu ziehen, dass Aristoteles und einige weitere Schüler seiner Akademie Athen unbehelligt in Richtung Kleinasien verlassen konnten.
Ohne den Schutz durch Platon entging Aristoteles nach seiner erneuten Rückkehr nach Athen und der darauf folgenden mehrjährigen Lehrtätigkeit an der neuen, nach aussen hin von seinem Schüler Theophrast geführten Akademie, nur sehr knapp der Verhaftung wegen Gotteslästerung. Diese aber hätte ihm das gleiche Schicksal wie seinerzeit Sokrates eingebracht. Er wäre um den Schierlingsbecher nicht herum gekommen.
Was Sokrates von Aristoteles unterschied, war, dass dieser schon zu Lebzeiten den Schierlingsbecher in innerer geistiger Regsamkeit leerte. Wie ich aus der langjährigen Nähe zu ihm weiss, geschah dies vor allem immer dann, wenn er sich gegenüber gewissen Mysterien Entwicklungen, was durchaus auch öffentlich geschah, abgrenzte, weil er nichts Lebendiges mehr in ihnen zu sehen vermochte.

Saphira: Den Schierlingsbecher nach innen zu nehmen, ihn rein geistig immer und immer wieder zu leeren, darin war er ungemein modern und seiner Zeit weit voraus. So verwandelte er auch den Hochmut, welchen die Mysterien Vertreter bei allzu vielen Gelegenheiten dem gemeinen Volk, wie in Sonderheit auch Aristoteles gegenüber an den Tag legten, er verwandelte dieses Gift, indem er ihnen gegenüber weitgehend schwieg.
In seinem Denken bildete er damit, unbemerkt von den das gesellschaftliche Leben Athens beherrschenden Mysterien Vertretern, eine innere Kraftgestalt aus, welche die Kernkraft der alten Mysterien Weisheit in eine neue Zeit hinüber zu tragen in der Lage war.
Aristoteles versteckte hinter seiner Niederschrift der Kategorien und in anderen schriftlichen Werken gleichsam die Essenz der Mysterien Weisheit und sprach in seinen Vorlesungen aus der Kraft seiner Mysterien Erfahrungen heraus. Dadurch wirkte er auf seine Schüler an den beiden Akademien, an denen er lehrte, wie auch auf seine Zuhörer unter dem gemeinen Volk auf den Märkten Athens in einer Weise authentisch, die seines gleichen suchte.

Kretos: Ich könnte es nicht besser ausdrücken. Doch lass mich zu unserer letzten Unterredung mit Aristoteles zurückkehren.
Phöbus war also zu uns erneut herausgetreten und nachdem wir unser gemeinsames schallendes Gelächter nach und nach wieder gezügelt hatten, teilte er uns mit, dass Aristoteles sich von seinem Kräfteverfall erholt und bereits wieder rote Backen habe. Er unterrichtete uns auch davon, dass er ihm die Anweisung gegeben hätte für uns alle in seinem weitläufigen Landhaus Liegen bereit zu machen, damit wir die Nacht über in seiner Nähe zubringen könnten. Er wolle die ihm noch verbleibende Zeit bis zuletzt ausnützen, um uns das mitzuteilen, was ihm noch ein Anliegen sei.
Kaum über der Schwelle und ehe wir uns noch um Aristoteles herum versammeln konnten, begann er dann auch schon zu sprechen. Von Schwäche war nichts mehr zu spüren.

„Ihr seid keine Schüler mehr, habt, ein jeder auf seine Weise, eure ureigene Kraftgestalt im Denken entfaltet! Bewegt euch also frei im Raum. Ihr helft mir durch euer euch Bewegen, dass ich die Gedanken, die ich euch noch übermitteln will, auch ausformen kann. In unserem meisterlichen Denken sind wir in einer übergeordneten Kraftgestalt miteinander verbunden. Wir schöpfen zusammen aus einer Quelle, aus dem Sonnenlogos, der im Begriff steht ganz auf den Urgrund des Denkens hin sich auszugiessen. Dies ist die Essenz meines übersinnlich, geistigen Erfahrens in Eleusis, wie es sich in jungen Jahren vor meinem inneren Auge entfaltete und wie es durch die Jahre gereift vor euch nunmehr in Erscheinung treten kann.“

Saphira: Halt ein Kretos, halt ein! Wenn ich das, was Du soeben von Aristoteles berichtest ganz meinem inneren Erfahren übergebe, dann bläst gleichsam ein Wirbelwind wie durch mich hindurch. Alles dreht sich in mir und doch stehe ich aufrecht vor Dir, mit einem klaren Blick auf die Worte des Aristoteles und ihre Tragweite. Ich spüre die grosse Verantwortung, die wir füreinander und darüber hinaus tragen und ich sehe die zeitliche Dimension, in die hinein wir miteinander eine Aufgabe haben. Dies alles aber drückt mich nicht nieder, sondern lässt mir gleichsam Flügel wachsen. Ja, wir sind Vorreiter für eine neue Zeit!

Kretos: Mit diesen Worten, Saphira, hilfst Du mir Dir noch von etwas zu berichten, auf das Aristoteles in dieser für uns so denkwürdigen Begegnung zu sprechen kam und das uns alle  nach dem Vorausgehenden nicht wenig überraschte.
Er erzählte uns, während wir gemäss seiner Aufforderung uns in verschiedenen Richtungen durch den Raum beständig in Bewegung hielten, er berichtete uns über seine Erziehertätigkeit am Hofe König Philipps von Mazedonien für dessen Sohn Alexander. Dabei kam er auf die von ihm bereits angesprochene Kraftbewegung im Denken in einer ganz neuen, bis anhin nicht erwähnten Weise zu sprechen.
Es war buchstäblich ein wenig so, dass uns allen bei dieser seiner Herangehensweise an das Thema der Atem stockte, indem er auf das Folgende hinwies:

„Die Kraftbewegung, die sich aus dem Denken zu entfalten hat, geht aus dem Vermögen hervor dem Drachen in euch zu begegnen und dessen Kräfte, die ihr, mehr und mehr erwachend, in euch in ein inneres Gewahrsein werdet überführen können, langsam zu verwandeln. Mit anderen Worten, die vielfältigen Triebkräfte in euch in ein Licht erfülltes, hochaktiv geführtes Denken zu integrieren, das wird die Aufgabe auf dem Weg in ein zu erneuerndes Mysterien Wesen sein.
Ihr kennt alle irgendwelche mythischen Geschichten und Bilder, in denen der Drache eine Rolle spielt. Vor diesem Hintergrund sage ich euch jetzt: Alexander war der letzte Drachenreiter einer weit in vergangene Zeiten zurück reichenden mythisch magischen Tradition, die in der Übergangszeit zu einem langsam aufgehenden neuen Mysterien Zeitalter ein letztes Mal in Erscheinung trat. Er hat in seiner Zeit noch einmal etwas vollbracht, was unter den wachsamen Augen führender Mysterien Lehrer dazumal eigentlich schon sehr lange nicht mehr für möglich gehalten wurde und das nur gelang, weil Alexander gleichzeitig über eine ungewöhnlich reine Seele verfügte. Damit war er aber nicht nur ein letzter Drachenreiter, sondern für eine ferne Zukunft zugleich Vorbote für dereinst wiederkehrende Drachenreiter. Diesen Menschen für seine Aufgabe innerlich vorzubereiten, dafür hat mich König Philipp nach Mazedonien gerufen.“


Saphira: Kretos, was Aristoteles euch da über Alexander berichtet hat, das klingt ungeheuerlich. Wenn das noch zu seinen Lebzeiten bekannt geworden wäre, er wäre umgehend ermordet worden. Diese seine Sichtweise, das kann ich mit Bestimmtheit sagen, war und ist nämlich sowohl für die pro-mazedonischen, wie auch für die anti-mazedonischen Vertreter in Griechenland unhaltbar. Aristoteles war klug genug über dieses sein Erfahrungswissen zu schweigen.

Kretos: Dass es Erfahrungswissen des Aristoteles war, in das er uns jetzt kurz vor seinem Tod in einer so besonderen Weise Einblick gewährte, erhellt sich aus einer Reihe weiterer Hinweise, auf die er bei unserer Zusammenkunft noch zu sprechen kam. Ich fasse die wesentlichen Punkte zusammen.
Alexander sei in ein extrem schwieriges Lebensumfeld hinein geboren. Als einziger Sohn König Philipps von Mazedonien mit seiner Frau Olympias und damit Teil  eines eher wilden Kriegervolkes, dem Bildung sehr viel ferner lag, als den Bürgern von Athen, in seiner Wesensart aber zugleich zart und feinfühlig veranlagt, hatte er zwei Extreme in sich auszugleichen.
Wie Aristoteles uns wissen liess, sah Philipp wegen der Zartheit und Bewegungsunruhe von Alexander, in ihm nicht durchweg den Sohn, mit dem zusammen er seine Machtambitionen glaubte umsetzen und festigen zu können. Obwohl er schon sehr früh, wie es sich späterhin zeigte zu früh mit dessen militärischer   Ausbildung begonnen hatte,  ergaben sich erhebliche Schwierigkeiten, die zu einem mehrfachen Wechsel der Erzieher von Alexander führten.
Als Aristoteles schliesslich die Aufgabe übernahm Alexander mit anderen adeligen Schülern auszubilden stand er durch allzu viele zuvor begangene Fehler vor einem fast unlösbaren Problem. Alexander sei einerseits sehr unstet in seinem Verhalten, d.h. sehr bewegungsumtriebig gewesen, auf der anderen Seite aber ebenso intensiv in seinem Lernwillen, wenn er denn einmal innerlich zur Ruhe gekommen war. Für Aristoteles eine grosse Herausforderung ihn lehrend zu fördern.
Für Philipp eine Überforderung seiner Geduld, die in polternden Unmutsäusserungen sich äussernd, seine Frau Olympias dem Kind Alexander gegenüber auszugleichen hatte. 
Aristoteles legte daher, um Alexander in der Ausbildung nicht wie anfangs Philipp zu überfordern, sehr bald ein besonderes Augenmerk auch auf dessen Freunde, von denen er ebenfalls eine Reihe, unter ihnen Hephaistion, zu unterrichten hatte und untersagte zunächst jedwede weitere Kampfübungen für Alexander. Er baute damit einerseits in weiser Voraussicht auf die hilfreiche Unterstützung der Freunde für Alexander, wenn dieser einmal alleine die ganze Bürde seiner Aufgabe zu tragen hätte und verschaffte Alexander eine Atempause in seinem Widerwillen gegen seinen Vater, um sich selber zu finden. Dem in seinem Grundcharakter massvollen Hephaistion wandte er sich in besonderer Weise zu und erzog ihn, soweit er es vermochte zu einem inneren Wächter über die immer wieder ausbrechenden divergierenden Seelenstrebungen von Alexander.
Beängstigend war nach Aristoteles Worten für ihn der Umstand gewesen, dass Alexander das Pferd Bukephalos zu zähmen im Stande gewesen sei. Das war geradezu ein Bild für die in ihm wirkende wilde Kraft. Würde er sie im Zusammenspiel mit diesem Pferd mit der Zeit zu bändigen verstehen? Konnte er selber genügend Aufmerksamkeit für die führende Kraft des Denkens in Alexander veranlagen? Die ihm gegebene Zeit dafür war mehr als kurz bemessen.
Wann immer Aristoteles späterhin Alexander bei seinen Kampfübungen direkt beobachten konnte, so berichtete er uns, sei er von Mal zu Mal innerlich fassungsloser vor den sich vor seinen Augen abspielenden Kräftebewegungen geworden. Es sei ihm vor seinem inneren Auge immer deutlicher geworden, dass die Kräfte, die diesen jungen Menschen innewohnten und mit denen er sich in die schier gefährlichsten Situationen für sein junges Leben begeben konnte, um aus ihnen ebenso unglaublich beinahe immer ohne irgendwelche Blessuren wieder hervor zu gehen, nicht mit seinen kriegerischen Volkskräften alleine zu erklären waren. Hier wirkten noch ganz andere Kräfte.

Saphira: Ich erinnere mich hier an Geschichten meines Vaters in der frühen Kindheit, in denen er mir von Drachenreitern einer fernen Vergangenheit erzählte und von den schier unglaublichen Kräften dieser Männer und Frauen, die in einer Reihe magischer Rituale für diese ihre Aufgaben vorbereitet worden waren.
Als ich ihn in späteren Jahren noch einmal auf diese Geschichten ansprach, erwähnte er beiläufig, dass die Mysterien das Wissen um diese Rituale längst verloren hätten, da über viele Jahrhunderte hinweg keine Menschen mehr geboren worden seien, die auch über nur annähernd vergleichbare Kräfte verfügt hätten wie diese mythischen Drachenreiter.
Manche der Gelehrten an der Schule von Eleusis seien heute der Auffassung, dass es diese Drachenreiter nie gegeben hätte, er selber aber teile diese Auffassung nicht. Er wisse nämlich, dass in der gesamten zurück liegenden Mysterien Tradition nie etwas schriftlich niedergelegt worden sei, was sich so nicht ereignet hätte und da diese Drachenreiter Geschichten  heute noch in der Bibliothek von Eleusis nachzulesen seien, hätte es diese Drachenreiter auch gegeben. Sie seien eben noch rechtzeitig aufgeschrieben worden und damit vor dem Verlust durch die heute so geschwächte Erinnerungskraft bewahrt worden.

Kretos: Genau darauf verwies auch Aristoteles in seinem so unglaublichen Bericht über Alexander mit folgenden Worten:

„Ich stand vor einer Aufgabe, für die mir das Mysterien Wissen fehlte und konnte mich so nur auf mein beobachtendes Denken stützen.
Beobachtete ich Alexander, so wurde mir dabei immer deutlicher, hier wirkte eine Unmittelbarkeit in der Kraftbewegung die einer Geistesgegenwart gleich kam, ohne dass diese vorausgehend geschult worden war. Alexander bewegte sich so unbefangen in und mit diesen Kräften, dass er schneller war, als die gegen ihn geführten Kampfbewegungen. Dieses ermöglichte ihm daher meistens, von einigen wenigen Schrammen abgesehen, weitgehend unverletzt aus den Kampfhandlungen hervorgehen zu können.
Er war ein Göttersohn. Beschützt und getragen von Götterkräften schien er die Absichten seiner Gegner wie voraus zu sehen, noch ehe diese zur Tat wurden und konnte sich so in seiner Gegenwehr rechtzeitig darauf einstellen.
Wie sollte ich also diesem Menschen innere Führung beibringen? Was sein Kampfverhalten betraf, so war ein Eingreifen meinerseits hier unmöglich. Es bestand sogar die Möglichkeit, dass ihm der natürliche Fluss in seinen Kampfbewegungen verloren gehen könnte, wenn ich seine Aufmerksamkeit darauf lenkte.“

Saphira: Damit hat Aristoteles sehr weise gehandelt!

Kretos: Saphira, Du hast mich schon oft mit Deinen plötzlichen Gedankenwendungen in Erstaunen versetzt, aber unter dieser Deiner Bemerkung verschlägt es mir jetzt beinahe die Sprache.
Soweit ich weiss, bist Du Alexander zu Lebzeiten niemals begegnet. Wie kannst du also wissen, dass Aristoteles hier weise gehandelt hat?

Saphira: Nun mein lieber Kretos, als Schreiberin und Buchbinderin bin ich, wie Du weisst, mit Kaufleuten und adeligen Herren über viele Jahre immer wieder auf Reisen gewesen. Mein Vater hatte mir in Athen zwar ein Haus hinterlassen, aber für meinen Lebensunterhalt musste ich schon selber sorgen. Der Beruf des Schreibers und damit verbunden der Gesellschafterin war gut bezahlt und so fehlte es mir nicht an Mitteln für ein Leben in einem gehobenen Lebensstandard. Dass ich mehrere Sprachen fliessend in Wort und Schrift beherrschte, das kam mir noch zusätzlich zu Gute.
Auf einer dieser Reisen war ich vor einigen Jahren für mehrere Wochen im Hause Olympias, der Mutter von Alexander untergebracht. Die alte Dame hatte sich nach der Ermordung ihres Gatten aus den Machtspielen am mazedonischen Königshof zurückgezogen, an der sie, was unter der vorgehalten Hand flüsternd die Runde gemacht hatte, selber nicht ganz unschuldig zu sein schien, hatte sie doch, wie ihr unterstellt wurde, durch ihre intriganten Manieren unter den Aspiranten auf die Nachfolge von König Philipp, dessen Ermordung in einem Schachspiel der Macht gewissermassen mit herauf beschworen.
Ich lernte also Olympias, die eine Freundin meines damaligen Dienstherrn war, während mehrerer Wochen nach und nach näher kennen. Nachdem es sich durch eine vorsichtige Frage von Seiten Olympias ergeben hatte meinerseits kund zu tun, dass ich in frühen Jahren in Eleusis gewesen sei und auch mit Aristoteles Verbindung gehabt hätte, vertraute sie mir schliesslich eines Abends in einem privaten Gespräch an, dass sie ihrerseits vor der Ehe mit Philipp von Mazedonien eine Mysterien Schulung durchlaufen hätte. Sie sei in Samothrake ausgebildet worden und habe später dann noch, als Alexander bereits geboren worden war, ergänzende Unterweisungen durch eine Priesterin aus Ephesus erhalten, die aus der Brandnacht heraus einige heilige Schriften hatte retten können, die sie vor ihrem Tod dann in ihre Obhut übergeben hätte.
Auf ihren Sohn Alexander zu sprechen kommend sagte sie, dass ihr Sohn zweifelsohne von der hohen Sensibilisierung, die sie durch ihre Mysterien Schulung erfahren habe sehr viel in die Wiege gelegt bekommen habe. Diese Dünnhäutigkeit ihres Sohnes als Kind habe in ihrer Ehe mit Philipp auch immer wieder zu grossen Spannungen geführt. Philipp, von seinen Machtambitionen getrieben, nahm den Sohn viel zu früh durch strenge Körperübungen hart heran. Er verlangte von dem zarten Knaben schier Unmögliches, was zu Tobsuchtsanfällen  Alexanders führte, wenn Philipp nur in seine Nähe kam. Alexander konnte sich nach solchen Anfällen, in denen er wie wild um sich schlug, tagelang versteckt halten, ohne dass ihn irgend jemand auffinden konnte. Tauchte er dann wieder auf, so zeigte er deutliche Spuren davon, dass er draussen gelebt und dabei auch bitterlich geweint haben musste.
Welche mütterlichen Gefühle das bei mir auslöste, darüber muss ich wohl keine weiteren Worte verlieren.

Kretos: Durch Deine Worte beginne ich die wenigen Andeutungen von Aristoteles zur Person Olympias in seinem letzten Gespräch mit uns erst wirklich zu verstehen.  Hinter seiner Zurückhaltung dieser Person gegenüber scheint sich mir ein tiefer Respekt zu verbergen. Dass er mit keinem Wort auf die vielen Redereien, die um Olympias herum im Umlauf waren, nicht einmal andeutungsweise Bezug nahm, das erweckt in mir Gedanken, dass Aristoteles hier die Zusammenhänge viel tiefer durchschaut haben könnte.

Saphira: Womit Du recht hast mein lieber Kretos. In dem Gespräch, von dem ich Dir zu erzählen begann und das das einzige bleiben sollte, in dem sich Olympias mir gegenüber während meines gesamten Aufenthaltes in ihrem Hause so offen zeigte, enthüllte sie mir noch einige weitere Zusammenhänge, die mich tief berührten.
Wie eine Rachegöttin sich vor ihren Sohn stellend, habe sie nämlich in einem sehr heftigen Streitgespräch von Philipp verlangt, dass er die Erziehung seines Sohnes jenseits ihrer mütterlichen Obhut Pflichten in fremde Hände geben sollte. Zähneknirschend habe Philipp eingewilligt. Doch ihr Stand Philipp gegenüber habe sich durch seine Bereitschaft dies zu tun zunächst nicht verbessert. Im Gegenteil, ihre Stellung am Hofe verschlechterte sich weiter. Denn, als Philipp bald darauf bemerkte, dass sich sein Sohn in seinen Augen einfach nicht erziehen lassen wollte, dessen Unruhe Ausbrüche und sein Toben sich sogar noch steigerten, wenn es auch Stunden gab, wo er fleissig zu lernen begann, wurde er innerlich seinem Sohn gegenüber untreu, indem er bei Hofe hämische Bemerkungen über seine Schwächlichkeit fallen liess. Dies war natürlich Honig für Mund und Ohr einiger Adeliger, die sofort damit begannen ihre Söhne in den Vordergrund zu schieben.
Philipp, darüber ungemein aufgebracht, berief in einem letzten verzweifelten Versuch, seinen Sohn Alexander doch noch für sich und seine Machtambitionen gewinnen zu können, den besten Erzieher, den er haben konnte an den Hof von Pela. Das kostete ihn eine Menge Geld, denn Aristoteles hatte zu dieser Zeit eigentlich ganz andere Ambitionen für sich und sein weiteres Leben vor Augen, als ein Kind zu erziehen.

Kretos: In der Tat. Dass er diese Aufgabe übernahm, konnten viele seiner Zeitgenossen zunächst nicht verstehen. Später wurde er deswegen aber sogar bewundert, dass er Erzieher eines Welteroberers gewesen sei.
Wie er uns in Euböa sagte, habe er Philipp aus einer tiefen Erschütterung heraus zugesagt, als er Alexander zum ersten Mal begegnet sei und in dessen tiefe Verletzungen ausstrahlende Augen geblickt habe. Da konnte er einfach nicht mehr nein sagen. Auch wenn ihm dabei von allem Anfang an klar war, dass er damit offen für die pro mazedonische Seite Partei ergriff, was die Feindschaft von Demosthenes ihm gegenüber auf einen Siedepunkt zu trieb.

Saphira: Dieses tiefe  Erbarmen mit dem so sehr verletzten Kind, das habe Olympias von Aristoteles Seite her sofort gespürt und sie hätte beinahe jede Fassung verloren und ihn stürmisch umarmt, als er zusagte. Wie sie mir anvertraute, wusste sie, welch hohes Risiko er damit einging. Scheiterte er, so konnte das seinem Ruf hohen Schaden zufügen.
Sie hätte aber sehr bald gesehen, dass im Zuge dieser Entscheidung sich das Verhalten Alexanders zusehend verbesserte. Er wurde ruhiger und ruhiger und lies sich schliesslich auch wieder auf Kampfübungen zu Pferd ein, schien sie von einem bestimmten Augenblick an sogar zu suchen.
Sie liess mich weiter wissen, dass sie die deutlichen Verbesserungen im Verhalten von Alexander in einer relativ kurzen Zeit nach Aufnahme der Erziehungsarbeit durch Aristoteles natürlich sehr neugierig gemacht hätten. So  hätte sie  versucht allen  Handlungswegen von  Aristoteles unscheinbar  zu folgen, um herauszufinden, auf was das wohl zurückzuführen sei, nachdem alle Erzieher vor ihm, was das Verhalten betraf, gescheitert seien. Ihre Erfolge in der Bildungsarbeit von Alexander seien dem zur Folge sehr gering gewesen, was sie aber zu vertuschen wussten, um vor Philipp nicht das Gesicht zu verlieren.
Aus ihrer Sicht sei Alexander einfach nicht aufnahmebereit für beinahe jedwede Bildung ausser Musik gewesen. Allein das Spiel mit der Kithara schien ihn zwischendurch immer wieder einmal zu beruhigen, wenn es auch geschah, dass er so manche Kithara in einem plötzlichen Wutanfall in tausend Stücke zerschlug.
So sehr sie sich aber auch bemühte diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen, hätte sie nur feststellen können, dass Aristoteles ihrem Sohn vor dem Schlafen Gehen eine Geschichte zu erzählen schien. Tagsüber sei er häufig auf einer versteckten Bank in den Gärten nahe einer Grotte mit ihm gesessen, habe ihn sanft an den Schultern berührt und ihm dabei etwas zugeflüstert. Näheres konnte sie aber nie in Erfahrung bringen. Ihr Sohn sei nicht zu bewegen gewesen etwas davon preiszugeben.

Kretos: Ich beginne Deine Worte, Aristoteles habe sehr weise gehandelt langsam zu verstehen. Er hat sich offenkundig ganz tief in das Erleben dieses Kindes hinein versetzen können und durch entsprechende erzählerische Inhalte ihm geholfen sich in seinem Innersten selber spüren und dadurch finden zu können. Alexander musste, vom Vertrauen des Aristoteles getragen, nicht mehr explosionsartig in seinen Tobsuchtsanfällen seinen Körper ein Stück weit wie abstreifen. Er lernte durch Aristoteles „das Fürchten zu meistern.“

Saphira: Ja so muss es wohl gewesen sein.
Auf Olympias Seite wuchs neben der Freude um ihren sich offenkundig entwickelnden Sohn bald aber auch die Sorge, er könne in den Machtspielen ihres Mannes schlichtweg verbraten werden. Sie wandte sich deshalb an Philipp, dass ein König auch ein grosser genannt werden könne, wenn er seine Macht auf weniger Land gründete. Entscheidend sei doch wie er regiere und die Menschen dauerhaft für sich gewinne.
Wie sie mir berichtete, sei sie mit dieser Bitte aber auf taube Ohren gestossen und hätte, als Alexander mit 15 Jahren zum stellvertretenden Regenten in Abwesenheit seines Vaters ernannt wurde, sich innerlich verbittert weitgehend vom Leben bei Hofe zurück gezogen.
Da sie aber wusste, dass die Sterne offenkundig Grosses für Alexanders Leben voraus sagten, habe sie sich voller Furcht schliesslich an Aristoteles gewandt und ihn gefragt, wie sie damit umgehen solle.  Er habe ihr geantwortet:
„Was interessieren mich die Sterne. Ich sehe meine Aufgabe allein darin, dass Alexander lernt „sein Leben“ anzunehmen. Alles Übrige würde sich daraus schon in rechter Weise ergeben.“

Und lächelnd hätte er noch hinzu gefügt, sie solle aufhören Furcht zu haben. Alexander hätte einen furchtlosen und vor allem aufrechten Charakter und auf dieser Grundlage würde er jede Gefahr meistern können.

Kretos: Wenn ich mir jetzt das Bewegungsverhalten Alexanders, wie es uns Aristoteles auf Euböa vor Augen geführt hat meinerseits ein weiteres Mal innerlich zur Anschauung bringe, dann trifft die Einschätzung von Aristoteles voll ins Schwarze.
Aristoteles vertraute auf des Leben, das er Alexander gelehrt hatte, anzunehmen und seinen ungewöhnlich wachen Geist. Dieses Vertrauen übertrug er mit seinen Worten gewissermassen auf Olympias, obwohl er zu dieser Zeit noch stark damit rang, wie Alexander noch mehr innere Stabilität entwickeln könne.

Saphira:
Und Olympias hielt sich an die Worte des Aristoteles, dass Alexander mit seinem aufrechten Charakter eine jede Gefahr meistern könne. Sie fand in den Berichten, die nach der Schlacht von Chaironeia über die Heldentaten ihres Sohnes zu ihr drangen, Trost darin, dass Alexander offenkundig von starken Schutzkräften begleitet wurde.

Das führt mich zu den letzten Worten Olympias, die sie mir an diesem denkwürdigen Abend ganz zum Schluss noch anvertraute.
Sie sei eines Nachts gegen ihre Gewohnheit und ohne äusseren Anlass plötzlich aufgewacht, sei im Nachtgewand in ihre Bibliothek gegangen und habe im Dunkeln nach einem Buch gegriffen, von dem sie wusste, dass sie es besass, aber bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gelesen hätte.
Im Licht einer flackernden Kerze schlug sie die Kategorien des Aristoteles auf. Da geschah es. Durch die Seiten des Buches schien sie, wie aus der Zeit gerissen in die Augen des Aristoteles zu schauen, der sie mit einem warmen Lächeln anblickte.  Von dieser Nacht an, hätte sie all ihre Mysterien Erfahrungen verdichtend sich stetig mit der Frage nach der Entwicklung eines Herzdenkens beschäftigt. Was sie gefunden hätte, das verriet sie nicht. Ich aber gab mein Verstehen kund und bewahrte ihre Worte still in meinem Herzen.

Kretos:
... Du bewahrtest Olympias Worte, wenn ich es recht verstehe, vierzehn Jahre still in Deinem Herzen, obwohl sie Dir nichts dazu gesagt hatte, welchen Weg sie von dieser nächtlichen Erfahrung aus gegangen sei? Dann muss an diesem Punkte eures Gespräches unmittelbar etwas, ... etwas euch beide tief Erschütterndes geschehen sein,  ein Durchblick von weitreichender Bedeutung sich eröffnet haben. Ansonsten hättest Du niemals auf dieser Grundlage, äusserlich betrachtet eigentlich wenig aussagefähiger Worte ein Verstehen kundgegeben, das, ich sage das nicht leichthin, mich, der ich damals nicht dabei war, heute leise erzittern lässt.

Saphira: Ja so ist es.
Die Kategorien gehören nun wirklich zu den Werken von Aristoteles, die mehr als sperrig zu lesen sind. Ich habe mich inzwischen beinahe ein Leben lang mit dem Werk des Aristoteles auseinandergesetzt und dabei gelernt, dass er dort, wo er in seinem Sagen sperrig wirkt, dass dort die tiefsten Geheimnisse verborgen liegen. Heute kann ich sagen, dass an diesen Stellen zwischen seinen Worten, gleichsam im Ungesagten weitere Bücher von ihm darauf warten aufgeschlagen zu werden. Der Riegel der vor diesen Büchern liegt ist das Wort des Sokrates:

„Ich weiss, dass ich nicht weiss!“

Dies existentiell einmal erfahren und darüber hinaus sich bereit zu halten es immer tiefer weitere Male neu zu erfahren, das öffnet die Türe zu diesen verborgenen Schätzen. Aristoteles ist für mich nicht nur ein grosser Meister der Mysterien vor dieser Welt, er ist ein noch grösserer Meister im Ablegen von Büchern im Weltenäther.

Kretos: Saphira, Du weisst, dass wir beide in unseren Gesprächen stets die Augenhöhe gepflegt haben, dass nichts von der Überheblichkeit des Mannes, die sich von den Mysterien Schulen heute immer unangenehmer ausbreitet, zwischen uns gelebt hat. Sprüchen, die Frau sei in ihrem Denken zu wenig rational, sie sei in ihrem Denken zu sprunghaft, forteilend ausgerichtet, ist Aristoteles immer unüberhörbar streng entgegen getreten. In Euböa hat er uns dies zuletzt überdeutlich mit folgenden Worten ans Herz gelegt:

„Wenn ihr die Gemeinschaft unter euch Sieben lebendig erhalten wollt, dann achtet darauf, dass das, was die drei Frauen unter euch still in ihren Herzen bewahren durch euer Fragen an die Oberfläche treten kann. Was Frauen still in ihren Herzen tragen, das ist das Nährsalz einer jeden Kultur, das wird euch miteinander zum Aufgang eines erneuerten Mysterien Wesen führen.“

So frage ich Dich heute:

„Saphira, was trägst Du über das Herzdenken still in Deinem Herzen geborgen und was ist in dieser langen Zeit dazu in Dir gereift?" 

Zeitgleich muss ich Dich jedoch auch bitten, diese meine Frage heute noch nicht zu beantworten, da ich ansonsten meinen Bericht über die letzten Worte des Aristoteles an uns nicht zu Ende bringen kann.“

Saphira:
„Kretos, mein Herz hüpft, wenn ich daran denke, was wir in der nächsten Zeit in neuen Dialogen noch miteinander werden bewegen können. Ich kann Dir nicht sagen, wie sehr mich Deine Frage freut.“

Nun aber fahre bitte in Deinem Bericht aus Euböa fort.

Kretos: Wir sind dabei stehen geblieben, dass Du auf die Worte des Aristoteles hin, mit denen er das Bewegungsverhalten Alexanders beschrieb, davon sprachst, Aristoteles habe weise gehandelt hier nicht einzugreifen und Aufmerksamkeit darauf zu lenken.
Aristoteles hat also nicht eingegriffen und seinen Bericht wie folgt fortgesetzt:

„Ich kann nicht verhehlen, dass mich innerlich ein Grauen umwehte, als ich Alexander nach Jahren des innerlichen Ringen mit dessen ungewöhnlichen Kräften, die sehr oft in Richtungen strebten, die mir mehr als bedenklich erschienen, ich diesen allzu jungen Mann aus meinen Händen in seine Aufgabe hinein entlassen musste. Würde mein Bemühen um diesen so jungen Menschen ausreichen, diese schier unmögliche Bürde zu tragen?“

So war dann dieser Abschied auch mehr als denkwürdig. Aristoteles lies nämlich in dieser Stunde all seine Zurückhaltung gegenüber Alexander fallen militärisch strategische Fragen auch nur indirekt anzusprechen. Dieses Gebiet sah er einfach nicht als sein Aufgabenfeld an. In dieser Stunde aber wollte er „seinem König,“ der ihm schon länger innerlich zum Freund geworden war, etwas mitgeben, um das er, wie er sagte, viele Nächte gerungen hatte. Auf ihn zugehend sprach er:

„Alexander, mein Freund, wenn Du in der kommenden Zeit mit Deinem Heer einmal in eine ausweglos erscheinende Lage kommen solltest, so halte Dich an Deine Reiterei. Teile sie in viele kleine Gruppen auf und rüste die vorderen Reihen immer mit persischer Gewandung aus. Lasse Deine Leute die Kampfrufe der Perser auf ihren Hörnern nachahmen und schicke sie in kreisenden Bewegungen in die Kampfreihen Deiner Feinde hinein, mit der strengen Auflage sich nicht auf längere Kampfhandlungen einzulassen. Störe, wo es nur geht durch blitzartige Überraschungsangriffe, gleichsam wie aus dem Hinterhalt ihre auf Dein Heer vorrückenden Aufstellungen. Erzeuge Verwirrung, so viel als nur irgend möglich und ziehe deine Reitertrupps immer dann zurück, wenn der Feind zu beissen anfängt. Reisse auf diese Weise ihre Schlachtordnungen auseinander. Sende von verschiedenen Orten widersprüchliche Nachahmungen von Hornsignalen Deiner Feinde aus und das unweigerlich ausbrechende Chaos wird Dir in die Hände spielen
!“ 
Alexander soll daraufhin, wie Aristoteles uns wissen liess, ihn nur sehr lange und mit unverhohlener grosser Nachdenklichkeit angeschaut haben. Nach einem zeitlosen Augenblick hätten sie sich beide die Hände gereicht und Aristoteles hätte eine in beiden Richtungen verlaufende Kraftübertragung verspürt, die jedes weitere Wort erübrigte.
Jahre später, nach der Schlacht bei Issos, habe er in den frühen Morgenstunden, als in den Strassen Athens noch dämmrige Schläfrigkeit herrschte, durch einen Mazedonischen Eilkurier einen Brief von Alexander erhalten, in dem zu lesen war:

„Mein väterlicher Freund. 

Ich bin dem Tod begegnet und angesichts der ausweglosen Lage bei Issos habe ich mich an zweierlei erinnert, auf das Du mich in Deiner Erziehungs- wie gleicherweise Ausbildungsarbeit hingewiesen hattest.
Das eine war der Satz des Sokrates: 


„Ich weiss, dass ich nicht weiss,“ 

den Du mir sehr häufig dann zusprachst, mich dabei sanft bei meinen Schultern berührend oder mich einfach in Deine Arme nehmend, wenn die innere Unruhe wieder einmal über mich herfiel.“
 

„Das andere waren Deine Abschiedsworte und die besondere Qualität Deines darauf folgenden Händedrucks. Dieser Händedruck liess mich, wie ich heute nach der Schlacht bei Issos nunmehr definitiv weiss, meine Selbstherrschaft über meine Kräfte nachhaltig erringen und halten.
 

Wenn ich seither vor meinen Reitern in neue Kämpfe mit den Persern hinein reite, dann ist es mir, als ob mir aus meinen Schultern tausend Flügel heraus wüchsen. Meine Reiter und ich bilden nicht nur eine verschworene, in jeder Lage für einander treu einstehende Kampfgemeinschaft, ich weiss auch, dass ich, wenn ich in mein Horn zum Angriff blase, die Kräfte, die mich solange willkürlich ergreifen konnten, jetzt innerlich geführt auf sie übertragen kann. Geschieht das, so können wir einen Wirbelwind der Bewegung entfachen, der Unbesiegbarkeit unter allen meinen Soldaten verbreitet.“
 

„In den Stunden des frühen Morgens vor einer neuen Schlacht denke ich regelmässig an jene Drachenreiter Geschichte, die Du mir von meinen Kindheitstagen an bis in die Zeit hinein, da ich schon als stellvertretender Regent meines Vaters Verantwortung zu tragen hatte, des Abends so oft an meinem Bett, bzw. auf einem stillen Abendspaziergang in den Gärten der Grotte von Mieza immer wieder in verschiedenen Varianten erzähltest und von der eine so grosse innere Ruhe ein jedes Mal neu auf mich überging.
In so einer Stunde fühle ich mich als Vorreiter einer zukünftigen Kräftegemeinschaft neuer Drachenreiter und die Aussicht darauf lässt mich mein Schicksal annehmen. Dass dies so sein kann, das verdanke ich Dir und dem durch Deinen Händedruck vermittelten Kräftezusammenschluss zwischen uns beiden.
 

Mögen die Götter Dich beschützen, so wie ich mich seit Deinem Händedruck in unmittelbarem Gewahrsein von den Göttern beschützt erlebe. 

Alexander.“
 

„Ich habe Anweisung gegeben, dass ein mit Deinem persönlichen Siegel versehener Brief oberste Priorität in der Übermittlung an mich erhält. Der mit meinem Brief an Dich ausgeschickte Eilkurier ist von mir persönlich mit dem Auftrag freigestellt, dass er Tag und Nacht bereit zu stehen habe, ganz gleich welche Botschaft Du mir auch immer zukommen lassen willst.“

Nachdem uns Aristoteles diese Worte vermittelt hatte, durchwehte den Raum mit seinem Ausblick auf die Abendsonne, den blühenden Frühherbst Garten und das Meer, das Windharfen Spiel eines Schweigens, das unser aller Körperempfinden, von den Haaren bis in die Zehenspitzen innerlich erschauern lies. Wir schwiegen alle eine sehr lange Zeit.
Unter den Augen des Aristoteles sah ich zwei grosse Tränen der tiefsten Erschütterung glitzern, während er von seiner Liege aus in eine ferne Zukunft zu blicken schien. Zwischen uns aber, die wir unwillkürlich in unserem Bewegen durch den Raum allesamt inne gehalten hatten, entfaltete sich langsam ein für uns alle gleicherweise wahrnehmbares Kräftewirken, das uns für alle zukünftigen Zeiten unverbrüchlich miteinander verband.

Saphira: Dich hörend werde ich innerlich unmittelbar in euren Kreis um Aristoteles versetzt. Ich spüre das Schweigen mit seinen Kräfteschwingungen, das euch umfasste und sehe Aristoteles, leise lächelnd, uns alle mit einer kaum sichtbaren Geste seiner rechten Hand segnen.

Kretos: Saphira, Du warst unter uns, auch wenn Du physisch nicht anwesend sein konntest. Er hat in seinen Worten immer auch wieder Deinen Namen ausdrücklich angesprochen. Wenn er uns mit seinen Augen oft so eigenartig anzuschauen wusste, so schien es mir mehrfach, als ob er, Dich anlächelnd, besonders ansprechen wollte.
Dein Hinweis auf die kleine unscheinbare Geste von Aristoteles, die ich selber erst jetzt durch Deine Augen bewusst mit erfasse, zeigt mir, dass dem so war.

Saphira: Das muss wohl so gewesen sein. Denn, wenn ich mich jetzt zurück besinne, dann sass ich an dem Abend vor Aristoteles Tod auf einer vom allgemeinen Getriebe  etwa abseits gelegenen Steinstufe am Hafen von Alexandria. Mit Blick auf die prachtvoll glühende Abendsonne umfasste mich jene besondere Stille, die ich jetzt erneut erlebend als die gleiche wieder erkenne, die mich vor sieben Monaten aus dem Nichts heraus in Alexandria umwehte. Mein ganzes Leben mit Aristoteles ging mir damals bis in alle Einzelheiten durch den Sinn. In dieser Nacht lag ich wach in meinem Bett und schlief erst, als die Sonne aufging mit einem Lächeln an Aristoteles ein.

Kretos: Das Kräftewirken, das uns mit Aristoteles verbindet, ist schon eine unabweisbare Realität.
Doch lass mich jetzt in meinem Bericht weiterfahren. Nach geraumer Weile hub Aristoteles erneut zu sprechen an, nein, er flüsterte das Folgende in den Raum.

„Heute kann ich sagen, Alexander hat seine Aufgabe erfüllt, er hat den Nachweis erbracht, dass es möglich ist die Drachenkräfte, die in einem jeden Menschen leben, nicht nur innerlich zu bändigen , sondern auch mit einem willensgeführten Denken zu verbinden. Freilich, was Alexander damit „für eine zukünftige Zeit“ anfänglich vollbrachte, das werden die Menschen erst in fernen Tagen, lange nach unserer Zeit verstehen.“

Nach diesen Worten schwieg Aristoteles erneut und in diesem Schweigen entfaltete sich spürbar in einem jeden von uns eine erste Ahnung von dem, was in den kommenden Zeitaltern nicht nur von uns, sondern von allen ernsthaft vorwärts strebenden Menschen zu vollbringen sein würde.

„Wäre Alexander nicht im letzten Jahr gestorben,“ so fuhr Aristoteles schliesslich zu sprechen fort, „er wäre heute hier unter uns an unserer aller Seite, als tatkräftiger Gegenwartszeuge für ein zukünftig zu erneuerndes Mysterien Wesen.“

Saphira: Der Faden der Ariadne ist ausgelegt. Der wachsenden inneren Freiheit eines jeden Menschen ist es zukünftig anheim gestellt diesen Faden aufzunehmen und für sich aufrollend dem inneren Sonnenlicht auf dem tiefsten Grund der Drachenhöhle mutig entgegen zu wandern.

Kretos: Kürzer ist es wohl nicht möglich unser mittlerweile ungewöhnlich lang währenden Dialog zusammen zu fassen.

Lass mich Dir meine Hand reichen, so wie Aristoteles einem jeden von uns mit einem jeweils anders gefärbten Lächeln seine Hand reichte und uns so still innerlich Mut für die kommende Zeit zusprach, ehe er uns an diesem Tag entliess.

Wisse, am Tage nach dieser unserer Zusammenkunft mit Aristoteles fanden wir ihn mit weit geöffneten leuchtenden Augen in seinem Lehnstuhl vor. Er musste kurz vor unserem erneuten Kommen mit der ersten Morgensonne dem grösseren Leben entgegen gegangen sein. ...

Saphira: Ob es wohl irgendwann einmal eine Zeit geben wird, die moderne Drachenreiter hervorbringen wird?

Kretos: Wir können dafür nur durch unser Tun den Weg vorbereiten. Dann mag es sein, dass von vieler Menschen Bemühungen getragen, sich erneut Drachenreiter erheben, um dem Dunkel die Stirn bietend, in ihrem Lichtatem die geläuterten Drachenkräfte als Freiheitskräfte in die Welt hinaus zu tragen.

Saphira: Der frei lassende Weitblick von Aristoteles, das ist es, was ich an ihm im Leben und jetzt über seinen Tod hinaus am meisten bewundere. Darin liegt eine starke Mutkraft geborgen.

Kretos: Verborgen in der Stille!


© Bernhard Albrecht Hartmann, 10.01.2015

Der Anfang dieses Dialogs (Teil 1) ist zu finden unter: https://ich-quelle.blogspot.com/2013/12/unter-der-platane-ein-dialog-uber-die_28.html

Die Fortsetzung desselben (Teil 3) unter: https://ich-quelle.blogspot.com/2017/04/ein-dialog-uber-die-zeiten-hinweg-im.html