Samstag, 14. November 2015

Entfesselung

Was gestern Abend und in der Nacht in Paris geschah scheint auf den ersten Blick ein bestürzendes Geschehen zu sein, das sich an einem von unserem Lebensbereich mehr oder weniger weit abgelegenen Ort ereignete. Ist das wirklich so?
Indem wir in diesen Stunden nach Paris blicken und unserer Mitgefühl mit den unmittelbar betroffenen Menschen teilen, wie zum Beispiel mit jenem jungen Mann, der gerade einmal zwei Monate verheiratet mich innerlich zutiefst aufgewühlt heute Morgen anrief, weil er seine Frau suchte, die berufsbedingt an diesem Wochenende in Paris weilt und der mitten in unserem Telefongespräch beinahe noch mehr innerlich zusammen knickte, vor Erleichterung und Freude, als er eine SMS erhielt, indem sie ihm mitteilte, dass es ihr gut gehe - reicht an diese inneren dramatischen Erlebnisweisen unser Erleben und Mitempfinden wirklich heran?  Oder werden wir letztlich doch von den sich überstürzenden Meldungen der Nachrichtenpresse mitgerissen, in Hilflosigkeit erstarrend in unsere Fernsehsessel gedrückt und „wie gebannt“ festgehalten?
Von der Politik hören wir, es sei alles zu überprüfen, unsere Sicherheitslage müsse angesichts der Ereignisse von Grund auf durchforstet werden, um sich mit den entdeckten Konsequenzen noch besser aufstellen zu können. Wer mag da schon nein sagen.
Doch ist es damit getan das Netz von Sicherheitsvorkehrungen im Aussen zu verstärken? Zielt dieser Terrorangriff über das Aussen nicht viel tiefer mitten in unserer aller Bewusstseinsräume hinein? Was heisst es von dort her sich neu aufzustellen, sich „mehr zentriert“ auszurichten auf das, was in mir geschieht und daraus zu handeln?
Habe ich, haben wir diese entfesselnden Kräfte nicht schon mehr oder weniger leise viele Male vor unserem inneren Auge wie vorbei huschend auf dem Bewusstseinsschirm gehabt? Was haben wir dann getan im Umgang mit derartigen Kräften in uns? Ich will nicht wiederholen, was ich alleine heute im Zuge der Ereignisse von Paris an Wut, Zorn und selbst überhebenden Massnahmen Empfehlungen schon zu hören bekam. Und von daher frage ich mich, kann es angehen mich in meiner Verantwortung für das, was in Paris, im nahen Osten oder sonst wo in Menschen verachtender Weise geschieht, mich wie auszuklinken, am Rande zuschauend stehen zu bleiben oder gilt es die „Drachenkräfte“ in mir deutlicher ins Auge zu nehmen?
Es gibt viele Arten von feurigem Zunder, der in mir knisternd leise vor sich hin schwelt, Zunder den ich von Anderen kommend weiter reiche, Zunder den ich entflamme und gezielt in sozialen Netzwerken platziere, ohne mich um seine Wirkung dort weiter zu kümmern oder gar an meine Verantwortung auch nur zu denken, wenn ich derartige Gedankenbildungen von mir gebe.
Der Drache ist für den, der bereit ist sich tiefer in dieser Welt „gegenwärtig“ zu verankern kein blosses Bild. Es ist eine beobachtend klar zu identifizierende Kraft in mir, die es gilt anschauend zu bändigen. Mit einer derartigen inneren Haltung vollzieht sich in meinen Augen zeitgerechte Verantwortung.

Bernhard Albrecht Hartmann

Montag, 20. Juli 2015

Von der inneren Umkehr (überarbeitete Version)

Unser Weltzugang ist in Folge langer Entwicklung und damit aus gefestigter Gewohnheit gemeinhin ein dualer. Einen anderen Menschen  s e h e n  und  a n  n e h m e n  lernen wie er ist, ihn sein lassen können, so wie das Leben ihn gerade jetzt sein lässt, das bedeutet einen steinigen Weg gehen. Denn was immer und überall mir in Bezug auf den anderen Menschen zunächst im Wege steht, ist, eine Vielzahl von Vorstellungen, die ich mir von der Welt gebildet habe und die ich nicht selten in Teilen dann auf den Menschen übertrage, der gerade vor mir steht.

Lauschen - machen wir uns diesbezüglich nichts vor, ist eine dem modernen Menschen, der aus seinen Lebensverhältnissen soviel eingelagerte Ruhelosigkeit in jede Begegnung unweigerlich zunächst mitbringt, Lauschen ist eine weit an den Rand unserer sozialen Lebenswelt gedrängte Fähigkeit. Sie ist in den Augen des Mainstream buchstäblich unter die Disteln des zu Vernachlässigenden geraten und steht den wenigsten Menschen heute noch in natürlicher Weise als handhabbare Handlungsmöglichkeit zur Verfügung. Auch wenn es in diversen Coach- und Manager Ausbildungen Angebote zum Erlernen und effizienten Handhaben des Zuhören gibt, so reicht das Lauschen gegenüber dem Zuhören doch sehr viel weiter und tiefer. Es nimmt gegenüber dem „Ist im Zuhörend Erfassten“ den Klang des Werdens, ein Ungeboren Werdendes im Umkreis gesprochener Worte in das Verstehen mit herein.

Wie aber kann es gelingen für den Klang des Werdens die rechten Worte zu finden? Ist doch schon das Tatsächliche meist nicht ganz leicht zu erfassen. Um wie viel schwerer  muss es sein, ein Werdendes, also ein bestenfalls in Teilen Sichtbares mit geeigneten Gedanken einen sprachlich Ausdruck zu verleihen. Und in der Tat ist dahin zu gelangen nicht ohne eine innere Umkehr zu erreichen. Ich muss mich nämlich auf nicht weniger als dieses einlassen, davon Abstand zu nehmen, die Welt ausschliesslich  unter meinem Blickwinkel zu betrachten. Von meinem jeweiligen Gegenüber her die Welt zu betrachten, mich in dessen Sichtweise auf die Welt einzuleben, an diesen unscheinbaren Schwellen entscheidet sich immer wieder auf ein Neues, ob in einem Gespräch durch mich ein aktiver Beitrag auf einen zu belebenden Humanismus hin geleistet wird oder eben unversehens nicht. 

Der Humanismus ist in unserem Weltwissen breit verankert. Ideelle Absichten ihn zu verwirklichen gab und gibt es landauf landab nicht wenig. Wie aber ihn in „alltäglichen“ Lebensverhältnissen lebendig zur Erscheinung bringen? Selbstkritisch betrachtet ist es eine immense Herausforderung, die gleicherweise immer wieder auch mit einem Scheitern verbunden sein kann. In einem angesichts eigenen Scheiterns beständig neu zu erringenden inneren Gleichgewicht gleichsam wachsend immer mehr Einsitz in sich zu nehmen, kann dies einen Weg zum Lauschen eröffnen? 

In mir Einsitz nehmen? Was soll das? Ist nicht der „Andere“ derjenige, der sich meinen Aussagen verstehend widersetzt? Wenn schon scheitern, ist dieses Scheitern dann nicht der „Dickhäutigkeit“ im Auffassen von Argumenten meinem Gegenüber anzulasten? Wenn differenziertes Sagen an ihm abprallt, was soll ich dann damit zu tun haben? So ähnlich läuft es doch in nicht wenigen Diskussionen, bzw. ansatzweisen Gesprächen, oder?  Werde ich von irgendetwas in dieser Art innerlich berührt, begegne ich da vor meinem inneren Spiegel nicht auch einer eigenen Dickhäutigkeit? Wie denn? Könnte es sein, dass ich bei der Untersuchung dieses Phänomens im Rahmen eines selbstkritischen Durchforschen innerer Seelenprozesse, im Auf und Ab, im Vollzug eines Gedankenaufbaus, auf zu fest gefügte eigene Vorstellungsbildungen stosse, die sich bei näherem Hinsehen als nicht oder wenig geeignet erweisen sich transparent in die Sichtweise des anderen Menschen einfügen zu können? Muss es bei derartigen Kommunikationsvorläufen dann verwundern, wenn die Resonanz ein Nicht-Verstehen nach sich zieht oder gar emotionale Ausbrüche lostritt? Erinnere Dich …

Eine Kultur des Lauschen, bzw. eine Fähigkeit dieser Art unter abgelagerten Schlämmen der vielfältig heute offen oder verdeckt zu Tage tretenden sozialen Spannungen, Brüche und Gegensätze zu befördern scheint mir eine Herkulesaufgabe zu sein. Der Augias Stall ist aufzuräumen und es mag befremden, wenn ich aus meiner Erfahrung heraus betone, dass es dabei nur um den jeweils eigenen Augias Stall geht, der aufzuräumen ist. Ändern kann nämlich nur ich mich. Ich kann und darf ein sich Ändern von Niemandem sonst erwarten. Pointiert gefragt, zielt die seelische Beobachtung nach naturwissenschaftlicher Methode dann in ihren ersten Schritten nicht genau auf das Aufräumen des eigenen Augias Stalles? Oder unter einer anderen Betrachtungsweise gefragt, führt mich eine tatsächliche Bereitschaft zum Erwachen am anderen Menschen zunächst nicht ebenfalls erst einmal alleine durch meinen Augias Stall hindurch?

Besinne Dich … Und im Nachgang solchen Besinnens ist Zuwendung in sozialen Prozessen, denn Lauschen bedarf einer ausserordentlichen Ausprägung davon, nicht mehr und mehr zu einer Unmöglichkeit verkommen? Oder anders ausgedrückt, ist ein achtsamer Abstand zu sich selbst als Raum schaffende Gebärde für einen anderen Menschen im Aufnehmen eines Gesprächsfaden noch etwas, dem von der eigenen Haltung her Bedeutung beigemessen wird, etwas, das vom Augenblick der Eröffnung des Gesprächs an aktiv geübt wird? Geht es in den gedanklichen Austauschbewegungen unter Menschen, wenn auch sachlich verschleiert nicht eher um Selbstdarstellung, fern der Anwendung einer Hebammen Kunst im Sinne des Sokrates? …                      
                                          
Von Sokrates ist bekannt, er hätte es verstanden Menschen so anzusprechen, dass ein bis anhin gesichertes Verständnis auf einen bestimmten Sachzusammenhang hin in Fragen erneut virulent werden konnte. Die Frage als bewegendes Element. Die Frage als neue Horizonte öffnendes Element. Die Frage mithin als eine Möglichkeit Ungeborenes zur Geburt zu bringen. Die Frage als Wegöffner für Verborgenes im sprachlichen Ausdruck, das „Lauschen“ in die Sichtbarkeit bringen kann. Sokrates stand zu seinen Lebzeiten noch in einer inneren Nähe zu Heraklit. Nach Heraklit  konnte der um Lebenserkenntnis ringende Mensch aber nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen. Heraklit verstand das Leben als ein vielstimmiges Unisono Klanggeschehen, als ein auf den Menschen hin angelegtes unendliches Wortschaffen aus sich selbst heraus. Und nur der Selbsttätige konnte damals und kann heute „Einwohnung“ nehmen in diesem fort und fort Fliessgeschehen, in dem er z.B. mit dem Aufgeben wissenschaftlicher Standpunkte Wandlung in einer Weise signalisiert, die neue Sichtweisen und Zusammenklang-Verhältnisse ermöglichen.

Dass sich die heutige Wissenschaft durch viele Verschleierungen hindurch in einer mehr als ernsten Krise ihres Selbstverständnisses befindet, diese Erkenntnis weiter vor sich her zu schieben, kann aus meiner Sicht nur von Menschen bezweifelt werden, welche das „Erkenne dich Selbst“ in der Konfrontation mit den Gedankenbildungen, mit denen sie sich auf ihren Lebenswegen auseinander zu setzen haben durch die Flucht in immer neue Abstraktionen weiter glauben umschiffen zu können. Die moderne Quantenphysik bringt  eine Tatsache unmissverständlich an das Tageslicht des Bewusstseins, dass der Beobachter das Versuchsgeschehen durch seine Teilhabe daran verändert. Diese Ein-Sicht aber verändert das Verhältnis von Objektivität und Subjektivität und ihr paradigmatisches Verständnis im heutigen Wissenschaftsbetrieb nachhaltig. In meinen Augen zeichnet sich damit die Notwendigkeit eines grundsätzlich neuen Verständnisses im Hinblick auf das Denken ab. Das Denken als ein inneres Blickorgan, das Denken als ein durch das Ich sich selbst hervorbringendes Geschehen? Fragen, Fragen, Fragen, die im Sinne des Gedichtes von R: M. Rilke: 

                                                     „Was mich bewegt“


                                                  „Man muss den Dingen
                                                  die eigene, stille,
                                                  ungestörte Entwicklung lassen,
                                                  die tief von innen kommt,
                                                  und durch nichts gedrängt
                                                  oder beschleunigt werden kann;
                                                  alles ist austragen -
                                                  und dann
                                                  Gebären...

                                                  Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt
                                                  und getrost in den Stürmen
                                                  des Frühlings steht,
                                                  ohne Angst,
                                                  dass dahinter kein Sommer
                                                  kommen könnte.
                                                  Er kommt doch!

                                                  Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
                                                  die da sind,
                                                  als ob die Ewigkeit vor ihnen läge,
                                                  so sorglos still und weit ...

                                                  Man muss Geduld haben,
                                                  gegen das Ungelöste im Herzen,
                                                  und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
                                                  wie verschlossene Stuben,
                                                  und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
                                                  geschrieben sind.

                                                  Es handelt sich darum, alles zu leben.
                                                  Wenn man die Fragen lebt,
                                                  lebt man vielleicht allmählich,
                                                  ohne es zu merken,
                                                  eines fremden Tages
                                                  in die Antwort hinein.“

              
... eines schönen Tages durch mutige philosophische Denker, die sich nicht länger von den abstrakten Purzelbäumen eines Skeptizismus gegenüber allem und jedem oder den vor sich selbst nicht wahrgenommenen Versteckspielen des Reduktionismus den freien inneren Blick durch scheinbar kunstfertig gewobene Gedankenschleier versperren lassen, einer Antwort entgegen wachsen.  

Der kürzlich verstorbene Philosoph Wilfrid Jaensch war ein mutiger Querdenker in genau diesem Sinne. Sechs Wochen vor seinem Tod (1) spricht er, ausgehend von der Erklärung der Menschenrechte, von der Notwendigkeit einer Geisteswillenschaft. Was den Menschen in seinem Kern ausmache, was ihn in die Lage versetze sich als Mensch zu bezeichnen, das müsse dabei ins Auge gefasst werden. Und er gibt die verblüffende Antwort: „Erst wenn ich den anderen Menschen bedingungslos anerkenne, bin ich Mensch.“            

Weiter gedacht, bedeutet das nicht, dass ich nur insoweit zu einem Menschen sukzessive werden kann, wie ich „selbsttätig“ meine Vorstellungen, die sich zwischen mich und meine Mitmenschen immer wieder stellen mögen, stets aufs neue übersteige, bereit bin sie gleichsam zu „verbrennen,“ durch meine Verschleierungen wie hindurch zu treten? Klingt das in einem Europa, in dem in Bezug auf muslimische Mitbürgerinnen ein Verschleierungsverbot immer wieder gefordert wird nicht sehr irritierend? Die europäische Menschheit in ihrer Gesamtheit unter dem Schleier. Dieses Bild, ohne wenn und aber innerlich einmal zugelassen, zeigt in meinen Augen welche immense Aufgabe mit einer Geisteswillenschaft verbunden ist, welches Vermächtnis uns da Wilfrid Jaensch hinterlassen hat.                                                

Ich höre darin die Aufforderung, dass es an der Zeit ist die Erforschung der inneren Kraftgestalt im Denken gleicherweise wissenschaftlich, wie sozial ästhetisch, forschend und praktisch in die Hand zu nehmen. Fragen, die nicht nur Renè Descartes zu seiner Zeit anhaltend beschäftigt, sondern schon Aristoteles geleitet haben. In den Tiefen des eigenen Denkens abgelagert, zeigt sich diese Kraftgestalt meiner inneren Anschauung und Erfahrung nach mehr als widerspenstig, sobald ich auch nur anfänglich Fragen in der Richtung stelle, auf welchem Boden stehe ich eigentlich, wenn ich denke. Hat das Denken überhaupt einen Boden oder ist es von vorne herein widersinnig im inneren Blicken auf das Denken von einem Boden zu sprechen?  Kann eine Kraftgestalt Boden geben, wenn es sie in Bezug auf das Denken denn überhaupt geben sollte? Dies alles und Vieles mehr scheinen mir Fragen zu sein, die sich aus den Wurzelfragen Rudolf Steiners seiner Einleitung zur Philosophie der Freiheit heute stellen und differenziert weiter entwickeln lassen.                       

Im Zuge der vorgesehenen Herausgabe der Erkenntniswissenschaftlichen Schriften Rudolf Steiners im Rahmen der Steiner Kritischen Ausgabe (SKA) durch Dr. Christian Clement im Verlag fromann- holzboog stellt sich mir die weitere Frage, welche die Bewertung Rudolf Steiners im Verhältnis zu Immanuel Kant ungemein versachlichen könnte. In der Vorrede zu seinem Frühwerk, „Gedanken zu der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte“ spricht Kant seine Leser wie folgt an: „Ich glaube, ich habe Ursache von dem Urteile der Welt, dem ich diese Blätter überliefere, eine so gute Meinung zu fassen, dass diejenige Freiheit, die ich mir herausnehme, grossen Männern zu widersprechen, mir für kein Verbrechen werde ausgelegt werden. Es war eine Zeit, da man bei einem solchen Unterfangen viel zu befürchten hatte, allein ich bilde mir ein, diese Zeit sei nunmehr vorbei, …“        

Rudolf Steiner hat eine Reihe erkenntniswissenschaftlich philosophischer Schriften verfasst und darin neben Kant so manchem anderen Denkern widersprochen, gewagt diese in der einen oder anderen Weise weiter zu denken.  Im Sinne der Freiheit hat er damit aber nicht weniger als Kant seinerzeit ausgedrückt, es möge ihm dies nicht als Verbrechen ausgelegt werden. Nun, Kant hat mit dem genannten Frühwerk zunächst auch nicht den Erfolg gehabt, den er sich vielleicht erhofft hatte. Professor in Königsberg wurde er erst nach langen Jahren des Hauslehrer Daseins. Diesbezüglich teilt Rudolf Steiner also in gewisser Hinsicht ein Schicksal der Nichtbeachtung mit ihm. Im Zuge der Herausgabe der SKA frage ich mich, ob diese Zeit jetzt vorbei ist und seine Gedanken nunmehr in einem „Blick von Nirgendwo“ von der akademischen Wissenschaft einer umfassend sachlichen Bewertung entgegen sehen können oder Neulande zumindest mit forschenden Fragen an sein Denken betreten werden.                            

„Der Blick von Nirgendwo“ ist der Titel eines Buches des amerikanischen Philosophen Thomas Nagel. In seiner Fragehaltung ein erfrischendes Buch im sokratischen Sinne. Es wäre sehr zu begrüssen, wenn eine Fragehaltung wie sie Thomas Nagel in diesem seinen Buch pflegt im Umgang gerade mit den erkenntniswissenschaftlich, philosophischen Gedankengängen Rudolf Steiners von Seiten der Wissenschaft Schule machen könnte. Lausche ich in die Wortfolge: „Der Blick von Nirgendwo,“ im Sinne des gleichnamigen Buches des amerikanischen Philosophen Thomas Nagel (2) hinein, so führt mich das unmittelbar an die erkenntniswissenschaftlichen Zeitfragen, die Gedankenzäune heran, wie sie Thomas Nagel im gegenwärtigen wissenschaftlichen Denken transparent zu machen weiss. Es weisst mich aber auch, um es vorsichtig auszudrücken, auf ein Versäumnis in anthroposophischen Zusammenhängen hin, die dynamische Kraft im erkenntniswissenschaftlichen Denken Rudolf Steiners angemessen zu würdigen und weiter zu entwickeln.                                   

Versuche in dieser Richtung wurden von einem breiten Mainstream, hier nicht weniger wie im öffentlichen Raum der Wissenschaft, immer wieder in Randnischen abgedrängt. Was im wissenschaftlichen Raum, aus meiner Sicht bis heute, eine Tabu Zone bezeichnet, die „mögliche“ Kraftgestalt des Denkens einer wissenschaftlich forschenden Untersuchung zuzuführen, wurde auch hier wie nebenbei zu Tabu Zone erklärt. Die Philosophie der Freiheit und die damit verbundenen seelischen Beobachtungen „nach naturwissenschaftlicher Methode“ wie sie Rudolf Steiner in einer e r s t e n  Versuchsanordnung auf den Weg brachte, fand auch hier nicht die Beachtung, wie er es   sich ursprünglich erhofft hat. Und damit wurden Philosophische Denker wie zum Beispiel Herbert Witzenmann und Wilfrid Jaensch als Entwicklungsfermente in Randzonen abgedrängt. Tragischer Weise, so erscheint es mir jedenfalls, wenn ich mir die gegenwärtigen internen  Auseinandersetzungen in anthroposophischen Zusammenhängen um die SKA anschaue, hat das duale Denken hier also nicht weniger Kraft, als im wissenschaftlichen Raum. Doch wenn ich mich besinne, war das duale Denken zu überwinden nicht das Grundanliegen Rudolf Steiners? Wo stehe ich also, wo stehen sie geneigte Leserinnen und Leser dieser Gedankengänge, wenn sie sich nach innen lauschend auf sie einlassen wollen?                            

„Der Blick von Nirgendwo,“ hier nunmehr zum vierten Mal aufgegriffen, er verweist mich auf ein äusserst dynamisches Denken, ein in sich bewegliches Denken, ein Denken, das sich beheimatet gewissermassen in einer Nullzone, ein Denken, welches die Illusion des Nichts als eine Membran des unendlichen Regresses innerlich umstülpt und damit mehr und mehr Zugang findet zu einer wachsenden inneren Kraftquelle. In diesem Denken  treten die Begriffe „subjektiv“ und „objektiv“ als Hervorbringungen eben dieses Denkens in Erscheinung. Sie als dual ausgerichtete Grenzpunkte des wissenschaftlichen Forschen zu betrachten geht also nur insoweit und so lange wie die selbsttätig hervorbringende Kraft, ein bewegt in Bewegung sich fort und fort selbst dynamisierendes Denken aus dem wissenschaftlichen Forschen ausgeblendet wird.    

Geht damit aber nicht aller Halt und alle Sicherheit verloren? Die Möglichkeit im wissenschaftlichen Diskurs sich hinter mehr oder weniger klaren Positionen zu verstecken und den jeweiligen Kontrahenten sachlich verbrämt der Lächerlichkeit zuzuführen, wenn dieser nicht im jeweils stillschweigend vorgegebenen Sinne systemkonform denken sollte, diese Möglichkeit, sowie die aus ihr abgeleitete Sicherheit wird auf Dauer nicht mehr Bestand haben können. Die Löcher in der eigenen Deckung, folge ich hier dem einen oder anderen Gedankengang von Thomas Nagel, werden mit weiteren Verschleierungen nur noch befristet abzudecken sein. Streitbare Auseinandersetzungen um die Vorherrschaft dieser oder jener wissenschaftlichen Systemvariante scheinen mir der Vergangenheit anzugehören.                        

Auch wenn sich Beharrung in Überzeugungen auf vielen Ebenen menschlicher Kommunikation aus den unterschiedlichsten Gründen nicht selten anhaltend zu behaupten weiss, so scheint sie mir über ein im kommunikativen Tagesgeschäft gelegentliches  Ärgernis hinaus zu weisen. Denn, kann dem Begriff Beharrung nicht Bewegung gleichsam entgegengesetzt werden? Wo also Beharrung sich in menschlichen, bzw. wissenschaftlichen Auseinandersetzungen breit macht, könnte das nicht ein Hinweis darauf sein, dass über alle Parteiungen hinweg  sich zu wenig selbsttätige Denkkraft wirksam und authentisch bezeugt? Zeichnet sich in derartigen Phänomenen nicht zumindest indirekt eine Herausforderung ab dem Hervorbringungsaspekt des Denkens erfahrungsbasiert mehr Aufmerksamkeit entgegen zu bringen?                  

In meinen Augen stehen wir vor der Notwendigkeit einer grundständigen wissenschaftlichen Sichterweiterung. Es geht von der Seite der äusseren Wissenschaft, wie in internen Auseinandersetzungen von Menschen, denen Anthroposophie ein Anliegen ist, mit der Herausgabe der SKA nicht mehr um wissenschaftliches Denken kontra geisteswissenschaftliches Denken, sondern um eine existentiell erneuerte Sicht „auf das eigene Denken hin,“ mithin eine rundum zu erneuernde Denkhaltung und daraus zu entwickelnde, lebendig zu bezeugende neue Wissenschaftsgesinnung. Im Sinne von Wilfrid Jaensch bedeutet das aber auf den anderen Menschen zugehen, selbst wenn dieser konträr zum eigenen Denken steht. Gelebter Respekt dem fremden Denken gegenüber und ein aus dem Respekt heraus wachsendes Vermögen zu einem „Erkenne Dich selbst“ am fremden Denken, dies allein kann aus meiner Sicht für die kommende Zeit Freies Geistesleben lebendig bezeugen.                    

Sokrates prägte seinen Schülern gegenüber den Satz: „Ich weis, dass ich nicht weis“. Der Zusammenhang dieses Satzes mit dem Umstand, dass Sokrates späterhin sich nicht dem Tod durch den Schierlingsbecher entzog, obwohl er dies gekonnt hätte; die nach innen lauschende Beschäftigung mit diesem Zusammenhang hat mich für die gegenwärtige Zeit zu einer bestürzenden Erkenntnis geführt. Ich kann die ganze Kraft, die in dem Satz: „Ich weiss, dass ich nicht weiss“ gebunden ruht nur insoweit für mich frei setzen, wie ich bereit bin den Schierlingsbecher zu nehmen und mit ihm das Gift unangemessener Vorstellungen in meinem Denken gegenüber anderen Menschen verbrenne, bzw. in wissenschaftlichen Auseinandersetzungen die Abstraktionen innerlich in Denkkraft Erfahrungen zu transformieren weiss.

© Bernhard Albrecht Hartmann 20.07.2015

(1)  www.enzyklika.blogspot.de (unter Apr 30 Geisteswillenschaft)
(2)  Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 2035, 1. Auflage 2012

Mittwoch, 15. Juli 2015

Eine Anmerkung zu Mieke Mosmullers Blog-Eintrag: Das dreifache spirituelle Ideal des Menschen

Wenn der Materialist nur für Sekunden sich einmal darauf einlassen wollte, das, was er in abstraktem Selbst-Illusionieren  an Bewegungsgeschehen im Protonenbeschleuniger des europäischen Kernforschungszentrums in Genf technisch veranlasst, im eigenen Bewusstsein für einen Augenblick als Erfahren zuzulassen, wenn er sich ermutigen könnte an dieses Geschehen erfahrend heran zu treten, er würde bis ins Mark hinein erblassen und womöglich ohnmächtig zusammenbrechen vor der Bewegungsmacht, die er, ausschliessend von seinem Ich im Ego gebannt hält.
Wenn Menschen, die nach ihrem Erleben sich einer Anthroposophie oder einer anderen massgeblichen spirituellen Zeitströmung zugeneigt empfinden, nicht den Krieg untereinander bereit sind zu beenden, dann wird all ihr Bemühen für einen erweiterten Wissenschaftsbegriff in heutiger Zeit einen Beitrag zu leisten ins Leere laufen. Denn eine vermeintlich nicht zu umgehende Auseinandersetzung mit anderen Menschen um „die Wahrheit“ vernebelt das entscheidende Geschehen, um das es eigentlich geht, die Furcht vor dem Sprung über den Abgrund, von in Abstraktionen erstarrten Ego-Anhaftungen in den Bewegungsfluss des Ich zu meistern.
Barmherzigkeit für den anderen Menschen fängt bei der Barmherzigkeit gegenüber mir selbst an, bei dem inneren Loslassen ich müsse einem anderen Menschen den Weg zur Wahrheit weisen. Wahrheit findet ein anderer Mensch ganz aus sich, je mehr ich meine Ego-Verhaftungen bereit bin zu lösen. Gelingt es mir einem anderen Menschen, der mich um der Wahrheit Willen heftig attackiert dennoch Respekt zu erweisen, dann ist dies der Beginn möglicher Barmherzigkeit vom Herzen her.
Wir leben nicht mehr im Mittelalter, sondern in einer Zeit, in der es um die innere Ausbildung einer Bewusstseinsseelen-G e m e i n s c h a f t  geht.

Bernhard Albrecht

Im Vorbeigehen einem alten Herrn zugesprochen

Vergesslichkeit ist nicht selten ein beklagter Selbstausdruck, wo eigene Anhaftung an die Erinnerung vergangener schöner Tage die Wirklichkeit vernebelt. Der Mensch ist ein sich entwickelndes Wesen. Wohl dem, der sich zu jeder Zeit erneut auf Reisen begeben kann dies Wunder Mensch immer wieder neu zu erkunden. Manch einer hat schon ein Leben lang neben einem „Schatz,“  auf hohem Level in sich verhakt vor sich hin gelebt, ohne auch nur in die Nähe dieses Schatzes an seiner Seite gelangen zu können, dessen verschleiert „an ihn gerichtetes Sagen“ in seinen Tiefen wirklich aus zu loten. 

Manch einer erkennt erst am Ende seines Lebens, dass er trotz nicht weniger Mühen, die er aufgewendet hat, die Welt des anderen Menschen zu verstehen, er den eigenen Gartenzaun Blick des stillen Vorurteils nicht bewältigt hat, mit dem er sich den Zugang zu der Welt des anderen Menschen letztendlich immer wieder selbst verstellt hat. 

Auf solchen Wegen baut sich nicht selten eine Schimäre vom Sein des anderen Menschen auf, die leichthin betrachtet und scheinbar schwergewichtig durch dies und das untermauert als Wirklichkeit gelten mag und doch ein Produkt eigner Selbstillusion ist. Der wirklich unbefangene Blick auf den mir nahen Menschen an meiner Seite ist eine der schwersten Lebensübungen, die uns als Menschen auferlegt wird. Und das nicht ohne Grund. Denn nicht anders als durch diesen mitunter sehr harten Widerstand können wir zu uns selbst erwachen. Am Widerstand des Du bildet sich die Erfahrung eigenen Ich - Werdens.

Ich kann wunderbar in einer planetarischen Meta Welt kreisen und dort in stiller (selbstverliebter) Selbstherrlichkeit residieren und wenn das nicht mehr geht z.B. im schwarzen Humor letztendlich nur mich selbst bedauernd mir eine Selbstbescheidung und Schein - Freiheit vorgaukeln, die Lebenslüge ist. Lebenslüge von der Art, die schon Platon in seinem Höhlengleichnis mehr als deutlich benennt.
Dem mir nahen Menschen an meiner Seite einmal für seine Treue zum Lebenswiderstand  zu danken, ist vielleicht eine etwas ungewöhnliche Sicht, aber bei Bereitschaft zum Einlassen auf diese Sicht auch ein Torbogen zu neuer Lebenskraft. Mit Herzenstakt gepaart sogar eine Möglichkeit zu mehr gemeinsamer Lebensfreude erneut hinfinden zu können.

Nichts für ungut für diese deutlichen Worte an dieser Stelle! Ein schriller Pfiff, bevor der Karren endgültig an der Wand zerschellt. Es ist nie zu spät von eigenen umnebelten Sichten Abschied zu nehmen. Und ... Möglichkeiten Liebe zu bekunden sind auch in scheinbar mehr als verfahrenen Situationen immer gegeben, es sei denn ich will den Stoffel in mir zum inneren Gott meiner letzten Lebenstage erheben.
Ich wünsche von Herzen allen erdenklichen Mut!

© Bernhard Albrecht Hartmann, 15.07.2015

Dienstag, 21. April 2015

Ich

Nachfolgenden Beitrag habe ich im Juni 2014 schon einmal hier eingestellt. Aus aktuellem Anlass tue ich dies erneut, ergänzt um einen kurzen Dialog aus dem Blog von Info 3, in dem dieser Beitrag ebenfalls veröffentlicht wurde, sowie einem neuen "Fadenschlag" zum Thema von mir aus den letzten Tagen. Mit und weiter denken aus dem Leserumkreis, in welcher Form auch immer, würde mich sehr freuen.

Bewegt in Bewegung. Ich ist nicht, wo diese fliessende Bewegung, dieses bewegt in Bewegung Sein nicht in sich aufgesucht werden kann.

Ich sehe den Einwand. Ich ist nicht? Das widerspricht dem Anschein nach jeglicher philosophischen Forschung über Jahrhunderte hinweg, die sich um dieses Thema bemüht hat. Es widerspricht auch den Forschungen der Entwicklungswissenschaften, die von einem ersten grossen Schritt der Ich Vergegenwärtigung des Kindes im Alter von etwa drei Jahren ausgehen. Das Kind spricht zum ersten Mal von sich als Ich.

Und jetzt: Ich ist nicht, wenn ... Ja wenn fliessende Bewegung in sich nicht aufgesucht, wenn eine Erfahrung dieser Art sich nicht eindeutig vergegenwärtigt werden kann. Ja, was nun? Fliessend erfahrene Bewegung in sich soll zum Ich führen und wo diese Bewegung sich nicht vergegenwärtigt werden kann, da ist kein Ich, da ist Ich nicht, noch nicht? Ja wie nun?

Ich und Bewegung, wie hängen sie zusammen? Und die andere zwangsläufig sich daraus ergebene Frage? In welcher Beziehung steht dazu die Erfahrung der Leere als scheinbarem Endpunkt einer Bewegung, als Erschöpfungszustand des Verstandes am Abgrund, als Sinnkrise, die heute so viele Lebensbereiche der Menschen durchzieht? Leere und Sturz ins Nichts, Depression. Nun, ich will hier diese Fragen nicht ins Einzelne gehend ausloten, vielmehr das Augenmerk allein auf einige wenige Tatbestände lenken, die zum Ausgangspunkt von eigenen inneren Erkundungen werden können.

Wer sich auf eine so geartete Selbsterkundung einlassen kann, der wird in deren Verlauf unschwer feststellen, dass nur das zu einer Erkenntnis hin reifen kann, was aus einer Eigentätigkeit hervorgeht. Mehr Wissen zu den angedeuteten Zusammenhängen führt, auch dies kann als Selbsterkenntnis aus einem derartigen Erkundungsgang hervorgehen, nur immer näher an eine zunächst schleichend auftretende Depression heran, mit der Folge früher oder später sich in panikartigen inneren Zuständen vor einen schwarzen Abgrund gestellt zu sehen.

Es ist heute eine allgemein zugängliche Erfahrung, dass sich unsere gegenwärtige Verstandestätigkeit als eine seit der griechischen Antike entwickelte Kulturtechnik des Denkens auf ein Aussen bezieht, also dual gepolt ist. Die Folge davon ist, dass sich daraus eine höchst differenzierte abbildende Denktätigkeit, ein abbildendes Wirklichkeitsverständnis entwickelt hat. Die bloss abbildende Tätigkeit des Denkens hat dabei eine derartige Intensität angenommen, dass unkritisch sich selber gegenüber sogar geistige Prozesse anscheinend nicht mehr anders als abbildend wahrgenommen werden können, mit der Konsequenz eines nahezu durchgehenden materialistischen Weltverständnisses.

Es scheint mir in dieser über alle Grenzen hinaus betriebenen Denkbemühung längst nicht mehr um die Abgrenzung von Subjektivität und Objektivität, was den wissenschaftlichen Blick auf die Ergebnisse des Denkens hin betrifft zu gehen, sondern um einen krampfhaft verdeckten Selbstausschluss der Kraftgestalt des Denkens innerhalb eigener innerer Erfahrungsmöglichkeiten schlechthin.

Ich und Welt erleben sich per paradigmatischer Festlegung als getrennt. Ich? Sagte ich nicht, Ich ist nicht, wenn es nicht in fliessender Bewegung, als in Bewegung auftretende Erfahrung erlebend gegenwärtig werden kann. Das aber ist die Schwierigkeit für ein abbildendes Verstandesdenken. Es hat die Verbindung zur schaffenden Bewegung in sich verloren, mit anderen Worten, die Kraftgestalt, aus der im ursprünglich aristotelischen Sinne das Denken hervor zu gehen hat, ist dem inneren Blickfeld entschwunden. Dieser Umstand aber ruft das Abgrund Erleben von immer mehr Menschen in der heutigen Zeit hervor. Die selbst geschaffene Dualität im Verhältnis zur Welt muss aus sich heraus dynamisiert werde.

Das mit diesem dualen Wirklichkeitsverständnis erworbene Selbstbewusstsein und daraus resultierend die Möglichkeit zur fortlaufenden Selbstbestimmung hat ihren Preis in einer immer offenkundiger zu Tage tretenden Angst, sprich einem fast pandemisch um sich greifenden Sicherheitsbedürfnis auf beinahe allen Ebenen des Seins. Der Mensch stürzt ins Nichts, erlebt sich in einer immer tiefer um sich greifenden Leere, die er durch alle nur erdenklichen Ablenkungen zu unterlaufen, von sich zu weisen sucht. Seine grösste Angst ist es dabei den Boden unter seinen Füssen und damit im Bodenlosen sich selber zu verlieren.

Die Schnelligkeit, die im äusseren Leben allenthalben gefordert und forciert wird, ist, tiefer betrachtet, ein Hinweis auf die notwendig zu entwickelnde Wachheit für im Inneren eigentätig zu gestaltende und fortlaufend tiefer zu erfahrende Bewegungen. Schwimmen lernen in geistigen Prozessen ist angesagt. Dort aber wo das abbildende Denken unterschwellig immer noch als Massstab für ein sich selbst ordnend im Denken Einfinden Können angesehen wird, ist der Sprung über diesen inneren Abgrund hinweg ein immer wieder auf ein Neues sich bemerkbar machendes und zu verdrängendes Ärgernis eigene Entwicklung nur selbstverantwortlich in die Hand nehmen zu können.

Ich in Bewegung zu erfahren scheint in der Tat für ein zur Gänze in die Abstraktion geratenes Denken unmöglich zu sein. Dennoch ist die Abstraktion ein nicht zu überspringender höchst bedeutsamer Schritt in der Entwicklung zu selbstbestimmtem Denken, führt sie den Menschen doch an eine einzigartige Grenze heran, an eine Grenze, die, so der denkende Mensch sich eine innere Anschauung von seinem Tun des Grenzganges verschafft, eindrücklich zum Erleben bringen kann, dass an dieser Grenze im eigentlichen Sinne überhaupt kein Abgrund vorhanden ist.

Die Abstraktion ist ein unendlich weites Feld und was in dumpfem Erleben hier einen Abgrund vorgaukelt, das ist genauer besehen der in Kraftlosigkeit hinein zusammenbrechende Ausdruck eigenen Denkens, ist Ausdruck von Muskelkater in Bezug auf die eigenen Möglichkeiten denken zu können. Die innere Spannkraft fehlt das Feld der Abstraktion in seiner verschleierten Imateralität zu durchdringen. Bildhaft gesprochen liegt der Abstraktion ein Denken im Glashaus zu Grunde. Das der Abstraktion innewohnende Wesenhafte kann nicht erfasst werden, weil dem Denken die Kraft dazu abhanden gekommen ist und Wege diese Kraft aufs Neue zu erwerben zwar vorhanden, aber allem Anschein nach als Quellgrund für ein weitreichendes forschendes Tätigwerden Können noch nicht ernsthaft genug begangen und erkundet worden sind.

Es mag verwundern, wenn hier gesagt wird, dass die Überwindung oder besser gesagt ein lebensvolles Durchdringen der Abstraktion nur über eine innere Neuausrichtung von Ich und Du im sozialen Raum möglich werden kann. Aus dem einfachen Grunde heraus, weil Gleiches nur durch Gleiches, Wesenhaftes also nur durch Wesenhaftes erkannt wird. Gelingt es das Wesenhafte im sozialen Raum sich erneut lebendig vor Augen zu führen, dann wird es auch möglich werden die Abstraktion in der Wissenschaft aufzubrechen, sie auszurichten auf einen Paradigmenwechsel in der Anschauung immaterieller geistiger Realitäten.

Was als Kraftgestalt hinter dem aristotelischen Denken liegt und was Aristoteles einstmals in seinen Dialogen, soweit sie noch erhalten sind, allem Anschein nach zum Ausdruck gebracht hat, das gilt es im Dialog zwischen Ich und Du erneut an das Licht des Tages, ins Bewusstsein herauf zu heben, wenn die über weite Ereignisfelder hin reichende gegenwärtige Bewusstseinskrise überwunden werden soll. Das Ego als ein Ergebnis dual ausgerichteten Wirklichkeit Verstehens will dynamisiert werden.

Dass ein vertieftes Verständnis, ein Durchschauen der dem Ego zugrunde liegenden Bewegungsdynamik für die Erweiterung des gegenwärtigen Wissenschaftsverständnisses in Richtung auf eine noch zu entwickelnde naturwissenschaftssysthematische Erforschung geistiger Realitäten von entscheidender Bedeutung sein könnte, das kann einem jeden einsichtig werden, der sich auf ein Erkunden der Bewegungsdynamiken innerhalb des Ich Du Prozesses über längere Zeit einlassen mag. Dass damit auf keinen leichten Weg verwiesen wird, das kann nicht verschwiegen werden. Bewusstseinsklarheit zu erringen, ganz gleich auf welchem Arbeitsfeld, das ist noch zu keiner Zeit eine einfache Aufgabe gewesen.

Ein Gewinn, den das abbildende Verstandesdenken in Bezug auf das heutige Wirklichkeitsverständnis gebracht hat, ist aber nicht hoch genug zu bewerten, nämlich ein damit einher gehendes Selbstbewusstsein des Menschen als Basis eines der Möglichkeit nach immer weiter um sich greifen könnenden Freiheitsbewusstseins. Dass an dieses Selbstbewusstsein nicht wenige auch leidvolle Erfahrungen von Verstrickungen in Ego Mustern innerhalb des eigenen sozialen Umgangs eingebunden sein können, das wird ein jeder Zeitgenosse auf seine ganz eigene Weise bestätigen können. Für den Fortgang der Bewusstseinsentwicklung ist das Ego aber nicht zu überwinden, sondern in seiner inneren Bewegungsdynamik anschauend zu verstehen. Kann doch bei genauerem Hinsehen das Ego verstanden werden als die Samenkapsel, aus der durch eine entwickelte Eigentätigkeit das Ich bewegt in Bewegung mehr und mehr in Erscheinung treten kann.

Die Abstraktion ist das Ergebnis eines auf sich bezogenen Ego zentrierten Denkens. Diesem Denken ist das Erleben der eigenen Kraft im Denken entglitten. Denken wird nicht als eine eigene Kraftbewegung erfahren und noch weniger als eine aus einem inneren Blicken hervor gehende Tätigkeit. Erwacht innerhalb dieser blickenden Tätigkeit das Bewusstsein für ein in fliessender Bewegung sich ausdrückendes Ich, dann keimt in der blickenden Tätigkeit zeitgleich ein Lichtprozess auf, der das Feld der Abstraktion mehr und mehr gleichsam aus einer Erstarrung wie aufweckt und den Blick öffnet auf ein Reich wesenschaffend zu einander in Beziehung stehender Wesenheiten.

Für mutige Wegsucher auf dem inneren Feld des Denkens wird damit auf ein weites Forschungsfeld verwiesen, das ein jeder nur Kraft eigenen Entschlusses betreten kann. Wahrheit kann nur dem zu Teil werden, der die Vertiefung eigenen Erfahrens nicht scheut. Keine Institution, kein wie auch immer ausgebildeter Mensch kann mir die Schritte zu Entwicklung einer inneren Eigentätigkeit abnehmen, auf dem sich Erfahrungs- und Forschungsfelder dieser Art eröffnen können und damit Selbstgewissheit in Bezug auf Wahrheit dessen was ist ermöglichen. Der Dialog über alle Grenzen unterschiedlichen Anschauens hinweg, bezüglich dessen, was ein jeder zunächst für wahr halten mag, baut Schwellenängste ab und lässt scheinbare Abgründe verschwinden. Wahrheit ist eine Prozesserfahrung im Dialog.

Bernhard Albrecht Hartmann 25. 06. 2014
Hallo Bernhard,
könntest Du mal Deinen Text auf das in ihm wohnende Prinzip, bzw. die von Dir gemachte Aussage darin (etwas) eindampfen?

Manroe 12.07.2014


Hallo Manroe

Zuerst einmal, ich freue mich sehr, dass Du als erster auf meinen Beitrag einsteigst. Da wir aber auch in der Vergangenheit eine gewisse Geschichte im Umgang auf verschiedenen Foren im Internet miteinander haben, ist es mir ein besonderes Anliegen Dir zu sagen, dass ich Dich mit keiner meiner Aussagen hier und heute und in Zukunft persönlich treffen will, auch dann nicht, wenn ich einmal hart vor dem Wind segelnd mit meinen Aussagen Dir in die Quere kommen sollte. Es geht mir immer um die Sache. Ich schätze deine Art sehr, selbst dann, wenn wir uns in unseren augenblicklichen Auffassungen zu einem Thema immer wieder einmal unterscheiden sollten. Für mich liegt in der Unterscheidung ein grosses Entwicklungspotential, wenn Ich/Du bereit sind sie jeweils innerlich auszuhalten und die Unterscheidung nicht zum Anlass nehmen sich voneinander abzuwenden.

Das Thema „Ich“ ist ein hoch sensibles. Aus meiner Sicht kann es da nicht um Meinungen gehen. Der kristalline Filz, der sich in einem weiten Bogen um dieses Thema auf verschiedenen Ebenen in meinen Augen abzeichnet, er will existentiell bearbeitet sein. Ich muss mich also im Geiste des Sokrates tief innerlich berühren lassen können und mich meinen Ängsten stellen. Denn: Die Frage nach dem Ich ist, wie ich es sehe, eng an die Aussage des Sokrates geknüpft, „ich weiss, dass ich nichts weiss!“

Daraus ergibt sich aber, wie Dir, meinem Sagen folgend, nunmehr bereits selber vielleicht innerlich gedämmert ist, dass ich meinen Beitrag für Dich hier und jetzt nicht „soweit“ eindampfen kann, dass Dir das „in ihm wohnende Prinzip“ damit sichtbar wird.

Wenn Du hier Klarheit weiter suchen willst, dann wird Dir nichts anderes übrig bleiben, als gewissermassen durch die innere Wand: „Ich weiss, dass ich nicht weiss“ hindurch zu gehen, den Schritt hinaus ins Nichts, in die Leere zu wagen. Ich selber bin diesen Weg viele, viele Male gegangen und das Ergebnis ist ein immer tieferes Gewahren eigener Gegenwärtigkeit in Bewegung.

Jede Frage, die Dir wie mir oder anderen Lesern hier bei einem derartigen Bemühen innerlich entstehen mag, sie miteinander ein Stück weit weiter zu bewegen, selbst dann wenn sie sich für einen jeden unterschiedlich weit auflösen mag, sehe ich als einen Gewinn an der Frage nach dem Ich existentiell beobachtend näher zu kommen.

Bernhard Albrecht 13.07.2014





Hallo Bernhard,

...freut mich ebenfalls Dich hier zu sehen und ich hoffe wir kommen bei einem weiteren Versuch etwas besser miteinander aus als so manches andere Mal. Lass es mich gleich zu Anfang kurz aus meiner Sicht beschreiben, warum wir aneinander geraten sind, aus meiner Sicht, natürlich :-). Du hattest immer "nur" so Andeutungen gemacht an entsprechend "heiklen" Stellen und sie dann nicht belichtet, weiter ausgeführt, was, meiner Ansicht, nicht Meinung nach, wenn es um das Ich geht, eben nicht geht. Da stehen sich dann "Auge" und "Auge" gegenüber, im Nullpunkt selbst und ein jeder Ausdruck der nun kommt ist dann im wahrsten Sinne der ent-scheidende, weil dann dem jeweiligen "Null-Ort" entsprechend sich neue Wege und Abzweigungen ergeben, die die jeweilige Schöpfung repräsentieren und aufzeigen, beschreiben, was gerade geschieht. Also frei nach Sokrates, man muss es dann aussprechen, um was es geht. Man schaut gewissermassen im Bilde ausgedrückt, werdenden Verzweigungen beim Auskristallisieren des gefrierenden Atems zu. Und jene "innere Wand" durch die es zu schreiten gälte, trennt ja ab das Reich vor meinem Atemzug von dem des sich auskristallisierenden, in der Überschau umfasse ich beide Seiten. Und ein Gespräch in diesem Sinne sollte im Sinn haben, dass das miteinander Ausgetauschte sich wieder auflöst dadurch, dass man sich gegenseitig gesehen hat, dann werden Kristalle wieder zu frisch belebtem Wasser, das dann in der Lage sein wird, wiederum neue Schöpfungen zu zeigen. Von Atemzug zu Atemzug.

Und, so sehe ich es, was absolut von Wichtigkeit ist, dass aus den in diesem Sinne getätigten Taten keine Lehren oder sonstigen gesetzmässigen Fakten angestrebt oder gar irgendwie ins geistige Erdreich betoniert werden, sondern ein Fluidum schwebend gehalten wird, das anders denn jene Fakten oder sonstigerlei in diesem Sinne wie beratend und ständig mich begleitend mich umhüllt. Keine harten Fakten, sondern transparente Schwingungen.

Manroe 15.07.2014


Im Prozess mit Manroe
"... Da stehen sich dann "Auge" und "Auge" gegenüber, im Nullpunkt selbst ..,"

„Auge“ und „Auge:“ Welches Auge steht da welchem Auge gegenüber, Deines dem Meinen oder schaust Du Auge in Auge mit Dir, Dir selber ins Auge, bist im Begriff Dich eigentätig auf den Punkt der Gegenwärtigkeit mit Dir zu zu bewegen? Sind wir beide bereit in den Augenblicken des einander Begegnen dies aus der bewegt in Bewegung sich bildenden immer neuen Gegenwärtigkeit heraus zu tun?
Wenn ich Deine Aussage hier so befrage, dann trete ich damit an eine aus meiner Sicht heraus ganz entscheidende innere Hürde heran, was das Durchschauen des Kommunikationsprozesses zwischen Ich und Du betrifft. Schwierig, weil hier ja permanent sich alles in Bewegung befindet.

Sich in Bewegung befindet? Will ich prüfen, in wie weit ich in Bezug auf ein mir begegnendes Du hin im Augenblick der Begegnung, also Auge in Auge mit diesem Du meinerseits wirklich in Bewegung mich befinde, also nicht aus einer statisch, dualen Haltung heraus auf das Du und sein aktuelles Sagen hinschaue, dann kann ich das z.B. daran ablesen, ob mir angesichts der Aussage des Du mehr oder weniger schnell ein „Ja Aber“ aufstösst. Im „Ja Aber“ falle ich nämlich sowohl aus dem inneren Anschauen der Aussage des Du heraus, bzw. komme erst gar nicht an deren Kernbereich heran, ich verliere darüber hinaus auch die Augenhöhe zu mir selber, schaue mir selber nicht mehr ins Auge, zumindest nicht mit der notwendigen inneren Wachheit.

Ich sagte ja, alles ist hier in Bewegung und meine Aufmerksamkeit für die vielfältigen Bewegungen kann hier sehr schnell in ihrer Eigentätigkeit durch diese oder jene Nuance des Geschehens ins Flackern geraten, für das Wesentliche erblinden; kann sich einnebeln durch unterbewusste Einflüsse, die sich im konkreten Augenblick noch der eigenen geführten Aufmerksamkeit entziehen, mit der Folge von Irrtümern und Missverständnissen. Das „Ja Aber“ baut innere Wände zwischen einander Begegnenden auf, kehrt die Aufmerksamkeit in mir um auf den eigenen vergangenheitsgeprägten Vorstellungsgehalt über eine bestimmte Sache und erzeugt sehr schnell eine Haltung das jeweilige Du in dieser oder jener Weise vermeintlich korrigieren zu müssen. Es führt ausserdem zu Übertragungseffekten eigener Vorstellungen auf das Du und öffnet damit einem Hick-Hack Tür und Tor, das so viele Diskussionen begleitet und Gespräche sehr, sehr erschwert, wenn nicht sogar verunmöglicht. Wenn Du Dich erinnern willst, dann kannst Du in Deinen eigenen Erlebnisräumen hier gewiss so manche Begebenheit in dieser Richtung ausmachen.

Es ist aus meiner Sicht ein nicht ganz leicht auszumachender Irrtum im Hinschauen auf eine Aussage des Du, Ich könnte in dessen Denkprozess so ohne weiteres einsteigen. Die jeweilige Denkdynamik ist in sich einmalig und kann nicht nachbildend kopiert werden. Noch schärfer ausgedrückt: Dort wo alles so eminent in Bewegung ist (auch in einem mehrheitlich abstrakten Denken lassen sich hinter Schleiern kraftvolle Bewegungen ausmachen und wirken aufeinander) kannst Du „nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen“ (Heraklit).

Wie kommt dann aber Verständigung von Du zu Du zustande? Du kannst nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen, was gleichermassen für den Denkprozess des Du gilt, wie für Deinen eigenen Denkprozess. Kommst Du auf dem Seelengebiet, in dem dies so nach und nach beobachtbar wird, in fortlaufend sich vertiefenden inneren Bewegungen immer mehr voran und kannst Du die Angst in Dir bändigen, bzw. im inneren Gleichgewichtsempfinden immer wieder auflösen, wenn Du einem kleinen Bergbach gleich zwischen Steinen, Gras- und Fels Katerakten in Deinen inneren Bewegungen vorwärts stürzt, auseinander gerissen und zusammen gepresst wirst, dann siehst Du Dich irgendwann wie vor eine innere Wand gestellt, an der nichts mehr weiter zu gehen scheint.

Hier geht im Wortsinne nichts mehr, denn alles, was sich bis an hin in Dir und um Dich bewegt hat, das entpuppt sich als nicht zu Dir gehörig, ist Abbild geprägtes Baugerüst, ist ein auf Dein Ego hin bezogener Ego Wirklichkeitstraum. Verkürzt gesagt, Du bist nicht Es. Es geschieht in Dir und um Dich, aber Du bist Es nicht.

Im inneren Zwiespalt zwischen dem „Tanz der Affen“ in Dir, den Du eigentlich bändigen willst und der Leere, die sich einstellt, wenn sich dies alles als Chimäre entpuppt, als nicht eigentlich zu Dir gehörig, weisst Du nicht, wohin Du Dich nun wenden sollst. Furcht und Angst breiten sich aus, der Boden unter Dir scheint weg zu brechen.

Du - in der Konfrontation mit dem Nichts und in einer gesteigerten inneren Erfahrungsweise mit der Leere. Das Nichts - ein Erlebnisfeld der Verzweiflung des Verstandes, der um seine gewohnten Haltestreben kämpft; die Leere - ein Erlebnisfeld langsam gegenwärtig werdender Bewegungskräfte, deren Tragfähigkeit in der noch Dunkelheit erprobt sein will.

Dies zu verstehen, auf was ich hier gerade hinzudeuten versuche, das ruft ein grosses, ein tiefgreifendes Dilemma mit auf den Plan. Die Begriffe Nichts, Leere und Dunkelheit sind über eine lange Zeit hinweg überlagert worden von einer immer dichter werdenden Patina materialistischer Vorstellungsschichten, so dass an ihre ursprüngliche Gestalt nicht ganz leicht heran zu kommen ist. Hier gewissermassen den Flammenwerfer in Gang zu setzten und alles niederzubrennen auf ein - „ich weis, dass ich nichts weis“ - hin, dazu gehört, konsequent durchgeführt, einiger Mut, denn ich schlage mir im Wortsinne damit unmittelbar und eigenhändig den Boden unter den Füssen weg, auf dem ich vermeintlich stehe.

Wenn ich auf meine Erfahrungen vieler Jahre zurückblicke, dann kann ich nur sagen Unkraut, in Form von Abbildern, also toter, lebensleerer Begriffe oder materialistischer Worthülsen, wächst hier von den verschiedensten Seiten (nicht nur von den oben bezeichneten Begriffen) her immer wieder nach und fordert Dein inneres Beweglich-Werden beständig neu heraus. Entgegen vieler spiritueller Bestrebungen hat der Materialismus bis in vermeintlich spirituelle Begriffe hinein sehr viel mehr seine Anker versenkt, als gemeinhin bemerkt wird.

Ernst genommen hat dies eine grosse individuelle Verantwortung zur Folge. Ich kann mich auf keine Aussage eines anderen Menschen mehr und sei es auch „ein noch so grosser Lehrer“ dauerhaft gleichsam setzten ohne, erwachend zu mehr Eigentätigkeit, diese Aussage bewegt in Bewegung zu prüfen und zu individualisieren, mit eigenen inneren Anschauungen erlebend zu durchdringen. Mit anderen Worten ausgedrückt mich beständig wiederum neu auf den Nullpunkt eigener Gegenwärtigkeit sachbezogen und nicht voreilig rechthaberisch zu zu bewegen.

Du sprichst ja Deinerseits von dem Nullort und der Möglichkeit von dort her einer beständigen Entkristallisation, Verflüssigung im inneren Durchdringen von Begriffen zu zu wachsen, Dich bewegt in Bewegung innerlich transparent in der eigenen Anschauung erfahren zu können in Resonanz mit rein geistigen Lichtschwingungen.

Leicht durch mich verwandelt, wie Du wohl siehst, lächel! Ich hoffe, Du nimmst mir das nicht übel, denn ich hoffe damit mit Dir einen möglichen Weg für weiteres Forschen und Selbsterfahren zu öffnen, für ein Beschreiben des selbst Erfahrenen von unseren jeweiligen Nullpunkten, Nullorten her.

Der Respekt füreinander, auch wenn sich wechselseitig vielleicht einmal nicht eine jede Aussage sogleich erhellen mag, sei der Wächter über unser Bemühen.
Ich grüsse Dich,

Bernhard Albrecht 13.08.2014 



Ein neuer Fadenwurf in einer schwierigen Fragestellung

Warum Du den angefangenen Dialog nicht weiter führst ist Deine Sache Manroe und bedarf keiner Erklärung oder gar einer Rechtfertigung. Wenn ich den Faden jetzt erneut aufgreife, dann tue ich das, weil mich die aufgeworfenen Fragen in Zusammenhang mit Deinem und meinem Sagen weiter beschäftigen. Fühle Dich also nicht genötigt hier mit zu denken. Das Ich spricht, wenn es aus sich heraus und aus nichts anderem als diesem sprechen will. Dies gilt auch für diejenigen Leser, die sich aus einer erweiterten Runde heraus für das bisher hier Gesagte lesend interessiert haben.

Ich lade alle Leser, die als „Ich“ hier sprechen wollen zum „Dialog“ ein. Denn das „Ich“ kann sich seiner selbst nur im Dialog gewahr werden, erfährt Belichtung dadurch, dass es das Wagnis eingeht sich sprechend zu zeigen.

Das Ich ist keine abstrakte Grösse, die gewissermassen auf einem Seziertisch in einem quasi Nullort Vakuum unter einem Mikroskop analysiert werden könnte. Das Ich ist eine Bewegungsentität, ist eine Kraftgestalt und kann demgemäss also nur in Bewegung, in bewegter Selbstbefragung überhaupt zu einer inneren Anschauung seiner selbst gelangen, zu einer Erfahrung in Bewegung werden.

Das Ich lässt sich mit Vorstellungen, gleich welcher Art, nicht einfangen oder abstrakt auch nur annähernd verstehen. Es ist eine einzigartige Kraftgrösse. Als diese kann es in einer Persönlichkeit langsam aufwachen, indem sich der Keimzustand des Ich, wie er in einem Kind von etwa drei Jahren erstmals sich zu regen beginnt in vielfältigen Du - Erfahrungen immer wieder aufs Neue spiegelt, in der Nährlösung dieser Erfahrungen innerlich reift und in Folge mehr und mehr seiner selbst gewahr werdend, in ein Eigenerfahren hinein wächst.

Von einem gewissen Augenblick an schaut das Ich seinem eigenen Auskristallisieren zu. Und diese Erfahrung ist im Anfang so erschütternd, weil Verantwortung einfordernd, dass ein keimend erwachendes Ich sich immer wieder hinter seiner Ego Schürze zu verstecken geneigt ist. Solange, bis die Erfahrung eigener Kraft gross genug ist, dass sie sich auch ungeschützt zeigen kann. In seiner tieferen Potenz ist das Ich nämlich unverletzbar. Dahin allerdings gelangen und in Erfahrungen innerlich stabil bleiben zu können ist ein sehr schweres Unterfangen.

Das Ich in seinem Werden zu schützen ist von da her der tiefere Grund für das Gebot: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Diese Würde zu schützen dafür braucht es den Respekt. Im Reden und Ringen um Klärung in dieser oder jener vielleicht tiefen Erkenntnisfrage ist dem Respekt die oberste Wächter Funktion zugewiesen.

In meinen Augen zeigt sich die Stärke eines Ich in seiner Fähigkeit zum Respekt über alle Grenzen hinweg.

Bernhard Albrecht, 04.04.2015

Mittwoch, 18. März 2015

"Cogito ergo sum" - "Ich denke also bin ich" (noch nicht) ...

"Welches Glück, wenn man mit dem Bewusstseinszustand den man gerade erreicht hat, etwas anfangen kann. www.egoistenblog.blogspot.de Wir sind die Sklaven der Vergangenheit
Dienstag, 10. März 2015 um 17:32:00 MEZ)

Für mich stellt sich im tieferen Hinlauschen auf diese Aussage die weitere Frage: Wann bin ich innerlich gegenwärtig in einem Bewusstseinszustand, in dem etwas gleichsam so zu mir spricht, dass ich damit etwas anfangen kann, sich mir eine Orientierung ergibt, ich mit der eigenen denkenden Prozessgebärde auf ein Sagen aus der Welt hin meinen inneren und äußeren Weg sinnvoll fortsetzen kann? Wann?

Zum eigenen Überprüfen will ich dazu das Folgende sagen. Ich kann mich einem derartigen Zustand, einer dahin gehenden inneren Verfasstheit aus meinem Erfahren schrittweise dann annähern, insoweit ich bereit bin mich mit meinen "eigenen Texten" textkritisch auseinander zu setzen, sie textkritisch unter die Lupe zu nehmen, zum Beispiel dahingehend wie eigenständig diese Texte, die ich tagtäglich in erheblichem Umfang denkend produziere von mir auch nur angemessen durchdacht sind und werden oder wieviele Einschüsse von anderen Denkern ich in "meinem sogenannten eigenständigen Denken" da unbemerkt mitschleife, ohne auch nur daran zu denken die Quellen auszuweisen, bzw. überhaupt für sie ein Bewusstsein zu entwickeln.

Und auch dieses ist mir nach wie vor lohnenswert innerhalb der eigenen Erfahrungswelt von Textentstehungen in innerem Gleichgewicht einer Betrachtung zu unterziehen: Die Textgeschichte der eigenen Textprodukte. Wie hat sich mein Denken durch meine Textprodukte hindurch, mehr oder minder blinde Adaptionen überwindend, entwickelt, verwandelt und möglicherweise metamorphosiert? Nicht nur bei Rudolf Steiner ist eine Textgeschichte nachweisbar, sie könnte zur Standart Erfahrung einer jeden 
Individualität gehören, so ich darauf nur hinschauen will.

In einem weiteren Schritt könnte sodann, sofern ich wirklich kritisch "in erster Linie mit meinen denkend selbst erschaffenen Texten" Umgang gepflegt habe die innere Dynamisierung von eigenen Textelementen, Textsentenzen folgen, was meinem Erfahren nach in ganz natürlicher Weise zu einem Hineinwachsen in die seelische Beobachtung führt. Dass dies kein einfacher Weg ist, das kann schon nach wenigen Versuchen in dieser Richtung durchaus sichtbar werden. Diesen Schritt ernsthaft in Betracht zu ziehen scheint mir aber notwendig  zu sein im Hinblick auf meine Ausgangsfrage oben.

Textkritik im Sinne gegenwärtiger wissenschaftlicher Usancen haftet zunächst etwas Abstraktes an. Einfach aus dem Grund, weil ich mit Texten umgehe, deren begriffsbildende Ursprungsdynamik mir fremd ist, so ich ehrlich zu mir selbst bin und, weil ich nicht Hervorbringer dieser Gedanken war und bin. Mit Ideogenetik und der Ausforschung der Entwicklungsgeschichte eines Textkorpus kann ich mich ein Stück weit dem mir fremden Denken annähern. Ich kann über das mir fremde Denken denken, ich kann es aber nicht eins zu eins als dieses andere Denken denken.

Um hier weiter zu kommen scheint "mir" nur der eine Weg offen zu stehen, mich individuell verantwortungsvoll mit meinem eigenen Denken, den eigenen Vorstellungsbildungsprozessen entschiedener auseinander zu setzen. Verschaffe ich mir hier Zugang zu einem gewissen Bewusstsein, dann kann ich aus meiner Erfahrung heraus auch fremdes Denken mir nach und nach tiefer zu einem Verständnis bringen. Das stösst auf, ich weiss.

Ich bin auf meinem Weg inzwischen zu der Auffassung gelangt, was so nicht einfach übernommen werden kann, sondern jeweils individuell überprüft werden muss, dass abweichend von der Aussage René Decartes: "cogito ergo sum" ("ich denke, also bin ich"), ich eigentlich noch nicht bin, weil ich zwar denke, denkend aber keinen Anschluss an die Quelle meines Denkens, kein Bewusstsein von der Prozess gestaltenden Kraft meines Denkens in mir habe. Dahin zu gelangen ist ein schwieriges Unterfangen und hat mit den Vorstellungsüberlagerungen zu tun, in die ich gewohnheitsmässig solange hinein laufe, wie ich mir selber denkend nicht als ein Fremder gegenüber trete. Ich bewege mich durch Abbilder der sogenannten Wirklichkeit hindurch, abstrakt ..., nicht lebendig; verstandesklar, jedoch nicht im Bewusstsein der schöpferischen Kraftgestalt, die in meinem Denken schlummert. Diese Kraftgestalt gilt es aus meiner Sicht aufzufinden, wenn ich Glück empfinden will mit dem Bewusstseinszustand, den ich gerade erreicht habe.

Glück ist eine besondere Erfahrung von Freiheit, sie ist mit einer Empfindung von innerer Losgelöstheit verbunden. Losgelöst von was? Losgelöst von einer Sicht z.B. auf bestimmte Belange meines Alltags, in die ich mich kurz vor der Erfahrung dieses Glücksmomentes noch verfangen gesehen hatte, ohne Aussicht auf eine befreiende Sicht innerhalb dieses meines gegenwärtigen Alltags. Vorstellungen können wie Klebefallen an mir hängen. Werden sie auf die eine oder andere Weise von mir oder einem anderen in meiner unmittelbaren Umgebung in einem unvorhersehbaren Zeitmoment aufgebrochen, kann dies Glücksmomente auslösen.

Bilden solche Vorstellung Klebefallen aber die Hintergrundstrahlung von Auseinandersetzungen,  wie gegenwärtig um die Herausgabe der SKA durch Christian Clement, dann kann das zu   unüberwindlich erscheinenden Trennlinien führen, die dem Schutz, wie auch einer zeitgerechten Vertretung und Weiterentwicklung des Werkes von Rudolf Steiner abträglich sind.

Ich habe sehr überlegt im Hinblick auf den gegenwärtigen Prozess der Auseinandersetzung um die SKA den Begriff der Vorstellungsklebefalle hier eingeführt. Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass, auf welcher Seite ich in einer Auseinandersetzung auch stehen mag immer Vorstellungsverklebungen die sachliche Verständigung behindern oder gar verhindern. Insofern ist höchste Achtsamkeit geboten und keine Seite kann für sich auch nur leise in Anspruch nehmen, sie sei von der Möglichkeit einer Verfilzung in solche Zusammenhänge weit entfernt, weil ja die Anderen in dieser oder jener Weise unmöglich argumentieren würden. Wer so meint denken zu können, der hat sich aus meiner Erfahrung heraus noch nicht nahe genug an "seine individuelle Schwellensituationen" in diesem raum-zeitlichen Zusammenhang heran bewegt. Mag er sich auch noch so sehr nur für eine Randfigur in einem derartigen Auseinandersetzungsprozess halten, jenseits möglicher Hauptlinien ist auch er mitverantwortlich vernetzt und damit schmerzlich betroffen gewissermassen seinen inneren Überwindungspunkt seelisch beobachtend ausfindig zu machen und in der Konsequenz einer derartigen Beobachtung aufzulösen.

Abschließend stellen sich mir aus der seelischen Beobachtung zwei dynamische Begriffsstränge vor Augen und das sind die sogenannte kalte Abstraktion, wie ihr entgegengesetzt wirkend die heisse Abstraktion in der individuellen Denkbewegung, die je spezifische Vorstellungsklebefallen vor sich herschieben. Mondenhaft stellen sich diese Klebefallendynamiken in unterschiedlichen Schattenausdrucksformen vor die sich anbietenden Möglichkeiten zu einem Ichausdruck. Aus dem Ringen um dynamische Gleichgewichtsfindung innerhalb meiner seelischen Beobachtungen wird so immer wieder eine selbstverantwortete Manifestation dynamisch tatsächlicher Art, also eine lebendig vom Herzen her getragene Wertschätzung gegenüber gerade auch anders denkenden Menschen unterlaufen.

Die uralte Frage: "was wirret Dir," beinhaltet die Frage eigener Willensumkehr und damit Willenserweckung über das "cogito ergo sum" im bisanhin standardisierten Verständnis hinaus. "Ich denke, also bin ich," wird aus meiner Sicht erst dort voll wirksam, wo das Ich, die Abstraktion überschreitend, aus der seelischen Beobachtung heraus im Willen erwachend in seine Selbstverantwortung gegenüber dem Weltprozess aktiv hinein wächst.

Ich weiss, dass ich mit diesem Sagen ein hoch sensibles Feld betrete, mit der Folge damit auch einen Sturm im Wasserglas auslösen zu können. Deshalb will ich hier noch anmerken, dass diese Gedankengänge lediglich meine Art der Verarbeitung tiefer Betroffenheiten in zahlreichen still verfolgten Dialogen im Zusammenhang mit der Herausgabe der SKA darstellt. Ich, (wir?) stehen vor einer Pforte des Herzensmutes. ...

© Bernhard Albrecht Hartmann, 18.03.2015





Samstag, 31. Januar 2015

Von der Herausforderung "Freies Geistesleben" zu leben

Weitere Anmerkungen zur Auseinandersetzung um die Steiner Kritische Ausgabe auf: www.egoistenblog.blogspot.de

Was suche ich, wenn ich bemüht bin mit einem anderen Menschen in ein Gespräch einzutreten, wenn ich mich an einer Diskussion beteilige? Was suche ich?
Diese Frage scheint auf ein Erstes hin widersinnig zu sein und sie ist es auch, denn das was "Ich" suche steht nicht unmittelbar in meinem Fokus, wenn ich in die Teilhabe an einem Gespräch eintrete. Im Vordergrund steht eine Anmerkung, die mir wichtig ist zu einem vorausgehenden Beitrag zu machen. Es geht also um Mitteilung meiner Weltsicht auf ein zuvor von einer anderen Person Angemerktes.
Mitteilung.
Wie schnell aber kann eine solche Mitteilung ganz leise eine Korrektur oder auch eine latent wirkende Behauptung mit enthalten, der Andere sei einem Irrtum verfallen oder seine Sicht auf den Sachzusammenhang sei einfach nur falsch. Steht es mir zu darüber zu befinden, auch nur leise, unausgesprochen ganz bei mir, ob die Sicht eines Anderen in einer Diskussion falsch ist, wenn mir gleichzeitig die lebensvolle Ausgestaltung eines "Freien Geisteslebens" wichtig ist?
Freies Geistesleben.
Muss ich mich im Sinne eines freien geistigen Austausches unter Menschen nicht eines jeglichen Urteils über andere Menschen enthalten? Denn, wirkt nicht das Unausgesprochene, das so nebenbei unbemerkt Beigepackte in einem Gespräch mit, trägt dazu bei über Gelingen oder Misslingen eines Gespräches? Und umgekehrt: Hat nicht auch die vorschnelle, auch die stille Abwehr eines nicht unmittelbar Beteiligten einer Mitteilung in einer Diskussion möglicherweise stärkere Folgewirkungen auf den weiteren Verlauf des Gespräches? Ob es ausufert oder verhärtet?
Abwehr.
Kann ich in mir eine Abwehr gegenüber einem in einem Gespräch Mitgeteilten ausmachen, in welchem Verhältnis stehe ich dann in mir zu einem wirkungsvoll in Erscheinung treten wollenden "Freien Geistesleben?"
Damit komme ich zurück auf die eingangs gestellte Frage, was suche ich, wenn ...? Suche ich vielleicht über meinen vordergründigen Drang zur Selbstmitteilung hinaus die Selbstbegegnung mit mir? Und wenn dem so sein sollte, was hat dann Abwehrverhalten gegenüber dem Sagen eines anderen Menschen mit meiner möglichen (Nicht)Bereitschaft zur Selbstbegegnung zu tun. Abwehr und (Nicht)Erwachen am anderen Menschen? Abwehr und selbstverzehrende Sehnsucht nach Freiheit? Abwehr und vielleicht sogar (unterschwellig missionarischer) Überzeugungsdrang anderen Menschen gegenüber, weil ich ja weiss, wie es richtig ist? Abwehr und Kopf schüttelndes Verhalten gegenüber, wie ich es vielleicht bezeichnen möchte, befremdlichem  sich Ausdrücken? Abwehr gegenüber dem Fremden im Anderen schlechthin?
Was ist also vorrangig zu löschen bevor in dieser Hinsicht ein ordnender Eingriff von aussen zu erwägen ist? Es sind meine vorschnellen Urteile über einen anderen, diesen bestimmten anderen Menschen. Alle Vorstellungen sind einer kritischen Sichtung zu unterziehen. Was bedeutet Selbstbegegnung auf einen Nullpunkt hin, innerhalb dessen ich mich fortschreitend immer weniger auf ein Aussen als Referenz für mein weiteres Tun und Sagen werde abstützen können. Freiheit in innerer Haltung zu leben ist ein schwieriges Unterfangen, ein beständiges Wagnis und ...
Sokrates modern! Freiheit ist nicht zu haben ohne sich mit dem Gift in der eigenen Unterwelt zu konfrontieren.

Ein neuer Anlauf und weiter reichende Zusammenhänge?
Geht es in der Abwehr der SKA als einer Unternehmung von Christian Clement möglicherweise gar nicht in erster Linie um eine Abwehr dieses Unternehmens, das dem Vorhaben nach kritisch geführt sein will?
Geht es vielleicht eher um die unterschwellige Furcht vieler randständig oder direkter auf dieses Unternehmen hin ausgerichteter Menschen dadurch zu sich selber in ein kritischeres Verhältnis unabwendbar und verstärkt eintreten zu müssen?
Geht es um die Herausforderung der seelischen Beobachtung als einer Schulung in kritischer Selbstbeobachtung von Phänomenen eigener seelisch - geistiger Bewusstseinsprozesse, geht es darum diese anzunehmen und mit den daraus sich ergebendn Konsequenzen zu leben, was aus meiner Sicht und beschränkten Erfahrung heraus alles andere als leicht ist?

Dritter Anlauf, nunmehr im engeren Sinne zur philosophischen Biographie von Rudolf Steiner.
Emanuel Kant äussert sich einmal dahingehend, dass es vor seiner "Kritik der reinen Vernunft" gar keine Philosophie gegeben habe. Eckart Förster widmet dieser Behauptung und einer weiteren Behauptung von Hegel, dass die Philosophie mit dem Jahre 1806 ende, ein bemerkenswertes Buch.
Eckart Förster - Die 25 Jahre der Philosophie - 2. Auflage 2012, Vittorio Klostermann GmbH,  Frankfurt am Main - Rote Reihe, ISBN 978-3-465-04166-5
Ich habe nun gerade erst damit begonnen mich mit diesem Buch tiefer auseinander zu setzen, habe aber an verschiedenen Stellen immer wieder fragend innegehalten, unter anderem an dieser ganz am Anfang des Buches. Kant schreibt in einem Brief an seinen ehemaligen Schüler Marcus Herz, dass er sich gestehen musste,

"dass mir noch etwas wesentliches mangle, welches ich bey meinen langen metaphysischen Untersuchungen, sowie andre, aus der Acht gelassen hatte und welches in der That den Schlüssel zu dem ganzen Geheimnisse, der bis dahin sich selbst noch verborgenen Metaphys:, ausmacht. Ich frug mich nämlich selbst: auf welchem Grunde beruht die Beziehung desjenigen, was man in uns Vorstellung nennt, auf den Gegenstand?" 
Förster, Seite 13, Absatz 2.

Dies lesend habe ich mich gefragt,

hat Rudolf Steiner mit seiner Philosophie der Freiheit nicht über die grossartige Leistung der abstrakt konkreten Herausarbeitung der kritischen Vernunft durch Emanuel Kant hinaus gehend einer zukünftig noch vertiefter zu erarbeitenden kritischen Phänomenologie des Denkens als Bewusstseinsprozess eine erste Spur gelegt?
Diese Frage will ich als eine aus meiner Sicht eminent wichtige Forschungsfrage in die Runde stellen.

© baH, 29.01. 2015

Sonntag, 25. Januar 2015

Weil ich ja weiss, wie es richtig ist!

... Weil ich ja weiss, wie es richtig ist! ... Weil ich ja weiss ...
Beginnt nicht genau da, in unserer vielleicht allzu schnellen Positionierung, in einer (sehr leisen, zunächst kaum zu identifizierenden) Überheblichkeit schon das, was wir dann oft nach langen schmerzvollen Umwegen als Irrtum erkennen müssen?
Wie wäre es stattdessen damit: Nichts ist ungewisser als die Gewissheit. Wenn ich damit jetzt nicht den alles zersetzen könnenden Zweifel ins Feld führen, sondern nur anregen möchte in die Haltung der Gewissheit ein kleines Zögern gleichsam zu implantieren, ganz im Stillen es mir zu Gewohnheit werden lasse ein kleines Türchen offen zu halten, dass es auch anders sein könnte. Was verändert sich dadurch in mir, ganz leise? ...
Ich entwickle ein Haltung der Ehrfurcht hin auf ganz andere Möglichkeiten, wie es auch noch sein könnte.
Und im weiteren Verlauf dieses Weges, wo gelange ich hin, wenn ich lange genug in diese Richtung voran geschritten bin? Wenn sich eine Ehrfurcht an die andere zu reihen begonnen hat, wenn ich vielleicht auch zu einem Menschen aufschauen durfte, der aus meiner Sicht so viel mehr zu wissen scheint, als ich? Was dann, wenn sich das Freiheitsempfinden, der Drang es zum Ausdruck zu bringen immer stärker in mir zu regen beginnt, was dann?
Nach dem Hin- und Aufschauen in vielerlei Ehrfurchten werde ich dem ersten Anschein nach vor ein dunkles Tor geführt. Nach dem Hin- und Aufschauen, was ja auch einem von mir Wegschauen entspricht, einem nach Aussen Schauen, werde ich ganz auf mich zurück geworfen und erfahre, dass ich im Grunde
"weiss, dass ich nicht weiss (Sokrates)".  

Diese Art von Erfahrung, nach vielen lichtvollen Ehrfurcht Ausblicken und Ehrfurcht Aufblicken ist nicht leicht zu verdauen. Sich in einem gewissen Sinne wieder lösen von einer derartigen Erfahrungsweise fällt schwer. Aber sie ist notwendig, wenn ich Freiheitsfähigkeit aktivieren will, wenn ich nicht nur von der Notwendigkeit der Freiheit rede, sondern sie eigenständig auf die Füsse stelle.

Hier habe ich gestern „den Stift“ niedergelegt und kann aus aktuellem Anlass meine Gedanken nicht in der Weise fortsetzen, wie ich sie gestern noch vor Augen hatte.

Wie aktiviere ich nach den Tagen von: „Je suis Charlie“ Freiheitsfähigkeit? Bin ich in der Solidarisierung für „Charlie“ schon „Charlie per se“ mit all seinem Mut, seiner Risikobereitschaft stündlich mein Leben aufs Spiel zu setzen für die Freiheit des Wortes?

Wenn ich weiss, wie es richtig ist! ... stehe ich ich da unter Umständen, wenn ich mich hier  nur tiefer gehender beobachten will, nicht sehr, sehr nahe jenem Sandwirbel, aus dem ein Tornado entsteht, eine terroristische Bewegungsdynamik in mir, in der ich einige wenige Sandkörner zu einer weiter umgreifenden Bewegungsdynamik in der Welt unversehens beitrage? Solches, wenn ich es denn als einen kleinen Stolperstein in mir überhaupt wahrnehmen will, derartig untergründiges Ereignen schiebe ich natürlich schnell zur Seite, verlagere es in die Welt hinaus, um mich sodann, mit den fremdgesteuerten Folgen einer terroristischen Schreckenstat aus der Distanz zur keimhaft möglichen eigenen Mittäterschaft zu solidarisieren.
Mich bestürzt dieser Ausblick zutiefst und ich erlebe in mir, dass ich genau in diesem Augenblick jener oben bereits angesprochenen Erfahrung:

„dass ich weiss, dass ich nicht weiss“

noch um einiges, was die damit verbundene existentielle Intensität betrifft, näher gerückt bin. Ich stehe dem Feuer speienden Drachen aussen, wie innen gegenüber.
Resignation, Entsetzen, Zorn, um sich Schlagen, Depression und vieles mehr, was an dieser Erfahrungsschwelle in mir auftreten mag, dies alles in ein waches anschauendes Gleichgewicht in mir gebracht, wohin führt mich das? Gibt es überhaupt Sinn in dieser Richtung zu denken?

Um das wissen zu können, muss ich bereit sein über den Zustand des inneren Gleichgewichtes hinaus in die Stille einzugehen, muss ich bereit sein für die Erfahrung, im Bodenlosen Fuss fassen zu können. Durch was?
Durch den „guten Willen,“ der mich, von innen heraus wie neu belebend, mir nach und nach immer deutlicher zuwächst! Das Zünglein für Veränderung in der Welt bin ich und niemand anderes sonst! Bewegung ganz aus dem eigenen Kern heraus und durch nichts anderes als das.
Was zeichnet den guten Willen aus? Eine Erfahrung, die aus der Welt, in der wir uns bis anhin fest verankert fühlen nicht möglich zu sein scheint, dass es anders als wir sein könnten, welche die Urteile über die Welt und andere Menschen bilden. Eben aus einer dualen Weltsicht heraus.
Mit der tatsächlich existentiellen Erfahrung, „dass ich weiss, dass ich nicht weiss,“ verlagert sich die Möglichkeit dieser dualen Weltsicht gleitend oder mitunter auch ruckartig in eine nonduale Betrachtungsweise der Welt, das heisst, die Dinge und Menschen erklären sich durch sich selbst und das Ergebnis dieser sich aus sich selbst erklärenden Dynamik unterscheidet sich nicht selten sehr von meinen vorausgehenden Urteilen.

© baH, 11.01.2015

Selbstgeburt

Zum Beitrag von Burghard Schild: "Aus durchwachter Nacht" vom 17.1.2015 auf www.egoistenblog.blogspot.de eine Fortsetzung unter einem etwas anderen Gesichtspunkt.

Selbstgeburt voranzubringen ist, das Küken zeigt es uns, ein Weg durch Härten hindurch. Das Ei will aufgepickt, die zunächst kleine Öffnung erweitert werden, damit das Küken seinen Weg ins Leben hinaus finden kann.
Versetze ich mich in die Lage des Küken, dann entwickelt das Küken an der harten Eischale die Intention diese zu durchdringen. Alle Kraft wird gebündelt, um das Tor zum Leben hin zu öffnen. Zum Leben hin ...
Was aber ist Leben? Für das Küken ist Leben mit Nahrung verbunden, denn der Vorrat an Nahrung im Ei geht mit seinem Heranwachsen dem Ende zu. Deshalb verwendet das Küken alle Kraft darauf aus dem Ei schlüpfen zu können, um neue Nahrungsquellen zu erschliessen.

Wie aber sieht nun Selbstgeburt beim Menschen aus. Gibt es da Ähnlichkeiten auf dem Weg ins Leben hinaus? Dabei habe ich nicht die Geburt eines Kindes aus dem mütterlichen Schoss im Auge, sondern jene zweite Geburt des Menschen, seine Geistgeburt.
Geistgeburt, ein Weg der Selbstgeburt aus einer höher dimensionalen Erfahrung des sich in einem Ei eingeschlossen Empfinden. Selbstgeburt als ein Prozessgeschehen seinen individuellen Freiheitsweg aus sich heraus zu entfalten.
Was aber sind die Mittel dazu? Das Küken fokussiert, von dem Verlangen nach Selbsterhaltung getrieben, seine ganze Kraft in seinem Schnabel, um die Härte der Eischale aufzubrechen. Der Mensch sieht sich in seinem Seelenleben einer Vielzahl von Vorstellungen gegenüber gestellt, deren Härten zu durchdringen sind.
Härte!
Die Härte oder auch Notwendigkeit, vor die sich der Mensch hier gestellt sieht, ist die nur sehr langsam wachsende Einsicht, dass er sich in einem Geflecht von Abbildern verfangen hat, die er für Wirklichkeit hält, die ihn aber letztlich nicht befriedigen und seine Sehnsucht nach Leben nur noch mehr antreiben.
Leben, ein Prozessgeschehen aus der Liebe zum Handeln.
Liebe zu welchem Handeln? Die seelische Beobachtung kann Dir die Antwort darauf geben, sofern Du ihr ein inneres Freigehege überlässt, in dem Selbstgewissheiten aus den Vorstellungen, die zunächst Deine Welt sind, heranreifen können. Heranreifen dann, wenn Du die Vorstellungen, die Du Dir bildest nicht missbrauchst, um damit Urteile über andere Menschen zum Ausdruck zu bringen, sondern um Dich an diesen Vorstellungen zu erinnern wer Du selber bist. Es ist leichter über gewisse Vorstellungen einem anderen Menschen so dies und das anzuheften, als sich in diesen Vorstellungen, in der Art wie Du sie bildest, was Du einschliesst, was Du ausschliesst, sich selber zu erblicken.
In seinem Spätwerk spricht Rudolf Steiner davon Geisterinnern zu üben, in seinem Frühwerk beschreibt er wie Du über die seelische Beobachtung Deinen Weg zu eben diesem Geisterinnern finden kannst.
Ohne Selbsterkenntnis, die aus dem Geisterinnern hervorgehen kann, lässt sich kein wirklich nachhaltig förderlicher Umgang unter den Menschen begründen, lassen sich gegenwärtige soziale Ordnungen, wo auch immer heute auf der Welt, nicht im Sinne von gelebtem Respekt vor der Würde jedweden anderen Menschen geistgemäss umgestalten. Das stösst hart auf, hart auf auch für mich, der ich dies jetzt schreibe.
Selbstgeburt voranzubringen ist kein Spaziergang. Vor der österlichen Auferstehung ist der Durchgang durch den Hades, die Todeswelt eigener Vorstellungen zu bewältigen, immer wieder und mit jedem weiteren Male vertiefter ...
Das scheint mir das zu sein, was Rudolf Steiner vorgelebt hat. Der Vogel Phönix will auf dem Weg über die seelische Beobachtung zum Fliegen gelangen.

baH, 24.01.2015