Freitag, 22. September 2023

Die oft übersehene Frage neben der "GOTT IST TOT" Aussage: "Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" (1)

Diese in der finstersten Stunde des Lebens - unmittelbar vor dem Tod gestellte Frage - was bedeutet sie existentiell für den Menschen heute? Aus der Sicht von Jesus am Kreuz ist Gott nicht tot, er fragt ihn vielmehr: „Warum hast Du mich verlassen?“ Im dunkelsten Augenblick des Lebens die Frage: Warum hast du mich verlassen? Was drückt sich darin menschlich aus. 

Losgelöst aus dem Bisher und GANZ ALLEINE AUF SICH GESTELLT die Frage „Warum?“ Losgelöst von Allem im Nichts stehend die Frage „Warum?“ 

Verlassen und allein auf sich gestellt - in Stille eingebettet - die Frage ohne Antwort. 

Verlassen, aufrecht, keine Antwort. 

Keine Antwort - die Herausforderung im Nichts die Antwort ganz allein auf sich gestellt selbständig finden zu müssen? 

Im Angesicht des Todes in die Freiheit entlassen selbst zu entscheiden, was zu tun ist? 

Verlassen ohne Wegweisung und damit aufgefordert die Verantwortung zu übernehmen für das, was nunmehr zu tun ist?

Der Mensch Jesus öffnet über diese Aussage die mögliche Anteilnahme und damit den von Innen her existentiell denkenden Nachvollzug seiner ausserordentlichen „ERFAHRUNG.“ Der Erfahrung ganz und gar ALLEIN AUF SICH GESTELLT ZU SEIN. Eine Erfahrung an die von unserer intellektuellen Grundhaltung her heute nicht so ohne weiteres unmittelbar herangetreten werde kann. Denn unsere Erlebnisweise ist in der Regel zu sehr abstrakt denkend kontaminiert, sodass eine auch nur annähernde Erfahrung dieser Art nicht so einfach zu machen ist. Es bedeutet in meinen Augen einen längeren bis langen Weg  der Auseinandersetzung mit seinen inneren Denk- und Erlebensabläufen, ein ernstes Ringen um die DURCHGEHENDE REDLICHKEIT innerhalb eigener Denk- wie gleicherweise Erlebens- Prozessabläufe.

Verlassen sein von Gott, was bedeutet dies also für mein Denken, wenn Gott für mich nicht mehr denkbar und noch weniger erlebbar ist. Was bedeutet es für die Art und Weise wie ich mit meinem Denken innerlich umgehe? Impliziert dies nicht die fragende Auseinandersetzung damit, was ist das Denken über abstrakte Annahmen (2) hinaus, was ist das Denken an sich. Gibt es eine Erfahrungsebene für das Denken jenseits des abstrakten Umgangs mit ihm?

Sokrates spricht zu seiner Zeit indirekt viel über das Loslassen, das stets von neuem zu übende fragende Loslassen, das dem „ich weiss, dass ich nicht weiss“ tiefer betrachtet eigentlich zugrunde liegt. Loslassen und die Befindlichkeit des Verlassen-Sein korrespondieren auf diesem inneren Erlebnisfeld wechselseitig in individuell unterschiedlich aufeinander bezogenen Dynamiken miteinander.  Sie stellen gewissermassen die seelischen Gärsubstanzen auf dem sich bildenden Bewusstseinsfeld einer tatsächlichen ERFAHRUNG von dem was Denken an sich ist dar. Mit ihnen ist die stets präsente Herausforderung Klarheit zu schaffen wie gleichzeitig das permanente Gefahrenmoment für Umstände verbunden, die mir den Grund unter meinen Füssen solange immer wieder von neuem wegziehen, bis ich einen sich stabilisierenden Einsitz innerhalb mich innerlich tragender Bewegungsgeschehnisse einnehmen kann, der mich meine Denkvorgänge aufmerksam führen lässt.

Wenn ich auf Sokrates mit den Bewusstseinsaugen von heute hinschaue, dann verhält er sich gegenüber seinen Schülern wie ein Tanzlehrer. Er zieht ihnen den Boden immer wieder wie unter ihren Füssen weg und ermuntert sie zu einem weiter und tiefer fragenden inneren Bewegen der damit sich mehr auf den Grund des Tatsächlichen hin sich ausrichtenden Fragen. Sokrates gibt seinen Schülern die Gelegenheit ihren Weg auf das hin zu finden, was der letzte Grund alles Fragens ist, was das Denken an sich ist. Sokrates ist damit ein Vorläufer im Heraufführen der Individualität. Der Geburt der Individualität und mit ihr einhergehend der tatsächlichen Erfahrung von Freiheit. Denn im Standhalten gegenüber der Furcht gegenüber dem totalen Verlassen-Sein angesichts der Frage, dass Gott tot sein könnte, geht etwas von der Substanz des Gott-Schöpferischen auf den Menschen über. Seine schöpferische Mitverantwortung für den gesamtschöpferischen Weltprozess erwacht.

Die Gott ist tot Aussage ist von daher eine existentiell letztlich nicht weiter führende Aussage, eine Aussage die sich in abstrakten Denkräumen verheddert und am Ende den Menschen dort stranden lässt. Die ausserordentliche Verlassenheit-Erfahrung des Jesus weisst hingegen urbildlich auf die zu erringende grundlegend menschliche Erfahrung hin was das Denken an sich ist und welche Verantwortung dem Menschen zukommt wenn er über den abstrakten Horizont bisherigen formgebundenen Denkens hinaus schreitet und sich fragend in dem einfindet, was das Denken an sich ist. Der Quell-Brunnen des Ich.

© Bernhard Albrecht Hartmann, 22.09.2023

(1)  https://www.bibel-online.net/text/luther_1912/matthaeus/27/ Vers 46    

       https://www.bibel-online.net/buch/luther_1912/markus/15/                              Vers 34

(2)  https://ich-quelle.blogspot.com/2021/02/aufrecht-stehen-im-n-ich-ts-2.html 

Sonntag, 17. September 2023

GOTT IST TOT. - Ein überarbeiteter Facebook Kommentar

Gott ist tot. Wem kann ich es angesichts einer solchen Aussage verdenken, dass er sich in unserer gegenwärtig so hoch explosiven Weltlage eine wie auch immer übergreifend lenkende letzte Instanz herbei sehnt. Sicherheit ist nun einmal ein nicht so leicht aufzugebender Faktor. Wer hält seine Hand über mich wenn metaphysische, bzw. rationale Denkstrukturen (ganz ehrlich ins Auge genommen) mich nicht mehr tragen?                                                                                                                                                 

Mich beschäftigt in diesem Zusammenhang seit geraumer Zeit die Frage, was ist das Denken an sich? Habe ich eine innere gegenwärtige Erfahrung von dem was Denken ist wenn ich denke? Denn Kant folgend ist ja alles nur auf Erfahrung hin begründbar. Was bedeutet es von daher - ohne gegenwärtige Erfahrung auf mein Denken hin -  in welcher Wirklichkeit lebe ich dann?                                                                                                                                   

Ist unser gegenwärtig allgemein geübtes abstraktes Denken tatsächlich erfahrungsbasiert wie wir uns dies allzu gerne glauben machen wollen? Abstraktion als notwendige nicht zu hintergehende Sicherheit für ein in sich begrifflich logisch abgesichertes Wirklichkeitsverständnis? Logik und Logos? Ist die Logik zum Sargnagel eines ursprünglich lebendigen Logos Verständnisses (unfreiwillig) mutiert? Ist, weil die notwendige Entwicklung nun einmal so ist wie sie ist, ist Gott deshalb tot? Haben wir ihn vermittels unseres abstrakten Denkens eigenhändig zu Tode getragen?                                

Im Sinne des Sokrates noch mehr auf den Grund, auf die existentielle Basis, "dass ich weiss, dass ich nicht weiss" gefragt, gibt es eine zeitgemässe, eine säkulare Möglichkeit unser bisheriges Gottesverständnis verwandelt neu zu beleben? Für mich müsste das bei der Frage ansetzten, was ist Denken erfahrungsbasiert an sich? Weiss ich das oder weiss ich das nicht. Ist Denken als Erfahrung vielleicht gerade wegen der so weit  entwickelten Rationalität das am wenigsten erforschte Gebiet unseres gegenwärtigen Geisteslebens? ... 

Dies ernst nehmend steht da ein jeder tatsächlich denkende Mensch nicht vor seinem Durchgang durch das Nichts? ... Ich sehe das so. … Wenn das so ist, dann stehen wir vor der individuell zu bewältigenden Tatsache Furchtlosigkeit im existentiellen Durchgang durch das Nichts zu entwickeln.

© Bernhard Albrecht Hartmann, 18.09.2023

Montag, 11. September 2023

„Ich bin der volle Kreis meiner Macht …“(1)

Dieses Titelmotto, auf Facebook vor einigen Tagen entdeckt, regt mich zu einem Selbstgespräch an …und darüber hinaus zu einem offenen Brief an (den), (die) (noch) unbekannte(n) Freund(in). Aus Respekt und zum Schutz dieses Menschen eliminiere ich jedoch alle direkten Hinweise auf seine Identität.

Ich bin … der volle Kreis … der Macht. Welch ein Steckbrief als Topos vor das eigene Account Bild gesetzt! Was für eine intuitive Rückverbindung zum eigenen Wesenskern drückt sich darin aus gerade dieses Motto auszuwählen. Eine Intuition, die gleich einer Sternschnuppe Dir in den Schoss fiel. Mit einem Mut in die Welt hinein ausgesprochen, der, wie mir scheint vor sich selbst noch nicht wirklich erwacht ist und der sich deshalb auch schnell wieder verbirgt, um nicht zu sagen versteckt. Offenheit scheu erprobt.

Junge Menschen tun dies und erproben sich sich dabei auf ihre ganz eigene Weise - Erfahrung suchend. Der Weg ins Leben hinein - eine zick-zack Spurensuche. Wer bin ich … und was ist möglich durch mein individuelles Tun auszudrücken. Die Rückbesinnung und Reflexion auf mein Tun, seine Wirkung auf andere wie auf mich selbst geschieht eher später, oft auch erst Jahre danach und kann auf dem Weg sich selber zu finden in Bezug auf Erlebtes auch ein Leben lang immer wieder neue Fragehorizonte eröffnen. Im Rückblick auf mein eigenes Leben kann ich heute die Bedeutung des Fragen, des immer tiefer fragenden Ausforschen von Lebensbegebenheiten nicht hoch genug veranschlagen. Das Fragen im Sinne von Sokrates bis an die existentielle Basis des „ich weiss, dass ich nicht weiss“ … und über sie hinweg. Was wortwörtlich gemeint einen Gang durch das Nichts bedeutet.

Das Nichts … im Sinne des Begriffsgebrauchs durch Emanuel Kant ein Abstraktum. Füge ich jedoch diesem Nicht(s) ein „an sich“ hinzu, dann steht vor meinem inneren Auge die Frage: Was ist das Nichts an sich? „Was ist das N (ich) ts an s (ich)?“ Hier erinnere ich mich des Schlusssteins von Kants Transzendental-Philosophie, die in der Aussage gipfelt, was ist „das Ding an sich?“ Was ist das Ding, das Nichts an sich?

Was ist … das  „N  ich  ts  an  s  ich?“ Ein Satz der zweimal das „ich“… in sich trägt. Zwei mal. Versuche ich in meiner inneren Zusammenschau diesem Umstand näher zu treten, so stehe ich vor einer doppelten Frage, die ich anschauend so umschreiben könnte, was ist der Kern des Nichts und was bin ich als das scheinbare Gegenüber dieses Ding, dieses Nichts „wer bin ich an sich?“ (2)

Im Umgang mit dem Steckbrief Deines Facebook Account wer bin ich, wer bist Du, der Du geneigt scheinst Dich leicht vom Leben zurückzuziehen? Du schreibst: „Ich bin der volle Kreis meiner Macht, die Gott erschaffen …“ Hhm? Im Sinne von Kant (auf die Spitze getrieben) erschaffen aus einem Abstraktum, den Inhalten einer alternden Theologie hervorgehend? Wirklich? Kann das in der gegenwärtigen Zeiten-Wende-Zeit noch angehen die Wirklichkeit so zu sehen? Oder bedeutet es eher „sein Bett in die Hand zunehmen,“ sich bei der Hand zu nehmen und in die Welt hinauszutreten? Bedeutet es im Erfahren der Welt sich selber Schritt für Schritt tiefer zu ergreifen, ichmächtiger aufzutreten und damit das Nichts durchdringend den vollen Kreis der Macht einzunehmen, den mein Ich in sich birgt? Bedeutet es nach manchen Lebensherausforderungen im vollen Kreis der Macht heimisch werdend der Welt die selbstlos gereifte Ich-Kraft einzuverleiben?

Du hast meinen Account angeklickt und für einen kleinen Moment Deinen Account geöffnet, nur einen kleinen Augenblick offen gehalten … Was willst Du, wie willst du Dein Ich aus dem Verborgenen heraus entwickeln? Welches Sein willst Du durch Dein Ich zum Ausdruck bringen? Das Ich ist nämlich kein Ego Bezugspunkt, was tiefer betrachtet nur ein verborgenes Abstraktum wäre, ein vom Leben abgekoppeltes  N ich t  Ich.  Ein Sammelsurium inneren Vermeinens über angebliche Wirklichkeiten … ohne letztlich nachhaltig aufbauende Kraftwirkung für das Gemeinwohl. Im grösseren Weltzusammenhang hat das Ego einzig und allein die Aufgabe dem Ich Gebärmutter zu sein und darf/kann das Ich von daher nicht bleibend binden. Die überbordenden Kräfte des Ego zeigen sich mehr als deutlich in den gegenwärtigen Weltverhältnissen im Grossen, wie in Hashtag Ereignissen im Internet in aller Hässlichkeit nicht weniger bestürzend im Kleinen. Ich Kräfte sind über die Welt hin auch in vielfarbigen Nuancen da. Nur: Sind sie untereinander in wechselseitigem Respekt auch genügend vernetzt und kommunizieren über alle unterschiedlichen Auffassungsgrenzen hinaus offen miteinander? Du und ich können die Nation … in der wir leben nicht retten. Denn ideale Vorstellungen wie das vonstatten gehen könne gab es durch die Zeiten bis heute schon viele. Selbst so grosse Denker wie Platon sind bereits daran gescheitert. Mit seinen Ideen vom idealen Staat nach Syrakus reisend musste er bei seiner 5. Reise dorthin am Ende fliehen. Die Häscher des Tyrann von Syrakus waren ihm so nahe gekommen, dass er Syrakus buchstäblich im letzten Moment zu Schiff gerade noch verlassen konnte. Aber verändern? Ja, sofern jeder Einzelne verstärkt die Kraft seines Ich aktivieren will und den vollen Kreis der Macht, die in ihm schlummert mit seiner Kraft durchdringt! … Das ist die Substanz die letztlich weltverändernd wirken kann. … Worte eines alten Mannes, der ein Leben lang mit wachen Ohren junge Menschen still begleitete.

Möge Mut zur eigenen Veränderung Dich zu jeder Zeit aufrichten und Dich bewegt in Bewegung weiter auf Deinem Weg voranschreiten lassen. Ich grüsse Dich, Bernhard Albrecht


(1)   https://www.facebook.com/profile.php?id=100080989894088 

(2)   https://ich-quelle.blogspot.com/2021/02/aufrecht-stehen-im-n-ich-ts-teil-1.html 

       https://ich-quelle.blogspot.com/2021/02/aufrecht-stehen-im-n-ich-ts-2.html 

(3)   siehe hier einige lose herausgegriffenen 

       Beispiele aus meinem neben https://ich-quelle.blogspot.ch

       zweiten Internet Blog https://wege-der-befreiung.blogspot.ch 

        https://wege-der-befreiung.blogspot.com/2023/06/ur-bewegung.html 

       https://wege-der-befreiung.blogspot.com/2017/01/zeitlos-die-zeit.html 

       https://wege-der-befreiung.blogspot.com/2017/02/vom-grund-her.html 

       https://wege-der-befreiung.blogspot.com/2017/02/eintreten-in-die-zeit.html 

       https://wege-der-befreiung.blogspot.com/2023/02/nicht-gefesselt.html 


                                              Butscha


Der Tod liegt offen auf der Strasse,

lauert hinter Hecken,

springt Dich schmerzlich

aus den Gesichtern der Anwohner an.


Entsetzt beklagen wir ihn,

doch die Tragik, die darin aufscheint

ist sehr viel grösser 

weil Butscha schon lange

vor seiner Zeit in unseren Herzen lebte.

Denn auf verdunkelten inneren Wegen,

gut getarnt hinter Büschen liegend,

haben wir mit Mörser Munition

auf allzu viele geschossen, 

die nicht unserer Meinung waren.


Wir alle haben hinterhältig

gemordet und vergewaltigt -

unsere Zeigefinger müssten von daher

in Kälte gefrostet abfallen,

wenn sie auf russische Soldaten deuten …


Denn unsere Toten verwesen im Nirgendwo,

weil Metanoia sie bis anhin nicht umarmt.


© baH, 24.10.2022

https://wege-der-befreiung.blogspot.com/2022/10/butscha.html 

Montag, 4. September 2023

Post-prometheischer Umgang mit dem Feuer - Die Eröffnung des dynamischen Frageraums

Peter Sloterdijk spricht in seinem neuen Buch: „Die Reue des Prometheus …“(1) in Bezug auf den Menschen von einem „Kollektiv von Brandstiftern.“ Rudolf Steiner erinnert in seinem Werk immer wieder an die Notwendigkeit, dass alle Vorstellungen im Hinblick auf die neue Zeit „verbrannt“ werde müssten. Zwei Protagonisten die von unterschiedlichen Blickpunkten aus einen neuen Umgang mit dem Feuerprinzip eindringlich anmahnen.

Vorstellungen tragen ganz gleich in welcher Hinsicht ein ungemein starkes Beharren auf die in ihnen sich abbildende Sichtweise in sich. Sie verändern sich aus sich selbst heraus nicht, wenn nicht Einsicht sie neue Wege leitet, Einsicht gegründet in einem mehr oder weniger tief reichenden Erkenntnisverhalten und der daran sich anschliessenden individuellen Erlebnisweise. Einsichten, die von aussen Veränderungen im menschlichen Verhalten anstossen, im Extremfall den Menschen auch aufnötigen und Einsichten, die in Erkenntnisarbeit zu einer inneren Umkehr und damit individuellen Verantwortungsübernahme führen.

Verantwortung gebiert sich aus Fragen, Fragen nach den tieferen Wirkzusammenhängen in denen ich lebe, Fragen nach dem Grund auf dem ich stehe und von dem ich mein Gehen in die Welt hinein bestimme - selbst bestimme. Fragen nach den Indikatoren in meinem Leben, die mich daran hindern weiterzuschreiten, mit wachsender Aufmerksamkeit dann aber auch von Augenblick zu Augenblick fortschreiten lassen. Fragen, welche zu Erfahrungen führen, die mich in meinem Erleben aufmerksam geführter Selbstbestimmung am Ende so mancher Tage bestärken. Fragen, die in Zeiten des Scheitern meiner vorwärtshaltig ausgerichteten Bemühungen mich umkehren und neu beginnen lassen, Fragen, die ein letztgültiges Einknicken nicht zulassen, sondern mich zu jedem Zeitpunkt wieder aufstehen lassen. Das Fragen also als das Lebenselement, das meine Individualisierung voranbringt, was heisst mich in Tateinheit nachhaltig freiheitsfähig in der Welt stehen lässt.

Dieses Fragen hat wohl als Erster Sokrates öffentlich auf die Strasse gebracht und war damit den selbsternannten Mysterien Wächtern seiner Zeit von Anfang an ein Dorn im Auge. Fragen und hinterfragen ist also gefährlich, das muss ein jeder wissen, der (auch heute) den Weg des Sokrates gehen will, denn dieser Weg führt konsequent gegangen in die Urtiefe möglicher Erfahrung von Freiheit hinein - von Freiheit, die den Tod einschliesst und gleichzeitig überwindet. Sokrates hat Aug in Auge mit den Mysterien Wächtern den Giftbecher genommen und ausgetrunken. Er hat ihn ausgetrunken obwohl er hätte fliehen können. Denn in seinen Augen war und ist Freiheit bis heute ein Menschengut für das in jeder nur denkbaren Weise (ob im Verborgenen oder offen) eingestanden werden muss, will ich die eigene Lebensessenz nicht verraten. Denn Verrat ist in den Augen von Dante Alighieri die einzig wirkliche Sünde. 

Die einzige wirkliche Sünde: Die Sünde, die nicht dafür geeignet ist, dass sie vor religiösen Autoritäten einfach so zu beichten wäre, sondern weil einem jeden Menschen tagtäglich widerfahrend nur selbstverantwortlich von ihm her bereinigt werden kann. Es ist die Sünde des masslosen Anhaften, des nicht über sich Hinaus-Schreiten Können. Es ist die Treulosigkeit gegenüber sich selbst. Denn Treue manifestiert sich in fortlaufend innerer Bewegung. 

Das Ich sprengt den Käfig des Ego und darinnen alle, selbst die vor sich selbst verborgen gehaltenen, nicht aufgelösten Ängste. Das Ich muss keine Art von Angeleuchtet-Werden fürchten. Es ist, weil in sich licht, zu Metanoia fähig. Peter Sloterdijk und Rudolf Steiner sind vor der heutigen Weltlage  beide in einzigartiger Weise echte Behüter des Feuers und damit Willensträger. Sie beleuchten ohne zu blenden.

© Bernhard Albrecht Hartmann, 04.09.2023

(1)  Peter Sloterdijk - Die Reue des Prometheus - Von der Gabe des Feuers          

      zur globalen Brandstiftung, Suhrkamp Verlag Sonderdruck 2023

Samstag, 2. September 2023

„… und vor allem diese Ruhe im schwarzen Loch - ein Gedicht" (1)

Je länger ich die Titel-Aussage seelisch beobachtend mir vor Augen stelle, um sie sachlich zu inneren Anschauung zu bringen, desto mehr stosse ich an einer leisen Empfindungsqualität an, die in dieser Aussage hintergründig wie begleitend mitzuschwingen scheint. Es ist die Faszination. Die Faszination als Begleiterscheinung im meditativen Erleben. Etwas, das mir in verschiedenen anderen Zusammenhängen anlässlich des Umgangs mit eigenen meditativen Erfahrungen, bzw. Ansätzen zu einem „geistigem Forschen“ und dessen Verständnis wiederholt begegnet ist. Rudolf Steiner setzt in Bezug auf derartige Erscheinungen meinem Verständnis nach unmissverständlich klare Leitlinien. Mit meinen Worten ausgedrückt: Seelische Beobachtungen müssen, um von ihren Aussagen her sich als wissenschaftstauglich ausweisen zu können, bei der Beschreibung ihrer Ergebnisse den fragend naturwissenschaftlichen Duktus durchgehender Sachlichkeit an den Tag legen können. Und der gründet letztendlich in der inneren wachsamen Haltung, „was weiss ich und was weiss ich nicht“. 

Sogenannte „subjektiv“ beglückende Befindlichkeiten haben in meinen Augen hier keinen Platz. Auch objektive Begriffs-Anleihen wie hier z.B. der Begriff Gravitation aus der Erforschung schwarzer Löcher in der Astrophysik scheint mir ohne nähere Erläuterung sachlich nicht zweckdienlich zu sein. Weil: Die eigene meditative Wegbeschreibung in seelischen Beobachtungen durch diese Gravitationsfelder hindurch in meinen Augen sich hier nicht wirklich darstellt. Schon die Aussage: „Ich aktiviere die sogenannten *schwarzen Löcher*“ ist irreführend, weil sie dem Ernst astrophysikalischer Forschung um die schwarzen Löcher nicht Rechnung trägt und die Meditation in die Nähe (?) eines Jumping Ereignis rückt und damit in Misskredit bringt. Wer auch nur einmal in einem physikalischen Versuchslabor sorgfältig abgeschirmte Gravitationsfelder beobachten konnte, der darf sich wohl wundern über eine derartige Ausdrucksweise. Zudem scheint mir mit dieser Vorgehensweise dem ursprünglichen Ansinnen Rudolf Steiners ein geisteswissenschaftliches Forschungsfeld auf naturwissenschaftlicher Grundlage zu entwickeln nicht gerade förderlich begegnet zu werden.

Dennoch will ich um der Sache willen meinerseits versuchen einige hier in meinen Augen zu Tage getretene Lücken etwas aufzuhellen. Ich beginne mit der Frage, ist die „Phänomen“ Beschreibung „schwarzes Loch“ innerhalb der astrophysikalischen Forschung in sich abgeschlossen oder noch weiter offen? Wenn dem so sein sollte, dass sie offen ist, dann muss sich auch eine geisteswissenschaftliche Herangehensweise im Sinne Rudolf Steiners an diesen Phänomen Komplex und den damit verbundenen Begriff als Arbeitsbegriff betrachten. Wird hier vom Aktivieren sogenannter schwarzer Löcher gesprochen, dann ist die eigene Anschauung von dem, was als "schwarzes Loch gesehen wird" und dem was geisteswissenschaftlich hier genau besehen"aktivieren" bedeutet näher zu beschreiben. Der Hinweis auf eigene Schöpfungsprodukte und Schöpfungsobjekte scheint mir sachlich betrachtet nicht ausreichend zu sein.

Seit Emanuel Kant bewegen wir uns hinsichtlich unserer begrifflichen Mittel in einem übergrossen Abstraktionsfeld. Die Begriffe stellen sich uns als reine Formobjekte dar. Eine innere Anschauung von dem, was diesen Abstraktionen als mögliche Erfahrung eigen sein könnte, ist für die sogenannte äussere Wissenschaft nicht geklärt. Eines ist jedenfalls sicher, Emanuel Kant hat in seiner Transzendental-Philosophie dieses Abstraktionsfeld über die Beschreibung des sogenannten Ding an sich hinaus verschlossen gehalten. Die Weiterentwicklung der wissenschaftlichen Methode der seelischen Beobachtung scheint im Nachgang an Rudolf Steiner immer wieder unterlaufen, bzw. diverse Bemühungen in dieser Richtung ins Abseits der öffentlichen Wahrnehmung abgedrängt worden zu sein. Mit Eckhart Förster (2) stehen wir also sowohl seitens der universitären Hochschul-Wissenschaft wie auch der Hochschule für Geisteswissenschaft vor der beiderseits ernsten Zeitenwende Herausforderung auf eine zu vertiefende praktische wie gleichzeitig wissenschaftstaugliche Anschauung des Denken zurückgreifen zu können, was konkret bedeutet: „Ohne den bereitwilligen Versuch, ein solches sich selbst erzeugendes Denken im Sinne Steiners selbst auszubilden, wird sich über dessen Wirklichkeit nichts entscheiden lassen.“

Dieses Denken hat sich in meinen Augen in seinen Aussen- wie ebenso seinen Innenbezügen als durchgehend sachlich darzustellen. Die Weiterentwicklung der wissenschaftlichen Anschauung über das Denken und darüber hinaus des praktischen Verständnisses, wie daraus hervorgehend unseres persönlichen Umgangs damit sind gerade angesichts von immer wieder durchbrechenden Hashtag Ereignissen innerhalb vielfältiger sozialer Bezüge dringend geboten. Ausserdem gebietet es die gegenwärtige mehr als polarisierte Weltlage mit dem Medium des Denkens achtsam umzugehen, weil die diesem unserem Umgang tiefer zugrunde liegende Frage, welchen Einfluss unser aller Denken auf die Gesamtweltlage hat sich mir vor dem allgemeinen Bewusstsein bisher als weitreichend ausgeblendet darstellt. Bewusst verkürzt gesagt: Böse Buben Spiele von Ost nach West und umgekehrt zu verschieben und sich im weitesten Sinne des Wortes daran mehr oder weniger aufgeregt zu beteiligen erscheinen mir kein Ausdruck einer wirklich persönlich übernommenen Verantwortungshaltung innerhalb der gegenwärtigen Weltlage zu sein. Denn der Eigenanteil an der unterschwelligen Innwelt Krise neben der sehr sichtbaren Umweltkrise wird damit nur verdeckt. Die intellektuelle Redlichkeit schläft im Parkhaus.

Umweht mein Sagen damit etwas von der Wesensart der Kassandra und ihren Warnungen an die Trojaner … ? Beileibe nicht, denn schon ein auch nur leiser Versuch des „Aufwecken“ in derartiger Weise würde die besondere Bewusstseinshaltung gegenwärtigen Menschseins nicht nur verfehlen sondern darüber hinaus geradezu korrumpieren. Die tiefere Sachlage spricht nämlich dieses unmissverständlich aus, dass sich ein jeder Mensch in der gegenwärtiger Zeitlage nur völlig eigenständig vor „seinen Spiegel der Wahrheit“ stellen kann. Sich diesbezüglich um irgendwelche Galionsfiguren der spirituellen Vergangenheit oder auch einer ungewissen staatspolitischen Zukunft scharen zu wollen und beschützende Anlehnung oder Führung zu finden, halte ich angesichts der  Zeitlage nicht für zielführend. Denn Bewusstseinsseele kann auf diese Weise in keinen Wirklichkeitszustand versetzt werden und Zeitenwende auslösen. Bewusstseinsseele ist ein Seelenzustand dem Du bildhaft gesprochen nicht folgenlos in die Tasche lügen und noch weniger Dir schön reden kannst. Sprich: Mit Verschwörungsdenken im Gepäck katapultierst Du Dich als Zeitgenosse eigenhändig aus der Zeit, weil Du wesentliche Verantwortungen im Aussen suchst anstatt primär bei Dir und Deinem inneren Umgang mit dem Denken anzusetzen. Eben in Ausübung der seelischen Beobachtung Bewusstseinsseele im Denken zu leben, was heisst selbsterkennend Dich auf Deine eigenen Bewusstseinsseelen-Füsse zu stellen und Deinen Augiasstall aufzuräumen.

Kritik versus Selbsterkenntnis: Ich weis, dass diesem meinem Sagen schnell so dies und das entgegengehalten werden kann. Der heute üblicherweise abstrakte Gebrauch des Denken (nicht  selten auch in spirituellen Zusammenhängen) kann schnell ein Maschinengewehrfeuer der Einwände vom Zaun brechen, um nur ja nicht sich selbsterkennend mit dem eigenen Augiasstall beschäftigen zu müssen. Hierbei genauer da oder dort hinschauen und selbstverantwortlich eigene Illusionsschleier schmerzhaft anheben zu müssen, wer schiebt das nicht immer wieder gerne weiter vor sich her? Nur … ist die Zeitlage heute eine solche, dass das noch „ernsthaft im Modus weiter so“ von statten gehen kann? Muss ich mich nicht vielmehr fragen wohin geht die Substanz meines Denkens, das nicht in erster Linie von Selbsterkenntnis geprägt ist? Setzt ätzende Kritik (selbst in verschleierter Form) „an erster Stelle“ unter Umständen nicht genau jenen Salpeterfunken frei, der im Meer vielschichtiger Gedankenwelten schlussendlich vernetzt einen Supergau (der Spaltung der AAG 1935) auslöst? Weiss ich es oder weiss ich es nicht? WEISS ICH, DASS ICH NICHT WEISS und bin bereit mir dies ohne wenn und aber einzugestehen? Gewiss ist nur, dass es leichter ist jedwede (Mit-)Verantwortung in einem derartigen Fall mit Redensarten wie z.B. dieser: Das habe ich nicht gewusst beiseite geschoben werden kann. Es sei denn ich lasse alle Ego-Ängste zurück und betrete mit Mut Neulande.

Selbsterkenntnis zu suchen und erlebend auszuhalten ist eine schwere Bürde. Sie hat sehr viel mit innerem Gleichgewicht, aber in meinen Augen ganz und gar nichts mit „Ruhe … ein Gedicht,“ eingebettet in eine Art Nirwana-Blase im Ideenwelten-Schnell(?)-Aufzug zu tun. Und steht wohl eher nicht mit einem möglicherweise vor sich selbst innerlich verborgen gehaltenen dialogisierenden Eremiten Dasein über schwarze Löcher hinweg, ohne diese selbsterkennend zu beschreiben, im Einklang? Dazu mit Ernst und Respekt: Bewusstseinsseele beinhaltet in meinen Augen einen schmerzlichen Ich-Geburts-Durchgang für Menschen, die sich für diesen Weg der Selbsterkenntnis entscheiden. In Anlehnung an Platons Dialog vom „Höhlengleichnis“ eine Lebenswanderschaft des Mysterien-Schülers, der nach dem Austritt aus der Höhle im Angesicht der Sonne sich mutig umwendet und seine Schritte zurück in die Höhle wendet, (3) … um auf diesem Wege selbsterkennend zu erfahren, dass er nie wirklich gefesselt war, sondern dass er allein als Folge seiner eigenen Ego-Einflüsterungen sich fort und fort mit immer neuen selbstgefügten Fesseln umgab. Weil das Ego sich entpuppt als die verborgen innere Verhinderungsinstanz, dass Sysiphus an sein Ziel gelangen kann. Denn: Bei dem jederzeit möglichen Eintritt in die geistige Welt sind Ego-Ziele und rückkoppelnde Ego-Sucht Haltungen das wirkliche Problem für das eigene Fortkommen. Ein Fortkommen im Sinne des existentiell „selbsterkennenden“ ICH WEISS, DASS ICH NICHT WEISS. 

Als innere schwarze Löcher kann darüber hinaus in Betracht genommen werden das anhaltende Anhaften an vom Grunde her aufzulösenden Vorstellungen. Da das Ego gewissermassen in das ICH WEIS, DASS ICH NICHT WEIS solange hineinwirkt bis ich mich dynamisch in diesem aufrecht halten kann hat es auf jede nur denkbare Weise ein Interesse daran das innerlich aus dem Tritt geraten herbeizuführen. Oder: Es erzeugt Bilder nach Art einer Fata Morgana, die im ideellen Kleide eine geistige Welt entstehen lassen, die so nicht ist weil sie nicht zureichend meine aus dem Selbsterkennen heraus erwachsene existentiell basierte Erfahrung zum Ausdruck bringt. Diese „alten Vorstellungen,“ von denen Rudolf Steiner spricht, dass sie im Hinblick auf die neue Zeit aufzulösen seien, um die Geisteswelt im Sinne einer naturwissenschaftlich, also in einer nach und nach immer exakter zu beobachtenden Weise zu beschreiben. Das zeitgemässe Christentum fusst zudem nicht mehr auf Glauben sondern auf einem selbsterkennend sich in die Verantwortung stellen im Durchgang durch das Nichts, DAS ICH WEISS, DASS ICH NICHT WEISS, dem Heimat finden in der Stille. Stille als Endpunkt und Anfang zugleich, jener Erfahrung in der alle Vorstellungen in fliessende Bewegung aufgehen … und die die Begegnung mit dem Meister von Emaus ermöglicht … der auf allen menschlichen Wegen immer präsent ist, wo das erkenne dich selbst geübt wird.

ERKENNE DICH SELBST stand in alten Zeiten am Eingang der Mysterienstätten. Für die neue Zeit hat Rudolf Steiner im Zuge der Neubegründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft zu Weinachten 1923 diese Aussage im Hinblick auf ein zu erneuerndes Mysterienwesen neu gefasst. Er hat darüber hinaus mit dieser Neufassung gleichzeitig ein völlig neues Karma-Verständnis den Herzen der Anwesenden zur verantwortungsvoll selbsterkennenden Arbeit untereinander anvertraut. ÜBE  GEISTERINNERN  … GEISTERINNERN durch jedes Wort, das ein DU fortan von den Rändern Deines Schicksalsweges DIR zuspricht. Lerne GEISTERINNERN als Wegöffner begreifen. Lerne durch besonnen freigelegte Selbsterkenntnisse im GEISTERINNERN die eigene Ich durchwirkte Denk-Blick-Kraft erfahren, die ihrerseits neue Mysterien-Wege im Durchgang durch das Nichts öffnet. Was heisst den Weg der Geisteswillenschaft (4) erschliesst, einen Weg, der Gegensätze begreift als wechselseitige Wachstumsfermente, die Herausforderungen in den eigenen Lebensweg implementieren um  Bewusstseinsreifung im Sinne der Geisteswillenschaft herbeizuführen.

100 Jahre sind eine lange Zeit. Wer in dieser Zeit auch nur einmal ein Buch von Rudolf Steiner in Händen gehalten und darin gelesen hat, dem sind Beschreibungen von Ätherleib und Astralleib entgegengetreten. Beschreibungen, die eine Vielzahl von Fragen auslösen können. Fragen wie z.B. diese, kann ich den Ätherleib und den Astralleib bei mir beobachten, bzw. wenn ich mich in einem Gespräch mit einem anderen Menschen befinde, wie interagieren hier unser beider Äther-und Astral- Leiber. Welche Faktoren im Laufe des Gespräches verändern die Befindlichkeit meines und seines Äther- und Astral-Leibes. Wie sind Äther- und Astralleib in Vorstellungen, die wir miteinander teilen, bzw. nicht teilen präsent und wie wirken sie in Streitauseinandersetzungen. Fragen über Fragen. Fragen, die mich dann vielleicht schon einmal behutsamer mit meinem Gegenüber Umgang pflegen lassen. Fragen, die mich nachdenklich stimmen bezüglich meiner eigenen Umgangsweisen. Wenn ich so wenig über eigene Wirkverhältnisse im Umgang mit diesen Aspekten meiner Seele weis, wie kann ich da mein Gegenüber wegen  Aussagen verurteilen, die mir nicht sogleich verständlich sind. Ist er doch einen ganz anderen Lebensweg gegangen, in dessen Verlauf er seinen Äther - und Astral-Leib in einer gänzlich anderen Weise prägte als ich den meinen. Welche sozialen Verwicklungen können wir hier demnach herbeiführen, wenn wir uns zur rechten Zeit innerlich nicht an die Zügel nehmen können, bzw. wenn uns das Ruder aus den Händen läuft und wir uns dennoch an Abstimmungen beteiligen. Milde ausgesprochen, kann uns da nicht ein Schauer über den Rücken hinunterlaufen? Mitverantwortung an sozialen Brüchen werden nicht kleiner, wenn wir wenig über die Wirkverhältnisse unserer eigenen Seele wissen. Denn mehr zu wissen ist, nehmen wir Sokrates nur genügend ernst immer möglich. Wer viele Fragen bewegt, dem reifen diese seine Fragen auch zu ihrer Zeit in Antworten hinein (5) und gebären Geisteswillenschaft im Umgang mit seinen Seelengliedern. Am Ende bleibt nur Bescheidenheit und Mut für einen jeden von uns, mich eingeschlossen. … Ohne Metanoia keine Willensumkehr, keine Bewusstseinsvertiefung und damit Zeitenwende.

© Bernhard Albrecht Hartmann, 02.09.2023

(1)  https://www.facebook.com/profile.php?id=100005333865250 

(2)  SKA 2, frommann-holzboog Verlag Stuttgart-Bad Cannstatt 2016, Vorwort Eckhart Förster XVI

(3)  https://ich-quelle.blogspot.com/2013/12/unter-der-platane-ein-dialog-uber-die_28.html 

(4)  https://ich-quelle.blogspot.com/2022/02/im-gedenken-wilfrid-jaensch-1.html 

(5)  https://ich-quelle.blogspot.com/2015/07/von-der-inneren-umkehr.html, 

      siehe darin eingebettet unter anderem das Gedicht von Rainer Maria Rilke „Was mich bewegt“

Montag, 14. August 2023

"Ich weiss, dass ich nicht weiss" - ein Kommentar

Ein Kommentar zu dem Beitrag von Manfred Röhr: Im Glauben lerne ich zu fragen

https://www.facebook.com/profile.php?id=100005333865250  

Die wohl härteste wie gleicherweise schmerzlichste zu machende Erfahrung … das Erfahren ganz allein auf sich gestellt zu sein … und damit die zu gestaltende Verantwortung anzunehmen, dass ich nur bin, insoweit ich schöpferisch bin - eben rundweg in nicht länger mehr zu umgehender Art und Weise Ich geleitet lebe -  

Wenn ich in diesem Zusammenhang … „redlich“ auf andere Ausdrucks- oder Verhaltensweisen meiner selbst hinschaue so kann ich hier nicht einmal am Rande den Glauben als Trostquelle oder Ähnliches bemühen. Denn genauer betrachtet kann ich erkennen, dass der Glaube in dieser exponierten Selbsterkenntnis Situation mir nicht nur eine wärmende Decke gewähren, sondern zugleich als Nebelkanone wirkend mich in die Lage bringen kann meinen Weg der Selbstverantwortung aktiv nicht weiter zu verfolgen, was heisst existentiell zu vertiefen.

Der Glaube und das „ich weiss, dass ich nicht weiss“ in seiner bis auf den Grund hin gelebten Ausdrucksweise stossen sich gegenseitig ab.

Und genau das ist es was das Handeln, die innere Umkehr aus Selbsterkenntnis heraus im sozialen Raum heute so unattraktiv dastehen lässt. Der existentielle Zeitenwende Feuerprozess, das „ändert eueren Sinn,“ das die moderne Jordan Taufe begleitet wird auf jede nur denkbare Weise zu umgehen gesucht. Es klingt absurd, stellt sich aber im Verlauf des einmal initialisierten Durchschreiten dieses Prozesses als beschämende Tatsache dar, der Egoismus scheut in dieser alleine vor sich selbst zu verantwortenden Entscheidungslage als gleichsam letzten Ausweg nicht davor zurück  s i c h  s e l b s t  r e c h t s  z u  ü b e r h o l e n. Was im Klartext bedeutet, anstatt Freiheit aus sich heraus zu erschaffen wird der Diktatur, bzw. dem eigenen Autoritarismus im Vertreten der eigenen Meinung, blind Vorschub geleistet.

Dass dies möglich ist, das ist in meinen Augen die Folge davon dass neben der gegenwärtigen Umweltkrise die gleichlaufende Innwelt Krise im öffentlichen Bewusstsein nicht in gleicher Weise angekommen ist, noch in individuellen Bewusstseinsgeschehnissen die ihr zukommende Aufmerksamkeit erfahren hat.

© Bernhard Albrecht Hartmann, 14.08.2023 

Montag, 31. Juli 2023

Geh Deinen Weg

Geh Deinen Weg. Leichter gesagt als getan, so mag der eine oder andere angesichts dieser Ansage bei sich denken. Denn: Was ist mein Weg? Ist das der Weg den ich täglich in meinem Alltag mit seinen weitgehend voraussehbaren Arbeitsabläufen durchschreite - strebsam, pflichtbewusst, fürsorglich, führungsstark, mutig usw. - oder liegt „meinem“ Weg eine zu erfragende tiefere Dimension zu Grunde? 

Klappe/Schnitt: „Wer nicht stirbt bevor er stirbt der verdirbt.“ (1) Wie das?

Den eigenen Weg gehen schliesst so betrachtet die Auseinandersetzung mit dem ein was ich nicht selten unbemerkt an Schicksalsgepäck durch  mein Leben quasi mitschleppe, bis ich am Du erwachend erinnere was hier zu bearbeiten, zu verwandeln und aufzulösen ist. Das bedeutet unter anderem sich mit eigenen Illusionen auseinander zu setzen, die jeden Weg auf die ein oder andere Weise, nicht selten auch aufreibend begrenzen. Doch sind es gerade sie, die Illusionen, die mit der inneren Aufdeckung nach und nach mehr in die Spur - des eigenen Weges führen. Kurz gesagt: Ohne Toderfahrung kein eigener Weg. 

Die aktiv herbeigeführte Desillusionierung und der damit verbundene Weg hinein in das Dunkel selbstverantworteter Wegfindung, das Erfahren je eigendynamisch erwirkter Denkerfahrung, über Gedanken Karussell Sensationsfahrten oder seelische Festhalte Prozesse welcher Art auch immer hinaus  als Erntegeschenk im Sinne des Sokrates durchgestandener „ich weiss, dass ich nicht weiss“ Bedrängnisse. Wenn ich wirklich wissen will, was Sache ist, dann ist Desillusionierung ein steiler Weg über Abgründe hinweg. Ein Weg des Loslassens, der schwer fällt, weil von innen her mich so etwas wie eine Fata Morgana umweht ich würde dadurch jeglichen Boden unter meinen Füssen verlieren.

Dem aber ist nicht so. Denn die eigene Erfahrung kann mich lehren, dass dann wenn ich in inneren Seelenprozessen vermeintlich jeden Halt verliere und dem Anschein nach ins Nichts hinein abzustürzen drohe, ich tatsächlich in eine tiefere Krafterfahrung meiner selbst hinein aufwache. In Augenblicken wo Illusionen mehr und mehr zerfallen und ich dies still zulassen kann geschieht nämlich auf der anderen Seite dieses; in meiner Seele greift die Erfahrung erst still und zunächst eher leise, im Laufe der Zeit aber immer gegenwärtiger werdend um sich, dass ich in die Kraft meines eigenen Denkens hinein erwache. Wenn ich also den Tod gewisser Illusionen und mit ihnen den Zerfall von Ego basierten Seelenstrukturen vor Augen in mir durchlaufe, ich tiefer angeschaut mehr und mehr die Auferstehung eines mich allseitig tragenden eigenständigen Denkens erfahre. Ein Denken aus dem ich nicht herausfallen kann - nicht einmal in einer lebensbedrohlichen Krise.

Auf dieses eigenständige Denkerfahren von Freiheit Erleben kann keine Macht der Welt zugreifen. Die Freiheitlichen Grundrechte eines Staatswesens dienen also im Grunde dazu, dass seine Bürger in diesem äusseren Raum die Möglichkeit ergreifen die Freiheit tief innen im eigenen Denken zu entwickeln. Tun sie das der Tendenz nach eher zu wenig und die tiefen Risse, die sich in unseren Sozialsystemen vielerorten gegenwärtig immer deutlicher zeigen lassen die starke Vermutung in dieser Richtung zu, so hat das Auswirkungen auf die allseitig ausgewogene Arbeit der politischen Organe - und den Umgang seiner Bürger untereinander. Der redliche Konsens bleibt in Debatten, Diskussionen und Dialogen auf der Strecke. Der Hashtag, die hartnäckige Unterstellung und beiläufige Verdrehung schieben sich immer unmittelbarer in Auseinandersetzungen nach vorne und das echte Gespräch über ein wechselseitiges durchgehendes Respektieren wird in Stoppstrassen abgedrängt. Die grösste Furcht scheint - ernsthaft sich vor Augen gerückt - die Sille zu sein und von dort her das Annehmen der Tragfähigkeit eigentätig entwickelter Denkkraft.

Quintessenz: Nichts fürchtet heute anscheinend der Mensch mehr als auf eigene Füsse sich gestellt zu sehen und damit in der rundum Selbstverantwortung zurecht finden zu müssen. Das Anhaften an dieser oder jener Lehrpersönlichkeit, bzw. einem dem Anschein nach meisterlichen Guru wird zum tödlichen Fallbeil für die eigenständige spirituelle Entwicklung, welche die Zeichen der Zeit, für den der nicht über diverse Anzeichen hinweg schauen will, heute einfordern. 

Geh Deinen Weg bedeutet somit: Fasse Mut und stell Dich auf Deine eigenen Beine. Das Fragen des Sokrates erweist sich dabei mehr als eine Krücke. Fragen in das „ich weiss, dass ich nicht weiss“  hinein öffnet den Mutigen die Quelle unendlicher schöpferischer Kraft aus dem Nirgendwo. Das Nichts im Durchgang durch das Nirgendwo wandelt sich in der Erfahrung zum Geburtsprozess des Ich. Von den Zargen seiner Ego Anhaftungen befreit findet der Mensch - die eisernen Bande des treuen Johannes sprengend (2) seinen Weg. Der Vogel Phönix fliegt.

© Bernhard Albrecht Hartmann, 31.07.2023

(1)   Angelus Silesius

(2)   Das Märchen vom Froschkönig





 

Freitag, 28. Juli 2023

Michael - heute 2 ... (überarbeitet)

Die Umkehr von wo auch immer wirkkräftig umzusetzen, so schrieb ich am Ende meines vorausgehenden Beitrags. Umkehr: Nicht so ganz leicht, denn diese Wortaussage mit seinem aus meiner Sicht zunächst weitgehend verborgenem inneren Gestalt-Umraum sehe ich im Kreise jener Worte stehen, auf die - wenn überhaupt - nur sehr zögerlich zugegangen wird. Selbsterkenntnis von dort her ist demnach ein schwieriges Unterfangen, denn wer stellt sein eigenes Tun und Sagen schon gerne wirklich grundlegend zur Disposition. Und doch, ohne an die Basis eigener Selbsterkenntnis zu gehen und die Tatvorgänge des eigenen Lebens bereitwillig aus anderen als den bisher eingenommenen Blickwinkeln der inneren Überprüfung unterziehen zu wollen, kann ich damit meinem wirklichen Ich (1) begegnen, ihm existentiell echten individuellen Ausdruck verleihen? 

Ich-Sagen aus in sich gegründeter Verantwortung, mithin der in jeder Hinsicht an den Tag gelegten intellektuellen Redlichkeit (2) in inneren Dialogen denkend, wenn mitunter auch erst nachträglich mehr Raum zu geben, kann dieses überhaupt ohne diese innere Umkehr - Ich-Tat - zu jener Zeitenwende führen, die allseitig wir heute gefordert sind sie einzulösen?

Ist Freiheit und Zeitenwende etwas, das ich dem demokratischen Rechtsstaat gegenüber anmahnen, bzw. sogar ihm gegenüber einfordern kann? Oder: Basieren sie wesentlich auf dem, was ich in Ich-Taten dem sozialen Gefüge dieses Staates als Substanz des Tun von den Orten meiner jeweiligen Verantwortung innerhalb dieses Gefüges her nur aktiv zur Verfügung stellen kann, damit sie über die sozialen Netzwerke zu politischen Beiträgen in echten Zeitenwende Gesetzverfahren sich entwickeln, bzw. der Freiheitlichen Grundordnung dienen können?

Vierter zu prüfender Frage-Umkreis: Kann es sein, dass der im individuellen Umraum, wie auch im sozialen Gefüge verborgen liegende grösste blinde Fleck (3) die Erkenntnis der Notwendigkeit zur eigenen Umkehr aus den zu sprengenden Banden der Selbsterkenntnis ist? Zeitenwende sich eben nicht per Knopfdruck von oben vollzieht, sondern der je eigenen Entscheidung bedarf. Der Entscheidung z.B. nicht länger selbstinduzierten Täuschungen auf den Leim zu gehen und von Naivität in die Knie gedrängt Verschwörungen dort zu sehen, wo sie bei durchgehender redlicher Denkbemühung stichhaltig nicht wirklich ausgemacht werden können. Denn in einer anderen Abfolge zu denken als es mir richtig erscheint ist allein noch kein Verweis auf eine tatsächlich stattfindende Verschwörung. Pointiert gesagt, wenn Fragen nach der Redlichkeit meiner eigenen denkenden Bemühungen sich nicht immer wieder in mir aus seelischen Untergründen da und dort einstellen, dann kann dies so gelesen werden, dass ich der entscheidenden inneren Frage und der von dort her sich entwickelnden Erfahrung - „dass ich weis, dass ich nicht weis“ - existentiell noch nicht tief genug auf den Leib gerückt bin. Wer geneigt ist Verschwörungen innerhalb eigener Denkabläufen in den Vordergrund zu spielen, der hat in meinen Augen allen Grund sich mit der Redlichkeit des eigenen Denkens zu befassen. Zeitenwende fordert nämlich im Sinne des Sokrates dynamisch denkend den Weg durch das Nichts zu gehen und den Giftbecher eigener Ego-Verblendungen mutig zu leeren, anstatt respektlos im eigenen sozialen Umfeld seinen Ego-Müll anderen Menschen vor deren Haustüre zu kippen.

Ich weis, dass diese meine  Ausführungen mit einer gewissen Art zu  denken schnell zu  widerlegen  sind. Hier ist selbstverantwortlich zu prüfen, ob diese Widerlegungsbemühungen wirklich  durchgehend in sich tragfähig sind. Mit  Schnellschüssen ist  eigenes  Unbehagen  leicht  abzudrängen. Für einen  Zeitenwende Beitrag durch mich ist damit genauer besehen nichts getan. Der eigenen Illusion auf die Sprünge helfen ist eben alles andere als ein leichtes Unterfangen, insbesondere dann wenn ich mitbedenke, dass schon Platon zu seiner Zeit der Illusion bezüglich der tatsächlichen Einschätzung des Diktators von Syrakus mächtig  aufsass und diesen Umstand beinahe mit dem Leben bezahlt hätte.

Für Frieden auf die Strasse zu gehen und Pro Russland Fahnen zu schwingen, bzw. als Rechtfertigung dafür Anti-Amerika Haltungen durchgehend vor sich selbst glaubhaft für die eigene innere Haltung bemühen zu können ist eben kein bis an die eigene Existenz reichendes Argument. Der „böse Bube sitzt nämlich nicht irgendwo in Amerika oder im Reiche Putins. Er lauert an allen Orten allein in mir und weis mich in vielfältigen Ego-Fallen davon abzuhalten meinen eigenen Ich-Weg zu gehen. Ohne den Weg eigener innerer Umkehr zu betreten ist Protest jeglicher Art aus meiner Sicht heute nicht mehr als eine illusionäre halbseidene Bemühung. Freiheit will tief von Innen her hervorgebracht sein und kann eben nicht auf Fahnen oder Friedensproklamationen welcher Art auch immer vor sich her getragen werden. 

Das Bild vom Erzengel Michael, auf das ich im ersten Teil dieser Ausführungen zu sprechen kam und der darin zum Ausdruck gelangende stille Hinweis subtile Bereiche der eigenen Existenz  in die Zeiten notwendende innere Umkehr einzubeziehen ist ein geistiger Zeiten-Wende Ruf, ein Ruf zu grundlegender Umkehr, auf die Rudolf Steiner in seiner letzten Ansprache vom 28.09.1924 in strenger Wortwahl den Finger legte. Michal kann von heute her gesehen nicht mehr als eine durchgehend übersinnliche Tatsache aufgefasst werden, denn er hat sich aus meiner Sicht in stiller Weise tief mit dem schöpferischen Kräftebereich eines jeden Menschen verbunden, sprich mit seinem zu entwickelnden dynamischen Denken. 

Ich trage über eine sehr lange Zeit die immer und immer wieder überprüfte Auffassung in mir, dass es entgegen mir bekannter Überlegungen keine Wiederkehr Rudolf Steiners in naiver Fortsetzung seines Tuns von anno dazumal geben kann und wird. Rudolf Steiner hat seinerzeit sein Lehramt unmissverständlich niedergelegt. Von daher gesehen kann es folglich keine Fortsetzung  eines Bemühens selbst in einer verwandelt ähnlichen Weise mehr geben. Wir sind in die selbstverantwortliche Nachfolge aus eigenen zu induzierenden Willensumkehrungen heraus gerufen. Die Spatzen pfeifen es von Washington bis St Petersburg weltweit von den Dächern. Wie lange wollen wir im Hoffnungsoptimismus noch hin warten bis wir uns auf unseren Reitersattel hinaufschwingen, getreu dem Ruf des Johannes "ändert euren Sinn“ und mit unserer eigenen inneren Umkehr vertiefter umgehen, was heisst den Kampf mit dem Drachen in unseren Seelentiefen Zeitenwende bildend aufnehmen? Wer zur Ich-Taten in täglich kleinen Willensumkehrungen nicht bereit ist, den bestraft das Leben. Aufmerksamkeit (4) ist die allseitig umkämpfte Zeitenwende Währung schlechthin.

© Bernhard Albrecht Hartmann, 28.07/01.08.2023

(1) https://ich-quelle.blogspot.com/2018/09/ich-karl-balmer-die-frage-geht-weiter.html    

      https://ich-quelle.blogspot.com/2018/09/fragment-22018_11.html

      https://ich-quelle.blogspot.com/2018/09/die-frage-nach-dem-wirklichen-ich-eine.html  

      https://ich-quelle.blogspot.com/2018/09/die-frage-nach-dem-wirklichen-ich-3teil.html  

      https://ich-quelle.blogspot.com/2018/10/fragment-32018.html  

      https://ich-quelle.blogspot.com/2018/10/die-schmetterlingspuppe-offnen.html  

(2) Das Wort Redlichkeit ist dem Buch von Thomas Metzinger

      Bewusstseinskultur - Spiritualität, intellektuelle Redlichkeit und planetare Krise entlehnt,

      3. Auflage Berlin Verlag in der Piper Verlag GmbH Berlin/München 2023

(3) https://ich-quelle.blogspot.com/2021/01/blinde-flecken-ii.html 

(4) Siehe dazu z.B. Matthew B. Crawford, Die Wiedergewinnung des Wirklichen

      Eine Philosophie des Ichs im Zeitalter der Z rstreuung, Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2016     

Sonntag, 23. Juli 2023

Michael - heute 1 ...

(Unter neuem Titel hier die erneute Veröffentlichung einer Notiz aus dem Jahre 2016)

Seit mittlerweile 45 Jahren begleitet mich innerlich das Bild eines Holzschnitts (des anthroposophischen Malers Gerhard Reisch), das den Erzengel Michael mit seinem Schwert darstellt, wie er dieses sein Schwert mit der Spitze gegen den Boden gekehrt in einer einzigartigen Aufrechte an seiner Seite tragend von einem Hügel der Zerstörung in eine völlig zerstörte Landschaft hinein schaut.

Ich habe dieses Bild im Laufe der Jahre immer und immer wieder betrachtet, bis mir eines schönen Tages klar wurde, dass dieses Schwert leise auf eine vom Betrachter her zu vollziehende innere Umkehr seiner Kräfte weist. 

Das Schwert, das die Zerstörung wie in sich hereinnimmt und in der Gegenbewegung eine heilende Präsenz kraftvoll abstrahlt und der Erzengel Michael Helfer im Vollzug einer derartigen Kräfteumkehr in jedem Betrachter, der durch das Bild an diese Erfahrung herangeführt wird.

Ich überlasse es dem Leser dieser Zeilen sich aus meinen wenigen Andeutungen über das Bild sich dieses imaginativ selber aufzubauen und im Hinschauen auf das Schwert seiner  eigenen inneren Präsenz jene heilende Präsenz-Strahlung einzuarbeiten, die in meinen Augen heute zeitnotwendig ist.

Nachtrag: Eine individuelle Bild - Umsetzung der Worte Rudolf Steiners vom 28.09.1924 durch Gerhard Reisch und zugleich stille Erinnerung die eigene Schwertkraft in kurzschlüssigem Vermeinen über Weggefährten in den Schattenbereichen eigener Wege nicht weiter zu missbrauchen, … die Umkehr von wo auch immer wirkkräftig umzusetzen. 

© Bernhard Albrecht Hartmann, 22.07.2023

Montag, 10. Juli 2023

WindWorte 4

Wer kennt sie nicht die Stunden des bangen Ringen um das innere Auffinden der rechten Spur auf deine allernächsten Ziele hin? Wem hat sich dabei die Einsamkeit nicht schon einmal so bedrückend auf die Brust gelegt, dass seine tragenden Beine dabei einzuknicken drohten? Wer weis nicht um die vielseitigen Schwächen, die Dich hierbei von allen Seiten bestürmen können?

Den Weg des „Erkenne Dich selbst“ in durchgehender Aufmerksamkeit hierbei durchhalten zu können ist eine Unmöglichkeit und … von seinem Grund her auch nicht wirklich gewollt. Denn Selbsterkenntnis ist ein offener Weg der Entwicklung und kein Weg auf ein „endsam“ zu erreichendes Ziel hin. Zielvorgaben sind hier nämlich unterschwellig vielfach verwinkelt Ego kontaminiert.

Das „Erkenne Dich selbst“ kannst Du so gesehen nicht steuern. Selbst kurzfristige kleine Ziele treiben Dich hier irgendwann nur durch Gassen ohne Aussicht auf ihr Ende von einer Ausweglosigkeit in die nächste hinein. Immer neue Kübel selbst erzeugten Mistes schüttest Du dabei über Deinen Körper aus und jagst damit den Stressmodus über das Level „geht nicht mehr“ schlussendlich zum Kamin hinaus.

Selbsterkenntnis kann final nicht erreicht werden. Sie geschieht Dir, sobald Du loslassen kannst, Genügsamkeit lebst im Augenblick. Sie ist ein Augenblick Ereignis gelebter Aufmerksamkeit. Ein Ereignis, dass sich allein im Innehaltenden Anschauen einstellen kann. Selbsterkenntnis stellt sich von dort her dann als die wirkkräftige Tiefen Dimension der Aufmerksamkeit dar.

Erkenne dies und staune. Lächele ... und beginne zu leben, denn Du bist im Augen - Blick, im erlebenden Denken angekommen.

© Bernhard Albrecht Hartmann, 09. Juli 2023

Sonntag, 9. Juli 2023

Schatten Aufmerksamkeit versus Schatten Blindheit

Kann es angehen, dass die sich selbst so benennende „Letzte Generation“ die Peitsche zur Umerziehung der Mehrheit der Menschen einzelner Regionen eines Landes ziehen kann ohne dass dem laut widersprochen wird? 

Was hier geschieht ist in seiner Handlungsweise nämlich in einem Masse von seiner Gesinnung hintergründig autoritär bestimmt, dass es eigentlich jeden Menschen, der in den Bannkreis derartigen „sozialen Umgangs* gerät unter seiner Haut frösteln müsste. Gewiss die Umweltkrise läuft auf einen Kipppunkt zu von dem her unumkehrbar der Katastrophenmodus zum bestimmenden Faktor gesellschaftlicher Lenkungsmassnahmen wird (1). Doch kann damit ein derartiges Vorgehen seine Rechtfertigung finden?

Betrachten wir „das Bild“ auf Hauptverkehrsstrassen festgeklebt sich dem Verkehrsstrom entgegenstellender Menschen einmal unter einer anderen Perspektive etwas näher. Hunderte von Verkehrsteilnehmern werden im Morgenverkehr daran gehindert (genötigt?) rechtzeitig ihre Arbeitsstelle zu erreichen. Ich wage es rundheraus einmal so zu sagen, sie werden geohrfeigt weil sie aus der Sicht der Kleber einfach nicht sehen wollen wie dramatisch sich die Umweltkrise zugespitzt hat. Deshalb sollen sie nach Art gewisser Eltern, die ihren Kindern morgens die wärmende Bettdecke wegziehen um sie zum aufstehen zu bewegen aufgeweckt werden. 

Sehen diese Menschen durchwegs wirklich nicht wie es um die Umwelt bestellt ist? Oder sehen die Kleber in ihrer eigenen Existenzpanik vielleicht Entscheidendes in diesem Zusammenhang nicht?

Der Entwicklung des Menschen liegt eine über Jahrtausende hinweg alte Weisheit zu Grunde. Nämlich die, dass die Menschen zu keinem Zeitpunkt ihrer langen Geschichte durch äussere Maßnahmen zur Umkehr in ihrem Verhalten bewegt werden konnten. Babylon, Alexandria und Rom mussten untergehen ehe sich Neues entwickeln konnte. Denn jede evolutionäre Bewegung hat ihren entscheidenden Keimpunkt in der Selbsterkenntnis einiger weniger Menschen und entwickelte sich von dort her evolutionär in die Breite. Evolution baut also auf der Selbsterkenntnis auf „Du“ allein musst dein Leben ändern bevor in der Breite grössere Veränderungen möglich werden können.

So betrachtet können sich also die Klimakleber auf der Strasse nach aussen bezüglich der Klimaproblematik wach, im Hinblick auf ihre „Innwelt“ Problematik aber blind in ihrem terroristischen Idealismus verklebt und die gehinderten Verkehrsteilnehmer zumindest in Teilen in selbsterzeugtem Zweckoptimismus es werde „irgendwie“ schon weitergehen eingekleistert erfahren. Schatten Aufmerksamkeit versus Schatten Blindheit treiben einander wechselseitig auf den Systemzusammenbruch  zu. 

Kein wie auch immer gearteter Aktionismus, wozu auch der sogenannte politische Realismus gehört, wird daran etwas ändern können. Was allein zählen wird je näher wir auf die Stunde Null hin zu rücken ist Mut. Der Mut von vielen einzelnen Menschen, die ihr Leben von Augenblick zu Augenblick in die Hand zu nehmen wissen und von dorther bereit sind das Mögliche unerschrocken zu tun.

© Bernhard Albrecht Hartmann 09. Juli 2023

(1)  Thomas Metzingerbewusst seins kultur" Spiritualität, intellektuelle Redlichkeit                                                                               und die planetare Krise, Berlin Verlag 3. Auflage 2023, 1. Kapitel


Montag, 26. Juni 2023

In Resonanz

Wann leben wir wirklich in Resonanz mit einem Du, das zu uns spricht? Und mit was kann uns dieses Resonanzfeld verbinden, so wir es in echtem Interesse erschliessen? 

Nun echtes Interesse bedarf der inneren Ruhe und von dort her des sich Herauslösen aus Lebenszusammenhängen in denen ich bis soeben noch gestanden oder mich bewegt habe. Interesse beinhaltet somit etwas wie einen Sitzplatz auf einer Aussichtsplattform einzunehmen, einen befreiten Blick sich zu eröffnen auf Neues, das ich so bisher mir nicht vor Augen gestellt habe. Heraus … lösen, Abstand herstellen. Eben Inter … esse aufbauen. Aussteigen aus der eigenen Sichtweise und den Blick öffnen auf …

Interesse stellt sich also nicht von alleine ein. Es fordert die Bereitschaft heraus sich einlassen zu können auf Neues. Und was sich hier in einem ersten Bemühen zunächst zeigt, wie vielfältig verschränkt sich unsere eigene Sichtweise darbietet - wenn wir auf sie hinblicken wollen - wie viele Rückkoppelungsspiegel aus verborgenen Asservaten Kammern wir unversehens bereitzustellen in der Lage sind, nur, um uns ja nicht mit dem Neuen in seiner ganzen Fülle konfrontieren zu müssen. Da ist es doch leichter Vorurteilsgase zu versprühen und sich mit dem Fächer eigen-sinnigen Vermeinens diese Gase wohlgefällig oder besserwisserisch um die eigene Nase streichen zu lassen, statt innerlich das „Bisher“ loszulassen und das Neue mit seiner ganz eigenen Lebensart zu zulassen. Interesse … Augen öffnen, Aufmerksamkeit bereit stellen - ein hoch aktives Unterfangen - das durchaus mit einem leisen Empfinden den Boden unter den Füssen zu verlieren verbunden sein kann.

Wann leben wir also wirklich in Resonanz … ? Wann? Vom Grunde her (Plato Höhlengleichnis) erst dann, wenn wir die Furcht in uns gemeistert haben im Wieder-Hinabstieg in die Höhle  unausweichlich zunächst allein uns selbst zu begegnen. Wie das, Interesse beinhaltet also zu allererst die Überwindung der Furcht vor der Selbstbegegnung mit uns selbst?

Versuch der Annäherung an diese Aussage über ein Beispiel. Ich begebe mich auf eine Internet-Reise nach Japan. Und begegne dort einer etwa 60-jährigen Japanerin bei der Arbeit in ihrem Garten. Kein professionell gedrehtes Video und doch zeichnet die Tochter die tägliche Arbeit ihrer Mutter in einer Weise nach, die berührt und bestürzt zugleich. Diese Frau bewegt sich in einer inneren Verbundenheit durch diesen Garten, in der alles über ihre Hände und Mimik zu sprechen beginnt. Eines geht ins andere über. Und da steht die Libelle auf einer wieder in den Garten integrierten Baumwurzel genau so im Mittelpunkt, wie ein stacheliger Baumsame oder der energische Griff der Frau nach einer schmalen Stechschaufel, um aus Bruchziegeln in der Wiederverwendung einen Gartenweg weiter auszubauen. Jede Bewegung sitzt und selbst die Übergänge zu einem neuen Arbeitsabschnitt sind in sich nicht gebrochen, sondern gestalten sich fliessend aus der inneren Haltung der Frau, die alles im Auge hat und unprätentiös von Innen heraus führt. Selbst die Augenblicke des Verweilen auf einem der zahlreichen verwunschenen Sitzplätze in ihrem Arbeitsreich sind Teil ihrer Verbundenheit mit dem Garten. Sie atmet, lebt und blüht in einem „stillen Rhythmus“ mit ihrem Garten. … Sparsame Musikuntermalung wie gleicherweise deutsche Untertitel wechseln mit Stille, einer immer wieder lange anhaltenden Stille, die durch die Hände dieser Frau wie tönt. Diesen Garten durch die Jahreszeiten zu einem Gesamtkunstwerk werden lässt.

Selbstbegegnung mit der Stille. Wer hält dies wie lange aus und kann diesen Faden der Stille über die Arbeit seiner Hände durch den Tag in sein Arbeitsverhalten wie einweben?

Die Stille am Sonnenaufgangspunkt einer Resonanzfläche hin zum Du. Vielerorts unterdrückt, weil uns die Furcht vor eben dieser Stille wie fortreisst, da wir ihr nicht zu begegnen wissen. Kleine Kinder bieten uns diesen Weg in die Stille selbstloser Teilhabe mit ihrem Tun immer wieder an. Wie reich sind sie. … Wie viel Bereicherung können wir erfahren, wenn wir in solchen Momenten loslassen. Dem Loslassen uns überlassen ohne wenn und aber.

© Bernhard Albrecht H. 26.06.2023

Freitag, 16. Juni 2023

"Der Blick von Nirgendwo" - eine dynamische Denkpotenz

Ist in vielen Lebensbezügen heute nicht eine hintergründig latent beunruhigende Empfindung mehr oder weniger deutlich spürbar, dass der Boden unter den eigenen Füssen wie wegbrechend sich anfühlt? Eher selten wirklich greifbar, aber gerade deshalb - für Augenblicke  - verunsichernd. Augenblicke, die, um nicht aus dem Tritt zu geraten, schnell wieder wie mit einem Schleier überzogen werden. Was hier jedoch für den Moment die Sicherheit wieder herstellen soll, das eigene innere Gleichgewicht aufzufangen sucht, lässt die unterschwellige Furcht vor entscheidend nächsten Schritten mitunter nur wachsen und befördert so unvermeidlich die Entstehung illusionärer Wirklichkeitsverzerrungen in Form von Meinungen, bzw. inneren Einflüsterungen über das was angeblich ist. Die Wirklichkeit der ich mich vom Grund her individuell zu stellen hätte flieht über nicht weiter konkretisierte innere Horizonte. Was bleibt sind augenblickshaft äussere Umklammerungen angeblicher Wirklichkeiten Zuweisungen und aus meiner Vergangenheit unter dem Deckel gehaltene „so ist das eben Sedimente,“ für die ich im Jetzt dieses Augenblicks keine Veranlassung sehe sie neu zu hinterfragen.

Was aber ist meine Wirklichkeit, was ist die Wirklichkeit. Weiss ich mich in ihr in aufmerksamer Tateinheit zu verorten oder schwimme ich eher in einem breiten Strom von innen wie zugeflüstertem und von aussen schlichtweg ohne grosses Hinsehen adaptiertem Vermeinen über das was Wirklichkeit - die Wirklichkeit - ist, ohne meinerseits einen eigenständigen Zugriff darauf zu haben. Eigenständiger Zugriff: Leichter gesagt als getan. In einer Welt, die so schnelllebig, mitunter geradezu minutiös getaktet ist, wie kann ich da noch Innenräume in Form von Zeitfenstern bereitstellen um von dort her meinen Zugriff auf Wirklichkeit eigenständig zu bilden? Muss ich da nicht durch vielfältige Schichtungen hindurch auf Meinungssurrogate anderer Menschen zurückgreifen, um wie es so schön heisst mich aus der Wirklichkeit nicht ausgeschlossen zu fühlen oder mindestens an den Rand von Geschehnissen gestellt zu sehen, die ich nur noch unvollständig verstehe. Was ist also Wirklichkeit innerhalb des ständig mich überflutenden Meinungsstromes, mit all seinen Täuschungen, denen ich verfalle weil ich nicht aufmerksam genug bin?

Aufmerksamkeit und Wirklichkeitsfindung: Aufmerksamkeit kann in seiner ganzen Kraft sich nur durch das Tor des Augenblicks freisetzen. Sie ist also von ihrer Kraftentfaltung her, vom Erfahren der ihr innewohnenden Kraftpotenz das Momentum fliesender Unmittelbarkeit. Die fliessende Unmittelbarkeit ihrerseits ist der innere Zustand - so ich mich auf einen derartigen Weg einlassen kann - der über punkthaft verdichtete Konzentration hinausreichend mich an die innere Sphäre der Hoch-Wachheit heranführt. Die in mir jene tiefere Gegenwärtigkeit zur Anwesenheit bringt durch die ich bewegt in unmittelbarer Bewegung mich erfahre. Mir die Augen in fliessender Teilhabe für alles was immer sich mir in meinem unmittelbaren Blickfeld zeigt öffnet, soweit ich interessierte Offenheit dafür bereitstelle. Die Augen für das Wesentliche im Wirklichen des Augenblicks weitet und die konstituierenden Kräfte des Geistes hinter äusseren Wirklichkeitsschleiern mehr und mehr sichtbar werden lässt. Geübte Aufmerksamkeit erschliesst mithin als Wesentliches die Geistessphäre im - bewegt erhöhten Augenblick, - was von der inneren Verfahrensweise her kein übersinnlicher Vorgang ist, sondern ein Verfahren, das letztlich auf das tiefer reichende Ableiten von Sedimenten lange unerkannter Vorstellungen beruht. Anschauen in bewegter Unmittelbarkeit führt mich ins Nirgendwo.

Der Blick von Nirgendwo als vorstellungsfreies Geschehen: Wirkliche ganz von innen her errichtete Aufmerksamkeit, in Tateinheit also bewegtes Hervorbringen und sich Lösen von allen inneren Haltestangen, was nicht so ganz einfach ist da nicht wenige zunächst unbewusste Bewusstseinsfestlegungen sich lange verborgen halten können, beinhaltet ein Hineingleiten in das Nirgendwo. Das Nirgendwo als Erfahren ist raumzeitloses Erfahren, ein Erfahren das dem Stehen auf bewegten Wellenbergen ähnlich ist ohne im Stehen daselbst zu versinken. Wer das Schwimmen gelernt hat kann in der Rückerinnerung darauf auf Erfahrungen von Bodenlosigkeit zurückgreifen, die einen um sich schlagenden Schrecken auslösten bis die neue Erfahrung sich an seine Seite stellte, dass ich durch Bewegen die Oberhand über dieses Geschehen herstellen kann und von daher nicht fürchten muss unterzugehen. Das Nirgendwo als Realerfahrung ist im Inngang seelischer Beobachtungen nun ein erhöhtes Erfahren von Bodenlosigkeit. Es ist ein Erfahren, das sich auf nichts anderes stützen kann als bewegen, bewegen, bewegen …

In diesem Bewegen fallen sodann nach und nach alle Schleier über unserer bis anhin vorstellungsdurchwirkten Wirklichkeit. Ich bin von diesem Augenblick an herausgefordert verantwortlich aus vertiefter Sinnlichkeit heraus an dem was Wirklichkeit sein kann schöpferisch schaffend mitzuwirken.

Sinnlichkeit vertieft verläuft nicht übersinnlich, sondern ist ein Ich geleiteter Sinnen-Vorgang in nichts als fort und fort sich steigernde innere Intensität von Bewegung hinein. Diese Bewegung ist die Kraft, die den Denkblick aus sich in fortgeschrittenem Üben mehr und mehr verdichtend hervorbringt. Nachvollziehbar für jeden - auch wissenschaftlich - der über den mehrheitlich inhaltsbezogenen, also nach aussen gewandten Umgang mit dem Denken hinaus schreitet und sich selbst was sein inneres Tun betrifft auf seelische Beobachtungen einlassen kann. Bereit ist fragend bis auf den Grund und durch das Nirgendwo im Sinne des Sokrates hindurch zu gehen. Das bedeutet: Es reicht nicht regelmässig seine 10 km Laufen als Konditionstraining zu absolvieren, sondern es geht darum im inneren Krafttraining eigene Gedankengebilde so weit zu durchdringen, bis alles Vorstellen in ihnen sich auflöst. Kurz, Du im Nirgendwo als innere Erfahrung Heimat findest und dich in die Intensität des Bewegens dort in fliessender Gegenwärtigkeit furchtlos einzugliedern weisst.

Alles muss sich laut Emanuel Kant auf Erfahrung gründen. Das hat demgemäss auch für das Denken zu gelten. Nur ist Kant nicht wirklich bis zur inneren Erfahrung des Denkens vorgedrungen. Er hat das Denken in seinen Strukturen erforscht. Dies jedoch nur in seiner abstrakt analytischen Gestalt. Vor der eigentlich inneren Anschauung des Denkens ist er stehen geblieben. An dieser Nahtstelle hat Rudolf Steiner Kants forschende Spur wieder aufgenommen und mit seiner Philosophie der Freiheit ein Beispiel für die Anwendung der seelischen Beobachtung als wissenschaftliche Methode hinterlassen. Eine Methode, die in ihrer Bedeutung in wissenschaftlichen Zusammenhängen bisher wenig Beachtung fand. Nicht weil sie als Forschungsinstrument für nicht tauglich befunden, sondern weil sie in ihrer Handhabung nicht wirklich ausgelotet und damit aus meiner Sicht nicht verstanden werden konnte. Hier besteht also noch Forschungsbedarf.

Über das hinaus was ich aus der seelischen Beobachtung heraus den Forschungsansatz Rudolf Steiners aufnehmend und weiter entwickelnd, beispielgebend zur inneren Vorgehensweise hier und in vorausgehenden Blog-Beiträgen bereits gesagt habe, will ich nicht bestreiten, dass dies in meinen Augen nicht mehr als leise Kontur-Erweiterungen sind. Da es sich dabei um sehr individuelle Vorgehensweisen handelt bedarf es des Mutes und der inneren Ausdauer vieler, die angesichts der gegenwärtigen Verfasstheit der Wissenschaft sich darauf einlassen wollen diesen Forschungsansatz bemerkenswerter im wissenschaftlichen Räumen zu etablieren. Die latente Furcht die Subjekt/Objektschranke als abstrakt mühsam herausgearbeitetes wissenschaftliches Forschungsresultat einer langen Wissenschaftsgeschichte könnte dabei kompromittiert werden ist nicht von der Hand zu weisen. Sie wird sich nur in einer selbst zu machenden umfassenden inneren Anschauung und daraus hervorgehenden geweiteten Einsicht  bezüglich der  gemachten E R F A H R U N G E N überwinden lassen. Und damit - sachlich - auch ihre Grundlage verlieren, denn  der nicht zu umgehende notwendige Abbau bisheriger Vorstellungen über Mensch und Welt wird die bisherige Blickweise auf die Wirklichkeit erfahrungsbasiert nachhaltig verändern. Vorsichtig gesagt wird die Welt von Morgen was die überkommene duale Ausrichtung von Selbst und naturwissenschaftlich empirisch begründeter Aussenwelt so nicht mehr zu halten sein. Gelingt es nämlich den von Aristoteles keimhaft angedachten Aktus als urmenschliche Kraftpotenz geisteswissenschaftlich über die bisherige abstrakte Anschauung hinausreichend erfahrungsbasiert im Denken zu verankern, so hat das weitreichende Auswirkungen.

Thomas Nagel sagt diesbezüglich in seinem Buch - Der Blick von Nirgendwo - : "Könnte man aufklären in welcher Beziehung die interne und die externe Perspektive" (die subjektseitig, bzw. objektseitig Perspektive in der Vorstellungsbildung) "zueinander stehen, auf welche Weise jede von ihnen so entwickelt und verändert werden kann, dass sie der anderen Rechnung trägt, und wie beide im Zusammenspiel das Denken und das Wirken jeder einzelnen Person bestimmen können, so käme dies einer Weltanschauung gleich.“ (1) Den Problemen, die sich ihm im Zuge seiner Ausführungen stellen will er dabei unter keinen Umständen ausweichen und bezeichnet das in seinen Worten nüchtern so: "Philosophie (und Wissenschaft?) darf keinesfalls zu ermässigten Ansprüchen ihre Zuflucht nehmen (2)“ Sie fusst auf der steten Weiterentwicklung "ihrer eigenen unterentwickelten Fähigkeiten (3)" und was not tut, so ich in der unweigerlichen Kollision einander widerstreitender Perspektiven auf das "Absurde" stosse, "ist der Wille, es mit ihm aufzunehmen (4)," den fremden Vorstellungskonstrukten ins Auge zu schauen und angesichts eigener nicht hinterfragter Vorstellungsgebilde diesen in Projektionen nach aussen hin nicht auszuweichen, um die möglicherweise notwendige innere Umkehr so zu umgehen (5).

…  in der Vorstellungsbildung „zueinander stehen, auf welche Weise jede von ihnen so entwickelt und verändert werden kann," (1) …  Es geht damit also um das Hinschauen, das vertiefte Hinschauen und das Fragen, auf das ich bereits unter verschiedenen Aspekten daraufhin laufender Beobachtungen an verschiedenen Stellen wiederholt verwiesen habe. Was weiss ich wirklich, wenn ich solchermassen die inneren Bewegungsabläufe in der Konstitution meiner Denkabläufe, das heisst das bildsame Hervorbringen daselbst näher zu untersuchen versuche. Je weiter ich mich da vortaste und dabei zu verstehen versuche was da jeweils geschieht, wie ich hier verwickelt bin, bzw. in grössere Klarheit und innere Überschau hinein ich mich aufrichte, umso dringlicher treten die Fragen an mich heran, was weiss ich wirklich. Ich bemerke immer eindringlicher, dass ich mich so manchem mich anfallenden Bestreben der Verantwortung für das was hier geschieht nicht mehr entziehen kann. Bewusstseinsseele, wie sie sich hier unter meinen Augen bildet fordert ihren Tribut, was heisst Einsicht, auch und gerade schreckhafte Einsicht wie innere Umkehr. So wie bisher geht einfach nicht mehr. Selbstverantwortung ist in den Räumen des „erkenne Dich selbst“ nicht verhandelbar. Und zwar in dem strengen Sinne, dass ich mich fortan in dieser Verantwortung hinter niemanden mehr seitwärts flüchtend in die Büsche schlagen kann. Meine Verantwortung bleibt meine Verantwortung. Ich kann sie nicht einmal in Teilen auf andere übertragen. Das „erkenne Dich selbst“ weicht nicht von meiner Seite, auch dann nicht wenn auf mein mich Wegdrücken aus der Verantwortung scheinbar nichts geschieht. Schwerthaft in seinem Ausdruck bleibt es dennoch gegenwärtig.

So bleibt auch auch die von Fall zu Fall fortlaufend neu aufzulösende Subjekt-/Objektspannung in beständiger Gegenwart durch mein - das Leben im gesellschaftlichen Umfeld heute und morgen - bestehen. Der Wind der Wandlung gebiert sich aus dem inneren Aushalten des Fragens schlechthin. Die Lösungen für die gegenwärtige Klimakrise wachsen nicht so einfach auf den Bäumen an den Lebensrändern unser aller Leben. Sie wollen reifen. Reifen in meiner, unserer aller Innwelt. Mit Empörung auf die Klimakleber zu reagieren verschiebt nur das Problem ohne es zu lösen. Wir alle leben auf die eine oder andere Art in und mit der Angst. Es geht also im Grunde um Gleichgewichtsbildung in unser aller je eigener Seelenlandschaft. Den Knüppel der Empörung aus dem Sack fahren zu lassen mag zwar für einen kurzen Augenblick entlasten, die dabei freigesetzten psychischen Gase vernebeln aber mögliche Wege auf zu findende Lösungen hin. Und das gilt für die Klimakleber wie gleicherweise für all diejenigen die mit Empörung, bzw. unterschiedlichen Formen der Beschwichtigung auf ihr Tun reagieren. Beide Seiten umgehen auf diese Weise ihre tiefer aufzuhellende Selbstverantwortung. Selbsterkenntnis ist heute nicht zu billigen Tarifen zu erlangen. Sie schmerzt bevor sich Wege der Heilung öffnen. Im persönlichen und im gesellschaftlichen Umfeld (6).

© Bernhard Albrecht Hartmann, 16.06.2023

(1)  Seite 11, Abs. 3, Vorrede in: Thomas Nagel, Der Blick von Nirgendwo Suhrkamp TB 2012

(2)  Seite 22, Absatz 27, Vorrede in: Thomas Nagel, dito

(3)  Seite 23, Absatz 28 dito 

(4)  Seite 24, Absatz 29 dito

(5)  https://ich-quelle.blogspot.com/2016/07/einige-anmerkungen-zu-thomas-nagel-der.html

(6)  https://ich-quelle.blogspot.com/2015/07/von-der-inneren-umkehr.html