Donnerstag, 17. März 2022

Wind/Worte 1

Wie viele Perlen trägt doch der Wind des Lebens unversehens unscheinbar an mir vorüber, wieviel Perlengeflüster geht im medialen Kampf um die Meinungshoheit, um das „up to date“ Sein auf Randwegen der Aufmerksamkeit verloren.  Wir leben in einem sozialen Kräfteorganismus. Von daher ist Innehalten um nicht nur zu registrieren, sondern bewusster aufzunehmen eine Zeitnotwendigkeit. Ist Ansichtig-Werden von „WindWorten“ im überbordenden Informationsalltag  so wichtig, heisst in gehaltenen Freiräumen atmend sich inspirieren lassen - um gelebter Freiheit willen. Bedeutet das tiefer hinein Lauschen in so dies und das eines Nebenbei, das der Wind mir von den Rändern des Lebens, ob von innen oder aussen zuträgt geistig am Leben zu bleiben.

Gerade heute ist „offen bleiben für das Licht Friedensarbeit,“ Friedensarbeit, die aus mir und der Umgangsweise mit meinen Gedanken und Gefühlen hervorgeht. Ist Perspektivenwechsel meinen eigenen Gedanken und Gefühlen gegenüber zeitgemässe Friedensarbeit. Denn Tretmienen liegen nicht nur auf den Strassen der Vorstädte von Kiew, sondern auch unter den Mustern meiner Denkgewohnheiten und Gefühlswallungen verborgen, Tretmienen, die von einem Augenblick auf den anderen die Mitglieder einer Familie auseinanderreissen können. Tretmienen weil z.B. meine Angst grösser ist als mein Vertrauen. 

Kinder müssen ihre eigenen Wege gehen dürfen … ohne dass Mütter und Väter sich verleugnen bis zum geht nicht mehr nur um „zusammenzuhalten.“ Da krachen halt dann auch mitunter abrupt berstende Eischalen durch den eben noch einvernehmlich erscheinenden Familien Zusammenhalt. Das  Nesthäkchen findet Worte, die Eigen-Sinn wie auch individuelle Eigenart ausdrücken und führt die Trennung aus dem Familienverbund herbei nicht ohne eine Rauchbombe der Schuldzuweisung zurückzulassen. Schuldzuweisung, die eine Mutter nicht zu sich nehmen muss, weil sie im Grunde nur ein Abwehrfeuer zum Ausdruck bringt um in diesem Augenblick nicht der vollen Konsequenz der eigenen Freiheitsentscheidung begegnen zu müssen. Vegan essen wollen ist das eine, es nicht zu wollen oder zu können das andere. Wenn ich das will muss ich mir die Bedingungen schaffen ohne jedwede Vorwürfe oder gar Forderungen gegenüber anderen. Das ist dann  im Gegensatz zu ideell beanspruchter Freiheit gelebte Freiheit. Die aber tut weh, weil sie auf zumindest partiellem Verlust gründet.

Freiheit leben ist ein Weg in die Einsamkeit. Das aber wissen Jugendliche zu Anfang nicht, müssen es auch nicht wissen, denn sie sollen sich auch unbeschwert erproben dürfen. Das Geheimnis ist, dass still begleitendes Vertrauen sie späterhin gereifter zurückfinden lässt. Vertrauen und zeitgleiche Bemühung die eigene Freiheitsarbeit im Umgang mit persönlichen Gedankenmustern und Gefühlseigenarten einer leisen Wandlung zu unterziehen, das lässt Zusammenhalt auch über einen langen Zeitraum nicht verlorengehen, lässt vielmehr Fähigkeiten reifen sich späterhin über das Eltern- Kind- Verhältnis hinaus auf Augenhöhe neu begegnen zu können. Friedensarbeit bedeutet  hier also loslassen.

© Bernhard Albrecht Hartmann, 17.03.2022


Sonntag, 13. März 2022

Die innere Haltung der leeren Hand

Auf was lasse ich mich mit diesem Titel schreibend wie lesend ein: „Die innere Haltung der leeren Hand?“ Was bedeutet das, mit was habe ich es zu tun, wenn ich hier von der inneren Haltung der leeren Hand zu sprechen versuche?

Haltung … innere Haltung … innere Haltung der leeren Hand: Haltung hat etwas mit Aufrechte zu tun, innere Haltung mit Abgrenzung nach innen wie gleicherweise nach aussen, innere Haltung der leeren Hand bringt Offenheit und Unvoreingenommenheit ohne wenn und aber zum .Ausdruck. Drei grosse und von daher herausfordernde Ausdrucksweisen seelischen Verhaltens also. Aufrechte, Abgrenzung und Offenheit. Mit den beiden ersteren Charakterisierungen der Aufrechte und Abgrenzung kann ich mich rückbesinnend unmittelbar identifizieren, nicht aber mit der dritten, also letzten Charakterisierung. Da scheint mir über die genannte Offenheit im betrachtenden Verstehen hinaus etwas noch nicht erfasst zu sein. 

Gewiss die ausgestreckte Hand kann Offenheit ausdrücken, auf was weist in diesem Zusammenhang jedoch die explizit so benannte „leere“ Hand? Die ausgestreckte Hand, die zugleich leer erscheint, ist dies nicht ein Widerspruch in sich? Die „ausgestreckte“ Hand, die nichts enthält, also von Angesicht zu Angesicht im aufeinander Zugehen leer erscheint … ? Auf was werde ich da gleichsam hingestossen, wenn ich im Hinschauen auf die leere Hand, im Ergründen der Leere, die mich anweht, wenn ich die leere Hand erlebend in mein Betrachten aufnehme, sie also nicht zurückweise weil sie leer ist oder gar an ihr vorübergehe? Sie, die leere Hand mithin als Tatsache ernst nehme und … in ihrem besonderen Ausdruck zu verstehen trachte?

Die leere Hand als untergründige Willens- und Herzgebärde: Die leere Hand als vorurteilsfreie, mithin von berechnend hintergründigen Interessen freibleibende ausgestreckte Hand. … Die Willenshaltung zum Ausdruck bringend, welche weit über das landläufig offenherzige aufeinander Zugehen und Händeschütteln hinausgeht. Eine Willensgeste nicht nur vordergründig diplomatischer Offenheit, sondern die Geste, die gepaart mit dem in die Weite und Tiefe reichenden umfassend menschlichen Interesse … und der „allseitig“ schöpferischer Lösungs- wie Tatbereitschaft einhergeht. 

Die Willensgeste, die zumindest den Menschen in Europa von heute an tagtäglich zunehmend unmissverständlicher eine innerlich selbstverantwortete oder von aussen her angeordnete Haltungsumkehr auf Neulande hin abverlangen wird. Denn anders werden wir die Ansage einer „Zeitenwende,“ die sich untergründig schon mindestens einhundert Jahre anzeigte und die seit wenigen Tagen in der Ukrainekrise nunmehr offen zu Tage tritt weder als einzelne Individuen noch im staatlichen Gemeinwesen Verbund bewältigen können.

Intermezzo. Ich greife auf ein eigenes biographisches Erleben zurück. !985 begegnete ich in einem längeren Gespräch der Witwe des Malers Gerhard Reisch. Sie schlug im Anschluss daran eine Mappe mit verschiedenen Entwürfen ihres Mannes auf, blätterte ein wenig darin und reichte mir daraus als Geschenk einen kleinen unscheinbaren Linoldruck. Dieses Bild brachte in seiner Schlichtheit eine stille Kraft und Entschlossenheit zum Ausdruck, die mich über die Jahre, ohne dass ich das Bild jeweils erneut direkt betrachten musste, auf meinem Lebensweg begleitete. Es prägte von innen her mein weiteres Dasein. Abgebildet war der Erzengel Michael, gestützt auf sein Schwert stehend an der Seite eines felsigen Hügels. Blickend auf ein weites Feld kriegerischer Zerstörungen.

Heute stehen wir in Europa und weltweit nun von einem Tag auf den anderen vor ungeheuerlichen kriegerischen Zerstörungen angesichts einer völkerrechtswidrigen Invasion in die Ukraine durch Vladimir Putin. Was bedeutet das über die umfänglich in Gang gesetzten Hilfsinitiativen für die Ukraine hinaus für unser aller Selbst- und Menschenverständnis? Sind wir bereit uns auch nur ein wenig über den Horizont unseres weltweit Vernetzt-Seins im Internet hinaus zu bewegen? Können wir sehen, dass über viele Facebook Scheinfreundschaften hinweg unser aller Seelenleben einen Einfluss auf das Weltgeschehen hat, dass wir also nicht nur in einem von vielen Zwängen geleiteten Sozialgefüge leben, sondern in einem allseitig gestaltbaren geistig seelischen sozialen Kräfteorganismus? 

Wenn wir das tiefer anfangen zu sehen, dann ergibt sich daraus in der Konsequenz eine viel grössere Verantwortung nicht nur für das politische Establishment, sondern für uns alle. Folgt dem gegenwärtigen Umdenken in der Politik über die anfängliche Hilfsbereitschaft für die Flüchtlinge aus der Ukraine hinaus ein weiter reichender Haltungswandel unter den Bürgern? Wollen wir also zulassen dass am Ende wieder die vergänglichen Informationsfluten, die sich über unsere Fernsehschirme in unterschiedlicher Weise manipulativ entfesselt verbreitet haben eimal mehr uns "einfach so" überrollten? … Oder ist die Wirklichkeit der Zeitenwende, unser aller Entscheidung. Wer bin ich und was will ich von daher nachhaltig beitragen zu Frieden und Menschsein? „Zeitenwende“ wirksam ernstgenommen ist in meinen Augen jedenfalls kein Spaziergang.

An dieser Stelle tritt mir das Bild Johannes des Täufers bei der Jordan Taufe innerlich vor Augen. Nicht aber als ein Bild mit historisch religiösem Hintergrund, sondern vielmehr als ein gegenwärtiges Ereignen, in dem wir alle gleichsam durch ein Bad der Reinigung von vielen Illusionen schreiten. Die kommende Zeit wird uns innerhalb dieses Prozesses aus meiner Sicht noch einiges mehr als uns lieb sein wird abverlangen. Metanoia auf allen Ebenen. Das heisst in Konsequenz erkenne dich selbst im Prozess eigener Willenserweckung. 

Damit komme ich zurück auf die innere Haltung der leeren Hand. Sie ist im Grunde der Ausdruck des sich ins Nirgendwo stellen. Ist von dort her die Herausforderung selbstverantwortete Wegfindung anzunehmen. Ist mit der Angst das Fürchten zu lernen, weil alle Ego Anhaftungen und somit Sicherheiten, sprich Haltestangen hier fallen. Ist Ich-Geburt durch zu gestaltenden ethischen Individualismus im eigenen Willen. Ins Nirgendwo … stellen: Im Sinne des Sokrates heisst das mich denkend hindurch bewegen durch den Frageraum des  „ich weiss dass ich nicht weiss,“ mich schmerzhaft auseinanderzusetzen mit all seinen Aspekten, Angst und Bodenlosigkeit, Furcht und Dunkelheit, um am Ende die Halt gebende Leine durch das Ego preiszugeben und die Erfahrung einer wachsenden Gestaltungskraft im dynamischen Fortgang auf neue Bewusstseinsstrukturen hin annehmen zu lernen. 

Die Ukraine Flüchtlinge werden durch Bomben, die ihre Häuser zerstören ins Nirgendwo geschleudert, von einem Augenblick auf den anderen gefordert in tausend folgenden Augenblicken am Rande des Nichts neue unbekannte Wege zu finden; der aktiv Selbsterkenntnis Suchende lernt auf seinem Weg Dualität nicht länger gegen seine Weggenossen einzusetzen, bzw. auf sein gesellschaftliches Umfeld zu projizieren. Er lernt aus seinen Erfahrungen vielmehr die Spannungen von Sympathie und Antipathie, das unvermittelt herauf drängende Chaos der eigenen seelischen Unterwelt immer mehr allein in sich aufzulösen anstatt in endlosen Streithaltungen weiterzuschleppen. Die Geschichte von einem der auszog das Fürchten zu lernen ist die Geschichte der von innen her leeren Hand, die Geschichte vom leeren Willen angesichts des  N - ich - ts, also der Auflösung meiner Fragen des „weiss ich dass ich nicht weiss.“ Die Geschichte von einem der auszog das Fürchten zu lernen ist die Geschichte von einem jeden von uns in seiner individuellen Einzigartigkeit auf diesem Weg hineinzufinden in das Ich-Erwachen und darin mehr und mehr einzugehen in die zeitgemässe Erfahrung lebendiger Geistesfülle.

© Bernhard Albrecht Hartmann, 13.03.2022

 

Donnerstag, 3. Februar 2022

Im Gedenken an Wilfrid Jaensch ✲

Der Ordo Blog schreibt sich selbst durch eure Mitarbeit. Diese stark verdichteten Worte zur Einführung in den Ordo Blog werfen auch ein Licht auf den Willensweg von Wilfrid Jaensch. Ich kann nicht verhehlen, dass mich diese Worte in diesen Tagen unmittelbar stark berührt haben. So will will ich also dieser leisen Aufforderung folgend das Wort zu dem Thema: „Dass die Zukunft eine Kunst ist“ ergreifen, das Wilfrid Jaensch 1996 für die Zeitschrift Gegenwart bearbeitete und dessen Text seine Frau Mirija Jaensch im Angedenken an diesen echten Querdenker zu seinem 6. Todestag am 17.6.2021 ein weiteres Mal auf Ordo veröffentlichte. (1) Nicht ohne anzumerken, dass ich Wilfrid Jaensch persönlich in diesem Leben nie begegnet bin, dass ich seine Lebenswege aber peripher seit den frühen siebziger Jahren mit verfolgt habe, wie auch er meinen Blog https://ich-quelle.blogspot.com immer wieder einmal eingesehen hat. Ein wechselseitiges sich Berühren also "über die Zeit" hinweg auf unterschiedlich individuellen Willenswegen.

Zukunft ist kein irgendwie Erwarten besserer Tage als sie sich heute zeigen, kein Zudecken oder gar Auflösen von  Ängsten, umgebogen in eine Hoffnung von Morgen und ganz und gar nicht die Erfüllung der Erwartung mit Covid verlorene Freiheiten so einfach wieder zurück erhalten zu können. Freiheit will eigentätig erworben sein. Ganz in dem Sinne wie es Wilfrid Jaensch einst ausdrückte: Geisteswissenschaft müsse Geisteswillenschaft (2) werden.

Zukunft kann aus dem Heute sich demnach nur gebären - das ist die hintergründige Signatur der gegenwärtigen Pandemie, welche die gesellschaftliche Innwelt-Krise immer unverhohlener zu Tage treten lässt - wenn der Wille im Denken der Vergessenheit entrissen im seelischen Beobachten wieder gefunden werden kann. Rudolf Steiner hat in seiner Philosophie der Freiheit über Emanuel Kant hinaus weisend dazu Wegleitendes gesagt. Er hat gewissermassen das Prozesshafte in der Gedankenbildung des Denkens über eine jede dinghafte Bindung des Gedankens hinaus wieder frei gelegt. Nichts desto trotz wird in den Augen nicht Weniger die Möglichkeit innerhalb dieser Prozessabläufe des Denkens zu einer inneren Anschauung desselben gelangen zu können immer wieder heftig bestritten.

Dass dies so ist hängt in meinen Augen mit der grundsätzlich permanent innerlich neu zu dynamisierenden Fragestellung zusammen: Weis ich, dass ich nicht weis (Sokrates) oder weis ich, dass ich weis zusammen,  was heisst ganz bei mir bleibend zu unterscheiden, was weis ich wirklich und was weis ich nicht wirklich? Bin ich von daher also jeweils aktuell offen in die „forschende“ eigene innere Seelische Beobachtung einzutreten oder wo drücke ich mich um Tatsachen herum, die ich nicht wirklich vor mein aufmerksames Auge stelle? Bin ich bereit über das heute übliche abstrakt formale Reflektieren hinaus zu schreiten und damit erfahrend durch das Nichts zu gehen, um daselbst wiederum schrittweise in Kontakt zu treten mit dem Willen? Dem Willen als konkrete innere Erfahrung?

Eben „diese“ konkret innere Erfahrung des Willens hat Kant seinerzeit erkenntnismässig nicht schlüssig belegen können und deshalb zum Schlussstein seiner Analytischen Philosophie das sogenannte Ding an sich bestimmt. Eine formal abstrakte Annahme, ein nicht wahrnehmbares Substitut und von daher ein Widerspruch in sich? Eingeschworenen Kant Referenten wird das nicht gefallen. Doch wer kann schon sagen, dass Kant von sich selbst aus nicht weiter gedacht werden wollte? Hat er mit dem Ding an sich, dies - wer immer dies eigentätig prüfend zu erforschen sich auf den Weg machen will - es also über eine längere Zeit meditierend mit sich tragend möglicherweise ein ganz persönliches Fragezeichen für weitere Forschungen zum Denken hinterlassen? Ist Kant mit dem Ding an sich vor seiner ganz persönlichen inneren Nichts-Erfahrung gestanden und hat dieses Tor verschlossen mit dem leisen Wink von dorther innerlich mutig fragend weiter zu schreiten?

All dies sind Fragen mit denen der echte Zeitgenosse um der Zukunft Willen sich nur selber auffordern kann ernsthaft auseinander zu setzen. Also individuelle Geisteswillenschaft tätig zu begründen indem er gewissermassen durch das abstrakte Reflektieren wie hindurch schreitend das Sagen eines jeglichen Du immer deutlicher als eine Briefbotschaft in erster Linie allein an sich selbst begreifen lernt, die es vorrangig auf die Entwicklung eigener Geisteswillenschaft zu entschlüsseln gilt. Denn: Das Denken wie es von anderen Menschen an mich herangetragen wird ist, aus der tatsächlich eigenen inneren Erfahrung erfasst der Spiegel dafür wie von meinem jeweils aktuellen seelischen Zustand her die konkreten Entwicklungsaufgaben für meine Geisteswillenschaft aktiv ergriffen werden können. Was in meinen Augen heisst, nur die vorausgehende, bzw. im Dialog zwischengeschaltete  fragende Besinnung auf mein Denken hin (3) kann die mit der Covid Pandemie nicht länger zu verdrängende gesellschaftliche Innwelt Krise ohne ins Unendliche sich ziehende neue Schäden am gesellschaftlichen Gesamtkörper bewältigen helfen.

Geisteswillenschaft ist eben nicht etwas was per Bildungsgutschein zu erwerben ist. Sie kann allein durch selbst erkennende Denkerfahrungen und damit einher gehende Denkentscheidungen selbstverantwortlich Wirklichkeit werden. Wenn aber durch mich etwas wirklich wird, dann ist Zukunft. Erinnern wir uns also des verloren gegangenen Willens in unserem Denken … und entwickeln daraus Geisteswillenschaft als neue Lebenskunst.

© Bernhard Albrecht Hartmann 03.02.2022

✲  Kommentar auf das Gedicht von Wilfrid Jaensch zum 01.05.2015 

    https://enzyklika.blogspot.com/2015/06/neulich-schrieb-wilfrid-jaensch-sein.html

                            Zu allen Zeiten war es so,

                            dass Toren Tore öffneten,

                            die,

                            weil vom Grunde her

                            an der Zeit

                            sie zu durchschreiten,

                            oft nur den Stinkefinger

                            als Antwort mit sich nahmen.


                            Zu allen Zeiten war es so,

                            dass, wer in die Tiefe griff

                            und

                            vom Grund des Nichts

                            so manche Perle

                            denkend, wie erlebend

                            an die Oberfläche hob

                            als Tor belächelt wurde.


                            Zu allen Zeiten war es so,

                            dass unter einer Linde

                            nach langen Jahren

                            Menschen die Hand sich reichten,

                            um den Mut des Ahnen zu besingen,

                            der einst im Ich vorangeschritten.

    

                            © Bernhard Albrecht Hartmann, 20.06.2015 - eine Resonanz

                    

(1)   http://enzyklika.blogspot.com/2021/06/dass-die-zukunft-eine-kunst-ist.html       

(3)   https://ich-quelle.blogspot.com 

       siehe hier durch die Jahre verschiedene Essays und Dialoge zu unterschiedlichen 

       Gesichtspunkten des Denkens


Dienstag, 25. Januar 2022

Mit den Augen des Falken ... (3)

Das Denken ist in der Erfahrung wirklich sehr schwer zu fassen, das habe ich gesagt. Der eine oder andere Leser wird mir aus seiner Sicht hier vorhalten, ich hätte bisher ausser einigen eher allgemeinen Hinweisen nicht gerade viel unternommen, was hilfreich sei um sich ihm annähern zu können. Das ist richtig, denn das Denken ist mit allen logischen Gesetzmässigkeiten, die seine inneres Gefüge modulieren etwas so individuelles, dass auch nur ein jeder auf seine ureigene Weise sich ihm nähern kann. Der Kommentar spricht davon, dass der Falkner sich in der Dunkelheit wie unsichtbar machen müsse, um das Vertrauen des Falken gewinnen zu können. 

Für das Denken stellt sich im Laufe der auf es ausgerichteten Untersuchungen immer deutlicher heraus, dass nur wer sich wie ein Jäger auf die Pirsch legt und gleichsam auf dem Hochstand innerer Beobachtungen in die gesteigerte Stille eines von innen her Beobachten sich begibt, der kann sich der Dimension annähern, die im eigentlichen Sinne dann nach und nach als die des Denken zu identifizieren sein wird. Der kann von seiner Seite auf ein Erfahren blicken, das als begründet angesehen werden kann und darf. 

Das Denken als eine  Dimension? Das Denken als ein eigenständiges inneres Kraftfeld - über die unterschiedlichen seelischen Erlebnisfelder mit ihren jeweiligen Erlebnismöglichkeiten hinausreichend - geht das nicht erheblich über das gängige Verständnis innerhalb der allermeisten sozialen Kommunikationsnetzwerke hinaus? Leben wir also im Sinne des sogenannten Gemischten Königs in Goethes „Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie“ in der gegenwärtigen Zeit in einer Art vielschichtig ineinander versetztem Panoptikum unserer seelisch-geistigen Welt- und Erfahrungsbezüge, weil wir im Denken den Zugriff auf unseren Willen verloren haben?

Den Willen. Jetzt wird es schwierig und ich weis, dass ich ihnen hier einiges zumute. Zumute in der Art, dass ich es wage sie heranzuführen, wenn sie denn innerlich mitgehen wollen an das Erfahren der eigenen inneren Nacht oder Dunkelheit.

Dunkelheit. Leeres Bewusstsein. Vorstellungsfreies Gewahren im Tasten in die eigene innere Stille hinein, die, seien wir ehrlich uns erschreckt, uns erschreckt wenn wir uns erstmals aktiv an diese innere Dimension herantasten, die uns erschreckt weil wir mit diesem Ansinnen so etwas wie den Boden unter unseren Füssen zu verlieren scheinen. Ja es kann sich auch zeigen wie ein momenthaftes Zusammenzucken, ein Riss durch unser Innerstes, ein schreckhafter Augenblick der Orientierungslosigkeit und in der Folge gleichsam so etwas wie ein inneres Um-Sich-Schlagen in dem Bemühen erneuter Landnahme. 

Die Welt die sich da gleichsam vor meinem inneren Auge auftut ist eine Welt, die uns herausfordert im Durchgang durch die Furcht furchtlos zu werden, das dynamische Stehvermögen - ähnlich dem Surfen auf Brandungswellen am Meer - in der Welt des Willens sich anzueignen. In der Welt, die dem eigentlichen Denken zu Grunde liegt übend beherrschen zu lernen. Doch ist das nicht eine sehr kühne Behauptung das Denken habe etwas mit dem Willen zu tun, mit der innerlich geführten Beherrschung des Willens. Der Ruf dies zu beweisen scheint also naheliegend zu sein. Doch dies hiesse das Pferd von hinten aufzuzäumen. Denn nicht ob ich das beweisen kann ist die eigentliche Frage, sondern ob sie die Leser bereit sind sich ohne wenn und aber der Frage zu stellen, weiss ich was Denken ist oder weiss ich, dass ich nicht weiss, was Denken ist und von daher dann aus einer eigenen Entscheidung heraus den Weg der Selbsterkundung zu beschreiten. Und dies ist ein Weg, das muss hier mit aller Deutlichkeit bekundet werden, der sehr viel tiefer reicht als jener der folgerichtigen logischen Selbstreflexion.

Was ist Denken und was hat es mit dem Falken zu tun. Wer sich schon einmal etwas näher auf einen Falken eingelassen hat der weis, dass dessen Auge sehr mächtig auf einem zurück wirken kann. Dieses Auge blickt dich an und wenn du dich aus einer eher oberflächlichen Sinnesbegegnung heraus nicht schnell wieder abwendest, dann blicken diese Augen wie durch dich hindurch. Lehrer und Schüler in der alten Falken Schulung wussten ganz genau, dass der Falke eigentlich nicht zu zähmen ist. Sie wussten, dass es bei dem Umgang mit dem Falken allein darum ging zu lernen dem Blick des Falken zu begegnen und standzuhalten. Was heisst den eigenen Willen in den Griff zu bekommen. Der Berufung vom Knappen- in den Ritterstand ging in alten Zeiten die Falken Prüfung voraus. In dieser musste der Falken Lehrling in völliger Dunkelheit während zweier Tage und Nächte in der Nähe des Falken ausharren ohne dabei einzuschlafen. Der Falke war in seiner Art so unbestechlich, dass er innerhalb eines derartigen Ereignen nur auf die Schulter des Lehrlings überging, wenn dieser seine Willenskraft nicht einzuschlafen deutlich zeigte. Damit verbunden war in Folge das Recht den Falken im eigenen Wappen zu tragen. Ritter mit dem Falken in ihrem Wappen wiesen sich nach aussen hin dadurch aus, dass sie durch eine besondere Willensschulung gegangen waren.

Der Falke und das Denken. In welcher Beziehung stehen Denken und Wille zueinander. Das Denken ein inneres Blickorgan? Dies sind für die eigenständige innere Anschauung sicher keine ganz einfach zu klärenden Fragen. Aber es sind notwendige Fragen, wenn ich zu einem tatsächlichen Wissen, einer echten Erfahrung von dem vordringen will was Denken seiner ureigenen Konsistenz nach wirklich ist. Ich wage hier zu denken, dass wir Emanuel Kant unter einem ganz neuen Gesichtspunkt verstehen lernen könnten, wenn es uns denn gelänge mit dem Willen hinter dem sogenannte "Ding an sich" eine meditative Weile still im Dunkel zu verweilen. 

Das Ding an sich ist in meinen Augen nämlich eine stille Aufforderung zur Willensschulung im Vollzug eines zeitgemässen Eintritts in das Denken. Mir ist klar dass, indem ich diese Aussage hier mache ich mich dem Verdacht aussetze ich könnte beabsichtigen das gesamte heutige Kant Verständnis damit in Frage stellen zu wollen. Doch nichts steht mir ferner als dieses. Die Fähigkeit der abstrakten Gedankenführung wie sie durch Kant auf ihren unbestreitbaren Höhepunkt gebracht wurde ist die unabdingbare Voraussetzung dafür, dass die Frage nach dem Willen im Denken nach und nach wieder in einem grösseren Umfang virulent werden kann. 

Rudolf Steiner hat zu seinen Lebzeiten mit seiner Philosophie der Freiheit eine Antwort gegeben wie der Wille im Denken erneut geweckt werden könne. Er ist damit über das Erschauern Emanuel Kants hinausgeschritten, das diesen erfasste - erfahrbar für Menschen die willens sind auf dieses verborgene biographische Momentum "meditativ" hinzuschauen - als dieser durch das Ding an sich wie von einem Berggipfel aus in einem Panoramaüberblick auf sein philosophisches Lebenswerk zurückblickte.

Und erschrak ob der Grösse der Aufgabe, die für ihn auf weiteren Wegen noch zu bewältigen gewesen wären. Dass Kant die Idee einer ersten Philosophie, wie er es ausdrückte letztlich nicht zu verwirklichen wusste, das hängt mit diesem seinem verborgenen Erschrecken und der Art seines ganz persönlichen Umgangs damit zusammen. Doch ich will und kann hier nicht mehr über die Hintergründe sagen. Somit steht bis heute diese nicht realisierte Idee von Kant vor unser aller Augen als eine Aufgabe die es zu ergreifen gilt.

© Bernhard Albrecht Hartmann, 25.01.2022



Donnerstag, 20. Januar 2022

Mit den Augen des Falken ... (2)

Der nachfolgend mir per Mail übersandte Kommentar zu meinen Blogeintrag: Mit den Augen des Falken … (1) veranlasst mich diesem Beitrag einen zweiten Teil folgen zu lassen.

„Ein Falke ist von Natur aus sehr scheu. Wenn er von einem Falkner zu einem Jagdfalken ausgebildet werden soll, wird er ganz jung zu diesem kommen. Die ersten Schritte zum Zusammenfinden von Falke und Falkner erfolgen in einem abgedunkelten Raum. Der Falkner muss versuchen, sich durch ganz langsame Bewegungen „unsichtbar“ zu machen, um Flucht und Stress beim Vogel zu verhindern. Dann wird versucht, das Vertrauen des Greifs mit Leckereien aufzubauen. Dies dauert mehrere Tage. Um ihn anschließend dazu zu bewegen auf den Lederhandschuh des Falkners überzutreten, bedarf es vieler Lockversuche mit Futterbelohnung. Hat er sich an den Übertritt auf den Handschuh gewöhnt, kann man nach draußen gehen. Hier wird der Vogel wieder mit Leckerbissen darauf trainiert, auf immer größere Distanzen auf den Handschuh des Falkners zu kommen – dabei bleibt er aber zunächst mit einer feinen Schnur angebunden. Ist das Vertrauen groß genug, kann eines Tages die Schnur entfernt werden – der Falke kehrt gemäß Futterbelohnung immer auf den Handschuh des Falkners zurück. Ist diese Verbindung gelungen, kann im nächsten Schritt der natürliche Jagdinstinkt des Falken eingesetzt werden. Er lernt, dass er im Verbund mit dem Falkner erfolgreicher jagen kann, da dieser die passende Beute aufzuschrecken vermag. Um dem Falken seine Beute abzunehmen, muss der Falkner ihm als Ersatz wieder eine Futterbelohnung anbieten – teilweise wird er für eine langfristige Motivation auch gestatten, seine Beute selbst zu fressen. 

Es ist deutlich, wie schwer es unter normalen Umständen ist, das Vertrauen eines Falken zu gewinnen. Auch langfristige Beziehungen halten nicht für immer, manchmal verschwindet auch ein gut ausgebildeter Vogel noch von seinem Falkner. Niemals kommt ein Falke freiwillig, immer muss der Falkner den Vogel mit Futterbelohnung anziehen und sein Vertrauen gewinnen. 

Ich wähle absichtlich ein „technische“ Darstellung der äußeren Vorgänge bei der Ausbildung eines Falken, als größtmöglichen Kontrast zu Ihrer Darstellung. Damit soll – und das wird es vielleicht auch - deutlich werden, wie besonders der Vorgang ist, wenn der Falke von sich aus den Platz auf der Schulter der Touristin einnimmt. Dies spricht für ein erhebliches unsichtbares Band zwischen beiden – eine enorme seelisch-geistige Resonanz. Tiere bewegen sich ganz allgemein immer nur aufgrund eines Gefühls, das auf Sinneswahrnehmung beruht (z.B. Futter, Schrecken) oder aufgrund eines seelisch-geistigen Bandes. Das seelisch-geistige Band muss die Intensität einer Sinneswahrnehmung aufweisen. Mir sind keine weiteren Fälle bekannt, bei denen ein Falke sich auf die Schulter eines/r völlig Fremden gesetzt hätte.“

Ich bin sehr dankbar für diese sehr kontrastreiche Kommentierung meines Beitrages, weil mir gerade diese Herangehensweise ermöglicht einige tiefere Aspekte des Verhaltens des Falken mit den seelisch-geistigen Verhaltensweisen des Menschen, insbesondere daselbst des Umgangs mit dem Denken in einer Art erster Zusammenschau korrespondierend einander anzunähern. Wie das? Der Falke und das Denken?

Schauen wir uns die Ausführungen dieses Kommentars etwas genauer an. „Die ersten Schritte zum Zusammenfinden von Falke und Falkner erfolgen in einem abgedunkelten Raum. Der Falkner muss versuchen, sich durch ganz langsame Bewegungen „unsichtbar“ zu machen, um Flucht und Stress beim Vogel zu verhindern.“ Was bedeutet das für das entsprechende Erfassen des Denken? Unterziehe ich dieses einer näheren Untersuchung innerhalb meines seelischen Beobachten so muss ich immer deutlicher erfahren, dass dies gar nicht so leicht ist wie es auf ein Erstes hin scheinbar zu sein erscheint. Von Mal zu Mal wird in meinem Bemühen nämlich sichtbar, dass das Denken so nebenbei nicht zu erfahren, dass heisst in einem Verhältnis Auge in Auge im Innenverhältnis meines seelischen Erfahren zur Anschauung zu bringen ist. Gerade weil Denken von einer mittelmässigen Bildung an aufwärts für allgemein verfügbar gehalten wird weist die genauere Untersuchung schrittweise immer grössere Probleme für das tatsächliche Erfahren desselben aus. Um es bildhaft auszudrücken, das Denken scheint innerhalb der seelischen Erfahrungswelt des Menschen so etwas wie ein Fluchtvogel zu sein.

Ein Fluchtvogel? Die intellektuelle Grundfähigkeit denken zu können, welche heute gleichsam wie selbstverständlich als unverbrüchliches Bildungsgut angesehen wird, von daher also auf der Habenseite geistesgeschichtlicher Entwicklung zu verorten ist sei etwas so Flüchtiges, dass es möglicherweise nicht so ohne Weiteres als allgemein gültiges Bildungsgut verstanden werden könne und dürfe. Hm, ist die Annahme einer derartigen Einlassung nicht mehr als starker Tobak auf die Mühlen gängigen Philosophie Verständnisses? Ist in dieser Richtung zu denken von allem Anfang her also absurd. Der Philosoph Thomas Nagel(1) äussert sich jedoch gerade gegenüber einer sich zeigenden Absurdität im Umgang mit dem Denken nüchtern so: "Philosophie (und Wissenschaft?) darf keinesfalls zu ermässigten Ansprüchen ihre Zuflucht nehmen." Sie fusst auf der steten Weiterentwicklung "ihrer eigenen unterentwickelten Fähigkeiten" und was not tut, so ich in der unweigerlichen Kollision einander widerstreitender Perspektiven auf das "Absurde" stosse, "ist der Wille, es mit ihm aufzunehmen.“(1)

Schauen wir uns also diese Absurdität an. Was im Zusammenhang mit dem Hinschauen auf das Denken zunächst auffällt ist, dass mehr oder weniger geordnete Gedankengänge sich in unserem sogenannten Bewusstseinsraum beständig ineinander und umeinander herum bewegen. Gedanken sind gleichsam unsere unablässigen Begleiter durch und über den Tag hinweg. Doch denken wir deshalb schon, wenn wir derartige Vorgänge in uns konstatieren? Oder gilt hier eher die Aussage: „Denke nie gedacht zu haben, denn das Denken der Gedanken ist gedankenloses Denken. Wenn Du denkst Du denkst, denkst Du nur Du denkst?“(2) Wenn dem aber so sein sollte, dass Gedanken haben bedeutet, dass ich innerhalb eines derartigen Verhaltens möglicherweise nicht wirklich denke, was hiesse dann „wirklich“ zu denken? Gehe ich diesbezüglich zunächst einmal von der Bedeutung des Wortes wirklich aus, dann werde ich auf ein Wirken, ein zu Erwirkendes, ein Verwirklichen verwiesen. Im eigentlichen Sinne also auf eine Tätigkeit aufmerksam gemacht, die (ich ?) im Denken zu vollziehen hätte. Dies berücksichtigend würde dann unabdingbar zur Folge haben, dass ich nur insoweit von Denken sprechen kann, wie ich mir ein zumindest anfängliches Bewusstsein von den Bewegungen erarbeitete, die innerhalb des Denken vonstatten gehen, sobald ich hier selbststeuernd unterwegs bin.

Selbststeuernd: Ein grosses Wort und (Hand aufs Herz) ein noch grösseres Vorhaben, das seiner Verwirklichung nach wie vor harrt. Eine Verwirklichung angesichts deren ungeheuerlich ambitionierter Herausforderung sogar ein so grosser der philosophischen Geistesgeschichte wie Emanuel Kant innerlich wie erschauert zu sein scheint, wenn er einerseits sagt, dass seine Philosophie die eigentlich erste(3) unter allen voraus gehenden philosophischen Bemühungen sei - womit ihm recht zu geben ist - auf der anderen Seite er hinter seiner eigenen Aussage wie zurückzuschrecken sich darstellt, wenn ich die Aussagen von ihm bezüglich des sogenannten Ding an sich meditativ bis auf ihren Grund hin zu untersuchen mich anschicke. Denn, lauschen sie liebe Leser einmal letzterer Aussage wirklich nachhaltig nach, liegt darin nicht unser aller schlafender Wille, den es allseitig seither zu entfalten gilt wie in einem Embryo Zustand zurückgehalten geborgen?

Der Falke ein Fluchttier. Das Denken so etwas wie ein Fluchtvogel, der sich beständig dem Zugriff entzieht. Das Denken und der Wille es hervorzubringen. Der Wille und das Problem des Zugriffs auf ihn in der Erfahrung. Ist intuitives Erfahren in einem transparent zu beschreibenden eigenen Vorgehen für das Erfahren anderer Menschen nachvollziehbar zu machen? Was könnte der Ausgangspunkt für ein derartiges Vorhaben sein? Ein Unterfangen, das auf je eigenen inneren Wegen das Fürchten zu lernen mit wachsendem inneren Mut dazu führt im Angesicht individueller Geschehnisse furchtlos zu werden. Der Dreh- und Angelpunkt für diesen Weg? Das tatsächliche Eingeständnis im Sinne des Sokrates, dass „ich weiss,“ dass ich nicht weis, auf das ich in meinen vorangehenden Blog Essays  unter verschiedenen Aspekten immer wieder einmal hingewiesen habe. Wenn sie also das Wagnis eingehen wollen eine tatsächliche Erfahrung machen zu wollen was es heisst ich weiss, dass ich nicht weiss, dann lassen sie sich vielleicht auf folgende praktische Übung ein. Gehen sie über eine längere Zeit eine Treppe regelmässig bedachtsam Schritt für Schritt nach oben und darauf achtsam auf jede einzelne Phase ihres Tuns achtend wieder langsam nach unten. Wenn sie das wirklich tun, dann werden sie zu einem ihnen gemässen Zeitpunkt von dem Schauer der Bodenlosigkeit berührt werden. Sie werden in diesem Augenblick die Erfahrung machen, dass sie bis dahin noch nie eine Treppe „wirklich“ hinauf und hinunter gegangen sind. Dass sie dies vielmehr taten gehalten von einer Vielfalt unterschiedlicher Vorstellungsleitplanken. Benützen sie deshalb zu ihrer eigenen Sicherheit ein Treppengeländer, um im Erfahren des Schauers von Bodenlosigkeit sich in dieser dennoch halten und dynamisch weiter bewegen zu können. 

Was vermittelt das tatsächliche Erfahren der Bodenlosigkeit? Es vermittelt ihnen ihr ganz und gar einzigartiges Erleben ihrer individuellen Freiheitsfähigkeit. Und noch etwas. Es stellt sie mit dieser Erfahrung abrupt auch unmittelbar hinein in die nur ihnen zu eigen sich gebende Verantwortlichkeit ihres Lebens. Denn ohne eine wie auch immer geartete Erfahrung der Bodenlosigkeit im Laufe des eigenen Lebens ist die lebensgemässe Verankerung einer ersten Philosophie im Sinne von Kant, bzw. die zeitgemässe Fortsetzung der Geisteswissenschaft im Sinne Rudolf Steiners nicht möglich. ✲

© Bernhard Albrecht Hartmann 20.01.2022


(1) Thomas Nagel, "Der Blick von Nirgendwo," Suhrkamp TB 2012, Seite 22 - 24

      https://ich-quelle.blogspot.com/2016/07/einige-anmerkungen-zu-thomas-nagel-der.html

(2) https://www.aphorismen.de  Quelle unbekannt

(3) Siehe Eckhart Förster: Die 25 Jahre der Philosophie, die rote Reihe Band 51  

     Vittorio Klostermann Verlag Frankfurt am Main 2. Auflage 2012

✲  Fortsetzung: https://ich-quelle.blogspot.com/2022/01/mit-den-augen-des-falken-3.html 

Donnerstag, 6. Januar 2022

Mit den Augen des Falken ... (1)

Ein kühner Titel und damit eine Herausforderung zugleich. Eine Herausforderung innere Ausdauer zu entwickeln und zu halten. Denn wer den Falken-Weg geht, der hat sich aufgemacht den Weg des Erwachens zu beschreiten, den Weg des Auge in Auge mit sich ohne Widerrede. Was heisst den vielfältigen Täuschungen, die Dir heute nicht selten im Sekundentakt von aussen wie gleichermassen von innen entgegen treten ohne Umlenkungen jedweder Art zu begegnen. Selbstbegegnung also in fortlaufenden seelischen Beobachtungen nach naturwissenschaftlicher Methode. Selbstbegegnung als Prozess im zeitgemässen Nachgang der Geisteshaltung des Sokrates … des „ich weiss, dass ich nicht weiss.“

Weiss ich, dass ich nicht weiss? Wenn ich hier bemüht ehrlich innehalte, dann irritiert mich diese Frage. Pointierter ausgedrückt muss sie mich im Rahmen eines echten Erkundungsversuches in dieser Richtung geradezu bestürzen, denn was mir in diesem Falle bis anhin als sicher in und durch mein Denken galt, das fängt innerlich dann zumindest für einen kurzen Augenblick zu wackeln an. Stürze ich Sie werte Leser damit in einen endlosen Regress des Zweifelns? Nein, ich lasse Sie hier wie bisher in meinen vorausgehenden Blog Beiträgen nur an meinen „inneren Bewegungen“ des Denkens teilhaben. Doch um von der Seite des eigenen inneren Erfahren mich den Tatsachen gemäss den Gegebenheiten rund um das Denken nähern zu können muss ich den Bogen der Beobachtungsbereitschaft sogleich noch ein wenig mehr spannen, indem ich ihnen kurzerhand zumute dieses ins Auge zu fassen. Denken wir überhaupt, wenn wir vermeinen zu denken? Denken wir „wirklich?“ 

Wirklich? Was heisst wirklich denken? Wenn ich mich genau besinne, dann habe ich bestenfalls eine diffuse Vorstellung davon weil ich mir diese Frage bisher noch nicht ernsthaft, also mit letzter Konsequenz bis an die Grenze dessen, dass „ich weiss“ dass ich „nicht“ weiss innerlich vor Augen gerückt habe. Was Denken ist, das versinkt für mich, ohne Selbstverblendung angeschaut, schlichtweg im Dunklen. Auch die diffizil durch deklinierte analytische Betrachtungsweise auf das Denken hin hat genauer besehen allein dessen verstandesmässig abstrakten Aspekt in die Sichtbarkeit gerückt. Eine erfahrungsbasierte Betrachtung auf das Denken hat Kant damit nicht eröffnet. Das mögliche bewusste Durchdringen des Denkens verblieb in der Formel des „Ding an sich“ wie in sich zurückgehalten.

Warum? Kant hat in seiner Forderung alle Weltzusammenhänge auf Erfahrung hin zu durchdringen und dabei das Denken, je tiefer er es gedankenmässig in seinen vielfältigen Gedanken Bezügen durchdrang wie vergegenständlicht. Verblieben sind als Ergebnis seiner analytisch kritischen Versuche das Denken erfahrungsmässig aufzuhellen am Ende schattenhaft abstrakte, leblose Gedankengebilde. Doch wir täten Kant mehr als unrecht, wenn wir es bei diesem Ergebnis belassen würden. Seine Bedeutung liegt aus meiner Sicht, soweit ich sein geistiges Schaffen überschaue jenseits seiner eigentlichen wissenschaftstheoretischen philosophischen Denkansätze und der technokratisch materialistischen Denk- und handlungsgeleiteten Verfahrensweisen, die ganz wesentlich aus seiner analytischen Philosophie hervorgegangen sind.

Es ist dies die besondere Art des Selbstbewusstsein, das sich als Folge seines abstrahierenden Umgangs mit dem Denken heraus gebildet hat. Dieses wird in der weiteren Entwicklung seither mehr und mehr zum Dreh- und Angelpunkt menschlichen Ausdrucksverlangens durch alle Gesellschaftsschichten hindurch. Immer deutlicher werden in den Auswirkungen des kantischen Denkens alles denken zu können aber auch die Folgen der Teilhabe an seinem abstrakten Freiheitsbegriff. Nämlich:„Wenn >Du< denkst >Du< denkst, dann denkst >Du< nur >Du< denkst, denn das Denken der Gedanken ist gedankenloses Denken. Wenn >Du< denkst >Du< denkst, dann denkst >Du< nur >Du< denkst.“ Das gewonnene Selbstbewusstsein wird innerhalb seiner Tatsachenwelt immer unübersehbarer von allen Seiten herausgefordert in die Selbstverantwortung einzutreten.

Mit dem Selbst-Bewusstsein, dem Bewusstsein >Deiner< selbst, dem Erkenne Dich Selbst, zu dem Kant - so Du ihm innerlich bis an die Grenze des „ ich weiss, dass ich nicht weiss“ folgen willst,  das er durch seine abstrakte philosophischen Analysen eigentlich hintergründig aufdeckt - wenn Du ihm bis dahin folgen kannst, also >Dein< Selbstbewusstsein innerlich so glasklar, was heisst fortlaufend von jedweder Art Anhaften zu schleifen bereit bist, betrittst Du den Falken-Weg, den Weg der im Leben sich verankernden Freiheitsphilosophie. Du generierst Dich selbst durch das sogenannte Ding an sich hindurch als beständig sich in Bewegung haltender und selbst zu initialisierender Ich-Quell ins Leben hinein. Nur so macht die Behauptung Kants Sinn, dass mit seiner Philosophie der Anfang der Philosophie schlechthin gesetzt sei.

Selbstbewusstsein als Alpha und Omega der Entscheidungen, Deiner Entscheidungen zum Leben hin: Machen wir uns nichts vor,  die Analysen des Denkens mit dem wir es tagtäglich in unserem Alltag zu tun haben sind zumeist mehr als uns lieb ist Selbstzüchtungen eigenen Vermeinen über dies oder jenes, was wir von unserer Seite aus in dieses Denken unversehens hineinlegen als Tatsachen gerechtes Ausloten und Erfassen dessen was der Zuträger dieser Gedanken uns eigentlich in diesen vermitteln wollte. Die Diskrepanz zwischen dem Denken, das an uns herantritt und dem Verstehen, das wir diesem über die eigene bereitgestellte Resonanztiefe willens sind  angedeihen zu lassen ist unser tagtäglich Brot, das zu verdauen für uns die Aufgabe ist im Sinne der praktischen Vollendung der analytischen Philosophie - demütig. Versäumen wir es nicht uns zur rechten Zeit hier immer wieder jene Zeit zu geben um uns in so etwas wie einen schwarzen Umhang zu hüllen und alle Resonanzschichten, die diese Art des Denkens in uns hervorgerufen hat still auszuloten. So wie der Falke, der des nachts stundenlang auf einem Baum sitzend verweilen kann und alle Klänge der Nacht durch sich hindurchziehen lässt. Erst wenn sich im Zuge eines derartigen Bemühens in mir kein Widerspruch mehr regt, dann stehe ich an der Pforte dessen was es zu verstehen gilt. Dann regt sich aus meinen Seelentiefen heraus Geist-Erinnern und mein Selbstbewusstsein kann mir als ungetrübter Resonanzkörper echtes Verstehen vermitteln.

Doch was hat das rechte Verstehen mit Geist-Erinnern zu tun? Machen wir uns nichts vor, in den Denkabläufen die von je anderer Seite an uns herantreten, also auch meine Denkabläufe hier in diesem besonderen Augenblick, die ich Ihnen zumute, sie führen nur zu dem einen Ziele sich erinnernd ihrer selbst gegenwärtig zu werden - hier und jetzt. Zumindest dann, wenn sie diese nicht vor sich selbst in der einen oder anderen Art abwiegeln um sich möglichst schnell von Dannen schleichen zu können. Denken ist eben alles andere als eine leichte Sache und manchmal wirst Du dabei mit Denkbewegungen konfrontiert, die sich als nicht so leicht zu verdauen darstellen weil sie dein kunstvoll gestricktes Maskendasein bis in seine Grundfesten hinein erschüttern und ins Wanken bringen. Du weist in solchen Augenblicken unmittelbar, Du kannst das Spiel gegen Dich selbst nicht weiter so fortsetzen. Du kannst nur der werden zu dem Du im innersten veranlagt Dich selbst bestimmst.

Den Falken-Weg zu gehen bedeutet dabei stets bereit zu sein seinen äusseren Lebensweg durch das Innere leere Bewusstsein zu nehmen. Und wundern sie sich nicht wenn ich hier eine Bezugsbrücke zum Bergsteigen, genauer zur anspruchsvollen Kletterei daselbst schlage. Das macht den guten Kletterer nämlich erst zu einem exzellenten Kletterer, so er in allem was er tut, ob im Anstieg zu Kletterwand oder mitten in ihr hängend ruhig Ausschau hält nach dem nächst möglichen Griff oder Tritt auf seinem weiteren Weg, er also ganz in der Bewegung schwingt, die ihn bergan führt. In Bewegung trägt ihn der Augenblick, der ihm alles an Ausdauer und Mut zur Entscheidung im unwegsamen Gelände abfordert, der Augenblick wo Bewegung in leeres Bewusstsein übergeht und leeres Bewusstsein zur tragenden Kraft wird, zur Kraft die ihn nicht abstürzen lässt. 

In einer ganz ähnlichen Verfassung befindet sich der Falke, wenn er des nachts scheinbar bewegungslos in der Spitze eines Baumes sitzt, bewegt in Bewegung die ganze Fülle der Bewegungen dieser Nacht durch sein Federkleid hindurch filtert - auf den einen Augenblick der Entscheidung hin, der ihn seine Flügel spreizen und im Sturzflug das Lied der Freiheit anstimmen lässt. Der Falke - der Wächter der Freiheit Willigen. Lassen wir uns nicht täuschen, in einer Welt  in der das Leben des Falken verfügbar gemacht wird für spektakuläre Falken Schauen, der Falke lässt auch hier nicht über sich verfügen. Er geht weiter seiner Aufgabe nach die Freiheit Fähigen zu suchen und zu ermutigen. So wie es einer jungen Touristin vor einiger Zeit bei einer gross ausgelegten Falken-Schau in Dubai geschah, in der ein Falke unerwartet von seinem Sitzplatz aufflog, um im Tiefflug an einer Reihe von Zuschauern entlang zu gleiten und sich auf der Schulter dieser jungen Frau niederzulassen. Wie sie später erzählte, hatte er schon eine ganze Weile vorher in ihre Richtung geschaut.

Der Falke lässt sich nicht täuschen, er wählt seinen Menschen, den Menschen, der hindurchgegangen ist durch leeres Bewusstsein und diesem Erfahren standgehalten hat.


© Bernhard Albrecht Hartmann, 06.01.2022





Montag, 15. November 2021

Fragment 1/2021 - Aristoteles über das geistige Forschen

Auf Aristoteles geht die Peripatetik, zumindest in der stringenten Anwendung derselben zurück, das Denken und Sprechen im Schreiten, das Denken und Sprechen in und aus der Bewegung heraus. Es wird erzählt, dass er bei seinen Vorlesungen in Platons Akademie und später in seiner eigenen Akademie immer mit einem ein wenig geneigten Kopf vor seinen Schülern auf und ab schritt, während er sie „unterrichtete.“Von was „unterrichtete“ er sie? Er erzählte ihnen von seinem inneren Forschen in eben diesem Augenblick, während er zu ihnen sprach. Er berichtete ihnen von seinem inneren Grenzgang entlang des Nichtwissens, mit den Worten des Sokrates, wie sie von Platon übermittelt wurden, ausgedrückt, von seinem „ich weiss, dass ich nicht weiss.“ Aristoteles schritt, wenn er sprach immer entlang des Ursprungs im Denken, vermittelte die Ursprünglichkeit der Bewegung im Denken und was von daher in Erscheinung trat.

Er erzählte ihnen, dass „er“ sie nichts lehren könne, er könne ihnen alleine aufzeigen, was zu finden sei, wenn sie sich ihrerseits wie er an die Grenzen des ich weiss, dass ich nicht weiss vorwagten und im Zusammenschluss mit der stetig fliessenden Bewegung des Denkens Einblick erhielten, was in diesem ihren ureigenen forschenden biographischen Augenblick zu erfahren möglich sei. Er könne ihnen nur die von ihm weiter entwickelte Fragetechnik des Sokrates ans Herz legen und sie ermuntern in Selbstversuchen niemals nachzulassen. Ergebnisse seien eine Frage des Reifens, erwüchsen mithin aus dem stillen Erwarten im Inneren.

Aristoteles, der Meister des inneren Dialogs … mit dem Geist. Mithin: Die seelische Beobachtung, eine Methode um Denken und Wille wiederum miteinander neu zu verbinden und damit gegenüber dem Geistigen die jeweils Geist gemässe Plattform für sein aktuelles sich Ausdrücken aus dem tatsächlichen Nichtwissen zu ermöglichen. Das bedeutet, dass von heute her ein Erforschen der geistigen Welt nur aus gleichermassen nach innen, wie nach aussen unverstellten Dialogen entstehen kann.

Ohne tief innerliches Lauschen lässt sich keine zeitgemässe Brücke zum Geiste hin erbauen … und Freiheit über alle heute gewohnheitsmässigen Abstraktionen in landläufigen Kommunikationsprozessen hinweg in seiner ursprünglichen Essenz nicht lebendig verwirklichen.

© Bernhard Albrecht Hartmann 15.11.2021

Mittwoch, 10. November 2021

Freude

Dieser Beitrag ist eine Antwort auf einen Kommentar des nachfolgenden Links

https://ich-quelle.blogspot.com/2021/03/einer-wagemutig-fragenden-freundin.html

Liebe Ursa

Du weisst gar nicht wie sehr ich mich über Deinen fragenden Kommentar gefreut habe. Dein „bedingungsloses Interesse“ ist es, das mich Dir offen und über das hinaus, was üblicherweise auf Blog Ebene offen gelegt wird, antworten lässt.

Ja, ich bin nicht aus dem Denken herausgefallen. Im Gegenteil, dieses mir eigene Denken hat mich, zu Ostern ohne jede vorausgehende Vorwarnung mit einer weit fortgeschrittenen, aggressiv  Metastasen bildenden Krebserkrankung konfrontiert, durch alles Folgende hindurch getragen. Heute, nachdem ich über das medizinische Netzwerk guter Freunde innerhalb weniger Tage in die europaweit bestmöglichen fachlichen Hände vermitteltet, umgehend mit einer streng getakteten, mehrmonatigen Therapie beginnen und diese zwischenzeitlich auch abschliessen konnte, darf ich sagen, dass ich entgegen der ursprünglichen Aussichten noch eine echte Lebenszeit vor mir liegt. Medizinisch ohne Symptome kann ich mich als geheilt betrachten.

Die Wochen nach der zuletzt auch physisch sehr herausfordernden Therapie habe ich seither damit zugebracht darüber nachzusinnen, was für mich nach diesem Lebenseinschnitt in der mir geschenkten Zeit als noch zu tun sich anzeige. Dass das was ich auf meinem Blog Ichquelle bisher zur Problematik gegenwärtigen Umgangs mit der Bildung von „Vorstellungen“ in heutiger Zeit, zum Ich Verständnis und Ich Erleben, zum Denken wie auch zu einem zu erweiternden Wissenschaftsverständnis da und dort an gedacht habe, was ich auf Wege der Befreiung als einen poetisch verklausulierten Weg seelischer Beobachtungen für mögliche individuelle Willensdynamisierungen niedergelegt habe, das ist Weg und Baustelle gleicherweise. Und das wird auch vom Ansatz her so bleiben.

Da mein Blog Wege der Befreiung seit Jahren vom Deutschen Literaturarchiv gelistet ist, sowie darüber hinaus per internationaler Bibliothekskennzahl von mittlerweile 16 grossen Bibliotheken, vorwiegend im süddeutschen Raum anscheinend auch registriert wird, ist eine Buchpublikation aus meiner Hand, um die ich mich offen gestanden bisher immer wieder herumgedrückt habe, wohl nicht mehr zu umgehen. Auf welche Weise ich in diese deutlich breitere öffentliche Wahrnehmung gelangen konnte, das weis ich offen gestanden bis heute nicht. Interesse geht offenkundig ihre ganz eigenen Wege, ein Interesse, das ich mir von Seiten spiritueller Kreise durchaus vermehrt gewünscht hätte. Und dies nicht aus persönlichen Gründen, sondern um der Sache praktischer, sozialer Willensdynamisierung willen, um die es im Grunde innerhalb unserer gegenwärtig unabweisbaren gesellschaftlichen Umbrüche geht.

Covid, die weltwirtschaftlich äusserst kritische monetäre Situation, das immer unverblümtere Ausufern des Hashtags in den sozialen Medien mit seinen unter anderem geradezu kruden, aller mitteleuropäisch entwickelten Denkkultur ins Gesicht spukenden Verschwörungsmythen (nicht zuletzt auch von spirituellen Menschen, die eigentlich über ein Basiswissen verfügten, von dem her eine derartige Entwicklung nicht hätte ausgehen dürfen) usw., dies alles scheint in einem Krisenmodus unaufhaltbar auf einen grossen Crash mit schwerwiegenden politischen und sozialen Folgen zu zulaufen. - Und die verdeckte Innwelt Krise, die Krise eines vor allem bewusster zu führenden Willens im Denken vor der gemeinhin kommunizierten Umweltkrise in nicht länger mehr zu verdrängender Weise sichtbar zu machen. Die gegenwärtige Klimakonferenz von Glasgow ist diesbezüglich geradezu ein grotesk tragisches Beispiel politischen Unvermögens zeitgemäss zu denken und zu handeln.

Damit lanciere ich nicht einen weiteren von vielen derzeit auf die eine oder andere Weise publizierten Kassandrarufen, sondern stelle nur, gleichsam wie ein Fremder mich von aussen her in den Blick nehmend der selbsterkennenden Zeitnotwendig, „habe ich in meinem bisherigen Leben über zu viele Situationen hinweg geschlafen, von denen her andere Weichenstellungen möglich gewesen wären?“ Gilt für mich von daher also das Wort: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben?“

Unter einem Gesichtspunkt will und muss ich diesem Gedankengang jedoch sogleich deutlich widersprechen. Ich bin verschiedentlich darauf angesprochen, um nicht zu sagen geradezu unfreundlich angerempelt worden meine auf Ichquelle geäusserten Gedankengänge wissenschaftlich mehr zu verdichten und zu systematisieren. Dies habe ich nicht getan und werde es auch in der nächsten Zeit nicht tun können. Denn die hier peripathetisch angelegten Gedankengänge bedürfen vor aller heute noch nicht absehbaren Systematisierung einer sozialen Praxiserfahrung, einer durch und durch sachlich und wertschätzend geführten Disputatio. Einer Gesprächsbereitschaft über alle etwa vorhandenen Grenzen und Vorbehalte unterschiedlich im Leben unterwegs seiender Menschen hinweg, die trotz mancherlei von meiner Seite in konkreten Situationen angestossener Bemühungen bis heute leider nicht zu Stande gekommen wollte. Der Wille muss auf breiterer Ebene im Denken zu einer Erfahrung werden bevor über ihn weiterreichender wissenschaftstauglich geschrieben werden kann.

Doch die Protagonisten diverser unterschiedlicher Geistesrichtungen schienen letztlich wohl lieber in ihren eigene behüteten Zirkeln verbleiben zu wollen, als die sachlich gegenseitig befruchtende Auseinandersetzung zu suchen, bzw. längerfristig aufrecht zu erhalten oder vielleicht auch aushalten zu können, wenn es im weiteren Verlauf auch nur möglicherweise darum hätte gehen können eigene eingemachte Töpfe zu öffnen und die Zutaten bisheriger Denkbemühungen neu abgeschmeckt zu verkochen. Dass solches Verhalten weit ab davon liegt die Möglichkeiten eines freien Geisteslebens zu nutzen und praktisch innerhalb dieser weiter zu entwickeln, das schien mir dabei eher nicht in den Fokus gerückt zu werden.

So bin ich im Durchgang durch meine eigene Lebenskrise im Laufe dieses Jahres in einem modernen Sinne vor die Situation gestellt mich in meinem Denken, Fühlen und Wollen gleichsam an den „Jordan Fluss“ geführt zu sehen, den seit uralten Zeiten so benannten „Fluss der Reinigung oder auch des Metanoia.“

Mit Blick auf die gegenwärtige Gesellschaftslage in etwas anderen Worten sozialkritisch zum Ausdruck gebracht: Es wird zum wer weis wievielten Male „gegen“ Covid geimpft, bzw. freundlich gesagt mit den erstaunlichsten Argumenten sich gegen eine Impfung ausgesprochen. Was beidseitig in dieser gesellschaftlichen Lage aus meiner Sicht nicht wirklich bedacht wird, das ist die vertiefte Durchleuchtung der Hintergründe dieser Vorgänge und das sind mannigfaltige Vorstellungsverkrustungen hinsichtlich der zugrunde liegenden Wirklichkeitsbezüge, bzw. der notwendig zu dynamisierenden Denk- und Willensbewegungen innerhalb dieser Zusammenhänge, die eigentlich anstehen geistesgegenwärtig durch geputzt zu werden. Ein vom Bewusstsein her zu vertiefendes Erfahren von dem was Immunisierung ist bzw. an vielfältigen unterschiedlichen Faktoren eigentlich umfasst. Ein Bewusstsein für Immunisierung, das nicht nur auf Gefahrenabwehr beruht, sondern auch auf „atmender“ Weltoffenheit. Nicht umsonst offenbart sich uns Covid auch als Atemwege Erkrankung. Lernen wir von daher also wieder über Grenzen hinweg einander atmend zu begegnen. Zukunft beginnt in der Offenheit des Herzens eines rein menschlichen Interesses.

Liebe Ursa. 

Wir sind uns durch Deinen Kommentar auf der Hochseil-Brücke begegnet und Du hast mir auf die Beine geholfen (lächel). Denn: Ich habe in den vergangenen Wochen eine nicht unerhebliche Anzahl von Anläufen unternommen wieder zu schreiben, doch das meiste davon schon im Anflug verworfen, obwohl es vor meiner inneren Anschauung sich durchaus bedeutend genug zeigte es schreibend weiter zu entwickeln. Wenn es um lebendig Geistiges geht dann bedarf dieses eben eines aktiven sozialen Interesses, damit es in Erscheinung treten kann. Das ist mir in den letzten Wochen noch einmal verstärkt zum Bewusstsein gekommen. Ein Interesse nicht des anhaftenden zu Füsse Liegen um eine wie auch immer geartete Lehrerpersönlichkeit oder gar eine im Grunde kraftlos gewordene nostalgisch verbrämte Erinnerungskultur im Hinblicken auf eine verstorbene, ehedem bedeutende Geistespersönlichkeit der Vergangenheit. Nein, diese Art des Verbindung Schaffens zu geistigen Belangen ist vorbei. Was not tut ist, dass Schüler und Lehrer vergangener Zeiten im Hier und Heute sich beidseitig aufraffen zu einer aktiven Partnerschaft auf Augenhöhe. Die knospende Blüte des Gral will aufblühen in ein Morgenrot des Geistes hinein.

© Bernhard Albrecht Hartmann, 10.11.2021