Samstag, 28. Dezember 2013

Unter der Platane - Ein Dialog über die Zeiten hinweg im zeitlosen Nullfeld I

Einleitung - Der nachfolgenden Dialog entstand vor dem Hintergrund meines auf meinem Blog am 10. 09. 2013 eingestellten Gedichtes Platon: https://wege-der-befreiung.blogspot.com/2013/09/plato.html und des von Barbara Hauser dazu verfassten Kommentars vom 17. 09. 2013, den ich hier im Wortlaut einstelle, weil die im Kommentar angegebene Quelle zwischenzeitlich geschlossen wurde.


„... die Idee erst geschaut, und dann neu belebt, in dunkler Höhle erinnert.
Bewusstheit zeigt sich uns erst im "erwachten" Ich -
ein Konzept, ein Phänomen, das uns dient und verstanden wird, wenn wir gereift.

Er hätte die indischen Lehren gekannt, las ich von Plato ...

Bewusstsein sprudelt - gleich einem Quell -
erschafft sich in tausenden Bildern - die wie ein Film vorüberziehen -
ein Traum - bis sein Träger die Hypnose, die Illusion erkennt,
er sich nicht mehr in Unglück noch Glück involviert ...

Von diesen Fesseln befreit, wendet er sein(e) Ge-sicht der Sonne zu,
wird zum Klangkörper mehr und mehr in gesteigerter Wachheit.
Vom Lichtsturm berührt schwingt er, wird gespielt vom GROSSEN ICH“

Was in diesem Dialog zur Sprache kommt, das ist als ein Versuch zu verstehen, einige Geschehnisse um Aristoteles und Platon herum, eingebettet in eine poetische Ummantelung, tiefer zu decodieren und den Blickwinkel damit zu weiten für mehr Hintergründiges im Lebenslauf dieser beiden Geistesgrössen.
Einige wenige Mosaiksteine sind damit aneinander gereiht, deren Viele noch folgen können, wenn einmal die Kraftgestalt in den Werken von Aristoteles und Platon vertieft forschend angegangen werden sollte. Die Zukunft wird es weisen, ob sich Menschen finden, die ein scheinbar abgegrastes Feld der Forschung mit einem innerlich geweiteten Blick erneut betreten wollen, um bis anhin in tieferen Schichten verborgen gehaltene Schätze zu bergen.


Kretos:  Es sind deine Worte Saphira, „Bewusstheit zeigt sich erst im „erwachten“ Ich“ ...  im? ...
Ist das Ich ein Etwas oder ist es in seiner Essenz ein so Flüchtiges, das in seiner Prozessgebärde nur schwer bewusst erfasst und noch schwerer sich zum Erleben gebracht werden kann? Unbemerkt vom Verstand innerlich statisch verfremdet, irgendwo weit oben, fern von Dir, ein (nicht zu erreichender) Zielpunkt oder direkt vor deiner Nase in der Unmittelbarkeit Deines Augenblicks, selbst im grösstmöglich erfahrbaren Dunkel? Niemals wirklich zu erfahren aber innerhalb der Fluchten bejammerter Schwächen.

Saphira: Du gehst glasklar zur Sache, hebst ein jedes Wort gleichsam auf, drehst es in Deinen Händen, um seinen Gehalt Dir zu vergegenwärtigen. Das, mein lieber Kretos, schätze ich so sehr an Dir, Bewusstheit ist für Dich mehr als ein von Vielen so beschworenes Wort, es ist unmittelbare Tat.
Das macht Dich aber auch irgendwie unnahbar, wie ich in Gesprächen mit Dir zu wiederholten Malen schmerzhaft erfahren habe. Du weist, ich bin schon mehrfach mitten in einem unserer Gespräche aufgesprungen und innerlich zutiefst aufgewühlt aus den kühlen Hallen dieses Platanen Haines davon gestürmt. Dein stilles, warmherziges Lächeln hat mich ein jedes Mal wieder zu Dir zurück gerufen.

Kretos: Nun, ich habe selber lange gebraucht, um mich in diesem meinem Verhältnis zu meinen Mitmenschen zu verstehen. Im fortgeschrittenen Alter weis ich heute, da Aristoteles schon lange nicht mehr unter uns weilt, dass dies der Geist, wie auch der Preis der Freiheit ist, den uns Aristoteles dereinst unscheinbar zwischen allen seinen Worten gleichsam einzuhauchen versucht hat. Du kannst nicht „über“ Bewusstheit sprechen. Entweder lebst Du Bewusstheit in Deinen inneren und äusseren Dialogen oder Du träumst Dich selbst in einer Fata Morgana. Deine Worte sind nicht wirklich authentisch eingewurzelt in Deinem Alltag.
Und das ist, wie Du selber weist Saphira, eine lebenslange Herausforderung. Der Atem der Freiheit umgibt Dich mit einer ganz eigenartigen Kühle, was, wie Du sagst, ja ein warmherziges Lächeln nicht ausschliesst.

Saphira: Bei aller Klarheit, Du weist Dein Sagen mit Charme zu umkleiden.
Doch zur Sache: Ich kann nicht verhehlen, dass meiner Aussage noch ein Hauch von Statik innewohnt. Trotz eines weit um sich greifenden Bemühens bremse ich den Bewusstseinsstrom in mir immer wieder einmal aus und das hat dann Aussagen zur Folge, die Du scharfsichtig sofort aushebelst, selbst wenn auch nur ein Wort darin leicht in Schieflage daher kommt.
Der Tatbestand, den wir hier gemeinsam betrachten, ist ja auch wirklich schwer von der Beobachtung her zu fassen und in geeignete Worte zu bringen. Du sagst es ja selber.

Kretos: Dein versöhnlicher Ton stimmt mich froh, konnte mein Sagen doch als eine unverhältnismässige Kritik aufgefasst werden, wo es mir allein um die Sache ging. Dass Du Dich jetzt nicht in die Flucht schlagen liessest, freut mich sehr. Es scheint mir, Du bist im Laufe unserer nicht wenigen Gespräche über Bewusstseinsfragen innerlich standfester geworden.
Du lebst mehr Gelassenheit und das spornt mich innerlich an, mich daran zu wagen noch mehr von dem, was ich in meinen jüngeren Lebensjahren aus dem Munde von Aristoteles unmittelbar vernahm und was sich in den Folgejahren aus mannigfaltigen Keimen in mir still weiter entwickelte, jetzt in Worte zu fassen.
Du selbst bist ja dazumal aus der Akademie des Platon, in der Aristoteles zu dieser Zeit lehrte, geflohen, weil Dich seine Gedankengänge in Deiner noch lebendigen Rückbindung an die Mysterien Welt so sehr erschütterten, dass Dir, so erinnere ich mich an Deine Worte, nur die Flucht blieb. Seine Ausführungen erschienen Dir so kühn und gewagt, dass Dir bei der Annahme innerlich schwindelig wurde, daraus könnte sich in ferner Zukunft einmal eine erneuerte Mysterien Schulung ergeben.
Du erinnerst Dich gewiss noch an die Worte des Aristoteles, die er unmittelbar vor Deiner Flucht aussprach, dass das Ende der alten Mysterien Kultur mit dem Brand von Ephesus unumkehrbar eingetreten sei und dem zu Folge die Zeit danach nur noch Niedergang nach sich ziehen könne. Dem aber konntest und wolltest Du nicht beipflichten, war doch dein Vater in Deinen Augen ein Eingeweihter der Mysterien von Eleusis.
Was Du in der schönen Verehrung für Deinen Vater damals nicht zu wissen schienst, war, wie sorgenvoll dieser seinerseits die Entwicklung der Mysterien Schule von Eleusis innerlich begleitete. Immer weniger Schüler gelang es über die ersten Prüfungen hinaus weitere Stufen zu erklimmen und die damit verbundenen Prüfungen zu meistern. Den Rang, den Dein Vater noch einnahm, hat nach ihm niemand mehr erreicht. Er war der Letzte seines gleichen in Eleusis und litt unendlich darunter.
Wie so mancher aus den Reihen der Lehrenden an seiner Schule, schloss er sich aber nicht den Gegnern um Aristoteles an, die mit ihren Angriffen letztlich nur einen Mysterien Status verteidigten, der in sich hohl und leer geworden war.

Saphira: Ja, ich bin heute in vieler Hinsicht gelassener in meinem Lebensausdruck, als in den Tagen, da mein Vater noch lebte. Ich trage sein Lebensvermächtnis in meinem Herzen, das er mir unmittelbar vor seinem Hinübergehen anvertraute.
Saphira, so flüsterte er mir in mein ihm tief zugeneigtes Ohr, mit dem ich seine letzten Worte gleichsam einzufangen versuchte.
„Eine jede Entwicklung geht durch ihren Nullpunkt, um gestärkt daraus für weitere Entwicklungsschritte hervor zu gehen. Auch Du wirst diese Erfahrung in Deinem Leben in sich steigernden Formen immer wieder durchzumachen haben. Wenn es soweit ist, so stehe mutig und standhaft in Dir und alles wird sich zum Guten hin fügen.“
„Ich weis nicht mit letzter Gewissheit, wo hinaus Aristoteles strebt, in dem er die Mysterien Schulung so auf den Kopf stellt, wie er es in Platons Akademie, eine jegliche Geheimhaltung ganz offen brechend, tut. Aber ich bewundere seine innere Standfestigkeit in seinem Tun, da ich in meinem eigenen Leben es zu vielen Malen erfahren habe, wie lebendige Standhaftigkeit einem letztlich zu neuen Ufern führt. Bleibe mit seinen Worten in Verbindung, prüfe und kläre sie auf Deinem inneren Erfahrungsfelde, mit der Strenge Dir selber gegenüber, wie Du sie in der Mysterien  Schule von Eleusis vermittelt bekommen hast, nicht zuletzt auch durch mich. Bleibe aber nicht an dem alten Erfahrungswissen der Mysterien Schule hängen, wenn Dich Deine inneren Erfahrungen neue Wege weisen sollten. Gehe sie mit Mut.“
„Ich gehe jetzt als Blinder über die Brücke in die Geistwelt hinüber. Wenn wir uns in einer neuen Zeit dereinst wieder sehen werden, dann, so hoffe ich, werden Deine Erfahrungen mir helfen aus meiner Blindheit heraus zu finden, hinein in eine sich erneuernde Mysterien Kultur.“

Kretos: Welch eine Geistesgrösse Saphira, sich selber als Blinden sehen zu können und das bei dem Rang, den er in Eleusis einnahm! Mich umwehen Schauer tiefster innerer Erschütterung und Hochachtung.

Saphira: Mir geht es nicht anders, wenn er mir lebendig, wie jetzt, vor meinem Herzauge steht. Aristoteles in seinen Aussagen vor meinem inneren Erfahrungsfeld zu prüfen, dieses Vermächtnis begleitet mich seither durch alle Tage meines Lebens. Aktuell unter dem Frage Aspekt: „Bewusstsein sprudelt gleich einem Quell“ ... und meinem Wissen, dass Platon die indischen Lehren (also altes Erfahrungswissen der Mysterien) gekannt habe. Wie  kann das zusammengehen?
Ich gelange in meiner inneren Erfahrungswelt immer mehr zu der Gewissheit, dass altes Erfahrungswissen zu nichts nütze ist, wenn es nicht im Hier und Jetzt meines Alltags zu einem sprudelnden Quell werden kann. Weisheiten, mit denen ich andere Menschen  „beglücke“ ziehen mehr Unbill nach sich, als dass sie evolutionäre Prozesse im anderen Menschen und in mir auslösen können. Nur das, was existentiell und lebendig sich durch mich dialogisch auszudrücken vermag, das kann Wirkung erzeugen und Entwicklung auslösen. Für ein erneuertes Mysterien Wesen ist meine existentielle Lebensauthentizität Prozess auslösend. Insofern kann ich mich heute auch nicht mehr auf irgendwelche Lehrer stützen, die mir sagen, wo der Weg lang geht. Ich muss mein eigenes Erfahrungsfeld immer wieder neu zum Prüffeld für den nächsten Lebensschritt klären und aktivieren. Freiheit hat ihren Preis.

                                   Aristoteles
Kretos: Das ist auch meine Auffassung.
Deine Rede weckt jedoch auch eine alte Erinnerung in mir, die auf ein Erleben deutet, das mich seinerzeit unendlich bestürzte. Ich denke, dass ich es deshalb bisher in mir verschlossen gehalten und Dir nicht davon erzählt habe, wie ich sonst Vieles mit Dir auf diesem Felde geteilt habe. Es betrifft die letzte Begegnung zwischen Aristoteles und Platon, deren Zeuge ich war. Vielen Zeitgenossen wurde es zum Rätsel, dass sich diese beiden Grossen von einem bestimmten Zeitpunkt an offenkundig nicht mehr begegneten.
Du weist, dass mich Aristoteles immer wieder gerne an seiner Seite wusste, wenn er sich ausserhalb der Akademie Platons bewegte. Es war ihm einfach eine Vergnügen, ihm, der so viele Begebenheiten des Alltags, die gerade sein Blickfeld kreuzten, zum Anlass  nahm daran philosophische Überlegungen zu entwickeln, diese seine Gedankenbewegungen nicht auf und ab schreitend in inneren Selbstgesprächen durch zu gehen, wie er es auch gerne zu tun pflegte, sondern in einem lebendigen Gedankenaustausch mit einem Gegenüber zur Entfaltung zu bringen.
Ich habe in diesen lebensnahen Dialogen mehr von ihm gelernt, als bei seinen durchaus ja auch lebendigen Ausführungen in der Akademie des Platon. Die Anbindung an das Leben, war in diesen Dialogen, z.B. an den Ständen irgendwelcher Händler von einer Unmittelbarkeit durchdrungen, die mich in meinen eigenen Argumentationen immer wieder über mich selbst hinaus wachsen liessen. Es kam nicht selten vor, dass ich über das staunte, was ich gerade selber hervorgebracht hatte.

Saphira: Dieses Erleben kenne ich auch. In der Zeit als ich noch bei Aristoteles in der Akademie weilte, wusste er ja auch schon seine Schüler innerhalb seiner Ausführungen immer wieder in Dialoge einzubinden. Darin war er ein echter Künstler. Unversehens warst Du in einen Prozess verwickelt und Du stauntest am Ende nicht wenig, was sich da mit Dir ereignet hatte. Deshalb bereitete mir ja auch mein Weggang von Aristoteles so grosse innere Schmerzen. Gleichsam zwischen zwei Stühlen stehend verstand ich die Welt um mich herum nicht mehr.
Erst nach Jahren klärte sich dieser Zustand in mir so weit, dass es gut war, was dazumal geschehen war. Ich war innerlich selbständiger geworden und musste nicht mehr zu einem Lehrer aufschauen, wie ich es noch in der Akademie von Platon bei Aristoteles und vorher schon während meiner Ausbildung in Eleusis getan hatte. Dem Vermächtnis meines Vaters folgend errichtete ich mein eigenes Prüffeld innerhalb meiner Erfahrungswelt und konnte darauf zugreifen, wann immer ich es wollte. Ich fühlte mich frei und das machte es mir erst möglich Aristoteles, wie ich jetzt weiss, tiefer zu verstehen.
Es ist schon merkwürdig, was alles geschehen muss, dass Du zu Dir selber hin erwachst, die Kraftgestalt im Denken in Bewegung, was das Ziel von Aristoteles Bemühungen war, sich im inneren Erleben  vergegenwärtigen zu können.

Kretos: Ja, meine Liebe, was muss alles geschehen, damit Menschen ihren Weg zu sich selber sehen und nicht nur das, sondern auch gehen wollen?!
Auf Aristoteles und Platon und ihr Schicksalsgespräch bezogen, umweht mich noch heute immer wieder einmal Erschütterung.
Wir wanderten gemeinsam zur Akropolis hinauf. An diesem Tag aber zogen schwere Gewitterfronten hinter dem Tempel auf, begleitet von einer Schwüle, die uns das Atmen beim Anstieg schwer machte. Auch war der Ton im Gespräch zwischen den beiden deutlich schärfer als sonst, wie mir heute in der Erinnerung darauf erst wirklich sichtbar wird.
Als wir dann oben am Rand des Tempelberges, mit Blick auf die Stadt standen, schwieg Aristoteles urplötzlich. Über Minuten hinweg breitete sich eine Stille zwischen uns aus, die eine beinahe unerträgliche Spannung nach sich zog. Ich sehe ihn, wie er mit seinen Augen die aufziehenden Gewitterfronten zu durchdringen suchte, bevor er dann wieder zu sprechen begann. Seine Worte aber schienen, obwohl nicht besonders laut, wie von einem Fanfaren Klang durchdrungen, der mir eine Erschütterungswelle nach der anderen über den Rücken jagte.
Er stand da wie ein Feldherr, die ganze Kraft des Gewitters wie in sich hinein genommen und wies mit ausgestrecktem Arm in Richtung des Marktplatzes, wo sich die Händler tummelten.
Mit Blick auf Platon sprach er dann:
"Dort hinunter führt der dialogische Weg, mitten durch den Tumult des Händlergeschreis. Wenn Deine Schüler ihre Dialogfähigkeit, wie Du sie lehrst, nicht dort bewähren lernen, dann werden sie für das Leben untauglich bleiben. Dein Schöngeist wird mit wenig praktischem Nutzen, in endlosen Redeschlachten zum blossen Selbstgenuss  in ihnen verkommen." Dann  schaute er  Platon, wie es mir
Platon
erschien, lang, lange in die Augen und flüsterte: „Ich gehe jetzt mein Freund, denn ich weiss um meinen Weg.“
Platon aber, so als ob er nicht wisse wie ihm geschah, sprach fassungslos mit zittriger Stimme: „Du, mein bester Schüler, gehst?“ 
Aristoteles aber wandte sich darauf hin nur wortlos ab und ging festen Schrittes hinunter in die Stadt. Nach einigen Schritten hielt er aber noch einmal inne, wandte sich um und sprach die folgenden Worte, die schon etwas aus der Tiefe heraus beinahe gespenstisch in ihrem Nachhall herauf tönten.
„Durch die Zeiten hindurch werden wir einander noch oft begegnen, aber Freunde werden wir uns erst wieder nennen, wenn auch Du Deinen Weg durch die Tiefe gefunden und wir, ein jeder für sich, diesen Weg ohne innere Ausflucht gehen. Der versteckt innere Eremit in Dir bremst die Kraft, mit der Du Deine Schüler lehrst aus, sie bleibt in einer ideell-himmlischen Sphäre hängen und kann so nicht durch die Tiefe gehend in der Unmittelbarkeit des Augenblicks aus dem Nichtwissen heraus gegenwartsfähig werden. Du hast die Lehre des Sokrates auf wunderbare Weise weiter gegeben, doch in ihrer Essenz bist Du seinem Weg nicht gefolgt und durch den inneren Tod gegangen. Das aber macht Dich zu einem versteckten inneren Eremiten, zu einem Meister, dem die Augenhöhe zu seinen Schülern fehlt. Des Lebens Quell aber kann sich nur auf dieser Ebene öffnen, - werter Freund!“
Platon ging, nach einer endlos erscheinenden Zeit mit gebeugtem Schritt dem Tempel zu und entzog sich damit den Blitzen des Gewitters, die sich jetzt unmittelbar über dem Tempelberg entluden. Ich aber ermannte mich aus meiner Erschütterung erst wieder, als ich im heulenden Sturmwind die Nässe des peitschenden Regens durch meine Kleider hindurch auf der Haut spürte. Wie ich in die Stadt hinunter in mein Haus gelangte, ich weiss es heute noch nicht.

Saphira: Des Lebens Quell öffnet sich auf Augenhöhe von Du zu Du! Was Aristoteles damit sagte, das habe ich in den zahllosen Gesprächen mit Dir erfahren dürfen. Ich konnte und durfte ein neuer Mensch werden, denn ich habe mich selbst gefunden.

Kretos: Ja, das ist so.

Saphira: Und, bist Du  Aristoteles in den Tagen nach „diesem Gespräch mit Platon“ wie gewohnt wieder begegnet, Du warst doch sein intimster Schüler.

Kretos: Nein und ich kann nicht verhehlen, dass mich das sehr schmerzte. Mir schien es, dass er sich bewusst jedem weiteren Gespräch entzog.
Es dauerte lange bis ich begriff, dass er Platon bei diesem so erschütternden letzten Gespräch eine Frage gleichsam Welten bewegender Dimension, zu klären allein auf dem ureigenen inneren Erfahrungsfeld, hinterlassen - der Schüler dem Lehrer - und mir im gleichen Atemzug ein ganz persönliches Vermächtnis indirekt zugesprochen. Ich war ja in der Zeit vor diesem Ereignis immer wieder über ihn mit den Händlern auf dem Marktplatz ins Gespräch gekommen und begann mehr und mehr zu verstehen, dass er mir den Auftrag den Dialog weiter unter das Volk, im Dialog keimfähiges Mysterien Wissen gleichsam auf die Strasse zu bringen hinterlassen hatte. 
„Die Welt,“  wie ich mich erst sehr viel später wieder erinnerte, so hatte er einmal an einem Händlerstand zu mir gesagt, „wird immer mehr dem Abgrund entgegen taumeln, wenn es nicht gelingt die Mysterien Burgen der Weisheit auch innerlich zu verlassen und auf der Strasse lebendige Dialoge zum Entflammen zu bringen.“ Das also war mein Auftrag und ich folgte ihm fortan, wie Du aus eigenem Erfahren weisst, auf allen mir nur möglichen Wegen.

Saphira: Und was ist mit Platon geschehen? Wie mir zu Ohren gekommen ist, hat er seine Akademie geschlossen!

Kretos: Ja, das hat er und der unmittelbare Anlass für diesen Schritt war jenes Streitgespräch mit Aristoteles.
Wenn ich ihm in der Folgezeit in der Nähe seines Hauses oder sonst in der Stadt einmal begegnete, wirkte er auf mich ein jedes Mal wie ein in sich gebrochener Greis. Er schien beständig über irgend etwas tief traurig nachzudenken. Die Rede des Aristoteles muss ihn unendlich getroffen und nachhaltig erschüttert haben. Es dauerte ein volles Jahr, bis er, wie erwachend aus einem langen schweren Traum, so erschien es mir dazumal, mich vor seiner geschlossenen Akademie ansprach. Seine Augen hatten all ihren früheren Glanz und Kraftausdruck verloren. Es schien fast so, als ob es ihm unendliche Mühe machte die folgenden Worte an mich zu richten.
„Kretos, hat Aristoteles bei unserer letzten Unterredung gemeint, ich sei ein geistiger Eremit?“Ich sah ihn nur mit grossen Augen an und schwieg. Er schaute seinerseits erwartungsvoll auf mich, bevor er nach einer geraumen Weile zu verstehen schien, dass er diese Frage nur allein für sich klären könne. Mir selber aber brach in diesen wie zeitlos gedehnten Augenblicken beinahe das Herz ob seines tiefen Schmerzes. Ich konnte ihm nicht helfen.
Für mich war klar, dass die innere Dimension dieser Frage schwer an ihm nagte. Hatte er doch das Denken, auf das sich auch Aristoteles in ganz eigener lebendiger Weise bezog, auf hohem Niveau ideell begründet. Der Umstand, dass er mit seiner Person sich innerlich in ein geistiges Eremiten Dasein verfangen haben könnte, rüttelte schwer an den Grundfesten seiner Persönlichkeit. Zudem auch noch die Tatsache, dass er Aristoteles verloren, den er unzweifelhaft als seinen Nachfolger in der Akademie gesehen hatte. Beides zusammen zu tragen war ganz offenkundig zu schwer für ihn. Nicht lange danach starb er.

Saphira: Nun, Aristoteles sprach ja davon, wie Du mir erzähltest, dass sie sich in zukünftigen Zeiten immer wieder begegnen würden, ein vor meinem Erfahrungshintergrund unerhörter Vorgang, derartiges Wissen gleichsam in den öffentlichen Raum hinaus Preis zu geben. Dass ihm Mysterien Verrat angelastet wurde, das wundert mich bei einer derartigen Redeweise nicht mehr.
Und doch bewundere ich ihn im gleichen Atemzug ob seines konsequenten Mutes!

Kretos: Welche Feuerkraft in Aristoteles wirkte, das trat ja nicht allzu oft in Erscheinung, seine sprudelnde Unmittelbarkeit in der Rede mit Händlern und anderen Menschen ausserhalb der Akademie hingegen häufig. Das Erstaunliche dabei war, dass dann seine Rede sehr einfach und schlicht im Ausdruck werden konnte. Er schlüpfte gleichsam in  die Redeweise der einfachen Leute wie hinein. Aus dem Kreise des gemeinen Volkes kamen ihm auf diesem Wege immer wieder viele Sympathien entgegen, was für die gebildeten Athener  so nicht unbedingt zutraf.
Ich erinnere mich, nachdem Aristoteles von Athen weggegangen war, dass eines Tages unvermittelt einmal Pausanias, ein Schmied auf mich zutrat und mich ansprach. Ist dein Name nicht Kretos, jener Kretos, der vor Jahren mit Aristoteles in seiner Werkstatt gewesen sei und nach einem nicht ganz alltäglichen Nagel gefragt hätte, den ich zu eurer beiden Glück gerade vorrätig hatte. Entfernt mich erinnernd nickte ich.
Darauf sprach er weiter. Aristoteles sei schon ein bemerkenswerter Mann. Er wäre an jenem Tag länger an seiner Esse gestanden und habe ihm beim Schmieden zugeschaut, bis er urplötzlich fragte, warum ich das Schwert, das ich gerade schmiedete nicht zwischendurch einfach eine Weile aus der glühenden Hitze nähme, um es ruhen zu lassen. Ich brummte nur etwas vor mich hin und antwortete darauf weiter nichts. Aristoteles aber verliess wenig später meine Werkstatt mit einem merkwürdigen Lächeln, woran ich mich erst erinnerte, wie das Schwert, das ich dazumal schmiedete, nur wenige  Monate nachdem ich es verkauft, zerbrochen wieder zurück in meine Hände gelangte.
Hier unterbrach ich seine Erzählung und sagte, ja genau so sei es gewesen. Ich hätte Aristoteles im Hinausgehen noch gefragt, warum er denn so lächele, er habe auf seine Frage hin doch nur ein abweisendes Brummen zu hören bekommen, worauf er nur weiter lächelte und durch dichte Menschentrauben beschwingten Schrittes auf einen Gemüsestand zustrebte, den er regelmässig aufzusuchen pflegte.
An dieser Stelle schauten der Schmied und ich einander in die Augen und lachten, gemeinsam erkennend, dass Aristoteles das Zerbrechen des Schwertes wohl voraus gesehen habe.
Sich auf die Brust schlagend, fuhr Pausanias dann fort weiter zu erzählen, habe er im Rückgriff auf die seinerzeitige Frage von Aristoteles einige Versuche unternommen, um herauszufinden, was Aristoteles durch seine Frage ihm habe sagen wollen. Und er sei fündig geworden. Er habe die Spannungsprozesse beim Schmieden mit verschiedenen Metallen unterschätzt, hätte nicht genau genug hingesehen, was da unter seinen arbeitenden Händen geschah, sonst hätte er den Hinweis von Aristoteles schon damals verstanden.
Inzwischen habe er seine Schwert Schmiedetechnik nun soweit verbessern können, dass er in dieser Kunst bereits zu einem Geheimtip in gewissen Kreisen zu werden scheine. Bei Aristoteles könne er sich für dessen sehr Gewinn bringenden Hinweis leider nicht bedanken, da dieser seit längerer Zeit Athen verlassen habe. 
Er achte aber mittlerweile bei seinen Lehrlingen sehr darauf, dass sie ihr Beobachten auf das eigene Tun hin übten. Auf diese Weise halte er das Andenken an diese Begegnung mit Aristoteles hoch und erzähle auch immer wieder einmal, was er Aristoteles verdanke, wenn ihm da oder dort in einer Unterhaltung eine abfällige Bemerkung über dessen Schriften begegne.
Im nach hinein betrachtet, habe sich diese Begegnung geradezu als eine „Lehrstunde“ von grosser Tragweite erwiesen. Er beobachte sich in seinem Verhalten zu seinen Mitmenschen seither viel intensiver und habe dadurch einen völlig neuen Zugang zum Leben gewonnen. 

Saphira: Mein lieber Kretos, Du weisst, dass ich mich in meinem Denken und Erleben nicht über das so genannte gemeine Volk stelle, denn Bescheidenheit zu leben ist eine meiner wichtigsten Lektionen, die gelernt zu haben ich Aristoteles verdanke.
Mir ist es bei seinen Unterweisungen in Platons Akademie nicht selten passiert, dass ich, während er vor uns Schülern auf und ab gehend seine Gedanken entwickelte, ich seine äussere Gestalt wie völlig aus den Augen verlor, so nahm er mich in seine Rede mit hinein. Ich gelangte innerlich zu einem unmittelbaren Gleichklang mit seiner Rede, ohne aber und das ist mir in der Rückerinnerung das Ausserordentliche an diesem meinen Erleben, mich selber dabei zu verlieren.
Aristoteles besass in seinem Reden eine Fähigkeit, in deren Folge er seinen Zuhörern das Äusserste an innerer Aktivität abverlangte, sie deshalb aber auch völlig frei liess. Er band seine Schüler nicht an sein Wort, freute sich vielmehr, wenn ihm widersprochen wurde und er sich mit dem Widersprechenden gemeinsam auf einen Weg der genaueren Erkundung des jeweiligen Sachzusammenhanges machen konnte.
Im Gegensatz zu so manchem Mysterien Vertreter war er gänzlich uneitel in seinem Auftreten. Und genau dies brachte ihm beim gemeinen Volk auf dem Marktplatz und in den Strassen immer wieder viele Sympathien ein. Wenn er sich dort in ein Gespräch verwickeln liess, so war er einer von ihnen, fern allen Dünkels. Selbst was seine Kleidung betraf, liess er äusserste Einfachheit walten. Wer ihn von der Akademie her nicht kannte, der konnte nicht vermuten einen Gelehrten vor sich zu haben, geschweige denn noch dazu einen der gelehrtesten Menschen seiner Zeit und genau deshalb traf ihn auch so viel Neid.

Kretos: Neid und Vorurteil vertrieben ihn ja schlussendlich auch endgültig aus Athen, sodass er nicht am Hauptort seines geistigen Wirkens, sondern auf seinem Landgut in Euböa verstarb.
Ich habe Dir ja erzählt, dass ich Aristoteles nach seinem Schicksalsgespräch mit Platon nicht mehr begegnete. Hier aber muss ich etwas ergänzen. Ich begegnete ihm viele Jahre nicht mehr. Erst als er mehr als 10 Jahre nach Platons Tod seine eigene Schule in Athen begründete traf ich ihn wieder. Er fragte mich, ob ich an seiner Schule unterrichten wolle. So sehr mich diese Frage überraschte und mich gleichzeitig auch freute, so wusste ich unmittelbar, wie ich ihm darauf zu antworten hätte.

Saphira: Und, hast Du ihm zugesagt. Für mich gibt es nämlich keinen Schüler des Aristoteles, der für diese Aufgabe geeigneter gewesen wäre als Du.

Kretos: Nein, denn ich hatte beim Lesen seines Briefes innerlich sofort erfasst, dass er mich mit dieser Frage prüfen wollte. Und genau dieses sagte ich ihm auch.
Ich hätte erkannt, dass meine Aufgabe darin bestünde den Dialog auf die Strasse zu bringen. Im Nachklang an jenen ereignisreichen Gewitterabend auf der Akropolis sei mir das sehr bald klar geworden und so bedankte ich mich, anstatt ihm auf sein Angebot hin an seiner Schule zu unterrichten zuzusagen für die strenge Distanz, die er seit diesem Tag mir gegenüber hatte walten lassen, denn genau dies hätte mir ermöglicht meinen Weg zu finden und zu gehen. Aristoteles lächelte darauf und sagte:
„Ein Meister muss seine eigenen Wege gehen und umarmte mich warmherzig.“

Einen Augenblick lang wusste ich nicht wie mir geschah. Aristoteles umarmte mich! Bei aller Herzlichkeit, die er in meinem Dabeisein auf den Strassen von Athen in früheren Jahren immer wieder gezeigt, er hatte niemals einen anderen Menschen umarmt und es war mir auch von anderer Seite nicht zu Ohren gekommen, er habe so etwas jemals getan.
Ich wusste, dies war eine ausserordentliche Geste der Wertschätzung durch ihn. Er erhob mich damit gleichsam in einen Rang mit ihm und das beschämte mich im gleichen Atemzug. Er  aber spürte meine innere Betroffenheit und sagte mit leiser Stimme:
„Kretos, Du bist einer der Wenigen meiner Schüler, der mich zutiefst verstanden hat.“

Saphira: Kretos, Dich hörend, geht mir ein Licht auf. Könnte es sein, dass Aristoteles mich seinerzeit gezielt aus der Akademie vertrieb?

Kretos: Bei dem Weitblick, den ich bei Aristoteles im Umgang mit Menschen immer wieder erfahren habe, die Episode mit Pausanias, von der ich Dir berichtet habe, ist nicht die einzige, die ich an seiner Seite erleben durfte, spricht sehr viel dafür, dass Aristoteles Deine Flucht aus der Akademie gezielt provoziert hat. Er wusste mit seiner Bemerkung über Ephesus, dass er damit bei Dir einen sehr empfindsamen Nerv treffen würde.

Saphira: Wenn ich mich genau besinne, dann war dieses Ereignis der zündende Funke für mein Erwachen zu mir selbst hin. Im Grunde nicht unähnlich der inneren Verfassung, in die er Dich später dann auf der Akropolis und in den Jahren danach versetzt hatte. Radikale Auseinandersetzung mit Dir selbst, ohne irgendeine Hilfestellung durch ihn. Auch Du konntest damals nur zu Dir selbst erwachen. Kein leichter Weg, aus dieser Nähe zu Aristoteles so abrupt in die Selbständigkeit gestossen zu werden.

Kretos: Du sagst es. Ich muss Dir dann aber noch von einer letzten Begebenheit mit Aristoteles berichten. Du hast ja Jahre nach der von mir berichteten erneuten Begegnung mit Aristoteles, mit mir auch Deinerseits einen Brief von Aristoteles erhalten. Tragischerweise gelangte dieser Brief erst in Deine Hände, als Aristoteles bereits tot war, denn Du warst zu dieser Zeit auf Reisen in Ägypten, als er ankam. So konnten mit mir nur eine Hand voll Schüler dem Ruf des Aristoteles nach Euböa folgen.
Als wir auf seinem Landgut ankamen und Aristoteles begegneten, spürten wir alle, dass dies die letzte Begegnung mit ihm sein würde. Sein innerer Kampf sich beinahe ein ganzes Leben lang von den Vertretern der verschiedenen Mysterien Schulen kraftvoll absetzten zu müssen, um einer neuen Zeit die Wege zu bereiten, die er wohl als einziger so klar kommen sah, hatte ihn sichtbar gezeichnet. Er war ein sterbender Mann.
In seiner letzten Unterredung mit uns kam er noch einmal auf Platon zu sprechen. Er sagte, der entscheidende Grund für seine Trennung von ihm hätte sich aus der zuletzt sehr heftigen Auseinandersetzung um dessen Schrift: „Das Höhlengleichnis“ ergeben. Mit einem Blick auf mich sagte er, ich wisse ja aus eigenem Erleben, was dazumal geschehen sei, hätte die Auseinandersetzung unmittelbar mit bekommen. Er sei an diesem Tag vor die schwerste Entscheidung seines Lebens gestellt gewesen, denn das heftigste Streitgespräch, das er jemals mit Platon geführt, hätte an diesem Gewitter Spätnachmittag zugleich auch den endgültigen Bruch mit dem alten Mysterien Wesen nach sich gezogen.

Saphira: Wie schwer der Abschied von der alten Mysterien Welt einem werden kann, das habe ich am eigenen Leib nur allzu schmerzhaft erfahren müssen. Wenn ich mich genau besinne, dann ist dieser Prozess immer noch nicht ganz abgeschlossen, denn ansonsten wäre ich zu der Zeit, als Aristoteles auch mich nach Euböa einlud in Athen gewesen und nicht in Ägypten, um einen „letzten Vertreter“ noch lebendiger alter Mysterien Kultur persönlich aufzusuchen.
Mein Leben, so scheint es mir jedenfalls heute, da Aristoteles nun nicht mehr unter uns weilt, ist zwischen Treue und Mut immer wieder sehr hin und her gerissen worden.

Kretos: Ja, Mut brauchte es auch für Aristoteles, Platons Höhlengleichnis so auf den Kopf zu stellen, wie er es an jenem Gewitter Spätnachmittag getan hatte, einen grossen Mut. Sein Verständnis dieses Gleichnisses stellte nämlich im Grunde die ganze Lebensarbeit von Platon in Frage. Aristoteles hielt Platon in diesem so heftigen Streitgespräch nämlich nicht weniger als dieses vor:
„Du sperrst das Denken in einer von der Welt abgehobenen Sphäre ein, staust seine tatsächliche Wirkkraft in sich zurück, wenn Du davon ausgehst mit dem Austritt aus der Höhle sei das Ziel erreicht.“  
Der eigentliche Weg beginnt nämlich erst dort, wo der Schüler sich der Prüfung durch die Strahlenkraft der Sonne gegenüber gestellt sieht. Die Sonnenkraft will zur fliessenden Kraft innerhalb des eigenen Denkens werden. Denken als Sonnen-Licht-Tätigkeit, das stand Aristoteles für die neue Zeit vor Augen.
Ich habe noch heute Aristoteles innerlich unmittelbar vor Augen, wie er Platon die Worte entgegen hielt:
„Das Heraustreten aus der Höhle und das Stehen des Erkenntnis Wanderers gegenüber der Sonne ist der Anfang des Weges. Das Ziel ist es an den Grund der Höhle zurückzukehren und dort in einer inneren Selbstkonfrontation die Erfahrung zu machen, dass Du selbst es warst und bist, der sich in Fesseln schlägt und Du im Grunde niemals gefesselt warst.“
Platon zitterte am ganzen Körper, als er diese Worte vernahm. Er schien zu spüren, dass darin Wahres lag, was sich für mich in einem Zögern, einem krampfhaften Suchen nach Worten ausdrückte. Er schien einfach den  inneren Schlüssel nicht zu finden, um diese Worte in sich auch verifizieren zu können. So schleuderte er Aristoteles schliesslich zornrot die Worte entgegen:
„Du irrst. du irrst, bei meinem gesamten wissenschaftlichen Werk, Du irrst mein Freund.“ 
Tragisch ist, dass Platon sich mit diesen Worten seinen eigenen Irrtum eingestand, ohne es selber zu merken! Aristoteles aber schwieg darauf innerlich sehr gefasst und sprach erst wieder, als wir die Akropolis Höhe erreicht hatten. Doch was dort geschah, das habe ich Dir ja schon erzählt.

Saphira: Mich in Deine Schilderung hinein versetzend, sie erlebend in mir nachempfindend, sehe ich Aristoteles in dieser letzten Begegnung mit Platon innerlich das Dunkel der Höhle betreten und festen Schrittes deren Grund zustreben. Er wirft alle Fesseln, die ihn noch an Platon binden ab und durchbricht sein Zaudern gegenüber den alten Mysterien, um sich endgültig auf seinen eigenen Weg zu machen.
Ich sehe Platon, den Höhleneingang vor sich mit der Möglichkeit Aristoteles zu folgen. Seine Furcht aber, bis dahin völlig unbekannte Welten zu betreten, ist zu gross. Seine Einbindung in eine innerlich himmelwärts ausgerichtete Ideenwelt hält ihn zurück. Er verschleiert zum wievielten Male vor sich, was er spätestens seit seinen Erfahrungen auf Sizilien weiss, dass die Welt nicht zu verändern ist, wenn Du selbst das Dunkel scheust, es in Dir nicht umwandelst.
Welch ein Mut von Aristoteles und welche Tragik im Erleben von Platon. Im Grunde ein Bild auch für den Mysterien Niedergang und die Eröffnung eines Pfades in die neue Zeit.

Kretos: Die neue Zeit: Aristoteles hat für uns, die wir nach Euböa kamen noch Worte gefunden, über die er uns jedoch zu schweigen bat, mit der einen Ausnahme sie an Dich zu übermitteln, was ich hiermit tue.
Ich kann nur sehr andeutend die besondere Atmosphäre wiedergeben, die uns alle umfing, als Aristoteles diese letzten Worte an uns richtete. Es schien ihm eine grosse Mühe zu machen und er musste alle ihm noch verbliebene Kraft aufwenden um dieses zu tun. Sein Antlitz war von einem Schmerz gezeichnet, den ich nicht beschreiben kann. Wenn ich jetzt darauf hin schaue, dann zerreisst es mir fasst das Herz Aristoteles so sprechen zu hören. War er doch selbst mit den alten Mysterien verbunden und, was Du vermutlich nicht weist, in Eleusis gewesen. Er hatte dort aber von sich aus seine Ausbildung nach tiefen inneren Erlebnisen abgebrochen. Davon sprach er jetzt zu uns.
„Es war Nacht, als ich bei meinen Übungen urplötzlich von einem überirdisch hellen Licht wie umhüllt wurde. Das Licht war so stark, dass es mir fast die Besinnung zu nehmen drohte. So dauerte es, ich weis heute nicht mehr wie lange, bis ich mich in diesem Zustand zurechtfand. Erst dann spürte ich, dass dieses Licht nicht von aussen kam, sondern tief aus meinem Herzen strahlte  und von dort den ganzen Raum erfüllte.
Das Licht war in mir, ich konnte es innerlich anschauen und war doch zugleich auch eins mit ihm. Ich spürte seine Kraft, die mir bis in die Füsse hinunter drang und gleichzeitig in meinen Kopf eine unbeschreibliche Wachheit hervor brachte. Eigentlich hätte ich, wie mir erst später klar wurde, zu dieser Zeit sehr müde sein müssen, denn ich hatte bis zu diesem ausserordentlichen Augenblick über die Massen hinaus geübt und gearbeitet.
Diese voraus gehend aufgebrachte Anstrengung schützte mich jedoch auch davor, was ich erst sehr viel später zu verstehen begann, innerlich nicht die Fassung zu verlieren. So konnte ich die fast sphärisch tönende Stimme vernehmen, die unmittelbar über meinem Haupt zu mir zu sprechen schien ohne dass ich einen Sprecher dort ausmachen konnte. Als ob sich ein Überraum geöffnet hätte, aus dem die Stimme zu mir sprach, so schien es mir im ersten Augenblick. Und  doch war dieser Überraum ebenfalls in mir, nicht aber wie das Licht strahlend aus meinem Herzen, sondern vielmehr einen vergrösserten Kopf bildend, aus dem gleichsam zu mir gesprochen diese Worte tönten:
„Ich bin auf dem Weg hinein in die Erdenwelt, um mich in naher Zukunft mit einem Menschen voll und ganz zu verbinden, in ihn hinein zu sterben. An Dir ist es, mir die Wege zu bereiten, dass dieses Menschen Opfer für die gesamte Menschheit mich ganz in sich aufzunehmen nicht umsonst sein wird und ich aus dem Samenwurf dieses Menschen dereinst durch Menschen wiederum die Möglichkeit haben werde aufzuerstehen. Auf dass der Menschen Seelen nicht ganz verdunkeln, muss die Sonnenkraft sich opfern.“


Saphira: Das grosse Ich, es stirbt hinein in den Menschen. Nicht mehr muss der Mysterien Schüler durch bestimmte Übungen auf einer fortgeschritteneren Stufe seiner Entwicklung aus seinem Körper hinaussteigen, um dem Sonnengeist zu begegnen, sich mit ihm zu vermählen, der Mensch wird dereinst in in seinem Denken für den Sonnengeist erwachen und erleben wie dieser ihn seine Wege führt.
Ich sehe sie innerlich vor meinen Augen, die hohen Herren der verschiedenen Mysterien Schulen, nicht wenige von ihnen hätten dafür gesorgt, dass Aristoteles zu Tode gekommen wäre, wenn dieses Erlebnis öffentlich geworden wäre. Zudem wird mir jetzt erst wirklich klar, welche Gratwanderung Aristoteles ein Leben lang zu meistern hatte, immer auf Schwertes Schneide in einer gleicherweise non verbalen, wie tatsächlich oft auch sehr hinterhältigen Auseinandersetzung um den echten Mysterien Weg. Aristoteles schwieg also, verlies die Schule von Eleusis und suchte Anschluss an die Akademie von Platon.
Er musste sehr jung gewesen sein, als er nach Eleusis kam, denn um ein derartiges Erlebnis mit einer solchen Wachheit haben zu können bedarf es selbst bei einer besonderen Eignung für den Mysterien Weg einiger Vorbereitung, um den Geist so zu schulen, dass er die einzelnen Vorgänge in diesem Erlebnis so klar unterscheiden konnte, wie Aristoteles dies mit noch nicht einmal siebzehn Jahren vermocht hat.
Derjenige, der ihn in Eleusis aufnahm musste ein besonderes Auge für die Qualitäten dieses so jungen Menschen gehabt haben und gleichzeitig einen Status in Eleusis, unter dessen Schutz Aristoteles Eleusis verlassen konnte, ohne dass auch nur eine entfernte Ahnung über die wahren Gründe nach aussen dringen konnte. Ein wahrlich ungewöhnlicher Vorgang. Du weisst, ich kenne Eleusis in und auswendig in allen seinen Strukturen und menschlichen Besonderheiten. Nur ein Eingeweihter konnte ihm diesen Schutz gegeben haben und rückblickend gab es ausser meinem Vater in meinen Jugendjahren nur noch einen, der diesen Rang einnahm.
Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass sich Aristoteles überhaupt keinem Menschen anvertraut hat, bevor er Eleusis verlies. Jemand musste ihm seinen weiteren Weg gewiesen haben, jemand, der über den damaligen Zustand der Schule von Eleusis hinaus zu sehen vermochte, jemand, der tiefer in eines Menschen Seele schauen konnte und darauf bauend unbeirrt das tat, was der Geist ihm gleichsam zuflüsterte. Jemand, der Platon kannte und eine Verbindung zu ihm herstellte, noch bevor Aristoteles an die Pforte der Akademie klopfte.
Dieser junge Mensch musste mit Bedacht geführt werden, wenn er seine Bestimmung dereinst sollte finden können. Platon hatte demnach aus einer von höchster Stelle ausgesprochenen Bitte aus Eleusis heraus gehandelt, als er Aristoteles so jung in seine Akademie aufnahm. Und er hat über 20 Jahre hinweg über den weiteren Weg dieses Menschen gewacht.

Kretos: Von daher betrachtet bekommt das Höhlengleichnis von Platon noch eine ganz andere schicksalhafte Färbung für Platon, wie für Aristoteles. Ich kann das nur ganz zart berühren. Saphira, Du wirst es in Deiner Seele gewiss zu einem lebendigen Bild erschaffen können.
Für mich kristallisiert sich, jetzt nach vielen Jahren, jedenfalls immer deutlicher heraus, dass Platon mit dem Höhlengleichnis seinem Schüler Aristoteles das Tor geöffnet hat, um dessen Erlebnis aus Eleusis tatkräftig in die Welt hinaus tragen zu können. Sein Schicksal war es nicht diesen Weg in die dunkle Tiefe hinein zu gehen, seine Aufgabe war es allein einem anderen Menschen den Weg dort hinein zu weisen. Platon wurde also zum tragenden Brückenpfeiler für den weiteren Weg des Aristoteles. Vom Denken her durch Platon bestens ausgebildet, konnte Aristoteles jetzt „sein Erlebnis aus Eleusis“ als Geburtskeim der Individualität, hervorgehend aus dem Denken, in die Welt hinaus aussäen.
Platon und Aristoteles sind mit Sokrates, dem Lehrer von Platon, aus meiner Sicht so die Hebammen einer zur Freiheit und Selbstverantwortung sich auf den Weg machenden Menschheit.

Saphira: Der Kreis schliesst sich. Platon und Aristoteles als zwei Brüder im Geiste!

Kretos: Aristoteles sprach in diesen Stunden, da wir ein letztes Mal um ihn geschart, als seine Schüler mit ihm vereint waren voll grosser Ehrfurcht über Platon. Wie er andeutete, verdanke er seiner dialogischen Schulung die Aufarbeitung noch eines weiteren sehr starken inneren Erlebnisses, das er seinerzeit in Eleusis gehabt hätte. Er könne und dürfe darüber gegenwärtig aber nichts Näheres sagen, da darüber zu sprechen nicht alleine seine Angelegenheit wäre.
Er sagte nur soviel, dass dieses Erlebnis zurück gehe auf ein Mysterien Geschehen in Eleusis, bei dem eine junge Frau und er in einem hoch behüteten geheimen Tempelschlaf einen teilweisen Seelentausch vollzogen. Wie er erst unter der Schulung des Platon sehr  viel später verstanden habe, sei dies als Vorbereitung für ein Zusammenwirken  von Mann und Frau für ein zu erneuerndes Mysterien Wesen in zukünftigen Zeiten geschehen. Er nehme jetzt diesen Keim mit sich, um ihn in späteren Zeiten, wenn die Zeit dafür gekommen sei, mit dieser jungen Frau zusammen zu eröffnen. Gleichzeitig legte er uns sehr ans Herz die dialogische Kunst „lebendig“ weiter zu entwickeln und alles zu tun, was uns möglich sei sie lebensnah, begleitet von einem wachen Denken, in die Welt hinaus zu tragen.

Saphira: Ich kann Aristoteles nur zu gut verstehen. Es gab in Eleusis Mysterien Handlungen, von denen weder der Grossteil der dort Lehrenden noch die Schüler, selbst wenn sie weit fortgeschritten waren, etwas wussten. Wenn ich die wenigen Andeutungen des Aristoteles recht verstehe, dann war Eleusis im Hinblick auf diese so verborgen gehaltenen Mysterien Handlungen „noch zukünftig ausgerichtet.“ Dass Aristoteles nach diesen inneren Erlebnissen aber Eleusis verlies, das ist für mich zugleich auch ein Hinweis, dass Eleusis über diese Keimbildung in einigen wenigen Schülern hinaus, für die weitere Entwicklung und Schulung derselben nichts mehr zu tun wusste. 
Bei Aristoteles können wir sehen, dass diese Mysterien Handlungen offenkundig erfolgreich verlaufen sind, denn er hat seinen Weg gefunden. Wie das aber in Folge möglicher weiterer derartiger Mysterien Handlungen bei anderen jungen Menschen verlaufen ist, das wissen wir nicht. Möglich, dass uns die Zukunft darüber einen näheren Aufschluss  gewährt.

Kretos: Du zeigst Dich wirklich sehr einfühlsam, Saphira. So wirst Du auch die folgenden Hinweise von Aristoteles zu seiner Akademie im rechten Lichte verstehen können. Er sagte nämlich:
"Ihr werdet euch vielleicht schon gefragt haben, warum ich keinen Schüler aus meiner Akademie zu dieser letzten Unterredung gerufen habe? Nun, ich habe es getan, weil diese Akademie zwar noch einige Zeit fortbestehen wird, es wird in ihr aber immer weniger von meinem Geist fortwirken können. Die innere Kraftgestalt des Denkens, der bei allen meinen lehrenden Bemühungen mein Hauptaugenmerk galt, sie wird sich verflüchtigen und schliesslich ganz aus dem Blickfeld derjenigen herausfallen, die meine Worte konserviert weitertragen werden."
Zu mir gewandt sprach er weiter:
"Du Kretos hättest die Akademie in die neue Zeit hinein führen können. Ich habe mit Deiner Ablehnung an meiner Akademie unterrichten zu wollen seinerzeit aber unmittelbar verstanden, dass mein grösstes Anliegen, Bewusstheit für die innere Kraftgestalt des Denkens zu vermitteln, als Keim auf den Wegen über das einfache Volk viel wirkungsvoller weitergetragen und weiter entwickelt werden kann."

Saphira: Es geht also darum nicht über Bewusstheit zu reden, sondern sie zu leben! Dies wiederum ist nur möglich mit einem Mut, mit dem Aristoteles seinerzeit die Höhle betreten hat, um dann mit der wachsenden Intensität im eigenen Denken alle „dunklen Begrenzungen,“ die selbst auferlegten Fesseln schlussendlich zu sprengen.
Dem Erleben des Aristoteles in Eleusis folgend geht es darum der inneren Sonnenkraft zu begegnen, mit ihr eins zu werden ohne sich dabei selber zu verlieren und durch eine selbsttätig entwickelte Intensität eine nach innen umgestülpte, mehr und mehr erwachende, Kraftbewegung zur Entfaltung zu bringen.

© Bernhard Albrecht Hartmann, 28.12.2013

Die Fortsetzungen dieses Dialogs sind zu finden unter:
2.Teil:
https://ich-quelle.blogspot.com/2015/01/unter-der-platane-ein-dialog-uber-die_10.html
3.Teil:
https://ich-quelle.blogspot.com/2017/04/ein-dialog-uber-die-zeiten-hinweg-im.html
Eine vierte Fortsetzung ist in Arbeit.







 









Freitag, 17. Mai 2013

Kann ich Leere fühlen ?

„Kann man Leere eigentlich fühlen? Im Grunde ist Leere nichts, und nichts kann man nicht fühlen. Weil wenn man sagt, man fühle sich leer dann fühlt man ja etwas aber man kann nichts fühlen was nicht da ist, oder?“ http://www.dashieristkeinblog.blogspot.com

Ja Inka , Leere kannst Du fühlen, so Du es mit dem Herzen tust. Nur vom Denken her ist Leere ein Nichts. Genauer gesagt vom abstrakten Vorstellen einer Wirklichkeit her. Dazu habe ich unter dem Titel: „sexy man“ auf meinem Blog: www.ich-quelle.blogspot.com am 19.11.2011 schon einmal für Julian etwas geschrieben.
Deine Frage geht nun viel tiefer als die von Julian dazumal und ich will versuchen mich schrittweise ein wenig an eine mögliche Antwort heran zu tasten. Dies ist für mich nicht leicht, denn angemessene Worte dafür zu finden, was sich auf diesem inneren Erlebnisfeld abspielt, das ist wirklich schwierig.

Auf ein Fühlen der Leere kannst Du innerlich nicht zugehen, auf ein derartiges Erleben kannst Du nur hinreifen, das heisst du kommst nicht umhin Dich hier auf einen längeren, mitunter auch recht schmerzlichen Prozess einzulassen, in dessen Verlauf Du in jenen Reifezustand hinein wächst, der Dich „angstfrei“ die Gewissheit der Leere in Dir fühlen lässt. Die nicht geringe Schwierigkeit, mit der Du es hier zu tun bekommst, ist der Prozess, denn unsere überwiegende Weltauffassung ist heute immer noch, auch wenn manches dagegen zu sprechen scheint, eine Statische.
Wir bewegen uns an der Laufleine abstrakter Begriffe oder toter Vorstellungsgebilde durch unseren Alltag. Wir haben Gedanken, oft mehr als uns lieb ist, aber wir verfügen selten über eine innerlich bewusster gegriffene Erfahrung, was eigentlich Denken ist. Und weil dem so ist, weil wir nicht „wissen,“ was Denken ist, deshalb sind wir auch mitunter so äusserst schmerzlich unseren Gefühlen ausgeliefert, werden von ihnen hinauf und hinab gezogen, ganz nach deren Belieben, beherrschen diese aber nur sehr wenig durch eigene innere Führung.
So kommt es, dass wir uns leer fühlen, so leer oft, dass wir uns selber nicht mehr spüren und aus der Unerträglichkeit solcher Zustände zu wenig passenden oder gar gefährlichen Mitteln greifen, um uns wieder zu spüren. Wir sind der inneren Leere ausgeliefert ohne im eigentlichen Sinne zu wissen, was dies ist, dem wir ausgeliefert sind.

Ich will mich über ein Bild herantasten an das, was Dich zu einem ersten bewussteren erfühltem Erleben dessen, was Leere ist, führen kann. Wenn Du Dich am Ufer eines strömenden Gewässers flach ins Gras legst und Deine Hand so nah als nur irgend möglich über die strömende Wasseroberfläche hältst ohne diese zu berühren, wenn Du Dich ganz auf diese Grenzerfahrung, dieses sich Erleben zwischen zwei Erfahrungsebenen, zwischen gewissermassen zwei Welten einlassen kannst, innerlich loslässt, dann bekommst Du einen feinen Windhauch zu spüren. Dieser Windhauch ist gleichsam ein Ausdruck einer Zwischenwelt.
Er fordert Dich leise auf einen mutigen Schritt vorwärts zu machen oder Du weichst erschauernd zurück vor den Unwägbarkeiten Neuland zu betreten. Es sind feine, sehr feine Wahrnehmungen, die im seelisch geistigen Erleben an solchen Grenzen auftreten und die, so wir nicht geübt sind an uns vorbei huschen, ohne dass wir ihrer dauerhaft habhaft werden. Und genau darin liegt das Angst auslösende Erfahren innerhalb des Bestrebens Grenzen zu überschreiten. Wir scheinen den Boden unter unseren Füssen zu verlieren.
Übertragen auf Dein seelisches Innenerleben tritt Dir in solchen Augenblicken ein Gefühl der Leere, des inneren Stehens zwischen allen Stühlen, eines sich nicht zugehörig Fühlens, eines ins Äusserste getriebene Fremdsein sich selber gegenüber, das einem schlussendlich zu dem Erleben führt, ich bin tot, entgegen. Du fühlst Dich tot, leer gegenüber einer Welt, die sich rund um Dich virulent beständig ereignet, ohne dass Du aus Deiner Verfassung heraus noch einen auch nur annähernden Zugriff auf sie irgendwie glaubst leisten zu können. Du bist in solchen Zuständen verfangen in einen Schauder(Windhauch)vor dem unwägbaren Strömen des Lebens unter Dir.
Das Strömen in Deiner Seele, das Du bei einem tiefen und stillen in Dich Hinein Lauschen jenseits des Todes Erschauern an dieser inneren Wahrnehmungsgrenze erleben kannst, ist das, was Dir nach und nach als zunächst leerer Wille erlebbar werden kann.
Vor dieser Art Konfrontation mit einem Willen, der in sich als leer erlebt wird, muss beinahe ein jeder Mensch heute erst einmal Reissaus nehmen. Denn dieses Erleben, wenn Du es denn wagst Dich diesem wirklich auszusetzen, ist so stark, dass es ohne eine innere Vorbereitung über längere Zeit nicht auszuhalten ist. Die Angst, die Dich an dieser inneren Grenze beschleicht, fungiert also durchaus als eine Art Schutz vor zu schwerem Erleben.

Der Zugang zu einer Möglichkeit Leere „wach“ zu fühlen öffnet sich über ein „verlebendigtes Denken.“ Denken ist nämlich seiner tieferen inneren Natur nach ein Lichtprozess. Diese Erfahrungsmöglichkeit wiederum an die Oberfläche zu holen ist die Aufgabe unserer Zeit.
Wen diese Möglichkeit zunächst befremdet, der hat noch nie einen beliebigen Edelstein oder unter diesen sogar einen Diamanten wirklich in Händen gehalten und genauer betrachtet, sich auf sein Lichtspiel innerlich eingelassen. Im Grunde birgt nämlich „ein jeder Gedanke“ den wir so tagtäglich durch unser Bewusstsein wälzen einen derartigen blitzenden Diamanten in sich. Wir sind nur zu denkfaul geworden, zu armselig in unserem inneren Bewegungsverhalten, so dass wir unfähig sind zu sehen, was wir da beständig in Händen halten, - strahlend fliessende Edelsteine und damit eine überbordende Werde- und Gestaltungskraft aus innerer Freiheit heraus.
Unser gegenwärtig so verbreitetes abstraktes Denken hat diese leuchtende Kraft in uns verdunkelt, so dass sie unserem inneren Zugriff entschwunden ist, aber sie steht uns erneut und in gesteigertem Masse von dem Augenblick an zur Verfügung, in dem wir aus uns heraus zu einem inneren Metanoia finden, bereit sind unsere ängstliche Ego Schale zu sprengen und Ich - Verantwortung für uns zu übernehmen.
Lehrer, die uns auf diesem Weg führen könnten, gibt es heute nicht mehr, auch wenn ein Bischof, ein Guru dieses oder jenes Couleurs dies immer noch für sich in Anspruch nehmen möchten. Es gibt nur noch die stillen Geburtshelfer, die in einem jeden Du, das unsere Wege kreuzen mag, uns auf irgendetwas aufmerksam machen, mitunter auch sehr schmerzhaft, auf das wir aus uns heraus zuwachsen können, soweit wie wir es zu dem betreffenden Zeitpunkt, aus unserer Freiheit heraus können und wollen, Stufe um Stufe.
Den leeren Willen kann nur ein Ich schrittweise beleben und ihm dadurch seinen Schrecken, seine gähnende Leere nehmen, ihn gleichsam entzaubern als freiheitliche Gestaltungspotenz.
Inka, du kannst die Leere fühlen, als befreite Kraft schöpferischer Freude und sie wird Dich so stark durchpulsen, dass Du Dich fragen wirst, wie konnte ich nur so lange zaudern und mein wahres Lebenspotential derartig in die hinterste Ecke verbannen. Ich spüre diese Kraft in Dir, deshalb schreibe ich Dir. Ich habe das Vertrauen, dass Du „Deinen Weg findest und gehst“ und grüsse Dich herzlich,

Bernhard Albrecht Hartmann

Dienstag, 16. April 2013

Eine Antwort

auf den Eintrag vom 16.04.2013  http://www.dashieristkeinblog.blogspot.com 

Du bist nicht unsichtbar, denn Du schreibst für Deinen Blog, wirst sichtbar in dem, was Du schreibst. Ich und wer weiss wie viele andere tun genau in diesem Augenblick Kontakt mit Dir aufnehmen, indem sie lesen, was Du uns über Deinen Blog anvertraust. Wir gehen in Fühlung mit Dir, spüren durch Deine Worte hindurch Deinen Atem, nehmen Deine Beklemmungen wahr und Dein Stehen, zitternd auf schwachen Füssen.
Erinnere Dich, so wie Du jetzt stehst, bist Du vor langer Zeit einmal in Deinem Kinderbett gestanden und hast Dich mit aller Macht in diesen Stand, auf diese Deine wackeligen Beine hochgezogen. Damals war da keine Panik, nur ein unendlicher Drang diese Welt jenseits der Gitter Deines Bettes für dich zu erobern, einen festen Stand in ihr zu finden.
Was zwischen damals und heute geschehen ist, das hat Dich vielleicht entmutigt, die Kraft aber, die Dir damals verhalf in die Aufrechte zu gelangen, sie ist noch immer da. Sie schlummert tief unten in Dir, weil du glaubtest durch bestimmte Ereignisse in Deinem Leben sie dort hin zurückdrängen zu müssen, aber sie ist da, denn sonst würdest Du nicht so schreiben wie Du schreibst.
Du beobachtest Deine inneren Zustände sehr differenziert. Schau Dir das einmal an. Es gibt viele Menschen, die das nicht annähernd so gut können wie Du. Wenn das nicht ein Anzeichen von einer grossen Kraft ist, über die Du verfügst, in dieser Schwäche noch so klar die inneren Zustände Deiner Seele in Worte zu fassen.
Spüre diese deine Kraft und lenke sie von unten durch Deine Beine in Deinen Körper. Stehe auf und gehe. Es warten da draussen, jenseits des Niemandslands viele Menschen auf Dich, die von den leidvollen Erfahrungen einer Siegerin über sich selbst lernen wollen ihr eigenes Leid mit ihrem Körper und ihrer Seele zu bewältigen.
Ja Inka, Du bist schon jetzt eine Siegerin, indem Du schreibst wie Du schreibst. Steh auf und feiere Deinen Sieg über Dich selbst, Du hast die Kraft dazu!
Niemand ist hier irgendjemand, wie Du so schön sagst. Und weil das so ist, Du eingeschlossen, niemand hier irgendjemand ist, erlaube der Kraft in Dir sich zu zeigen und tritt als Inka die Siegerin in Erscheinung.
Ich grüsse Dich,

Bernhard Albrecht

Donnerstag, 11. April 2013

Zuruf


Es sind nicht andere "qualifizierte" Menschen, die über "mich" so dies und das denken könnten, es bin immer nur ich der im Begegnen eines anderen Menschen, auf welche Weise auch immer, in den Spiegel schaut und "sich selber begegnet.“ Der andere Mensch sagt mir gar nichts, auch wenn es so erscheinen mag, es bin nur immer ich, der sich etwas zuspricht oder auch nicht, je nach dem wie tief ich bereit bin in den Spiegel zu schauen, darin einen für mich anstehenden Entwicklungsschritt konstatiere und "meinem" Anschauen folgend das Notwendige in die Wege leite.
Wenn ich den Augenblicken, in denen ich einem anderen Menschen begegne, auch nur ein ganz klein wenig vor mir selber innerlich zurück trete, mich unbefangen dabei selber in den Blick nehme, dann kann ich das, "mit einer gleichsam naturwissenschaftlichen exakten Sachlichkeit auf die Phänomene hin" feststellen. Tue ich das nicht, dann wird mir früher oder später klar werden, dass ich ein Träumer war. Nicht weil der andere Mensch das von mir denkt, sondern weil ich in diesem Augenblick noch nicht bereit war, es noch nicht konnte, tiefer in den Spiegel zu schauen. Es ist alles eine Frage der Entwicklung, des inneren Wachsens und wachsen und entwickeln tust Du Dich dadurch, dass Du fällst, Dir mehr oder weniger erheblich weh tust, vielleicht deshalb, weil Du zur rechten Zeit nicht wachsam, nicht achtsam genug für das warst, was Dir im Spiegel vor Augen getreten ist, Du etwas beiseite gewischt hast.
Nicht der andere Mensch ist der "Qualifiziertere". Dadurch, dass ich lebe, stehe ich vor der Notwendigkeit mich selber zu qualifizieren, sonst lebe ich, genau besehen" nicht wirklich. Entwicklung, die daraus resultiert, dass ich in den Spiegel schaue, diese Art von innerer Regsamkeit macht mich erst zu einem authentischen Menschen. Auf dem Weg dort hin kannst Du machen, was immer Du willst. Dein innerer Spiegel begleitet Dich geduldig auf dem Weg Deines Erwachens zu Dir selber hin.
Wenn Du magst, dann lies einmal den Roman von Franz Kafka: "Der Prozess." Die Beschreibung eines inneren Prozesses und seiner Auswirkungen, wenn ein Mensch zu sehr den tatsächlichen Hinweisen im Blick auf den eigenen inneren Spiegel ausweicht. Welche Verwicklungen sich ergeben, wenn hier immer wieder Augen Wischerei betrieben, alle möglichen anderen "qualifizierteren" Menschen in die Verantwortung gerufen werden, nur um meiner alleinigen Selbstverantwortung für mich wieder ein Stück des Weges aus dem Weg gehen zu können.
Erwachsen bin ich, wie landläufig so gedacht wird, nicht mit 21 Jahren, sondern werde ich „ein Leben lang“ in dem Masse, wie „ich mir zu wachse, also zu dem er-wach-se," der ich im Grunde meines Wesens von allem Anfang bin. Leben in dieser Welt heisst, sich „ent-falten,“  dem Ego-Ei entschlüpfen als ein Ich. Mit 21 Jahren endet die Verantwortung der Eltern, bin ich gefordert Schritt für Schritt Selbstverantwortung für alles und jedes zu übernehmen. In dem Masse wie mir das gelingt qualifiziere „ich“ mich als Mensch.
Indem ich „Ich“ sage bin ich noch nicht Ich, ich bin auf dem Wege meine Ich-Kraft zu entfalten, mich als Ich bewusst zu etablieren. Zu tun, was ich will, bedeutet ab dem 21 Lebensjahr das Fallen in einem tieferen und weiteren Sinn zu lernen und damit umzugehen. Tue also weiter, was immer Du willst, vergiss dabei nur nicht das Lachen über die Verrenkungen und Verwicklungen, die Du Dir selber dabei verursachst, wenn Dich Dein innerer Spiegel dann gelegentlich auch etwas unsanft darauf aufmerksam macht. Du wirst es schon merken, wie entwicklungsfördernd das Lachen über sich im rechten Augenblick sein kann, neben der Strenge des Lebens die Leichtigkeit, beides im rechten Gleichgewicht, nicht ausser Acht zu lassen.
Und noch einmal, ich bin nicht einer von den „Qualifizierteren,“ auf die Du leise mit Deinem Finger hin deutest. Ich lese das, was Du sagst und schaue dabei in „meinen inneren Spiegel.“ Schaust Du wirklich sachlich exakt auf das hin, was ich sage, so ist damit kein Urteil über Dich verbunden. Dieses Urteil Dir zu zu sprechen steht allein Dir zu. Hier bist Du keinem Richter unterworfen als Dir allein (siehe Kafka: Der Prozess). Dass dies so ist, darin liegt auch die Würde des Menschen in seiner tiefsten Bedeutung begründet.
Ich grüsse Dich,

Bernhard Albrecht

Samstag, 6. April 2013

Etwas über die Bedeutung des Fragens

Es ist eine, wie mir scheint, heute jedermann zugängliche Erfahrung, dass, so mir eine bestimmte Auffassung aus meinem sozialen Umfeld zugetragen wird, die mir unverständlich erscheint, mit der ich mich auf ein Erstes hin nicht vollumfänglich verbinden kann, zu der ich also in einer gewissen Nicht-Übereinstimmung mich befinde, dass ich geneigt bin diese Nicht-Übereinstimmung durch geeignete Argumente nach aussen hin, also in einer Auseinandersetzung mit dem Meinungskontrahenten auszutragen suche.
In Anbetracht einer derartigen Erfahrung sich selber in Frage zu stellen, erscheint eher seltener die erste Option zu sein, wie einer Nicht-Übereinstimmung begegnet wird.
Der erste Blick gilt zumeist dem, worin ich mich argumentativ von dem Gesagten des anderen Menschen unterscheide. Nicht das Übereinstimmende seiner Rede mit meiner Auffassung gerät ins Zentrum der eigenen Betrachtung, sondern das, was sich von meiner Auffassung zu dem angesprochenen Thema abhebt, was einen Missklang im Verhältnis zu meiner Auffassung erzeugt hat. Diesen Missklang zu beseitigen ist also das erste Anliegen.
Und genau das ist es, was allzu viele Diskussionen so schwer zu einem wirklichen, einem wirkkräftigen Ende kommen lässt. Die einzelnen Mitglieder derselben sind sich selbst nicht bewusstseinsmächtiger Mittelpunkt, sie agieren auf dieses oder jenes Gegenüber hin, aber nicht lebensecht und nondual aus sich heraus.
Nicht wenige soziale Gemeinschaften (von ganz kleinen privaten bis zu Staatsgebilden hin) ächzen heute geradezu beängstigend in ihren inneren Gefügen. Die tieferen Ursachen derenthalben das so ist scheinen mir jedoch nur selten wirklich gesehen zu werden und so doch, dann werden sie, wie ich aus zahlreichen eigenen Erfahrungen heraus weiss, mit einer ungenügend vernetzten individuellen, wie in Gemeinschaft untereinander verbundenen Sachlichkeit, Herzensgüte und Ressourcen Orientierung angegangen.
Dreigliederung als verinnerlichte Lebensgebärde.
Mangelnde Sachlichkeit und innere Feigheit, als eine dem eigenen Herzen gegenüber geschlossene Haltung nach aussen hin, sind aus meiner Sicht wesentliche Ursachen, dass so viele Misthaufen in sozialen Einrichtungen Fortbestand haben können auf denen Platzhirsche ihre Burgen errichten und mitunter beinahe endlos halten können.
Wenn ich mich aber selber nicht in Frage stellen kann und durch ein derartiges mich in Frage Stellen durch innere Nullpunkte immer wieder hindurch gehen konnte, dann kann ich in sozialen Zusammenhängen auch nicht wirkkräftig, d.h. mit Achtung vor der Würde des anderen Menschen tätig werden und sein.
Es kann doch nicht darum gehen  Menschen in sozialen Zusammenhängen aus dieser oder jener Position heraus zu drängen, selbst wenn noch so vieles für eine Notwendigkeit in dieser Richtung sprechen sollte. Der soziale Unfriede, vielleicht sogar die äussere und noch schlimmer die innere Spaltung einer sozialen Gemeinschaft begünstigt nur Kräfte, in deren Windschatten sich ein neuer Platzhirsch etablieren kann.
Soziale Kunst fusst auf der Fähigkeit Fragen so zu stellen, dass sie andere Menschen in die Lage versetzt sich selber in Frage stellen zu können.

© Bernhard Albrecht, 06.04.2013

Freitag, 5. April 2013

Offener Brief

Vorbemerkung: Die Begegnung mit einer Reihe junger Menschen in der letzten Zeit veranlasst mich auf einige Fragen, die in diesem Zusammenhang aufgekommen sind in der Form eines „Offenen Briefes“ zu antworten, da mir die Zeit nach allen Seiten zu antworten gegenwärtig nicht gegeben ist.

Ja „der Körper ist ein Tempel und wir sollten ihn hüten.“ Der Körper will sein ein Tempel für den Geist, wenn aber der Körper nicht kraftvoll durchgebildet ist, dann kann er auf Dauer auch keine wirksame Wohnstatt für den Geist sein. Der Geist braucht einen gesunden Körper, damit er durch ihn in Erscheinung treten kann. Es gibt heute genug Verwirrung und Bewusstlosigkeit auf der Welt und das liegt nicht wenig daran, dass allem Anschein nach eine zu grosse Anzahl von Menschen ihren Körper mehr in ihrem Alltag hinter sich her schleppt, anstatt ihn zu einem echten Werkzeug für den Geist zu formen.
Du musst dazu aber nicht zum Meister in bestimmten sportlichen Disziplinen werden, sondern einfach achtsamer in Deinem Alltag mit ihm umgehen, sportliche Betätigung kann Dir helfen. Übertreibung wirkt aber hier, wie überall sonst, auch wieder kontraproduktiv. Im Grunde kommt es auf mehr Achtsamkeit an in dem, was Du mit Deinem Körper tust. Und Du tust den langen Tag lang sehr viel mehr mit Deinem Körper, als wovon Du ein Bewusstsein hast. Salopp gesagt, Dein Körper läuft eben gerade so mit.
Mal ganz ehrlich betrachtet, möchtest Du, dass in einem Dir lieben Menschen die Empfindung aufkommt, Du liefest ihm/ihr einfach nur so hinter her ohne wirklich dabei zu sein? Aber genau diese Empfindung hat Dein Körper von Dir. Er fühlt sich zu wenig wahrgenommen, es fehlt ihm die Achtsamkeit im Umgang mit ihm.
Du läufst sicher täglich mindestens einmal zur U-Bahn oder einem sonstigen öffentlichen Verkehrsmittel, um Deinem Studium oder einer Arbeit nach zu kommen und benützt auf diesem Wege vermutlich auch eine Treppe. Bist Du dabei schon einmal die Treppe so hinunter gegangen, dass Du gespürt hast, was Du da tust? Vermutlich nein! Deine Gedanken sind irgendwo voraus geeilt und Dein Körper ist hinter her gehoppelt. War/ist es nicht so.
Du hältst Dich für einen Beobachter, der oben in seinem Turmzimmer sitzt und aus einer geweiteten Perspektive vieles sieht. Eines aber sieht er nicht, nimmt er nicht wahr, den Turm unter sich, der fest gegründet auf der Erde stehen sollte. Du kannst den Turm/Körper aber nicht wahrnehmen, weil Dein Blick nur bis zu den wallenden Nebeln reicht, die dicht unter dem Turmzimmer hindurch ziehen. Du bist ein Beobachter mit einer eingeschränkten Perspektive.
Menschliches Beobachten, muss es sich nicht notwendig am Leib brechen? Muss es  gewissermassen nicht wie hindurch gehen durch den Widerstand, den der Körper einer bewusster werdenden Aktivität entgegen setzt, immer? Wo dieser Widerstand nicht gespürt wird, bin ich da Mensch?
Du bist in diese Welt hinein geboren, in diesen Deinen Körper, nimm ihn also gefälligst mit. 
Erwache Du romantischer Tänzer, spür Deine Füsse.


Du findest die Welt, die Menschen in ihr zum Kotzen. Du erlebst die Leere in ihren Worten, das Nichts Sagende in ihren Wort Plänkeleien am Strassenrand und über den Mittagstisch hinweg. Es ekelt Dich an, dieses Lächeln, das nichts als Maske ist und Du möchtest schreiend davon laufen. Da dies aber nicht geht, Schreien und Weinen gilt als Schwäche, Empörung als Frechheit mit der Folge von Sanktionen, die in Dir die Wut nur noch mehr hochkochen lassen, schleppst Du Dich, wann immer es geht heimlich auf die Toilette, um mit der Nahrung all den Gefühls- und Gedanken Müll mit hinaus zu kotzen. Am liebsten möchtest du Dich aus dieser Welt hinaus beamen und Doch hängst Du an ihr, nicht wissend warum noch.
Könnte es nicht sein, dass ein gut Teil dessen, was Du als Müll um Dich und in Dir erlebst, was Dich immer wieder aufschreien lässt, so qualvoll rast dieser Müll über die Datenautobahnen Deiner inneren Welt, so rauschhaft gesucht von Dir türmt er sich hoch in Dir, hoch und höher, bis, ja bis Du ihn wieder heraus kotzt und eine Leere zurückbleibt die noch qualvoller ist, als alles, was Dich bis anhin quälte. Könnte es sein, „dass Du fasziniert“ von der Leere, dem sich selber nicht Spüren, als einer Art umgestülptem Erleben von Freiheit, diesem Erleben alles opferst und ... den Widerspruch spürend, Du für Deine Sucht Freiheit „zu erleben“ Dich nicht selber töten kannst, weil eben dann das von Dir so gesuchte Erleben der Freiheit im Gefühl der Leere hinfällig werden würde.
In einer Endlos Spirale Dich selbst verwickelt habend, kann es folgerichtig nicht anders sein, als dass Du Dich dafür selbst hasst. Deine Art mit dem Tod zu spielen lässt dich ekeln und dennoch kannst Du es nicht lassen, Tänzerin an der Grenze, Dir „das Lied vom Tod“ immer wieder neu durch Deine Adern zu jagen, mit einer raffiniert selber gesetzten psychischen Injektion.
Nicht die Welt um Dich herum macht Dich fertig, Du bist es der maliziös keine Möglichkeit aus lässt Dir selber in den Hintern zu treten. Damit will ich tatsächlich Dich hochgradig Belastendes in Deinem sozialen Umfeld nicht klein reden, was ich sagen will ist, schau „Deinen Anteil“ dabei an, der die Welt so grauenvoll aussehen lässt wie sie dann folgerichtig nur sein kann, weil Du sie innerlich so ausfilterst, dass nichts Schönes mehr übrig bleiben kann. Du willst es nicht anders.
Wie Deine Situation zu wenden ist, das willst Du nicht wirklich wissen. Jeder hier und an anderer Stelle vielleicht immer wieder ausgesprochene Ratschlag ödet Dich an. Ich weiss das und deshalb halte ich meinen Mund und sag nur, Du weisst, was zu tun ist!
Ich schliesse mit einem Erlebnis, das ich heute auf einem Spaziergang mit meinem Golden Retriever am See hatte. Obwohl am frühen Nachmittag geschehen klingt es in mir immer noch so nach, als sei es gerade eben erst geschehen. Zwei Schwäne paarten sich vor mir auf dem Wasser und jede ihrer Bewegungen waren dabei von einer solchen Anmut, einer Schönheit durchpulst, die mich tief berührte. Yin und Yang in vollendeter Harmonie, Freiheit ...
Ich grüsse Euch

Bernhard Albrecht, 05.04.2013

Montag, 25. März 2013

Das Böse


Das Gute „ist nicht,“ genau so wenig wie das Böse gegen das Gute kämpft. Vielmehr ist alles eine Frage des Finden und immer wieder neu Bilden Deines/meines inneren prozessualen Gleichgewichts im jeweiligen eigenen Seins-Ausdruck.
Das Böse ist mithin ein Ausdruck nicht gefundenen Gleichgewichts in mir, ist, da eine jede unserer gleicherweise inneren, wie äusseren Taten in Resonanzen nach aussen wirkt und sich fortpflanzt eine verdichtete Spiegelung vieler menschlicher Ungleichgewichte auf mich/uns zurück. Das Böse, aus einer Haltung der Abstraktion heraus gesehen, ist eine Fata Morgana.
Unmittelbar existenziell gesehen, werden wir im Blick auf unsere eigenen vielen Ungleichgewichts-Zustände in einen inneren Strudel hinein gerissen, der uns im „Erfahren der Furcht“ herausfordert unsere Existenz im Ich zu gründen.
Das Böse ist demnach eine schleichende Manifestation des Ego mit seinen vielfältigen Fangarmen das innere Gleichgewicht in Bezug auf unseren eigentlichen Wesenskern hin  beständig neu zu unterlaufen. In seiner möglichen Formvollendung, etwa in einer Diktatur, erblindet das Böse zunehmend für jeden menschlichen Ausdruck in seinem jeweiligen sozialen Umfeld, das Gefühl für Menschliches erstirbt. Es löst sich aus den inneren Zuständen des Ungleichgewichts vieler Einzelner heraus und wird zu einem eigenständigen Wesen, einem Moloch.
Zu begegnen ist dem Bösen einzig aus dem Ich, also dem ins Sein gebrachten, gelebten inneren Gleichgewicht. Hier liegt meine/Deine Verantwortung, ganz innen in mir/Dir und sonst nirgendwo.

© Bernhard Albrecht Hartmann, 25.03.2013


Donnerstag, 21. März 2013

Die Katharsis des Willens

Will, wenn auch oft noch verborgen, nicht alles heute zu einer Wende im Willen führen? Läuten nicht allenthalben in unserer Welt die Sturmglocken und rufen zu einem Metanoia  im ganz konkreten Blick auf Dich und mich? Wozu lesen, Radio hören oder Fernsehen, wozu miteinander sprechen, wenn ich nicht bereit bin meinen Willen am Gelesenen, Gehörten, durch den anderen Menschen Erfahrenen selbst zu entzünden, mich berühren zu lassen.
Die Abstraktion hat uns die Freiheit gegeben sich zu entscheiden, ganz aus dem Ich heraus. Nichts drängt uns mehr, dies oder jenes zu tun, wir dürfen uns entscheiden, aus innerer Freiheit. Das macht Verantwortung mitunter höchst unangenehm, denn wir können immer weniger, wenn überhaupt darauf warten, bis ein anderer den ersten Schritt tut. Wir sind gerufen, durch das, was wir lesen oder auf eine andere Weise tun und erfahren, wir sind gerufen und können uns nicht mehr so leicht davon schleichen. Das spüren wir tief drinnen in uns. Die Wahrheitsfrage wird zur Willensfrage.
Zyklisation des Willens. Wie viel Scheitern sammelt ein jeder Mensch im Laufe seines Lebens ein, wie viel Überwindung kostet es ihm, sich aus kleinen oder auch grösseren Niederlagen immer wieder innerlich aufzurichten und einen Neubeginn zu wagen, zum wievielten Male? Wie viel Depression schwärt durch die Lande, weil der ursprüngliche Idealismus verbraucht und nichts an seine Stelle treten durfte?
Trotz dieser vielen Willenseinbrüche, der Wille, ganz für sich genommen, bleibt in seiner quasi Konsistenz, in der möglichen inneren Erfahrung seiner selbst, ein Geheimnis.
Erschreckend bei näherem Hinsehen und der mühseligen Destillation vieler Triebfedern und Motive, welche den Willen antreiben können, ihn, wie so schön gesagt wird, in die Gänge bringen, die Erfahrung, dass der Wille für sich genommen leer ist. Geradezu lähmend kann diese Erfahrung in der Depression und der sie begleitenden völligen Antriebslosigkeit erfahren werden. Der Wille ist leer!
Und weil diese Leere sich heute so weit verbreitet durch die Willensebenen so vieler Menschen unscheinbar hinzieht, sich immer mehr ausbreitet, kann Manipulation so weit um sich greifen. Täuschen wir uns nicht, wir seien davon nicht betroffen, wir sind es.
Innerlich ein wenig zurück tretend von uns selbst wissen wir genau, dass ohne das nüchterne Eingeständnis eigenen Betroffenseins der Wille in uns nicht befreit werden kann. Dabei nehme ich mich selbst von diesem Prozess des immer neu sich Heran Tasten an den Willen nicht aus. Ich deute lediglich auf einen aus meiner Sicht heute eminent wichtigen Prozess im Zuge der inneren Befreiung, für den sich ein jeder Mensch nur selber entscheiden kann sich darauf einzulassen.
Ein jeder auf seine ureigene Weise und in seinem Tempo, denn im Gegensatz zur äusseren Schnelllebigkeit und Hetze, zum Stress in unserem Alltag wirst Du in der Erforschung eigener Willensdynamik erkennen müssen, dass Du durch das Nadelöhr der Langsamkeit schlüpfen, d.h. die Langsamkeit zutiefst erfahren musst, bis Du zum Erfahren einer Umkehr in Deinem Willen vordringen kannst. Du musst Dich mit dem Scheitern ohne jedes Wehklagen versöhnen können.
Wenn ich dies so sage, dann muss ich sogleich nachfassen. Bei diesem Unternehmen geht es nicht um die ganz grosse Selbstanalyse, es geht vielmehr um die Entwicklung einer inneren Fragekultur sich selber gegenüber.
Sich in Frage stellen können in diesem oder jenem, was ein jeder so jeden Tag tun mag. Ausbrechen aus der Linearität etwas so und nicht anders zu tun, alternatives Handeln in dieser oder jener Situation seines Alltags sich innerlich als Möglichkeit im Nachgang eines vollzogenen Tuns vor Augen stellen, ohne ein grundständiges Zaudern gegenüber allem und jedem aufzubauen.
Täglich an Hand wenigstens einer selbst ausgewählten Willenshandlung, möglichst bildhaft, um dann diesen Alternativprozess loslassend, seine Aufgaben wieder aufzunehmen. Das wirkt mittelfristig wie eine langsame Erweckung des Ich in seinen Willenshandlungen. Es fördert eine Präsenz im Tun, da und dort.
Das Forcieren einer Rundum Präsenz kann nur nachteilige Nebenwirkungen erzeugen, derart, dass zum Beispiel Herzenskräfte in ihrer Entwicklung in die Hinterhand geraten. Wo ich nicht mehr über mich selbst und diese oder jene Fehlleistung lachen kann, da läuft etwas schief. Auf den inneren Baustellen ist homöopathische Prozessbewegung angesagt, ansonsten verhedderst Du Dich in selbstgestellten Ego Fallen.
Auf diesen Baustellen kann allein das fragend sich selbst in Frage stellen Dich davor bewahren über unscheinbar gespannte Fallstricke der Selbsttäuschung zu stolpern und in den Hochöfen des Ego immer wieder auf ein Neues zu verglühen, bis zum Dahin Torkeln am Rande des Nichts nach endlosem Aus- und Durchbrennen. 
Der Brandmeister der inneren Freiheit, an der Pforte des Ego zum Ichwerden, verfügt über ein unendliches Arsenal an Zangen, um Dich an die Kräfte des Ego zu binden, bzw. Dich immer wieder dort hin zurück zu holen. Lernen sich selbst wie einen Fremden anzuschauen will geübt sein. Es braucht einige Ausdauer bis Du hier ein gewisses Können erreichst, einfach weil das Verhaftet Sein in Ego Strukturen und daraus hervorgehend in ganz bestimmten Anschauungs- und Rechtfertigungsweisen weit verbreitet, Teil Deiner unterbewussten Wesensstruktur geworden ist.
Das Ego zieht ein Erblinden für tiefere Wesensschichten eines anderen Menschen nach sich. In der Mitarbeiter Beurteilung vieler Betriebe bist Du deshalb heute verpflichtet in Standortgesprächen das Abgleichen zwischen Selbsteinschätzung und Fremdeinschätzung als Qualifizierungsinstrument anzuwenden und sorgfältig zu protokollieren.
Zyklisation des Willens in Menschenbegegnungen, zurücktreten und nicht dem erstbesten Eindruck folgen und damit in mögliche eigene Denkmuster hinein stolpern, das öffnet Tore zum Ich des anderen Menschen, weil ich mir selber auf dem Weg über anschauende Zurückhaltung mehr Authentizität im Begegnungsaugenblick abverlange, das Du als Botschafter und Spiegel für mein mögliches eigenes und vertiefendes Ich Werden begreife.
In der Literatur ist es nicht anders, denn im Lesen werden Menschen vor meinem inneren Auge erweckt, denen nicht weniger sorgsam zu begegnen ist, wenn ich zu einem tieferen Verständnis des Gelesenen vordringen will. Die Welt des Geistes ist eine Lebendige, hier wie dort; und sie verlangt eine prozessorientierte innere Haltung von mir, um die Vielfalt dieser Welt auch nur ein wenig zu erfassen.
Insofern ist ein Leseprozess niemals wirklich abgeschlossen, genauso wie sich in Menschenbegegnungen immer neue Facetten des einander Kennenlernen ergeben können. Und das Geschenk, das wir aus Begegnungen im Lesen und sozialen Begegnungen empfangen, je nach dem wie weit wir uns selber prozessorientiert öffnen können, ist eine sich vertiefende Ich Erfahrung durch innere Katharsis.

© Bernhard Albrecht, 19./21.03.2013
Angel Maria Perezano http://www.lebensmelodie.wordpress.com zugeeignet, dem ich verdanke, dass ich es wage diesem schwierigen Thema endlich eine erste schriftliche Form zu geben.





Montag, 18. März 2013

Wer bin Ich, eine Fortsetzung

Denkmuster bilden sich durch wiederholt kreisendes sich Bewegen, bezogen auf einen unmerklich festgelegten Denkraum, bilden sich unter der Verweigerung, diese (anfangs möglicherweise unmerklich) zu hinterfragen. Je mehr sich derartige Denkmuster aber durchstrukturieren und im Hinblick auf ein begegnendes Denken wie selbstverständlich ablaufen, desto herausfordernder werden fremde Denkbewegungen, die sich dem eignen Denken entgegen stellen, erlebt. Die Abwehr erfolgt so schnell auf dem Fuss, dass sie selber gar nicht mehr bemerkt wird, so sehr hat sie sich in einen inneren Zusammenklang dem eigen Denkmuster verbunden. Das „Richtige,“ sprich das eigene Denkmuster, muss um jeden Preis verteidigt werden.
Mit der eigenen Verhärtung in der Bewegungslosigkeit auf ein Richtiges selbst fixiert, geht Bewegung auf „das Leben hin“ verloren.
Ich gräbt sich selber die Wurzeln ab.
Leben gebiert sich nämlich aus dem Fragen und die Blüte des Fragens, des immer wieder neu fragend sich auf den Weg Begeben, führt Dich zur Geburt Deines Ich. Ich ist gewissermassen die Belichtung im Prozess, ist Fokussierung auf Neues hin, fragend, weltoffen und mutig. Ich ist die unmittelbare Erfahrung Deines Springens von einem Augenblick in den Nächsten. Ich ist die Prozessgebärde des Zwischenraumes.
Wer sich nicht selber immer wieder neu erfinden mag, der kann die Bewusstseinserfahrung des Ich nicht haben. Noch schärfer formuliert: Bewusstsein ist nur durch das Ich möglich, Fragen ist sein Treibstoff. Die nicht gestellten Fragen sind der Tod des Ich.
„Das Ich scheitert an seinem Zerbrochen-Sein,“(Angel Maria Perezano Fragment 25/1. www.lebensmelodie.wordpress.com 25.11.2012) weil in der fragenden Bewegung sich nicht Ende los neu und immer wieder neu selbst gebärend. Es erstickt in der eigenen Bewegungslosigkeit.
Mithin ist es nicht der materielle Kosmos, der mir vortäuscht, „alles kenne eine stabile Form,“ (Quelle siehe oben) es ist meine innere Bewegungslosigkeit, meine Fixierung auf Denkmuster, auf an der Welt gebildete Vorstellungen, ohne diese denkend fragend neu zu öffnen, welche die Illusion des Scheiterns, der Unmöglichkeit der Ich-Findung, des bewussten Einklangs mit sich im Ich, erzeugt.
Im Spiel der Relationen, in dem sich Bewegen durch die Zwischenräume derselben erfährt das Ego seine Katharsis in seiner Geburt zum Ich. Aus der Raupe schlüpft der Schmetterling.

Bernhard Albrecht


Dienstag, 12. März 2013

Wer bin Ich

Gesprächsnotiz zu dem Beitrag Fragment 25/1.
veröffentlicht auf http://www.lebensmelodie.wordpress.com am 25.01.2013
von Angel Maria Perezano

„Ich weiß heute immer noch nicht, wer ich wirklich bin. Ich kenne nur meine Rollen. Aber vielleicht ist die Frage nach meinem eigentlichen Ich eine leere Frage. Sie existiert nicht unabhängig von einem selbstreferentiellen Bewusstsein. Sie existiert nur in einem materiellen Kosmos, der uns vortäuscht, alles kenne eine stabile Form. Das Ich scheitert an seinem Zerbrochen-Sein. Es zu vervollkommnen hieße, den Sinn des Lebens falsch verstanden zu haben.“


Das Ich kann sich nicht finden in einem selbstreferentiellen Abgleich gegen ein wie auch immer geartetes Aussen. Auch die selbstreferentiellen Prozesse innerhalb des eigenen Innenlebens, das sich selbst Besinnen sind letztlich Abgleiche gegen ein Aussen, weil im Blick auf einen inneren, von mir abgerückten Spiegel gesehen. So fruchtbar solche Prozesse sein können, so können sie dennoch scheitern, wenn das Ich im Anschauen seiner selbst hängen bleibt, sich nicht erkraften kann in einem sich selbst bezeugenden schöpferischen Prozess.
Nur in einem derartigen Prozess kann es sich zur Erscheinung bringen, um gleichsam zu verlöschen, in den Hintergrund eines vorläufigen Nicht-Ausdrucks zu treten, wenn der schöpferische Prozess an ein Ende gelangt oder abgebrochen wird. Das Ich lebt also aus der schöpferischen Spannung heraus, aus der Unmittelbarkeit erlebenden sich Bewegens.
Das Ich ist somit eine Potentialität und tritt nur insoweit in Erscheinung, als seine Potentialität sich in schöpferischem Tätig Sein zur Entfaltung bringt. Andernfalls ist es nicht und das Ego übernimmt die Aufgabe eines Platzhalters, einer Stellvertreterschaft bis das Ich wieder in seine Kraft erwachen darf und kann.
Es ist das Ego, das es so überaus gut versteht über unser Innenleben die Illusion auszubreiten, das Ich bedürfe der Vervollkommnung. Nein. Das Ich ist Kraft seiner schöpferischen Potenz vollkommen.
Diese Potenz zu entfalten bedarf es des Mutes. Es ist letztlich wie ein Gang über das Wasser oder auch ein sich in der Bewegung selber den Grund schaffen über den, auf dem ich gehe.
So in Bewegung weiss ich wer ich bin.

Bernhard Albrecht,

Dienstag, 22. Januar 2013

Über den Widersinn des Erlebens von Grenze

Über das Nichts zu reden scheint in gewissen Kreisen heute um sich zu greifen. Eine Grenze wird irgendwie erlebt, über die es einem hinaus drängt, die jedoch bei näherer Betrachtung möglicherweise nicht in der Art überschritten werden kann, wie es auf den ersten Blick hin als dunkle Möglichkeit mir vor Augen zu treten scheint. Was liegt da näher, als dieses numinosen Zustand, der gerne am ultimativen Ende einer Erkenntnis- und Selbsterkenntnis Auseinandersetzung gesehen wird, als Jenseits - Nichts oder auch Leere zu bezeichnen.
Nun, in den Grenzen des auf sich selbst bezogen Seins, in dem das Ego sich bewegt, scheint dieses Jenseits - Nichts das einzig mögliche Konstrukt extrapolierender Vorstellungsbildung innerhalb eines möglichen Erkenntnis Horizontes zu sein, welche mir eine bestimmte meditative Erfahrung plausibel machen kann. Wie weit dieses Nichts dann auch tatsächlich erlebt wird und was es mit dem möglicherweise blossen  Anschein eines derartigen Erlebens auf sich hat, das ist eine andere Frage. Eindeutig ist wohl die Tatsache eines Bedürfnisses diese Grenze zu überschreiten, die Fesseln des Ego zu sprengen, dessen Grenzinnenraum doch immer wieder gerne aufgesucht wird, um bei auftretenden Unsicherheiten oder auch gegenüber etwas, das als Gefährdung unterschwellig erlebt wird, Halt findend sich abzuschotten.

Grenze: Taste ich mich an dieses Wort heran, so kann mir eines klar werden: Ich kann nicht aus meiner existenziellen Haut heraus schlüpfen, auch nicht auf dem Weg über einen sogenannten leibfreien Zustand. Ich erfahre mich auch in dieser Formdynamik des Seins als existierend. Wenn ich den Wechsel meines Bewusstseins in diese Daseinsdynamik hinein als eine Grenzüberwindung bezeichnen möchte, dann ist es kein Wechsel in ein so genanntes Nichts hinein. Die Frage ist zudem, ob ich damit auch tatsächlich eine Grenze überwinde oder zum Inhalt meines Erlebens einfach eine anders  geartete  K r ä f t e d y n a m i k  wird.

Mein Ego versucht mich gerne auf alle nur erdenkliche Weise innerlich anzuzünden, meinen Erlebnisraum nach dieser übersinnlichen Seite hin zu erweitern, es lässt mich aber wohl weisslich im Unklaren darüber, welche Kräfte ich dazu brauche, mich in diesem Bereich dann auch sicher bewegen zu können.
Gewisse heute, auch öffentlich geübte meditative Praktiken führen, nachdem der „Affentanz“ bestürmender Gedanken beruhigt ist, dem Anschein nach in eine Art Erfahrung von Nichts oder Leere. Dem Anschein nach, denn sobald der innere Beobachter in der Meditation mitgeführt wird, ergibt sich da für den Beobachter diesbezüglicher Prozess -Szenarien nicht ein anderes Bild von dem, was da geschieht und erlebt wird?
Es ist erstaunlich wie wenig im Ausüben derartiger Meditationspraktiken das Ich in den Fokus der Betrachtung rückt. Mitunter wird in andeutenden Beschreibungen des Geschehens um derartige Meditationsweisen von der Überwindung des Ich gesprochen, ohne dass dieses selbst, wenn auch nur versuchsweise, einer näheren Betrachtung unterzogen wird.
Mit dem Ausräumen der inneren Stube von bestürmenden Gedankenwelten, im Einstieg in eine tiefere Meditationsebene, scheint unversehens auch das Ich mit ausgeräumt zu werden. Jedenfalls wird rückblickend  auf in diesem Zusammenhang gemachte  Meditationserlebnisse nicht mehr vom Ich gesprochen, sondern von Erlebnissen kosmischen erfüllt Seins mit Blick auf visionäre Willensperspektiven. Interessanterweise wird der Blick auch ausschliesslich auf die Zielrichtungen des Willens gerichtet und nicht auf ihn selbst.
Was es mit dem Willen auf sich hat wird nicht geklärt auch eine mögliche Verbindung von Ich und Wille scheint nicht am inneren Horizont des Fragens auf zu tauchen.

Eine anders geartete  K r ä f t e d y n a m i k ! Und - die Frage nach dem Willen rückt erneut vor das innere Auge.
Der Wille ist für mich, wie mir nach über viele Jahre hinweg anhaltendem Betrachten der Frage  vor Augen tritt, nicht in einem „über mich hinaus,“ sondern auf dem Weg mehr in mich hinein zu finden. Mehr in mich hinein, durch die Dunkelheit des Leiberlebens zu einer Zurückdrängung des Leibes vorzudringen, was nicht heisst den Leib abzustreifen. Der Leib ist nämlich der Schmiedemeister, der mir im Feuer der Begierden meine Sinne schärft.
Die Begierden nicht als lästige Fliegen zu betrachten, die auf dem Weg möglicher übersinnlicher Erfahrung zu überwinden sind, sondern sie als Lehrmeister für das Schärfen meiner Sinne anzuerkennen, das macht den Weg frei im Ergreifen und ichhaften Durchdringen dieser erweiterten Kräftedynamik nicht den Boden unter den Füssen zu verlieren.
An der Pforte zur Dunkelheit des Leiberlebens gilt es, wie mir scheint, eine grundlegende Erfahrung zu meistern, die durch immer wiederkehrende, hartnäckige Nebel der Müdigkeit, die über mich herfallen, sich anzeigt. Auch das immer wieder sich ereignende, meist schnelle Aufgeben oder nicht konsequent Fortfahren im Üben auf dem Weg zum geistigen Erfahren,  ist eine Wirkung solcher innerer Nebelbildungen. Und letztlich ist es das Ego, in dessen Armen ich immer wieder lande.
Mit den Nebelbildungen sind, bei näherem Hinsehen aber immer mehr oder weniger bewusste Begierden oder Ängste verbunden. Sie ruhig und wertfrei anzuschauen erfordert einigen Mut. Mit anderen Worten, sich anhaltend lächelnd über die eigene Schulter wie ein Fremder zu schauen ist hier angezeigt - immer wieder - bis sich derartige Gedanken- und Empfindungskomplexe still aufzulösen beginnen. Das Bedrängende geht, wenn Du es nicht mehr fürchtest, es mit allerlei selbst erzeugten Verschleierungen zudeckst und damit die Augen vor ihm verschliesst.
Zurückdrängung des Leibes! Auf den ersten Blick könnte der Eindruck entstehen, dass damit von einer Verdrängung des Leiblichen gesprochen wird, um an die eigentliche geistige Dimension herantreten zu können. Gemeint ist aber „durch den Leib hindurch“ und nicht am Leib vorbei zum Geiste vor zu dringen. Gemeint ist den eigenen Willen nach und nach so weit zu verdichten, ihn in innerer Präsenz, in seiner Prozessdynamik gegenwärtig zu halten, dass der Tanz der Begierden, wie er sich aus leiblichen Prozessen heraus im Seelenleben zum Ausdruck bringen kann, dass ich im Anschauen dieses Geschehens die Oberhand behalten kann. Darin liegt das eigentliche Thema von innerer Gelassenheit und Urteilsfreiheit.
Die Freiheit kann der Mensch sich nur selber nehmen, indem er sich durch Selbstverurteilungen in seinem Kräftewirken knebelt. Freiheit kann mir auch kein Mensch nehmen, ausser ich lasse es aus einer inneren Schwäche heraus zu. Insofern sind die Härten, die andere Menschen mit ihrem scheinbar unangemessenen Verhalten und ihren Übergriffen mir zumuten können meine Herausforderer im Ich zu erwachen.
Freiheit kann demgemäss auch nicht das Ziel einer fernen Zukunft sein. Sie ist und wird jetzt, in diesem Augenblick und das immer wieder neu und in einer sich vertiefenden Art und Weise, oder sie manifestiert sich nie. Von Freiheit zu träumen, sie in die Zukunft hinein zu verschieben ohne aktiv gestaltend etwas für sie zu tun ist in sich widersinnig. Freiheit ist die Aufgabe des Ich. Niemand wird sie mir geben , wenn ich sie mir nicht erwerbe, auf allen Ebenen des Seins.

Der Widersinn einer irgendwie gearteten Grenze fällt dort in sich zusammen, wo das Ich in seiner Unmittelbarkeit ins Leben eintritt, wo das Ego mit seinen selbstbezognen, Angst durchwirkten Seelenverstrebungen in dieser seiner Aktivität entlarvt wird. Und diese Aktivität kann unmerklich bis in ein Geistiges hinauf wirken.
Visionen kommen nicht wirklich aus dem Geistigen, sie sind Spiegelungen leiblicher Prozesse in einen scheinbar geistigen Raum hinein und werden demgemäss als Widerspiegelungen erfahren. Charakteristisch für sie ist, dass sie den Willen anzünden, ihn aber nicht freilassen.
Das Ego spiegelt tief unterbewusste eigene Wünsche und Sehnsüchte an die Wände seiner gleichsam „inneren Dunkelkammer,“ die in ihrer Schwärze als Nichts oder Leere erlebt wird und empfängt in einer Art Lichtreflex Visionen. Durch eine narzisstische Persönlichkeit übermittelt, können diese eine euphoriesierende Wirkung aussenden, die für den Moment begeistert, im Ansatz auch Transformation anstossen kann, aber letztendlich nicht nachhaltig wirkt, weil das Ich nicht angesprochen wird. Es werden latente Abhängigkeiten geschaffen und die Freiheit, die nur aus dem Ich heraus Leben gestaltende Wirklichkeit werden kann, bleibt aussen vor.
Die Unmittelbarkeit des Ich zu leben ist allerdings mehr als herausfordernd. Schon das  von Innen her sich Annähern an die Kräftewirkungen, die durch das Ich freigesetzt werden, erfordert Mut. Das ist kein schwereloser und auch kein abstrakter Zustand, wie mitunter angenommen, in dem der Erfahrende sich in Einheit mit einem Alleins erlebt. Es ist ein Zustand wachsender Kernung und zunehmend innerer Einsamkeit unter einem Gewicht von Verantwortung, die getragen sein will.
Die Wirklichkeit des Ich zieht die Erfahrung einer Form von Selbstkonfrontation nach sich, um die Du Dich nicht mehr herumschleichen kannst. Was es heisst sich „unbestechlich“ selber in die Augen zu schauen, das wird zum Erlebnis in den fortlaufend gegenwärtigen Möglichkeiten und tatsächlichen Ereignissen eines Absturzes, innerhalb permanenter Gleichgewichtsbemühungen im Gehen über steil abfallende Bergkämme. Und wenn ich dies sage, dann ist dies weit weniger ein Bildverweis, als wachsende unmittelbare Tatsächlichkeit im eigenen inneren seelischen Beobachten und Erleben.
Dabei geht es um das Wirksamwerden des Ich in meinem und Deinem Alltag und nicht um ein Verschieben an einen fernen sogenannten Entwicklungshorizont. Das Ich verbindet sich „jetzt“ oder nie mit Deiner Lebenswirklichkeit. Und hier gibt es nur eine scheinbare Grenze. Du vermeidest das tatsächlich tiefere Hineingehen in Deinen Willen und damit das Straffen Deiner Leiblichkeit. Der Weg, sich hier, nach Art des Mondlichtes gespiegelt, in ein Alleins hinein zu träumen scheint der leichtere Weg zu sein. Er suggeriert Dir das Erleben eines schnelleren Ankommen. Der Weg des Ich aber ist ein innerer Sonnenweg.

Bernhard Albrecht





Donnerstag, 10. Januar 2013

Nimm Deine Füsse mit

Wie gehst Du, wenn Du gehst? Hast Du mit Deinem inneren Blickorgan innerhalb Deines Gedanken-und Empfindungsnetzwerkes Kontakt zu Deinen Füssen, die Dich gerade da oder dorthin führen? Bist Du Lenker/in Deiner Schritte oder werden Deine Füsse von diesen oder jenen Gedanken (auch Idealen), Gefühlen oder Wunschvorstellungen einmal hierhin, dann wieder dorthin gezogen? Gehst Du Deine Wege mit einer klaren Intention oder trudelst Du mehr oder weniger im Schleudergang oder im innerlich abgeschotteten Gewohnheitstrott, gewürzt mit Sarkasmus durch Deinen Tag. Es ist nicht ganz einfach sich darüber einen nüchtern sachlichen und korrekten Aufschluss zu geben, ohne irgendwelche eingeflochtene Selbstbeschönigungen. Diesen blickst Du nämlich unmittelbar in die Augen, wenn Du einmal damit begonnen hast Dir gelegentlich selber über die Schulter zu schauen.
Das Ego ist ein Meister der Selbsttäuschung, wie du spätestens dann anfängst zu bemerken. Und wenn Du damit einmal angefangen hast, dann wird es Zug um Zug schwieriger derartige Manöver zur Selbstvertuschung einzufädeln.
Du hast mit der Übung Dir selber wie ein Fremder über die Schulter zu schauen einen Weg betreten, auf dem Du von einem gewissen Punkt an nicht mehr umkehren kannst. Es geht nicht mehr, ohne dass Dir leise, bzw. bis in der Art einer Sturzflut überdeutlich eine Schamröte ins Gesicht steigt. Nimm es als Fortschritt. Du kannst den erlebenden Teil Deiner Seele nicht mehr deckeln. Vom Leben berührt durchpulst Dich hinfort eine Bewegungskraft, mit der umzugehen Du nun lernen musst.
Im Bilde des Märchens gesprochen: Dem treuen Johannes springen seine drei Eisenringe auf, die er um die Brust getragen hat oder anders ausgedrückt, das Ego hat sein Werk getan und das Ich ist gefordert die Verantwortung für die weitere Entwicklung seines Königtums zu übernehmen.

Nimm Deine Füsse mit!
Deine Füsse haben etwas mit dem Willen zu tun, dem von Dir umgekehrten, dem Ego abgewandten Willen, dem Willen sich auf das Unterbewusste in Dir einzulassen, das Dir das Du in Teilen stets da und dort spiegelt.
Nur auf den ersten Blick scheint es so, als ob das Denken nichts mit den Füssen zu tun hätte. Es hat! Das Denken gründet nämlich auf einem Willensakt, was übersehen wird, solange es einfach im Alltagsgeschäft vor sich hin plätschert, ohne dass Du dabei wirklich bemerkst, was Du da eigentlich tust.
Mit den Füssen gehst Du in die Welt. Mit Deinem Denken, das für seinen Willensanteil in sich erwacht, gibst Du der Welt, den Menschen in Deinem Schicksalsumkreis durch Dein Vorbild die Gelegenheit ihrerseits einen Metanoia-Prozess zu initiieren. Indem Du an Deinem Gegenüber, dem Du anderer Menschen für  Dein Unterbewusstes erwachst, das Dir von dort her gespiegelt wird, indem Du nicht nur heftige, sondern auch leise Regungen, die sich in solchen Begegnungen in Dir auftun, nicht mehr sogleich zurück weist, sondern Dich darauf einlässt, beginnst Du für das, was Dein Ich in seinem Kern ist, aufzuwachen.
Deine Füsse tragen Dich also in die Welt, Deine Füsse führen Dich letztlich immer wieder zu Dir selbst.
Versuch es einmal, in einer Fussgängerzone oder auch auf einer Parkbank sitzend die Vorbeigehenden still zu beobachten - ohne dies oder jenes, was Du siehst zu bewerten. Du wirst sehen, dass dies gar nicht so einfach ist, dass Dir das Urteil schneller über die Schippe springt, als Du es zurückhalten kannst. Damit bist Du aber wieder bei Dir angekommen. Mit Deinem Willen Dich nicht in der blossen Anschauung der Geschehnisse zurückhalten zu können, gibst Du Dir  U n b e k a n n t e n  die Gelegenheit Dir so manche Kleingeistigkeit Deiner Unterwelt wider zu spiegeln.

Lass Dich darauf ein. Du kannst nur gewinnen, indem Du Dir in dieser Art zu begegnen bereit bist. 

Du resignierst nach wenigen Übungseinheiten, weil Du keine oder in Deinen Augen nur eine zu geringe Veränderung zum Besseren an Dir feststellen kannst? Dein Ego hat Dir ein Bein gestellt, denn Du hast das Lächeln über Dich selber vergessen!
Mit dem Lächeln weitet sich Dein Herz, Gelassenheit kehrt ein. Du betrachtest Situationen, andere Menschen weniger unter Deinen, in der Regel kaum mit reflektierten, eng auf Deine Art der Weltbetrachtung bezogenen Gesichtspunkten. Du gibst innerlich Raum dafür andere Weggebärden wahrzunehmen und  w ü r d i g e n  zu können. Du brichst Deine Ordnungsmuster auf und beginnst nach und nach Dich auf ein  E r l e b e n  einlassen zu können, das andere Erfahrungs- und Entwicklungswege zulassen kann. Du fängst, vielleicht zunächst zögernd zu erfahren an, wie es ist tatsächlich den ein oder anderen Schritt „in den Schuhen eines anderen Menschen“ zu gehen.
Das Abrücken von Deinen (eingeengten) Gesichtspunkten schafft Dir inneren Raum zuerst leise, dann immer deutlicher zu erspüren, was es bedeutet ein Ich zu  s e i n  . Seltsam, nicht wahr, im Abrücken von Dir selbst, Deiner Art der Weltbetrachtung, findest Du Dich selbst, lernst du dich in Deinem Ich zu ergreifen und ... aus dem Ich zu leben.
Für Deine Wahrheit zu kämpfen und damit verdeckt die Möglichkeiten anderer Entwicklungswege zu bekämpfen, „leise“ gewalttätig zu verdrängen oder auch in Achtsamkeit verpackt sie letztlich nur scheinheilig zu tolerieren, weil Du nicht für Dich einstehen kannst, ist eines. Da wären wir erneut an der Klippe zwischen Ego und Ich, zwischen Angst und dem möglichen Sprung über einen, Deinen Abgrund.
Ein anderes ist es innerlich im Begegnen mit dem Du soweit loszulassen, dass alles, was Du bis an hin gewöhnlich so sagen konntest, wie vor Deinen Augen verbrennt, in einem Sturm Dir entrissen wird und Du in eine Erfahrungszone eintrittst, die Sokrates so beschrieben hat: „Ich weiss, dass ich nichts weiss.“ Eine sehr luftige Nullpunkt Erfahrung, wenn Du Dich im Durchgang durch die Unterwelt, im Annehmen der unterbewussten Seiten aus den Spiegelungen, wie Du sie durch die Du Begegnungen Deines Lebensumkreises erfahren kannst, innerlich in Deinem Willen mehr und mehr aufrichten konntest.

Nimm Deine Füsse mit!
Die Kunstgeschichte hat in ihren Archiven nicht wenige Bilder von Michael im Kampf mit dem Drachen. Lassen wir uns auf das eine oder andere Bild tiefer ein, so können wir eine unerwartete innere Erfahrung machen. Im Zentrum des Kampfgeschehens, dort wo der Speer den Drachen zu treffen scheint, kann sich ein Raum unerwarteter Stille auftun. Michael tötet den Drachen nicht, er schafft einen inneren Abstand, in dem er die Kräfte des Drachens sich zur Anschauung bringen kann. Und damit sind die Bilder Michaels mit dem Drachen Urbilder des Erwachens zum Ich.
Noch tiefer betrachtet sind es Bilder tiefster Demut, denn sie sprechen von der Integration der Schattenwelt und nicht von deren Bekämpfung und Verdrängung. Auch eine bestimmte Art postmoderner Abstraktion kann einen verborgenen Verdrängungsfilter leise beinhalten, kann!
Wie will das Ich je, in Quadranten verschoben, zu einer real erfahrbaren innerer Grösse heranwachsen können. In Abstraktionen sich scheinbar zu verständigen, visionär Absichtserklärungen zu pushen, erweckt das Ichkraft über einen kleinen Augenblick hinaus? Jemand tritt Dir damit auf die Zehen, mobilisiert zum wievielten Male Sisyphos Kräfte in Dir und der Stein entgleitet wieder und wieder im Anschieben auf ein Gipfel Erreichnis Deinen Händen. Willst Du im Ich wirklich erwachen, dann wirst Du nicht umhinkommen diese Schicht der Abstraktion mit Deinem Willen, die Drachenhaut in Dir belebend, zu durchdringen.
Und das bedeutet dem Du  o h n e  die Panzerungen Deiner Abstraktionen  e r l e b e n d  zu begegnen, die letzte Himalaya Hochburg aus freien Stücken zu verlassen und ins Tal, in das Tal Deiner Unterwelt hinab zu steigen. Dem Leben begegnest du dort in der Tiefe. Die Tiefe wird Dich von der hartnäckigsten Illusion befreien, Du könntest über die Abstraktion zu einem nachhaltigen Erwachen gelangen. Den in der Abstraktion verborgene Sternen Kranz, kannst Du ihn opfern?

Bernhard Albrecht

    

Dienstag, 1. Januar 2013

Ziehe Deine Schuhe aus ...

Und immer wieder die Frage nach dem Willen!
Ein ganz wesentliches Hindernis den eigenen Willen in den Blick zu bekommen scheint mir in den Bildern zu liegen die „ein jeder“ meist sehr, sehr unterschwellig von sich selber hat und mit sich herumträgt, in sein Denken und Sagen unversehens mit hinein flicht. Kommt es dann zu einer Antwort eines Du auf mein Sagen, so ist sogleich das Bild von mir, das eng verbunden ist mit dem, was ich sagend auszudrücken versucht habe, damit angesprochen - fühlt sich mehr oder weniger deutlich gedrängt sich zu verteidigen. Ich springe innerlich gleichsam der Antwort auf den Rücken, dresche ihr eins über, - das kann durchaus auch vornehmer sein - und übersehe, ja ich berühre in einer derartig reaktiven Haltung nicht annähernd die Sachebene des Gesagten.
In diesem ersten Augenblick des Hinschauens auf eine Antwort entscheidet sich, ob damit ein Erwachen am Anderen mit initiiert wird oder nicht.
Viele, viele Missverständnisse können so, ohne einen gewissen Abstand, indem ich gleichsam wie ein von meiner Seite aus unbeteiligter Fremder auf eine Antwort an mich hinblicke, unter Menschen entstehen, ziehen unscheinbare Gräben, richten Mauern auf und die eine oder andere Seite miteinander Reden Wollender überhört so die Oberton-Fanfaren, die durch das Du zu neuen Ufern durch innere Wandlung riefen.                            
Nicht selten schleppen sich derartige Brüche über Jahre hinweg durch eine Biographie als prägende Eindrücke weiter, können sich zu wahren inneren Komplexen erweitern und verseuchen als zunehmend giftiger werdender Bodensatz neue Begegnungen, blockieren oder behindern, allen Anstrengungen zum Trotz die weitere Entwicklung.  
Es ist also das Bild von mir, das ich unterschwellig zunächst in alles mit hinein trage, was ich kommuniziere, das mich daran hindert an den Ursprungsquell meines Willens innerlich herantreten zu können, solange ich aktiv von meiner Seite aus das Erwachen nicht mit initiiere. Solange ich also auf ein Antworten mich innerlich nicht abfragen kann, was hat diese Regung, dieser Drang in mir dies und das vermeintlich darauf erwidern, richtig stellen oder behauptend dem Anderen glauben gar unterstellen zu können, was hat das mit mir zu tun.
Oder auch: was hat dieses gegenüber dem Du, nicht selten gut kaschierte, zurück gehaltene innere Grollen und Giften, das sich zur Gänze innerlich auf dieses hin projizierend richtet, ohne die tief in mir verdeckt gehaltene Quelle eines derartigen Prozesses ins Auge zu nehmen; welche innerliche Unausgeglichenheit oder Unsachlichkeit in weiter zurückliegenden Geschehnissen, möglicherweise auf ganz anderen Geschehnis Feldern, drängen hier wieder an die Oberfläche und verleiten mich sie erneut zu verdrängen und auf das Du hin zu übertragen? Wenn derartige Regungen angesichts der Worte des anderen Menschen in mir mehr oder weniger hoch kochen, ohne dass ich sie auf seinen Bezug zu mir hin abfrage, bleibt mir die Tür über die seelische Beobachtung im Denken sehend werden zu können verschlossen.
Mein Selbstbild ist die Tür - und Interesse, ein Interesse ohne jeden Vorbehalt auf den anderen Menschen und sein Sagen hin kann diese Türe öffnen. Erwachen am Anderen ist meine Aufgabe. Den Anderen widerlegen und korrigieren zu wollen, in diesem oder jenem innerhalb seines Sagen, das ist nicht mein Ding, das kann er nur selber. Kein noch so gutes Argument kann, genau besehen, innerhalb von Entwicklungsprozessen da irgendetwas ausrichten.
Mein Erwachen am anderen, mein fortlaufendes Bemühen darum, das allein kann lebendige Kräfte freisetzen, die hilfreich sein können für den anderen Menschen seinerseits zu erwachen, mehr aber auch nicht. Durch seine Prozesse hindurch gehen, die Not wendenden Schritte dazu nach und nach ins Auge zu nehmen, das kann allein er selbst. 

Und immer wieder die Frage nach dem Willen!
Mit dem vorausgehend Gesagten ist immer wieder, wenn auch mehr indirekt, aber dennoch sehr präzise auf den Willen verwiesen, ohne ihn selber näher zu beschreiben. Beschreiben lässt sich der Wille nämlich nicht, denn non duale Vorgänge lassen sich nicht von Du zu Du adäquat beschreiben, sie lassen sich nur auf dem jeweils eigenen Geschehnis Untergrund selber beobachten und das erst dann, wenn du aufhörst das Du als Deine Projektionsfläche zu missbrauchen, wenn Du die Verschleierungen Deines Ich durch dein Ego bezogenes Selbstbild bereit bist erwachend zu durchdringen.
Das Feld auf dem das Ich, erwachend für sich selbst tätig werden kann, ist die Unmittelbarkeit. Die Unmittelbarkeit wiederum ist eng an den Zeiten-Raum der Stille geknüpft. In der Stille, dem Quellpunkt des Ich, wiederum ist der unbewegt bewegte Wille, der gleichsam jungfräuliche, noch nicht durch das Ego korrumpierte Wille beheimatet.
Es gehört ein sehr fein gestimmtes waches inneres Gleichgewichtsempfinden dazu, sich dieser Sphäre der Erfahrung, dem unbewegt bewegten Willen, dem Willen als schöpferische Potenz des Ich, innerlich auch nur annähern zu können. Hier gilt nämlich das Wort, das sich dem inneren Erfahren des Moses in einem  Moment des Erwachens einstmals offenbarte: „Ziehe Deine Schuhe aus, denn der Grund, den Du betrittst ist heiliger Boden.“

Bernhard Albrecht

Mittwoch, 28. März 2012

Der Pfad der Bestimmungslosigkeit


 In Weiterführung der beiden nachfolgend zitierten Texte von Burghard Schild vom 25.3.12
(www.Blog B.blogspot.com).
„Noch einmal. Wenn Freiheit schön wird. Wenn? Wie ist sie denn, bevor sie schön wird? Die Frage hinkt? So, wie sie auf einem Bein daher kommt? Das zweite Bein ist weiteres Fragen?
Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit.*? Eine jegliche Geburt bedarf der Empfängnis? Freifrau von Bestimmungslosigkeit empfängt im Zwischenraum das sündenfällig Gegebene? Sie erteilt Absolution? Aus absoluter Freiheit? In wessen Namen? In Namenslosigkeit? Also vor der Taufe? So wie neu geboren?
Du Schöne!“
*Schiller im 2. Brief seiner Brieffolge: „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“

                                                                 Zueignung

                                                           Welche Glut freit;
                                            Ins Kreuz geschmiedeten Rosenduft?
                                                   Kein Königssohn nirgends!
                                                             Ich, wo bist Du?
                                           Noch namenslose Königin aus Nacht;
                                                               In Dir gebier
                                                         Den Sonnenwender.

                                                                        B.


Lieber Burghard

Dein Eintrag auf Deinem, Blog regt mich zu einigen Gedankengängen an, die den Umfang eines blossen Kommentars überschreiten. Nimm also die nachfolgenden Gedanken als eine Art Fortführung der Deinen unter erweiternden Gesichtspunkten.
„Freifrau von Bestimmungslosigkeit!“ Die Bedeutung und Bestimmung auf ein Gesagtes hin fügst Du aus Deiner keimenden Erinnerungskraft, im Angesicht des im Spiegel meiner Worte bestimmunglos Aufscheinenden, also aus Deiner inneren Tätigkeit hinzu. Du bist es, was Du im Spiegel meiner Worte siehst. Wenn in Dir möglicherweise also ein „Ja Aber“ aufsteht, wenn auch noch so fein gestimmt ein wie auch immer Dagegen, „wogegen!“ vermeint aufzustehen zu müssen, dann stehst Du gegen Dich selbst auf, bist unmerklich im Begriff Dir selbst den Weg zum Ich hin abzuschneiden.
Die Tücke im Erwachen am anderen Menschen: Die unmerklich klammheimliche Flucht vor dem Eingehen in den „Grund,“ die Stille, die gleicherweise lichte, wie dunkle Stille, das sokratische Ich weiss, dass Ich nicht weiss.
Mal ganz ehrlich - und ich beziehe mich in diesen frei lassenden Prozess selber mit ein - so leicht ist das nicht, was ein jeder eventuell weitere wagemutige Leser dieser Zeilen für sich herausfinden kann, so er will, so er dem „Willen in selbst erhellender Tateinheit begegnen“ will. Der „fühlend“ zu erlebenden Demut. Der aus immer wieder neuer Selbstüberwindung hervorgehenden Ergebenheit dem „grossen Willen“ gegenüber.
Mache ich es mir in meinen Schritten selbsterhellend mir selber gegenüber zu treten nicht zu leicht, ist die hier beständig auf ein Neues hin zu prüfende Frage. Selbst auf einen einmal getanen Schritt hin, immer und immer wieder. Schon die zaghaft erlebend voraus tastend erahnte Nähe zum „Grund“ hin ist gewissermassen porös, ist unter meinen Füssen mit schwindelerregender Unsicherheit behaftet. Und damit verweise ich nicht auf ein Bildhaftes, sondern auf etwas real Erfahrbares hin.
Die Taschenspieler Tricks möglichen Erfahrungen dieser Art sich zu entziehen gehören zu den Schwellenerlebnissen vor dem tatsächlichen Eintritt in den „Grund.“ Was das Denken ist, weisst  Du es? ist, so sehe ich es aus meinem Erfahren heraus, vor einer tieferen Berührung mit dem Grund nicht zu sagen.
Hältst du Dich für aufgeklärt, was das Denken betrifft? Wirklich? Die wunderbaren, wenn auch schmerzhaft immer wieder neu zu erringenden Freiheitserlebnisse im Durchschreiten des weissen Formates für ein werdendes Bild, sie bieten noch keine Gewähr dafür im eigenen Denken nicht einem Mythos zu verfallen! Ich/Du wissen, dass Ich/Du nichts wissen. Mal ehrlich, ist das gerade „Jetzt“ so?! Dem leidenschaftlich, dem mit viel Herzblut ringenden Künstler steht nicht selten in eigener Person ein Denker im Glashaus, gefangen in selbst erzeugten Formalisierungen, gegenüber.
Siehst Du den Boxsack, der jetzt auf Dich zu taumelt? Kafkas Prügler, beschrieben in seinem Roman: „Der Prozess,“ ist keine Schimäre!
Bevor Du nicht durch derartige Prügel Erfahrungen  hindurch bist, bis zu dem Punkt, da in Dir keine Gegenwehr mehr aufsteht, kannst Du nicht erfahren, was Denken ist. Das haut Dich jetzt um. Hoffentlich! Denn Demut als durch und durch geklärte Erfahrung blüht in dir erst dann wirklich auf, wenn Du ohne Gegenwehr durch eine totale K.O. Erfahrung gehen konntest.
Du widersprichst?! Pass auf und siehe oben! Mein Sagen ist bestimmungslos, bis Du im „Spiegel“ meines Sagen aus Deinem Denken heraus ihm Bedeutung gibst. Wie soll ich ihm Bedeutung geben, wenn ich nicht weiss, was Denken ist?  Wunderbar! Die Demut eröffnet Dir das Tor zur realen Erfahrung des Grundes und ... aus dem Grund geht auf Dich zu Dein Ich, das Dir im lebendigen Denken Absolution erteilt. Das sündenfällig Gegebene zerfällt in sich und aus dem Namenlosen erblüht die Antwort des Geistes aus dem Urgrund des Ich.
„Welche Glut freit ins Kreuz geschmiedeten Rosenduft?“ Die schöpferische Glut Deines Ich. Du selbst bist der Königssohn, den Du erwartest und der nur aus Dir geboren werden kann. Die namenlose Königin aus der Nacht heisst: Erinnerung. Erinnere Dich Deiner selbst im Sagen des Du und Du gebierst den Sonnenwender aus Dir selbst.
Zum Grundstock einer Zeitenwende werden die Menschen, die am Du erwachend, auferstehen in die Kraft ihres eigenen Ich.
Bewegt in Bewegung!

Bernhard Albrecht

 






Freitag, 23. März 2012

Im Vorhof der Stille

Innerhalb der Prozessbewegungen im Sich-Begegnen von Ich und Du ist der Vorhof der Stille vielleicht das am schwierigsten mit innerem Erwachen zu durchdringende Prozessfeld. Geht es hier doch um die Auflösung der dualen Beziehung im wechselseitigen einander mehr oder weniger erlebendem Anschauen und Begegnen. Steht im Mittelpunkt das langsame Bewusst Werden der Beziehung zwischen einem im bisherigen Entwicklungsgang auf das eigene Selbstbild bezogenen Handeln, hin zu einer werdend bewegt in Bewegung hervor gebrachten inneren Ich - Dynamik, die gleichermassen im Denken, wie im Fühlen und Wollen verankert ist.

Die zahlreichen latenten Konfliktprozesse, die hier kalt auf diversen inneren  Abstraktionsregalen lagern oder mit der beständigen Möglichkeit zu explodieren in Druckkammern weggesperrt sind, oft über Jahre hin, sie fordern das werdend in die Wachheit zu sich aufstehende Ich heraus. Bist du bereit Dein Sein und Werden auf nichts anders als Dich selbst zu stellen, Dich den mit Bestimmtheit an Dich heran tretenden zahlreichen „inneren Ausflüchten“ ein jedes Mal neu zu stellen?
Nondualität, wie von Ken Wilber beschrieben, muss aus der Abstraktionsfalle oder Abstraktionszurückhaltung heraustretend, erlebend in seiner inneren Prozessbewegungen vergegenwärtigt werden. Wenn das geschehen kann, dann ersteht daraus ein wachsend wacher werdender Ich - Prozess. Ein Ich Prozess praxisnah auf den „Weltengrund“ hin bezogen, wie Rudolf Steiner es in seinen Grundlinien einer Erkenntnistheorie beschrieben hat, ein Ich - Prozess aus der Stille heraus, kreativ unterschiedliche spirituelle Strömungen zusammenführend, in exakter Wachheit, anstatt im Gegeneinander eine mögliche gemeinsame Zukunft zu verlieren.
Die Zeiten dualer Auseinandersetzungen sind vorbei, ob äusserlich geführt oder innerlich versteckt hinter allerlei „egoistischen“ Ängsten oder Überheblichkeiten. Die diesen zu Grunde liegenden inneren Prozesse treten immer unabweisbarer vor die Schranken  des eigenen selbstverantwortlichen Tuns.
Jedem tatsächlichen äusseren Entwicklungsgeschehen geht eine innere alchemistische Auseinandersetzung im Zusammenhang mit inneren psychischen Strömungsvorgängen voraus. Wo diese Arbeit vorweg nicht geleistet wird, können sich auch soziale Prozesse im näheren eigenen Umfeld oder im weltweiten Geschehen nicht verändern. Und auf welchem Pulverfass wir hier sitzen, das kann ein Jeder heute wissen. Eine zukünftige Entschuldigungslinie: Das habe ich/wir nicht gewusst, diese ist schon von heute her ausgeschlossen.
Zu oft ist ein jeder, mich eingeschlossen, hier schon vor diverse Tore zum Ergreifen eigener Selbstverantwortlichkeiten gestellt worden und sei es nur dahin gehend, dass er mit diversen Aggressionspotentialen im Umgang mit Menschen seiner nächsten Umgebung innerlich „anders“ umgeht. Solche nicht selten still vor sich hin brodelnden Prozesse, selbst illusionierend mit dem Feigenblatt der Friedfertigkeit oder vordergründig formalisierender Sachlichkeit garniert, wirken letztendlich in verborgenen Stimmungslagen dennoch nach aussen. Sie wirken nachhaltiger, weil das aggressive Gift langsam soziale Bezüge unterwandert und auf diesem Weg unreflektierte antisoziale Haltungen an die Oberfläche des Geschehens treibt, ohne dass die beteiligten Menschen sogleich bemerken, was sie da eigentlich tun.
Die psychischen Vorgänge hier, finden ihre Widerspiegelung in  z.B. äusseren sozialen Gewaltprozessen. Alles ist mit allem verbunden und „Ich“ kann mich nicht mehr aus der Verantwortung für dieses oder jenes Geschehen herausnehmen. Dass dieses oder jenes geschieht, in Afghanistan oder vor meiner Haustüre in einer Schlägerei unter Jugendlichen, dazu habe ich mit beigetragen, in dem ich eigene Aggressionspotentiale unter den Teppich gekehrt habe, anstatt mich ihnen innerlich zu stellen und sie ohne Abspaltung nach aussen, sachlich vor dem eigenen inneren Auge anschaulich aufzulösen.
Für mein Denken und Empfinden bin ich und ist niemand sonst verantwortlich. Nicht der anderer Mensch ist der Auslöser für dieses oder jenes Empfinden in mir, sondern ich bin nicht wach genug, sodass mich ein Sagen aus meinem sozialen Umfeld schlicht auf dem falschen Fuss erwischt, ein bereits verborgen vorhandenes Aggressionsfeld in mir neu animiert und mich von dort her innerlich umhaut.
Dass ich aus dem Gleichgewicht geraten bin, dafür kann ich einen anderen Menschen ehrlicherweise nicht verantwortlich machen. Dafür, dass ich mich in einer Burg der Schöngeistigkeit oder des erkenntniswissenschaftlichen Purismus verschliesse, die Welt draussen nur über den Gartenzaun hinweg, ohne tatsächlichen Sinn für meine ganz konkret zu Tage liegenden  Selbstverantwortlichkeiten erlebe, dafür bin ich verantwortlich.
Stammtisch Verhalten zeigt sich nicht nur an diversen Stammtischen, sondern ist überall im „Mäkeln,“ z.B. mit meinem Wohnungsnachbarn im Treppenhaus, verborgen. Überall bei derartigen Anlässen meines Alltags bewege ich mich in verstecktem „Man - Gehabe“ anstatt im Ich. Ich bin nicht auf Augenhöhe zu mir und schon gar nicht zu dem Weltgeschehen, das ich unmittelbar vor Augen habe. Ich lebe abgekoppelt zu meiner Selbstverantwortung, die mich vielleicht gerade jetzt zur Tat ruft.
Mich ruft in Mitgefühl dem Menschen neben mir zuzuhören! Der Verzicht auf ein „dagegen“ Argumentieren, bewirkt, mit einem gewissen inneren Abstand betrachtet, nicht selten genau jene Lebenswendung, die kein unmittelbares Argumentieren hätte herbeiführen können. Vielleicht nicht kurzfristig, aber sicher genau dann, wenn die Zeit dafür reif ist. Kehrtwendung durch eigene innere Einsicht, auf dem Boden geschenkten Mitgefühls.
Mitgefühl als  der Zündfunke durch den in anderen Menschen der innere Blick für selbstverantwortliches eigenes Tun aus dem Ich auferstehen kann. Stille innere Zuwendung, ein viel zu wenig beachteter, Wachstum fördernder Vorgang in heutiger Zeit.

Bewegt in Bewegung im Vorhof der Stille!

Bernhard Albrecht

Freitag, 16. März 2012

Einer Freundin

Bewegt in Bewegung.

Bewegt sein, sich berühren lassen durch das Sagen des Du, auch dann, wenn es mir vielleicht zunächst befremdlich daher kommen mag, das ist es, was mich in die tiefere Bewegung um, mit und schlussendlich in das Wort, welches das Du an mich heran trägt, erlebend hinein führt.

Bedacht sein darauf eigene Vorstellungen, die sich allzu schnell einstellen und unversehens hinein schwappen, sich übertragen auf das vom Du Gesagte und dieses damit in seinem ursprünglichen Gehalt verfremden, dass diese Vorstellungen zurückgehalten oder noch besser auf dem eigenen Denkbildschirm gelöscht werden, das schafft jenen Zwischenraum der Stille aus dem wir dann "bedacht" werden können, aus dem die Möglichkeit zu echter menschlicher Nähe erst wirklich entstehen kann.
Eigentlich fange ich dem Du erst von dem Augenblick an zu begegnen, in dem ich unter Verzicht auf Interpretation seines Sagen vor dem Hintergrund eigener Verstellungen oder Erwartungen jene erlebend fragende Offenheit herstellen kann, die das Rauschen im Blätterwald eigener Wortblähungen, die sich als Erwiderung aufdrängen wollen, einstelle.
Das Sagen des Du deutet sich durch sich selbst, wenn ich ihm in und aus dieser Stille heraus, die der fragenden Offenheit auf das Du hin folgt, entgegen trete, mich innerlich aufschliesse für sie, mich einlasse auf sie, die Stille  ... und in dieser inneren Stille einfach innerlich still hinschaue wiederum auf das Du.
Dies ist insofern nicht leicht getan, weil Mensch heute gemeinhin die grössten Schwierigkeiten damit hat den "Sokratischen Zustand," die innere Verfassung des "ich weiss, das ich nichts weiss" in solchen Momenten  zu zu lassen und "erlebend" aus und durch zu halten, bis eine Antwort durch sich selbst sich einstellt, bis Ich aus dem Raum der Stille heraus "bedacht" wird.
Die abstrakte intellektuelle Haltung, die heute als Verständigungsgrundlage weitgehend zu einem menschheitlichen Gemeingut geworden ist, sie ist Befreiung für den jeweils einzelnen Menschen selbst, aber zugleich auch tragisches Hindernis innerhalb der Möglichkeiten sozialer Begegnungen mit anderen Menschen. Die weltweit so zahlreichen offenen und verdeckten,  bis zur Unkenntlichkeit hin verschütteten inneren Konflikte unter den Menschen sprechen hier eine eindeutige Sprache.
Die Lösung liegt darin, aus der Stille heraus in neuer Weise handlungsfähig zu werden. Und wenn das nicht durch aktive Selbsterkenntnis möglich wird, dann werden eben Mächte des Chaos innerlich oder äusserlich auf diese oder jene Art zu schmerzlichen Lehrmeistern.
Für einen die Freiheit verwirklichen wollenden Menschen führt kein Weg mehr daran vorbei in seinem kleinen Lebensraum Ich- Verantwortung nach jeweils bestem wachsenden Vermögen zu ergreifen, erlebend in individuelle Gestaltungen zu prägen.
Du änderst die Welt, wenn Du Dich änderst - ganz bescheiden, ohne Angst, „Deinen“ möglichen Anteil an Erneuerung übernimmst, ohne darauf hin zu schielen, was der andere Mensch in Deiner jeweiligen Nähe nach Deinem Dafürhalten zu tun hätte. Wenn diese Erwartung nicht innerlich gestrichen werden kann, dann kann sich in einem sozialen Netzwerk, ob klein oder grösser gar nichts ändern.
Es mag ungewohnt sein, doch genau in dem Moment stehst Du, die Lesende dieser Zeilen im Zentrum der Verantwortung, die durch Dich wie auch immer gestaltet werden will, wenn Du vom Computerbildschirm Dich abwendest und in den Hintergrund Deines Wohnraumes trittst ... und niemand sonst. Was tust und denkst Du dann, zu was führt Dich dieses mein Denken und Tun. Wie begegnest Du diesen oder jenen inneren Anwandlungen usw.. Wie weit bist Du bereit in meinem Spiegel, im Spiegel vieler anderer Menschen aus Deinem sozialen Netzwerk, Dir selber zu begegnen, ... ohne warum auch immer, in dieser oder jener Weise innerlich ab zu blocken.
Hier werden Möglichkeiten sozialer Veränderung vorbereitet. Kein anderes Du kann durch irgendein Tor der Veränderung gehen, wenn ich nicht vorgängig durch mein Tor schreite, das im Spiegel des Du sich immer wieder neu auftut, Torbogen auf Torbogen, mich führend zum Erwachen zu mir selbst.
Ich in Balance. Der andere Mensch, das Du angenommen „auf Augenhöhe“, ohne Ärger, ohne inneres Verkrampfen, ohne ... wie auch immer. Still.

Frühling, Kraft der Erneuerung aus der morgendlichen Stille vor dem ersten Vogelruf. Frühling, kraftvolle Schritte hinein in den Morgen, hinein in den wachsenden Chor jubilierender Vögel. Frühling, ich werde selbst zum Sänger durch mein Tun. Frühling, Ich in Balance, Ermunterung aus tausend Vogelkehlen!

Bernhard Albrecht

Mittwoch, 5. Oktober 2011

Stille als Quelle sozialen Wirkens

Kommentar auf einen Blog Eintrag von Junko Althaus.
http://philosophie-der-freiheit.blogspot.com/2011/10/moderne-christuserfahrung-teil-1-die.html#comments

Die Kulmination der anthroposophischen Bewegung der Jahrtausendwende ist bereits voll im Gange, wenn auch auf eine sehr stille Art. Und dennoch wirkt genau diese „Stille“ brüderlich über die gesamte Erde hin, in und durch viele Herzen, immer kraftvoller. Die Menschen, die ganz zu sich finden, sind die Träger dieses Impulses, durch alle Kulturen hindurch und über alle Länder hinweg. Lichtpunkte überall, für den, der mit dem Herzen hören und sehen will.
Sie benennen ja selbst einen derartigen Lichtpunkt, wenn sie die Rede eines amerikanischen Rechtsanwaltes für die Gerechtigkeit dem Vergessen entreissen.
Die Legalisierung des Krieges begründet keine Schuld, denn diese Legalisierung, der jeder Mensch heute verhaftet ist, wenn er Kriegsbilder in den Fernsehnachrichten auch nur zur Kenntnis nimmt, ist nicht der Grund unendlich schmerzvoller Erlebnisse vieler Menschen über die gesamte Erde hinweg.

Der Quellgrund ist die Untreue des Menschen gegenüber seinem eigenen Wesen, der Einheit zwischen seinem Denken, Fühlen und Wollen, die sich an dieser Stelle, wie angebunden an viele andere Ereignisse und Erlebnisse zeigt und die ein jeder Mensch in sich auffinden kann.

Das mitunter so leicht von der Hand gehende Zeigen mit dem Finger auf „Andere“ weisst nur aus, dass „Ich“ selber noch nicht denkend, fühlend und wollend mich weit genug fassen konnte, begriffen habe wie Ich mich in meiner eigenen Mitte einfinden und halten, damit aber auch umfassender meine Wesenskraft und Verantwortlichkeit zum Ausdruck bringen kann, in den Situationen vor die mich das Leben stellt. Was ja wiederum kein Versagen ausdrückt, sondern tiefer betrachtet letztendlich eine stille Aufforderung an mich ist der eigenen Wesenstiefe noch mehr Ausdrucksraum einzuräumen.
Tiefer betrachtet, zeige Ich mit dem Finger, der durch mich nach aussen weist, letztendlich auf mich selber. Im Aussen ändert sich nur soviel, wie ich vorauseilend an Vorleistung einzubringen bereit bin. Mein Vorbild wirkt und nichts anderes.
Solange aber noch Respektlosigkeit gegenüber anderen Menschen walten kann, mag ich auch sachlich betrachtet gute Gründe haben, deren Aussagen da und dort in Frage zu stellen, solange ich nicht zu unterscheiden weiss, zwischen der Sachaussage und dem Menschen, der sie tätigt, wird die Legalisierung des Krieges unter Völkern und in den Zwisten zwischen den Menschen weiter ihr verheerendes „Unwesen“ treiben können. Die Geschichte der anthroposophischen Gesellschaft gibt dazu wohl mehr als genug Aufschluss.
Die Brüderlichkeit unter den Menschen wird aus der „Unterscheidung“ genau hier geboren. Sprechend mit einem anderen Menschen, ihn hörend oder vernehmend, wo auch immer, kann genau hier das umfassende Wesen des Ich-Bin anwesend werden lassen, das verbindet und damit schöpferische Kräfte zur Lösung waltender Konflikte im Denken, Fühlen und Wollen der beteiligten Menschen freisetzen.
Wenn Sie es so anschauen wollen, dann liegt in der Wiederbelebung des Geistes von Emaus die Geburt der Brüderlichkeit unter den Menschen begründet. Dieser Geist war und ist schon immer aus der Stille hervorgegangen.

Bernhard Albrecht

Montag, 19. September 2011

Gedenken

Dag Hammarskjöld liess vor 50 Jahren am 18.09.1961 bei einem Flugzeugabsturz sein Leben. Nur wenige Wochen vor seinem Tode, den er vorausschauend auf sich zu kommen sah, schrieb er am 11.06.1961 nachfolgendes Gedicht, das ich hier in der deutschen Version von Graf Knyphausen wiedergeben will. Eine freie Neuübersetzung durch mich aus dem Englischen füge ich an.
Dies Selbstzeugnis eines Grossen mag als unauslöschliche Ich-Tat in gegenwärtig politisch turbulenter Zeit für sich sprechen.


                    Berufen
                    ihn zu tragen,
                    ausgesondert
                    ihn zu prüfen,
                    erwählt
                    ihn zu leiden,
                    frei
                    ihn zu verneinen,
                    sah ich,
                    einen Augenblick,
                    das Segel
                    im Sonnensturm,
                    ferne,
                    seewärts fort vom Land.
                       
                    Sah ich,
                    einen Augenblick -

                    © für die Übersetzung
                    Graf Knyphausen, 1965

                       
                    Weg und Erfüllung

                    Berufen
                    Ihm Herberge zu geben,
                    vereinsamt,
                    zu erfahren
                    Erdendunkelnacht,
                    verlassen,
                    frei den Tod
                    zu bestehen,
                    ihn zu fliehen,
                    schaute ich –
                    für einen Augenblick
                    das Lichtsegel
                    im Sonnensturm
                    zerbrechender Zeit,
                    auf einer Woge
                    des Glücks,
                    einsam –
                    seewärts
                    geboren.

                    In eines Augen – Blickes
                    Ich – Schau.

                    © für die Übersetzung
                    Bernhard Albrecht Hartmann, 06.01.1976