Dienstag, 29. November 2016

Ein kleiner Rückblick

Nachfolgendes begleitet mich nun schon seit meinen jüngeren Jahren ein Leben lang. Es ist das „Gemunkel“ um das Wiederkommen von Rudolf Steiner um die Jahrtausendwende herum. Es war in den 70gern des vergangenen Jahrhunderts, als mich eine mit Leitung, Hochschule und Administration des Goetheanum gut vernetzte und mir heute auch nach wie vor vertrauenswürdige Person in einem ernsten Gespräch, gleichsam als Kontrast Untermalung dieses unseres Gesprächs nüchtern und kurz darauf zu sprechen kam, dass am Goetheanum eine Liste geführt würde, auf der gegenwärtig „64 Namen“ stünden, die in Zusammenhang damit gebracht würden, eine von diesen Personen könnte die Wiederverkörperung von Rudolf Steiner sein.
Zur gleichen Zeit gab es auf Hinweis und in einem Fall mir auch persönlich bekannt einige Menschen in Dornach, die darauf geeicht zu sein schienen anderen Menschen „ungefragt“ deren „angeblich“ zurückliegende Inkarnation an den Kopf zu werfen.
In den 90er Jahren wurde ich dann sogar einmal einer Frau persönlich vorgestellt, welche, von meiner Gastgeberin im Brustton der Überzeugung vorgebracht, die gegenwärtige Verkörperung Rudolf Steiners sei, „die ich doch unbedingt kennenlernen müsse.“
Ich kann diese Vorgänge auch heute nur als eine Prüfung für die eigene Selbsterkenntnis, die Klärung prozesshaften Denken, Fühlen und Wollens verstehen.
Im Laufe der Jahre habe ich dann immer mehr den Hinweis in Rudolf Steiners Buch: „Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten“ verstanden, wonach die Eingeweihten unscheinbar untereinander vernetzt seien und aus dieser Verborgenheit hervorträten, wenn sie es für richtig hielten. Sie also nicht, auf welche Weise auch immer hervor gezerrt werden könnten, wenn auch noch so sehr erwartet.
Was ich selber in meinem Umfeld unmittelbar erfahren habe, das ist, dass sich eine solche Person sofort wieder wie verbirgt, mitunter bis dahin, dass diese Person nicht mehr als die gleiche wahrgenommen werden kann, als die sie eben noch gesprochen hat, wenn ihr eine auch nur indirekte Inkarnation bezüglich ihrer Person zugesprochen wurde. Um der Freiheit der eigenen Person willen und noch mehr um der inneren Unabhängigkeit der anderen Person. Und doch lebt in aus meiner Sicht heraus völligem Missverstehen einiger aus dem Zusammenhang gerupfter angeblicher Hinweise Rudolf Steiners ein Drang unter anscheinend nicht wenigen Anthroposophen mit der Wiederkehr Rudolf Steiners dann eine Galionsfigur zu haben unter deren Flagge sich versammeln zu können „alles“ zum Besseren hin wenden würde.
Mich macht das vor dem Hintergrund, dass Rudolf Steiner nach seinen Worten sein Lehramt im Zuge der Weihnachtstagung von 1923/24 niedergelegt hat  sehr nachdenklich. Dass dem nicht so sei, sehe ich im Gegensatz zu manchen Anthroposophen, die auf den äusseren Augenschein verweisen, meditativ darauf hin schauend nicht so. Welche einschneidende innere Haltungskorrektur ist aus dieser Sicht für diese unsere Jahrtausend Wendezeit dann gegenüber der Anthroposophie und im besonderen gegenüber der Anthroposophischen Bewegung einzunehmen? Das ist für mich die grosse Frage.
Der wiederkehrende Rudolf Steiner als  Galionsfigur.
Aus meiner Sicht ist dies ein geradezu tragischer Verständnis-Missgriff in Bezug auf eine zu erwartende Kulmination im Umkreis dieser Jahrtausendwende. Kulmination ist nämlich, wie ich es sehe, kein Verstandesbegriff, keine abstrakte Erlebniserwartung, sondern ein Denken, Fühlen und Wollen umfassender Prozessbegriff, ein innerer Erfahrungshorizont und kann als Realität nur insoweit erfahren werden, als alle Vorstellungen bis in ihre hartnäckigen Widerhaken hinein vorausgehend „verbrannt“ werden. Und das betrifft alle Vorstellungen, der oder die könnte etwa eine Reinkarnation von Allanus ab Insulis, von Roswitha von Gantersheim oder Kaiser Marc Aurel sein, sowie alle inneren Zuweisungen einer bestimmten Reinkarnation in Bezug auf sich selbst.
Mit anderen Worten, wer Kulmination erfahren will, der muss auf seiner Seelen-Meerfahrt vorrangig Skylla und Charibdis innerlich bezwungen haben. Denn ansonsten weis er nicht prozesshaft unmittelbar aus dem Geiste heraus zu kommunizieren. Seine innere Präsenz ist noch nicht zu dieser Höhe herangereift. Und da Präsenz ein innerer Zustand ist, der einer beständigen inneren Gleichgewichtsbildung unterliegt, ist er mit vielen, vielen Beschämungen unterlegt, die bewältigt sein wollen.
Eine weise Frau sagte mir einmal, scheinbar ohne Zusammenhang mitten im Gespräch mit ihr, wer Reinkarnation denkt ohne die Möglichkeit selber ein einfacher Bauer gewesen sein zu können, der hat einfach die tieferen Lebensprozesse überhaupt nicht verstanden. Denn, das was ich gewesen sein könnte ist ohne Belang, wirkt geradezu wie ein Giftpfeil in mir, der mich festhält in meinem inneren Durchgang auf eine Kulmination hin, bis ich ohne Angst, „ohne Rückversicherung“ dem Nichts entgegen zu treten bereit bin. Kulmination ist ein Erfahrungstatbestand auf dem Schwebebalken des Nichts und wer dort innerlich aufrecht bestehen will, der muss, wie es im Märchen so schön heisst, das Fürchten gelernt haben.
Ich bin über viele Jahre hinweg immer wieder einmal Menschen begegnet, die sich so in irgendwelche Reinkarnation Gedanken verwickelt hatten, dass sie bei hoher Intelligenz eine gebrochene Biographie in sich zu tragen schienen, mir das Bild eines Sysiphos, der „unter“ seinem Stein liegt, vermittelten. Rudolf Steiner hat ja seinerzeit eindrücklich vor den Gefahren einer verfrühten Reinkarnation Kenntnis gewarnt. Aus meinen Lebensbegegnungen heraus ist daher jedwedes Gerede über Reinkarnation, wen auch immer es betreffen mag Gift, Gift und noch einmal Gift. Gift für eine gesunde Bewusstseinsbildung hinauf und vielleicht ab und an sogar über den Schwebebalken des Nichts hinweg. Kulmination als Krafterfahrung.
Dass Rudolf Steiner als einer wiederkehren könnte, der gleich einem Till Eulenspiegel sich selber am Schopfe aus dem Sumpf zieht und neue Unterweisungen vermitteln würde wie andere sich ihrerseits aus dem Sumpf ziehen können, das kann ich nicht so sehen. Seine Kraftgestalt zu entwickeln, das kann ein jeder nur für sich alleine leisten. Die Samenkraft dafür ist ausgestreut.

Bernhard Albrecht




Etwas über den Spott

Auch wenn ich mich mit den folgenden Gedanken mit einer hohen Wahrscheinlichkeit zwischen alle Stühle setze, so will ich mir angesichts dieser Möglichkeit nicht den Mund verbieten und sage das Folgende.
Humor, auch schwarzer Humor kann ja in bestimmten Situationen eine belebende Wirkung auslösen, kann mit seiner Feinsinnigkeit Erlebnisweisen in sozialen Zusammenhängen dahingehend neu ordnen helfen, dass die in sie eingebundenen Menschen dadurch eine Horizont Verschiebung erfahren, welche sie in die Lage versetzt die erörterten Sachzusammenhänge aus einer erweiterten Perspektive heraus anschauen zu können, mit der Folge über eigene Blockaden hinweg aufeinander wieder zugehen zu können. Wenn sich aber in den Humor der Spott mischt, dann verschliessen sich die Tore für eine soziale Annäherung unterschiedlicher Anschauungshorizonte und weitere Bemühungen laufen ins Leere.
Der Spötter übersieht nicht selten, dass diejenigen Teilhaber an einem Dialogprozess, die er mit Spott übergiesst, zwar mitunter nicht über dessen intellektuelle Scharfsinnigkeit verfügen, aber allermeist auf ein tief verwurzeltes Gefühl zurückgreifen können, auf das sie sich in derartigen Lagen dann beziehen, um sich zu schützen. Sie klinken sich aus dem Dialogprozess aus, weil sie sich in ihrer individuellen Eigenart nicht geachtet, nicht auf Augenhöhe angesprochen fühlen und verfolgen den Dialog, wenn überhaupt, dann nur noch als Zaungäste - nicht ohne eine für den achtsamen Betrachter nachvollziehbare Bitterkeit. Wunden, die durch Spott hervorgerufen werden gehen tief und nicht selten langanhaltend in das Seelenleben dieser Menschen ein.
Verfängt sich der Spott schlussendlich dann noch in einer eigenen Selbstgenuss Schlaufe, dann fällt unscheinbar ein Art Eiserner Vorhang herunter und die „miteinander“ um einen Dialog Bemühten hören in ihren Sachaussagen nur noch ihre eigenen Echos. Die Zaungäste aber halten sich möglicherweise vermehrt die Ohren zu, ohne aber tiefer hinein orten zu können, was da eigentlich schief läuft. Und da es keinen Dirigenten gibt oder besser gesagt, da sich zu wenige aktive und passive Teilhaber an diesem Geschehen aufgerufen fühlen mehr Aufmerksamkeit darauf zu verwenden, welche Dissonanzen ihnen da und dort entschlüpfen, die begonnene Dialoge auf Abwege oder in Sackgassen führen, läuft der Dialogdampfer immer wieder auf Grund und keiner(?) der Beteiligten scheint zu bemerken welche Anteile er zu diesem Umstand vielleicht unversehens beigetragen hat.
Ohne mich selber aussen vor zu lassen bestürzt mich das immer mehr. Ist es wirklich so, dass unsere innere Dualität Ausrichtung sich so unauflöslich in uns verhakt hat, dass wir unsere eigenen Anteile, die Dialoge oft schon in den Anfängen ins Leere laufen lassen, bei allem unseren Engagement so wenig bemerken? Sind wir sosehr auf die Unebenheiten im Sagen des anderen Menschen von vorne herein innerlich ausgerichtet, dass wir überhaupt nicht daran denken, dass, was er gesagt hat (zumindest in Teilen) einen völlig anderen Bedeutungszusammenhang ausgedrückt haben könnte, als den, welchen wir ihm „unterstellen oder überstülpen?“

Ich denke einmal, das was ich, wir so manches Mal nach aussen in Worte prägen, befindet sich, im Nachhinein tiefer betrachtet vielleicht nicht einmal in der Nähe dessen, was wir eine Kulmination gedanklicher, wie erlebnistiefer eigenverantwortlicher geistiger Prozessgestaltung nennen können, ist mehr Reaktion aus irgendeiner nicht näher definierten Erregung heraus, als Ant-Wort mit auch nur einem fernen Einschuss von Selbsterkenntnis, entzündet an dem vorausgegangenen Sagen des anderen Menschen.

Bernhard Albrecht

Wiedergabe eines Kommentars auf:  https://egoistenblog.blogspot.ch/2016/11/anthroposophische-kulminationen.html?showComment=1480416204706#c5572707740561010805

Mittwoch, 23. November 2016

Essenz

M. Scagliero - Unbewegt

"Anfangen wird der Mensch, unbewegt vor der Bewegung seines Denkens zu stehen. Daraus wird die Fähigkeit erwachsen, auch dem Fluss des Fühlens, dem Fluss des Wollens in Unbewegtheit zu begegnen, unbewegt zu bleiben vor dem Sicherregen der Leidenschaften und Instinkte.


Der Mensch irrt, wenn er sich mit dem abstrakten, leblosen Denken identifiziert. Unbewegt zu bleiben, um das Denken in seiner Bewegung sehen zu können, heißt, sich mit ihm in Tiefen zu verbinden, in denen es das Licht des Lebens ist. Kommende Zeiten werden dieses Geheimnis entdecken."

Massimo Scaligero, Raum und Zeit, o.J. S. 81



Der höchste Formausdruck von innerer Bewegung ist die Wachheit. In ihr ist alles anschauende Stille. Kein Wenn und Aber. Nur stille Begegnung mit dem je Anderen. Interesse. Respekt. Ein stiller Gruss, lächelnd. Ein Weitergehen mit neuen Fragen an sich. Fragen, die die eigene Transformation selbstbefragend vorantragen. Nicht abstrakt, sondern lebensnah, weil sich selbst nicht ausklammernd. Der Auflösung der Dualität entgegen. Brüderlichkeit erfüllt sich im nondualen Sein.

Der Augenblick - verdichtete, intensivste Bewegung in Stille. Begegnung im Ausnahmezustand. Fragen lösen sich und stellen sich im gleichen Atemzug. Für die  Philosophie und Wissenschaft: Die Begegnung des Forschers in der Abstraktion, der abstrakten Denkbewegung, mit sich selbst. Die Aufgabe: Die Renaissance vollenden durch Auflösen aller inneren selbst errichteten Denk-Barrieren, Gefühls- und Willensblockaden. Die Hindernisse für eine Entwicklung innerhalb der gegenwärtigen Weltverhältnisse liegen in mir und sonst nirgends. Die Lösung: Im Ausnahmezustand sich selber in die Augen schauen und das Notwendende tun. Ob dies klein oder gross ist, alles ist von Bedeutung im grossen Fluss des Lebens. 

@ Bernhard Albrecht, 23.11.2016

Prozessor des Freien Denken

Zwei Kommentar Antworten
https://www.miekemosmuller.com/de/blog/der-phonix-aus-der-asche

„Ein jeder aber, der dies will, kann diesen Punkt in seinem Bewusstsein finden, wo das freie Denken entspringt.“
Ja nun, wenn das so einfach wäre. … Schiebt ein derartiger Gedanke sich nicht allzu leicht unversehens beim Lesen eines Zitates wie dem oben angeführten vor das eigene Bewusstsein und lähmt damit die in dem Zitat zu Tage tretende Aussage noch vor dem Erfassen der ihr innewohnenden lebendigen Dynamik ab, degradiert sie zum blossen Inhalt? Ist das nicht Alltagssituation?
Ich denke nicht, adaptiere lediglich Inhaltsformen, leere Worthülsen, deren Leben in der Abstraktion durch mein Nicht-Denken gefangen bleibt. Muss ich also deshalb resignieren? Oder gibt es einen alltagstauglichen Weg diesem Dilemma, das mein Bewusstsein einzunebeln droht, aktiv gegenüber zu treten und ihm zu begegnen?
Meiner Erfahrung nach kann sich der Weg zum freien Denken öffnen und immer differenzierter weiten über das Fragen. Über ein Fragen respektvollen Interesses, das ein „ja aber“ im Zaum zu halten weis. Denn dieses „aber“ kann eine leise sich anbahnende innere betrachtende Beweglichkeit in Bezug auf die an mich heran gebrachte Aussage unmittelbar wieder wie lähmen und im Steinbruch der Abstraktion in Nichts zermahlen. Es kommt also darauf an offene Fragen zu stellen wie: Könnte es so oder so sein, bzw., was wäre, wenn ich es einmal unter diesem oder jenem Gesichtspunkt betrachten würde, oder: Könnte es nicht auch ganz anders sein? Fragen, ohne auf eine Antwort innerlich sogleich aus zu sein. Das Fragen also als einen Vorgang des Aussähen betrachten und demgemäss bereit sein auf Antwort warten zu können. Und die kommt, wie jeder Keim eines schönen Tages sich mir als gereifte Frucht in die Hände legt.
Der Prozessor des freien Denkens ist das Fragen, denn das Fragen öffnet den Zeiten-Raum für das Gewahren-Können der Bewegung im Denken. und erst mit dem Erfahren der Bewegung wache ich dafür auf, dass „Ich“ derjenige bin, der denkt, der das „freie“ Denken aus sich zur Entfaltung bringt, mitten im Alltag.


Zunächst einmal vielen Dank, dass Sie ihre Gedanken auf Deutsch auszudrücken suchen. Gedanken, die ja gewissermassen in verschiedenen Kreisebenen zueinander sich bewegen.
Die stillen, auf Anhieb selten in geeignete Worte zu fassenden Fragen sind aus meiner Sicht dabei die eigentlich bedeutenden. Sie kommen aus der Kernzone, der Geburtszone des Ich und die Stille, in die sie wie eingelagert erscheinen fungiert wie eine Plazenta, sie trägt aus. In diesem Prozess wird die Frage, was ist der Mensch, mit den leisen Antworten reifender Fragen in mir zur Frage: Wer bin Ich? Und über diese Frage hinaus zu immer intensiveren Gewissheit: Ich bin der, der sich aus Fragen auf sich selbst hin bewegt. Ich bin der, der aus dem Plazenta-Raum seiner Fragen sich selbst zur Geburt bringt. Bewegt in Bewegung bin Ich.
Der andere Mensch, auch wenn es häufig so gar nicht danach aussehen mag ist mein Geburtshelfer, meine Hebamme. Deshalb ist Respekt füreinander, gerade dort wo es sehr schwer fallen mag, so ungemein wichtig. Denn mit der Respektlosigkeit reisst der Faden die vielleicht entscheidenden Fragen finden und mir stellen zu können: Warum ist der andere Mensch gerade jetzt so wie er ist? Solche Fragen halten meinen Ich-Geburtsprozess am Laufen und fördern im gleichen Atemzug unscheinbar auch den Ich-Werde-Prozess des anderen Menschen.
Damit bin ich aber in einem neuen Fragekreis gelandet.
Ich grüsse Sie ganz herzlich zurück,

@ Bernhard Albrecht 26.08./01.09.2016

Sonntag, 20. November 2016

Bruchstücke 1

Vorbemerkung:
Bruchstücke stehen im Rang einer Notiz, die eine erste Ausarbeitung erfahren hat, ohne vollendet worden zu sein. Sie deckt das Thema, das behandelt wird also nicht voll umfänglich ab. Wenn ich diese Ausführungen jetzt dennoch auf meinem Blog einstelle, dann als Denkanstoss, um sich mit dem Thema weiter über eine abstrakt philosophische Dimension hinaus vertieft zu beschäftigen und auf diese Weise das Denken in inneren Erfahrungen soweit zu verdichten, unmittelbar in ihm präsent zu werden, dass es in eine Anschauung erwächst..

Was ist gemeint mit der Aussage Rudolf Steiners, dass eine gegenwärtige Beobachtung des Denkens nicht möglich sei (Philosophie der Freiheit, 3.Kapitel). Von welchem Denken schreibt da Rudolf Steiner. Es ist das Denken vor Erreichen des Ausnahmezustandes, das Denken in Vorstellungsbildern oder Abbildern des eigentlichen Denkens, das im Sinne von Platos Höhlengleichnis als eine Illusion von Denken durch die innere Umwendung und den nachfolgenden Sprung über das Feuer (alle Vorstellungen müssen innerlich gleichsam verbrannt werden) vorrangig als dem eigentlichen Denken realitätsfern durchschaut werden muss.
Erst im Durchgang gewissermassen durch die Desillusionierung in Bezug auf die so genannte Wirklichkeit des eigenen Denkens, kann eine allmähliche Annäherung an den so benannten „Ausnahmezustand“ erfolgen.
Dass dies nicht ganz einfach ist, das soll nicht bestritten werden, denn wer zieht sich schon ohne Absicherung durch einen Fallschirm selber den Boden unter den Füssen weg und lässt sich ins Bodenlose fallen. Wer löscht schon eigentätig von einer Leinwand alle Schriftzeichen und die damit verbundenen Vorstellungsbilder, kann sich ganz mit dem Weiss der  blossen Leinwand verbinden, ohne von Bewusstseinsturbulenzen aufgescheucht innerlich mit seiner anfangs instabilen Aufmerksamkeit weg zu dämmern oder sogar ein zu schlafen.
An derartige Grenzerfahrungen eigener Bewusstseinstätigkeit im Umgang mit dem eigenen Denken auch nur peripher heran zu treten, ruft unterschwellig die denkbar heftigsten Abwehrreaktionen des Ego auf den Plan. Denn was im Bereich dieser Grenzerfahrungen geschieht, kommt bildhaft gesprochen einer Wildwasser Fahrt mit dem Kajak in schwierigen Gewässern gleich, bei der einem das Paddel bricht oder kenternd aus den Händen gerissen wird und bei der zu lernen ist einen hochaktiven Ruhepunkt innerhalb extremer Bewegungen in sich zu finden. Gelingt dies, verzieht sich der Sturm, der einem bis an hin zwischen Scylla und Charybdis auf dem eigenen inneren Bewusstseinsfeld denkerlebend hin und her geworfen hat.
Dem Sturm folgt sodann die Herausforderung auf dem Feld innerer Beobachtung hoch aktiv ganz in diesem Ruhepunkt der Stille, dem Auge des Hurrikans, also ohne eine irgendwie geartete „duale“ Abstützung, allein im Bewegungsfeld dynamischen Denkerfahrens eine wenigstens vorübergehende Wachheit zu erlangen. Es beginnt das Krafttraining für den eigentlichen Ausnahmezustand des Denkens im Alltag.
Der Ausnahmezustand ist nämlich in einem durch verschiedene Stufungen hindurch entwickelten fortgeschritteneren Ereignen ganz und gar kein Zustand, der in der meditativen Zurückgezogenheit eines Arbeitszimmers  zu erlangen ist (Rudolf Steiner auf die Frage wie er zu seinen Fähigkeiten gelangt sei: „Ich habe mir mein ganzes Leben hindurch die Schuhe immer selber geputzt“).
Mit anderen Worten, erst wenn sich innerhalb der Lebenswelt des Alltags das Denken in einen Ausnahmezustand immer wieder und wieder umstülpen lässt, bekommt Geisteswissenschaft aus meiner Sicht eine Basis, auf der ein Forschen beginnen kann.
Das Reden von und über das reine Denken scheint mir in allzu vielen Fällen auf dem Hintergrund  nicht durchschauter Anhaftung an Abstraktionen geführt zu werden, welche von den Kreiselbewegungen des Ego - Mahlstroms umnebelt wird. Wobei gegen die Abstraktion im Denken nichts zu sagen ist, wenn denn die in ihr äusserst fein verwobenen Vorstellungsbilder einer Auflösung zugeführt werden können. Die Abstraktion kann als janusköpfig beschrieben werden, mit zwei Toren: Einem das in die All - Leere führt und einem anderen, das den Wanderer im Erfahren des Ausnahmezustandes im Denken in die All - Fülle geleitet. Ego - Verhaftung oder aktives  sich Versetzen in die Ich - Präsenz ist hier die Entscheidung!
Wenn, wie zum Beispiel Mieke Mosmuller von gewissen Seiten eine ureigene Erfahrung des Ausnahmezustandes im eigenen Denken abgesprochen wird, dann wäre für diverse Opponenten vorweg zu klären inwieweit sie ihrerseits über eine Erfahrung des Ausnahmezustandes im Denken verfügen. Denn nur auf der Grundlage eigener Erfahrung dieses Zustandes kann die Erfahrung des Ausnahmezustandes eines anderen Menschen überhaupt ins Auge genommen werden. Eine Abstützung auf Aussagen Rudolf Steiners zu diesem Ausnahmezustand taugt für die eigene Argumentation „wissenschaftlich“ hier in keiner Weise irgendetwas. Allein die eigene Erfahrung kann hier Klärung bringen.
Und mit der eigenen Erfahrung im Hintergrund kann wechselseitig individuelle Erfahrung dieses Ausnahmezustandes nur zu einer Bereicherung im Forschen von verschiedenen Seiten her führen, zu Respekt vor dem Bemühen eines anderen Menschen auf einem Forschungsfeld, das erst ganz im Anfang seiner Erforschung steht.

Donnerstag, 22. September 2016

Anlässlich des Beschusses des UN - Hilfskonvois in Syrien

Seit bald 40 Jahren begleitet mich innerlich das Bild eines Holzschnitts (des anthroposophischen Malers Gerhard Reisch), das den Erzengel Michael mit seinem Schwert darstellt, wie er dieses sein Schwert mit der Spitze gegen den Boden gekehrt in einer einzigartigen Aufrechte an seiner Seite tragend von einem Hügel der Zerstörung in eine völlig zerstörte Landschaft hinein schaut.
Ich habe dieses Bild im Laufe der Jahre immer und immer wieder betrachtet, bis mir eines schönen Tages klar wurde, dass dieses Schwert leise auf eine vom Betrachter her zu vollziehende innere Umkehr seiner Kräfte weist.
Das Schwert, das die Zerstörung wie in sich hereinnimmt und in der Gegenbewegung eine heilende Präsenz kraftvoll abstrahlt und der Erzengel Michael Helfer im Vollzug einer derartigen Kräfteumkehr in jedem Betrachter, der durch das Bild an diese Erfahrung herangeführt wird.
Ich überlasse es dem Leser dieser Zeilen sich aus meinen wenigen Andeutungen über das Bild sich dieses imaginativ selber aufzubauen und im Hinschauen auf das Schwert seiner  eigenen inneren Präsenz jene heilende Präsenz-Strahlung einzuarbeiten, die in meinen Augen heute zeitnotwendig ist.

Es liegt nur wenige Tage zurück, dass ich mit dem Einsatzleiter eines Rotkreuz Hilfsteams nach seiner Rückkehr von den Kriegsfronten in den Ruhestand hier sprechen durfte, der mir von seinen Einsätzen in Syrien, im Irak, Afghanistan und in Afrika erzählte und dabei von Erlebnissen  und menschlichen Hintergründen berichtete, die noch weit schrecklicher waren, als wir sie über das Fernsehen kurzzeitig zu Gesicht bekommen, um sie meist allzu schnell wieder ins Vergessen abzuschieben. Während seines zweistündigen Berichts kehrte er immer wieder einmal für einige Augenblicke still wie in sich zurück, um dann, mich aus seinen klaren blauen Augen anschauend,  in seinem Bericht fortzufahren. Ein Mann, der viele Male zwischen den Fronten unvorhersehbarem Geschütz- und Granaten Explosionen ausgesetzt, dem Tod immer wieder Aug in Auge begegnet war, markant in seinen Gesichtszügen und … einem ungebrochen offenen Herzen.

Bernhard Albrecht



Dienstag, 20. September 2016

Ein- und Aussicht des Alterns


Ist es wirklich so, dass „der im Mauerwerk der Begriffe fast unsichtbare Eingang ins Innere des Turms des Denkens … geschlossen (ist)?“
Unsichtbar ist dieser Eingang gewiss, denn ansonsten gäbe es für den zur Freiheit unterwegs seienden Menschen nicht die Möglichkeit ihn im eigenen Inneren aufzufinden, ihn mit dem Hineinwachsen in die eigene Freiheitsfähigkeit der eigenen Reife gemäss nach und nach in die Weite hinein öffnen zu können. Demnach lässt also erst ein gewisses Mass an Freiheitsfähigkeit oder mit anderen Worten auch erst dem reiferen Alter möglichen heiteren Gelassenheit diesen Eingang voll umfänglich sichtbar werden.
Und … entschliesse ich mich den Turm durch diese je ganz individuelle Pforte dann auch zu betreten oder lässt mich mein Geschick manchmal auch erst später bemerken, wie ich immer wieder schon ein gutes Stück die Aufwärtsspirale im Treppengang dieses Turms hinaufgestiegen bin, was dann?
Aus  meinem  Erfahren  tönt  mir  im  inneren  Aufgang  dieses  Turms  nämlich  ein  „Erinnere Dich“ entgegen  und das so laut,  dass es mich zu Beginn  meiner  Aufstiegsbemühungen immer  wieder wie vor den Eingang des Turms zurückdrängt und mich erst vor der Pforte  wieder aus dem Traum meiner Selbstbefangenheit aufwachen lässt, im scheinbaren Anblick der  geschlossenen  Pforte. Die Tür  aber erscheint mir nur solange geschlossen bis ich mich darauf  besinnen kann, dass in meinen zahlreichen Menschenbegegnungen  es nicht in erster  Linie darauf  ankam, dass  der oder die  anderen Menschen mich in meinem Sagen, bzw.,  tieferen  Bestreben  verstanden,  sondern dass sie mir  über so  manche Schroffheiten, um nicht zu sagen  Feindseligkeiten  hinweg nur dazu  bestimmt  waren, dass ich lernte mich selber besser verstehen zu können.
Bin ich in meinem  inneren  Erfahren im  Aufstieg durch den  “Turm  des  Denkens“  an diesen Punkt gelangt, dann geht das „Erinnere Dich“ in ein „Besinne Dich“ über, dahingehend, dass ich eine ganze Reihe mehr Freunde hatte und  unscheinbar habe,  als  ich  bisher  annahm. Und  dass ich,  soweit ich lernte mich daran zu  erinnern,  wer ich bin, also meinem Ich leise zum  Leuchten i n  der  Dunkelheit verhalf, ich für weit weniger  „ungelöste  Beziehungen“  verantwortlich  bin,  als mir  das  der Irrwitz meiner Selbstbefangenheit bis an mein Lebensende da und dort weiter vorgaukeln mag. 
Ob der oder die  anderen  Menschen  an meinem  Lebensweg  ihrerseits  zu  diesem  „Erinnere Dich“ gelangen, dafür trage ich nicht die Verantwortung.
Rudolf Steiner hat dieses  „Erinnere Dich“  und das sich  unmittelbar daran  anschliessende „Besinne Dich“  in seinem  Grundstein-Spruch  niedergelegt.  Er hat damit  in meinen  Augen den  Keim  einer gänzlich neuen Sozialordnung hinterlassen.
Lieber Jostein Saether, ich grüsse Sie aus der weiten Peripherie von Herzen,
                                                                                                                           Bernhard Albrecht  Hartmann

Montag, 25. Juli 2016

Einige Anmerkungen zu Thomas Nagel: "Der Blick von Nirgendwo"

Der amerikanische Philosoph Thomas Nagel veröffentlichte eine seiner wissenschaftlichen Arbeiten unter dem Titel: "Der Blick von Nirgendwo." Versuche ich mich dieser Aussage anzunähern, so werde ich sogleich vor ein Dilemma gestellt. Ist es möglich von Nirgendwo auf ein Etwas zu blicken? Der vermeintlich gesunde Menschenverstand wird auf ein derartiges Ansinnen antworten, dass dies nicht möglich sei und zwar mit der bündigen Bemerkung, ich weiss doch wo ich stehe, wenn ich auf ein Etwas blicke und tue dies nicht aus einem Nirgendwo heraus. Welcher Widersinn also von einem Nirgendwo aus etwas sehen zu wollen.

Und doch unternimmt Thomas Nagel mit höchst differenzierten Argumenten den Versuch dieses Nirgendwo ausfindig zu machen. Oder: Schiebt er dieses Nirgendwo etwa, indem er sich unter verschiedenen Perspektiven immer wieder um die Begriffe objektiv und subjektiv herum bewegt, um den Geltungszusammenhang, bzw. ihre Bedeutung jeweils voneinander abzugrenzen, durch viele Ungewissheiten letztlich nur vor sich her? Aus der Sichtweise des gesunden Menschenverstandes heraus betrachtet, bewegt er sich damit allerdings in abstrakten Räumen und nicht in jener landläufig gleichsam wie selbstverständlich beanspruchten praktischen Lebensnähe des Grossteil der Menschen.

So wie aber der "Blick von Nirgendwo," den Thomas Nagel in einer Art Leitgedanken seinen Überlegungen voranstellt, als reale Möglichkeit in Frage gestellt werden kann, so kann ich auch das, was der gesunde Menschenverstand als "praktische Lebensnähe" für sich beansprucht, in Frage stellen. Welche Art "Leben" beinhaltet diese sogenannte praktische Lebensnähe eigentlich in der Essenz?

Für mich stellt sich daran anknüpfend nämlich die weitere Frage: Gäbe es unter den Menschen ein oft so beklemmendes Jagen nach immer noch mehr materiellem Wohlstand, wenn im allgemeinen Bewusstsein ein tiefer gegründetes Verständnis von dem vorhanden wäre, was Leben ist? Und darin eingeschlossen: Haben wir etwa die Erfahrung von dem was Leben seiner Essenz nach ist im Zuge des Dualismus unmerklich irgendwie im Nirgendwo verloren? Trifft Thomas Nagel mit seiner Grundfrage also doch den Nerv der Zeit? Schickt er uns mit seinem "Blick von Nirgendwo" etwa gar auf eine existentiell an die Wurzel reichende Reise einer inneren Umkehr allen unseren Verstehens?

Thomas Nagel geht es in seinem unnachgiebigen Fragen um eine engagiert kritische Unmittelbarkeit und damit um die innere Lebensnähe in Bezug auf das mit dem er fragenden Umgang pflegt. Er untersucht mit prüfendem Auge wissenschaftliche Positionen, die genauer besehen nicht weniger Einfluss auf das Leben haben, wie irgendwelche Belange des praktischen Alltags. Er warnt vor einem Überschätzen, bzw. Unterschätzen der Begriffe subjektiv und objektiv und ihres Bedeuten im Verwenden derselben. Er bewegt sich virulent durch verschiedene wissenschaftlich perspektivische Anschauungsweisen hindurch. Er geht nahe und in meinen Augen sehr mutig an Grenzen heran, die sich allenthalben zwischen den Zeilen zeigen, wo er seine Anschauung in Bezug auf Probleme der Verwendung dieser Begriffe aufzuweisen sucht.

Was er aber nicht tut ist, jenseits der Abstraktion die Quelle einer im Denken möglicherweise vorhandenen Kraft beobachtend zu erschliessen, was nach Rudolf Steiner heissen würde in die seelische Beobachtung derselben einzutreten. Er verweist auf nicht wenige Punkte des Nichtwissens im wissenschaftlichen Diskurs um eine Klärung des Wirkzusammenhanges der Begriffe subjektiv und objektiv. Er spricht sein eigenes Nichtwissen im echt sokratischen Sinne an, hält sich aber bedeckt in einem abstrakten Frage-Verständnis, also in einem letztlich allein inhaltsbezogenen Begreifen von Wirklichkeitsbezügen.

Diesen abstrakten Verständigungsraum zu durchbrechen, in inneren Kraftbewegungen das Erfahren von Freiheitsprozessen zu erschliessen, das ist in meinen Augen das zutiefst innere Anliegen Rudolf Steiners in seinem Voranschreiten auf seinem monistisch ausgerichteten Weg in der und durch die Philosophie der Freiheit. Nach heutigem Verständnis wäre das der Weg der Überwindung des Dualismus aus dem langsam wachsenden Erfahren des Nondualen im Denken (des Elements des Ursprungs im Denken(1)). Die Möglichkeit zum inneren prozesshaften Erfahren des Nondualen setzt jedoch, wie Thomas Nagel aufzeigt, die Auseinandersetzung mit den Sperrriegeln eigener Vorstellungsbildungen in Bezug auf das was Wirklichkeit vermeintlich ist notwendig voraus.

"Der Blick von Nirgendwo." Wenn auch der gesunde Menschenverstand die Möglichkeit eines "Blick von Nirgendwo" als in sich widersinnig betrachtet, so frage ich dennoch, ist er das wirklich? Beobachten wir Kinder, vornehmlich in ihrem ersten Lebensjahr, so können wir durchaus immer wieder von einem leisen Erfahren wie berührt werden, dass diese noch gar nicht über einen in sich fest verankerten Blick verfügen, wenn sie auf ihre je eigene Weise in die Welt hinaus schauen. Sie erwecken den Eindruck, als ob sie in ihrem Welt-Begegnen, ihrem Wahrnehmen sich in einem gleichsam flüssigen Medium bewegten, ohne feste Haltepunkte. Erinnert das nicht an Heraklit, nach dessen Aussage es nicht möglich ist zweimal in den gleichen Fluss zu steigen? Kinder sind in diesem Alter im Fluss, sie besteigen ihn nicht immer wieder neu, sie leben fortlaufend in der Unmittelbarkeit des Augenblicks. Der Erwachsene hingegen scheint zunächst weit davon entfernt zu sein sich so fliessend(2) zwischen den Dingen, die er zu ergründen sucht, bewegen zu können. Von überall her strecken sich ihm Haltestangen eines Vor-Verstehens entgegen, auch wenn er die Zusammenhänge diesbezüglich zunächst nicht zu durchschauen weiss. Es ist dies die Folge seiner Erziehung und Bildung zu einem dualen Wirklichkeitsverständnis.

"Der Blick von Nirgendwo" - in einer über Thomas Nagel hinaus gehenden Weise -, als einer nondual dynamischen Ich-Präsenz kann sich aus meiner Sicht einem Menschen dann  eröffnen, wenn er beherzigt, was Rudolf Steiner mit dem Bild der Feuerprobe in seinem Buch: "Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten" anspricht. Sagt er dort doch eindringlich, dass alle Vorstellungen von Menschen, die Geist-Berührung zu erfahren sich anschicken, verbrannt werden müssen. Und das was damit bewirkt werden kann, das hat in seinen Augen offenbar eine so weitreichende Bedeutung, dass er gegen Ende seines Lebens darauf noch einmal in gesteigerter Form zurückkommt. Angesichts der Neubegründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft spricht er nämlich in einer Weise über den neu zu bildenden Grundstock dieser Gesellschaft, der eine innere Umkehr menschlicher Haltungen in vieler Hinsicht mehr als nahe legt. Der Modus, "die subjektive Perspektive einer einzelnen und besonderen Person in der Welt" zu vermitteln "mit einer objektiven Auffassung von eben dieser Welt"(2) und diesem Menschen wird zur beständigen Herausforderung eines zu lebenden Respekts. Der andere Mensch ist nicht das, was ich subjektiv über ihn denke. Prüfe ich meine Haltung hier nicht fortlaufend, beginnt Karma zu walten. Wenn sich ein gegenwartsfähiger Grundstock einer solchen Gesellschaft also bilden will, dann wohl nur über ein sich Befähigen Vorstellungen zu verbrennen und der Bereitschaft in einer dynamischen Beziehung des Herzens über Klüfte hinweg auf Mitmensch und Welt in stetig zu erneuerndem Interesse zuzugehen.

Nehme ich die leise Aufforderung Rudolf Steiners an Menschen, die gewillt sind seinen Worten zu lauschen, wirklich ernst, so führt das mein daraus hervorgehendes Handeln in die Richtung, dass Anthroposophie nur Leben wird zeugen können, wenn ich in mir fortlaufend neu den Mut entfache in und um mich herum alle von mir fort und fort aufrecht erhaltenen Vorstellungen über mich, den anderen Menschen und die Welt in Brand zu stecken. Es bedeutet also einen Gang über und durch allenthalben einstürzendes Gebälk vielfältig überalterter Vorstellungsfestlegungen bzw. der eigenen Selbstillusion. Eines wird bei einem derartigen Unterfangen allerdings nicht geschehen, auch wenn es noch so sehr um mich und durch mich hindurch immer wieder neu aufflammend brennen wird, ich selbst verbrenne dabei nicht. Vielmehr kann ich erfahren, wie der "Blick von Nirgendwo" als dynamische Krafterfahrung eigener Ich-Gegenwärtigkeit sich in mir mehr und mehr verdichtet(3). Ich werde zu einem Neuland-Wanderer aus der "Kraftgestalt" eines in mir aktiv in innerer Willensumkehr erneuerten Denkens. 

Mit dem von mir damit eingeführten Begriff der Kraftgestalt beziehe ich mich, so der Leser sich auf eine derartige innere Auseinandersetzung einlassen will, auf hochkomplexe individuell zu machende Erfahrungsabläufe, die im Rahmen dieses Beitrags angesichts ihrer weit reichenden Problem-Vernetzungen nicht einmal annäherungsweise erörtert werden können. So beschränke ich mich also auf ein Weniges unter vielfältig möglichen Ausgangspunkten auf diese Kraftgestalt hin. Aus einer vertieften Sicht von Descartes her betrachtet denke ich erst, insoweit ich mich dabei auf mich zu bewege und bisher mich tragende Vorstellungskonstrukte aufzulösen bereit bin. Ich entfalte mich also über ein in der Vergangenheit erschlossenes inneres Bild meines Selbst hinaus. Ich bin Ich, insoweit ich dabei Neulande betrete. Dass dies möglich sein könnte, genau damit komme ich aber an eine Hürde, die zu überspringen nach Thomas Nagel scheinbar nicht möglich ist. Er benennt das Problem so: ... dass "... unsere unmittelbare subjektive Auffassungsweise dieses Gegenstandes (unser Selbst) im jeweils eigenen Fall immer schon alles enthält, was ihm mit Notwendigkeit zukommt - wenn wir es nur aus ihr entfalten könnten. Es stellt sich dann aber heraus, dass es hier nichts zu entfalten gibt, noch nicht einmal eine Cartesianische Seele."(4) Ich merke hierzu nur an: Kann das Ich gegenständlich gedacht werden? Kommt dies,  trete ich von innen dynamisch an den Rand dieser Aussage heran, nicht einem nur "abstrakten Blick" auf das Nichts gleich? Kann angesichts der heutigen Weltverhältnisse aber vor dem Nichts noch länger stehen geblieben werden, zumal die Aussage: "Der Blick von Nirgendwo," wie mir scheint, einen Gang durch das Nichts beinhaltet? Stete Vorstellungsauflösung und nachfolgende Neukonstituierung in einem inneren Fliessgeschehen? Gewiss ein mühevoller Weg zu einem dynamischen Welt-Anschauen zu gelangen, für die heutige Kulturlandschaft in meinen Augen aber ein notwendig zu beschreitender Weg.

Thomas Nagel sagt diesbezüglich: "Könnte man aufklären in welcher Beziehung die interne und die externe Perspektive" (die subjektseitig, bzw. objektseitig Perspektive in der Vorstellungsbildung) "zueinander stehen, auf welche Weise jede von ihnen so entwickelt und verändert werden kann, dass sie der anderen Rechnung trägt, und wie beide im Zusammenspiel das Denken und das Wirken jeder einzelnen Person bestimmen können, so käme dies einer Weltanschauung gleich(5)." Und Rudolf Steiner? Hat er nicht durch seinen auf vielfältige Weise beschriebenen Freiheitsweg das Tor zu einer solchen Weltanschauung geöffnet? Thomas Nagel klopft stellvertretend für viele Zeitgenossen heute an dieses Tor. Er stellt die Wurzelfragen, die Rudolf Steiner im Vorwort seiner Philosophie der Freiheit benennt, in einer neuen Weise. Ob er Rudolf Steiner gelesen hat ist dabei ohne Belang. Sein unnachgiebiges Erkenntnisstreben führt ihn eigenständig vor dieses Tor. 

Die Fragen, die sich mir und vielleicht auch anderen Lesern angesichts dieser Tatsache stellen, sind: Kann es über alle Ängste der Selbstentgrenzung hinweg - das Verharren im Abstrakten -, was keineswegs nur die Wissenschaft betrifft, sondern unerkannt vielleicht(?) auch so manche spirituell ausgerichteten Verhaltensweisen, gelingen den Mut auf Neulande hin wirksam zum Tragen zu bringen? Kann im Verbrennen der jeweils eigenen Vorstellungseinschränkungen der innere Blick auf das hin sich öffnen, was Wirklichkeit in der Geist-Berührung ist? Und können dadurch für ein erneuertes Welt-Anschauen sich die Augen öffnen? Ist es möglich über die Schutthaufen abgelebter Vorstellungen hinweg - in innerer Umkehr (6) - ein tiefer dynamisiertes Denken zu entwickeln, das dem wissenschaftlichem Denken über Abstraktionen hinaus ein Geist-Anschauen nach und nach erschliesst? Und wird im Verbund mit diesem Geschehen ein Anschauen von dem, was Leben in seiner Tiefe sein kann, sich bilden?

Thomas Nagel bezeichnet das mit seinen Worten nüchtern so: "Philosophie (und Wissenschaft?) darf keinesfalls zu ermässigten Ansprüchen ihre Zuflucht nehmen (7)." Sie fusst auf der steten Weiterentwicklung "ihrer eigenen unterentwickelten Fähigkeiten (8)" und was not tut, so ich in der unweigerlichen Kollision einander widerstreitender Perspektiven auf das "Absurde" stosse, "ist der Wille, es mit ihm aufzunehmen (9)," den fremden Vorstellungskonstrukten ins Auge zu schauen und angesichts eigener nicht hinterfragter Vorstellungsgebilde diesen in Projektionen nach aussen hin nicht auszuweichen, um die möglicherweise notwendige innere Umkehr so zu umgehen.

Bernhard Albrecht Hartmann 25.07.2016


(1) siehe: https://ich-quelle.blogspot.com/2014_11_11_archive.html
(2) Seite 11, Abs.1 in: Thomas Nagel, "Der Blick von Nirgendwo," Suhrkamp TB 2012
(3) siehe: https://ich-quelle.blogspot.com/2015/04/ich_21.html
(4) Seite 64: Kapitel III/2, Das Ich als privater Gegenstand in: Thomas Nagel, dito
(5) Seite 11, Abs. 3, Vorrede in: Thomas Nagel, dito
(6) https://ich-quelle.blogspot.com/2015/07/von-der-inneren-umkehr.html 
(7) Seite 22, Absatz 27, Vorrede in: Thomas Nagel, dito
(8) Seite 23, Absatz 28 dito
(9) Seite 24, Absatz 29 dito

Mittwoch, 30. März 2016

Kommentar Dialog im Nachgang zu meinem vorausgehenden Blog Beitrag

https://egoistenblog.blogspot.ch/2016/03/sich-mit-den-keimenden-kraften.html?showComment=1459269726254#c4057380707929952557

Michael Eggert Montag, 28. März 2016 um 22:26:00 MESZ

„Vielen Dank für die Hinweise! Ich denke, die spezifischen Verschärfungen der Auseinandersetzungen in spirituellen Gemeinschaften hat Steiner in seinen "Briefe an die Mitglieder" umfassend erklärt. Durch Anonymität im Netz, Neo- Guruismus und Rudelbildung bedingt, verstärken sich einerseits diese Probleme. Andererseits gibt es eine Menge Menschen, die an all dem längst gelernt haben, selbständig und konstruktiv arbeiten- vor allem auch uneitel. Solche Begegnungen sind immer sehr erfreulich. Im übrigen denke ich, dass Auseinandersetzungen nicht ausbleiben und auch nicht "aus spirituellen Gründen" vermieden werden sollten. Wie weit man sich hinein verwickeln lässt, ist eine andere Frage. Ein reflexhaftes Reagieren ist meist ebenso dumm wie Friedens- Bullshit- Gerede, das die Konflikte nur vernebelt. Strategisches Fechten aber- warum nicht?“

Bernhard Albrecht Dienstag, 29. März 2016 um 18:42:00 MESZ

Ich schätze Klarheit in der eigenen denkenden Blickweise. Deshalb beginne ich mit meiner Antwort vom Ende Deiner Antwort an mich.
„Strategisches Fechten aber - warum nicht?“
Nun Michael, ich kann wohl schlecht von der Notwendigkeit „einer weitaus grösseren Anstrengung zu sachlichem Umgang untereinander“ sprechen, wenn ich meinerseits mir hier nicht die jeweils grösstmögliche Anstrengung selber abverlange und mich gegen innere seelische Aufwallungen sorgsam abgrenze. Strategisch innerhalb sozialer Entwicklungsprozesse zu taktieren oder zu fechten setzt unterschwellig nur destruktive Kräfte frei, bzw. macht die Wände dünn durch die sie einbrechen können. Auf dem Boden aber einer sachlichen Zurückhaltung kann ich meinerseits dazu beitragen, dass sich ein „lebendiger“ dynamischer Freiraum bilden kann in dem Einander Widerstreitendes von sich aus mit sich in einen inneren Dialog einzutreten vermag, der ein keimhaft selbstkorrigierendes Umorientieren ermöglicht. Zurückhaltung als non-verbaler Ausdruck von Wertschätzung, in „aktiv“ innerer Teilhabe (Zeugenschaft) ohne sich „persönlich“ involvieren zu lassen und ohne eine implantierte eigene Erwartung. Eben durch und durch … seelischer Beobachter.
Natürlich kann und darf ich mich gegebenenfalls auch nicht um Auseinandersetzungen herumschleichen, ein Konvolut spirituell eingefärbter Schleier vor mir her tragend. Die Frage ist nur, ob solche Auseinandersetzungen in einem Begegnungsraum oder in einem dualistisch aufgeheizten Streitraum stattfinden. Von welchem Raum aus hat ein Freies Geistesleben wohl die grössere Chance ins Leben kommen zu können?
Die Toleranz Tänzchen, die bei spirituellen Veranstaltungen um eines übergreifenden Zusammengehörigkeitsgefühls willen nicht selten  geradezu zelebriert werden, entspringen aus meiner Sicht keinem lebendigen Freiheitsverständnis. Das Schwert kann und darf gezogen werden. Nur, muss ein derartiges Unterfangen auch das Köpfen meines Gegenüber zur Folge haben? Das Schwert aus einer nondualen Haltung heraus zu ziehen ist eine hohe Kunst.
Anonymität im Netz und Rudelbildung kannst du nur mit eigener Authentizität begegnen. Diese allerdings fortlaufend immer klarer aus sich heraus zu modellieren ist mit dem Mut zu einer inneren Seefahrt zwischen Skylla und Charibdis hindurch verbunden. Wenn andere Menschen die Durchfahrt durch diese innere Meerenge vermeiden wollen und wie einst Aeneas lieber um Sizilien herum segeln, dann sollen sie das tun. Mein Weg ist das nicht.
Abschliessend noch dies, damit es bezüglich meines Verweises auf Skylla und Charibdis zu keinen Fehlinterpretationen kommt: Skylla und Charibdis sind Prozessgebärden, die sich durch die seelische Beobachtung verifizieren lassen.

Bernhard Albrecht

Michael Eggert Dienstag, 29. März 2016 um 22:36:00 MESZ

Sehr schön, auch das Bild der Meerenge- Danke!


Anonym Dienstag, 29. März 2016 um 23:17:00 MESZ

..auch von mir..
Danke!
m.butty

Montag, 28. März 2016

Sich mit keimenden Kräften anfreunden ...

Anmerkungen zu einem Beitrag von Michael Eggert auf:

http://egoistenblog.blogspot.ch/2016/03/sich-mit-den-keimenden-kraften.html

Die Passage, die Michael Butty in seinem Kommentar zu Deinem Beitrag hervorhebt … Ich will sie der Anknüpfung halber noch um die unmittelbar nachfolgende Passage ergänzen.
„Die Keimkräfte gedeihen nicht, ohne dass im schlichten Schweigen die selbstbezogenen Schalen beiseite gelegt sind, die bislang Identität, innere seelische Strukturen und biografischen Kontext fixierten. Die Selbsterfahrung in reiner keimender Bewusstheit ist derart kraftvoll,“
(von hier ab erlaube ich mir Deinen Text in einer mir wesentlich erscheinenden Nuance ergänzend zu verändern)
dass ich sie in mir zwar beobachten kann, dass ich diese Kräfte aber nicht so einfach in der Lage bin sie nach dieser oder jener Seite hin auszuloten; ich kann sie in ihrer … Kraft - als Licht, als Dynamik oder in einer grossen Imagination - zwar erfahren, aber als dieser Mensch, der ich bin, nur in kleinen Dosen ertragen und gestaltend umsetzen.
Warum ist ein derartiges Unterfangen so schwierig? Weil es aus meiner Erfahrung heraus einfach „alleine“ nicht geht. Ich sehe mich gefordert zu lernen gerade die Menschen um mich herum wertzuschätzen, als meine Helfer anzuschauen, mit denen ich, salopp gesagt, es auf ein Erstes hin gar nicht kann, bzw. ich es sehr schwer habe einen Umgang auch nur ansatzweise zu finden. Diese Menschen sind nämlich, wie ansonsten wenige andere Menschen, in der Lage mein Unbewusstes im Spiegel ihres Denkens in einer Weise aufzubrechen, dass ich von daher meinerseits in seelischen Beobachtungen in die Gänge komme und festgefahrene eigene seelische Strukturen im stillen Anschauen umgestalte. Wer mir auf die Füsse tritt, der verdient aus meiner Sicht Beachtung nicht nur nebenbei, weil er mir Merkzeichen setzt, wie ich Karma zum Wahrhaftigen hin umgestalten kann. …
Ein fremdes Denken bekämpfen, es von oben herab abschätzig zu betrachten oder gar widerlegen zu wollen ist also in sich widersinnig, weil kontraproduktiv zu jeder sich entwickelnd wollenden Freiheitsbestrebung. Abgrenzung macht nur Sinn eigenen inneren Aufwallungen gegenüber. Alles andere wirkt genauer besehen nicht selten kränkend in Bezug auf den anderen Menschen oder provoziert den Dissens und kann demgemäss aus einer Gefühlslage heraus nicht verstanden worden zu sein diesen nur anstacheln zu weiteren, immer mehr ausufernden Attacken.
In menschlichen Zusammenhängen, innerhalb derer „Geisteswissenschaft“ aus den verschiedensten Zusammenhängen und Hintergründen heraus zu einem Interesse wird, bedarf es aus meiner mittlerweile langjährigen Erfahrung einer weitaus grösseren Anstrengung zu sachlichem Umgang untereinander, als in sozusagen klassischen wissenschaftlichen Diskurs Abläufen.  Hier kann das abstrakte Denken eine gewisse abfedernde Schutzfunktion ausüben, wo andererseits keimende Bewusstseinskräfte viel stärker sich der Gefahr aussetzen unmittelbar in die Abgründe chaotischer Kräftewirkungen hinein gezogen zu werden.
Sobald ich es wage das Visier meines Gedankenhelms auch nur leicht anzuheben, also meine Vorstellungsschablonen hintenanstelle und in meiner inneren Ausrichtung von meinem jeweiligen Gegenüber her keimhaft versuche zu denken, mache ich mich verletzlich. Ich öffne damit aber zugleich den Weg zu einer Freiheit, die mehr als ein Wortspiel ist. Ich eröffne für den anderen Menschen, wie gleicherweise für mich, die Möglichkeit eine innere Wesensumkehr von der Ego-Perspektive hinein in eine nonduale Ich-Dynamik langsam vollziehen zu können.

http://egoistenblog.blogspot.ch/2016/03/guru-steiner-das-kuckucksheim-fur.html

Dieser Link hier bedarf vor dem oben Gesagten eigentlich keiner weiteren Erläuterung im Einzelnen. Er enthält viel, viele denkbare Ansätze und auch innere Herausforderungen, um knospend Keimendes in seelischen Beobachtungen in sich zu veranlagen und Prozesse dieser Art still zu pflegen, hin zu mehr innerem Wachstum von in die Tiefe gehender Überschau. Zeugenschaft erscheint mir wirkkräftig erst dort präsent zu werden, wo die Konsequenz eigener Umwandlung in inter-subjektiven Prozessen ohne wenn und aber schmerzlich angenommen und fortlaufend neu erfahren wird. Verdikte offen oder verdeckt, in der einen oder anderen Weise über wen auch immer auszuschütten sind letztlich nicht zielführend.
Um einen Begriff von Michael Butty aufzugreifen, der „Eiter“ der Strasse kann mich selbst aus unscheinbaren Ritzen in kommunikativen Interaktionen anfallen. Und wenn er mich anfällt, dann verweist dieser Umstand aus meiner Sicht nur auf schwärende Wunden, die ich, bisher vielleicht unerkannt, mit mir herum getragen habe.

Abschliessend noch einige Anmerkungen zu der mir sehr bedeutsam erscheinenden Frage, ob einem Eingeweihten widersprochen werden dürfe.
Ich kann einem Nobelpreisträger der Physik widersprechen, wenn ich mir das wissenschaftsmethodische Instrumentarium für eine durchgehend sachliche Argumentation  innerhalb eines allfälligen Widerspruchs erarbeitet und darüber hinaus dieses auch verinnerlicht habe. Ich kann einem Eingeweihten widersprechen, wenn ich mich über ein sich Anfreunden mit einem keimenden Bewusstsein hinaus, wie es Michael Eggert in seinem Blog Beitrag in schöner Weise ausgebreitet hat, zu einem forschenden Bewusstsein auf dieser Grundlage aufrichten habe können. Da es meiner Kenntnis nach heute keinen Personenkreis gibt, der beratende Hilfe und Begleitung für Menschen gewährt, die einen inneren Entwicklungsweg zu geistigem Forschen gehen wollen, fällt die Selbstverantwortung nur um so schwerer ins Gewicht.
Für die Diskursfähigkeit einer „Geisteswissenschaft“ mit der klassischen Wissenschaft ist in meinen Augen hier Bewegung dringend geboten.
Frohe Ostern,

Bernhard Albrecht





Montag, 8. Februar 2016

Ein Koan

Zum innerlich prüfenden Nachgehen des Denkens in der Erfahrung: 

Das Denken ist eine Ich - Erfahrung oder es ist kein Denken.

 

Bernhard Albrecht


Montag, 11. Januar 2016

Eine Antwort auf ...


"Entschuldigt,
ich noch einmal. Ich weiß nicht mal ob überhaupt noch jemand diesen Blog liest, da ich ja wirklich nur noch sporadisch hier aktiv bin.
Vor allem dann, wenn es wieder sehr dunkel wird und ich nicht weiß wohin oder an wen ich mich wenden könnte. Ich weiß auch nicht, wieso mich diese Schatten der Vergangenheit immer wieder einholen doch ich spüre sie wieder stärker werden in mir. Und ich bin alleine damit und ich weiß nicht, wie zur Hölle ich damit umgehen soll. Ich traue mich kaum, überhaupt daran zu denken, dass es wahr sein könnte was mir zwischenzeitlich vor die Augen gemalt wird. Ich könnte es nicht aussprechen. Aber es ist wieder da und es fühlt sich nicht so an als könnte ich es wieder in den Nebel scheuchen und ich drehe mich im Kreis und will weglaufen, doch das Licht ist schneller als ich und Schatten schneiden mir mit ihren eiskalten Fingern die Haut auf und lassen blutrote Erinnerungen in meinen Kopf fließen."


Auch wenn es so scheint, Du bist nicht alleine. Still verfolge ich Deinen Blog und Dein Schreiben darin immer wieder. Trotz vieler Aufgaben rund herum ist mir das wichtig.
Du bist auch nicht alleine in dem, was Du innerlich erlebst. So wie Dir ergeht es nicht wenigen anderen Menschen, jungen, wie Dir mit Deinen 20 Jahren und ebenso älteren Menschen mit 40 Jahren oder noch älter. Sie stehen nicht anders als Du in einem inneren Bewusstseinswandel darinnen und der fordert allen viel ab. Gewohnheiten die Welt in Dir oder um Dich herum, bzw. das was Du für die Wirklichkeit hältst zu betrachten, lassen sich eben nicht so ohne weiteres verändern. Solcherlei Unterfangen tut weh, muss weh tun, denn inneres Wachstum geht immer aus Schmerzen hervor, die Dich da oder dort auch schon einmal an die Grenzen des Wahnsinns heranführen können, wenn Dein Anhaften an alten Lebensbezügen hintergründig zu sehr mit Angst durchsetzt ist.
Diese Angst, die sich in vielfältigen schattenhaften Gedankengespinsten, in kaleidaskopartigen Vorstellungskarusellen zum Ausdruck bringt, hindert Dich ganz Deiner ureigenen Kraft vertrauen zu können. Deine wirkliche Kraft aber liegt in Deinen inneren Lichterfahrungen geborgen, die Du, wenn Du es vom Herzen her wirklich willst, als Quelle Deines weiteren Denkens und Handelns in Dir zentrieren kannst.
Denken hat etwas mit aktiver innerer Bewegung und mit Licht zu tun. Und damit verweise ich nicht auf gegenwärtige Erscheinungen innerhalb der Esotherikszene, sondern auf Aristoteles, der das schon wusste und verborgen seiner Philosophie zugrunde legte. Lerne im Bewusstsein der Denkbewegungen zu denken, im Bewusstsein der Kräfte, mit denen Du Deine Gedanken bildest, wie diese Gedanken Dich, sie fortlaufend umzubilden und zu erneuern, also innerlich nicht stehen zu bleiben, leise ermahnen.
Wie? Durch Schatten Bedrängnisse und Illusionen, die aus Nebelverwehungen heraus ihr gespensterhaftes Unwesen mit Dir treiben. Du aber flüchtest vor diesen Erscheinungen, anstatt sie still anzuschauen, denn dann können sie Dich nicht weiter bedrängen ... und die Grundbotschaft in all ihren Annäherungen zu verstehen, die da heisst: Wir schleifen Dich solange, bis Du Deine ureigene Lichtkraft in Dir zu entdecken bereit bist und auch Willens sie anzunehmen.
Dass das Licht schneller ist als die Schattenwelt, das weist Du schon, dass Du selber aber auch genau so schnell in Deinen inneren Bewegungen sein kannst wie das Licht, diese Erfahrung zu machen  ist für Dich noch offen.
Vielleicht kann das Deinen Fragen ein wenig auf die Sprünge helfen. Wenn sich in Deinem Leben Nachsinnen weitere Fragen einstellen sollten, dann warte nicht und verkrieche Dich in Deinen Schattenwelten, sondern stelle Deine Fragen, so wie sie Dir über die Lippen springen, unverblümt. Ich werde Dir antworten, wenn vielleicht auch nicht immer unmittelbar.

baH, 11.01.2016