Montag, 13. Juni 2022

Ein Weniges über die Gefahren im inneren Handhaben von "Ein" ... "Sicht"

Wer kennt sie nicht, die überraschend sich einstellenden Momente von „Ein“ … „Sicht“ - nicht nur mitten im prallen Leben, sondern durchaus auch aus der meditativen Arbeit heraus - in seinem Leben, wer durfte dabei nicht ab und an einmal befreit in dem Gefühl ausschwingen: Ach so ist das also? Die Faszination die ein derartiges Gefühl nicht selten begleitet erzeugt dann leicht eine Art seelischen Schleier-Nebel, der den fragend prüfenden Blick auf die „empfangene“ „Ein“ … „Sicht“ verdunkelt, um nicht zu sagen vergessen lässt. 

In der Tat: Der wachsam prüfende Blick im inneren Umgang mit seelischen Beobachtungen lehrte mich über so manche Irrtümer hinweg, nichts ist auf diesem inneren Felde wichtiger als das fragende Rückfragen auf das solchermassen Gesichtete. Das bedeutet die hier stets mögliche Täuschung, bzw. die nicht ganzheitliche Sicht auf das Erfahrene will auf das hin hinterfragt sein, was ich tatsächlich weiss oder eben gerade noch nicht wirklich sicher weiss. Weil: Die Illusion unbemerkt ausbremsend, dich schleichend umkreisend sich auf vielfältige Weise Dir immer wieder in den Weg stellt, bis Du bereit bist Deine mentalen, psychischen und physiologisch-leiblichen Muster diesbezüglich aufzudecken und zurückzudrängen, was heisst im inneren Blick auf das „Erkenne Dich selbst“ tiefer befragend ausleuchtest.

Die seelische Beobachtung „nach naturwissenschaftlicher Methode“ stellt an den der sich ihr ernsthaft widmet höchste Ansprüche was die eigene Redlichkeit und vor allem  „Bescheidenheit“ betrifft. Schon die äussere naturwissenschaftliche Laborarbeit ist an höchste hygienische Standards gebunden. Um wieviel mehr hat das für die Arbeit des inneren Denkblick-Auges im Umgang mit Phänomenen auf der seelischen Petri-Schale zu gelten. Hier ist eine Unterscheidungskraft von Nöten, die erst mit einer gereiften inneren Furchtlosigkeit (geistes-wissenschaftlich) handhabbar wird. Warum? Weil sich dynamische Lichtkraft-Ereignisse einstellen, die nur mit „Mut“ nach und nach immer besser handhabbar werden.

Ich will es mit aller Deutlichkeit sagen, wer nicht bereit ist sich durchgängig auf die „Vielschichtigkeit“ allein seines Denkens einzulassen, der steht noch nicht wirklich selbständig  auf eigenen Füssen und setzt sich damit unter Umgehung der „Zurückdrängung des Leibes,“ was heisst der nicht durchschauten Einflussnahme mental-psychischer und physisch-physiologischer Prozess-Ereignisse dem Hineingleiten in eine Hellsicht aus, die ungeprüft sich als unzeitgemäss herausstellen kann, weil sie von Fall zu Fall die der zutage getretenen Beobachtung entsprechende eigenständig eingebrachte denkerische Bewusstseinskraft vermissen lässt.

Das „ERKENNE DICH SELBST“ lässt sich eben nicht nebenbei abhalftern. Wer hier nicht nachhaltig durch erhebliche innere Schmerzen hindurchgeht - und das fortlaufend immer wieder - der ist aus meiner Sicht auf dem Schulungsweg noch nicht in Echtzeit zugange. Vor den Spiegel der Wahrheit zu treten ohne jedwede Selbstbeschönigung ist alles andere als ein leicht Ding. Das „ÜBE GEISTERINNERN“  a u s s c h l i e s s l i c h  bei sich selbst - also ohne Müllverklappung bei Menschen des jeweiligen eigenen sozialen Umfeldes zu meistern - kann und muss Dich schon gelegentlich in die Knie zwingen. Denn erst dann erwachst du innerlich dahingehend welcher Art hochgradig inneren Gleichgewichtes es bedarf um seelische Beobachtungen „geisteswissenschaftlich“ untersuchen zu können.

In den Bereich des stringenten „Erkenne dich Selbst“ gehört noch ein weiteres hier zu benennendes Sediment bewusstseins-genetischer Prozess-Ausfällungen, das als Multimedia-Faktor innerhalb dualistischer Verhaltensstrukturen gerne übersehen wird. Und das ist, wie ich es bezeichnen will, das sogenannte „Man-Gebaren,“ ein Verhalten, das ursprünglich aus wissenschaftlich philosophischen Forschungen hervorging und daselbst aus der Abgrenzung subjektiver Denkwege gegenüber als möglich betrachteten objektiven Betrachtungsweisen. 

In der Kommunikation unter spirituell arbeitenden Menschen hat sich daraus wie nebenbei eine Art Bumerang-Effekt heraus entwickelt. „Man“ dünkt sich unversehens gerne, weil in einer  vermeintlich „Höheren Ein-Sicht“ stehend dazu berufen einem anderen Du so dies und das mehr oder weniger „wohlmeinend“ als Handreichung zur Beachtung nahezubringen. Und übersieht dabei - so tritt es mir rückfragend immer wieder innerlich vor Augen - dass von anderen Menschen keinerlei Veränderung erwartet werden kann, solange ich nicht mein ERKENNE DICH SELBST, angestossen durch ein anderes Du, im inneren und äusseren Selbstausdruck auf mehr Menschlichkeit im Selbstausdruck ein jedes Mal weiter entwickle.

Die alte Grussformel „Grüss Gott“ bedeutet nämlich - modern übersetzt - ich grüsse im anderen Menschen „MEIN“ ERKENNE DICH SELBST. Doch wie sieht die Wirklichkeit aus? Hat die Selbsterkenntnis, das besonnene Innehalten - das Erinnern, das sich aus den Tiefen meiner Seele kundgeben will - um auf dieser Grundlage Freiheit aktiv verwirklichen zu können, werden diese Grundtöne des Seelenlebens, wenn überhaupt dann noch umfassend genug wahrgenommen? Geschieht es in meinem Multimedia-Alltag etwa, dass ich während des Sprechens zu einem anderen Menschen plötzlich erschrecke und so an die Würde des anderen Menschen erinnert werde? Warum eher nicht? Weil ich mir die Augenhöhe zu ihm einzunehmen innerlich versagt habe, was heisst seiner Lebenswirklichkeit in Echtzeit zu begegnen, mithin T E I L H A B E zu leben.

Haben wir im Zeitalter der Täuschungen und überbordenden Zerstreuung (Z - S Y M B O L), der  vom Grund her eigentlich nicht mehr zu übersehenden  Zeitenwende (Z - S Y M B O L) etwa die Wirklichkeit (1) verloren? Die Wirklichkeit des anderen Menschen, der seinen ureigenen Weg gehen darf? An dem wir durch mitmenschliche Zugewandtheit (Z - S Y M B O L) kritisch teilhaben und selbstkritisch uns hinterfragend auf bis anhin noch nicht genügend beachtete eigene Entwicklungsbaustellen wachsen können? Machen wir uns also nichts vor, das Z - S Y M B O L  ist schon lange in unserer Welt zu Gange und keinesfalls  durch Putin erstmals in Erscheinung getreten.

Der Krieg mitten in Europa hat nicht erst mit der sogenannten Sonderoperation Putins gegen die Ukraine am 24.02.2022 begonnen. Wagen wir es doch einmal versuchsweise so anzuschauen: Dieser Krieg ist nur die wiederum erneut nach aussen in Erscheinung getretene Fortsetzung des ersten Weltkrieges, der nie aufgehört hat. Erinnern wir uns: In der Jahreswende 1923/24 hat Rudolf Steiner mit den eindringlichen Worten ÜBE GEISTERINNERN und ÜBE GEISTBESINNEN die aus Geisteserkennen notwendige Zeitenwende (Z - S Y M B O L) versucht einzuleiten. Was ist aus diesem Impuls geworden? Ein Gesellschaftskrieg ist aus ihm hervorgegangen, der bis heute unterschwellig weiter schwärt. Ein tragfähiges Erkenne dich selbst als Basis eines beispielhaft sich fort und fort erneuernden Gesellschaftskörpers ist nicht entstanden. Warum: Weil dem Willen zur eigenen Selbstveränderung aus den Schicksalsbotschaften des je anderen Du innerhalb der eigenen sozialen Umräume zu begegnen nicht tief genug Rechnung getragen wurde. Die Zeitenwende (Z - SYMBOL) ist in scheinbar unüberwindbar sich darstellenden alten Gewohnheiten hängen geblieben. … Und wo ENTWICKLUNGEN hängen bleiben, da führt das früher oder später zu kriegerischen Turbulenzen innerhalb der Weltverhältnisse. Dies kann ein jeder Zeitgenosse weltweit erkunden, dem ein tiefer reichendes Erforschen der jeweiligen Sachzusammenhänge ein Anliegen ist. Gerade in der heutigen Zeit ist SELBSTERKENNEN ein Faktor für die weitere Weltentwicklung, der nicht mehr kleingeredet werden kann.

Zum Schluss sei hier noch dies angemerkt. Europa steht von seiner geistigen Grundkonfigurierung her auf diesen beiden Beinen: Der erratischen Frage - weis ich was ich weis oder tue ich das eher noch nicht (Sokrates) und dem Erkenne Dich Selbst, das Aristoteles zu seiner Zeit aus uraltem Mysterien-Wissen heraus als Kern-Dynamik dem von Platon entwickelten neuen Denken verborgen einpflanzte. Womit er den Keim legte Freiheit denken zu können, um sie in Folge sodann in Taten wirksam werden zu lassen. Von heute her betrachtet könnte das nicht heissen: Bin ich aus dem  Hinschauen auf die  Zeitereignisse bereit  „m e i n e“  individuelle  Sonderoperation  im  Selbsterkennen in  eigene  Hände  zu  nehmen  und  Z E I T E N W E N D E (Z - SYMBOL) aktiver mitzuverantworten?

© Bernhard Albrecht Hartmann 07.06.2022

(1)   Matthew B. Crawford: Die Wiedergewinnung des Wirklichen 

       Eine Philosophie des Ichs im Zeitalter der Z  rstreunung, Ullstein Verlag Berlin 2016



Samstag, 16. April 2022

Eine Anmerkung/Kommentar

 https://www.facebook.com/groups/2073248482692411/ 

daselbst weiter unten: Licht auf Selenskyj und Putin, Heinz Grill im Gespräch

https://www.youtube.com/watch?v=uauZzS6VUps

Heinz Grill und sein tiefer forschendes Ertasten Wollen der Physiognomie von Putin und Selensky? Eingrosses Vorhaben, denn es gibt ja nicht nur die Kopf-Vorderseite einer Physiognomie, sondern auch deren hintere Seite. Es gibt eine dynamisch bewegte Willensseite, die sich vorne wie hinten in einer Physiognomie ausdrückt, eine atmend mit der sozialen Umwelt korrespondierende Seite der Herzebene vorne und hinten, offen oder verklebt, in sich ruhend oder verdeckt gejagt im sich Ausdrücken, sowie eine oben/unten Gesamt-Ausdrucksseite, welche die gegenwärtige Inkarnation klar zum Ausdruck bringen kann oder in der sich eine Person schlingernd immer wieder verliert, weil sie durch Nebelkerzen der Selbsttäuschung sich wie selbst den Boden unter den Füssen wegzieht. 

Damit deute ich skizzenhaft in mehr als knapper Weise das Forschungsfeld aus um das es hier aus meiner Sicht geht.

Ich beziehe mich hier auch auf andeutend Gesagtes von Beppe Assenza aus einer Kurssitzung zum Porträt-Zeichnen im Jahr 1974, der er seinerzeit keine Fortsetzung folgen lies, weil sich dazumal keine drei Schüler bereit fanden sich mit dem „Geisterinnern“ existentiell tiefer auseinander zu setzten. Wenn ich seine kryptischen Worte vom Ende dieser Sitzung hier in ihrer Essenz wiedergebe, dann ist zeitgemässes Porträtzeichnen, bzw. können Aussagen über die Physiognomie eines Menschen nicht wahrheitsdienlich sein ohne dass der Porträtzeichner seinerseits durch die eigene seelische Dunkelheit bereit ist hindurchzugehen.

Modernes Porträtzeichnen hätte die Aufgabe die lichten Möglichkeiten, wie die dunklen Gefährdungen im Durchgang der zu zeichnenden Porträtperson in ihrer gegenwärtigen Inkarnation transparent zu machen, was wiederum nur möglich sei wenn der Zeichner selber bereit ist sich seiner eigenen Inkarnationsaufgabe zu stellen. 

Zeichnerische Wahrheit gebiert sich hier also aus dem wechselseitigen Erwachen beider aneinander im innerlich sich überkreuzenden prozesshaften Geisterinnern.

Wird damit auf das in meinen Augen bis heute kaum verstandene, bzw. noch weniger aktiv entwickelte Karma Verständnis Rudolf Steiners vom Ende seines Lebens gedeutet? Geisterinnern und Geistbesinnen als Gestaltungsprinzipien für einen grundlegend neu zu konfigurierenden sozialen Organismus? Mit der strengen Anforderung auf diesem Weg alle Vorstellungen zu verbrennen, was heisst alles bis auf den Fragegrund des „weiss ich, dass ich nicht weiss(?)“ wie ihn Sokrates seinerzeit im Umgang mit seinen Schülern umriss zu hinterfragen, um damit im Durchgang durch das Nichts den Willen mit dem Denken in einer integrativ dynamischen Erfahrung sukzessiv wie zeitgemäss wiederum tiefer verbinden zu können?

Ich will die Aussagen von Heinz Grill zu Putin hier nicht von vorne weg in Frage stellen, weil ich meinerseits ein eher dynamisch ausgerichtetes Grundverständnis im Umgang mit der menschlichen Physiognomie für wichtig halte. Herr Grill  hat sein forschendes Vorgehen in seinem Video in meinen Augen nicht umfassend genug beschrieben, um von daher in einen sachlich fairen Urteilsprozess eintreten zu können.

Ich denke dass wir alle wissen wie schnell uns Physiognomien in unserem Alltagserfahren zu Fehleinschätzung von anderen Menschen veranlassen, um nicht zu sagen geradezu verführen können. Da wird dann in bestimmten Situationen oft allzu schnell das Hackebeil des fake new offen oder verdeckt gezogen, entweder um eine gespürt unangenehme Selbstbetrachtung oder aber die sich von aussen her zeigende Sachlage widerspruchsfrei hinterfragt leise zu umgehen und damit das eigene Glaubensfeld zu schützen.

Fake new als Wortgeschoss gebraucht ist in meinen Augen eine willfährige Waffe um sich der eigenen not - wendenden Selbsterkenntnis zu entziehen.

Auf Putin und seinen Umgang mit fake news hingeschaut, so befindet er sich anscheinend auf dem besten Wege sich eine absolute Berechtigung zu unterschreiben sein Entscheiden sei hier, heute  und immer von vorne herein unanfechtbar. Das hängt sicher mit seinem Wahrheitsbegriff (Dugin) zusammen. Dennoch gilt auch für ihn die ethische Verantwortung für all sein Tun - gerade wegen seiner uniroyalen Sichtweise auf die Weltverhältnisse, denn Entwicklung läuft selbst bei umfassend diktatorischen Vorkehrungen nicht durchgehend kontrolliert zu überwachen uniroyal, sondern immer multipolar. Das ist die Wunde über die am Ende noch ein jeder Diktator gestürzt ist. 

Uniroyale Sicht auf der einen Seite und Naivität auf der anderen Seite. Der Krieg in der Ukraine ist das eine, der Krieg um das Bewusstsein des Menschen, um seine Fähigkeit aus seiner Mitte heraus Wirklichkeit hervorzubringen das andere. Diese Verantwortung lässt sich nicht abstreifen, denn sie anzunehmen bestimmt unser Menschsein.

© Bernhard Albrecht Hartmann, 15.04.2022


Dienstag, 29. März 2022

Der so andere Mensch 1

Der so andere Mensch, berechtigt das die Frage was weis ich wirklich oder eher die, weis ich, dass ich nicht weis? Allein schon die stille, schnell wieder beiseite geschobene Möglichkeit ich könnte etwas über den anderen Menschen nicht wissen, ruft ein leises Rumoren am fernen Horizont meines Inneren hervor, das Zittern eines vorbeigehenden Schwankens auf dunklen Seitenwegen abseits meiner beleuchteten Strasse. Bleibe ich im Augenblick des berührt Werden hier nicht stehen, um mich zu vergewissern was mir da geschah, dann schliesst sich der Schleier des schönen Scheins schnell wieder um mich. Die nicht gestellten und verfolgten Fragen sind es, die mich fern halten von der Wirklichkeit jenseits des schönen Scheins und … wer will es schon genauer wissen, ich gehe stattdessen unbemerkt lieber den Weg der Illusionen weiter, um der Anstrengung zu entgehen über das hinauszusehen was das tatsächliche Erfahren und Durchleben von Wirklichkeit betrifft.

Was ist so angeschaut also die Wirklichkeit jenseits des schönen Scheins und … wer ist demgemäss der andere Mensch, so ich konsequenter in das hinein frage, was er mir anzeigt? Ein Mensch mit seinen ganz eigenen Lebensereignissen, die er auf seine ureigene Weise zu durchleben und umzuwandeln hat? Billige ich ihm das zu, lasse ich ihn im einander Begegnen seinen Weg gehen oder grätsche ich mit diesem oder jenem Ja-Aber dazwischen, eingepackt in eine Ausdrucksweise „ich weiss es besser“? Wie gelange ich vor diesem verborgenen Hintergrund also zu einem je neuen Verständnis seiner Lebensgebärde im Begegnen über meine Vorstellungen hinaus? Wie kann ich die Schleierbildung zurückhalten, sodass sie sich nicht immer und immer wieder „zu unrecht“ über einen anderen Menschen legt, über den Menschen, der mir in diesem Augenblick eigentlich der wichtigste Mensch unter allen anderen Menschen sein sollte?

Aufmerksamkeit: Die Selbstverständlichkeit einer Annahme, wie z.B. der, die Lücke im Verkehrsfluss sei gross genug, dass der PKW vor mir doch endlich die Kreuzung passieren könne. Welche Fehleinschätzung der Situation könnte hier vorliegen? Zum einen, ich kann einfach nicht meine Einschätzung bezüglich der Grösse der Verkehrslücke so ohne weiteres zur Grundlage für das Handeln des Verkehrsteilnehmers vor mir machen. Was sieht er möglicherweise das ich nicht sehe? Und, er muss die Verkehrssituation mit seinen Fähigkeiten der Fahrzeugbeherrschung meistern können. Da steht mir mit meinem Fahrvermögen schlichtweg keine Entscheidungsbefugnis zu. Also Klappe halten … und die Aufmerksamkeit auf die eigene innere Seelische Verfasstheit richten. 

Bin ich hier mit meinem Drängeln auf den Verkehrsteilnehmer vor mir in meiner Mitte verankert? Das sich mehr oder weniger in einem solchen Augenblick ausser sich Erfahren, wie wirkt sich das auf das eigene Fahrvermögen aus? Kann ich von der Bedächtigkeit des Verkehrsteilnehmers vor mir etwas lernen? Steht diese Frage an mich in dieser Situation vielleicht in erster Linie vor mir? Muss „ich“ mehr an meinem inneren zentriert Sein arbeiten, um der Vertiefung eigener Willenskultur willen anstatt mit den Chaos Kräften aus meinem Unbewussten heraus um mich zu ballern?

Was soll das höre ich von innen her mir wie zuflüstern. Es bekommt ja niemand mit welchen aufgebrachten Dialog ich soeben in meinem Inneren führe. Hm, wirklich? Greifen die Kräfte, die mich von innen in meinem Auto bestürmt haben wirklich nicht weiter um sich? Kann ich das wissen?

Die nicht gestellten, die nicht erwartungsbereit offen gehaltenen Fragen sind es, die mir ein vertieftes Wirklichkeit Verstehen in der eigenen Anschauung versperren. Ein Verstehen welcher Wirklichkeit? Wie von Ferne spüre ich, dass mich da eine Wirklichkeit leise berührt, die nicht so fest gefügt ist wie die, mit der ich es ansonsten in meinem vertrauten Alltag zu tun habe. Diese Wirklichkeit fordert mich und deshalb wische ich sie von allem Anfang des leisen Berührt Werden durch sie lieber schnell wieder beiseite. Sich was die eigene innere Anschauung betrifft zu weiten und damit vor Entwicklungserfordernisse gestellt zu sehen, die mir eine erhöhte Verantwortung über mein gegenwärtiges Sein hinaus aufbürden könnten … ? Da gehe ich doch jetzt nach Corona lieber wieder einmal in den Club und tanze mit dem Teufel. Koks eröffnet mir neue Wirklichkeitsräume ohne Anstrengung.

Ohne Anstrengung …? Ja, mit Koks kann ich die Clubnacht und manch andere Tage auf den Wogen des Flow scheinbar anstrengungslos durchwandern. Scheinbar. Doch sind die dabei gemachten Erfahrungen, sind diese tatsächlich als Mittel geeignet für die eigene grundständige Lebensbewältigung? Durch den Tag gammeln, verführen oder sich jagen lassen was heisst ohne bewusst gesetzte Initiative im Mainstream abzutauchen, bzw. als Wutbürger ideologisch mehr oder weniger gut gepanzert über die Randsteine desselben sonor zu kotzen, ist das die Haltung mit der sich durch die gegenwärtige „Zeitenwende“ gehen lässt? Ist das Spinnen von Verschwörungsgeschichten wirklich geeignet für einen Reset von innen. Ja von innen, denn „alle“ Erneuerung kann niemals von aussen erwartet werden, sie kann nur bei mir beginnen. Sie liegt also in meiner Selbstverantwortung zur Willenskultur, in unserer aller gemeinsamen Verantwortung den längst überfälligen Reset von innen auf individuell vielfältige Weise wechselseitig zu unterstützen.

Reset als Zeitenwende: Schon das Wortteil Wende im Gesamtwort Zeitenwende impliziert in der anschauenden Rückbesinnung, dass diese Wende nicht anstrengungslos zu bewerkstelligen ist, also nur unter der Einbeziehung eigener Willenskraft überhaupt möglich werden kann. Das Wortteil Zeiten… umfasst darüberhinaus einen grösseren Zeitraum und damit verbunden die Frage, um nicht zu sagen geradezu ein individuell zu differenzierenden Fragen Komplex, der sich daran knüpfen lässt, verbunden mit der Grundfrage was denn Zeit ihrer Essenz nach überhaupt sei. Hand aufs Herz, was ist Zeit für Sie werter Leser dieser Zeilen? 

Zeit: Gestern, heute, morgen … die Minuten unmittelbar vor diesem Jetzt, in denen sie mit so mancherlei Gedankenbruchstücken innerlich Umgang pflegten, der Termin in einer Stunde, der Augenblick da sie hier lesen und aufgefordert werden sich Gedanken darüber zu machen was sie „erleben“ während sie dieses hier lesen. Hören sie hinein in meine Worte? Was spüren, empfinden oder erfahren sie in ihrer Art innerlich eine Verbindung einzugehen mit diesen Worten. Verbindung … sich verbinden: Hat das nicht etwas mit Bewegung zu tun? Bewegung und Wille, denn genauer besehen wird Wille ohne Bewegung für mich nicht erfahrbar. Dynamische Willenserfahrung als Folge der tieferen Einlassung auf das lesend erhörte Wort hin? Im Urbeginn war das Wort …

Kommen wir zur Sache oder tasten wir uns zumindest für einen kleinen Augenblick an den Rand dessen heran, wo es beginnen könnte in eigene tatsächlich so zu benennende dynamische Willenserfahrungen einzutreten. Im Urbeginn war das Wort: Urbeginn … eine Zeitdimension weit vor meinem gegenwärtigen Erfahrungshorizont, ein durch mich nicht erfassbarer Zeitaugenblick, und von daher ein mit dem Hauch von Unwägbarkeit verhüllter Verweis auf eine ferne Zeit „schöpferischen“ Urbeginns. Urbeginn verlegt in einen transzendenten Zeitenraum? Oder möglicher Urbeginn dort wo ich mich tatsächlich einlasse auf das Wort, beginne meditativ Umgang mit dem Wort zu pflegen unter Ausschluss aller Vorstellungen im Hier und Jetzt.. 

Der so andere Mensch und der Umgang mit Worten die durch ihn von aussen wie gleicherweise von innen an mich herantreten. Eine Möglichkeit habe ich dazu oben in meinen Ausführungen skizzenhaft ausgeführt. Sehr viele weitere derartiger Begebenheiten könnten, müssten hier jeden Tag tiefer untersucht werden so ich in meiner Person auch nur anfänglich zu eigenen dynamischen Willenserfahrungen vordringen will. Vorstellungen … wagen Sie dies nur ein klein wenig sich „bildhaft möglichst anschaulich“ vor Augen zu stellen, dass Vorstellungen sich wie Killer Spinnen verhalten können. Killer Spinnen durch deren fein gesponnene Maschen die im konkreten Augenblick nicht neu belebten Vorstellungen als Abstraktionsleichen hindurchfallen. Der schöne Schein weiter im Modus des Nicht Hinterfragens bestehen bleibt.

© Bernhard Albrecht Hartmann, 29.03.2022


Donnerstag, 17. März 2022

Wind/Worte 1

Wie viele Perlen trägt doch der Wind des Lebens unversehens unscheinbar an mir vorüber, wieviel Perlengeflüster geht im medialen Kampf um die Meinungshoheit, um das „up to date“ Sein auf Randwegen der Aufmerksamkeit verloren.  Wir leben in einem sozialen Kräfteorganismus. Von daher ist Innehalten um nicht nur zu registrieren, sondern bewusster aufzunehmen eine Zeitnotwendigkeit. Ist Ansichtig-Werden von „WindWorten“ im überbordenden Informationsalltag  so wichtig, heisst in gehaltenen Freiräumen atmend sich inspirieren lassen - um gelebter Freiheit willen. Bedeutet das tiefer hinein Lauschen in so dies und das eines Nebenbei, das der Wind mir von den Rändern des Lebens, ob von innen oder aussen zuträgt geistig am Leben zu bleiben.

Gerade heute ist „offen bleiben für das Licht Friedensarbeit,“ Friedensarbeit, die aus mir und der Umgangsweise mit meinen Gedanken und Gefühlen hervorgeht. Ist Perspektivenwechsel meinen eigenen Gedanken und Gefühlen gegenüber zeitgemässe Friedensarbeit. Denn Tretmienen liegen nicht nur auf den Strassen der Vorstädte von Kiew, sondern auch unter den Mustern meiner Denkgewohnheiten und Gefühlswallungen verborgen, Tretmienen, die von einem Augenblick auf den anderen die Mitglieder einer Familie auseinanderreissen können. Tretmienen weil z.B. meine Angst grösser ist als mein Vertrauen. 

Kinder müssen ihre eigenen Wege gehen dürfen … ohne dass Mütter und Väter sich verleugnen bis zum geht nicht mehr nur um „zusammenzuhalten.“ Da krachen halt dann auch mitunter abrupt berstende Eischalen durch den eben noch einvernehmlich erscheinenden Familien Zusammenhalt. Das  Nesthäkchen findet Worte, die Eigen-Sinn wie auch individuelle Eigenart ausdrücken und führt die Trennung aus dem Familienverbund herbei nicht ohne eine Rauchbombe der Schuldzuweisung zurückzulassen. Schuldzuweisung, die eine Mutter nicht zu sich nehmen muss, weil sie im Grunde nur ein Abwehrfeuer zum Ausdruck bringt um in diesem Augenblick nicht der vollen Konsequenz der eigenen Freiheitsentscheidung begegnen zu müssen. Vegan essen wollen ist das eine, es nicht zu wollen oder zu können das andere. Wenn ich das will muss ich mir die Bedingungen schaffen ohne jedwede Vorwürfe oder gar Forderungen gegenüber anderen. Das ist dann  im Gegensatz zu ideell beanspruchter Freiheit gelebte Freiheit. Die aber tut weh, weil sie auf zumindest partiellem Verlust gründet.

Freiheit leben ist ein Weg in die Einsamkeit. Das aber wissen Jugendliche zu Anfang nicht, müssen es auch nicht wissen, denn sie sollen sich auch unbeschwert erproben dürfen. Das Geheimnis ist, dass still begleitendes Vertrauen sie späterhin gereifter zurückfinden lässt. Vertrauen und zeitgleiche Bemühung die eigene Freiheitsarbeit im Umgang mit persönlichen Gedankenmustern und Gefühlseigenarten einer leisen Wandlung zu unterziehen, das lässt Zusammenhalt auch über einen langen Zeitraum nicht verlorengehen, lässt vielmehr Fähigkeiten reifen sich späterhin über das Eltern- Kind- Verhältnis hinaus auf Augenhöhe neu begegnen zu können. Friedensarbeit bedeutet  hier also loslassen.

© Bernhard Albrecht Hartmann, 17.03.2022


Sonntag, 13. März 2022

Die innere Haltung der leeren Hand

Auf was lasse ich mich mit diesem Titel schreibend wie lesend ein: „Die innere Haltung der leeren Hand?“ Was bedeutet das, mit was habe ich es zu tun, wenn ich hier von der inneren Haltung der leeren Hand zu sprechen versuche?

Haltung … innere Haltung … innere Haltung der leeren Hand: Haltung hat etwas mit Aufrechte zu tun, innere Haltung mit Abgrenzung nach innen wie gleicherweise nach aussen, innere Haltung der leeren Hand bringt Offenheit und Unvoreingenommenheit ohne wenn und aber zum .Ausdruck. Drei grosse und von daher herausfordernde Ausdrucksweisen seelischen Verhaltens also. Aufrechte, Abgrenzung und Offenheit. Mit den beiden ersteren Charakterisierungen der Aufrechte und Abgrenzung kann ich mich rückbesinnend unmittelbar identifizieren, nicht aber mit der dritten, also letzten Charakterisierung. Da scheint mir über die genannte Offenheit im betrachtenden Verstehen hinaus etwas noch nicht erfasst zu sein. 

Gewiss die ausgestreckte Hand kann Offenheit ausdrücken, auf was weist in diesem Zusammenhang jedoch die explizit so benannte „leere“ Hand? Die ausgestreckte Hand, die zugleich leer erscheint, ist dies nicht ein Widerspruch in sich? Die „ausgestreckte“ Hand, die nichts enthält, also von Angesicht zu Angesicht im aufeinander Zugehen leer erscheint … ? Auf was werde ich da gleichsam hingestossen, wenn ich im Hinschauen auf die leere Hand, im Ergründen der Leere, die mich anweht, wenn ich die leere Hand erlebend in mein Betrachten aufnehme, sie also nicht zurückweise weil sie leer ist oder gar an ihr vorübergehe? Sie, die leere Hand mithin als Tatsache ernst nehme und … in ihrem besonderen Ausdruck zu verstehen trachte?

Die leere Hand als untergründige Willens- und Herzgebärde: Die leere Hand als vorurteilsfreie, mithin von berechnend hintergründigen Interessen freibleibende ausgestreckte Hand. … Die Willenshaltung zum Ausdruck bringend, welche weit über das landläufig offenherzige aufeinander Zugehen und Händeschütteln hinausgeht. Eine Willensgeste nicht nur vordergründig diplomatischer Offenheit, sondern die Geste, die gepaart mit dem in die Weite und Tiefe reichenden umfassend menschlichen Interesse … und der „allseitig“ schöpferischer Lösungs- wie Tatbereitschaft einhergeht. 

Die Willensgeste, die zumindest den Menschen in Europa von heute an tagtäglich zunehmend unmissverständlicher eine innerlich selbstverantwortete oder von aussen her angeordnete Haltungsumkehr auf Neulande hin abverlangen wird. Denn anders werden wir die Ansage einer „Zeitenwende,“ die sich untergründig schon mindestens einhundert Jahre anzeigte und die seit wenigen Tagen in der Ukrainekrise nunmehr offen zu Tage tritt weder als einzelne Individuen noch im staatlichen Gemeinwesen Verbund bewältigen können.

Intermezzo. Ich greife auf ein eigenes biographisches Erleben zurück. !985 begegnete ich in einem längeren Gespräch der Witwe des Malers Gerhard Reisch. Sie schlug im Anschluss daran eine Mappe mit verschiedenen Entwürfen ihres Mannes auf, blätterte ein wenig darin und reichte mir daraus als Geschenk einen kleinen unscheinbaren Linoldruck. Dieses Bild brachte in seiner Schlichtheit eine stille Kraft und Entschlossenheit zum Ausdruck, die mich über die Jahre, ohne dass ich das Bild jeweils erneut direkt betrachten musste, auf meinem Lebensweg begleitete. Es prägte von innen her mein weiteres Dasein. Abgebildet war der Erzengel Michael, gestützt auf sein Schwert stehend an der Seite eines felsigen Hügels. Blickend auf ein weites Feld kriegerischer Zerstörungen.

Heute stehen wir in Europa und weltweit nun von einem Tag auf den anderen vor ungeheuerlichen kriegerischen Zerstörungen angesichts einer völkerrechtswidrigen Invasion in die Ukraine durch Vladimir Putin. Was bedeutet das über die umfänglich in Gang gesetzten Hilfsinitiativen für die Ukraine hinaus für unser aller Selbst- und Menschenverständnis? Sind wir bereit uns auch nur ein wenig über den Horizont unseres weltweit Vernetzt-Seins im Internet hinaus zu bewegen? Können wir sehen, dass über viele Facebook Scheinfreundschaften hinweg unser aller Seelenleben einen Einfluss auf das Weltgeschehen hat, dass wir also nicht nur in einem von vielen Zwängen geleiteten Sozialgefüge leben, sondern in einem allseitig gestaltbaren geistig seelischen sozialen Kräfteorganismus? 

Wenn wir das tiefer anfangen zu sehen, dann ergibt sich daraus in der Konsequenz eine viel grössere Verantwortung nicht nur für das politische Establishment, sondern für uns alle. Folgt dem gegenwärtigen Umdenken in der Politik über die anfängliche Hilfsbereitschaft für die Flüchtlinge aus der Ukraine hinaus ein weiter reichender Haltungswandel unter den Bürgern? Wollen wir also zulassen dass am Ende wieder die vergänglichen Informationsfluten, die sich über unsere Fernsehschirme in unterschiedlicher Weise manipulativ entfesselt verbreitet haben eimal mehr uns "einfach so" überrollten? … Oder ist die Wirklichkeit der Zeitenwende, unser aller Entscheidung. Wer bin ich und was will ich von daher nachhaltig beitragen zu Frieden und Menschsein? „Zeitenwende“ wirksam ernstgenommen ist in meinen Augen jedenfalls kein Spaziergang.

An dieser Stelle tritt mir das Bild Johannes des Täufers bei der Jordan Taufe innerlich vor Augen. Nicht aber als ein Bild mit historisch religiösem Hintergrund, sondern vielmehr als ein gegenwärtiges Ereignen, in dem wir alle gleichsam durch ein Bad der Reinigung von vielen Illusionen schreiten. Die kommende Zeit wird uns innerhalb dieses Prozesses aus meiner Sicht noch einiges mehr als uns lieb sein wird abverlangen. Metanoia auf allen Ebenen. Das heisst in Konsequenz erkenne dich selbst im Prozess eigener Willenserweckung. 

Damit komme ich zurück auf die innere Haltung der leeren Hand. Sie ist im Grunde der Ausdruck des sich ins Nirgendwo stellen. Ist von dort her die Herausforderung selbstverantwortete Wegfindung anzunehmen. Ist mit der Angst das Fürchten zu lernen, weil alle Ego Anhaftungen und somit Sicherheiten, sprich Haltestangen hier fallen. Ist Ich-Geburt durch zu gestaltenden ethischen Individualismus im eigenen Willen. Ins Nirgendwo … stellen: Im Sinne des Sokrates heisst das mich denkend hindurch bewegen durch den Frageraum des  „ich weiss dass ich nicht weiss,“ mich schmerzhaft auseinanderzusetzen mit all seinen Aspekten, Angst und Bodenlosigkeit, Furcht und Dunkelheit, um am Ende die Halt gebende Leine durch das Ego preiszugeben und die Erfahrung einer wachsenden Gestaltungskraft im dynamischen Fortgang auf neue Bewusstseinsstrukturen hin annehmen zu lernen. 

Die Ukraine Flüchtlinge werden durch Bomben, die ihre Häuser zerstören ins Nirgendwo geschleudert, von einem Augenblick auf den anderen gefordert in tausend folgenden Augenblicken am Rande des Nichts neue unbekannte Wege zu finden; der aktiv Selbsterkenntnis Suchende lernt auf seinem Weg Dualität nicht länger gegen seine Weggenossen einzusetzen, bzw. auf sein gesellschaftliches Umfeld zu projizieren. Er lernt aus seinen Erfahrungen vielmehr die Spannungen von Sympathie und Antipathie, das unvermittelt herauf drängende Chaos der eigenen seelischen Unterwelt immer mehr allein in sich aufzulösen anstatt in endlosen Streithaltungen weiterzuschleppen. Die Geschichte von einem der auszog das Fürchten zu lernen ist die Geschichte der von innen her leeren Hand, die Geschichte vom leeren Willen angesichts des  N - ich - ts, also der Auflösung meiner Fragen des „weiss ich dass ich nicht weiss.“ Die Geschichte von einem der auszog das Fürchten zu lernen ist die Geschichte von einem jeden von uns in seiner individuellen Einzigartigkeit auf diesem Weg hineinzufinden in das Ich-Erwachen und darin mehr und mehr einzugehen in die zeitgemässe Erfahrung lebendiger Geistesfülle.

© Bernhard Albrecht Hartmann, 13.03.2022

 

Donnerstag, 3. Februar 2022

Im Gedenken an Wilfrid Jaensch ✲

Der Ordo Blog schreibt sich selbst durch eure Mitarbeit. Diese stark verdichteten Worte zur Einführung in den Ordo Blog werfen auch ein Licht auf den Willensweg von Wilfrid Jaensch. Ich kann nicht verhehlen, dass mich diese Worte in diesen Tagen unmittelbar stark berührt haben. So will will ich also dieser leisen Aufforderung folgend das Wort zu dem Thema: „Dass die Zukunft eine Kunst ist“ ergreifen, das Wilfrid Jaensch 1996 für die Zeitschrift Gegenwart bearbeitete und dessen Text seine Frau Mirija Jaensch im Angedenken an diesen echten Querdenker zu seinem 6. Todestag am 17.6.2021 ein weiteres Mal auf Ordo veröffentlichte. (1) Nicht ohne anzumerken, dass ich Wilfrid Jaensch persönlich in diesem Leben nie begegnet bin, dass ich seine Lebenswege aber peripher seit den frühen siebziger Jahren mit verfolgt habe, wie auch er meinen Blog https://ich-quelle.blogspot.com immer wieder einmal eingesehen hat. Ein wechselseitiges sich Berühren also "über die Zeit" hinweg auf unterschiedlich individuellen Willenswegen.

Zukunft ist kein irgendwie Erwarten besserer Tage als sie sich heute zeigen, kein Zudecken oder gar Auflösen von  Ängsten, umgebogen in eine Hoffnung von Morgen und ganz und gar nicht die Erfüllung der Erwartung mit Covid verlorene Freiheiten so einfach wieder zurück erhalten zu können. Freiheit will eigentätig erworben sein. Ganz in dem Sinne wie es Wilfrid Jaensch einst ausdrückte: Geisteswissenschaft müsse Geisteswillenschaft (2) werden.

Zukunft kann aus dem Heute sich demnach nur gebären - das ist die hintergründige Signatur der gegenwärtigen Pandemie, welche die gesellschaftliche Innwelt-Krise immer unverhohlener zu Tage treten lässt - wenn der Wille im Denken der Vergessenheit entrissen im seelischen Beobachten wieder gefunden werden kann. Rudolf Steiner hat in seiner Philosophie der Freiheit über Emanuel Kant hinaus weisend dazu Wegleitendes gesagt. Er hat gewissermassen das Prozesshafte in der Gedankenbildung des Denkens über eine jede dinghafte Bindung des Gedankens hinaus wieder frei gelegt. Nichts desto trotz wird in den Augen nicht Weniger die Möglichkeit innerhalb dieser Prozessabläufe des Denkens zu einer inneren Anschauung desselben gelangen zu können immer wieder heftig bestritten.

Dass dies so ist hängt in meinen Augen mit der grundsätzlich permanent innerlich neu zu dynamisierenden Fragestellung zusammen: Weis ich, dass ich nicht weis (Sokrates) oder weis ich, dass ich weis zusammen,  was heisst ganz bei mir bleibend zu unterscheiden, was weis ich wirklich und was weis ich nicht wirklich? Bin ich von daher also jeweils aktuell offen in die „forschende“ eigene innere Seelische Beobachtung einzutreten oder wo drücke ich mich um Tatsachen herum, die ich nicht wirklich vor mein aufmerksames Auge stelle? Bin ich bereit über das heute übliche abstrakt formale Reflektieren hinaus zu schreiten und damit erfahrend durch das Nichts zu gehen, um daselbst wiederum schrittweise in Kontakt zu treten mit dem Willen? Dem Willen als konkrete innere Erfahrung?

Eben „diese“ konkret innere Erfahrung des Willens hat Kant seinerzeit erkenntnismässig nicht schlüssig belegen können und deshalb zum Schlussstein seiner Analytischen Philosophie das sogenannte Ding an sich bestimmt. Eine formal abstrakte Annahme, ein nicht wahrnehmbares Substitut und von daher ein Widerspruch in sich? Eingeschworenen Kant Referenten wird das nicht gefallen. Doch wer kann schon sagen, dass Kant von sich selbst aus nicht weiter gedacht werden wollte? Hat er mit dem Ding an sich, dies - wer immer dies eigentätig prüfend zu erforschen sich auf den Weg machen will - es also über eine längere Zeit meditierend mit sich tragend möglicherweise ein ganz persönliches Fragezeichen für weitere Forschungen zum Denken hinterlassen? Ist Kant mit dem Ding an sich vor seiner ganz persönlichen inneren Nichts-Erfahrung gestanden und hat dieses Tor verschlossen mit dem leisen Wink von dorther innerlich mutig fragend weiter zu schreiten?

All dies sind Fragen mit denen der echte Zeitgenosse um der Zukunft Willen sich nur selber auffordern kann ernsthaft auseinander zu setzen. Also individuelle Geisteswillenschaft tätig zu begründen indem er gewissermassen durch das abstrakte Reflektieren wie hindurch schreitend das Sagen eines jeglichen Du immer deutlicher als eine Briefbotschaft in erster Linie allein an sich selbst begreifen lernt, die es vorrangig auf die Entwicklung eigener Geisteswillenschaft zu entschlüsseln gilt. Denn: Das Denken wie es von anderen Menschen an mich herangetragen wird ist, aus der tatsächlich eigenen inneren Erfahrung erfasst der Spiegel dafür wie von meinem jeweils aktuellen seelischen Zustand her die konkreten Entwicklungsaufgaben für meine Geisteswillenschaft aktiv ergriffen werden können. Was in meinen Augen heisst, nur die vorausgehende, bzw. im Dialog zwischengeschaltete  fragende Besinnung auf mein Denken hin (3) kann die mit der Covid Pandemie nicht länger zu verdrängende gesellschaftliche Innwelt Krise ohne ins Unendliche sich ziehende neue Schäden am gesellschaftlichen Gesamtkörper bewältigen helfen.

Geisteswillenschaft ist eben nicht etwas was per Bildungsgutschein zu erwerben ist. Sie kann allein durch selbst erkennende Denkerfahrungen und damit einher gehende Denkentscheidungen selbstverantwortlich Wirklichkeit werden. Wenn aber durch mich etwas wirklich wird, dann ist Zukunft. Erinnern wir uns also des verloren gegangenen Willens in unserem Denken … und entwickeln daraus Geisteswillenschaft als neue Lebenskunst.

© Bernhard Albrecht Hartmann 03.02.2022

✲  Kommentar auf das Gedicht von Wilfrid Jaensch zum 01.05.2015 

    https://enzyklika.blogspot.com/2015/06/neulich-schrieb-wilfrid-jaensch-sein.html

                            Zu allen Zeiten war es so,

                            dass Toren Tore öffneten,

                            die,

                            weil vom Grunde her

                            an der Zeit

                            sie zu durchschreiten,

                            oft nur den Stinkefinger

                            als Antwort mit sich nahmen.


                            Zu allen Zeiten war es so,

                            dass, wer in die Tiefe griff

                            und

                            vom Grund des Nichts

                            so manche Perle

                            denkend, wie erlebend

                            an die Oberfläche hob

                            als Tor belächelt wurde.


                            Zu allen Zeiten war es so,

                            dass unter einer Linde

                            nach langen Jahren

                            Menschen die Hand sich reichten,

                            um den Mut des Ahnen zu besingen,

                            der einst im Ich vorangeschritten.

    

                            © Bernhard Albrecht Hartmann, 20.06.2015 - eine Resonanz

                    

(1)   http://enzyklika.blogspot.com/2021/06/dass-die-zukunft-eine-kunst-ist.html       

(3)   https://ich-quelle.blogspot.com 

       siehe hier durch die Jahre verschiedene Essays und Dialoge zu unterschiedlichen 

       Gesichtspunkten des Denkens


Dienstag, 25. Januar 2022

Mit den Augen des Falken ... (3)

Das Denken ist in der Erfahrung wirklich sehr schwer zu fassen, das habe ich gesagt. Der eine oder andere Leser wird mir aus seiner Sicht hier vorhalten, ich hätte bisher ausser einigen eher allgemeinen Hinweisen nicht gerade viel unternommen, was hilfreich sei um sich ihm annähern zu können. Das ist richtig, denn das Denken ist mit allen logischen Gesetzmässigkeiten, die seine inneres Gefüge modulieren etwas so individuelles, dass auch nur ein jeder auf seine ureigene Weise sich ihm nähern kann. Der Kommentar spricht davon, dass der Falkner sich in der Dunkelheit wie unsichtbar machen müsse, um das Vertrauen des Falken gewinnen zu können. 

Für das Denken stellt sich im Laufe der auf es ausgerichteten Untersuchungen immer deutlicher heraus, dass nur wer sich wie ein Jäger auf die Pirsch legt und gleichsam auf dem Hochstand innerer Beobachtungen in die gesteigerte Stille eines von innen her Beobachten sich begibt, der kann sich der Dimension annähern, die im eigentlichen Sinne dann nach und nach als die des Denken zu identifizieren sein wird. Der kann von seiner Seite auf ein Erfahren blicken, das als begründet angesehen werden kann und darf. 

Das Denken als eine  Dimension? Das Denken als ein eigenständiges inneres Kraftfeld - über die unterschiedlichen seelischen Erlebnisfelder mit ihren jeweiligen Erlebnismöglichkeiten hinausreichend - geht das nicht erheblich über das gängige Verständnis innerhalb der allermeisten sozialen Kommunikationsnetzwerke hinaus? Leben wir also im Sinne des sogenannten Gemischten Königs in Goethes „Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie“ in der gegenwärtigen Zeit in einer Art vielschichtig ineinander versetztem Panoptikum unserer seelisch-geistigen Welt- und Erfahrungsbezüge, weil wir im Denken den Zugriff auf unseren Willen verloren haben?

Den Willen. Jetzt wird es schwierig und ich weis, dass ich ihnen hier einiges zumute. Zumute in der Art, dass ich es wage sie heranzuführen, wenn sie denn innerlich mitgehen wollen an das Erfahren der eigenen inneren Nacht oder Dunkelheit.

Dunkelheit. Leeres Bewusstsein. Vorstellungsfreies Gewahren im Tasten in die eigene innere Stille hinein, die, seien wir ehrlich uns erschreckt, uns erschreckt wenn wir uns erstmals aktiv an diese innere Dimension herantasten, die uns erschreckt weil wir mit diesem Ansinnen so etwas wie den Boden unter unseren Füssen zu verlieren scheinen. Ja es kann sich auch zeigen wie ein momenthaftes Zusammenzucken, ein Riss durch unser Innerstes, ein schreckhafter Augenblick der Orientierungslosigkeit und in der Folge gleichsam so etwas wie ein inneres Um-Sich-Schlagen in dem Bemühen erneuter Landnahme. 

Die Welt die sich da gleichsam vor meinem inneren Auge auftut ist eine Welt, die uns herausfordert im Durchgang durch die Furcht furchtlos zu werden, das dynamische Stehvermögen - ähnlich dem Surfen auf Brandungswellen am Meer - in der Welt des Willens sich anzueignen. In der Welt, die dem eigentlichen Denken zu Grunde liegt übend beherrschen zu lernen. Doch ist das nicht eine sehr kühne Behauptung das Denken habe etwas mit dem Willen zu tun, mit der innerlich geführten Beherrschung des Willens. Der Ruf dies zu beweisen scheint also naheliegend zu sein. Doch dies hiesse das Pferd von hinten aufzuzäumen. Denn nicht ob ich das beweisen kann ist die eigentliche Frage, sondern ob sie die Leser bereit sind sich ohne wenn und aber der Frage zu stellen, weiss ich was Denken ist oder weiss ich, dass ich nicht weiss, was Denken ist und von daher dann aus einer eigenen Entscheidung heraus den Weg der Selbsterkundung zu beschreiten. Und dies ist ein Weg, das muss hier mit aller Deutlichkeit bekundet werden, der sehr viel tiefer reicht als jener der folgerichtigen logischen Selbstreflexion.

Was ist Denken und was hat es mit dem Falken zu tun. Wer sich schon einmal etwas näher auf einen Falken eingelassen hat der weis, dass dessen Auge sehr mächtig auf einem zurück wirken kann. Dieses Auge blickt dich an und wenn du dich aus einer eher oberflächlichen Sinnesbegegnung heraus nicht schnell wieder abwendest, dann blicken diese Augen wie durch dich hindurch. Lehrer und Schüler in der alten Falken Schulung wussten ganz genau, dass der Falke eigentlich nicht zu zähmen ist. Sie wussten, dass es bei dem Umgang mit dem Falken allein darum ging zu lernen dem Blick des Falken zu begegnen und standzuhalten. Was heisst den eigenen Willen in den Griff zu bekommen. Der Berufung vom Knappen- in den Ritterstand ging in alten Zeiten die Falken Prüfung voraus. In dieser musste der Falken Lehrling in völliger Dunkelheit während zweier Tage und Nächte in der Nähe des Falken ausharren ohne dabei einzuschlafen. Der Falke war in seiner Art so unbestechlich, dass er innerhalb eines derartigen Ereignen nur auf die Schulter des Lehrlings überging, wenn dieser seine Willenskraft nicht einzuschlafen deutlich zeigte. Damit verbunden war in Folge das Recht den Falken im eigenen Wappen zu tragen. Ritter mit dem Falken in ihrem Wappen wiesen sich nach aussen hin dadurch aus, dass sie durch eine besondere Willensschulung gegangen waren.

Der Falke und das Denken. In welcher Beziehung stehen Denken und Wille zueinander. Das Denken ein inneres Blickorgan? Dies sind für die eigenständige innere Anschauung sicher keine ganz einfach zu klärenden Fragen. Aber es sind notwendige Fragen, wenn ich zu einem tatsächlichen Wissen, einer echten Erfahrung von dem vordringen will was Denken seiner ureigenen Konsistenz nach wirklich ist. Ich wage hier zu denken, dass wir Emanuel Kant unter einem ganz neuen Gesichtspunkt verstehen lernen könnten, wenn es uns denn gelänge mit dem Willen hinter dem sogenannte "Ding an sich" eine meditative Weile still im Dunkel zu verweilen. 

Das Ding an sich ist in meinen Augen nämlich eine stille Aufforderung zur Willensschulung im Vollzug eines zeitgemässen Eintritts in das Denken. Mir ist klar dass, indem ich diese Aussage hier mache ich mich dem Verdacht aussetze ich könnte beabsichtigen das gesamte heutige Kant Verständnis damit in Frage stellen zu wollen. Doch nichts steht mir ferner als dieses. Die Fähigkeit der abstrakten Gedankenführung wie sie durch Kant auf ihren unbestreitbaren Höhepunkt gebracht wurde ist die unabdingbare Voraussetzung dafür, dass die Frage nach dem Willen im Denken nach und nach wieder in einem grösseren Umfang virulent werden kann. 

Rudolf Steiner hat zu seinen Lebzeiten mit seiner Philosophie der Freiheit eine Antwort gegeben wie der Wille im Denken erneut geweckt werden könne. Er ist damit über das Erschauern Emanuel Kants hinausgeschritten, das diesen erfasste - erfahrbar für Menschen die willens sind auf dieses verborgene biographische Momentum "meditativ" hinzuschauen - als dieser durch das Ding an sich wie von einem Berggipfel aus in einem Panoramaüberblick auf sein philosophisches Lebenswerk zurückblickte.

Und erschrak ob der Grösse der Aufgabe, die für ihn auf weiteren Wegen noch zu bewältigen gewesen wären. Dass Kant die Idee einer ersten Philosophie, wie er es ausdrückte letztlich nicht zu verwirklichen wusste, das hängt mit diesem seinem verborgenen Erschrecken und der Art seines ganz persönlichen Umgangs damit zusammen. Doch ich will und kann hier nicht mehr über die Hintergründe sagen. Somit steht bis heute diese nicht realisierte Idee von Kant vor unser aller Augen als eine Aufgabe die es zu ergreifen gilt.

© Bernhard Albrecht Hartmann, 25.01.2022



Donnerstag, 20. Januar 2022

Mit den Augen des Falken ... (2)

Der nachfolgend mir per Mail übersandte Kommentar zu meinen Blogeintrag: Mit den Augen des Falken … (1) veranlasst mich diesem Beitrag einen zweiten Teil folgen zu lassen.

„Ein Falke ist von Natur aus sehr scheu. Wenn er von einem Falkner zu einem Jagdfalken ausgebildet werden soll, wird er ganz jung zu diesem kommen. Die ersten Schritte zum Zusammenfinden von Falke und Falkner erfolgen in einem abgedunkelten Raum. Der Falkner muss versuchen, sich durch ganz langsame Bewegungen „unsichtbar“ zu machen, um Flucht und Stress beim Vogel zu verhindern. Dann wird versucht, das Vertrauen des Greifs mit Leckereien aufzubauen. Dies dauert mehrere Tage. Um ihn anschließend dazu zu bewegen auf den Lederhandschuh des Falkners überzutreten, bedarf es vieler Lockversuche mit Futterbelohnung. Hat er sich an den Übertritt auf den Handschuh gewöhnt, kann man nach draußen gehen. Hier wird der Vogel wieder mit Leckerbissen darauf trainiert, auf immer größere Distanzen auf den Handschuh des Falkners zu kommen – dabei bleibt er aber zunächst mit einer feinen Schnur angebunden. Ist das Vertrauen groß genug, kann eines Tages die Schnur entfernt werden – der Falke kehrt gemäß Futterbelohnung immer auf den Handschuh des Falkners zurück. Ist diese Verbindung gelungen, kann im nächsten Schritt der natürliche Jagdinstinkt des Falken eingesetzt werden. Er lernt, dass er im Verbund mit dem Falkner erfolgreicher jagen kann, da dieser die passende Beute aufzuschrecken vermag. Um dem Falken seine Beute abzunehmen, muss der Falkner ihm als Ersatz wieder eine Futterbelohnung anbieten – teilweise wird er für eine langfristige Motivation auch gestatten, seine Beute selbst zu fressen. 

Es ist deutlich, wie schwer es unter normalen Umständen ist, das Vertrauen eines Falken zu gewinnen. Auch langfristige Beziehungen halten nicht für immer, manchmal verschwindet auch ein gut ausgebildeter Vogel noch von seinem Falkner. Niemals kommt ein Falke freiwillig, immer muss der Falkner den Vogel mit Futterbelohnung anziehen und sein Vertrauen gewinnen. 

Ich wähle absichtlich ein „technische“ Darstellung der äußeren Vorgänge bei der Ausbildung eines Falken, als größtmöglichen Kontrast zu Ihrer Darstellung. Damit soll – und das wird es vielleicht auch - deutlich werden, wie besonders der Vorgang ist, wenn der Falke von sich aus den Platz auf der Schulter der Touristin einnimmt. Dies spricht für ein erhebliches unsichtbares Band zwischen beiden – eine enorme seelisch-geistige Resonanz. Tiere bewegen sich ganz allgemein immer nur aufgrund eines Gefühls, das auf Sinneswahrnehmung beruht (z.B. Futter, Schrecken) oder aufgrund eines seelisch-geistigen Bandes. Das seelisch-geistige Band muss die Intensität einer Sinneswahrnehmung aufweisen. Mir sind keine weiteren Fälle bekannt, bei denen ein Falke sich auf die Schulter eines/r völlig Fremden gesetzt hätte.“

Ich bin sehr dankbar für diese sehr kontrastreiche Kommentierung meines Beitrages, weil mir gerade diese Herangehensweise ermöglicht einige tiefere Aspekte des Verhaltens des Falken mit den seelisch-geistigen Verhaltensweisen des Menschen, insbesondere daselbst des Umgangs mit dem Denken in einer Art erster Zusammenschau korrespondierend einander anzunähern. Wie das? Der Falke und das Denken?

Schauen wir uns die Ausführungen dieses Kommentars etwas genauer an. „Die ersten Schritte zum Zusammenfinden von Falke und Falkner erfolgen in einem abgedunkelten Raum. Der Falkner muss versuchen, sich durch ganz langsame Bewegungen „unsichtbar“ zu machen, um Flucht und Stress beim Vogel zu verhindern.“ Was bedeutet das für das entsprechende Erfassen des Denken? Unterziehe ich dieses einer näheren Untersuchung innerhalb meines seelischen Beobachten so muss ich immer deutlicher erfahren, dass dies gar nicht so leicht ist wie es auf ein Erstes hin scheinbar zu sein erscheint. Von Mal zu Mal wird in meinem Bemühen nämlich sichtbar, dass das Denken so nebenbei nicht zu erfahren, dass heisst in einem Verhältnis Auge in Auge im Innenverhältnis meines seelischen Erfahren zur Anschauung zu bringen ist. Gerade weil Denken von einer mittelmässigen Bildung an aufwärts für allgemein verfügbar gehalten wird weist die genauere Untersuchung schrittweise immer grössere Probleme für das tatsächliche Erfahren desselben aus. Um es bildhaft auszudrücken, das Denken scheint innerhalb der seelischen Erfahrungswelt des Menschen so etwas wie ein Fluchtvogel zu sein.

Ein Fluchtvogel? Die intellektuelle Grundfähigkeit denken zu können, welche heute gleichsam wie selbstverständlich als unverbrüchliches Bildungsgut angesehen wird, von daher also auf der Habenseite geistesgeschichtlicher Entwicklung zu verorten ist sei etwas so Flüchtiges, dass es möglicherweise nicht so ohne Weiteres als allgemein gültiges Bildungsgut verstanden werden könne und dürfe. Hm, ist die Annahme einer derartigen Einlassung nicht mehr als starker Tobak auf die Mühlen gängigen Philosophie Verständnisses? Ist in dieser Richtung zu denken von allem Anfang her also absurd. Der Philosoph Thomas Nagel(1) äussert sich jedoch gerade gegenüber einer sich zeigenden Absurdität im Umgang mit dem Denken nüchtern so: "Philosophie (und Wissenschaft?) darf keinesfalls zu ermässigten Ansprüchen ihre Zuflucht nehmen." Sie fusst auf der steten Weiterentwicklung "ihrer eigenen unterentwickelten Fähigkeiten" und was not tut, so ich in der unweigerlichen Kollision einander widerstreitender Perspektiven auf das "Absurde" stosse, "ist der Wille, es mit ihm aufzunehmen.“(1)

Schauen wir uns also diese Absurdität an. Was im Zusammenhang mit dem Hinschauen auf das Denken zunächst auffällt ist, dass mehr oder weniger geordnete Gedankengänge sich in unserem sogenannten Bewusstseinsraum beständig ineinander und umeinander herum bewegen. Gedanken sind gleichsam unsere unablässigen Begleiter durch und über den Tag hinweg. Doch denken wir deshalb schon, wenn wir derartige Vorgänge in uns konstatieren? Oder gilt hier eher die Aussage: „Denke nie gedacht zu haben, denn das Denken der Gedanken ist gedankenloses Denken. Wenn Du denkst Du denkst, denkst Du nur Du denkst?“(2) Wenn dem aber so sein sollte, dass Gedanken haben bedeutet, dass ich innerhalb eines derartigen Verhaltens möglicherweise nicht wirklich denke, was hiesse dann „wirklich“ zu denken? Gehe ich diesbezüglich zunächst einmal von der Bedeutung des Wortes wirklich aus, dann werde ich auf ein Wirken, ein zu Erwirkendes, ein Verwirklichen verwiesen. Im eigentlichen Sinne also auf eine Tätigkeit aufmerksam gemacht, die (ich ?) im Denken zu vollziehen hätte. Dies berücksichtigend würde dann unabdingbar zur Folge haben, dass ich nur insoweit von Denken sprechen kann, wie ich mir ein zumindest anfängliches Bewusstsein von den Bewegungen erarbeitete, die innerhalb des Denken vonstatten gehen, sobald ich hier selbststeuernd unterwegs bin.

Selbststeuernd: Ein grosses Wort und (Hand aufs Herz) ein noch grösseres Vorhaben, das seiner Verwirklichung nach wie vor harrt. Eine Verwirklichung angesichts deren ungeheuerlich ambitionierter Herausforderung sogar ein so grosser der philosophischen Geistesgeschichte wie Emanuel Kant innerlich wie erschauert zu sein scheint, wenn er einerseits sagt, dass seine Philosophie die eigentlich erste(3) unter allen voraus gehenden philosophischen Bemühungen sei - womit ihm recht zu geben ist - auf der anderen Seite er hinter seiner eigenen Aussage wie zurückzuschrecken sich darstellt, wenn ich die Aussagen von ihm bezüglich des sogenannten Ding an sich meditativ bis auf ihren Grund hin zu untersuchen mich anschicke. Denn, lauschen sie liebe Leser einmal letzterer Aussage wirklich nachhaltig nach, liegt darin nicht unser aller schlafender Wille, den es allseitig seither zu entfalten gilt wie in einem Embryo Zustand zurückgehalten geborgen?

Der Falke ein Fluchttier. Das Denken so etwas wie ein Fluchtvogel, der sich beständig dem Zugriff entzieht. Das Denken und der Wille es hervorzubringen. Der Wille und das Problem des Zugriffs auf ihn in der Erfahrung. Ist intuitives Erfahren in einem transparent zu beschreibenden eigenen Vorgehen für das Erfahren anderer Menschen nachvollziehbar zu machen? Was könnte der Ausgangspunkt für ein derartiges Vorhaben sein? Ein Unterfangen, das auf je eigenen inneren Wegen das Fürchten zu lernen mit wachsendem inneren Mut dazu führt im Angesicht individueller Geschehnisse furchtlos zu werden. Der Dreh- und Angelpunkt für diesen Weg? Das tatsächliche Eingeständnis im Sinne des Sokrates, dass „ich weiss,“ dass ich nicht weis, auf das ich in meinen vorangehenden Blog Essays  unter verschiedenen Aspekten immer wieder einmal hingewiesen habe. Wenn sie also das Wagnis eingehen wollen eine tatsächliche Erfahrung machen zu wollen was es heisst ich weiss, dass ich nicht weiss, dann lassen sie sich vielleicht auf folgende praktische Übung ein. Gehen sie über eine längere Zeit eine Treppe regelmässig bedachtsam Schritt für Schritt nach oben und darauf achtsam auf jede einzelne Phase ihres Tuns achtend wieder langsam nach unten. Wenn sie das wirklich tun, dann werden sie zu einem ihnen gemässen Zeitpunkt von dem Schauer der Bodenlosigkeit berührt werden. Sie werden in diesem Augenblick die Erfahrung machen, dass sie bis dahin noch nie eine Treppe „wirklich“ hinauf und hinunter gegangen sind. Dass sie dies vielmehr taten gehalten von einer Vielfalt unterschiedlicher Vorstellungsleitplanken. Benützen sie deshalb zu ihrer eigenen Sicherheit ein Treppengeländer, um im Erfahren des Schauers von Bodenlosigkeit sich in dieser dennoch halten und dynamisch weiter bewegen zu können. 

Was vermittelt das tatsächliche Erfahren der Bodenlosigkeit? Es vermittelt ihnen ihr ganz und gar einzigartiges Erleben ihrer individuellen Freiheitsfähigkeit. Und noch etwas. Es stellt sie mit dieser Erfahrung abrupt auch unmittelbar hinein in die nur ihnen zu eigen sich gebende Verantwortlichkeit ihres Lebens. Denn ohne eine wie auch immer geartete Erfahrung der Bodenlosigkeit im Laufe des eigenen Lebens ist die lebensgemässe Verankerung einer ersten Philosophie im Sinne von Kant, bzw. die zeitgemässe Fortsetzung der Geisteswissenschaft im Sinne Rudolf Steiners nicht möglich. ✲

© Bernhard Albrecht Hartmann 20.01.2022


(1) Thomas Nagel, "Der Blick von Nirgendwo," Suhrkamp TB 2012, Seite 22 - 24

      https://ich-quelle.blogspot.com/2016/07/einige-anmerkungen-zu-thomas-nagel-der.html

(2) https://www.aphorismen.de  Quelle unbekannt

(3) Siehe Eckhart Förster: Die 25 Jahre der Philosophie, die rote Reihe Band 51  

     Vittorio Klostermann Verlag Frankfurt am Main 2. Auflage 2012

✲  Fortsetzung: https://ich-quelle.blogspot.com/2022/01/mit-den-augen-des-falken-3.html