Montag, 5. Januar 2015

"Des Werdens Macht"

Liegt nicht dem Sagen eines jeden Menschen unscheinbar ein Werden verborgen mit zu Grunde? Dieses Werdende bleibt allerdings solange ungesehen, wie ich nicht verstehe von meinem Vermeinen über das von einem Du sagend Gesagte innerlich zurück zu treten, ich nicht darauf verzichte es in meine Sichtrichtung umzubiegen und stattdessen mich darum bemühe in eine Haltung der Ehrfurcht vor dem fremden Wollen hinein zu finden.
Diese innere Haltung einem Du gegenüber ist gelebte Freiheit!
Was dieses Werdende braucht ist meine Ehrfurcht, damit es sich weiter entfalten oder überhaupt erst in Gang kommen kann. Was dieses Werdende gerade hinter einem mitunter tief problematischen Sagen braucht ist der Mut und das Vertrauen, dass dieses problematisch Fragwürdige noch in eine ganz andere Richtung hin sich entwickeln oder umkehren kann, als es sich jetzt zeigen mag.
Fremdes Sagen in Achtung des darin zum Ausdruck kommenden Wollens so leben lassen, wie es sich ausdrückt, das erschliesst verborgene Ressourcen möglicher Weiterentwicklung eingeschränkter Blickwinkel. Ich kann nicht erwarten, dass sich der Blickwinkel im Sagen eines Du von sich aus so ohne weiteres verändert, ich kann aber mit meiner Ehrfurcht Fenster öffnen, die ein leises wie gleicherweise nachhaltiges Windharfen Spiel nach sich zieht und auf diesem Wege die Macht des Werdens befreiend, Blickwinkel langsam weitet.

© Bernhard Albrecht, 05.01.2015

Donnerstag, 25. Dezember 2014

Notwendiges Beginnen

Einige Anmerkungen zu dem gegenwärtig auf www.egoistenblog.blogspot.com laufenden Dialog der von Christian Clement herausgegebenen SKA  (Steiner Kritische Ausgabe).

Lieber Christian Clement

Das Leben ist ein Fluss vielfacher Geschehnisse und damit verbundener Resonanz Prozesse, denen achtsame Gegenwärtigkeit geschuldet ist, deshalb kann ich mich nur sehr bedingt zeitnah in die Dialoge um die SKA einschalten.
Wenn auch verspätet, so freue ich mich dennoch wenigstens einige wenige Gedanken zu den hier in der letzten Zeit Geäusserten einstellen zu können. Zu weiteren Dialogpunkten mich zu äussern werde ich hoffentlich noch später Gelegenheit finden.
Ein Fachphilosoph im engeren Sinne des Verständnisses ist Rudolf Steiner nicht gewesen. Dass er über ein grosses philosophisches Wissen verfügte, dass dürfte hingegen durch seine Publikationen auf diesem Felde hinreichend belegt sein. Dies führt mich zu der Frage, was zeichnet einen philosophischen Denker aus und welches Gewicht kommt in diesem Zusammenhang den offenkundigen arbeitstechnischen Mängeln zu, die in der wissenschaftlichen Diskussion um Werk und Person Rudolf Steiners immer wieder vorgebracht werden.
Wenn ich hier die Aussage von Professor Heinrich von Stein zu der Dissertation Rudolf Steiners heranziehe, dann wird darin in wenigen Worten Wesentliches zu meiner oben angeführten Frage zum Ausdruck gebracht.
"Ihre Dissertation ist nicht so, wie man sie fordert; man sieht ihr an, dass Sie sie nicht unter der Anleitung eines Professors gemacht haben; aber was sie enthält, macht möglich, dass ich sie sehr gerne annehme."
Aus meiner Sicht sind diese Worte so zu lesen:
Heinrich von Stein erkennt nicht nur die selbständige Denkart Rudolf Steiners, er stuft darüber hinaus gehend die aus dieser Denkart hervorgehenden Gedanken als so wertvoll ein, dass er trotz unabweisbarer Mängel der Arbeit, was ihren technischen Unterbau betrifft, bereit ist diese Arbeit anzunehmen. Er hätte sie ja mit der Bemerkung zurückweisen können: Kommen Sie wieder, wenn sie zu ihren bemerkenswerten Gedanken auch noch den wissenschaftlichen Apparat erarbeitet haben. Die eigenständigen Gedankengänge Rudolf Steiners in den Vordergrund schiebend ist er vielmehr bereit sich über die offenkundigen Mängel hinweg zu setzen und die Arbeit nicht nur entgegen zu nehmen, sondern "sehr gerne" anzunehmen.
Ich leite daraus für den wissenschaftlichen Apparat dieser Arbeit die Note ausreichend bis mangelhaft, für die Gedankenführung die Note gut bis sehr gut ab. Aber was mir beinahe noch wichtiger erscheint, das in diesen wenigen Worten zum Ausdruck kommt, das ist der Respekt Heinrich von Steins, den er mit seinen Worten Rudolf Steiner zuspricht.
Warum hebe ich an dieser Stelle den Respekt so hervor, weil ich denke, dass dies, selbst auf die Gefahr hin, dass ich mich mit dieser Aussage schwer in die Nesseln setze, da ich sie nicht zu begründen gedenke, sondern die Verifizierung einer vertieften eigenen forschenden Arbeit unter Einbeziehung der Methode der seelischen Beobachtung überlassen möchte, dass Respekt zu leben ein tiefer Wesenszug Rudolf Steiners war.
Diesen Faden noch ein wenig weiter spinnend will ich fragen, haben zumindest gewisse Kreise unter den Anthroposophen in Tateinheit schon ein respektvolles Verhältnis zu Rudolf Steiner entwickelt? In meinen Augen bedeutet es nämlich einen Menschen auf den Thron der Unerreichbarkeit zu setzen diesen "Mensch" nicht zu respektieren. Respekt hat etwas mit Augenhöhe zu tun, auch mit innerer Freiheit. Schwärmerische Verehrung oder schleichende Kanonisierung seines Wissensstandes als unumstösslichen Massstab eigenen Denkens halte ich diesem Menschen gegenüber nicht für respektvoll  und betrachte ich auch nicht als zeitgemäss.
Gleicherweise erhebt sich für mich die Frage nach der Seite der Kritiker Rudolf Steiners hin, die über Rudolf Steiner zu einem Urteil kommen - unter Umgehung von dessen zentralen wissenschaftlichem Ansatz, der Anwendung der Methode der seelischen Beobachtung. Pointiert gefragt: In welcher Zeit leben diese Kritiker? Sind sie nicht auf eine andere Weise "ihrem Wissenschaftssystem gläubig verbunden," wie gewisse Anthroposophen "ihrer Vorstellung von Hellsichtigkeit." Ist diese Vorstellung im Durchgang durch die seelische Beobachtung kompatibel mit der Aussage Rudolf Steiners, dass es für die Zukunft darauf ankomme im Denken sichtig zu werden?
Wie steht es daher um einen von beiden Seiten in grössere Tiefen vordringen wollenden Wissenschaftsgeist?
Rudolf Steiner lebte in einem tiefen Respekt gegenüber den philosophischen Denkern, mit denen er sich auseinandersetzte, nicht zuletzt auch gegenüber der Denkweise z.B eines Immanuel Kant, wo ihm im Zuge seiner Umgangsweise mit diesem von seinen Kritikern vorgehalten wurde, er habe ihn nicht verstanden. Nehme ich derartige Vorhaltungen im Ansatz ernst, so ergibt sich notwendigerweise, was bedeutet dann im Sinne der Intentionen Rudolf Steiners verstehen? War seine Absicht Kant und andere Denker eins zu eins in seinem Denken abzubilden oder suchte er den Metamorphose Ansatz im Denken eines Immanuel Kants ausfindig zu machen? Und wenn dem so sein sollte, ergeben sich aus dieser Sichtweise dann nicht mindestens zwei Weisen verstehenden Umgangs mit Kant? Die systematisch analytische Herangehensweise und die einer durch Metamorphosen hindurch sich wandelnden intuitiven Herangensweise!
Der analytisch vorgehende Wissenschaftler wird keine Mühe haben Rudolf Steiner Mängel im Umgang mit Gedankengängen Immanuel Kants nachzuweisen, während der eher intuitive Denker im Blick auf Kant scheinbare Gedankensprünge,  ein Ausser-acht-lassen von diesem und jenem als ein besonderes Vermögen im Denken Rudolf Steiners zu würdigen weiss Wesentliches in den Gedankengängen eines Denkers wie Kant zu erkennen und weiter zu denken. Beide Sichtweisen sind auf ihre Weise berechtigt. Bedenklich wird die Sache erst dann, wenn zwischen beiden Denkweisen nicht oder ungenügend unterschieden wird und Rudolf Steiner demzufolge unter Gesichtspunkten eine Bewertung seiner Sichtweise auf Kant erfährt, die ihm sachlich nicht zugeordnet werden kann, weil er ein völlig anderes Ziel im Umgang mit Kant verfolgte.
Wenn ich die inneren Bewegungen, die in der Fachphilosophie ablaufen, um in einem Bilde zu sprechen, als der Tendenz nach mit einem eher trägen Lavastrom vergleiche, dann kann es eigentlich nicht verwundern, wenn aus dieser Hintergrundbewegung im Denken, Rudolf Steiner nicht als Fachphilosoph gesehen werden kann. Aus dieser Haltung heraus ist die diesbezügliche Einschätzung unwidersprochen als stimmig anzusehen.
Zum Fachphilosophen fehlte die breit abgestützte Systematik in den Herleitungen seiner Gedankengänge zu Kant und anderen Denkern. War deshalb sein Blick auf diese Philosophen ein verkürzter? Oder war er sogar tendenziös oder schlampig in der Verarbeitung gewisser Gesichtspunkte von Spinoza, Kant und Fichte, hat er Fichte gar abgekanzelt? Ich denke nein, denn er hatte für sich eine ganz andere Herangehensweise an die Philosophie gewählt, als dazumal üblich.
Um das obige Bild fortzusetzen, war Rudolf Steiner aus meiner Sicht heraus im Sinne dieses Bildes eher ein durch die Philosophie eilender intuitiver Funken Schlag, mit einem tiefen Sinn für die Punkte, wo einzelne Denker seiner Zeit fortgedacht werden konnten und mussten. Damit berührte er natürlich von vornherein bestimmte akademisch, intellektuelle Narzissmen auf eine subjektiv unangenehme Weise und zog mit dieser seiner Art des Herangehen von Anfang an Ablehnung auf sich. Aber wer Neulande zu betreten sich anschickt, der kann auf Bedenken Träger nur bedingt Rücksicht nehmen. Die Geschichte der Entdeckungen zeigt das zu Genüge. Er musste seinen Weg gehen und konnte nicht darauf Rücksicht nehmen, ob ihm andere auf diesem Weg unmittelbar folgen konnten, sonst wäre er "gestürzt." (Nebenbemerkung: Auch Spinoza musste sich von seiner jüdischen Gemeinde durch viele Anfeindungen hindurch zuerst trennen, um seinen Weg gehen zu können.)
Rück - Sicht! Rudolf Steiner musste das Zurückschauen, die Sicht nach hinten radikal abschneiden, um im Gehen nach "Vorne" nicht zu straucheln. Das ist der Preis, den ein jeder Neulandgeher hinterlegen muss, wenn er Sichten auf Neues, wenn er die Fenster aufreissen will, um einem zu erweiternden wissenschaftlichen Forschen den Weg zu öffnen. Wie hoch der Preis für solches Handeln sein kann, das führt uns das Schicksal von Sokrates deutlich vor Augen. Seine Zeitgenossen fällten über ihn das Todesurteil, setzten ihn dem öffentlichen Geschrei aus, er verführe die Jugend durch Spekulationen, er sei ein Gotteslästerer. Sie peitschten ihn seelisch betrachtet lieber aus, als selbsttätig gedankenkünstlerisch sich dem Nichts zu stellen.
Von heute aus betrachtet hiesse das im Hinblick auf Rudolf Steiner von den eigenen Vorstellungen soweit zurück zu treten, sie zu löschen, dass damit ein existentiell innerlich zu beobachtender Erfahrungsprozess des "ich weiss, dass ich nichts weiss" (Sokrates) vor jeder möglichen Spekulation oder Quellenbelegung in Erscheinung zu treten eine Chance bekommt.
Ich für mich wenigstens vermisse im heutigen Wissenschaftsbetrieb so manches Mal den tiefer greifenden interpretatorischen Umgang mit Quellenmaterial. Die Quelle als Manipulationsinstrument, als Vernebelungskanone "gegenüber dem eigenen Bewusstsein" des Forschenden, das auch nur eine gewisse Zeit innerlich Aushalten des "ich weiss, dass ich nichts weiss," bei aller scheinbar stringent in Erscheinung tretenden Quellenlage, das Christian Clement, das scheint mir dem heutigen Wissenschaftsbetrieb mancherorts zu fehlen. Naive Quellengläubigkeit verhindert vertieftes wissenschaftliches Forschen! Könnte das nicht sein?
Um genau dies etwas mehr zu konkretisieren, war es von Dir Christian, in der Art und Weise wie es geschehen ist, nicht etwas naiv hier davon zu sprechen Rudolf Steiner habe sich mit dem Gedanken getragen einen Doktortitel sogar zu kaufen? Bei dem gegenwärtig hoch sensibilisierten gesellschaftlichen Umgang, was den Erwerb eines Doktortitels auf der Grundlage einer seriösen wissenschaftlichen Arbeitsweise betrifft? Hast Du Dir da nicht möglicherweise ein Eigentor geschossen, was die Akzeptanz Deines wissenschaftlichen Arbeitens zu Rudolf Steiner in gewissen Kreisen der Anthroposophenschaft angeht, unter Menschen, die ihr Idol durch eine solche "Arbeitsweise" beschädigt sehen? Und hast Du Dir vielleicht sogar, ohne es zu bemerken, noch ein weiteres Eigentor geschossen gegenüber Deinen textkritischen wissenschaftlichen Kollegen im weltweiten gesellschaftlichen Umfeld? Können einige dieser Kollegen auf der Grundlage dieser Deiner Bemerkungen, wenn sie ohnehin schon einen inneren Vorbehalt gegenüber Rudolf Steiner in sich tragen, nicht dahin gelangen, mit diesem "Wissenschaftler" müssen wir uns weiter nicht ernsthaft beschäftigen und auseinandersetzen? Ist es für Dich nachvollziehbar, dass in bestimmten entscheidenden Situationen unter Menschen ein Weniges genügen kann, ob ein Mensch einen Schritt vorwärts oder zurück macht?
Und auch dies will ich noch anmerken: Du kannst nach meinem Verständnis hier auf diesem Blog Dich nicht privat äussern. Du bewegst Dich im wissenschaftlichen, wie im privaten Sinne immer im gleichen Medium, nämlich in Deinem Denken. Wissenschaftliches Denken ist abstrakt formal nicht von privatem Denken zu trennen. Über alle methodischen und handwerklichen Besonderheiten des wissenschaftlichen Denkens gegenüber einem gewissermassen privatem Denken hinaus könnte sich Wissenschaftlichkeit gerade dadurch auszeichnen, dass wissenschaftliches Denken sich in jeder Lage in der eigenen Haltung klar und präzise zum Ausdruck bringt. Gegen alle etwa davon abweichenden Gewohnheiten auf diesem Felde verbinde ich wissenschaftliches Denken mit einer inneren Haltung des Respektes.
Müssen von daher gesehen Argumente, die ich im anthroposophische privaten Bereich vorbringe nicht einer erhöhten Achtsamkeit unterzogen werden, weil vor allem Denken Gefühlsverbindungen zu Rudolf Steiner verletzt werden können. Wenn also das Denken in einem solchen Zusammenhang Deinen Argumenten folgen können soll, müssen dann Deine diesbezüglichen Argumente nicht sehr viel mehr belegt sein, d.h. durch Quellenquerverweise vernetzt und durch die eigene Haltung bezeugt, wenigstens aber freilassend hinterfragt werden?
Tretminen sind durch Unachtsamkeit schnell gelegt.
Auch ironischer Sarkasmus, den Michael im Verlauf des Dialogs oben geistesgegenwärtig sogleich zurecht gerückt hat, ist, auch wenn er Dich innerlich für einen kleinen Augenblick entlastet haben mag, letztlich nicht zielführend. Unterbewusst bleibt da in so manchem Leser einiges hängen, was im weiteren Verlauf dann Deine Arbeit beeinträchtigt. Du baust Dir nicht unwesentlich das Bett für Deine Arbeit. Es sind nicht die Anderen, die Dich behindern, auch wenn es vordergründig so erscheinen mag.
Doch ich will hier noch einmal zurückgreifen und den Gedanken Faden von weiter oben weiterführen.
Rudolf Steiners Art selektiver Argumentationsführung kann aus meiner Sicht nicht wirklich verstanden werden ohne eine subtilere Kenntnis der mittelalterlichen Disputatio. Diese Rede- und Argumentationskunst, auf dem Höhepunkt der Scholastik, arbeitete stark selektiv und hatte in der Auswahl einzelner Argumentationssentenzen doch das Ganze des philosophischen Gegenspielers im Auge. Die Disputatio war kämpferisch ausgerichtet, sie war zeitgleich aber auch ein geistiges Fitnesstraining, wie auch ein Spiel reiner Freude im Umgang mit dem Wort. Auch nur annähernd Vergleichbares gibt es aus meiner Kenntnis heute nicht mehr.
Für eine derartige Mobilität im Denken zeitgemäss wieder ein Tor zu öffnen, das scheint mir eine Hintergrund-Zielperspektive Rudolf Steiners im Verlauf des Schreibens seiner Philosophie der Freiheit gewesen zu sein, - neben dem Entwickeln und Darstellen der Methode der seelischen Beobachtung.
Hat Rudolf Steiner deshalb Fichte abgekanzelt, wenn er dem Anschein nach verkürzt Aussagen von ihm zielführend in seinem Sinne verwendete? Hat er das wirklich, hat er das Christian Clement? Disputatio - dem freien Geist ein Tor öffnen?!
Ich habe ja oben schon auf die möglicherweise manipulative Kraft zweifelsohne notwendiger Quellenapparate verwiesen. Unter dem Diktat von Quellenapparaten könnte ja unter Umständen der Blick für das Wesentliche, das Rudolf Steiner in diesem Zusammenhang im Auge gehabt hat, verloren gehen. Wenn Du also Rudolf Steiner diesbezüglich kritisch befragst, muss dann nicht auch die Quelle dazu kritisch auf ihren tieferen Aussagegehalt hin befragt werden, bzw. die blitzschnell und unbewusst ablaufenden Vorstellungsüberlagerungen im "wissenschaftlich forschenden" Umgang mit dieser Quelle. Möglicherweise passt sie gar nicht zu der "Aussage Dynamik" von Rudolf Steiner an dieser Stelle.
Bin ich achtsam mit den Vorstellungen umgegangen, die ich in strenger innerer Selbstdisziplin innerhalb der wissenschaftlichen Klärungsarbeiten zu Rudolf Steiners Arbeitsweise gleichsam wie unter die Lupe genommen habe oder ist es mir entgangen, dass ich unbedachter Weise eigene Vorstellungen der Quelle vor gängig unterschoben habe, um sie im Nachgang dann als scheinbare von der Quelle belegte Tatsachenaussagen der Quelle wiederum zu entnehmen. Ist das Spekulation?
Ich denke nein, denn aus meiner Sicht fängt genau an dieser Stelle das wirklich eigenständige Denken überhaupt erst an. Die seelische Beobachtung kann innerhalb eines wissenschaftlichen Diskurses viel mehr erhellen, als aus meiner Sicht heraus bei Unternehmungen dieser Art bisher schon geschehen. Und damit komme ich zu einem vorläufig letzten Strang von Anmerkungen zu Deiner Arbeit an der SKA.
Wenn in der Zeitschrift "Nature" ein neue Entdeckung innerhalb wissenschaftlicher Forschungsarbeiten zur Quantenphysik publiziert wird, dann bemühen sich innerhalb weniger Tage zahlreiche Forschungsinstitute auf der ganzen Welt darum den publizierten Versuch nachzustellen, um ihn zu verifizieren, bzw. darzulegen, dass ihnen bei ihren eigenen Versuchen eine Verifizierung nicht gelang. Die möglicherweise unterschiedlichen Ergebnisse solcher nachgestellten Versuchsreihen münden in der Folge dann in einen wissenschaftlichen Diskurs, innerhalb dessen das Für und Wider aller Aspekte oft über Jahre hinweg anhaltend erörtert und durch neue Versuchsreihen ergänzt wird, welche die erweiternden Aspekte der vorangegangenen Diskurse in die forschende Betrachtung miteinbeziehen. Soweit so gut.
Rudolf Steiner hat mit seiner Philosophie der Freiheit die naturwissenschaftliche Methode im Vollzug auf den Umgang mit geistigen Prozessen hin beschrieben, um ganz genau zu bleiben, er hat seelische Beobachtungen nach naturwissenschaftlicher Methode vollzogen und beschrieben. Ein Tabu-Bruch vor dem Hintergrund seiner Zeit, denn er hat damit implizit das dualistische Weltbild zugleich in Frage gestellt.
Heute ist es weit verbreitet von Paradigmenwechseln da oder dort zu sprechen. Zu Rudolf Steiners Lebzeiten war es aus meiner Übersicht der damaligen Zeit undenkbar in einer derartigen Weise dieses Grundparadigma auch nur mit einem Wort in Frage zu stellen. Geist und Natur waren zwei Forschungsbereichen zugeordnet und eine  Forschungsmethode, die dezidiert der Forschung an der Natur zugewiesen war, die naturwissenschaftliche Methode auf die Beobachtung des Denkens anzuwenden, das war undenkbar. Im Wortsinn  u n d e n k b a r.
Die sogenannte akademische Wissenschaft hat sich mit der Methode Rudolf Steiners, ich sage das jetzt bewusst argumentativ auf die Spitze getrieben noch nicht wirklich auseinandergesetzt und will doch ein Urteil über ihn fällen?!
Ich will es im Nachgang zur obigen sehr spitzen Argumentation noch einmal anders formulieren. Mit dem Vorhaben Rudolf Steiners, dass es möglich sei seelisch-geistige Prozesse einer naturwissenschaftlichen Beobachtung zu unterziehen, eröffnet er ein neuartiges forschend zu ergründendes Beobachtungsfeld. Auf diesem Felde von der Beobachtung und noch mehr von der Beschreibung her naturwissenschaftlich exakt zu arbeiten ist schwierig. Um beschreibend im Bilde zu sprechen klettert der denkend Forschende gleichsam in innerlichen Denkbewegungen durch Seelenlandschaften, um auf seiner sich voran tastenden Suche die zueinander passenden Denkfäden exakt zusammenzuführen. Das wiederum kann unweigerlich in Situationen hinein führen, in denen der Denkende aus dem Gleichgewicht geraten kann. Mögliche Zusammenhänge entziehen sich wieder und wieder, weil die eigene fokussierende Denkkraft nicht stark genug ist bestimmte Denkbewegungen innerlich exakt zusammenzuführen. Im Bemühen diese Methode zur Anwendung zu bringen können innere Spannungsabfälle in der Fokussierung auf aufzubauende Denkzusammenhänge in jedem Augenblick geschehen und es dauert lange bis es gelingt hier deutlich sichtbare Fortschritte für sich zu erzielen oder anders gesagt eine innerlich nur einigermassen stabile forschende Verfassung herzustellen.
Um an Hand eines Beispiels zu sprechen: Viele, die am Computer arbeiten, beschäftigen sich dabei auch dann und wann mit Bildbearbeitung. Bei dieser Unternehmung wird in unterschiedlichen Ebenen gearbeitet. Die seelische Beobachtung ist aus meiner Erfahrung heraus eine Arbeit gleichsam in fliessenden Gewässern, mit Gegenströmungen sehr wechselhaften Tempos, ist eine Arbeit in blitzschnell sich verlagernden Tiefen Bereichen, unter Umständen weite Zeiten übergreifend und steht dabei, weil dies alles noch nicht genug ist unter dem mehr oder weniger starken Einfluss wechselnder persönlicher seelischer Wetterlagen. Forschen auf einem derartigen Terrain? Da halte ich mich doch lieber an akademisch Bewährtes, bewege mich in abstrakten Gedankenräumen, als mich einer derartigen Virulenz auszusetzen. Deckel drauf und fertig.
Und damit der Zugang zu dieser, in konkret gemeinter Anlehnung an das Höhlengleichnis von Platon, nicht erneut betreten wird, Verschleierung, Verschleierung, Verschleierung; Spekulation, Spekulation, Spekulation. Mit meinen Worten ist die seelische Beobachtung  die Leuchtlampe nach dem Ausstieg aus der Höhle hinein in Sonnenhöhen der Abstraktion für ein Zurück in die selbige, ein Hindurch durch die eigene Unterwelt, hin zur letztendlichen Erfahrung, dass "ich" nie im wirklichen Sinne gefesselt war, ich mich nur durch mein eigenes Denken selber in Fesseln gelegt habe.
Ganz persönlich gesagt, überzieht mich ein Schauer bei der immensen inneren Arbeit und Forschungsaufgabe, die da für viele Generationen von Forschern in die Zukunft hinein aufgetan ist und darauf wartet mutig angegangen zu werden. Bei all dem, was ich mir persönlich im Zuge der Anwendung der seelischen Beobachtung bis in meine Alltagspraxis, oft recht schmerzlich, erarbeitet habe, sage ich mir in diesem Augenblick, Du darfst Dich nicht kopfscheu machen lassen von zu erwartenden Todschlag-Argumenten, wenn Du Dich jetzt in diese beginnende wissenschaftliche Auseinandersetzung einklinkst. Es ist an der Zeit, dass diese Auseinandersetzung verstärkt und hoffentlich in die Tiefe hinein, auch in eine grössere sachliche Fairness aller Beteiligten untereinander eröffnet wird. Ist das naiv gedacht?
Nein es ist aus der Erkenntnis heraus gedacht, dass ich und ein jeder hier in diesem Diskurs sich auf einer sehr konkreten individuellen Entwicklungsebene, in einer  e i n z i g a r t i g e n Entwicklungsdynamik bewegen und Übertragungen oder Erwartungen aus meiner Art des sich Bewegen auf einen anderen sich hier Bewegenden nicht gemacht werden können, ja  k ö n n e n. Sie werden und ich weiss von vorne weg, diese pointierte Aussage wird mir dieser oder jener übel nehmen, möglicherweise sogar sehr übel nehmen, sie werden nicht ineinander passen. Verdächtigungen, Unterstellungen, in Mutmassungen verpackte sogenannte Aha Erlebnisse sind aus meiner Sicht kein Ausdruck eines  g e l e b t e n  freien Geisteslebens. Da haben Eruptionen und Strömungen aus der eigenen Unterwelt heraus mit die Hand am Steuer meines Denkens.
Wenn ich mich recht entsinne, dann hast Du sinngemäß im Verlauf des Dialogs um die SKA vor einiger Zeit einmal gesagt, dass Du noch keinen michaelischen Streiter siehst, der sich in der Arbeit an der SKA an Deine Seite stellen würde. Das hat mich aufhorchen lassen. Und zwar in dem Sinne: Auf einen michaelischen Mitstreiter wirst Du nach meiner Erfahrung solange warten müssen, bis Du Dich selber als ein solcher erwiesen hast. Wie ich es sehe, so hältst Du Dich noch sehr hinter vorgeschobenen abstrakten Denkweisen Deines wissenschaftlichen Verständnisses bedeckt zurück. Die zentralen Fragen zur Methode der seelischen Beobachtung sind aus meiner Sicht noch nicht gestellt. Oder sollte mir da etwas entgangen sein? Ich gebe zu, dass mich nicht nur meine beruflichen Verpflichtungen, die ich nun endlich im Januar abschließen kann, sondern darüber hinaus noch andere weit vernetzte Aufgaben daran hindern Deine Arbeit an der SKA immer zeitnah zu verfolgen.
Ob Du Dich nun in Deiner weiteren Arbeit an der SKA noch mehr aus der Deckung hervorwagen wirst oder nicht, Du wirst weder dem sogenannten wissenschaftlichen Establishment, noch den Pharisäern unter den Anthroposophen gerecht werden können. Da gibt es keine Brücken im äusseren Sinne des Wortes zu bauen. Wenn Du Dir ... und nur Dir aber wissen - schaf (fen) - t - l - "ich" treu sein kannst, dann wird diese Deine standhaft bleibende innere Haltung mehr und mehr ein Ausdruck sein können einer dynamischen Brückenbildung aus der Ich - Bewegung heraus.
Meinen Respekt für Deinen Mut die Aufgabe der SKA anzugehen hast Du und das Vertrauen auf Deine zukünftig noch zu leistende Arbeit auch, selbst wenn dabei herauskommen sollte, dass Du aus meiner Sicht in Deinem wissenschaftlichen Bemühen um einen sachlichen Blick auf Rudolf Steiner andere Wege gehen solltest oder aus Deiner Sicht sachlich belegt zu einem anderen Ergebnis, als ich es aus dieser Sachlage herausarbeiten würde. Solche Art von Unterscheidungen in einem wissenschaftlichen Diskurs tut einem gelebten freien Geistesleben nur gut.
Die Aufgabe, der Du Dich unterziehst, ist einfach zu gross, als dass sie am Ende in jeder Beziehung glatt gelöst in Erscheinung treten kann. Jeder noch so wissenschaftliche Diskurs hat seine Ecken und Kanten und das darf auch so sein, denn wir sind allesamt nur Menschen auf unserem je individuellen Weg zu wachsender Verantwortungsfähigkeit aus dem Ich heraus und damit einher gehenden fortschreitend grösseren menschlichen Reife.
Ich grüsse Dich,


PS.: ... ungewöhnlich ... dieser Gedankengang vielleicht, ... aber könnte es nicht sein, dass, weil ich im Blick auf dunkle Flecken im eigenen Bewusstseinsfeld mir selber gegenüber nicht barmherzig begegnen, ich auch gegenüber anderen Menschen, die meinen Lebensweg kreuzen in bestimmten Momenten nicht mehr Barmherzigkeit walten lassen kann? Brüche zwischen Menschen oder innerhalb von Menschengemeinschaften sind sie vielleicht letztendlich auf eine unbarmherzige Haltung mir selber gegenüber zurück zu führen? ...


Dienstag, 11. November 2014

"... Im Elemente des Ursprungs ..."

„Im Denken steht der Mensch im Elemente des Ursprungs der Welt, hinter dem etwas anderes zu suchen als sich - den Denker - selbst, für den Menschen keine Veranlassung besteht.“ Carl Ballmer

Was ist aber dann dieses Element des Ursprungs und was heisst es in der konkreten Erfahrung in diesem Elemente zu stehen, sich im Stehen in der inneren Aufrichte halten zu können? Ist das Denken wirklich das Element mit dem ich im Ursprung stehe, stehen kann? Und wenn dem so sein sollte, in welcher Weise und wann kann ich dann von einem Denken, in dem der Mensch zeitgleich im Ursprung der Welt steht, sprechen?
Stehen ist eine Kraftbewegung gegen die Schwerkraft und eingebunden in diese gegen die Müdigkeit und eigene Schläfrigkeit. Weil ich schläfrig in der seelischen Beobachtung meines Denkens bin, weil ich denke, ohne im tieferen Sinne zu wissen, mit was ich da innerlich eigentlich umgehe, wird mein Körper im Wortsinn zu einem Schwerkraft Element, der das Erfahren der Kraftbewegung im Augenblick möglicher Erfahrung des Denkens und damit des Elementes des Ursprungs sofort wieder verschleiert.
Das klingt nach hartem Tobak und demzufolge heftigem Gegenwind in möglichen Antwort- Argumentationen. Dennoch will ich mein Fragen noch mehr auf die Spitze treiben. 
Wie weit haben wir wirklich ein „echtes Erfahrungswissen“ über das Denken oder bewegen wir uns mit ihm unter dem Feigenblatt angeblicher seelischer Beobachtung mehrheitlich nach wie vor in abstrakten Räumen ohne echten Erfahrungsbezug? Vielleicht sollte ich hier sogar besser und damit gleichzeitig unumkehrbar  noch provokativer sagen, bewegen wir uns nicht in „tendenziell stark abgehobenen Sphären,“ wenn wir vermeintlich denken?
Damit mich hier niemand missversteht, ich unterstelle keinem Leser dieser Zeilen, dass er das Denken gänzlich unbewusst gebraucht. Ich räume nur auf meinem Schreibtisch auf, auf dem sich im Laufe vieler Jahre so allerlei Utensilien über ein so oder anders geartetes Verständnis des Denkens angesammelt haben und lasse für mich dabei keinerlei Tabus in der Herangehensweise auf das Denken mehr gelten.
So frage ich also weiter: Welchen Stellenwert hat der Hinweis Rudolf Steiners in seiner Philosophie der Freiheit auf die „Zurückdrängung des Leibes“ als inneres Erfahrungsfeld in Bezug auf das Denken? Ein aus meiner Sicht viel zu wenig beachteter Zusammenhang in den Auseinandersetzungen über das Denken und die Art und Weise wie dieses dabei in einer inneren „wachsamen“ Weise zur Anwendung kommt. Komme ich durch den Leib zur Erfahrung des Ursprungselementes im Denken? Muss ich etwa, um das Denken wirklich tiefer zu verstehen und anwenden zu können, lernen mit dem ganzen Körper zu denken?
Eine wenig schmeichelhafte Herausforderung für den Denker, der sich sein Leben auf dem Himalaja Plateau seines Kopfdenkens wohlfeil eingerichtet hat?! Es wird ihm grauen vor dem Absturz in die Schluchten des Nichts. Und dennoch führt aus meiner Sicht kein Weg daran vorbei, will ich das Denken und seine Ursprungsqualität auf das Leben hin verstehen, dass ich vorausgehend alle Vorstellungen über das Denken in mir zuerst „löschen“ muss.
Ist Denken in Anlehnung an Sokrates ein Tanz auf dem Felde des „ich weiss, dass ich nicht weiss?“ Ist ein Erfahrungsausblick auf das Denken, ein Erfahren der Kraftgestalt des Denkens letztlich nur über das Aufrecht Stehen Lernen im Nichts zu gewinnen?
Über Nondualität zu reden ist eines, das Wagnis einzugehen  Denken nondual auch erfahren zu wollen ein ganz anderes.
Aus meiner Sicht lässt sich das Lebenswerk Rudolf Steiners auf einen einzigen Satz hin verdichten: Lerne nondual denken!

Sonntag, 5. Oktober 2014

Pause

Ich gehe in die Ferien und danach in eine kreative Pause, in eine Pause und Neuorientierung auch nach der nunmehr definitiven Beendigung meiner Berufszeit. Mein Schreiben hier auf meinen beiden Blogs „Wege der Befreiung“ und „Ich Quelle“ wird gewiss weiter gehen, in welcher Form, das wird sich zeigen.
Mehr aktive, auch kontrovers denkende und erlebende Leser könnten meine Kreativität in dieser Richtung sicher beflügeln. In diesem Sinne würde ich mir für die Zukunft mehr Mut zum "Dialog" wünschen.
Was ich bisher in Worte zu fassen versuchte, das betrachte ich als Keime, die in den verschiedensten Richtungen weiter gedacht und vertieft werden könnten, nicht nur poetisch. Für mich war und ist die Poesie ein Mittel hoch sensiblen Bewusstseinsvorgängen eine Sprachform angedeihen zu lassen, in der das Wort nicht nur vom Kopf her, sondern gleicherweise vom Herzen her erlebt, wie gedacht werden kann.
Im Denken sehend zu werden, aus meiner Sicht eine Zeitforderung für Menschen, die durch die gegenwärtigen Weltverhältnisse sich nicht nur mehr oder weniger bewusst zwischen Resignation und hemmungsloser Jagd nach diesem oder jenem Hipe langsam aber sicher zerreiben lassen, sondern die Verantwortung ganz aus dem Kleinen der schlichten Bewusstseinsbemühungen ihrer Lebenswelt heraus „bewegen“ und dabei bemerken, dass sie sehr viel mehr bewegen können, als sie zunächst annahmen jemals zu können. Dies ist jedenfalls meine Erfahrung.
Keiner ist eine Insel. Das Ego mag einem eine gewisse Zeit vorgaukeln können, dass dies so sei und Abschottung oder filigraner besserwisserischer Hochmut Mittel der Wahl sein könnten, um in dieser Welt zu bestehen. Wenn nun aber das Ego nicht die sichere Insel, sondern nur der Hafen ist, von dem aus das Ich seine Fahrt zur kreativen Vernetzung mit anderen gleich gesinnten Menschen (nicht unbedingt gleich denkenden Menschen) aufnehmen will, was dann. Dann bleibt nur die Verantwortungsbereitschaft für meine kreativen Beiträge zum Wohle des Ganzen und das Gezerre um ein Recht Haben in diesem oder jenen Aspekt wird zur Nebensache.
Im Vordergrund steht dann das miteinander Weiterdenken, das fragende sich wechselseitige Inspirieren für Lösungen in dieser oder jener Richtung.
Die Begegnung von Ich und Ich auf dem Leuchtschiff des je potentiell evolutionäre Türen öffnen könnenden Du, die echte Begegnung mag dann einen initiatischen Prozess auslösen, in dessen Verlauf sichtbar wird, dass keiner mehr über dem anderen steht, sondern der eine alleine um der Förderung des anderen Willen seinen Weg geht. Mit Mut durch alle äusseren und inneren Wirrnisse hindurch.

Bernhard Albrecht Hartmann

Mittwoch, 25. Juni 2014

Ich

Bewegt in Bewegung. Ich ist nicht, wo diese fliessende Bewegung, dieses bewegt in Bewegung Sein nicht in sich aufgesucht werden kann.
Ich sehe den Einwand. Ich ist nicht?
Das widerspricht dem Anschein nach jeglicher philosophischen Forschung über Jahrhunderte hinweg, die sich um dieses Thema bemüht hat. Es widerspricht auch den Forschungen der Entwicklungswissenschaften, die von einem ersten grossen Schritt der Ich Vergegenwärtigung des Kindes im Alter von etwa drei Jahren ausgehen. Das Kind spricht zum ersten Mal von sich als Ich.
Und jetzt: Ich ist nicht, wenn ...
Ja wenn fliessende Bewegung in sich nicht aufgesucht, wenn eine Erfahrung dieser Art sich nicht eindeutig vergegenwärtigt werden kann. Ja, was nun? Fliessend erfahrene Bewegung in sich soll zum Ich führen und wo diese Bewegung sich nicht vergegenwärtigt werden kann, da ist kein Ich, da ist Ich nicht, noch nicht?  Ja wie nun?
Ich und Bewegung, wie hängen sie zusammen?
Und die andere zwangsläufig sich daraus ergebene Frage? In welcher Beziehung steht dazu die Erfahrung der Leere als scheinbarem Endpunkt einer Bewegung, als Erschöpfungszustand des Verstandes am Abgrund, als Sinnkrise, die heute so viele Lebensbereiche der Menschen durchzieht? Leere und Sturz ins Nichts, Depression.
Nun, ich will hier diese Fragen nicht ins Einzelne gehend ausloten, vielmehr das Augenmerk allein auf einige wenige Tatbestände lenken, die zum Ausgangspunkt von eigenen inneren Erkundungen werden können.
Wer sich auf eine so geartete Selbst Erkundung einlässt, der wird in deren Verlauf unschwer feststellen, dass nur das zu einer Erkenntnis hin reifen kann, was aus einer Eigentätigkeit hervorgeht. Mehr Wissen zu den angedeuteten Zusammenhängen führt, auch dies kann als Selbsterkenntnis aus einem derartigen Erkundungsgang hervorgehen, nur immer näher an eine zunächst schleichend auftretende Depression heran, mit der Folge früher oder später sich in panikartigen inneren Zuständen vor einen schwarzen Abgrund gestellt zu sehen.
Es ist heute eine allgemein zugängliche Erfahrung, dass sich unsere gegenwärtige Verstandestätigkeit als eine seit der griechischen Antike entwickelte Kulturtechnik des Denkens auf ein Aussen bezieht, also dual gepolt ist. Die Folge davon ist, dass sich daraus eine höchst differenzierte abbildende Denktätigkeit, ein abbildendes Wirklichkeitsverständnis entwickelt hat. Die bloss abbildende Tätigkeit des Denkens hat dabei eine derartige Intensität angenommen, dass unkritisch sich selber gegenüber sogar geistige Prozesse  anscheinend nicht mehr anders als abbildend wahrgenommen werden können, mit der Konsequenz eines nahezu durchgehenden materialistischen Weltverständnises.
Es scheint mir in dieser über alle Grenzen hinaus betriebenen Denkbemühung längst nicht mehr um die Abgrenzung von Subjektivität und Objektivität, was den wissenschaftlichen Blick auf die Ergebnisse des Denkens hin betrifft zu gehen, sondern um einen krampfhaft verdeckten Selbstausschluss der Kraftgestalt des Denkens innerhalb eigener innerer Erfahrungsmöglichkeiten schlechthin.
Ich und Welt erleben sich per paradigmatischer Festlegung als getrennt. Ich? Sagte ich nicht, Ich ist nicht, wenn es nicht in fliessender Bewegung, als in Bewegung auftretende Erfahrung erlebend gegenwärtig werden kann. Das aber ist die Schwierigkeit für ein abbildendes Verstandesdenken. Es hat die Verbindung zur schaffenden Bewegung in sich verloren, mit anderen Worten, die Kraftgestalt, aus der im ursprünglich aristotelischen Sinne das Denken genauer besehen hervorzugehen hat, ist dem inneren Blickfeld entschwunden. Dieser Umstand aber ruft das Abgrunderleben von immer mehr Menschen in der heutigen Zeit hervor. Die selbstgeschaffene Dualität im Verhältnis zur Welt muss aus sich heraus dynamisiert werde.
Das mit dem dualen Wirklichkeitsverständnis erworbene Selbstbewusstsein und daraus resultierend die Möglichkeit zur fortlaufenden Selbstbestimmung hat ihren Preis in einer immer offenkundiger zu Tage tretenden Angst, sprich einem fast pandemisch um sich greifenden Sicherheitsbedürfnis auf beinahe allen Ebenen des Seins. Der Mensch stürzt ins Nichts, erlebt sich in einer immer tiefer um sich greifenden Leere, die er durch alle nur erdenklichen Ablenkungen zu unterlaufen, von sich zu weisen sucht. Seine grösste Angst ist es dabei den Boden unter seinen Füssen und damit im Bodenlosen sich selber zu verlieren.
Die  Schnelligkeit, die im äusseren Leben allenthalben gefordert und forciert wird, ist, tiefer betrachtet, ein Hinweis auf die notwendig zu entwickelnde Wachheit für im Inneren eigentätig zu gestaltende und fortlaufend tiefer zu erfahrende Bewegungen. Schwimmenlernen in geistigen Prozessen ist angesagt. Dort aber wo das abbildende Denken unterschwellig immer noch als Massstab für ein sich selbstordnend im Denken Einfinden Können angesehen wird, ist der Sprung über diesen inneren Abgrund hinweg ein immer wieder auf ein Neues sich bemerkbar machendes und zu verdrängendes Ärgernis eigene Entwicklung nur selbstverantwortlich in die Hand  nehmen zu können.
Ich in Bewegung zu erfahren scheint in der Tat für ein zur Gänze in die Abstraktion geratenes Denken unmöglich zu sein.
Dennoch ist die Abstraktion ein nicht zu überspringender höchst bedeutsamer Schritt in der Entwicklung zu selbstbestimmtem Denken, führt sie den Menschen doch an eine einzigartige Grenze heran, an eine Grenze, die, so der denkende Mensch sich eine innere Anschauung von seinem Tun des Grenzganges verschafft, eindrücklich zum Erleben bringen kann, dass an dieser Grenze im eigentlichen Sinne überhaupt kein Abgrund vorhanden ist.
Die Abstraktion ist ein unendlich weites Feld und was in dumpfem Erleben hier einen Abgrund vorgaukelt, das ist genauer besehen der in Kraftlosigkeit hinein zusammenbrechende Ausdruck eigenen Denkens, ist Ausdruck von Muskelkater in Bezug auf die eigenen Möglichkeiten denken zu können. Um das Feld der Abstraktion in seiner verschleierten Imateralität zu durchdringen fehlt die innere Spannkraft. Bildhaft gesprochen liegt der Abstraktion ein Denken im Glashaus zu Grunde. Das der Abstraktion innewohnende Wesenhafte kann nicht erfasst werden, weil dem Denken die Kraft dazu abhanden gekommen ist und Wege diese Kraft aufs Neue zu erwerben zwar vorhanden, aber allem Anschein nach als Quellgrund für ein weitreichendes forschendes Tätigwerden Können noch nicht ernsthaft genug begangen und erkundet werden.
Es mag verwundern, wenn hier gesagt wird, dass die Überwindung oder besser gesagt ein lebensvolles Durchdringen der Abstraktion nur über eine innere Neuausrichtung von Ich und Du im sozialen Raum möglich werden kann. Aus dem einfachen Grunde heraus, weil Gleiches nur durch Gleiches, Wesenhaftes also nur durch Wesenhaftes, Ich und Du als wechselseitig Wesenhaftes nur auf Augenhöhe und in Respekt für einander als gleicherweise wesenhaft erkannt werden können. Gelingt es das Wesenhafte im sozialen Raum sich erneut lebendig vor Augen zu führen,  dann wird es auch möglich werden die Abstraktion in der Wissenschaft aufzubrechen, sie auszurichten auf einen Paradigmenwechsel in der Anschauung immaterieller geistiger Realitäten.
Was als Kraftgestalt hinter dem aristotelischen Denken liegt und was Aristoteles einstmals in seinen Dialogen, soweit sie noch erhalten sind, allem Anschein nach zum Ausdruck gebracht hat, das gilt es im Dialog zwischen Ich und Du erneut an das Licht des Tages, ins Bewusstsein herauf zu heben, wenn die über weite Ereignisfelder hin reichende gegenwärtige Bewusstseinskrise überwunden werden soll. Das Ego als ein Ergebnis dual ausgerichteten Wirklichkeit Verstehens will dynamisiert werden.
Dass ein vertieftes Verständnis, ein Durchschauen der dem Ego zugrunde liegenden Bewegungsdynamik für die Erweiterung des gegenwärtigen Wissenschaftsverständnisses in Richtung auf eine noch zu entwickelnde naturwissenschaftssysthematische Erforschung geistiger Realitäten von entscheidender Bedeutung sein könnte, das kann einem jeden einsichtig werden, der sich auf ein Erkunden der Bewegungsdynamiken innerhalb des Ich Du Prozesses über längere Zeit einlassen mag. Dass damit auf keinen leichten Weg verwiesen wird, das kann nicht verschwiegen werden. Bewusstseinsklarheit zu erringen, ganz gleich auf welchem Arbeitsfeld, das ist noch zu keiner Zeit eine einfache Aufgabe gewesen.
Ein Gewinn, den das abbildende Verstandesdenken in Bezug auf das heutige Wirklichkeitsverständnis gebracht hat, ist aber nicht hoch genug zu bewerten, nämlich ein damit einher gehendes Selbstbewusstsein des Menschen als Basis eines der Möglichkeit nach immer weiter um sich greifen könnenden Freiheitsbewusstseins. Dass an dieses Selbstbewusstsein nicht wenige auch leidvolle Erfahrungen von Verstrickungen in Ego Mustern innerhalb des eigenen sozialen Umgangs eingebunden sein können, das wird ein jeder Zeitgenosse auf seine ganz eigene Weise bestätigen können. Für den Fortgang der Bewusstseinsentwicklung ist das Ego aber nicht zu überwinden, sondern in seiner inneren Bewegungsdynamik anschauend zu verstehen. Kann doch bei genauerem Hinsehen das Ego verstanden werden als die Samenkapsel, aus der durch eine entwickelte Eigentätigkeit das Ich bewegt in Bewegung mehr und mehr in Erscheinung treten kann.
Die Abstraktion ist das Ergebnis eines auf sich bezogenen Ego zentrierten Denkens. Diesem Denken ist das Erleben der eigenen Kraft im Denken entglitten. Denken wird nicht als eine eigene Kraftbewegung erfahren und noch weniger als eine aus einem inneren Blicken hervor gehende Tätigkeit. Erwacht innerhalb dieser blickenden Tätigkeit das Bewusstsein für ein in fliessender Bewegung sich ausdrückendes Ich, dann keimt in der blickenden Tätigkeit zeitgleich ein Lichtprozess auf, der das Feld der Abstraktion mehr und mehr gleichsam aus seiner Erstarrung wie aufweckt und den Blick öffnet auf ein Reich wesenschaffend zu einander in Beziehung stehender Wesenheiten.
Für mutige Wegsucher auf dem inneren Feld des Denkens wird damit auf ein weites Forschungsfeld verwiesen, das ein jeder nur Kraft eigenen Entschlusses betreten kann. Wahrheit kann nur dem zu Teil werden, der die Vertiefung eigenen Erfahrens nicht scheut. Keine Institution, kein wie auch immer ausgebildeter Mensch kann mir die Schritte zu Entwicklung einer inneren Eigentätigkeit abnehmen, auf dem sich Erfahrungs- und Forschungsfelder dieser Art eröffnen können und damit Selbstgewissheit in Bezug auf Wahrheit dessen was ist ermöglichen. Der Dialog über alle Grenzen unterschiedlichen Anschauens hinweg, bezüglich dessen, was ein jeder zunächst für wahr halten mag, baut Schwellenängste ab und lässt scheinbare Abgründe verschwinden.
Wahrheit ist eine Prozesserfahrung im Dialog.

© Bernhard Albrecht Hartmann, 25. 06. 2014




Samstag, 28. Dezember 2013

Unter der Platane - Ein Dialog über die Zeiten hinweg im zeitlosen Nullfeld I

Einleitung - Der nachfolgenden Dialog entstand vor dem Hintergrund meines auf meinem Blog am 10. 09. 2013 eingestellten Gedichtes Platon: https://wege-der-befreiung.blogspot.com/2013/09/plato.html und des von Barbara Hauser dazu verfassten Kommentars vom 17. 09. 2013, den ich hier im Wortlaut einstelle, weil die im Kommentar angegebene Quelle zwischenzeitlich geschlossen wurde.


„... die Idee erst geschaut, und dann neu belebt, in dunkler Höhle erinnert.
Bewusstheit zeigt sich uns erst im "erwachten" Ich -
ein Konzept, ein Phänomen, das uns dient und verstanden wird, wenn wir gereift.

Er hätte die indischen Lehren gekannt, las ich von Plato ...

Bewusstsein sprudelt - gleich einem Quell -
erschafft sich in tausenden Bildern - die wie ein Film vorüberziehen -
ein Traum - bis sein Träger die Hypnose, die Illusion erkennt,
er sich nicht mehr in Unglück noch Glück involviert ...

Von diesen Fesseln befreit, wendet er sein(e) Ge-sicht der Sonne zu,
wird zum Klangkörper mehr und mehr in gesteigerter Wachheit.
Vom Lichtsturm berührt schwingt er, wird gespielt vom GROSSEN ICH“

Was in diesem Dialog zur Sprache kommt, das ist als ein Versuch zu verstehen, einige Geschehnisse um Aristoteles und Platon herum, eingebettet in eine poetische Ummantelung, tiefer zu decodieren und den Blickwinkel damit zu weiten für mehr Hintergründiges im Lebenslauf dieser beiden Geistesgrössen.
Einige wenige Mosaiksteine sind damit aneinander gereiht, deren Viele noch folgen können, wenn einmal die Kraftgestalt in den Werken von Aristoteles und Platon vertieft forschend angegangen werden sollte. Die Zukunft wird es weisen, ob sich Menschen finden, die ein scheinbar abgegrastes Feld der Forschung mit einem innerlich geweiteten Blick erneut betreten wollen, um bis anhin in tieferen Schichten verborgen gehaltene Schätze zu bergen.


Kretos:  Es sind deine Worte Saphira, „Bewusstheit zeigt sich erst im „erwachten“ Ich“ ...  im? ...
Ist das Ich ein Etwas oder ist es in seiner Essenz ein so Flüchtiges, das in seiner Prozessgebärde nur schwer bewusst erfasst und noch schwerer sich zum Erleben gebracht werden kann? Unbemerkt vom Verstand innerlich statisch verfremdet, irgendwo weit oben, fern von Dir, ein (nicht zu erreichender) Zielpunkt oder direkt vor deiner Nase in der Unmittelbarkeit Deines Augenblicks, selbst im grösstmöglich erfahrbaren Dunkel? Niemals wirklich zu erfahren aber innerhalb der Fluchten bejammerter Schwächen.

Saphira: Du gehst glasklar zur Sache, hebst ein jedes Wort gleichsam auf, drehst es in Deinen Händen, um seinen Gehalt Dir zu vergegenwärtigen. Das, mein lieber Kretos, schätze ich so sehr an Dir, Bewusstheit ist für Dich mehr als ein von Vielen so beschworenes Wort, es ist unmittelbare Tat.
Das macht Dich aber auch irgendwie unnahbar, wie ich in Gesprächen mit Dir zu wiederholten Malen schmerzhaft erfahren habe. Du weist, ich bin schon mehrfach mitten in einem unserer Gespräche aufgesprungen und innerlich zutiefst aufgewühlt aus den kühlen Hallen dieses Platanen Haines davon gestürmt. Dein stilles, warmherziges Lächeln hat mich ein jedes Mal wieder zu Dir zurück gerufen.

Kretos: Nun, ich habe selber lange gebraucht, um mich in diesem meinem Verhältnis zu meinen Mitmenschen zu verstehen. Im fortgeschrittenen Alter weis ich heute, da Aristoteles schon lange nicht mehr unter uns weilt, dass dies der Geist, wie auch der Preis der Freiheit ist, den uns Aristoteles dereinst unscheinbar zwischen allen seinen Worten gleichsam einzuhauchen versucht hat. Du kannst nicht „über“ Bewusstheit sprechen. Entweder lebst Du Bewusstheit in Deinen inneren und äusseren Dialogen oder Du träumst Dich selbst in einer Fata Morgana. Deine Worte sind nicht wirklich authentisch eingewurzelt in Deinem Alltag.
Und das ist, wie Du selber weist Saphira, eine lebenslange Herausforderung. Der Atem der Freiheit umgibt Dich mit einer ganz eigenartigen Kühle, was, wie Du sagst, ja ein warmherziges Lächeln nicht ausschliesst.

Saphira: Bei aller Klarheit, Du weist Dein Sagen mit Charme zu umkleiden.
Doch zur Sache: Ich kann nicht verhehlen, dass meiner Aussage noch ein Hauch von Statik innewohnt. Trotz eines weit um sich greifenden Bemühens bremse ich den Bewusstseinsstrom in mir immer wieder einmal aus und das hat dann Aussagen zur Folge, die Du scharfsichtig sofort aushebelst, selbst wenn auch nur ein Wort darin leicht in Schieflage daher kommt.
Der Tatbestand, den wir hier gemeinsam betrachten, ist ja auch wirklich schwer von der Beobachtung her zu fassen und in geeignete Worte zu bringen. Du sagst es ja selber.

Kretos: Dein versöhnlicher Ton stimmt mich froh, konnte mein Sagen doch als eine unverhältnismässige Kritik aufgefasst werden, wo es mir allein um die Sache ging. Dass Du Dich jetzt nicht in die Flucht schlagen liessest, freut mich sehr. Es scheint mir, Du bist im Laufe unserer nicht wenigen Gespräche über Bewusstseinsfragen innerlich standfester geworden.
Du lebst mehr Gelassenheit und das spornt mich innerlich an, mich daran zu wagen noch mehr von dem, was ich in meinen jüngeren Lebensjahren aus dem Munde von Aristoteles unmittelbar vernahm und was sich in den Folgejahren aus mannigfaltigen Keimen in mir still weiter entwickelte, jetzt in Worte zu fassen.
Du selbst bist ja dazumal aus der Akademie des Platon, in der Aristoteles zu dieser Zeit lehrte, geflohen, weil Dich seine Gedankengänge in Deiner noch lebendigen Rückbindung an die Mysterien Welt so sehr erschütterten, dass Dir, so erinnere ich mich an Deine Worte, nur die Flucht blieb. Seine Ausführungen erschienen Dir so kühn und gewagt, dass Dir bei der Annahme innerlich schwindelig wurde, daraus könnte sich in ferner Zukunft einmal eine erneuerte Mysterien Schulung ergeben.
Du erinnerst Dich gewiss noch an die Worte des Aristoteles, die er unmittelbar vor Deiner Flucht aussprach, dass das Ende der alten Mysterien Kultur mit dem Brand von Ephesus unumkehrbar eingetreten sei und dem zu Folge die Zeit danach nur noch Niedergang nach sich ziehen könne. Dem aber konntest und wolltest Du nicht beipflichten, war doch dein Vater in Deinen Augen ein Eingeweihter der Mysterien von Eleusis.
Was Du in der schönen Verehrung für Deinen Vater damals nicht zu wissen schienst, war, wie sorgenvoll dieser seinerseits die Entwicklung der Mysterien Schule von Eleusis innerlich begleitete. Immer weniger Schüler gelang es über die ersten Prüfungen hinaus weitere Stufen zu erklimmen und die damit verbundenen Prüfungen zu meistern. Den Rang, den Dein Vater noch einnahm, hat nach ihm niemand mehr erreicht. Er war der Letzte seines gleichen in Eleusis und litt unendlich darunter.
Wie so mancher aus den Reihen der Lehrenden an seiner Schule, schloss er sich aber nicht den Gegnern um Aristoteles an, die mit ihren Angriffen letztlich nur einen Mysterien Status verteidigten, der in sich hohl und leer geworden war.

Saphira: Ja, ich bin heute in vieler Hinsicht gelassener in meinem Lebensausdruck, als in den Tagen, da mein Vater noch lebte. Ich trage sein Lebensvermächtnis in meinem Herzen, das er mir unmittelbar vor seinem Hinübergehen anvertraute.
Saphira, so flüsterte er mir in mein ihm tief zugeneigtes Ohr, mit dem ich seine letzten Worte gleichsam einzufangen versuchte.
„Eine jede Entwicklung geht durch ihren Nullpunkt, um gestärkt daraus für weitere Entwicklungsschritte hervor zu gehen. Auch Du wirst diese Erfahrung in Deinem Leben in sich steigernden Formen immer wieder durchzumachen haben. Wenn es soweit ist, so stehe mutig und standhaft in Dir und alles wird sich zum Guten hin fügen.“
„Ich weis nicht mit letzter Gewissheit, wo hinaus Aristoteles strebt, in dem er die Mysterien Schulung so auf den Kopf stellt, wie er es in Platons Akademie, eine jegliche Geheimhaltung ganz offen brechend, tut. Aber ich bewundere seine innere Standfestigkeit in seinem Tun, da ich in meinem eigenen Leben es zu vielen Malen erfahren habe, wie lebendige Standhaftigkeit einem letztlich zu neuen Ufern führt. Bleibe mit seinen Worten in Verbindung, prüfe und kläre sie auf Deinem inneren Erfahrungsfelde, mit der Strenge Dir selber gegenüber, wie Du sie in der Mysterien  Schule von Eleusis vermittelt bekommen hast, nicht zuletzt auch durch mich. Bleibe aber nicht an dem alten Erfahrungswissen der Mysterien Schule hängen, wenn Dich Deine inneren Erfahrungen neue Wege weisen sollten. Gehe sie mit Mut.“
„Ich gehe jetzt als Blinder über die Brücke in die Geistwelt hinüber. Wenn wir uns in einer neuen Zeit dereinst wieder sehen werden, dann, so hoffe ich, werden Deine Erfahrungen mir helfen aus meiner Blindheit heraus zu finden, hinein in eine sich erneuernde Mysterien Kultur.“

Kretos: Welch eine Geistesgrösse Saphira, sich selber als Blinden sehen zu können und das bei dem Rang, den er in Eleusis einnahm! Mich umwehen Schauer tiefster innerer Erschütterung und Hochachtung.

Saphira: Mir geht es nicht anders, wenn er mir lebendig, wie jetzt, vor meinem Herzauge steht. Aristoteles in seinen Aussagen vor meinem inneren Erfahrungsfeld zu prüfen, dieses Vermächtnis begleitet mich seither durch alle Tage meines Lebens. Aktuell unter dem Frage Aspekt: „Bewusstsein sprudelt gleich einem Quell“ ... und meinem Wissen, dass Platon die indischen Lehren (also altes Erfahrungswissen der Mysterien) gekannt habe. Wie  kann das zusammengehen?
Ich gelange in meiner inneren Erfahrungswelt immer mehr zu der Gewissheit, dass altes Erfahrungswissen zu nichts nütze ist, wenn es nicht im Hier und Jetzt meines Alltags zu einem sprudelnden Quell werden kann. Weisheiten, mit denen ich andere Menschen  „beglücke“ ziehen mehr Unbill nach sich, als dass sie evolutionäre Prozesse im anderen Menschen und in mir auslösen können. Nur das, was existentiell und lebendig sich durch mich dialogisch auszudrücken vermag, das kann Wirkung erzeugen und Entwicklung auslösen. Für ein erneuertes Mysterien Wesen ist meine existentielle Lebensauthentizität Prozess auslösend. Insofern kann ich mich heute auch nicht mehr auf irgendwelche Lehrer stützen, die mir sagen, wo der Weg lang geht. Ich muss mein eigenes Erfahrungsfeld immer wieder neu zum Prüffeld für den nächsten Lebensschritt klären und aktivieren. Freiheit hat ihren Preis.

                                   Aristoteles
Kretos: Das ist auch meine Auffassung.
Deine Rede weckt jedoch auch eine alte Erinnerung in mir, die auf ein Erleben deutet, das mich seinerzeit unendlich bestürzte. Ich denke, dass ich es deshalb bisher in mir verschlossen gehalten und Dir nicht davon erzählt habe, wie ich sonst Vieles mit Dir auf diesem Felde geteilt habe. Es betrifft die letzte Begegnung zwischen Aristoteles und Platon, deren Zeuge ich war. Vielen Zeitgenossen wurde es zum Rätsel, dass sich diese beiden Grossen von einem bestimmten Zeitpunkt an offenkundig nicht mehr begegneten.
Du weist, dass mich Aristoteles immer wieder gerne an seiner Seite wusste, wenn er sich ausserhalb der Akademie Platons bewegte. Es war ihm einfach eine Vergnügen, ihm, der so viele Begebenheiten des Alltags, die gerade sein Blickfeld kreuzten, zum Anlass  nahm daran philosophische Überlegungen zu entwickeln, diese seine Gedankenbewegungen nicht auf und ab schreitend in inneren Selbstgesprächen durch zu gehen, wie er es auch gerne zu tun pflegte, sondern in einem lebendigen Gedankenaustausch mit einem Gegenüber zur Entfaltung zu bringen.
Ich habe in diesen lebensnahen Dialogen mehr von ihm gelernt, als bei seinen durchaus ja auch lebendigen Ausführungen in der Akademie des Platon. Die Anbindung an das Leben, war in diesen Dialogen, z.B. an den Ständen irgendwelcher Händler von einer Unmittelbarkeit durchdrungen, die mich in meinen eigenen Argumentationen immer wieder über mich selbst hinaus wachsen liessen. Es kam nicht selten vor, dass ich über das staunte, was ich gerade selber hervorgebracht hatte.

Saphira: Dieses Erleben kenne ich auch. In der Zeit als ich noch bei Aristoteles in der Akademie weilte, wusste er ja auch schon seine Schüler innerhalb seiner Ausführungen immer wieder in Dialoge einzubinden. Darin war er ein echter Künstler. Unversehens warst Du in einen Prozess verwickelt und Du stauntest am Ende nicht wenig, was sich da mit Dir ereignet hatte. Deshalb bereitete mir ja auch mein Weggang von Aristoteles so grosse innere Schmerzen. Gleichsam zwischen zwei Stühlen stehend verstand ich die Welt um mich herum nicht mehr.
Erst nach Jahren klärte sich dieser Zustand in mir so weit, dass es gut war, was dazumal geschehen war. Ich war innerlich selbständiger geworden und musste nicht mehr zu einem Lehrer aufschauen, wie ich es noch in der Akademie von Platon bei Aristoteles und vorher schon während meiner Ausbildung in Eleusis getan hatte. Dem Vermächtnis meines Vaters folgend errichtete ich mein eigenes Prüffeld innerhalb meiner Erfahrungswelt und konnte darauf zugreifen, wann immer ich es wollte. Ich fühlte mich frei und das machte es mir erst möglich Aristoteles, wie ich jetzt weiss, tiefer zu verstehen.
Es ist schon merkwürdig, was alles geschehen muss, dass Du zu Dir selber hin erwachst, die Kraftgestalt im Denken in Bewegung, was das Ziel von Aristoteles Bemühungen war, sich im inneren Erleben  vergegenwärtigen zu können.

Kretos: Ja, meine Liebe, was muss alles geschehen, damit Menschen ihren Weg zu sich selber sehen und nicht nur das, sondern auch gehen wollen?!
Auf Aristoteles und Platon und ihr Schicksalsgespräch bezogen, umweht mich noch heute immer wieder einmal Erschütterung.
Wir wanderten gemeinsam zur Akropolis hinauf. An diesem Tag aber zogen schwere Gewitterfronten hinter dem Tempel auf, begleitet von einer Schwüle, die uns das Atmen beim Anstieg schwer machte. Auch war der Ton im Gespräch zwischen den beiden deutlich schärfer als sonst, wie mir heute in der Erinnerung darauf erst wirklich sichtbar wird.
Als wir dann oben am Rand des Tempelberges, mit Blick auf die Stadt standen, schwieg Aristoteles urplötzlich. Über Minuten hinweg breitete sich eine Stille zwischen uns aus, die eine beinahe unerträgliche Spannung nach sich zog. Ich sehe ihn, wie er mit seinen Augen die aufziehenden Gewitterfronten zu durchdringen suchte, bevor er dann wieder zu sprechen begann. Seine Worte aber schienen, obwohl nicht besonders laut, wie von einem Fanfaren Klang durchdrungen, der mir eine Erschütterungswelle nach der anderen über den Rücken jagte.
Er stand da wie ein Feldherr, die ganze Kraft des Gewitters wie in sich hinein genommen und wies mit ausgestrecktem Arm in Richtung des Marktplatzes, wo sich die Händler tummelten.
Mit Blick auf Platon sprach er dann:
"Dort hinunter führt der dialogische Weg, mitten durch den Tumult des Händlergeschreis. Wenn Deine Schüler ihre Dialogfähigkeit, wie Du sie lehrst, nicht dort bewähren lernen, dann werden sie für das Leben untauglich bleiben. Dein Schöngeist wird mit wenig praktischem Nutzen, in endlosen Redeschlachten zum blossen Selbstgenuss  in ihnen verkommen." Dann  schaute er  Platon, wie es mir
Platon
erschien, lang, lange in die Augen und flüsterte: „Ich gehe jetzt mein Freund, denn ich weiss um meinen Weg.“
Platon aber, so als ob er nicht wisse wie ihm geschah, sprach fassungslos mit zittriger Stimme: „Du, mein bester Schüler, gehst?“ 
Aristoteles aber wandte sich darauf hin nur wortlos ab und ging festen Schrittes hinunter in die Stadt. Nach einigen Schritten hielt er aber noch einmal inne, wandte sich um und sprach die folgenden Worte, die schon etwas aus der Tiefe heraus beinahe gespenstisch in ihrem Nachhall herauf tönten.
„Durch die Zeiten hindurch werden wir einander noch oft begegnen, aber Freunde werden wir uns erst wieder nennen, wenn auch Du Deinen Weg durch die Tiefe gefunden und wir, ein jeder für sich, diesen Weg ohne innere Ausflucht gehen. Der versteckt innere Eremit in Dir bremst die Kraft, mit der Du Deine Schüler lehrst aus, sie bleibt in einer ideell-himmlischen Sphäre hängen und kann so nicht durch die Tiefe gehend in der Unmittelbarkeit des Augenblicks aus dem Nichtwissen heraus gegenwartsfähig werden. Du hast die Lehre des Sokrates auf wunderbare Weise weiter gegeben, doch in ihrer Essenz bist Du seinem Weg nicht gefolgt und durch den inneren Tod gegangen. Das aber macht Dich zu einem versteckten inneren Eremiten, zu einem Meister, dem die Augenhöhe zu seinen Schülern fehlt. Des Lebens Quell aber kann sich nur auf dieser Ebene öffnen, - werter Freund!“
Platon ging, nach einer endlos erscheinenden Zeit mit gebeugtem Schritt dem Tempel zu und entzog sich damit den Blitzen des Gewitters, die sich jetzt unmittelbar über dem Tempelberg entluden. Ich aber ermannte mich aus meiner Erschütterung erst wieder, als ich im heulenden Sturmwind die Nässe des peitschenden Regens durch meine Kleider hindurch auf der Haut spürte. Wie ich in die Stadt hinunter in mein Haus gelangte, ich weiss es heute noch nicht.

Saphira: Des Lebens Quell öffnet sich auf Augenhöhe von Du zu Du! Was Aristoteles damit sagte, das habe ich in den zahllosen Gesprächen mit Dir erfahren dürfen. Ich konnte und durfte ein neuer Mensch werden, denn ich habe mich selbst gefunden.

Kretos: Ja, das ist so.

Saphira: Und, bist Du  Aristoteles in den Tagen nach „diesem Gespräch mit Platon“ wie gewohnt wieder begegnet, Du warst doch sein intimster Schüler.

Kretos: Nein und ich kann nicht verhehlen, dass mich das sehr schmerzte. Mir schien es, dass er sich bewusst jedem weiteren Gespräch entzog.
Es dauerte lange bis ich begriff, dass er Platon bei diesem so erschütternden letzten Gespräch eine Frage gleichsam Welten bewegender Dimension, zu klären allein auf dem ureigenen inneren Erfahrungsfeld, hinterlassen - der Schüler dem Lehrer - und mir im gleichen Atemzug ein ganz persönliches Vermächtnis indirekt zugesprochen. Ich war ja in der Zeit vor diesem Ereignis immer wieder über ihn mit den Händlern auf dem Marktplatz ins Gespräch gekommen und begann mehr und mehr zu verstehen, dass er mir den Auftrag den Dialog weiter unter das Volk, im Dialog keimfähiges Mysterien Wissen gleichsam auf die Strasse zu bringen hinterlassen hatte. 
„Die Welt,“  wie ich mich erst sehr viel später wieder erinnerte, so hatte er einmal an einem Händlerstand zu mir gesagt, „wird immer mehr dem Abgrund entgegen taumeln, wenn es nicht gelingt die Mysterien Burgen der Weisheit auch innerlich zu verlassen und auf der Strasse lebendige Dialoge zum Entflammen zu bringen.“ Das also war mein Auftrag und ich folgte ihm fortan, wie Du aus eigenem Erfahren weisst, auf allen mir nur möglichen Wegen.

Saphira: Und was ist mit Platon geschehen? Wie mir zu Ohren gekommen ist, hat er seine Akademie geschlossen!

Kretos: Ja, das hat er und der unmittelbare Anlass für diesen Schritt war jenes Streitgespräch mit Aristoteles.
Wenn ich ihm in der Folgezeit in der Nähe seines Hauses oder sonst in der Stadt einmal begegnete, wirkte er auf mich ein jedes Mal wie ein in sich gebrochener Greis. Er schien beständig über irgend etwas tief traurig nachzudenken. Die Rede des Aristoteles muss ihn unendlich getroffen und nachhaltig erschüttert haben. Es dauerte ein volles Jahr, bis er, wie erwachend aus einem langen schweren Traum, so erschien es mir dazumal, mich vor seiner geschlossenen Akademie ansprach. Seine Augen hatten all ihren früheren Glanz und Kraftausdruck verloren. Es schien fast so, als ob es ihm unendliche Mühe machte die folgenden Worte an mich zu richten.
„Kretos, hat Aristoteles bei unserer letzten Unterredung gemeint, ich sei ein geistiger Eremit?“Ich sah ihn nur mit grossen Augen an und schwieg. Er schaute seinerseits erwartungsvoll auf mich, bevor er nach einer geraumen Weile zu verstehen schien, dass er diese Frage nur allein für sich klären könne. Mir selber aber brach in diesen wie zeitlos gedehnten Augenblicken beinahe das Herz ob seines tiefen Schmerzes. Ich konnte ihm nicht helfen.
Für mich war klar, dass die innere Dimension dieser Frage schwer an ihm nagte. Hatte er doch das Denken, auf das sich auch Aristoteles in ganz eigener lebendiger Weise bezog, auf hohem Niveau ideell begründet. Der Umstand, dass er mit seiner Person sich innerlich in ein geistiges Eremiten Dasein verfangen haben könnte, rüttelte schwer an den Grundfesten seiner Persönlichkeit. Zudem auch noch die Tatsache, dass er Aristoteles verloren, den er unzweifelhaft als seinen Nachfolger in der Akademie gesehen hatte. Beides zusammen zu tragen war ganz offenkundig zu schwer für ihn. Nicht lange danach starb er.

Saphira: Nun, Aristoteles sprach ja davon, wie Du mir erzähltest, dass sie sich in zukünftigen Zeiten immer wieder begegnen würden, ein vor meinem Erfahrungshintergrund unerhörter Vorgang, derartiges Wissen gleichsam in den öffentlichen Raum hinaus Preis zu geben. Dass ihm Mysterien Verrat angelastet wurde, das wundert mich bei einer derartigen Redeweise nicht mehr.
Und doch bewundere ich ihn im gleichen Atemzug ob seines konsequenten Mutes!

Kretos: Welche Feuerkraft in Aristoteles wirkte, das trat ja nicht allzu oft in Erscheinung, seine sprudelnde Unmittelbarkeit in der Rede mit Händlern und anderen Menschen ausserhalb der Akademie hingegen häufig. Das Erstaunliche dabei war, dass dann seine Rede sehr einfach und schlicht im Ausdruck werden konnte. Er schlüpfte gleichsam in  die Redeweise der einfachen Leute wie hinein. Aus dem Kreise des gemeinen Volkes kamen ihm auf diesem Wege immer wieder viele Sympathien entgegen, was für die gebildeten Athener  so nicht unbedingt zutraf.
Ich erinnere mich, nachdem Aristoteles von Athen weggegangen war, dass eines Tages unvermittelt einmal Pausanias, ein Schmied auf mich zutrat und mich ansprach. Ist dein Name nicht Kretos, jener Kretos, der vor Jahren mit Aristoteles in seiner Werkstatt gewesen sei und nach einem nicht ganz alltäglichen Nagel gefragt hätte, den ich zu eurer beiden Glück gerade vorrätig hatte. Entfernt mich erinnernd nickte ich.
Darauf sprach er weiter. Aristoteles sei schon ein bemerkenswerter Mann. Er wäre an jenem Tag länger an seiner Esse gestanden und habe ihm beim Schmieden zugeschaut, bis er urplötzlich fragte, warum ich das Schwert, das ich gerade schmiedete nicht zwischendurch einfach eine Weile aus der glühenden Hitze nähme, um es ruhen zu lassen. Ich brummte nur etwas vor mich hin und antwortete darauf weiter nichts. Aristoteles aber verliess wenig später meine Werkstatt mit einem merkwürdigen Lächeln, woran ich mich erst erinnerte, wie das Schwert, das ich dazumal schmiedete, nur wenige  Monate nachdem ich es verkauft, zerbrochen wieder zurück in meine Hände gelangte.
Hier unterbrach ich seine Erzählung und sagte, ja genau so sei es gewesen. Ich hätte Aristoteles im Hinausgehen noch gefragt, warum er denn so lächele, er habe auf seine Frage hin doch nur ein abweisendes Brummen zu hören bekommen, worauf er nur weiter lächelte und durch dichte Menschentrauben beschwingten Schrittes auf einen Gemüsestand zustrebte, den er regelmässig aufzusuchen pflegte.
An dieser Stelle schauten der Schmied und ich einander in die Augen und lachten, gemeinsam erkennend, dass Aristoteles das Zerbrechen des Schwertes wohl voraus gesehen habe.
Sich auf die Brust schlagend, fuhr Pausanias dann fort weiter zu erzählen, habe er im Rückgriff auf die seinerzeitige Frage von Aristoteles einige Versuche unternommen, um herauszufinden, was Aristoteles durch seine Frage ihm habe sagen wollen. Und er sei fündig geworden. Er habe die Spannungsprozesse beim Schmieden mit verschiedenen Metallen unterschätzt, hätte nicht genau genug hingesehen, was da unter seinen arbeitenden Händen geschah, sonst hätte er den Hinweis von Aristoteles schon damals verstanden.
Inzwischen habe er seine Schwert Schmiedetechnik nun soweit verbessern können, dass er in dieser Kunst bereits zu einem Geheimtip in gewissen Kreisen zu werden scheine. Bei Aristoteles könne er sich für dessen sehr Gewinn bringenden Hinweis leider nicht bedanken, da dieser seit längerer Zeit Athen verlassen habe. 
Er achte aber mittlerweile bei seinen Lehrlingen sehr darauf, dass sie ihr Beobachten auf das eigene Tun hin übten. Auf diese Weise halte er das Andenken an diese Begegnung mit Aristoteles hoch und erzähle auch immer wieder einmal, was er Aristoteles verdanke, wenn ihm da oder dort in einer Unterhaltung eine abfällige Bemerkung über dessen Schriften begegne.
Im nach hinein betrachtet, habe sich diese Begegnung geradezu als eine „Lehrstunde“ von grosser Tragweite erwiesen. Er beobachte sich in seinem Verhalten zu seinen Mitmenschen seither viel intensiver und habe dadurch einen völlig neuen Zugang zum Leben gewonnen. 

Saphira: Mein lieber Kretos, Du weisst, dass ich mich in meinem Denken und Erleben nicht über das so genannte gemeine Volk stelle, denn Bescheidenheit zu leben ist eine meiner wichtigsten Lektionen, die gelernt zu haben ich Aristoteles verdanke.
Mir ist es bei seinen Unterweisungen in Platons Akademie nicht selten passiert, dass ich, während er vor uns Schülern auf und ab gehend seine Gedanken entwickelte, ich seine äussere Gestalt wie völlig aus den Augen verlor, so nahm er mich in seine Rede mit hinein. Ich gelangte innerlich zu einem unmittelbaren Gleichklang mit seiner Rede, ohne aber und das ist mir in der Rückerinnerung das Ausserordentliche an diesem meinen Erleben, mich selber dabei zu verlieren.
Aristoteles besass in seinem Reden eine Fähigkeit, in deren Folge er seinen Zuhörern das Äusserste an innerer Aktivität abverlangte, sie deshalb aber auch völlig frei liess. Er band seine Schüler nicht an sein Wort, freute sich vielmehr, wenn ihm widersprochen wurde und er sich mit dem Widersprechenden gemeinsam auf einen Weg der genaueren Erkundung des jeweiligen Sachzusammenhanges machen konnte.
Im Gegensatz zu so manchem Mysterien Vertreter war er gänzlich uneitel in seinem Auftreten. Und genau dies brachte ihm beim gemeinen Volk auf dem Marktplatz und in den Strassen immer wieder viele Sympathien ein. Wenn er sich dort in ein Gespräch verwickeln liess, so war er einer von ihnen, fern allen Dünkels. Selbst was seine Kleidung betraf, liess er äusserste Einfachheit walten. Wer ihn von der Akademie her nicht kannte, der konnte nicht vermuten einen Gelehrten vor sich zu haben, geschweige denn noch dazu einen der gelehrtesten Menschen seiner Zeit und genau deshalb traf ihn auch so viel Neid.

Kretos: Neid und Vorurteil vertrieben ihn ja schlussendlich auch endgültig aus Athen, sodass er nicht am Hauptort seines geistigen Wirkens, sondern auf seinem Landgut in Euböa verstarb.
Ich habe Dir ja erzählt, dass ich Aristoteles nach seinem Schicksalsgespräch mit Platon nicht mehr begegnete. Hier aber muss ich etwas ergänzen. Ich begegnete ihm viele Jahre nicht mehr. Erst als er mehr als 10 Jahre nach Platons Tod seine eigene Schule in Athen begründete traf ich ihn wieder. Er fragte mich, ob ich an seiner Schule unterrichten wolle. So sehr mich diese Frage überraschte und mich gleichzeitig auch freute, so wusste ich unmittelbar, wie ich ihm darauf zu antworten hätte.

Saphira: Und, hast Du ihm zugesagt. Für mich gibt es nämlich keinen Schüler des Aristoteles, der für diese Aufgabe geeigneter gewesen wäre als Du.

Kretos: Nein, denn ich hatte beim Lesen seines Briefes innerlich sofort erfasst, dass er mich mit dieser Frage prüfen wollte. Und genau dieses sagte ich ihm auch.
Ich hätte erkannt, dass meine Aufgabe darin bestünde den Dialog auf die Strasse zu bringen. Im Nachklang an jenen ereignisreichen Gewitterabend auf der Akropolis sei mir das sehr bald klar geworden und so bedankte ich mich, anstatt ihm auf sein Angebot hin an seiner Schule zu unterrichten zuzusagen für die strenge Distanz, die er seit diesem Tag mir gegenüber hatte walten lassen, denn genau dies hätte mir ermöglicht meinen Weg zu finden und zu gehen. Aristoteles lächelte darauf und sagte:
„Ein Meister muss seine eigenen Wege gehen und umarmte mich warmherzig.“

Einen Augenblick lang wusste ich nicht wie mir geschah. Aristoteles umarmte mich! Bei aller Herzlichkeit, die er in meinem Dabeisein auf den Strassen von Athen in früheren Jahren immer wieder gezeigt, er hatte niemals einen anderen Menschen umarmt und es war mir auch von anderer Seite nicht zu Ohren gekommen, er habe so etwas jemals getan.
Ich wusste, dies war eine ausserordentliche Geste der Wertschätzung durch ihn. Er erhob mich damit gleichsam in einen Rang mit ihm und das beschämte mich im gleichen Atemzug. Er  aber spürte meine innere Betroffenheit und sagte mit leiser Stimme:
„Kretos, Du bist einer der Wenigen meiner Schüler, der mich zutiefst verstanden hat.“

Saphira: Kretos, Dich hörend, geht mir ein Licht auf. Könnte es sein, dass Aristoteles mich seinerzeit gezielt aus der Akademie vertrieb?

Kretos: Bei dem Weitblick, den ich bei Aristoteles im Umgang mit Menschen immer wieder erfahren habe, die Episode mit Pausanias, von der ich Dir berichtet habe, ist nicht die einzige, die ich an seiner Seite erleben durfte, spricht sehr viel dafür, dass Aristoteles Deine Flucht aus der Akademie gezielt provoziert hat. Er wusste mit seiner Bemerkung über Ephesus, dass er damit bei Dir einen sehr empfindsamen Nerv treffen würde.

Saphira: Wenn ich mich genau besinne, dann war dieses Ereignis der zündende Funke für mein Erwachen zu mir selbst hin. Im Grunde nicht unähnlich der inneren Verfassung, in die er Dich später dann auf der Akropolis und in den Jahren danach versetzt hatte. Radikale Auseinandersetzung mit Dir selbst, ohne irgendeine Hilfestellung durch ihn. Auch Du konntest damals nur zu Dir selbst erwachen. Kein leichter Weg, aus dieser Nähe zu Aristoteles so abrupt in die Selbständigkeit gestossen zu werden.

Kretos: Du sagst es. Ich muss Dir dann aber noch von einer letzten Begebenheit mit Aristoteles berichten. Du hast ja Jahre nach der von mir berichteten erneuten Begegnung mit Aristoteles, mit mir auch Deinerseits einen Brief von Aristoteles erhalten. Tragischerweise gelangte dieser Brief erst in Deine Hände, als Aristoteles bereits tot war, denn Du warst zu dieser Zeit auf Reisen in Ägypten, als er ankam. So konnten mit mir nur eine Hand voll Schüler dem Ruf des Aristoteles nach Euböa folgen.
Als wir auf seinem Landgut ankamen und Aristoteles begegneten, spürten wir alle, dass dies die letzte Begegnung mit ihm sein würde. Sein innerer Kampf sich beinahe ein ganzes Leben lang von den Vertretern der verschiedenen Mysterien Schulen kraftvoll absetzten zu müssen, um einer neuen Zeit die Wege zu bereiten, die er wohl als einziger so klar kommen sah, hatte ihn sichtbar gezeichnet. Er war ein sterbender Mann.
In seiner letzten Unterredung mit uns kam er noch einmal auf Platon zu sprechen. Er sagte, der entscheidende Grund für seine Trennung von ihm hätte sich aus der zuletzt sehr heftigen Auseinandersetzung um dessen Schrift: „Das Höhlengleichnis“ ergeben. Mit einem Blick auf mich sagte er, ich wisse ja aus eigenem Erleben, was dazumal geschehen sei, hätte die Auseinandersetzung unmittelbar mit bekommen. Er sei an diesem Tag vor die schwerste Entscheidung seines Lebens gestellt gewesen, denn das heftigste Streitgespräch, das er jemals mit Platon geführt, hätte an diesem Gewitter Spätnachmittag zugleich auch den endgültigen Bruch mit dem alten Mysterien Wesen nach sich gezogen.

Saphira: Wie schwer der Abschied von der alten Mysterien Welt einem werden kann, das habe ich am eigenen Leib nur allzu schmerzhaft erfahren müssen. Wenn ich mich genau besinne, dann ist dieser Prozess immer noch nicht ganz abgeschlossen, denn ansonsten wäre ich zu der Zeit, als Aristoteles auch mich nach Euböa einlud in Athen gewesen und nicht in Ägypten, um einen „letzten Vertreter“ noch lebendiger alter Mysterien Kultur persönlich aufzusuchen.
Mein Leben, so scheint es mir jedenfalls heute, da Aristoteles nun nicht mehr unter uns weilt, ist zwischen Treue und Mut immer wieder sehr hin und her gerissen worden.

Kretos: Ja, Mut brauchte es auch für Aristoteles, Platons Höhlengleichnis so auf den Kopf zu stellen, wie er es an jenem Gewitter Spätnachmittag getan hatte, einen grossen Mut. Sein Verständnis dieses Gleichnisses stellte nämlich im Grunde die ganze Lebensarbeit von Platon in Frage. Aristoteles hielt Platon in diesem so heftigen Streitgespräch nämlich nicht weniger als dieses vor:
„Du sperrst das Denken in einer von der Welt abgehobenen Sphäre ein, staust seine tatsächliche Wirkkraft in sich zurück, wenn Du davon ausgehst mit dem Austritt aus der Höhle sei das Ziel erreicht.“  
Der eigentliche Weg beginnt nämlich erst dort, wo der Schüler sich der Prüfung durch die Strahlenkraft der Sonne gegenüber gestellt sieht. Die Sonnenkraft will zur fliessenden Kraft innerhalb des eigenen Denkens werden. Denken als Sonnen-Licht-Tätigkeit, das stand Aristoteles für die neue Zeit vor Augen.
Ich habe noch heute Aristoteles innerlich unmittelbar vor Augen, wie er Platon die Worte entgegen hielt:
„Das Heraustreten aus der Höhle und das Stehen des Erkenntnis Wanderers gegenüber der Sonne ist der Anfang des Weges. Das Ziel ist es an den Grund der Höhle zurückzukehren und dort in einer inneren Selbstkonfrontation die Erfahrung zu machen, dass Du selbst es warst und bist, der sich in Fesseln schlägt und Du im Grunde niemals gefesselt warst.“
Platon zitterte am ganzen Körper, als er diese Worte vernahm. Er schien zu spüren, dass darin Wahres lag, was sich für mich in einem Zögern, einem krampfhaften Suchen nach Worten ausdrückte. Er schien einfach den  inneren Schlüssel nicht zu finden, um diese Worte in sich auch verifizieren zu können. So schleuderte er Aristoteles schliesslich zornrot die Worte entgegen:
„Du irrst. du irrst, bei meinem gesamten wissenschaftlichen Werk, Du irrst mein Freund.“ 
Tragisch ist, dass Platon sich mit diesen Worten seinen eigenen Irrtum eingestand, ohne es selber zu merken! Aristoteles aber schwieg darauf innerlich sehr gefasst und sprach erst wieder, als wir die Akropolis Höhe erreicht hatten. Doch was dort geschah, das habe ich Dir ja schon erzählt.

Saphira: Mich in Deine Schilderung hinein versetzend, sie erlebend in mir nachempfindend, sehe ich Aristoteles in dieser letzten Begegnung mit Platon innerlich das Dunkel der Höhle betreten und festen Schrittes deren Grund zustreben. Er wirft alle Fesseln, die ihn noch an Platon binden ab und durchbricht sein Zaudern gegenüber den alten Mysterien, um sich endgültig auf seinen eigenen Weg zu machen.
Ich sehe Platon, den Höhleneingang vor sich mit der Möglichkeit Aristoteles zu folgen. Seine Furcht aber, bis dahin völlig unbekannte Welten zu betreten, ist zu gross. Seine Einbindung in eine innerlich himmelwärts ausgerichtete Ideenwelt hält ihn zurück. Er verschleiert zum wievielten Male vor sich, was er spätestens seit seinen Erfahrungen auf Sizilien weiss, dass die Welt nicht zu verändern ist, wenn Du selbst das Dunkel scheust, es in Dir nicht umwandelst.
Welch ein Mut von Aristoteles und welche Tragik im Erleben von Platon. Im Grunde ein Bild auch für den Mysterien Niedergang und die Eröffnung eines Pfades in die neue Zeit.

Kretos: Die neue Zeit: Aristoteles hat für uns, die wir nach Euböa kamen noch Worte gefunden, über die er uns jedoch zu schweigen bat, mit der einen Ausnahme sie an Dich zu übermitteln, was ich hiermit tue.
Ich kann nur sehr andeutend die besondere Atmosphäre wiedergeben, die uns alle umfing, als Aristoteles diese letzten Worte an uns richtete. Es schien ihm eine grosse Mühe zu machen und er musste alle ihm noch verbliebene Kraft aufwenden um dieses zu tun. Sein Antlitz war von einem Schmerz gezeichnet, den ich nicht beschreiben kann. Wenn ich jetzt darauf hin schaue, dann zerreisst es mir fasst das Herz Aristoteles so sprechen zu hören. War er doch selbst mit den alten Mysterien verbunden und, was Du vermutlich nicht weist, in Eleusis gewesen. Er hatte dort aber von sich aus seine Ausbildung nach tiefen inneren Erlebnisen abgebrochen. Davon sprach er jetzt zu uns.
„Es war Nacht, als ich bei meinen Übungen urplötzlich von einem überirdisch hellen Licht wie umhüllt wurde. Das Licht war so stark, dass es mir fast die Besinnung zu nehmen drohte. So dauerte es, ich weis heute nicht mehr wie lange, bis ich mich in diesem Zustand zurechtfand. Erst dann spürte ich, dass dieses Licht nicht von aussen kam, sondern tief aus meinem Herzen strahlte  und von dort den ganzen Raum erfüllte.
Das Licht war in mir, ich konnte es innerlich anschauen und war doch zugleich auch eins mit ihm. Ich spürte seine Kraft, die mir bis in die Füsse hinunter drang und gleichzeitig in meinen Kopf eine unbeschreibliche Wachheit hervor brachte. Eigentlich hätte ich, wie mir erst später klar wurde, zu dieser Zeit sehr müde sein müssen, denn ich hatte bis zu diesem ausserordentlichen Augenblick über die Massen hinaus geübt und gearbeitet.
Diese voraus gehend aufgebrachte Anstrengung schützte mich jedoch auch davor, was ich erst sehr viel später zu verstehen begann, innerlich nicht die Fassung zu verlieren. So konnte ich die fast sphärisch tönende Stimme vernehmen, die unmittelbar über meinem Haupt zu mir zu sprechen schien ohne dass ich einen Sprecher dort ausmachen konnte. Als ob sich ein Überraum geöffnet hätte, aus dem die Stimme zu mir sprach, so schien es mir im ersten Augenblick. Und  doch war dieser Überraum ebenfalls in mir, nicht aber wie das Licht strahlend aus meinem Herzen, sondern vielmehr einen vergrösserten Kopf bildend, aus dem gleichsam zu mir gesprochen diese Worte tönten:
„Ich bin auf dem Weg hinein in die Erdenwelt, um mich in naher Zukunft mit einem Menschen voll und ganz zu verbinden, in ihn hinein zu sterben. An Dir ist es, mir die Wege zu bereiten, dass dieses Menschen Opfer für die gesamte Menschheit mich ganz in sich aufzunehmen nicht umsonst sein wird und ich aus dem Samenwurf dieses Menschen dereinst durch Menschen wiederum die Möglichkeit haben werde aufzuerstehen. Auf dass der Menschen Seelen nicht ganz verdunkeln, muss die Sonnenkraft sich opfern.“


Saphira: Das grosse Ich, es stirbt hinein in den Menschen. Nicht mehr muss der Mysterien Schüler durch bestimmte Übungen auf einer fortgeschritteneren Stufe seiner Entwicklung aus seinem Körper hinaussteigen, um dem Sonnengeist zu begegnen, sich mit ihm zu vermählen, der Mensch wird dereinst in in seinem Denken für den Sonnengeist erwachen und erleben wie dieser ihn seine Wege führt.
Ich sehe sie innerlich vor meinen Augen, die hohen Herren der verschiedenen Mysterien Schulen, nicht wenige von ihnen hätten dafür gesorgt, dass Aristoteles zu Tode gekommen wäre, wenn dieses Erlebnis öffentlich geworden wäre. Zudem wird mir jetzt erst wirklich klar, welche Gratwanderung Aristoteles ein Leben lang zu meistern hatte, immer auf Schwertes Schneide in einer gleicherweise non verbalen, wie tatsächlich oft auch sehr hinterhältigen Auseinandersetzung um den echten Mysterien Weg. Aristoteles schwieg also, verlies die Schule von Eleusis und suchte Anschluss an die Akademie von Platon.
Er musste sehr jung gewesen sein, als er nach Eleusis kam, denn um ein derartiges Erlebnis mit einer solchen Wachheit haben zu können bedarf es selbst bei einer besonderen Eignung für den Mysterien Weg einiger Vorbereitung, um den Geist so zu schulen, dass er die einzelnen Vorgänge in diesem Erlebnis so klar unterscheiden konnte, wie Aristoteles dies mit noch nicht einmal siebzehn Jahren vermocht hat.
Derjenige, der ihn in Eleusis aufnahm musste ein besonderes Auge für die Qualitäten dieses so jungen Menschen gehabt haben und gleichzeitig einen Status in Eleusis, unter dessen Schutz Aristoteles Eleusis verlassen konnte, ohne dass auch nur eine entfernte Ahnung über die wahren Gründe nach aussen dringen konnte. Ein wahrlich ungewöhnlicher Vorgang. Du weisst, ich kenne Eleusis in und auswendig in allen seinen Strukturen und menschlichen Besonderheiten. Nur ein Eingeweihter konnte ihm diesen Schutz gegeben haben und rückblickend gab es ausser meinem Vater in meinen Jugendjahren nur noch einen, der diesen Rang einnahm.
Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass sich Aristoteles überhaupt keinem Menschen anvertraut hat, bevor er Eleusis verlies. Jemand musste ihm seinen weiteren Weg gewiesen haben, jemand, der über den damaligen Zustand der Schule von Eleusis hinaus zu sehen vermochte, jemand, der tiefer in eines Menschen Seele schauen konnte und darauf bauend unbeirrt das tat, was der Geist ihm gleichsam zuflüsterte. Jemand, der Platon kannte und eine Verbindung zu ihm herstellte, noch bevor Aristoteles an die Pforte der Akademie klopfte.
Dieser junge Mensch musste mit Bedacht geführt werden, wenn er seine Bestimmung dereinst sollte finden können. Platon hatte demnach aus einer von höchster Stelle ausgesprochenen Bitte aus Eleusis heraus gehandelt, als er Aristoteles so jung in seine Akademie aufnahm. Und er hat über 20 Jahre hinweg über den weiteren Weg dieses Menschen gewacht.

Kretos: Von daher betrachtet bekommt das Höhlengleichnis von Platon noch eine ganz andere schicksalhafte Färbung für Platon, wie für Aristoteles. Ich kann das nur ganz zart berühren. Saphira, Du wirst es in Deiner Seele gewiss zu einem lebendigen Bild erschaffen können.
Für mich kristallisiert sich, jetzt nach vielen Jahren, jedenfalls immer deutlicher heraus, dass Platon mit dem Höhlengleichnis seinem Schüler Aristoteles das Tor geöffnet hat, um dessen Erlebnis aus Eleusis tatkräftig in die Welt hinaus tragen zu können. Sein Schicksal war es nicht diesen Weg in die dunkle Tiefe hinein zu gehen, seine Aufgabe war es allein einem anderen Menschen den Weg dort hinein zu weisen. Platon wurde also zum tragenden Brückenpfeiler für den weiteren Weg des Aristoteles. Vom Denken her durch Platon bestens ausgebildet, konnte Aristoteles jetzt „sein Erlebnis aus Eleusis“ als Geburtskeim der Individualität, hervorgehend aus dem Denken, in die Welt hinaus aussäen.
Platon und Aristoteles sind mit Sokrates, dem Lehrer von Platon, aus meiner Sicht so die Hebammen einer zur Freiheit und Selbstverantwortung sich auf den Weg machenden Menschheit.

Saphira: Der Kreis schliesst sich. Platon und Aristoteles als zwei Brüder im Geiste!

Kretos: Aristoteles sprach in diesen Stunden, da wir ein letztes Mal um ihn geschart, als seine Schüler mit ihm vereint waren voll grosser Ehrfurcht über Platon. Wie er andeutete, verdanke er seiner dialogischen Schulung die Aufarbeitung noch eines weiteren sehr starken inneren Erlebnisses, das er seinerzeit in Eleusis gehabt hätte. Er könne und dürfe darüber gegenwärtig aber nichts Näheres sagen, da darüber zu sprechen nicht alleine seine Angelegenheit wäre.
Er sagte nur soviel, dass dieses Erlebnis zurück gehe auf ein Mysterien Geschehen in Eleusis, bei dem eine junge Frau und er in einem hoch behüteten geheimen Tempelschlaf einen teilweisen Seelentausch vollzogen. Wie er erst unter der Schulung des Platon sehr  viel später verstanden habe, sei dies als Vorbereitung für ein Zusammenwirken  von Mann und Frau für ein zu erneuerndes Mysterien Wesen in zukünftigen Zeiten geschehen. Er nehme jetzt diesen Keim mit sich, um ihn in späteren Zeiten, wenn die Zeit dafür gekommen sei, mit dieser jungen Frau zusammen zu eröffnen. Gleichzeitig legte er uns sehr ans Herz die dialogische Kunst „lebendig“ weiter zu entwickeln und alles zu tun, was uns möglich sei sie lebensnah, begleitet von einem wachen Denken, in die Welt hinaus zu tragen.

Saphira: Ich kann Aristoteles nur zu gut verstehen. Es gab in Eleusis Mysterien Handlungen, von denen weder der Grossteil der dort Lehrenden noch die Schüler, selbst wenn sie weit fortgeschritten waren, etwas wussten. Wenn ich die wenigen Andeutungen des Aristoteles recht verstehe, dann war Eleusis im Hinblick auf diese so verborgen gehaltenen Mysterien Handlungen „noch zukünftig ausgerichtet.“ Dass Aristoteles nach diesen inneren Erlebnissen aber Eleusis verlies, das ist für mich zugleich auch ein Hinweis, dass Eleusis über diese Keimbildung in einigen wenigen Schülern hinaus, für die weitere Entwicklung und Schulung derselben nichts mehr zu tun wusste. 
Bei Aristoteles können wir sehen, dass diese Mysterien Handlungen offenkundig erfolgreich verlaufen sind, denn er hat seinen Weg gefunden. Wie das aber in Folge möglicher weiterer derartiger Mysterien Handlungen bei anderen jungen Menschen verlaufen ist, das wissen wir nicht. Möglich, dass uns die Zukunft darüber einen näheren Aufschluss  gewährt.

Kretos: Du zeigst Dich wirklich sehr einfühlsam, Saphira. So wirst Du auch die folgenden Hinweise von Aristoteles zu seiner Akademie im rechten Lichte verstehen können. Er sagte nämlich:
"Ihr werdet euch vielleicht schon gefragt haben, warum ich keinen Schüler aus meiner Akademie zu dieser letzten Unterredung gerufen habe? Nun, ich habe es getan, weil diese Akademie zwar noch einige Zeit fortbestehen wird, es wird in ihr aber immer weniger von meinem Geist fortwirken können. Die innere Kraftgestalt des Denkens, der bei allen meinen lehrenden Bemühungen mein Hauptaugenmerk galt, sie wird sich verflüchtigen und schliesslich ganz aus dem Blickfeld derjenigen herausfallen, die meine Worte konserviert weitertragen werden."
Zu mir gewandt sprach er weiter:
"Du Kretos hättest die Akademie in die neue Zeit hinein führen können. Ich habe mit Deiner Ablehnung an meiner Akademie unterrichten zu wollen seinerzeit aber unmittelbar verstanden, dass mein grösstes Anliegen, Bewusstheit für die innere Kraftgestalt des Denkens zu vermitteln, als Keim auf den Wegen über das einfache Volk viel wirkungsvoller weitergetragen und weiter entwickelt werden kann."

Saphira: Es geht also darum nicht über Bewusstheit zu reden, sondern sie zu leben! Dies wiederum ist nur möglich mit einem Mut, mit dem Aristoteles seinerzeit die Höhle betreten hat, um dann mit der wachsenden Intensität im eigenen Denken alle „dunklen Begrenzungen,“ die selbst auferlegten Fesseln schlussendlich zu sprengen.
Dem Erleben des Aristoteles in Eleusis folgend geht es darum der inneren Sonnenkraft zu begegnen, mit ihr eins zu werden ohne sich dabei selber zu verlieren und durch eine selbsttätig entwickelte Intensität eine nach innen umgestülpte, mehr und mehr erwachende, Kraftbewegung zur Entfaltung zu bringen.

© Bernhard Albrecht Hartmann, 28.12.2013

Die Fortsetzungen dieses Dialogs sind zu finden unter:
2.Teil:
https://ich-quelle.blogspot.com/2015/01/unter-der-platane-ein-dialog-uber-die_10.html
3.Teil:
https://ich-quelle.blogspot.com/2017/04/ein-dialog-uber-die-zeiten-hinweg-im.html
Eine vierte Fortsetzung ist in Arbeit.