Dienstag, 23. Februar 2021

Aufrecht stehen im N ich ts - 2

Der ein oder andere Leser des 1.Teils dieses Essays wird wohl einiges auf mein Sagen  einzuwenden gehabt haben. Nun der Einwände viele habe ich mir vorauseilend selber gemacht - ohne sie dann aber im Schreiben auch nur zu berühren. Denn im Schreiben über das Nichts geht es nicht um eine quasi lückenlose Argumentationskette bezogen auf die inhaltliche Seite des Problems. Das Nichts hat nämlich kurz und bündig gesagt keinen Inhalt, auch dann nicht, wenn eine abstrakte Denkweise ihm einen solchen gerne zuschreiben möchte, weil der Umgang mit einem theoretisch angenommenen Nichts doch schon ein Inhalt sei.

Wohlgemerkt eine Annahme, aber kein Inhalt. Eine Problem-Fokussierung mit Absichtscharakter  ohne Aussage Substanz. Warum? Weil der Annahme keine Erfahrung zu Grunde gelegt ist. Spätestens seit Kant ist in der Wissenschaft jedoch alles auf Erfahrung hin zu orientieren. Erfahrung gewissermassen als eine objektive Prüfschablone. Die Prozesswege des Denkens hat Kant hierbei allerdings nicht einem fragend zu ergründenden Erfahren unterzogen. Wie seine transzendentale Philosophie zeigt hat er das Denken vielmehr mit einem dem Anschein nach undurchdringlich erscheinendem Schleier der Abstraktion umhüllt. Und eben das ist bis heute „das“ Problem. Aus der Sicht von Kant her betrachtet aber war es notwendig, um dem Subjektivismus nicht Tür und Tor zu öffnen. Es schien ihm offenbar ein Anliegen zu sein die innere Unabhängigkeit des Denken Könnens zu wahren. Deshalb schuf er mit seinem Verweis auf das „Ding an sich“ die abstrakte Denksignatur schlechthin, eine Art Observatorium, von dem aus die zu erfahrenden Erscheinungen dieser Welt in abstrakten Gedanken allgemein verstehbar gemacht werden könnten.

Von heute her ist zu fragen, kann und darf angesichts des verdeckten Erklärungsnotstandes der Wissenschaft heute noch an dieser Position von Kant in gleicher Weise wie dazumal festgehalten werden? Hat sich das Denken durch die von Kant her angewandte Abstraktionskur insofern weiter entwickeln können, dass seinen Befürchtungen nicht mehr in gleicher Weise Rechnung getragen werden müsste wie dazumal? Angesichts eines um sich greifenden Hashtag Verhaltens in Social Media Räumen, wie auch verschleiert immer hemmungsloser vorgebrachter und z.B. hinter Datenverordnungen versteckter so genannter unabweisbarer Interessen gäbe es einigen Grund daran zu zweifeln. Es besteht anscheinend immer weniger eine Hemmung sein Sagen einzudämmen. Alles scheint gesagt werden zu dürfen, ob daraus bei den Empfängern Verletzungen oder gar Einschränkungen in ihrer Freiheit resultieren oder nicht. Auch die qualitative Rückbindung an den Wahrheitsgehalt des Gesagten scheint an Bedeutung einzubüssen. Kurz gesagt: Weil ich das so sehe, darum ist es auch so.

Was in meinen Augen bei dieser Vorgehensweise allerdings übersehen wird ist dieses. Der so Denkende sieht sich selbst innerhalb dieser Vorgehensweise in der Position des „Berechtigten Gegenüber.“ Er stellt diese Position vor sich selbst nicht in Frage. Gefangen in abstrakten Argumentationsketten ist ihm die Wirkung, die er durch sein Vorgehen auf andere Menschen ausübt anscheinend aus dem Blick geraten. Dass die Ego Sicht auf die Sinnfelder seines Lebensumfeldes die individuellen Freiheitswege anderer Menschen blockieren könnte wird mit einem so genannten sachlichen Interesse einfach überblendet und damit als nicht relevant im Schattenbereich der eigenen Anschauung entsorgt. Die Abstraktion im Hochtouren-Modus. 

Es mag irritieren wenn ich hier die Frage einflechte, was haben in dieser Weise  scheinbar sachlich aneinander gereihte Gedankenketten noch mit Denken zu tun? Noch pointierter gefragt, kann ein Ego geleitetes Denken überhaupt allseitige Sachlichkeit gewährleisten oder verschleiert es hinter mächtigen Ego Schranken nur einen letztlich hemmungslosen Subjektivismus der Macht, bzw. entfesselter Willenskonvulsionen? Ist also die von Kant favorisierte abstrakte Denkweise verdeckt zu einem fragwürdigeren Subjektivismus verkommen, als dem welchen er ursprünglich eigentlich verhindern wollte? 

Doch versuchen wir noch einen Schritt weiter zu gehen und dem Problem, das sich durch das abstrakte Denken anscheinend eingestellt hat näher zu treten. Öffnen wir unsere Sicht durch tiefer greifendes Fragen also noch mehr auf den Grund hin. Wagen wir es Fragen zu stellen angesichts der Aussage des Sokrates: „Ich weis, dass ich nicht weis“ Gehen wir mutig hinein in diese Sphäre des „ich weis, dass ich nicht weis.“ Halten wir uns innerlich die Möglichkeit offen, dass aus dieser Art des Bemühens uns gleichsam Antworten zuwachsen können. Denn es geht hier um das konkrete und praktische innere Erfahren, um das Erfahren als dynamischen Prozess, das Kant seinerzeit aussen vor gelassen hat. Es geht um einen qualitativen Zugang zum Denken im eigenen Erfahren. Einen subjektfreien Zugang. Gibt es von daher also eine Beziehung zwischen Ego und Nichts? Was soll denn das, höre ich sogleich murmeln. Deshalb noch einmal nachgefragt, welche bisher nicht beachtete Verbindung könnte zwischen dem Ego und dem Nichts bestehen? 

Heisst das nicht, dass wir aufgerufen sind ein-zu-sehen und zu verstehen, wie das Ego mit seinen Dynamiken in einer Selbsterkenntnis Bemühung beobachtbar ist? Das Ego mit seinen Prozessgebärden Selbstbild und Illusion - verbunden mit seinen individuellen Fragen im inneren Erfahren in der eigenen Lebenswanderschaft? Was heissen würde, sich absetzen von einem mitunter blindwütigen Verhalten des Übertragens eigener Fehlleistungen auf andere Menschen ohne nach innen hin auch nur mit den Augen zu zucken. Eine Verirrung des abstrakten Denkens, das die Verbindung zur Prozesserfahrung des eigenen Denkens verloren hat, den Peripathetos, wie ihn Aristoteles einst vermittelte nicht mehr zu handhaben weis. Doch ohne ein sich Einstellen-Können auf zahlreiche innere Erschütterungen im forschenden Umgang mit dem eigenen abstrakten Denken,  nicht nur im wissenschaftlichen Raum, sondern gerade auch im praktischen Alltag und nicht weniger innerhalb von spirituellen Übungsbemühungen wird sich das Tor zum Nichts nicht öffnen lassen, wird sich die voll umfänglich bewusste Einheitserfahrung von Sein und Leben nicht zeitgemäss einstellen können. 

Etwas genauer besehen lassen sich in der Gestaltung des Ego zwei Grund-Dynamiken ausmachen. Dies ist einmal die Tendenz zur Stauung oder auch Selbsterhaltung um jeden Preis. Zum anderen die der Bewegung über sich hinaus. In Letzterer ist eine Besonderheit herauszuheben. Nämlich die einer beständigen Veränderung, die am Ende sich aber als keine wirkliche Veränderung herausstellt, sondern lediglich als Stillstand im dennoch gleichen Kleide. Das Ego ist nämlich ein hochkarätiger innerer Verwandlungskünstler und von daher als Meister der Selbsttäuschung oder anders gesagt Jongleur mit farbenfrohen Illusionsgebilden der Sonderklasse - mithin als Zauberkünstler in der Selbstinszenierung zu beschreiben. Und dieses Geschehen stellt sich fort und fort neu so formvollendet dar, dass der sich so Bezaubernde am Ende sich nicht anders als in seiner Grossartigkeit bewundern kann, ernsthafte Abstriche in Form von Selbstkritik ausschliessend. 

In den Tiefen des Ego ist aber noch eine andere Bewegung auszumachen, ein Inkarnations-Prozess der tatsächlichen Selbsterneuerung, so zart, dass er anfänglich unbemerkt bleiben kann. So unbemerkt, dass mancher Ego-Träger sein Ego sogar für sein Ich hält. Wo aber Selbstillusionen dauerhaft den Platz besetzen kann kein kraftvolles Ich in Erscheinung treten, denn das Ich braucht die dekomponierte Selbstillusionen als Dünger für sein verstärktes Wachsen. Das Ich wächst also auf dem Boden der kritischen Auseinandersetzung mit seinen Illusionen. Und der beste Weg hier nachhaltig auf Wachstumskurs zu gelangen ist der Weg des respektvollen Dialogs über Gegensätze hinweg. Das Ich gedeiht in der selbstkritisch gefärbten Bewegung im Umgang mit Illusionen jeglicher Art. Und wie sehr das Ego sich darstellen kann als eine Illusionsschleuder schier ohne Ende, das tritt erst dann in den Blick, wenn Du beginnst im Umfeld einer Deiner Illusionen in die Tiefe und in die Breite zu graben. Vorstellungen über dies und das in unserer Alltagszeit sind hier weit mehr die Ankerketten von Illusionen als wir es gemeinhin für möglich halten. Vorstellungen vor allem dann, wenn sie sich bei näherem Hinsehen als „alteingesessen“ herausstellen.  

Wenn ich hingegen in einem echten Dialog mich wirklich öffne für den anderen Menschen, dann muss ich fortlaufend meine Vorstellungsbildung anpassen, so vielfarbig stellt sich dieser Mensch im Laufe eines Dialogs und noch mehr von Dialog zu Dialog über einen längeren Zeitraum hin dar. Ohne präsent zu werden „auf das andere hin,“ das aus diesem Menschen in meinem Erfahren in Wort, Ton und Körpergestus spricht ist ein echter Dialog nicht möglich. Gelingt dies nicht dialogisiere ich mehr mit meinen abgelagerten Vorstellungen als mit dem anderen Menschen. 

Ich muss also eine sehr starke Bewegung aufbauen und mich in ihr halten. Und in dieser Bewegung lerne ich von einem „ich weis, dass ich nicht weis“ zum nächsten zu tanzen. Ich werde mit einiger Übung heimisch in dieser Bewegung und verschmelze mit dem Erzeuger dieser Bewegung. Ich gehe aufrecht durch das  Nichts. Das  N  ich  ts verschwindet in der Bewegung. Diese Bewegung aber ist subjektfrei, weil sie nicht durch das Ego geleitet, sondern vom Ich her geführt wird.

© Bernhard Albrecht Hartmann, 23.02.2021




Sonntag, 7. Februar 2021

Aufrecht stehen ... im N ich ts Teil 1

Kann über das was das Nichts ist etwas ausgesagt werden? Wie das? Locker vom Hocker geantwortet ist das doch Blödsinn. Denn: In einer Welt, in der die Wirklichkeit per se  aus einer Sicht von aussen und gegenständlich gedacht wird, gibt es keinen Raum für das Nichts, da das Nichts nicht räumlich vermessen werden kann. Das Nichts ist und bleibt von daher etwas nicht zu Fassendes, eben ein Nichts.  …  Auf den ersten Blick. 

Ihm dennoch Wirklichkeit zusprechen zu wollen, es in einem inneren Raum für eigenes Erfahren wenigstens anfänglich zugänglich zu beschreiben bedeutet einen schmerzlichen Weg bereit sein zu gehen. Denn das Nichts (auf den zweiten Blick) ist nicht irgendwo, es ruht und lebt, ja es lebt tief verborgen in mir. Und von dort her mahnt es heute immer dringlicher seine Befreiung an. Begeben wir uns also auf Spurensuche.

Eine erste Annäherung: Wo, wenn nicht räumlich zu fassen, könnte das Nichts sich verorten lassen? In welche Richtung wäre mein Blick auszurichten, zu lenken, um auf das Nichts zu stossen, ihm in kreisenden Annäherungen am Ende zu begegnen? In kreisenden Annäherungen? hmm. Also bewegt in Bewegung. Könnte das eine Perspektive, eine wachsend dynamische Annäherung an ein anschauend noch nicht gegriffenes Phänomen ermöglichen. Denn mit Annahme von so etwas wie einem Nichts umkreise ich in mir damit, bildhaft gesprochen, nicht so etwas wie ein „schwarzes Loch?“ Doch halt, schwarzes Loch. … in mir. Wer will mir da noch folgen? Will ich da ernsthaft selber forschend weitergehen? In ein Loch … von welchem Rand aus? Denn ein Loch, noch dazu ein schwarzes, bedarf es dazu nicht einer Umrandung, um es als solches innerhalb seiner Umgebung überhaupt als Loch identifizieren zu können?

Und weil wir hier nun schon mitten im Fragen begriffen sind, verwickle ich mit diesem meinem Fragen mich nicht in immer tiefere Widersprüche hinein? Dass das Nichts nicht räumlich vermessen werden könne, das habe ich ja schon gesagt. Was tue ich dann aber, wenn ich in meinen Innenbetrachtungen von einer „Umrandung“ spreche, die zur abgrenzenden Identifizierung dessen was das Nichts vielleicht am Ende dann ist notwendig sei. Habe ich damit  nicht quasi unbemerkt ein räumliches Vorstellen nach innen übernommen? Dürfen innerhalb der Betrachtung von inneren Phänomenen, zu denen wir das Nichts hier vorläufig einmal zählen wollen, können wir bei zu unterscheidenden Prozess-Sequenzen in der Betrachtung derselben räumliche Parameter überhaupt anwenden? Kann ich also von einem „da oder dort“ in Bezug auf ein zu identifizierendes Nichts hinweisend überhaupt sprechen?


Wie ist also mit Phänomenen auf diesem Felde umzugehen, um schrittweise zu immer differenzierteren und damit verlässlicheren Beschreibungen derselben zu kommen, dort wo alles fortlaufend in Bewegung sich befindet? Ich muss mich innerlich selber in Bewegung versetzen und bewegt in dieser Bewegung auch halten können. Das wiederum ist nicht so ganz einfach. Denn: Die grosse, wohl eher selten wirklich ausreichend überprüfte Hürde sind unsere eigenen Vorstellungen und ihr Tatsachen Fundament auf dem sie ruhen, die wir mit einem Sachzusammenhang verbinden. Und eben diese Vorstellungen tun bei einem tiefer greifenden Hinsehen alles, um uns nicht aus ihren Fangarmen entlassen zu müssen. Sie sind eine so tiefe Verbindung mit uns eingegangen, dass wir nicht bemerken wie wir unversehens über unser gegenwärtiges Wirklichkeitserfahren mitgebrachte eigene Vorstellungen „als Etiketten“ kleben und so verhindern, dass die tatsächlich augenblicklich eigene Wirklichkeitsgegenwärtigkeit an die Oberfläche unseres Bewusstseins treten kann. 

Bedeutet das nicht, dass die individuellen Ankerketten, an die wir Vorstellungen aus unserer Vergangenheit, d.h. gewisse Erlebnis- und Erfahrungswelten gebunden haben, zu überprüfen sind, um das innere Sichtfeld darauf hin zu öffnen im Dialog vermehrt in die Betrachtungsweise unseres jeweiligen Gegenüber eintreten zu können und von dort her zu denken? Denn gründet Verständigung nicht über die eigene Argumentation hinaus darauf die Gedanken unseres Dialogpartners teilen, d.h. vorurteilslos mitdenken zu können, was am Ende nicht heisst, dass ich sie unwidersprochen hinnehmen muss? Ein solches Vorgehen wirkt in meinen Augen Stil bildend und wahrt darüber hinaus die Würde des anderen Menschen, kann diesen möglicherweise sogar still beflügeln eigene Festlegungen in der Argumentation verstärkt neu zu überdenken. Der „freie Geist“ kann wirksam werden. Emaus

Doch vertiefen wir die begonnene Spurensuche weiter und wenden uns dazu einem heute im Social-Media Raum weit verbreiteten „Argument“ zu, nämlich dem, dass die Mainstream Presse lügt. Schon der weit gespannte Bogen, der sich in dieser Aussage abzeichnet deutet auf eine Kette verdeckter weiterer Vorstellungen hin, welche die Grundbehauptung, dass die Mainstream Presse lügt unterschwellig begleitet und von daher auf ihren Grund hin untersucht sein will. Damit wir uns hier jedoch nicht von Anfang an missverstehen, will ich sogleich kundtun, dass ich in Folgendem nicht die Absicht habe das Argument, dass die Mainstream Presse lüge zu widerlegen. Es geht einzig und allein darum den Sachfaktor der „eigenen Vorstellungen“ in der Auseinandersetzung mit Presseorganen um ein weniges mehr transparenter vor die eigene Selbsterkenntnis rücken zu können, d.h. die Wirkmechanismen sichtbar zu machen, die „eigene Vorstellungen“ zu vorschnellen Entscheidungsgeschossen in der Auseinandersetzung um das augenblickliche Weltverstehen mutieren lassen.

Um es kurz zu sagen, die Presse ist nicht dazu da die je eigene mitgebrachte Meinung zu stützen. Sie stellt lediglich ein mehr oder weniger tief und breit gefächertes Angebot von denkender Auseinandersetzung zu spezifischen Sachzusammenhängen zur Verfügung. Der qualitative Standart der darin zum Ausdruck kommenden denkenden Auseinandersetzung mit dem Thema beinhaltet nicht die Gewährleistung der Irrtumsfreiheit und die der durchgehenden Sachlichkeit und Folgerichtigkeit in der Argumentation. Werden vor meinen Augen vermeintlich wichtige Sachzusammenhänge nicht ausgewiesen, so lässt sich daraus „sachlich“ nicht ableiten, dass der Verfasser dieser Aussagen lügt oder „Tatschen“ verschleiert. Vor seinem Erkenntnishorizont werden diese Sachzusammenhänge einfach nicht sichtbar, weil er aus einer gänzlich anderen Perspektive schreibt, als ich seine Ausführungen lese. Aus einer sowohl im Aussenbezug anderen Perspektive, wie auch einem notwendig anderen Verhältnis zu den Möglichkeiten seines eigenen Selbsterkennens.

Und er darf das ohne dass er mit Unterstellungen oder gar mit dem General -„Verdacht“ als sogenannter teilhabender Journalist der Mainstream Presse (blinder) Mitwirkender einer Verschwörung zu sein behaftet wird. Er darf das auch dann, wenn er sich von Interessen aus seinem Umkreis manipulieren liess. Ich kann von ihm nicht einfordern, was seine Perspektive auf die Sachbelange über die er schreibt einfach nicht hergibt oder vermeintlich nicht erlaubt. 

Vielmehr bin ich gefordert statt ihm etwas zu unterstellen mein Denken sachlich zu vertiefen, … zu vertiefen bis auf den sehr schmerzlichen Grund „eigenen“ Selbsterkennens hin, bis an die Pforte, dass ich weiss, dass ich nicht weiss. Die Pforte zum Nichts, die Pforte zum Handhaben-Können reinen schöpferischen Willens. Durch diese Pforte aber schreitet nur, wer Wertschätzung des anderen Menschen auch in denkbar schwierigen Gegensätzen zu leben weis. Und dies beinhaltet keineswegs eine apodiktische Aussage sondern ist allein Teil einer fortschreitenden Erkenntnis auf den eigenen Grund hin, ist Ausdruck der stets neu zu stellenden Frage nach der eigenen Redlichkeit im Dialog - nach aussen wie nach innen. Ist gelebte Freiheit und nicht nur Ausübung von vermeintlich verfassungsmässigen zu beanspruchenden Freiheitsrechten - ein riesengrosse Unterschied für den der wirklich denken will. Freiheit kannst Du nicht haben, Du bist vielmehr gefordert sie existentiell zu leben.

Das wusste schon Sokrates und deshalb floh er nicht vor den Mysterien-Wächtern seiner Zeit, sondern nahm den Giftbecher. Er stellte sich den Vorstellungen dieser Männer, die das Recht beanspruchten ihn verurteilen zu dürfen. So leerte er äusserlich den Giftbecher, den man ihm reichte, innerlich aber verbrannte er das Gift, das in den Vorstellungen schwärte, die ihn verurteilten und überwand damit den Tod unscheinbar vor aller Augen. - Die Antwort an Sokrates über die Zeiten hinweg von unserer Seite heute? Sie ist und bleibt offen, solange wir noch Vorstellungen als Faustkeile benutzen, um andere Menschen durch sie zu verurteilen und mit Verdächtigungen zuzuschütten. Wir haben einfach nicht verstanden, was es heisst Freiheit zu leben. Wir haben nicht verstanden, was es heisst zu sterben bevor wir sterben. Wir haben Angst vor dem Nichts. Den Mutlosen bleibt auf diese Weise das Tor des Nichts verschlossen. Diejenigen aber die aufrecht stehen lernen im Angesicht des Nichts, denen öffnet es sich zu seiner Zeit.


© Bernhard Albrecht Hartmann, 07.02.2021

Mittwoch, 13. Januar 2021

Blinde Flecken II

Blinde Flecken identifizieren im Nachgang zu Markus Gabriel. Ich erinnere, im ersten Teil dieses Beitrags habe ich mich auf die einleitenden Worte seines neuen Buches „Fiktionen“ (1) bezogen, „der Schein ist Sein …“. Da ich, was ursprünglich nicht vorgesehen war, dem schon Gesagten nunmehr eine Fortsetzung folgen lasse, so will ich den schon zitierten Gedankengang im Sinne der Überschrift dieses Beitrags noch etwas näher aufbereiten.

„Der Schein ist Sein“. Wer stösst auf ein Erstes hin nicht an diesem Satz an? „Der Schein  i s t  Sein.“ Der Schein hat sich unscheinbar seinen Weg zur Seins-Herrschaft gebahnt. Er hat in allzu vielen Bereichen dessen, was wir als Wirklichkeit betrachten sich wie selbstverständlich niedergelassen und das Ruder der Macht über uns übernommen. Welche Entfesselung der Schein bewerkstelligen kann, davon werden wir gegenwärtig alle Zeugen, in dem was Donald Trump auf der Weltbühne geradezu zelebriert. Er verleiht dem Schein Wirklichkeit und glaubt - er glaubt das  voll und ganz und ist insoweit keineswegs von der Rolle. Das was er sagt ist in seinen Augen auch tatsächlich so. Weil selbst als Person zur Gänze im Schein aufgegangen wird er zum Manifestor des Scheins im ganz grossen Stil.

Doch halt, „der Schein ist das Sein,“ wie steht es in dieser Beziehung mit einem jeden von uns hier? Markus Gabriel: „Denn das Wirkliche ist dasjenige, zu dem  w i r  n i c h t   e r f o l g r e i c h  auf Abstand gehen können“. Wir gehen nicht erfolgreich auf Abstand weil der Schein sich dazwischen schiebt, wir durch ihn auf eine von ihm verfremdete Seins-Ebene umgelenkt werden. Wie kann das sein: Weil wir in Dialogen zumeist unversehens „eigene“ Vorstellungen als Filter unseres Verstehens einschieben. Wir gehen eher selten, also nicht selbstverständlich eine subjektfreie, tatsächlich anschauende Erlebnisverbindung mit dem Gegenüber ein. Denn eine derartige Verbindung kommt nur über die aktive Haltung von unserer Seite aus zustande. Sie stellt sich nicht von alleine ein. Sie ist willentlich hervorzubringen.

Schauen wir doch nur einmal unser alltägliches Grussverhalten mit Nachbarn oder beruflichen Mitarbeitern an. Welche Zahl wählen sie hier bei einer „strengen“ Rückbesinnung für eine jede Begegnung von 1 -10, wobei die 1 für >im Vorübergehen gerade noch wahrnehmen und sodann gleich wieder vergessen< und die 10 für >einen offenen und tatsächlich interessierten kurzen Dialog zum Befinden des anderen Menschen< steht. Wie sieht es also hier innerhalb der „scheinbar“ eher unbedeutenden Begegnungen unseres Alltags um die Qualität im Begegnen aus. Jeder dieser Menschen ist ein Mensch wie wir. Wie weit stellen wir ihm ein echt menschliches Interesse zur Verfügung? Und ich sage das hier nicht so von ungefähr, denn hier stellen wir in der Überwindung der Routine unsere tatsächliche menschliche Reife unter Beweis und nicht erst im Angesicht unter Freunden oder Gleichgesinnten.

Wenn wir hier aufmerksam werden, ist das dann nicht ein Hinweis dafür, dass wir für die Fussspur unseres eigenen „Erkenne Dich Selbst“ aufzuwachen beginnen? Dass wir salopp gesagt das vor uns selbstverdeckt gehaltene „Fremdeln“ überwinden? Denn wir treten heraus aus unseren individuell mehr oder weniger selbstbezogenen Verkapselungen, unseren diversen Bünden, seien es berufliche, weltanschauliche oder einfach nur Gewohnheiten und beginnen „den Menschen“ wahrzunehmen, der uns unscheinbar an einer jeden Strassenecke begegnet und uns diese oder jene Botschaft verdeckt zuträgt, uns in das „Hier und Jetzt“ durch seine ihm zur Verfügung stehenden Mittel und Möglichkeiten aufwecken will. Wie oft aber sind wir blind, Hand aufs Herz? Wie oft übersehen wir das leise Blitzen in den Augen eines vorüber gehenden Menschen oder deuten es falsch?


Die Scheidegrenze zwischen dem Schein, der sich gewissermassen selbst mit dem Schein des Seins etikettiert, der also den unbemerkten Schatten tatsächlichen Seins darstellt, ohne dass wir das auf Sicht hin überhaupt bemerken, wird demnach dort  b e t r e t e n,  wo wir zu dem Wirklichen „nicht erfolgreich auf Abstand gehen können.“ Das Sein verbirgt sich hinter dem Schein. Das Offenbare bleibt uns verborgen, weil wir nicht aktiv gewillt sind über unsere Ego-Vernebelungen hinauszusehen. Wir leben mit Markus Gabriel, solange wir uns nicht eine mehr durchgehende aktivere Haltung im Umgang mit  u n s  s e l b s t  aneignen, in einer „verdrehten Differenz von Sein und Schein (2).“


Der innere Abstand führt uns demnach nur an das Sein heran. Er verleitet uns jedoch damit nicht wenig dazu, dass wir gleichsam auf der dem subjektiven Schein wie gegenüberliegenden Seite, also im abstrakt formalen Hinschauen auf die Wirklichkeit in einer gänzlich anderen Art und Weise wiederum dem Schein verfallen. Erst in einer Überprüfung auch dieses Zustandes werden wir uns der ganzen Schwierigkeit immer deutlicher bewusst, was es heisst in einer scheinbar wie unabänderlichen Weise dem Zangengriff ausgeliefert zu sein, der uns wissen lässt wie sehr wir an dem Wirklichen hängen, „zu dem dem wir nicht erfolgreich auf Abstand gehen können“ und das ist von dieser Seite her betrachtet der Schein des Nichts. 


Um das Nichts ist viel gestritten worden. Ich will von daher in diesen kaum zu überbietenden Streiten nicht eine weitere Lanze brechen, sondern auf den bis heute in meinen Augen unerkannt grössten Praktiker im Umgang mit dem Nichts verweisen, auf Sokrates. Er wusste nämlich die Menschen, mit denen er dialogisierend unterwegs war an ihr  i n n e r e s  E r f a h r e n  heran zu führen, „dass ich weiss, dass ich nicht weiss.“

Sokrates hat damit jene menschliche Grunderfahrung in einigen wenigen Menschen voraus genommen, die für die heutige Zeit die bedeutendste zu erringende Bewusstseinstat ist. Und damit stelle ich keine Behauptung auf, sondern verweise nur auf die Möglichkeit diese Erfahrung zu machen und zu sehen, was sich im Vollzug derselben an eigenem Erfahren einstellt. Der Wirklichkeit, die sich von dort her innerlich zeigt kann keiner entrinnen. Er kann nur bestimmen zu welchem Zeitpunkt er bereit ist sich dieser Wirklichkeit auf seine ureigene Weise zu stellen.


Jakob Böhme umschreibt diese Erfahrung so: „Wer nicht stirbt bevor er stirbt, der verdirbt.“ Mit anderen Worten geht es damit um die Preisgabe der eigenen inneren Selbstbilder und das Erfahren des langsamen inneren Auferstehen in die Kraft des Ich. Der dunkelste blinde Fleck im Menschen ist das Nichts und die Erfahrung, dass gerade dort das Ich ruht, bis ich es bewegt in Bewegung ergreife. 


Das  N  i c h  t s  ist der Raum des Willens, der grösstmöglichen schöpferischen Kraft des Menschen.

© Bernhard Albrecht

(1) Markus Gabriel Fiktionen, Suhrkamp Verlag Berlin 2020, Einleitung S.17, 1. Absatz
(2) dito S.17, 3. Absatz

Montag, 4. Januar 2021

Blinde Flecken I

„Und wo bist du blind? Was übersiehst du, obwohl oder weil du sehende Augen hast?“ https://windwort.blogspot.com/2018/05/blind.html
Wieder einmal trägt Dir der Wind die Frage nach den blinden Flecken im Welt Zugewandt-Sein deiner sehenden Augen zu. Ein Zugewandt-Sein beinhaltet aber im gleichen Atemzug immer auch ein spezifisches Welt Abgewandt-Sein, ob dieses die eigene Innenwelt oder die mehr oder weniger dazu korrespondierende Aussenwelt betrifft. In der Ausrichtung auf dieses oder jenes schliesst Dein Sehen ganz natürlich tote Winkel mit ein. Es ist also von einiger Bedeutung in der Urteilsfindung den dazu gehörigen Sachverhalt von möglichst vielen Seiten betrachtend ins Auge zu nehmen.
Genau an dieser Stelle verschleiern wir uns jedoch allzu häufig unser Denken, indem wir durch Filter, sprich Vorstellungen auf die Begebenheiten um uns herum schauen, die wir der Möglichkeit eines unmittelbaren Erfahren zumeist unbemerkt vorschalten. Was wir sehen und wie wir es auffassen ist also von allem Anfang her nicht selten bereits getrübt in seinem Wirklichkeitsgehalt.
Wenn dem aber so ist, wie kann ich mich davor schützen in diese selbst gestellten Fallen immer wieder hineinzulaufen? Denn was ich sehe wären ja dann von Fiktionen und eigenen Projektionen überlagerte Wirklichkeitsgebilde. Wirklichkeiten also wie ich sie sehen will, wie sie aber … vielleicht tatsächlich nicht sind.
Tatsächlich nicht sind? Ist das nicht ein wenig dick aufgetragen? Auf ein erstes hin mag das so erscheinen, aber genauer besehen …
Gehe ich nämlich der Möglichkeit immer wieder einmal entschiedener nach ich trüge da oder dort Filter vor meinen Augen, die mein Wirklichkeitsverstehen verfremdet oder getrübt haben könnten, so kann sich im Zuge anhaltenden Bemühens ein immer weniger zurück zu weisendes Empfinden einstellen dem in die Augen zu schauen, was am Horizont meines Bewusstseins sich abspielt. - Wenn das „Erkenne Dich Selbst“ immer deutlicher an inneren Türen ruckelt und die seelische Beobachtung auf Zusammenhänge stösst, die auf das eigene Selbstbild schmerzhaft zurückwirken.
Sich empören über Fake News, die z.B. über Twitter Verbreitung finden, nicht nur von Seiten Donald Trumps, ist eines, die eigenen Fakes, die ich denkend produziere genauer zu untersuchen und zu berichtigen ein anderes. Den schönen Schein also unnachgiebig mir selber gegenüber zu identifizieren.
Schein und Sein: Markus Gabriel eröffnet sein neuestes Buch „Fiktionen“ mit diesen Sätzen. „Der Schein ist Sein. Wir entrinnen der Wirklichkeit nicht dadurch, dass wir uns täuschen oder getäuscht werden. Denn das Wirkliche ist dasjenige, zu dem wir nicht erfolgreich auf Abstand gehen können. Jeder Fluchtversuch scheitert hier daran, dass wir uns mitnehmen, dass also dasjenige, dem wir zu entkommen suchen - die Wirklichkeit - durch unsere Einbildung allenfalls verändert wird. Kein Gedanke und keine Tätigkeit bringen sie zum Verschwinden (1).“
Unabhängig von der Gedankenentwicklung, den das Buch von Markus Gabriel in seinem weiteren Verlauf nimmt, will ich hier allein von diesen Sätzen her fragen, was ist die Wirklichkeit vor der wir hier fliehen, was verbirgt sich in dieser Wirklichkeit, das uns anscheinend so erschreckt, dass wir wie einen Schleier über sie zu werfen uns genötigt sehen? Was schauen wir im Spiegel unseres Denkens da an? Vorsichtig tastend gesagt, könnte es unsere embryonale Nacktheit sein, der wir hier gegenüberstehen?
In die Kulissen blinder Flecken hinein zu schauen ist eine echte Herausforderung. Denn: Du bekommst hier kaum etwas zu sehen, das dich auf das Erste hin erfreut. Schon der Jüngling von Sais floh seinerzeit vor der Wirklichkeit, die sich hinter der enthüllten Statue der Göttin ihm darbot. Nur können wir heute nicht mehr fliehen. Wir können es nicht mehr und ich will, muss das hier  auch nicht begründen. Die Antwort kann ein jeder nur allein für sich finden.
Sich an eine wie auch immer geartete Führung wenden zu wollen geht nicht mehr. Die Fussspur des erkenne dich selbst bricht heute unverhohlen vor einem jeden Menschen in je eigener Weise auf.
Sie mit Leben zu füllen ist Ich-Verantwortung. Der Reset um den es geht ist ein nachhaltiges sich Hinwenden auf einen schöpferisch gestalteten Denkprozess im jeweiligen Alltag, bedeutet  Wirklichkeit erschaffen aus dem Ich - und über Gegensätze hinweg Wertschätzung der vielfarbigen  Ich-Gebärden anderer Menschen, die ihren Ich-Weg finden und gehen dürfen. Freies Geistesleben ...

Die Eigenart des Ich aber ist es, weil durch Achtsamkeit aus vielen Quellen belebt, dass jeder seiner Schritte den Mut wachsen lässt.

© Bernhard Albrecht Hartmann, 28.09.2018

(1) Markus Gabriel Fiktionen, Suhrkamp Verlag Berlin 2020, Einleitung S.17

Samstag, 2. Januar 2021

Tiefer gefragt

Wer will mag dem Folgenden lauschend nachgehen, be-sinnend zu seinem Er-innern vordringen - und  aus diesem Er-innern die nächsten Schritte selbstverantwortlich besinnend an die Hand nehmen.

Ist es nicht so, dass heute von nicht wenigen Seiten her, also nicht nur von so genannten lauten Querdenkern, sondern auch aus den Reihen der eher stillen Teilhaber am Weltgeschehen die Verhältnismässigkeit so mancher Massnahmen des Corona Managements vermehrt ins Auge genommen, wie auch ein weiträumigerer Blick auf das hin, was im so genannten Wettlauf wider die Pandemie zu tun sei innerlich bedacht wird?
Bewegen wir uns nicht „alle,“ die politischen Akteure, wie die weltweiten Mehrheiten an den Fernsehschirmen, im Verfolgen von beinahe stündlichen Neuen Pandemie-Nachrichten gleichsam wie Getriebene durch ein Zahlen-Hamsterrad?
Zahlen: Können sie dieses Geschehen wirklich steuern und am Ende bewältigen oder bedarf es dazu mehr?

Die Frage warum uns diese Pandemie gerade jetzt trifft ist also tiefer zu bedenken, denn sie mit noch so ausgeklügelten Statistiken wieder einfangen zu wollen könnte sich als der ganz grosse Irrtum herausstellen. Die Büchse der Pandora ist geöffnet und mit „Deckel drauf,“ sprich Impfen allein nicht mehr zu schliessen. Höchstens vordergründig eine gewisse Zeit zurückzudämmen - bis die nächsten Pandemien dann in immer schnellerer Folge über die Welt herfallen.
Denn waren Pandemien nicht seit alters ein Alarmzeichen erster Güte innerhalb der jeweiligen Gesellschaften, die einen Bewusstseinswandel dringend einforderten?

Pandemien als gesellschaftlicher Hurrikan.

Was könnte das von heute her bedeuten? Dem Gerede vom geplanten Reset gewisser Kreise wenigstens für eine kleine individuelle Einkehr einmal Einhalt zu gebieten und den Blick zu weiten. Reset nicht als Angst-Schimäre weiter „viral“ zu verbreiten, sondern innezuhalten und nur sich ganz alleine zu fragen, was habe ich in meiner Vergangenheit innerlich nicht entschiedener an die Hand genommen und in Selbstentwicklungen durchgehalten. Was muss ich also erstrangig bei mir auf Anfang stellen bevor ich meine Stimme erhebe und Forderungen in den gesellschaftlichen Umraum hinein stelle.
Welche Haltung habe ich zu repräsentieren.
Geht es also im Umgang mit Corona um eine grosse eigene innere Umkehr? Fallen jetzt vielleicht die Viren über mich her, die ich in meinen zu wenig bedachten (auch spirituellen) Ambitionen in der Vergangenheit in mein jeweiliges gesellschaftliches Umfeld hinein frei gesetzt habe? Egoistisches Denken als soziale Virenschleuder?
Es kehrt alles wieder, was durch mich unvollendet geblieben ist. Das „Erkenne Dich selbst“ ist langmütig, aber auch unnachgiebig.

 

© Bernhard Albrecht Hartmann, 02.01.2021

Zwischenruf zum Jahreswechsel 2020/2021

Die geistige Möwe in uns gilt es zu Entdecken. Jenes Prinzip, das Raum und Zeit zu sprengen vermag.
Das Prinzip der Überwindung der erdhaften Schwere durch die Leichte geistesgegenwärtigen Seins. Gleichmut im Alltäglichen, der Niederlage das Dennoch, dem Nichtwissen die innere Ruhe abgewinnen.
Denn das Geistige öffnet sich im >Dasein-Können< des Augenblicks.“

Diese über 40 Jahre alte Notiz hat mich beim erneuten Lesen aus aktuellem Anlass heraus sehr nachdenklich gestimmt, zumal der Verweis auf die Möwe, das innere Blicken umfassender betrachtet, auf eine in sich zwiespältige Szenerie hinschauen lässt. Die Möwe durchbricht in ihrem Schrei ja nicht nur Raum und Zeit, ruft weit entfernte Artgenossen über unscheinbare Schallwellen Kanäle herbei und erzeugt durch ihren Futter gesteuerten Ruf ein Resonanzfeld durch das ihre Futtergier sich vervielfältigt. Der Futterplatz wird zum Kampffeld ihrer Artgenossen um die Futterhoheit gegenüber fremden Futter-mit-Interessenten.
Mit etwas geweitetem Blick schaut hier zeitgleich „der Kampf Aller gegen Alle“ als untergründig bereits voll gegenwärtiges Wirkgeschehen um die Ecke … und erinnert Dich - an was?

Der Egoismus lässt ein vom Grund her soziales Begegnungsfeld zum Kampffeld werden. Triebgesteuerte Deutungshoheit ruft leise manipulierend Lüge und Unsachlichkeit herbei, tritt anderen Sichtweisen ohne Bedenken ans Schienbein und beugt das Wirklichkeitsverstehen im Sinne verblendeter Machthoheit willkürlich nach Gutdünken und Eigeninteresse.

Weil … das „Erkenne Dich selbst“ in der Kommunikation nicht vorrangig ins Blickfeld genommen wird, "aktiv fragendes“ Interesse nicht bedingungslos wegleitend ist und in Folge das „Freie Geistesleben“  „Schatten-Flüchtlingen“ zum blossen Lippenbekenntnis verkommt.

© Bernhard Albrecht Hartmann, 02.01.2021

Samstag, 5. Dezember 2020

Das leere Bewusstsein und die Herzmitte - 1

Es gehört zu den täglich offenen oder mehr verborgen sich abspielenden schmerzlichen Begebenheiten, dass ein tieferes Verstehen anderer Menschen auch nur ansatzweise einzulösen häufig schon im nahen Oberflächenbereich scheitert. Scheitert, wenn es denn überhaupt noch gewollt wird, weil der Wille von allzu vielen selbst erzeugten Schutz und Abwehrbarrieren, bzw. äusseren Ereignissen immer wieder wie in eine Lähmung versetzt wird oder durch biographische Erlebnisse einfach nur nachhaltig verstört wurde und ein Verstehen von daher überhaupt nicht mehr gesucht wird. Ein Fernsehspot dieser Tage macht es deutlich, wir haben das „Miteinander-Sein“ verloren. 
Miteinander-Sein … wie denn? Die nachhaltige Teilhabe mit offenem Visier. Das bedingungslose Interesse. Bei genauerem Hinsehen eine Übung, die nachgerade hilflos machen kann. 
Denn: Einsamkeit hat sich wie eine zweite Haut unscheinbar um uns gelegt. Jedenfalls ist Begegnung im eigentlichen Sinn des Wortes, im Sinne eines Aug in Auge Bewusstsein nicht ohne tiefer reichende Anstrengung zu erreichen. Das Leben spielt uns hierbei immer wieder Möglichkeiten mehr oder weniger offen zu, die uns auf die eine oder andere Weise anstossen innere Hindernisse aus dem Weg zu schaffen, damit erweiterte Begegnungsräume entstehen, wieder belebt werden können. 
Das Leben ruft uns zu. … Begegnung, begegnen, über mich, meinen gegenwärtigen Horizont hinaussehen, offen sein Vorhänge vor meinen Fenstern zur Welt beiseite zu schieben und auf Fremdartiges zuzugehen - mir tiefer zu begegnen. 
Wann begegne ich mir selbst in Tateinheit wirklich. Wann komme ich wenigstens in eine Nähe zu mir, in eine Nähe, die mich nicht von allem Anfang an in vernebelnde Selbstillusionen verstrickt. Cave Cerberus. Hüte Dich vor dem Hund, der Deine Ego-Burg bewacht. Er ist wachsam, sehr wachsam. 
Selbstillusionen, die hauptsächlichen Bausteine der Ego-Burg, haben sich zumeist über Zeiträume hinweg, die bis in die Kindheit oder noch weiter zurückreichen aus den unterschiedlichsten Geschehnissen heraus wie abgesondert und von dort her Erlebnisse verkapselt, an die sich im Laufe der Zeit Narrative banden, die ihre Träger in der Folge veranlassen können bestimmte Wahrnehmungen von vorne herein auszuschliessen. Warum? Weil sie von heute her gesehen verunsichern, bzw. ein Gefühl zunehmenden Unwohlseins auslösen, das den Boden wie unter den Füssen wegzuziehen scheint. Momente, die genauer besehen vom Grunde der Seele her eigentlich zum …. Aufwachen anregen, ein „Neu-Bewegen“ intendieren wollen, denen sich aber vielerlei individuelle Widerstände entgegenstellen. 
Die eigene Individuations-Geschichte just in dem Augenblick in die Hand zu nehmen, da ein derart fragiles Erleben die Seele unmittelbar oder nicht weniger bedrohlich mehr hintergründig peripher beunruhigend bestürmt, ist kein leicht Ding. Weil: Weil diese seelische Fragilität eine Verletzlichkeit, um nicht zu sagen auch Gefühle einer inneren Nacktheit mit sich bringen, die um jeden Preis von den Menschen, die sie betreffen bedeckt gehalten werden wollen. Und solche Menschen gibt es heute weit mehr als es nach aussen hin in Erscheinung tritt. 
Es ist nur einfach nicht opportun sich mit einer derartigen Verletzlichkeit offen zu zeigen. Unter die Lupe genommen entpuppt sich der phänomenale Umkreis einer derartig gegründeten Verletzlichkeit für den Beobachter als etwas höchst Seltsames. Erblickt er doch hinter den Versuchen diese inneren Geschehnisse zu verbergen, tief ummantelt in der Seele gleichsam die Gebärmutter von Prozessen und in dem, was diesen zu Grunde liegt, was in diesen Prozessen auf den ersten Blick hin sich ausdrückend lebt - „ein Nichts.“ 
Ja ein Nichts, das auf den Bereich des mittleren Brustbeins unscheinbar drückt und dessen Wirkungen auf das Herz ausstrahlen. Doch halt. Wie kann ein Nichts solcherart Wirkungen auslösen? 
Es kann, weil dieses Nichts und die Möglichkeit es vor die eigene Anschauung zu bekommen anscheinend in vollkommener Dunkelheit ruht. Der Mensch dem solches widerfährt weis, dass da im Dunklen ein für ihn nicht Greifbares schlummert, ein „Wie im Nichts“ sich Verbergendes sein Dasein hat. Nur reicht die Kraft der eigenen Wahrnehmungsfähigkeit für das Gewahren der damit einher gehenden Phänomene nicht aus. Zumal diese Phänomene in ein beständiges Fliessgeschehen eingebunden in Erscheinung treten. Ein gleichsam tastend sich Einfinden in diesen dunklen Bereich der Mitte über dem Brustbein lässt einander gegenläufige Bewegungen erspüren, Willensbewegungen, die recht virulent agieren. 
Die still sich anbahnende Geburt des Ich im Tod des Ego, eine Lichtgeburt im stetigen Loslassen der in Vorstellungen gebannten Selbstillusionen. Die soziale Herausforderung heute im Begegnen von Mensch zu Mensch. 
 

Montag, 2. November 2020

Die noch offene Frage Karl Ballmers Teil 2

Was heisst das nun ein hervorbringendes Denken in Vielfarbigkeit zum Ausdruck zu bringen? Wie kann so etwas von Statten gehen ohne dabei dem Subjektiven zu verfallen? Ist es möglich dieser Gefahrenquelle zu entgehen? Um hier auch nur ein wenig Klarheit zu schaffen sind individuell jeweils nicht gerade wenige Fragen tiefer zu erwägen und in inneren Anschauungsprozessen einer schrittweisen Klärung zuzuführen. Sprechen wir also, wie hier mehrfach betont, von einem hervorbringenden Denken, d.h. von einem Wirklichkeit schaffenden Denken, so blicken wir dabei auf die Bewegung im Denken.

Bewegung im Denken: Bewegung ist wiederum an den Willen gebunden. Über den Willen jedoch nicht nur abstrakt zu reflektieren, sondern seiner im beobachtenden Erfahren inne zu werden, das ist eine Sache für sich und alles andere als einfach. Im Zuge eher allgemeiner Gepflogenheiten zu denken bedeutet das, dass sich bildhaft gesprochen, die Begriffe zumeist wie beiläufig in ihrer jeweiligen Ordnung auf einer gleichsam inneren Leine aneinander reihen und damit ihre Aussage dokumentieren. Das Bewusstsein für ihre Ordnung orientiert sich dabei grösstenteils an unterschwelligen Vorstellungsstrukturen, die gleichsam wie unscheinbare Schleier über das geworfen werden, was unbewusst als die Wirklichkeit angesehen wird.

So gesehen geht der gängige Begriff von Wirklichkeit auf eingeübte und von daher tradierte Vorstellungskonstrukte zurück. Vorstellungskonstrukte oder auch Standpunkte eines Verstandes der, wie es das Wort „Verstand“ nahe legt, primär aus dem Stand, bzw. aus der Gebundenheit an Gewohntes, an das, was als gesichert angesehen wird oder bündig gesagt aus einer beliebigen Ego Haltung heraus urteilt. 

Den Verstand so eng an das Ego zu koppeln wird nicht allen Lesern hier gefallen. Und doch ist es sinnvoll dies einmal unter Einbindung der Klarheit des Verstandes versuchsweise zuzulassen. Sich also die Grundfähigkeit des Verstandes nutzend, im Beobachten wie über die Schulter zu schauen und dabei zu bemerken, dass das Ego sich wie ein Bremsklotz verhalten kann, um auf diese Weise zu verhindern in eine fragende Offenheit hinaus zu schreiten. Oder anders ausgesprochen Sokrates in seinem „ich weiss, dass ich nicht weiss“ im eigenen inneren Erfahren das Erkunden auf mögliche Neulande für ein vertieftes eigenes Erfahren eigentätiger Wirklichkeitsbildungen mutig zu gewähren. Mithin denkend im je einzelnen Falle die jeweils sich gerne verborgen haltenden Bezugspunkte des Ego zu identifizieren, um so in eine echte vorwärts schreitende Bewegung zu gelangen, bzw. noch tiefer gegriffen das Denken wenigstens in einem ersten Ansatz als hervorbringende Kraft in Tateinheit zu erfahren.

Bewegung im Denken: Eine zweite Annäherung. Ich kann es nicht verschweigen, dass ein jeder Versuch sich Aufschluss über die Bewegung im Denken zu verschaffen von einer Vielheit Ego geleiteter Kräfte sogleich unterwandert wird, um dieses Bemühen auf jede nur denkbare Weise zu torpedieren. Nicht umsonst hat Rudolf Steiner so nachdrücklich darauf hingewiesen, dass alle Vorstellungen verbrannt werden müssten. Denn Vorstellungen wirken wie Sperrriegel gegenüber der Realität des Geistes, wie sie über die Bewegung des Denkens schrittweise erfahren werden kann. Die Bewegung schafft die dynamische Basis, dass sich tiefere Schichten eines geistigen Erfahren enthüllen können.

Die Strenge mit der ich das nunmehr zu sagende ausdrücken muss, erschüttert mich im Augenblick, da ich diesem Sagen innerlich voraus greife, selbst. Wer sich nicht bewegt von Augenblick zu Augenblick, der ist schon tot bevor er stirbt.

Die Möglichkeiten zu neuen Horizonten, was ein geistiges Anschauen über abstrakte (nicht nur wissenschaftliche, sondern auch spirituelle Positionen hinaus) betrifft stehen geradezu stürmisch allerorten vor den Türen. Ein Strukturwandel im Wirklichkeit Verstehen bezogen auf sich selbst, wie im gesellschaftlichen Umgang untereinander mit seinen gesamthaft so differenziert vielfarbigen sozialen Lebensäusserungen ist mit grossem Ernst an die Hand zu nehmen. Warten auf Anweisungen von wem auch immer verstärkt nur die allseitig schwärenden Angsttriften um mich herum. Ich, ein jeder kann hier nur seinen ganz eigenen Neubeginn starten. Tätige Offenheit im Kleinen und nicht angstvolles sich Verkriechen unter Schutzschirmen welcher Art auch immer sind gefragt.

Corona ist als ein Schuss unmittelbar vor den Bug zu sehen. Und das bedeutet? Wie weit bin ich bereit mein Denken grundlegend neu zu konfigurieren, was heisst auf eigene Füsse zu stellen. Ich sagte es ja schon, die Wirklichkeit schaffende Dimension in meinem eigenen Denken zu verankern und tätig zu entwickeln. Wie kann das aber gehen ohne von allem Anfang an in die oben bereits angedeutete Ego Falle wie blind hineinzulaufen? Tun wir das nicht alle öfter ohne uns das einzugestehen? Das Ego stellt sich nämlich nicht nur als verborgen gehaltene Dimension eigenen Machtwillens, sondern auch als willkommenes Ruhekissen dar. Es ist kurz zusammengefasst gesagt eine für Niemanden zu umgehende Grösse in der heutigen Zeit und kann nicht vermieden, sondern nur aufgelöst werden. Und zwar durch Fragen, Fragen bis an die Ebene des „ich weiss, dass ich nicht weiss“ heran. Erst an diesem Punkt inneren Bewegens im Denken verwandelt sich die Aufmerksamkeit in ein Fischernetz. 

Was soll das nun wieder? Aufmerksamkeit und Fischernetz? Ja Fischernetz, denn erst wen ich meine Aufmerksamkeit wie ein Fischernetz still und leise in Wartestellung auswerfen kann und das in innerem Loslassen immer wieder, entfaltet mein Bewegen im Denken eine solchermassen dynamische Willenskraft aus sich heraus, dass sich diese Kraft gleichsam wie ein zarter silberner Faden um die Begriffe legt und diese so empfänglich werden für das Gewahren und Ausdrücken Können von höheren Geisteserkenntnissen. Die Aufmerksamkeit gestaltet sich um in ein inneres Fliessgeschehen und im Hinschauen auf dieses Fliessgeschehen erfahre ich bewegt in Bewegung den Willen als Kraftpotenz zunehmend umfassender in mir. Das ganze Spektrum eigener Willensverfestigungen wie bisher nicht ausgeschöpfter Willensmöglichkeiten wird sichtbar und befördert das Erwachen auf mein “Erkenne Dich Selbst“ hin, auf das was der Mensch im tiefsten Sinne ist. Ein Ich-Repräsentant des Geistes.

Damit komme ich auf Karl Ballmer und seinen Verweis auf „das historische Auftreten des wirklichen Ich“ zurück. Ich- Repräsentanz in individueller Vielfarbigkeit ist - blicke ich dabei auf das dadurch zu Tage tretende erwachende Bewusstsein für den je eigenen Willen hin, wie ich es oben skizzenhaft, in der Weise wie es mir heute möglich erschien, in wenigen Sätzen zu beschreiben versuchte - eine Herausforderung von historischem Ausmass. Sie kann nichts anderes als eine Sturmfront auslösen mit Blitzeinschlägen auf das jeweils individuelle „Erkenne Dich Selbst.“ Wo Freiheit aus individuellen Seelen heraus zum Wachsen kommen will kann dies nicht anders geschehen als über Sturmböen des Scheitern hinweg. Also über ein Scheitern, das in seiner schmerzvollen Tiefe den Humus bildet für zukünftiges Gelingen.

Nicht vernebelnd über das Scheitern hinweg zu gehen, sondern, anstatt Gift weiter nach aussen zu versprühen und Illusionen im eigenen Inneren zu pflegen, auf das eigene „Erkenne Dich Selbst“ mit allen daraus hervorgehenden Konsequenzen hinzublicken, dazu wollte Karl Ballmer zu seiner Zeit hinweisen. Den historischen Moment nicht zu verschlafen. Denn in die Tiefe reichende Veränderungen innerhalb grösserer oder kleinerer sozialer Kontexte lassen sich nur über Wandlungen, bezogen auf das eigene „Erkenne Dich Selbst“ auf den Weg bringen. Gestern wie heute und morgen.


© Bernhard Albrecht Hartmann 02.11.2020


Donnerstag, 22. Oktober 2020

Die noch offene Frage Karl Ballmers Teil 1

Die noch offene Frage … drückt sich in der Sprache von Karl Ballmer eher wie das Poltern einer herannahenden Sturmfront aus, wenn er davon spricht, dass „das historische Auftreten des wirklichen Ich für die „Wissenschaft“ die Notwendigkeit (bedeute) das System der Begriffe zu verwandeln in ein System der Iche.“(1) Hierin ist er ganz der Zen-Meister, der seine Schüler herausfordert sich in diesem Zusammenhang endlich die notwendigen tiefer reichenden Fragen zu stellen. Für Ballmer ist das was er sagt eine Notwendigkeit (er setzt das Wort Wissenschaft sogar in Anführungszeichen), deshalb sein so vehementes Anschieben dieser Frage. 

Für die Wissenschaft schien diese Frage dazumal anscheinend aber nicht wirklich virulent zu sein. Manche Fragen schlummern eben im Gang der Geschichte so lange im Hintergrund vor sich hin bis die Zeit dafür reif ist sich ihnen stellen zu können. Das was Ballmer hier anspricht ist nämlich schon einigermassen herausfordernd und konnte demgemäss durchaus Anlass geben sich fragend auf diesen Ast lieber nicht hinaus zu begeben. Die Gefahr bei einem derartigen Unterfangen sogleich rüde abgesägt zu werden war durchaus gegeben. Und … ganz nüchtern betrachtet … ist diese Gefahr auch heute nicht von der Hand zu weisen, denn nichts wurde und wird von je her mit härteren Bandagen verteidigt als zu Paradigmen ausgewachsene Vorstellungskonvolute. Und die gängige Vorstellung von Wirklichkeit auch nur leise in Frage zu stellen, das rüttelt am Existenzverständnis eines jeden Menschen.

Wie sehr dieses Wirklichkeitsverständnis erschüttert werden kann, das zeigt aktuell die Corona-Krise. Es kann nicht so weitergehen wie bisher, das wird von Tag zu Tag deutlicher. „Du musst Dein leben ändern“ klopft, wenn auch von nicht Wenigen gegenwärtig nur widerwillig zur Kenntnis genommen, in nicht mehr so einfach wegzuweisender Art und Weise an die Tür. Die Wirklichkeit fordert einen aktiveren Umgang mit ihr heraus. Was morgen geschieht, das wird durch mein, durch unser aller Tun … heute mit erwirkt.

Sehr direkt gesagt ist also Wirklichkeit, wie dieses aktuelle Beispiel zeigt mit einem Male nicht mehr per se ein fester Bestand unseres Lebens? Weil, wie schon das in dem Wort Wirklichkeit verborgene Wort „wirken“ auf einen tätigen Prozess des Erwirken deutet, Wirklichkeit demnach das Ergebnis eines Hervorbringen und nicht eine Gegebenheit schlechthin ist?

Wird etwa durch die Corona Pandemie der näher rückende Horizont dessen sichtbar, was Karl Ballmer das historische Auftreten des wirklichen Ich nennt? Wird mit diesem Ereignis die treibende Kraft zukünftiger Wirklichkeitsbildungen durch dieses Ich als „die“ entscheidende Herausforderung nunmehr deutlicher sichtbar? Tritt damit das Ich, das die wirklichkeitsbildende Kraft in sich entdeckt vor aller Augen?

Untersuchen wir den anscheinend zu Grunde liegenden Sachverhalt noch etwas genauer. In der Verständnisbildung dessen was Wirklichkeit in Tat und Wahrheit ist geht es um die Wirklichkeit bildende Kraft im Denken. Diese sich zur inneren Anschauung zu bringen ist der tiefere Kern dessen, was Rudolf Steiner in der Aussage zusammenfasst, die er seinem philosophischen Grundlagenwerk: „Die Philosophie der Freiheit“ als innere Arbeitsanweisung im Untertitel hinzufügt - „Seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode.“

Bis heute ist diese Arbeitsanweisung dem äusseren Anschein nach weder von Seiten der offiziellen Wissenschaft, noch von der Mehrheit anthroposophisch arbeitender Menschen ihrer tieferen Essenz nach verstanden worden. Eckhart Förster benennt das in seinem Vorwort zum SKA Band 2 so: „Ohne den bereitwilligen Versuch, ein solches sich selbst erzeugendes Denken im Sinne Steiners selbst auszubilden, wird sich über dessen Wirklichkeit nichts entscheiden lassen (1, 2).“

Das Besondere der Wirklichkeit des Denkens von Rudolf Steiner ist nämlich dies, dass er den Willen im Denken wieder zum Bewusstsein erweckte, der in der Wissenschaftsentwicklung seit Aristoteles verloren gegangen war. Mit der Folge, dass das Verstandesdenken für ein eher allgemeines Bewusstsein sich mehr und mehr in immer schwerer zugänglichen Abstraktionen verlieren und verschliessen, dass es bis in weite Teile des gesellschaftlichen Lebens zu einer mehr oder weniger grossen Spaltung zwischen Denken und Handeln kommen konnte.

Im Grunde ist in dem Untertitel zur Philosophie der Freiheit - Seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode der Keim einer neuen Dialogkultur verankert, ist die Veranlagung zu einer inneren Unterscheidungskraft für das Denken, das eben durch Unterscheidungsbereitschaft ganz auf das eigene „Erkenne Dich Selbst“ seinen Willen in Bewusstheit hinein entwickelt, gegeben.

Die Tragik ist, dass eben diese inneren (seelisch beobachteten) dialogischen Prozesse wechselseitig mit Bewusstsein (nach naturwissenschaftlicher Methode) zu durchdringen innerhalb anthroposophischer Zusammenhänge dem Anschein nach zu wenig ausgebildet und von wissenschaftlicher Seite der neue Ansatz im Umgang mit dem Denken bis zu Eckhart Förster nicht wirklich erkannt wurde. Mit Thomas Nagel (4) gesprochen ist hierzu anzumerken. Da die Frage nach dem sich selbst erzeugenden Denken durch einen ausgewiesenen wissenschaftlichen Fachphilosophen nun einmal gestellt ist wird diese Fachdisziplin in angemessenem Zeitraum nicht umhin kommen sich mit diesem Problemzusammenhang näher zu beschäftigen. Denn: „Philosophie darf keinesfalls zu ermässigten Ansprüchen ihre Zuflucht nehmen (5.1).“ Sie fusst auf der steten Weiterentwicklung „ihrer eigenen unterentwickelten Fähigkeiten (5.2)“ und was not tut, so ich in der unweigerlichen Kollision einander widerstreitender Perspektiven auf das „Absurde“ stosse, „ist der Wille, es mit ihm aufzunehmen (5.3).“

Anthroposophisch arbeitende Menschen können sich hier die Frage stellen, so sie die Weltlage ohne Selbstüberhebung sich tiefer vor Augen rücken, haben wir etwa nicht ernsthaft genug gearbeitet. Bei der heute gesamtgesellschaftlich weiten Verbreitung verschiedener Meditationen ist nicht in jedem Fall die Gewähr damit verbunden, dass damit auch seelische Beobachtungen sozial wirksam werden. Denn nicht selten gehen damit egoistische Ambitionen einher, die seelische Beobachtungen auf das „Erkenne Dich selbst“ hin unterbinden.





Samstag, 17. Oktober 2020

Aus aktuellem Anlass ...

Nachfolgender Text war ursprünglich als Kommentar auf einen Beitrag von Michael Eggert vor 13 Monaten geschrieben (1). Aus aktuellem Anlass stelle ich diesen Kommentar nun hier ein weiteres Mal ein, versehen mit einem Zusatz.



Kommentar 28.08.2019


Der Selbstgefühligkeit in sich in ihren vielfältigen Schattierungen zu Leibe zu rücken ist wahrlich kein leicht Ding. Wenn Du das, Michael, von Dir her nicht auch da und dort als Erfahrung mit Dir herumtrügest, Du hättest dies in Deinem Beitrag nicht so sensibel ansprechen können. Mit Wilfried Jaensch gesprochen, den Du mit einigen Gedankengängen zur Bedeutung der „Kraft der Unterscheidung“ in diesem Blog-Beitrag zitiertest (2) ist in meinen Augen die zentrale Kraftdynamik benannt, die ein Freies Geistesleben „überhaupt erst“ in seiner tieferen Bedeutung zur Erscheinung verhelfen könnte. 


Noch ist die Kraft der Unterscheidung im Wesentlichen nach aussen gerichtet. Wenn es denn gelänge diese Dynamik neben dem Aussenbezug im Innenverhältnis jeweils ganz bei sich zur Anwendung zu bringen, ohne irgendwelche direkten oder verdeckten Projektionen, Unterstellungen oder Vermutungen, wenn die bisher mehrheitlich gängige abstrakte Reflexion mit ihrer immanenten Versuchung zum dualen Streit-Diskurs in eine non-duale seelische Beobachtung hinein sich bändigen könnte, dann würden sich noch ganz andere Dimensionen im Verständnis von Rudolf Steiner auftun. So meine Auffassung in Folge einiger Aha-Erlebnisse.


Manchmal kommt es mir so vor, wenn ich so gewisse Diskurse über ihn verfolge, dass da - im Bilde gesprochen - gleichsam fünf Töne aus einer Fuge von J. S. Bach herausgelöst werden, um vollmundig abzuleiten, Bach sei ein kompositorischer Spinner. Ich betrachte das und das ist jetzt bewusst sarkastisch gehalten als „eine wissenschaftlich sachliche Spitzenleistung.“ Ist denn Rudolf Steiner ein Kratzbaum für jede Art von Gefühligkeit, verkleidet in abstrakte Reflexionen?Und damit verteidige ich Rudolf Steiner noch nicht einmal, ich lege lediglich den Finger auf die Art und Weise wie mit seinem Werk immer wieder methodisch umgegangen wird.



Zusatz 17.10.2020


Selbstgefühligkeit ist gemein hin viel weiter verbreitet als auf ein erstes hin angenommen. Nicht nur in privaten Unterredungen, sondern auch innerhalb wissenschaftlicher Diskurse. Vorurteil und Unterstellung sind hintergründig mitunter mehr als der äussere Anschein dies ausweist anwesend und vernebeln von daher unmerklich die Faktenlage, verlagern, weil den Sachzusammenhang nicht tief genug befragt, sich selbst in den eigenen Einstellungen nicht wirklich in Frage gestellt, was eigentlich zur Grund-Haltung des zeitgerechten wissenschaftlichen Forschen gehörte und drängen so die notwendig allseitig gebotene sachliche Unterscheidungskraft durch verschleierte Ideologie Einschübe unversehens aus der Mitte wertschätzender Untersuchung und Befragung über Ränder, die durchgehend sachgeleitet nicht überschritten würden.


Das Nirgendwo abendländischer Wissenschaftlichkeit, d.h. der Erkenntnisgewinnung aus inneren und äusseren Dialogen - im Wortlaut des Sokrates das „ich weiss, dass ich nicht weiss“ - wird unversehens einem je unterschiedlichen Belieben geopfert.


Im Diskurs Wissenschaft versus anthroposophische Geisteswissenschaft geht es aber um sehr viel mehr als das Verweisen auf wissenschaftliche Paradigma oder das Beharren auf unterschiedlichen wissenschaftlichen Positionen. Es geht entlang der jeweiligen Diskurs Linien um die Handhabung des Denkens, das sich nicht wie bisher hinter Abstraktionen in seinem begrifflichen Verständnis der jeweiligen Sachverhalte zu verstecken weis, sondern sich allseitig wissenschaftlich forschend auf den Weg begibt. Allseitig, d.h. das „Wie“ des Denkens in die Sachuntersuchung mit einbezieht, also prozessorientiert auf das eigene erkenne Dich selbst hin zu denken.


Auf den Punkt hin gesagt geht es um das Bezeugen der jeweils eigenen lebendig durch individualisierten Geisteshaltungen in achtsam wie gleicherweise stringent geführten Dialogen. Dass dies alles andere als leicht ist versteht sich aus der Sache von selbst. Innere Entwicklung war noch zu keiner Zeit leicht (3). Und schon gar nicht ein eigenständiges Denken zu entfalten und durchgängig aufrecht zu erhalten ohne andere Denkwege dadurch zu diskriminieren, ein Freies Geistesleben nicht nur als ideologische Schildwehr vor sich her zu tragen, sondern in konkreten Lebensereignissen zu manifestieren.


Bewusstseinsseele reift im Realisieren des eigenen erkenne Dich selbst, wie gleicherweise in der Wertschätzung fremder Erfahrungswege des Denkens innerhalb damit einhergehender Dialoggeschehnisse in ihre individuell/überindividuelle Wirklichkeit hinein. Der Widerstand den mir andere Menschen dabei entgegensetzen verhilft mir dazu mein Erkenne Dich selbst mit Bewusstsein zu durchdringen, mithin der eigenen Freiheit gegenwärtig zu werden. Das Vernachlässigen dieses erkenne Dich selbst innerhalb dieser Prozessereignisse bedeutet mehr als einen Rückschritt aus der Zeitgeistigkeit, es zieht, entgegen aller anders lautender Lippenbekenntnisse, das Abkoppeln von dem was Rudolf Steiner inaugurierte nach sich.


Rudolf Steiner in seinen Aussagen unmerklich auf die Ebene von Bank-Wertschriften zu minimieren, deren Kurs mit Haken und Klauen zu verteidigen seien, kommt einem Ausverkauf der je eigenen Entwicklungsfähigkeit zu tatsächlich individueller Freiheit gleich.


Die moderne Jordan Taufe vollzieht sich im eigentätigen Untertauchen in den Fluten des Erkenne Dich Selbst innerhalb der dafür den Rahmen gebenden Dialogereignisse, die das je individuelle Metanoia nach sich ziehen.



© Bernhard Albrecht Hartmann, 17.10.2020

https://egoistenblog.blogspot.com/2019/08/artifizielle-anthroposophische.html#more 

https://egoistenblog.blogspot.com/2019/08/die-geistige-currywurst-aus.html 2. und 3.Absatz 

https://ich-quelle.blogspot.com/2017/10/nachtgedanken.html



Dienstag, 29. September 2020

Etwas vom Anschauen des Geistes im Dialog

Vom „Anschauen des Geistes“ sprechen zu wollen ist ein schwieriges Unterfangen. Warum? Weil eine tatsächliche Anschauung dessen was Geist als Erfahrung ist nur aus einer grossen Willensanstrengung immer wieder neu und fortschreitend tiefer hervorgehen kann. Denken und Wille müssen innerlich zu einer Einheit im Erfahren verschmelzen, damit daraus ein Organ für ein echtes Anschauen des Geistes erwachsen kann. 

Solange wissenschaftliches Forschen sich auf ein durch und durch abstraktes Denken stützt, das zudem seine Forschungsgegenstände allein im Aussen meint suchen zu können und das Denken als zentralen Ordner dynamisch forschenden sich Bewegen und aus sich Deuten der Forschungsergebnisse nicht in sein untersuchendes Forschen fragend einbezieht, solange scheint es mir, wird sich diese Wissenschaft aus ihrer gegenwärtigen Krise nicht heraus bewegen können. Die Art und Weise „wie“ ich über wissenschaftlich zu Tage geförderte geistige Forschungsaspekte nachdenke beeinflusst die Ergebnisse, die am Ende herauskommen. Heisst es doch das Was bedenke, mehr jedoch das Wie. Gerade aber Letzterem scheint die Wissenschaft heute in ihrer paradigmatischen Bindung an die objektseitige, bzw. subjektseitige Feldzuordnung ihrer wissenschaftlichen Aussagen immer wieder auszuweichen. 

Anders ausgedrückt, die Wissenschaft konnte bisher - im Sinne einer von heute her notwendig zu konstatierenden entwicklungsgeschichtlichen „Blickfeld-Erweiterung“ - zum Kern ihres eigenen Selbstverständnisses noch nicht gesamthaft vordringen. 

Weil: Seit der Renaissance die Grenzen des Forschen von der Aussenbetrachtung her immer weiter ausgedehnt werden, ohne die Innenseite des fragenden Forschen, nämlich Denken und Wille in adäquater Weise in das forschende Erfahren mit einzubeziehen. Was Denken und Wille in der konkreten individualisierten Anschauung und nicht nur in einer abstrahierenden Abspaltung sind bleibt daher in einem vermeintlichen Wissen verborgen und harrt aus der damit einher gehenden Fremd- Überlagerung durch Vorstellungen noch seiner tatsächlichen verstehenden Enthüllung. Erst wenn Denken und Wille innerlich vor das Bewusstsein eines tatsächlich eigenständigen „Erfahren“ gerückt sind ist die Basis betreten, von der aus im strengen Sinne von einem allseitig wissenschaftlichen Forschen gesprochen werden kann. 
Damit ist „vom Grunde her“ die zeitgemässe Wahrheitsfähigkeit nicht nur der so genannten wissenschaftlichen Elite, sondern die eines jeden Menschen angesprochen. Eine Wahrheitsfähigkeit die jeder Mensch nur in eigener Selbstverantwortung an die Hand nehmen und ausbilden kann. 

Wahrheitsfähigkeit ausbilden - im Dialog, was bedeutet das hier im konkreten Fortgang des bis anhin Gesagten? Und - ist in diesem Zusammenhang nicht auch auf ein Anschauen des Geistes verwiesen? Wie aber soll das möglich sein, da doch gerade in dialogischen Räumen von allzu vielen Seiten sich so Unheilvolles auszubreiten scheint? 

Anschauen des Geistes im Dialog - das Anschauen … : Was steht mir so betrachtet also in den Worten, die ein anderer Mensch dialogisch ausspricht gegenüber? Bin ich hier bemüht mich tastend auf den Kern zu zubewegen, so gerate ich unwillkürlich ins Stocken, denn in allzu vielen Fällen, muss ich genauer besehen im rückblickenden Besinnen feststellen, dass ich die mir zugesprochenen Worte vor meiner Antwort mir nicht wirklich vergegenwärtigt habe, was heisst, ich habe mich nicht so in den Rang eines Gegenüber versetzt, dass sie von daher näher betrachtet und vertieft verstanden, weil weitläufiger überschaut werden konnten. 

Von wegen „gegenüber!“ Mehr auf mich selbst zurückfallend als dem anderen Menschen zugewandt habe ich aus unterschwellig eigenem Vermeinen heraus, demnach aus einer Vorstellung heraus, was in diesen Worten angeblich ausgedrückt sei, meine Antwort gegeben, bzw. auch nur meine stille Auffassung davon gebildet. Ich bin dem „Worten“ des anderen Menschen und damit dem Geist aus dem dieser sprach nicht wirklich begegnet. 

Wenn wir dem Anschauen des Geistes, der Neu-Grundierung der eigenen Wahrheitsfähigkeit hier nur um ein Weniges näher kommen wollen, was ist dann darüber hinaus noch geschehen? Um was geht es in einem Gespräch, wenn es denn ein Gespräch sein soll, bzw. werden will? Es geht um Lauschen und nicht um Selbstbehauptung in einem dualen Schlagabtausch. Es geht darum ein Gespür für den Wind des Geistes zu entwickeln, einen Sinn in sich aufzuschliessen für „Botschaften“ die mich über den anderen Menschen zu erreichen suchen. Der Wind des Geistes weht überall. Die Frage ist allein die, ob ich ein aufgeschlossenes Ohr für sein „Flüstern“ bereit stellen kann und will. 

Dafür ist in mir der Wille aufzurufen der Stille zwischen den Worten, die zu mir gesprochen werden Raum zu geben. Also bereit zu sein Augenhöhe zu dem sagend sich Aussprechenden herzustellen und zwar gerade dann besonders, wenn das Sagend an mich Herantretende fremdartig oder gar unangenehm in mir aufstösst. Es geht also nicht um Wegweisung von diesem oder jenem Aspekt des Gehörten oder auch Gelesenen, ob einseitig oder wechselseitig. Es geht immer um spezifische Botschaften, um Integration, um die Offenlegung des Erkenne Dich selbst innerhalb der nächsten Lebensschritte im Hier und Jetzt. Das heisst - so ich Willens bin die entsprechende Botschaft zu vernehmen - es geht sehr konkret um mich. In den Worten des Dialogpartners bin ich - soweit ich einen Gesprächsbeitrag oder auch einen Streitbeitrag wirklich ernst nehme - über die Sachebene hinaus der unmittelbar Angesprochene. Jeder Teilhaber eines Dialogs in individuell besonderer Weise - denn der Geist spricht facettenreich und kann so die verschiedensten Menschen in je unterschiedlicher Weise erreichen, wenn sie es nur zulassen. 

Auch wenn es erschrecken mag, so weist das Verstehen des hier skizzenhaft Gesagten auf ein je individuelles Metanoia als Tor zu einem „tatsächlich“ Freien Geistesleben. Metanoia … Metanoia und nichts sonst. Denn das „Erkenne Dich Selbst“ allein kann in neuer Weise jene Verbindung zwischen Denken und Wille zeitgemäss wieder herstellen, die im Grunde schon in der Zeit von Sokrates , Platon und Aristoteles auseinanderbrach. Für die Wissenschaft und die durch sie zu erneuernde Wahrheitsfähigkeit bedeutet dies die abstrakte Reflexionsfähigkeit mit einer innseitigen Erforschung von Denken und Wille zu überwinden und mit einem erweiterten Erfahrungsbegriff damit auch Kant auf die Füsse zu stellen. Denn sprach er nicht davon, dass alles, wirklich alles in der Wissenschaft auf Erfahrung gestellt werden müsse. Eine Forderung, die er unvollendet hinterliess, die aber heute umzusetzen nunmehr dringend geboten ist. 
 

Dienstag, 25. August 2020

Fragment 1/2020

Welch ein Widersinn die Grundlegung der modernen Wissenschaft vom Nirgendwo her in einer Suchbewegung neu ins Auge zu nehmen? Das kann doch nicht sein - oder? Oh doch … und gerade jetzt, wo diese Wissenschaft in der vielleicht grössten Krise ihrer ursprünglichen Entwicklung steht.
Denn: Das Nirgendwo weisst auf die Grundfrage der Wissenschaft schlechthin. Das Nirgendwo führt uns in dynamischer innerer Bewegung an den Ausgangspunkt von Wissenschaft. Das Nirgendwo kann uns die Augen öffnen, hin auf die Brücke, die Sokrates seinen Schülern erstmals vom Denken her innerlich versucht hat aufzuzeigen.
Das Nirgendwo wird uns, so wir es wirklich wollen über die Schwelle des „ich weiss, dass ich nichts weiss“ hinaus führen die Wissenschaft jenseits scheinbar nicht zu umgehender Interessenkonflikte und dogmatischer Sicherheitsverpflichtungen allein auf der Grundlage der Würde des Menschen zu erneuern.
Sie, die Würde des Menschen ist der Anker, den es heute vorrangig zu verteidigen gilt. Ihr allen nur denkbaren Mut angedeihen zu lassen, das ist die Verantwortung eines jeden Menschen heute, der nicht länger mehr zu warten gewillt ist, bis ein Jemand den Karren aus dem Dreck zieht, sondern der das Seine still und leise im mutvollen Durchgang durch das „ich weiss, dass ich nicht weiss,“ tut, weil es nur von ihm, im stillen Verbund mit Vielen getan werden kann.

© Bernhard Albrecht 25.08.2020

Freitag, 14. August 2020

Zwischenruf 4/2020 ... oder die Furcht vor ...

Die Maske ist, „ist“ das Zivilisationsprodukt schlechthin. Weil … sich verbergen wenigstens vorübergehend die Illusion von Sicherheit vermittelt. Einer Sicherheit, die „nicht“ ist, denn ansonsten würde nicht soviel offenkundige und verdeckte Hektik unser aller Alltag immer wieder bestimmen. Ohne es „wirklich“ zu bemerken, sind wir nicht in einem viel zu grossen Ausmass unserer Tageszeit allein damit beschäftigt „Sicherheitslücken um uns zu schliessen?
Sie müssen das nicht glauben. Aber vielleicht nehmen „Sie“ doch gelegentlich einmal so etwas wie eine Lupe zur Hand und untersuchen ihr aller nächstes eigenes Bewegungsfeld innerhalb verschiedener Alltagssituationen, innen wie aussen. Je unbefangener Sie das tun können umso besser, denn die Selbst-Verschleierung ist die Mutter der Furcht.
Der Furcht … vor dem Ich.
Vor über 100 Jahren wurde es gesagt: Das Ich „lebe“ in der Aussenwelt (1). In der Aussenwelt? Für wen ist das eine Erfahrungstatsache?
Rudolf Steiner sprach in diesem Vortrag auch über die Bedeutung von Symbolen für die erfahrungsbasierte Erschliessung der „geistigen Welt.“ Nun, Laute wie Wortbildungen, sind sie ihrer Konnotation nach nicht auch so etwas wie Symbole? Mir ist klar, dass sich hier Widerspruch regt. Doch Widerspruch vielleicht nur, weil die Worte heute mit einem so hohen Abstraktionsgehalt gleichsam ummantelt sind, dass ihr verweisender Symbolgehalt auf eine geistige Welt nicht mehr so ohne weiteres erlebnismässig erfahren wird.
Wir haben uns eigentätig in Isolationshaft gegenüber der geistigen Welt versetzt. Und aus dieser Isolationshaft kann uns „niemand“ befreien als wir selbst.  
Das aber bedeutet in je individueller Weise: Willst Du Deine Furcht bemeistern und Dein Leben ändern? Willst Du Dein Welt-Anschauen, Dein Wissenschaftsverständnis erfahrungsbasiert öffnen und erweitern? Willst Du Deinen Willen vom Nirgendwo her dynamisieren? …

© Bernhard Albrecht, 14.08.2020
 

(1) Rudolf Steiner in seinem Vortrag auf dem Philosophen Kongress in Bologna 1911