Samstag, 10. Januar 2015

Unter der Platane - Ein Dialog über die Zeiten hinweg im zeitlosen Nullfeld, Teil II


Kretos: Das Landgut der Mutter auf Euböa, wohin sich Aristoteles nach dem Tod von Alexander und dem in seiner Folge erneut tiefen Aufflammen der Feindschaft zwischen Mazedonern und Athenern geflüchtet hatte, lag in einer einzigartigen Landschaft. Mannshohe Thymian-, Rosmarin- und Ginster-Sträucher bildeten eine natürliche Begrenzung gegen die Küste hin. Unterbrochen wurde dieser Naturwall gegen die steile Nordklippe allein durch einen Platanenhain in der Mitte. Hier, Saphira, waren Platanen bis in die Felsen hinein gewachsen und bildeten so einen Schutzwall gegen die rauen Winde, die von Norden her besonders im Herbst und Frühjahr stürmisch und nicht selten von Schnee begleitet über die Insel fegen konnten. Hierher also hatte uns Aristoteles durch seine Briefe gerufen.
Er empfing uns inmitten der Blumenwiese vor dem Landhaus, auf der vielfarbig beieinander auch die seltene persische Rose blühte. Wie er auf unser stilles Erstaunen hin später im Hause verriet, war dies die Lieblingsblume seiner Mutter gewesen. Zunächst aber war er nichts als ein freudiger Gastgeber, der seinen Freunden die Schönheiten seines Hauses zeigte.

Saphira: Deine in die Tiefe gehende Sprachbewegung, mein lieber Kretos, versetzt mich in meinem Erleben unmittelbar in den Garten vor dem Landhaus. Mir ist es als zöge der Duft der Rosen durch meine Nase.
Wenn ich nicht auf Reisen in Ägypten gewesen wäre, dann hätte ich diese letzte Begegnung seiner engsten Schüler mit Aristoteles teilen können.

Kretos: Sei nicht traurig. Du warst unscheinbar mitten unter uns anwesend.

Saphira: Ja Kretos, denn jetzt, da ich von Dir um den Todestag des Aristoteles weiss, muss ich sagen, dass ich gerade an diesem Tag ihm zutiefst in Gedanken nahe war.
Wie verlief euer Gespräch also jenseits meiner inneren Verbundenheit mit euch tatsächlich an diesem Tag?

Kretos: Nachdem uns Aristoteles also vor seinem Landsitz empfangen hatte, versammelten wir uns im grossen Wohnraum des Landhauses mit seinen zur Nachmittagssonne hin ausgerichteten Fenstern. Phöbus, der Diener des Aristoteles hatte eine Liege in der Mitte dieses Raumes bereit gestellt, auf der sich Aristoteles, unverkennbar gezeichnet von einer tiefgründigen Erschöpfung, sogleich niederliess. Auf unsere leise geäusserte Beunruhigung hin, winkte er lächelnd ab und begann zu sprechen.
„Ihr alle kennt meine Eigenart im Gehen mein Denken zur Entfaltung zu bringen. Saphira und Kretos schon seit den Anfangstagen meiner Lehrtätigkeit in Platons Akademie.“
Deinen Namen nennend hielt er einen Moment lang inne, neigte sein Haupt ein wenig zur Seite und lächelte wie still in sich hinein, ehe er fortfuhr zu sprechen. Für mich wurde dadurch sichtbar, dass er um Deine innere Nähe zu diesem Zeitpunkt wusste und das löste in mir den Schmerz, den ich um Dein Fernsein empfunden hatte, augenblicklich auf.

Saphira: Obwohl äusserlich nicht verwandt, scheinen wir doch im Geiste so etwas wie Geschwister zu sein. Das ist mir durch all die Jahre unserer nunmehr beinahe ein ganzes Leben lang währenden Freundschaft immer wieder vor Augen getreten.

Kretos: Mir ist es damit nicht anders ergangen.

Saphira: Ich weiss das, doch will ich mich zügeln, damit ich nicht ins Plaudern mit Dir verfalle.
Wie also sprach Aristoteles weiter zu euch.

Kretos: Er sagte: „Ich habe mir diese Art zu denken willentlich anerzogen, weil ich allein darin eine Möglichkeit sah die unmittelbare Kraft meiner Mysterien-Erfahrungen wirksam vermitteln zu können. Ich musste im Denken den Willen ansprechen und so begann ich vor meinen Schülern denkend auf und ab zu laufen.
Ihr habt alle erfahren, welche unmittelbare Konzentrationskraft sich da im Laufe meiner Vorlesungen bei euch innerlich in eurem Denken aufbaute. Denken und Willen dürfen nicht auseinander fallen, wenn die Mysterien Weisheit in einer fernen Zeit einst erneut erwachen können soll. Dies Vermächtnis lege ich hiermit in eure Hände. Möget ihr es allzeit beschützen.“

Wir aber spürten bis in unsere Zehen hinein den grossen Ernst, mit dem er dies zu uns sprach und bildeten ohne Worte in unserem Gehen einen Kreis um ihn.

Doch genau in diesem Augenblick Saphira, da Aristoteles auf die innere Kraftgestalt in seinem Denken zu sprechen kam, die ihm nach seinen Worten das wichtigste Anliegen in seinen gesamten dialogischen Lehranweisungen in und ausserhalb der Akademie gewesen war, genau an dieser Stelle unseres gemeinsamen Austausches mit ihm verlies ihn seine physische Kraft und er winkte seinen Diener Phöbus herbei, um uns hinaus zu geleiten.
Wir waren natürlich beunruhigt ob des so plötzlichen Kräfteabfalls von Aristoteles, auch wenn wir seine Schwäche während unserer Unterredungen immer wieder wahrgenommen hatten. Dass ihn aber seine Kräfte so unmittelbar verliessen, das hatten wir nicht erwartet. Sollte unser Gespräch mit ihm unvollendet bleiben?
So standen wir innerlich bangend beieinander und wussten nichts zu tun ausser still vor uns hin zu schauen. Phöbus war noch einmal zu Aristoteles hinein gegangen und für uns schien derweil die Zeit still zu stehen. So bemerkten wir erst, dass Phöbus wieder zu uns gestossen war, als er schallend lachend in seine Hände klatschte.
Die Stille zwischen uns zerplatzte gleichsam und wir schauten einander verdutzt an, bis uns wie erwachend wechselseitig klar wurde, dass wir alle, ein jeder von uns in eine andere Richtung gehend durch den Raum gewandert waren. Aristoteles pflegte dies zu tun, wenn er über etwas tief nachsann oder in der Akademie vor seinen Schülern sprach. Und wir konnten nicht anders, als in das Gelächter von Phöbus mit einzustimmen.

Saphira: Ach Kretos, wie schön! Lachen an der Schwelle des Todes. Dich hörend überkommt mich von innen genau jenes Lachen, das ich so oft aus dem Munde von Aristoteles vernahm, wenn er unvermittelt zwischen gewichtigen Gedankengängen innehielt und schallend zu lachen begann. Ein jedes Mal, so erinnere ich mich voller Dankbarkeit, ging bei diesen Anlässen wie ein Ruck durch mich hindurch, der das Gehörte, wie ich jetzt nach vielen Jahren weiss, erdete und so das Keimen weiteren sich vertiefenden Verstehens ermöglichte. Aristoteles war doch ein sehr lebendiger Mann!
Er hatte nichts von der Steifheit so mancher Mysterien Gelehrter an sich, die sich fast immer höher stehend als das gemeine Volk verstanden, sich überheblich und besserwisserisch in Zirkeln ihresgleichen gegenüber diesem abschotteten. Kein Wunder, dass die einfachen Bürger von Athen nicht besonders gut auf die Mysterien Schulen zu sprechen waren. Ihre Vertreter überzeugten in der Lebenspraxis ihrer höheren Bildung einfach zu wenig. Aristoteles war da eine Ausnahme.

Kretos: Du sagst es. Aristoteles unterschied sich in seiner tiefen Menschlichkeit schon sehr von den meisten Angehörigen der Mysterien Schulen. Von dem abgesehen, dass er kein Bürger von Athen war und von daher schon sehr vorsichtig sein musste, in dem was er öffentlich sagte. Es traf ihn viel Neid, einfach weil er in seiner Lebensart so ursprünglich und anders war. Er war nicht einzuordnen.
Wenn Platon nicht gewesen wäre, der ihn im Hintergrund zu schützen wusste, er hätte Athen schon viel früher verlassen müssen. Selbst als Platon und Aristoteles sich von ihren Grundanschauungen her getrennt hatten, wusste Platon die Fäden noch so zu ziehen, dass Aristoteles und einige weitere Schüler seiner Akademie Athen unbehelligt in Richtung Kleinasien verlassen konnten.
Ohne den Schutz durch Platon entging Aristoteles nach seiner erneuten Rückkehr nach Athen und der darauf folgenden mehrjährigen Lehrtätigkeit an der neuen, nach aussen hin von seinem Schüler Theophrast geführten Akademie, nur sehr knapp der Verhaftung wegen Gotteslästerung. Diese aber hätte ihm das gleiche Schicksal wie seinerzeit Sokrates eingebracht. Er wäre um den Schierlingsbecher nicht herum gekommen.
Was Sokrates von Aristoteles unterschied, war, dass dieser schon zu Lebzeiten den Schierlingsbecher in innerer geistiger Regsamkeit leerte. Wie ich aus der langjährigen Nähe zu ihm weiss, geschah dies vor allem immer dann, wenn er sich gegenüber gewissen Mysterien Entwicklungen, was durchaus auch öffentlich geschah, abgrenzte, weil er nichts Lebendiges mehr in ihnen zu sehen vermochte.

Saphira: Den Schierlingsbecher nach innen zu nehmen, ihn rein geistig immer und immer wieder zu leeren, darin war er ungemein modern und seiner Zeit weit voraus. So verwandelte er auch den Hochmut, welchen die Mysterien Vertreter bei allzu vielen Gelegenheiten dem gemeinen Volk, wie in Sonderheit auch Aristoteles gegenüber an den Tag legten, er verwandelte dieses Gift, indem er ihnen gegenüber weitgehend schwieg.
In seinem Denken bildete er damit, unbemerkt von den das gesellschaftliche Leben Athens beherrschenden Mysterien Vertretern, eine innere Kraftgestalt aus, welche die Kernkraft der alten Mysterien Weisheit in eine neue Zeit hinüber zu tragen in der Lage war.
Aristoteles versteckte hinter seiner Niederschrift der Kategorien und in anderen schriftlichen Werken gleichsam die Essenz der Mysterien Weisheit und sprach in seinen Vorlesungen aus der Kraft seiner Mysterien Erfahrungen heraus. Dadurch wirkte er auf seine Schüler an den beiden Akademien, an denen er lehrte, wie auch auf seine Zuhörer unter dem gemeinen Volk auf den Märkten Athens in einer Weise authentisch, die seines gleichen suchte.

Kretos: Ich könnte es nicht besser ausdrücken. Doch lass mich zu unserer letzten Unterredung mit Aristoteles zurückkehren.
Phöbus war also zu uns erneut herausgetreten und nachdem wir unser gemeinsames schallendes Gelächter nach und nach wieder gezügelt hatten, teilte er uns mit, dass Aristoteles sich von seinem Kräfteverfall erholt und bereits wieder rote Backen habe. Er unterrichtete uns auch davon, dass er ihm die Anweisung gegeben hätte für uns alle in seinem weitläufigen Landhaus Liegen bereit zu machen, damit wir die Nacht über in seiner Nähe zubringen könnten. Er wolle die ihm noch verbleibende Zeit bis zuletzt ausnützen, um uns das mitzuteilen, was ihm noch ein Anliegen sei.
Kaum über der Schwelle und ehe wir uns noch um Aristoteles herum versammeln konnten, begann er dann auch schon zu sprechen. Von Schwäche war nichts mehr zu spüren.

„Ihr seid keine Schüler mehr, habt, ein jeder auf seine Weise, eure ureigene Kraftgestalt im Denken entfaltet! Bewegt euch also frei im Raum. Ihr helft mir durch euer euch Bewegen, dass ich die Gedanken, die ich euch noch übermitteln will, auch ausformen kann. In unserem meisterlichen Denken sind wir in einer übergeordneten Kraftgestalt miteinander verbunden. Wir schöpfen zusammen aus einer Quelle, aus dem Sonnenlogos, der im Begriff steht ganz auf den Urgrund des Denkens hin sich auszugiessen. Dies ist die Essenz meines übersinnlich, geistigen Erfahrens in Eleusis, wie es sich in jungen Jahren vor meinem inneren Auge entfaltete und wie es durch die Jahre gereift vor euch nunmehr in Erscheinung treten kann.“

Saphira: Halt ein Kretos, halt ein! Wenn ich das, was Du soeben von Aristoteles berichtest ganz meinem inneren Erfahren übergebe, dann bläst gleichsam ein Wirbelwind wie durch mich hindurch. Alles dreht sich in mir und doch stehe ich aufrecht vor Dir, mit einem klaren Blick auf die Worte des Aristoteles und ihre Tragweite. Ich spüre die grosse Verantwortung, die wir füreinander und darüber hinaus tragen und ich sehe die zeitliche Dimension, in die hinein wir miteinander eine Aufgabe haben. Dies alles aber drückt mich nicht nieder, sondern lässt mir gleichsam Flügel wachsen. Ja, wir sind Vorreiter für eine neue Zeit!

Kretos: Mit diesen Worten, Saphira, hilfst Du mir Dir noch von etwas zu berichten, auf das Aristoteles in dieser für uns so denkwürdigen Begegnung zu sprechen kam und das uns alle  nach dem Vorausgehenden nicht wenig überraschte.
Er erzählte uns, während wir gemäss seiner Aufforderung uns in verschiedenen Richtungen durch den Raum beständig in Bewegung hielten, er berichtete uns über seine Erziehertätigkeit am Hofe König Philipps von Mazedonien für dessen Sohn Alexander. Dabei kam er auf die von ihm bereits angesprochene Kraftbewegung im Denken in einer ganz neuen, bis anhin nicht erwähnten Weise zu sprechen.
Es war buchstäblich ein wenig so, dass uns allen bei dieser seiner Herangehensweise an das Thema der Atem stockte, indem er auf das Folgende hinwies:

„Die Kraftbewegung, die sich aus dem Denken zu entfalten hat, geht aus dem Vermögen hervor dem Drachen in euch zu begegnen und dessen Kräfte, die ihr, mehr und mehr erwachend, in euch in ein inneres Gewahrsein werdet überführen können, langsam zu verwandeln. Mit anderen Worten, die vielfältigen Triebkräfte in euch in ein Licht erfülltes, hochaktiv geführtes Denken zu integrieren, das wird die Aufgabe auf dem Weg in ein zu erneuerndes Mysterien Wesen sein.
Ihr kennt alle irgendwelche mythischen Geschichten und Bilder, in denen der Drache eine Rolle spielt. Vor diesem Hintergrund sage ich euch jetzt: Alexander war der letzte Drachenreiter einer weit in vergangene Zeiten zurück reichenden mythisch magischen Tradition, die in der Übergangszeit zu einem langsam aufgehenden neuen Mysterien Zeitalter ein letztes Mal in Erscheinung trat. Er hat in seiner Zeit noch einmal etwas vollbracht, was unter den wachsamen Augen führender Mysterien Lehrer dazumal eigentlich schon sehr lange nicht mehr für möglich gehalten wurde und das nur gelang, weil Alexander gleichzeitig über eine ungewöhnlich reine Seele verfügte. Damit war er aber nicht nur ein letzter Drachenreiter, sondern für eine ferne Zukunft zugleich Vorbote für dereinst wiederkehrende Drachenreiter. Diesen Menschen für seine Aufgabe innerlich vorzubereiten, dafür hat mich König Philipp nach Mazedonien gerufen.“


Saphira: Kretos, was Aristoteles euch da über Alexander berichtet hat, das klingt ungeheuerlich. Wenn das noch zu seinen Lebzeiten bekannt geworden wäre, er wäre umgehend ermordet worden. Diese seine Sichtweise, das kann ich mit Bestimmtheit sagen, war und ist nämlich sowohl für die pro-mazedonischen, wie auch für die anti-mazedonischen Vertreter in Griechenland unhaltbar. Aristoteles war klug genug über dieses sein Erfahrungswissen zu schweigen.

Kretos: Dass es Erfahrungswissen des Aristoteles war, in das er uns jetzt kurz vor seinem Tod in einer so besonderen Weise Einblick gewährte, erhellt sich aus einer Reihe weiterer Hinweise, auf die er bei unserer Zusammenkunft noch zu sprechen kam. Ich fasse die wesentlichen Punkte zusammen.
Alexander sei in ein extrem schwieriges Lebensumfeld hinein geboren. Als einziger Sohn König Philipps von Mazedonien mit seiner Frau Olympias und damit Teil  eines eher wilden Kriegervolkes, dem Bildung sehr viel ferner lag, als den Bürgern von Athen, in seiner Wesensart aber zugleich zart und feinfühlig veranlagt, hatte er zwei Extreme in sich auszugleichen.
Wie Aristoteles uns wissen liess, sah Philipp wegen der Zartheit und Bewegungsunruhe von Alexander, in ihm nicht durchweg den Sohn, mit dem zusammen er seine Machtambitionen glaubte umsetzen und festigen zu können. Obwohl er schon sehr früh, wie es sich späterhin zeigte zu früh mit dessen militärischer   Ausbildung begonnen hatte,  ergaben sich erhebliche Schwierigkeiten, die zu einem mehrfachen Wechsel der Erzieher von Alexander führten.
Als Aristoteles schliesslich die Aufgabe übernahm Alexander mit anderen adeligen Schülern auszubilden stand er durch allzu viele zuvor begangene Fehler vor einem fast unlösbaren Problem. Alexander sei einerseits sehr unstet in seinem Verhalten, d.h. sehr bewegungsumtriebig gewesen, auf der anderen Seite aber ebenso intensiv in seinem Lernwillen, wenn er denn einmal innerlich zur Ruhe gekommen war. Für Aristoteles eine grosse Herausforderung ihn lehrend zu fördern.
Für Philipp eine Überforderung seiner Geduld, die in polternden Unmutsäusserungen sich äussernd, seine Frau Olympias dem Kind Alexander gegenüber auszugleichen hatte. 
Aristoteles legte daher, um Alexander in der Ausbildung nicht wie anfangs Philipp zu überfordern, sehr bald ein besonderes Augenmerk auch auf dessen Freunde, von denen er ebenfalls eine Reihe, unter ihnen Hephaistion, zu unterrichten hatte und untersagte zunächst jedwede weitere Kampfübungen für Alexander. Er baute damit einerseits in weiser Voraussicht auf die hilfreiche Unterstützung der Freunde für Alexander, wenn dieser einmal alleine die ganze Bürde seiner Aufgabe zu tragen hätte und verschaffte Alexander eine Atempause in seinem Widerwillen gegen seinen Vater, um sich selber zu finden. Dem in seinem Grundcharakter massvollen Hephaistion wandte er sich in besonderer Weise zu und erzog ihn, soweit er es vermochte zu einem inneren Wächter über die immer wieder ausbrechenden divergierenden Seelenstrebungen von Alexander.
Beängstigend war nach Aristoteles Worten für ihn der Umstand gewesen, dass Alexander das Pferd Bukephalos zu zähmen im Stande gewesen sei. Das war geradezu ein Bild für die in ihm wirkende wilde Kraft. Würde er sie im Zusammenspiel mit diesem Pferd mit der Zeit zu bändigen verstehen? Konnte er selber genügend Aufmerksamkeit für die führende Kraft des Denkens in Alexander veranlagen? Die ihm gegebene Zeit dafür war mehr als kurz bemessen.
Wann immer Aristoteles späterhin Alexander bei seinen Kampfübungen direkt beobachten konnte, so berichtete er uns, sei er von Mal zu Mal innerlich fassungsloser vor den sich vor seinen Augen abspielenden Kräftebewegungen geworden. Es sei ihm vor seinem inneren Auge immer deutlicher geworden, dass die Kräfte, die diesen jungen Menschen innewohnten und mit denen er sich in die schier gefährlichsten Situationen für sein junges Leben begeben konnte, um aus ihnen ebenso unglaublich beinahe immer ohne irgendwelche Blessuren wieder hervor zu gehen, nicht mit seinen kriegerischen Volkskräften alleine zu erklären waren. Hier wirkten noch ganz andere Kräfte.

Saphira: Ich erinnere mich hier an Geschichten meines Vaters in der frühen Kindheit, in denen er mir von Drachenreitern einer fernen Vergangenheit erzählte und von den schier unglaublichen Kräften dieser Männer und Frauen, die in einer Reihe magischer Rituale für diese ihre Aufgaben vorbereitet worden waren.
Als ich ihn in späteren Jahren noch einmal auf diese Geschichten ansprach, erwähnte er beiläufig, dass die Mysterien das Wissen um diese Rituale längst verloren hätten, da über viele Jahrhunderte hinweg keine Menschen mehr geboren worden seien, die auch über nur annähernd vergleichbare Kräfte verfügt hätten wie diese mythischen Drachenreiter.
Manche der Gelehrten an der Schule von Eleusis seien heute der Auffassung, dass es diese Drachenreiter nie gegeben hätte, er selber aber teile diese Auffassung nicht. Er wisse nämlich, dass in der gesamten zurück liegenden Mysterien Tradition nie etwas schriftlich niedergelegt worden sei, was sich so nicht ereignet hätte und da diese Drachenreiter Geschichten  heute noch in der Bibliothek von Eleusis nachzulesen seien, hätte es diese Drachenreiter auch gegeben. Sie seien eben noch rechtzeitig aufgeschrieben worden und damit vor dem Verlust durch die heute so geschwächte Erinnerungskraft bewahrt worden.

Kretos: Genau darauf verwies auch Aristoteles in seinem so unglaublichen Bericht über Alexander mit folgenden Worten:

„Ich stand vor einer Aufgabe, für die mir das Mysterien Wissen fehlte und konnte mich so nur auf mein beobachtendes Denken stützen.
Beobachtete ich Alexander, so wurde mir dabei immer deutlicher, hier wirkte eine Unmittelbarkeit in der Kraftbewegung die einer Geistesgegenwart gleich kam, ohne dass diese vorausgehend geschult worden war. Alexander bewegte sich so unbefangen in und mit diesen Kräften, dass er schneller war, als die gegen ihn geführten Kampfbewegungen. Dieses ermöglichte ihm daher meistens, von einigen wenigen Schrammen abgesehen, weitgehend unverletzt aus den Kampfhandlungen hervorgehen zu können.
Er war ein Göttersohn. Beschützt und getragen von Götterkräften schien er die Absichten seiner Gegner wie voraus zu sehen, noch ehe diese zur Tat wurden und konnte sich so in seiner Gegenwehr rechtzeitig darauf einstellen.
Wie sollte ich also diesem Menschen innere Führung beibringen? Was sein Kampfverhalten betraf, so war ein Eingreifen meinerseits hier unmöglich. Es bestand sogar die Möglichkeit, dass ihm der natürliche Fluss in seinen Kampfbewegungen verloren gehen könnte, wenn ich seine Aufmerksamkeit darauf lenkte.“

Saphira: Damit hat Aristoteles sehr weise gehandelt!

Kretos: Saphira, Du hast mich schon oft mit Deinen plötzlichen Gedankenwendungen in Erstaunen versetzt, aber unter dieser Deiner Bemerkung verschlägt es mir jetzt beinahe die Sprache.
Soweit ich weiss, bist Du Alexander zu Lebzeiten niemals begegnet. Wie kannst du also wissen, dass Aristoteles hier weise gehandelt hat?

Saphira: Nun mein lieber Kretos, als Schreiberin und Buchbinderin bin ich, wie Du weisst, mit Kaufleuten und adeligen Herren über viele Jahre immer wieder auf Reisen gewesen. Mein Vater hatte mir in Athen zwar ein Haus hinterlassen, aber für meinen Lebensunterhalt musste ich schon selber sorgen. Der Beruf des Schreibers und damit verbunden der Gesellschafterin war gut bezahlt und so fehlte es mir nicht an Mitteln für ein Leben in einem gehobenen Lebensstandard. Dass ich mehrere Sprachen fliessend in Wort und Schrift beherrschte, das kam mir noch zusätzlich zu Gute.
Auf einer dieser Reisen war ich vor einigen Jahren für mehrere Wochen im Hause Olympias, der Mutter von Alexander untergebracht. Die alte Dame hatte sich nach der Ermordung ihres Gatten aus den Machtspielen am mazedonischen Königshof zurückgezogen, an der sie, was unter der vorgehalten Hand flüsternd die Runde gemacht hatte, selber nicht ganz unschuldig zu sein schien, hatte sie doch, wie ihr unterstellt wurde, durch ihre intriganten Manieren unter den Aspiranten auf die Nachfolge von König Philipp, dessen Ermordung in einem Schachspiel der Macht gewissermassen mit herauf beschworen.
Ich lernte also Olympias, die eine Freundin meines damaligen Dienstherrn war, während mehrerer Wochen nach und nach näher kennen. Nachdem es sich durch eine vorsichtige Frage von Seiten Olympias ergeben hatte meinerseits kund zu tun, dass ich in frühen Jahren in Eleusis gewesen sei und auch mit Aristoteles Verbindung gehabt hätte, vertraute sie mir schliesslich eines Abends in einem privaten Gespräch an, dass sie ihrerseits vor der Ehe mit Philipp von Mazedonien eine Mysterien Schulung durchlaufen hätte. Sie sei in Samothrake ausgebildet worden und habe später dann noch, als Alexander bereits geboren worden war, ergänzende Unterweisungen durch eine Priesterin aus Ephesus erhalten, die aus der Brandnacht heraus einige heilige Schriften hatte retten können, die sie vor ihrem Tod dann in ihre Obhut übergeben hätte.
Auf ihren Sohn Alexander zu sprechen kommend sagte sie, dass ihr Sohn zweifelsohne von der hohen Sensibilisierung, die sie durch ihre Mysterien Schulung erfahren habe sehr viel in die Wiege gelegt bekommen habe. Diese Dünnhäutigkeit ihres Sohnes als Kind habe in ihrer Ehe mit Philipp auch immer wieder zu grossen Spannungen geführt. Philipp, von seinen Machtambitionen getrieben, nahm den Sohn viel zu früh durch strenge Körperübungen hart heran. Er verlangte von dem zarten Knaben schier Unmögliches, was zu Tobsuchtsanfällen  Alexanders führte, wenn Philipp nur in seine Nähe kam. Alexander konnte sich nach solchen Anfällen, in denen er wie wild um sich schlug, tagelang versteckt halten, ohne dass ihn irgend jemand auffinden konnte. Tauchte er dann wieder auf, so zeigte er deutliche Spuren davon, dass er draussen gelebt und dabei auch bitterlich geweint haben musste.
Welche mütterlichen Gefühle das bei mir auslöste, darüber muss ich wohl keine weiteren Worte verlieren.

Kretos: Durch Deine Worte beginne ich die wenigen Andeutungen von Aristoteles zur Person Olympias in seinem letzten Gespräch mit uns erst wirklich zu verstehen.  Hinter seiner Zurückhaltung dieser Person gegenüber scheint sich mir ein tiefer Respekt zu verbergen. Dass er mit keinem Wort auf die vielen Redereien, die um Olympias herum im Umlauf waren, nicht einmal andeutungsweise Bezug nahm, das erweckt in mir Gedanken, dass Aristoteles hier die Zusammenhänge viel tiefer durchschaut haben könnte.

Saphira: Womit Du recht hast mein lieber Kretos. In dem Gespräch, von dem ich Dir zu erzählen begann und das das einzige bleiben sollte, in dem sich Olympias mir gegenüber während meines gesamten Aufenthaltes in ihrem Hause so offen zeigte, enthüllte sie mir noch einige weitere Zusammenhänge, die mich tief berührten.
Wie eine Rachegöttin sich vor ihren Sohn stellend, habe sie nämlich in einem sehr heftigen Streitgespräch von Philipp verlangt, dass er die Erziehung seines Sohnes jenseits ihrer mütterlichen Obhut Pflichten in fremde Hände geben sollte. Zähneknirschend habe Philipp eingewilligt. Doch ihr Stand Philipp gegenüber habe sich durch seine Bereitschaft dies zu tun zunächst nicht verbessert. Im Gegenteil, ihre Stellung am Hofe verschlechterte sich weiter. Denn, als Philipp bald darauf bemerkte, dass sich sein Sohn in seinen Augen einfach nicht erziehen lassen wollte, dessen Unruhe Ausbrüche und sein Toben sich sogar noch steigerten, wenn es auch Stunden gab, wo er fleissig zu lernen begann, wurde er innerlich seinem Sohn gegenüber untreu, indem er bei Hofe hämische Bemerkungen über seine Schwächlichkeit fallen liess. Dies war natürlich Honig für Mund und Ohr einiger Adeliger, die sofort damit begannen ihre Söhne in den Vordergrund zu schieben.
Philipp, darüber ungemein aufgebracht, berief in einem letzten verzweifelten Versuch, seinen Sohn Alexander doch noch für sich und seine Machtambitionen gewinnen zu können, den besten Erzieher, den er haben konnte an den Hof von Pela. Das kostete ihn eine Menge Geld, denn Aristoteles hatte zu dieser Zeit eigentlich ganz andere Ambitionen für sich und sein weiteres Leben vor Augen, als ein Kind zu erziehen.

Kretos: In der Tat. Dass er diese Aufgabe übernahm, konnten viele seiner Zeitgenossen zunächst nicht verstehen. Später wurde er deswegen aber sogar bewundert, dass er Erzieher eines Welteroberers gewesen sei.
Wie er uns in Euböa sagte, habe er Philipp aus einer tiefen Erschütterung heraus zugesagt, als er Alexander zum ersten Mal begegnet sei und in dessen tiefe Verletzungen ausstrahlende Augen geblickt habe. Da konnte er einfach nicht mehr nein sagen. Auch wenn ihm dabei von allem Anfang an klar war, dass er damit offen für die pro mazedonische Seite Partei ergriff, was die Feindschaft von Demosthenes ihm gegenüber auf einen Siedepunkt zu trieb.

Saphira: Dieses tiefe  Erbarmen mit dem so sehr verletzten Kind, das habe Olympias von Aristoteles Seite her sofort gespürt und sie hätte beinahe jede Fassung verloren und ihn stürmisch umarmt, als er zusagte. Wie sie mir anvertraute, wusste sie, welch hohes Risiko er damit einging. Scheiterte er, so konnte das seinem Ruf hohen Schaden zufügen.
Sie hätte aber sehr bald gesehen, dass im Zuge dieser Entscheidung sich das Verhalten Alexanders zusehend verbesserte. Er wurde ruhiger und ruhiger und lies sich schliesslich auch wieder auf Kampfübungen zu Pferd ein, schien sie von einem bestimmten Augenblick an sogar zu suchen.
Sie liess mich weiter wissen, dass sie die deutlichen Verbesserungen im Verhalten von Alexander in einer relativ kurzen Zeit nach Aufnahme der Erziehungsarbeit durch Aristoteles natürlich sehr neugierig gemacht hätten. So  hätte sie  versucht allen  Handlungswegen von  Aristoteles unscheinbar  zu folgen, um herauszufinden, auf was das wohl zurückzuführen sei, nachdem alle Erzieher vor ihm, was das Verhalten betraf, gescheitert seien. Ihre Erfolge in der Bildungsarbeit von Alexander seien dem zur Folge sehr gering gewesen, was sie aber zu vertuschen wussten, um vor Philipp nicht das Gesicht zu verlieren.
Aus ihrer Sicht sei Alexander einfach nicht aufnahmebereit für beinahe jedwede Bildung ausser Musik gewesen. Allein das Spiel mit der Kithara schien ihn zwischendurch immer wieder einmal zu beruhigen, wenn es auch geschah, dass er so manche Kithara in einem plötzlichen Wutanfall in tausend Stücke zerschlug.
So sehr sie sich aber auch bemühte diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen, hätte sie nur feststellen können, dass Aristoteles ihrem Sohn vor dem Schlafen Gehen eine Geschichte zu erzählen schien. Tagsüber sei er häufig auf einer versteckten Bank in den Gärten nahe einer Grotte mit ihm gesessen, habe ihn sanft an den Schultern berührt und ihm dabei etwas zugeflüstert. Näheres konnte sie aber nie in Erfahrung bringen. Ihr Sohn sei nicht zu bewegen gewesen etwas davon preiszugeben.

Kretos: Ich beginne Deine Worte, Aristoteles habe sehr weise gehandelt langsam zu verstehen. Er hat sich offenkundig ganz tief in das Erleben dieses Kindes hinein versetzen können und durch entsprechende erzählerische Inhalte ihm geholfen sich in seinem Innersten selber spüren und dadurch finden zu können. Alexander musste, vom Vertrauen des Aristoteles getragen, nicht mehr explosionsartig in seinen Tobsuchtsanfällen seinen Körper ein Stück weit wie abstreifen. Er lernte durch Aristoteles „das Fürchten zu meistern.“

Saphira: Ja so muss es wohl gewesen sein.
Auf Olympias Seite wuchs neben der Freude um ihren sich offenkundig entwickelnden Sohn bald aber auch die Sorge, er könne in den Machtspielen ihres Mannes schlichtweg verbraten werden. Sie wandte sich deshalb an Philipp, dass ein König auch ein grosser genannt werden könne, wenn er seine Macht auf weniger Land gründete. Entscheidend sei doch wie er regiere und die Menschen dauerhaft für sich gewinne.
Wie sie mir berichtete, sei sie mit dieser Bitte aber auf taube Ohren gestossen und hätte, als Alexander mit 15 Jahren zum stellvertretenden Regenten in Abwesenheit seines Vaters ernannt wurde, sich innerlich verbittert weitgehend vom Leben bei Hofe zurück gezogen.
Da sie aber wusste, dass die Sterne offenkundig Grosses für Alexanders Leben voraus sagten, habe sie sich voller Furcht schliesslich an Aristoteles gewandt und ihn gefragt, wie sie damit umgehen solle.  Er habe ihr geantwortet:
„Was interessieren mich die Sterne. Ich sehe meine Aufgabe allein darin, dass Alexander lernt „sein Leben“ anzunehmen. Alles Übrige würde sich daraus schon in rechter Weise ergeben.“

Und lächelnd hätte er noch hinzu gefügt, sie solle aufhören Furcht zu haben. Alexander hätte einen furchtlosen und vor allem aufrechten Charakter und auf dieser Grundlage würde er jede Gefahr meistern können.

Kretos: Wenn ich mir jetzt das Bewegungsverhalten Alexanders, wie es uns Aristoteles auf Euböa vor Augen geführt hat meinerseits ein weiteres Mal innerlich zur Anschauung bringe, dann trifft die Einschätzung von Aristoteles voll ins Schwarze.
Aristoteles vertraute auf des Leben, das er Alexander gelehrt hatte, anzunehmen und seinen ungewöhnlich wachen Geist. Dieses Vertrauen übertrug er mit seinen Worten gewissermassen auf Olympias, obwohl er zu dieser Zeit noch stark damit rang, wie Alexander noch mehr innere Stabilität entwickeln könne.

Saphira:
Und Olympias hielt sich an die Worte des Aristoteles, dass Alexander mit seinem aufrechten Charakter eine jede Gefahr meistern könne. Sie fand in den Berichten, die nach der Schlacht von Chaironeia über die Heldentaten ihres Sohnes zu ihr drangen, Trost darin, dass Alexander offenkundig von starken Schutzkräften begleitet wurde.

Das führt mich zu den letzten Worten Olympias, die sie mir an diesem denkwürdigen Abend ganz zum Schluss noch anvertraute.
Sie sei eines Nachts gegen ihre Gewohnheit und ohne äusseren Anlass plötzlich aufgewacht, sei im Nachtgewand in ihre Bibliothek gegangen und habe im Dunkeln nach einem Buch gegriffen, von dem sie wusste, dass sie es besass, aber bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gelesen hätte.
Im Licht einer flackernden Kerze schlug sie die Kategorien des Aristoteles auf. Da geschah es. Durch die Seiten des Buches schien sie, wie aus der Zeit gerissen in die Augen des Aristoteles zu schauen, der sie mit einem warmen Lächeln anblickte.  Von dieser Nacht an, hätte sie all ihre Mysterien Erfahrungen verdichtend sich stetig mit der Frage nach der Entwicklung eines Herzdenkens beschäftigt. Was sie gefunden hätte, das verriet sie nicht. Ich aber gab mein Verstehen kund und bewahrte ihre Worte still in meinem Herzen.

Kretos:
... Du bewahrtest Olympias Worte, wenn ich es recht verstehe, vierzehn Jahre still in Deinem Herzen, obwohl sie Dir nichts dazu gesagt hatte, welchen Weg sie von dieser nächtlichen Erfahrung aus gegangen sei? Dann muss an diesem Punkte eures Gespräches unmittelbar etwas, ... etwas euch beide tief Erschütterndes geschehen sein,  ein Durchblick von weitreichender Bedeutung sich eröffnet haben. Ansonsten hättest Du niemals auf dieser Grundlage, äusserlich betrachtet eigentlich wenig aussagefähiger Worte ein Verstehen kundgegeben, das, ich sage das nicht leichthin, mich, der ich damals nicht dabei war, heute leise erzittern lässt.

Saphira: Ja so ist es.
Die Kategorien gehören nun wirklich zu den Werken von Aristoteles, die mehr als sperrig zu lesen sind. Ich habe mich inzwischen beinahe ein Leben lang mit dem Werk des Aristoteles auseinandergesetzt und dabei gelernt, dass er dort, wo er in seinem Sagen sperrig wirkt, dass dort die tiefsten Geheimnisse verborgen liegen. Heute kann ich sagen, dass an diesen Stellen zwischen seinen Worten, gleichsam im Ungesagten weitere Bücher von ihm darauf warten aufgeschlagen zu werden. Der Riegel der vor diesen Büchern liegt ist das Wort des Sokrates:

„Ich weiss, dass ich nicht weiss!“

Dies existentiell einmal erfahren und darüber hinaus sich bereit zu halten es immer tiefer weitere Male neu zu erfahren, das öffnet die Türe zu diesen verborgenen Schätzen. Aristoteles ist für mich nicht nur ein grosser Meister der Mysterien vor dieser Welt, er ist ein noch grösserer Meister im Ablegen von Büchern im Weltenäther.

Kretos: Saphira, Du weisst, dass wir beide in unseren Gesprächen stets die Augenhöhe gepflegt haben, dass nichts von der Überheblichkeit des Mannes, die sich von den Mysterien Schulen heute immer unangenehmer ausbreitet, zwischen uns gelebt hat. Sprüchen, die Frau sei in ihrem Denken zu wenig rational, sie sei in ihrem Denken zu sprunghaft, forteilend ausgerichtet, ist Aristoteles immer unüberhörbar streng entgegen getreten. In Euböa hat er uns dies zuletzt überdeutlich mit folgenden Worten ans Herz gelegt:

„Wenn ihr die Gemeinschaft unter euch Sieben lebendig erhalten wollt, dann achtet darauf, dass das, was die drei Frauen unter euch still in ihren Herzen bewahren durch euer Fragen an die Oberfläche treten kann. Was Frauen still in ihren Herzen tragen, das ist das Nährsalz einer jeden Kultur, das wird euch miteinander zum Aufgang eines erneuerten Mysterien Wesen führen.“

So frage ich Dich heute:

„Saphira, was trägst Du über das Herzdenken still in Deinem Herzen geborgen und was ist in dieser langen Zeit dazu in Dir gereift?" 

Zeitgleich muss ich Dich jedoch auch bitten, diese meine Frage heute noch nicht zu beantworten, da ich ansonsten meinen Bericht über die letzten Worte des Aristoteles an uns nicht zu Ende bringen kann.“

Saphira:
„Kretos, mein Herz hüpft, wenn ich daran denke, was wir in der nächsten Zeit in neuen Dialogen noch miteinander werden bewegen können. Ich kann Dir nicht sagen, wie sehr mich Deine Frage freut.“

Nun aber fahre bitte in Deinem Bericht aus Euböa fort.

Kretos: Wir sind dabei stehen geblieben, dass Du auf die Worte des Aristoteles hin, mit denen er das Bewegungsverhalten Alexanders beschrieb, davon sprachst, Aristoteles habe weise gehandelt hier nicht einzugreifen und Aufmerksamkeit darauf zu lenken.
Aristoteles hat also nicht eingegriffen und seinen Bericht wie folgt fortgesetzt:

„Ich kann nicht verhehlen, dass mich innerlich ein Grauen umwehte, als ich Alexander nach Jahren des innerlichen Ringen mit dessen ungewöhnlichen Kräften, die sehr oft in Richtungen strebten, die mir mehr als bedenklich erschienen, ich diesen allzu jungen Mann aus meinen Händen in seine Aufgabe hinein entlassen musste. Würde mein Bemühen um diesen so jungen Menschen ausreichen, diese schier unmögliche Bürde zu tragen?“

So war dann dieser Abschied auch mehr als denkwürdig. Aristoteles lies nämlich in dieser Stunde all seine Zurückhaltung gegenüber Alexander fallen militärisch strategische Fragen auch nur indirekt anzusprechen. Dieses Gebiet sah er einfach nicht als sein Aufgabenfeld an. In dieser Stunde aber wollte er „seinem König,“ der ihm schon länger innerlich zum Freund geworden war, etwas mitgeben, um das er, wie er sagte, viele Nächte gerungen hatte. Auf ihn zugehend sprach er:

„Alexander, mein Freund, wenn Du in der kommenden Zeit mit Deinem Heer einmal in eine ausweglos erscheinende Lage kommen solltest, so halte Dich an Deine Reiterei. Teile sie in viele kleine Gruppen auf und rüste die vorderen Reihen immer mit persischer Gewandung aus. Lasse Deine Leute die Kampfrufe der Perser auf ihren Hörnern nachahmen und schicke sie in kreisenden Bewegungen in die Kampfreihen Deiner Feinde hinein, mit der strengen Auflage sich nicht auf längere Kampfhandlungen einzulassen. Störe, wo es nur geht durch blitzartige Überraschungsangriffe, gleichsam wie aus dem Hinterhalt ihre auf Dein Heer vorrückenden Aufstellungen. Erzeuge Verwirrung, so viel als nur irgend möglich und ziehe deine Reitertrupps immer dann zurück, wenn der Feind zu beissen anfängt. Reisse auf diese Weise ihre Schlachtordnungen auseinander. Sende von verschiedenen Orten widersprüchliche Nachahmungen von Hornsignalen Deiner Feinde aus und das unweigerlich ausbrechende Chaos wird Dir in die Hände spielen
!“ 
Alexander soll daraufhin, wie Aristoteles uns wissen liess, ihn nur sehr lange und mit unverhohlener grosser Nachdenklichkeit angeschaut haben. Nach einem zeitlosen Augenblick hätten sie sich beide die Hände gereicht und Aristoteles hätte eine in beiden Richtungen verlaufende Kraftübertragung verspürt, die jedes weitere Wort erübrigte.
Jahre später, nach der Schlacht bei Issos, habe er in den frühen Morgenstunden, als in den Strassen Athens noch dämmrige Schläfrigkeit herrschte, durch einen Mazedonischen Eilkurier einen Brief von Alexander erhalten, in dem zu lesen war:

„Mein väterlicher Freund. 

Ich bin dem Tod begegnet und angesichts der ausweglosen Lage bei Issos habe ich mich an zweierlei erinnert, auf das Du mich in Deiner Erziehungs- wie gleicherweise Ausbildungsarbeit hingewiesen hattest.
Das eine war der Satz des Sokrates: 


„Ich weiss, dass ich nicht weiss,“ 

den Du mir sehr häufig dann zusprachst, mich dabei sanft bei meinen Schultern berührend oder mich einfach in Deine Arme nehmend, wenn die innere Unruhe wieder einmal über mich herfiel.“
 

„Das andere waren Deine Abschiedsworte und die besondere Qualität Deines darauf folgenden Händedrucks. Dieser Händedruck liess mich, wie ich heute nach der Schlacht bei Issos nunmehr definitiv weiss, meine Selbstherrschaft über meine Kräfte nachhaltig erringen und halten.
 

Wenn ich seither vor meinen Reitern in neue Kämpfe mit den Persern hinein reite, dann ist es mir, als ob mir aus meinen Schultern tausend Flügel heraus wüchsen. Meine Reiter und ich bilden nicht nur eine verschworene, in jeder Lage für einander treu einstehende Kampfgemeinschaft, ich weiss auch, dass ich, wenn ich in mein Horn zum Angriff blase, die Kräfte, die mich solange willkürlich ergreifen konnten, jetzt innerlich geführt auf sie übertragen kann. Geschieht das, so können wir einen Wirbelwind der Bewegung entfachen, der Unbesiegbarkeit unter allen meinen Soldaten verbreitet.“
 

„In den Stunden des frühen Morgens vor einer neuen Schlacht denke ich regelmässig an jene Drachenreiter Geschichte, die Du mir von meinen Kindheitstagen an bis in die Zeit hinein, da ich schon als stellvertretender Regent meines Vaters Verantwortung zu tragen hatte, des Abends so oft an meinem Bett, bzw. auf einem stillen Abendspaziergang in den Gärten der Grotte von Mieza immer wieder in verschiedenen Varianten erzähltest und von der eine so grosse innere Ruhe ein jedes Mal neu auf mich überging.
In so einer Stunde fühle ich mich als Vorreiter einer zukünftigen Kräftegemeinschaft neuer Drachenreiter und die Aussicht darauf lässt mich mein Schicksal annehmen. Dass dies so sein kann, das verdanke ich Dir und dem durch Deinen Händedruck vermittelten Kräftezusammenschluss zwischen uns beiden.
 

Mögen die Götter Dich beschützen, so wie ich mich seit Deinem Händedruck in unmittelbarem Gewahrsein von den Göttern beschützt erlebe. 

Alexander.“
 

„Ich habe Anweisung gegeben, dass ein mit Deinem persönlichen Siegel versehener Brief oberste Priorität in der Übermittlung an mich erhält. Der mit meinem Brief an Dich ausgeschickte Eilkurier ist von mir persönlich mit dem Auftrag freigestellt, dass er Tag und Nacht bereit zu stehen habe, ganz gleich welche Botschaft Du mir auch immer zukommen lassen willst.“

Nachdem uns Aristoteles diese Worte vermittelt hatte, durchwehte den Raum mit seinem Ausblick auf die Abendsonne, den blühenden Frühherbst Garten und das Meer, das Windharfen Spiel eines Schweigens, das unser aller Körperempfinden, von den Haaren bis in die Zehenspitzen innerlich erschauern lies. Wir schwiegen alle eine sehr lange Zeit.
Unter den Augen des Aristoteles sah ich zwei grosse Tränen der tiefsten Erschütterung glitzern, während er von seiner Liege aus in eine ferne Zukunft zu blicken schien. Zwischen uns aber, die wir unwillkürlich in unserem Bewegen durch den Raum allesamt inne gehalten hatten, entfaltete sich langsam ein für uns alle gleicherweise wahrnehmbares Kräftewirken, das uns für alle zukünftigen Zeiten unverbrüchlich miteinander verband.

Saphira: Dich hörend werde ich innerlich unmittelbar in euren Kreis um Aristoteles versetzt. Ich spüre das Schweigen mit seinen Kräfteschwingungen, das euch umfasste und sehe Aristoteles, leise lächelnd, uns alle mit einer kaum sichtbaren Geste seiner rechten Hand segnen.

Kretos: Saphira, Du warst unter uns, auch wenn Du physisch nicht anwesend sein konntest. Er hat in seinen Worten immer auch wieder Deinen Namen ausdrücklich angesprochen. Wenn er uns mit seinen Augen oft so eigenartig anzuschauen wusste, so schien es mir mehrfach, als ob er, Dich anlächelnd, besonders ansprechen wollte.
Dein Hinweis auf die kleine unscheinbare Geste von Aristoteles, die ich selber erst jetzt durch Deine Augen bewusst mit erfasse, zeigt mir, dass dem so war.

Saphira: Das muss wohl so gewesen sein. Denn, wenn ich mich jetzt zurück besinne, dann sass ich an dem Abend vor Aristoteles Tod auf einer vom allgemeinen Getriebe  etwa abseits gelegenen Steinstufe am Hafen von Alexandria. Mit Blick auf die prachtvoll glühende Abendsonne umfasste mich jene besondere Stille, die ich jetzt erneut erlebend als die gleiche wieder erkenne, die mich vor sieben Monaten aus dem Nichts heraus in Alexandria umwehte. Mein ganzes Leben mit Aristoteles ging mir damals bis in alle Einzelheiten durch den Sinn. In dieser Nacht lag ich wach in meinem Bett und schlief erst, als die Sonne aufging mit einem Lächeln an Aristoteles ein.

Kretos: Das Kräftewirken, das uns mit Aristoteles verbindet, ist schon eine unabweisbare Realität.
Doch lass mich jetzt in meinem Bericht weiterfahren. Nach geraumer Weile hub Aristoteles erneut zu sprechen an, nein, er flüsterte das Folgende in den Raum.

„Heute kann ich sagen, Alexander hat seine Aufgabe erfüllt, er hat den Nachweis erbracht, dass es möglich ist die Drachenkräfte, die in einem jeden Menschen leben, nicht nur innerlich zu bändigen , sondern auch mit einem willensgeführten Denken zu verbinden. Freilich, was Alexander damit „für eine zukünftige Zeit“ anfänglich vollbrachte, das werden die Menschen erst in fernen Tagen, lange nach unserer Zeit verstehen.“

Nach diesen Worten schwieg Aristoteles erneut und in diesem Schweigen entfaltete sich spürbar in einem jeden von uns eine erste Ahnung von dem, was in den kommenden Zeitaltern nicht nur von uns, sondern von allen ernsthaft vorwärts strebenden Menschen zu vollbringen sein würde.

„Wäre Alexander nicht im letzten Jahr gestorben,“ so fuhr Aristoteles schliesslich zu sprechen fort, „er wäre heute hier unter uns an unserer aller Seite, als tatkräftiger Gegenwartszeuge für ein zukünftig zu erneuerndes Mysterien Wesen.“

Saphira: Der Faden der Ariadne ist ausgelegt. Der wachsenden inneren Freiheit eines jeden Menschen ist es zukünftig anheim gestellt diesen Faden aufzunehmen und für sich aufrollend dem inneren Sonnenlicht auf dem tiefsten Grund der Drachenhöhle mutig entgegen zu wandern.

Kretos: Kürzer ist es wohl nicht möglich unser mittlerweile ungewöhnlich lang währenden Dialog zusammen zu fassen.

Lass mich Dir meine Hand reichen, so wie Aristoteles einem jeden von uns mit einem jeweils anders gefärbten Lächeln seine Hand reichte und uns so still innerlich Mut für die kommende Zeit zusprach, ehe er uns an diesem Tag entliess.

Wisse, am Tage nach dieser unserer Zusammenkunft mit Aristoteles fanden wir ihn mit weit geöffneten leuchtenden Augen in seinem Lehnstuhl vor. Er musste kurz vor unserem erneuten Kommen mit der ersten Morgensonne dem grösseren Leben entgegen gegangen sein. ...

Saphira: Ob es wohl irgendwann einmal eine Zeit geben wird, die moderne Drachenreiter hervorbringen wird?

Kretos: Wir können dafür nur durch unser Tun den Weg vorbereiten. Dann mag es sein, dass von vieler Menschen Bemühungen getragen, sich erneut Drachenreiter erheben, um dem Dunkel die Stirn bietend, in ihrem Lichtatem die geläuterten Drachenkräfte als Freiheitskräfte in die Welt hinaus zu tragen.

Saphira: Der frei lassende Weitblick von Aristoteles, das ist es, was ich an ihm im Leben und jetzt über seinen Tod hinaus am meisten bewundere. Darin liegt eine starke Mutkraft geborgen.

Kretos: Verborgen in der Stille!


© Bernhard Albrecht Hartmann, 10.01.2015

Der Anfang dieses Dialogs (Teil 1) ist zu finden unter: https://ich-quelle.blogspot.com/2013/12/unter-der-platane-ein-dialog-uber-die_28.html

Die Fortsetzung desselben (Teil 3) unter: https://ich-quelle.blogspot.com/2017/04/ein-dialog-uber-die-zeiten-hinweg-im.html







Montag, 5. Januar 2015

"Des Werdens Macht"

Liegt nicht dem Sagen eines jeden Menschen unscheinbar ein Werden verborgen mit zu Grunde? Dieses Werdende bleibt allerdings solange ungesehen, wie ich nicht verstehe von meinem Vermeinen über das von einem Du sagend Gesagte innerlich zurück zu treten, ich nicht darauf verzichte es in meine Sichtrichtung umzubiegen und stattdessen mich darum bemühe in eine Haltung der Ehrfurcht vor dem fremden Wollen hinein zu finden.
Diese innere Haltung einem Du gegenüber ist gelebte Freiheit!
Was dieses Werdende braucht ist meine Ehrfurcht, damit es sich weiter entfalten oder überhaupt erst in Gang kommen kann. Was dieses Werdende gerade hinter einem mitunter tief problematischen Sagen braucht ist der Mut und das Vertrauen, dass dieses problematisch Fragwürdige noch in eine ganz andere Richtung hin sich entwickeln oder umkehren kann, als es sich jetzt zeigen mag.
Fremdes Sagen in Achtung des darin zum Ausdruck kommenden Wollens so leben lassen, wie es sich ausdrückt, das erschliesst verborgene Ressourcen möglicher Weiterentwicklung eingeschränkter Blickwinkel. Ich kann nicht erwarten, dass sich der Blickwinkel im Sagen eines Du von sich aus so ohne weiteres verändert, ich kann aber mit meiner Ehrfurcht Fenster öffnen, die ein leises wie gleicherweise nachhaltiges Windharfen Spiel nach sich zieht und auf diesem Wege die Macht des Werdens befreiend, Blickwinkel langsam weitet.

© Bernhard Albrecht, 05.01.2015

Donnerstag, 25. Dezember 2014

Notwendiges Beginnen

Einige Anmerkungen zu dem gegenwärtig auf www.egoistenblog.blogspot.com laufenden Dialog der von Christian Clement herausgegebenen SKA  (Steiner Kritische Ausgabe).

Lieber Christian Clement

Das Leben ist ein Fluss vielfacher Geschehnisse und damit verbundener Resonanz Prozesse, denen achtsame Gegenwärtigkeit geschuldet ist, deshalb kann ich mich nur sehr bedingt zeitnah in die Dialoge um die SKA einschalten.
Wenn auch verspätet, so freue ich mich dennoch wenigstens einige wenige Gedanken zu den hier in der letzten Zeit Geäusserten einstellen zu können. Zu weiteren Dialogpunkten mich zu äussern werde ich hoffentlich noch später Gelegenheit finden.
Ein Fachphilosoph im engeren Sinne des Verständnisses ist Rudolf Steiner nicht gewesen. Dass er über ein grosses philosophisches Wissen verfügte, dass dürfte hingegen durch seine Publikationen auf diesem Felde hinreichend belegt sein. Dies führt mich zu der Frage, was zeichnet einen philosophischen Denker aus und welches Gewicht kommt in diesem Zusammenhang den offenkundigen arbeitstechnischen Mängeln zu, die in der wissenschaftlichen Diskussion um Werk und Person Rudolf Steiners immer wieder vorgebracht werden.
Wenn ich hier die Aussage von Professor Heinrich von Stein zu der Dissertation Rudolf Steiners heranziehe, dann wird darin in wenigen Worten Wesentliches zu meiner oben angeführten Frage zum Ausdruck gebracht.
"Ihre Dissertation ist nicht so, wie man sie fordert; man sieht ihr an, dass Sie sie nicht unter der Anleitung eines Professors gemacht haben; aber was sie enthält, macht möglich, dass ich sie sehr gerne annehme."
Aus meiner Sicht sind diese Worte so zu lesen:
Heinrich von Stein erkennt nicht nur die selbständige Denkart Rudolf Steiners, er stuft darüber hinaus gehend die aus dieser Denkart hervorgehenden Gedanken als so wertvoll ein, dass er trotz unabweisbarer Mängel der Arbeit, was ihren technischen Unterbau betrifft, bereit ist diese Arbeit anzunehmen. Er hätte sie ja mit der Bemerkung zurückweisen können: Kommen Sie wieder, wenn sie zu ihren bemerkenswerten Gedanken auch noch den wissenschaftlichen Apparat erarbeitet haben. Die eigenständigen Gedankengänge Rudolf Steiners in den Vordergrund schiebend ist er vielmehr bereit sich über die offenkundigen Mängel hinweg zu setzen und die Arbeit nicht nur entgegen zu nehmen, sondern "sehr gerne" anzunehmen.
Ich leite daraus für den wissenschaftlichen Apparat dieser Arbeit die Note ausreichend bis mangelhaft, für die Gedankenführung die Note gut bis sehr gut ab. Aber was mir beinahe noch wichtiger erscheint, das in diesen wenigen Worten zum Ausdruck kommt, das ist der Respekt Heinrich von Steins, den er mit seinen Worten Rudolf Steiner zuspricht.
Warum hebe ich an dieser Stelle den Respekt so hervor, weil ich denke, dass dies, selbst auf die Gefahr hin, dass ich mich mit dieser Aussage schwer in die Nesseln setze, da ich sie nicht zu begründen gedenke, sondern die Verifizierung einer vertieften eigenen forschenden Arbeit unter Einbeziehung der Methode der seelischen Beobachtung überlassen möchte, dass Respekt zu leben ein tiefer Wesenszug Rudolf Steiners war.
Diesen Faden noch ein wenig weiter spinnend will ich fragen, haben zumindest gewisse Kreise unter den Anthroposophen in Tateinheit schon ein respektvolles Verhältnis zu Rudolf Steiner entwickelt? In meinen Augen bedeutet es nämlich einen Menschen auf den Thron der Unerreichbarkeit zu setzen diesen "Mensch" nicht zu respektieren. Respekt hat etwas mit Augenhöhe zu tun, auch mit innerer Freiheit. Schwärmerische Verehrung oder schleichende Kanonisierung seines Wissensstandes als unumstösslichen Massstab eigenen Denkens halte ich diesem Menschen gegenüber nicht für respektvoll  und betrachte ich auch nicht als zeitgemäss.
Gleicherweise erhebt sich für mich die Frage nach der Seite der Kritiker Rudolf Steiners hin, die über Rudolf Steiner zu einem Urteil kommen - unter Umgehung von dessen zentralen wissenschaftlichem Ansatz, der Anwendung der Methode der seelischen Beobachtung. Pointiert gefragt: In welcher Zeit leben diese Kritiker? Sind sie nicht auf eine andere Weise "ihrem Wissenschaftssystem gläubig verbunden," wie gewisse Anthroposophen "ihrer Vorstellung von Hellsichtigkeit." Ist diese Vorstellung im Durchgang durch die seelische Beobachtung kompatibel mit der Aussage Rudolf Steiners, dass es für die Zukunft darauf ankomme im Denken sichtig zu werden?
Wie steht es daher um einen von beiden Seiten in grössere Tiefen vordringen wollenden Wissenschaftsgeist?
Rudolf Steiner lebte in einem tiefen Respekt gegenüber den philosophischen Denkern, mit denen er sich auseinandersetzte, nicht zuletzt auch gegenüber der Denkweise z.B eines Immanuel Kant, wo ihm im Zuge seiner Umgangsweise mit diesem von seinen Kritikern vorgehalten wurde, er habe ihn nicht verstanden. Nehme ich derartige Vorhaltungen im Ansatz ernst, so ergibt sich notwendigerweise, was bedeutet dann im Sinne der Intentionen Rudolf Steiners verstehen? War seine Absicht Kant und andere Denker eins zu eins in seinem Denken abzubilden oder suchte er den Metamorphose Ansatz im Denken eines Immanuel Kants ausfindig zu machen? Und wenn dem so sein sollte, ergeben sich aus dieser Sichtweise dann nicht mindestens zwei Weisen verstehenden Umgangs mit Kant? Die systematisch analytische Herangehensweise und die einer durch Metamorphosen hindurch sich wandelnden intuitiven Herangensweise!
Der analytisch vorgehende Wissenschaftler wird keine Mühe haben Rudolf Steiner Mängel im Umgang mit Gedankengängen Immanuel Kants nachzuweisen, während der eher intuitive Denker im Blick auf Kant scheinbare Gedankensprünge,  ein Ausser-acht-lassen von diesem und jenem als ein besonderes Vermögen im Denken Rudolf Steiners zu würdigen weiss Wesentliches in den Gedankengängen eines Denkers wie Kant zu erkennen und weiter zu denken. Beide Sichtweisen sind auf ihre Weise berechtigt. Bedenklich wird die Sache erst dann, wenn zwischen beiden Denkweisen nicht oder ungenügend unterschieden wird und Rudolf Steiner demzufolge unter Gesichtspunkten eine Bewertung seiner Sichtweise auf Kant erfährt, die ihm sachlich nicht zugeordnet werden kann, weil er ein völlig anderes Ziel im Umgang mit Kant verfolgte.
Wenn ich die inneren Bewegungen, die in der Fachphilosophie ablaufen, um in einem Bilde zu sprechen, als der Tendenz nach mit einem eher trägen Lavastrom vergleiche, dann kann es eigentlich nicht verwundern, wenn aus dieser Hintergrundbewegung im Denken, Rudolf Steiner nicht als Fachphilosoph gesehen werden kann. Aus dieser Haltung heraus ist die diesbezügliche Einschätzung unwidersprochen als stimmig anzusehen.
Zum Fachphilosophen fehlte die breit abgestützte Systematik in den Herleitungen seiner Gedankengänge zu Kant und anderen Denkern. War deshalb sein Blick auf diese Philosophen ein verkürzter? Oder war er sogar tendenziös oder schlampig in der Verarbeitung gewisser Gesichtspunkte von Spinoza, Kant und Fichte, hat er Fichte gar abgekanzelt? Ich denke nein, denn er hatte für sich eine ganz andere Herangehensweise an die Philosophie gewählt, als dazumal üblich.
Um das obige Bild fortzusetzen, war Rudolf Steiner aus meiner Sicht heraus im Sinne dieses Bildes eher ein durch die Philosophie eilender intuitiver Funken Schlag, mit einem tiefen Sinn für die Punkte, wo einzelne Denker seiner Zeit fortgedacht werden konnten und mussten. Damit berührte er natürlich von vornherein bestimmte akademisch, intellektuelle Narzissmen auf eine subjektiv unangenehme Weise und zog mit dieser seiner Art des Herangehen von Anfang an Ablehnung auf sich. Aber wer Neulande zu betreten sich anschickt, der kann auf Bedenken Träger nur bedingt Rücksicht nehmen. Die Geschichte der Entdeckungen zeigt das zu Genüge. Er musste seinen Weg gehen und konnte nicht darauf Rücksicht nehmen, ob ihm andere auf diesem Weg unmittelbar folgen konnten, sonst wäre er "gestürzt." (Nebenbemerkung: Auch Spinoza musste sich von seiner jüdischen Gemeinde durch viele Anfeindungen hindurch zuerst trennen, um seinen Weg gehen zu können.)
Rück - Sicht! Rudolf Steiner musste das Zurückschauen, die Sicht nach hinten radikal abschneiden, um im Gehen nach "Vorne" nicht zu straucheln. Das ist der Preis, den ein jeder Neulandgeher hinterlegen muss, wenn er Sichten auf Neues, wenn er die Fenster aufreissen will, um einem zu erweiternden wissenschaftlichen Forschen den Weg zu öffnen. Wie hoch der Preis für solches Handeln sein kann, das führt uns das Schicksal von Sokrates deutlich vor Augen. Seine Zeitgenossen fällten über ihn das Todesurteil, setzten ihn dem öffentlichen Geschrei aus, er verführe die Jugend durch Spekulationen, er sei ein Gotteslästerer. Sie peitschten ihn seelisch betrachtet lieber aus, als selbsttätig gedankenkünstlerisch sich dem Nichts zu stellen.
Von heute aus betrachtet hiesse das im Hinblick auf Rudolf Steiner von den eigenen Vorstellungen soweit zurück zu treten, sie zu löschen, dass damit ein existentiell innerlich zu beobachtender Erfahrungsprozess des "ich weiss, dass ich nichts weiss" (Sokrates) vor jeder möglichen Spekulation oder Quellenbelegung in Erscheinung zu treten eine Chance bekommt.
Ich für mich wenigstens vermisse im heutigen Wissenschaftsbetrieb so manches Mal den tiefer greifenden interpretatorischen Umgang mit Quellenmaterial. Die Quelle als Manipulationsinstrument, als Vernebelungskanone "gegenüber dem eigenen Bewusstsein" des Forschenden, das auch nur eine gewisse Zeit innerlich Aushalten des "ich weiss, dass ich nichts weiss," bei aller scheinbar stringent in Erscheinung tretenden Quellenlage, das Christian Clement, das scheint mir dem heutigen Wissenschaftsbetrieb mancherorts zu fehlen. Naive Quellengläubigkeit verhindert vertieftes wissenschaftliches Forschen! Könnte das nicht sein?
Um genau dies etwas mehr zu konkretisieren, war es von Dir Christian, in der Art und Weise wie es geschehen ist, nicht etwas naiv hier davon zu sprechen Rudolf Steiner habe sich mit dem Gedanken getragen einen Doktortitel sogar zu kaufen? Bei dem gegenwärtig hoch sensibilisierten gesellschaftlichen Umgang, was den Erwerb eines Doktortitels auf der Grundlage einer seriösen wissenschaftlichen Arbeitsweise betrifft? Hast Du Dir da nicht möglicherweise ein Eigentor geschossen, was die Akzeptanz Deines wissenschaftlichen Arbeitens zu Rudolf Steiner in gewissen Kreisen der Anthroposophenschaft angeht, unter Menschen, die ihr Idol durch eine solche "Arbeitsweise" beschädigt sehen? Und hast Du Dir vielleicht sogar, ohne es zu bemerken, noch ein weiteres Eigentor geschossen gegenüber Deinen textkritischen wissenschaftlichen Kollegen im weltweiten gesellschaftlichen Umfeld? Können einige dieser Kollegen auf der Grundlage dieser Deiner Bemerkungen, wenn sie ohnehin schon einen inneren Vorbehalt gegenüber Rudolf Steiner in sich tragen, nicht dahin gelangen, mit diesem "Wissenschaftler" müssen wir uns weiter nicht ernsthaft beschäftigen und auseinandersetzen? Ist es für Dich nachvollziehbar, dass in bestimmten entscheidenden Situationen unter Menschen ein Weniges genügen kann, ob ein Mensch einen Schritt vorwärts oder zurück macht?
Und auch dies will ich noch anmerken: Du kannst nach meinem Verständnis hier auf diesem Blog Dich nicht privat äussern. Du bewegst Dich im wissenschaftlichen, wie im privaten Sinne immer im gleichen Medium, nämlich in Deinem Denken. Wissenschaftliches Denken ist abstrakt formal nicht von privatem Denken zu trennen. Über alle methodischen und handwerklichen Besonderheiten des wissenschaftlichen Denkens gegenüber einem gewissermassen privatem Denken hinaus könnte sich Wissenschaftlichkeit gerade dadurch auszeichnen, dass wissenschaftliches Denken sich in jeder Lage in der eigenen Haltung klar und präzise zum Ausdruck bringt. Gegen alle etwa davon abweichenden Gewohnheiten auf diesem Felde verbinde ich wissenschaftliches Denken mit einer inneren Haltung des Respektes.
Müssen von daher gesehen Argumente, die ich im anthroposophische privaten Bereich vorbringe nicht einer erhöhten Achtsamkeit unterzogen werden, weil vor allem Denken Gefühlsverbindungen zu Rudolf Steiner verletzt werden können. Wenn also das Denken in einem solchen Zusammenhang Deinen Argumenten folgen können soll, müssen dann Deine diesbezüglichen Argumente nicht sehr viel mehr belegt sein, d.h. durch Quellenquerverweise vernetzt und durch die eigene Haltung bezeugt, wenigstens aber freilassend hinterfragt werden?
Tretminen sind durch Unachtsamkeit schnell gelegt.
Auch ironischer Sarkasmus, den Michael im Verlauf des Dialogs oben geistesgegenwärtig sogleich zurecht gerückt hat, ist, auch wenn er Dich innerlich für einen kleinen Augenblick entlastet haben mag, letztlich nicht zielführend. Unterbewusst bleibt da in so manchem Leser einiges hängen, was im weiteren Verlauf dann Deine Arbeit beeinträchtigt. Du baust Dir nicht unwesentlich das Bett für Deine Arbeit. Es sind nicht die Anderen, die Dich behindern, auch wenn es vordergründig so erscheinen mag.
Doch ich will hier noch einmal zurückgreifen und den Gedanken Faden von weiter oben weiterführen.
Rudolf Steiners Art selektiver Argumentationsführung kann aus meiner Sicht nicht wirklich verstanden werden ohne eine subtilere Kenntnis der mittelalterlichen Disputatio. Diese Rede- und Argumentationskunst, auf dem Höhepunkt der Scholastik, arbeitete stark selektiv und hatte in der Auswahl einzelner Argumentationssentenzen doch das Ganze des philosophischen Gegenspielers im Auge. Die Disputatio war kämpferisch ausgerichtet, sie war zeitgleich aber auch ein geistiges Fitnesstraining, wie auch ein Spiel reiner Freude im Umgang mit dem Wort. Auch nur annähernd Vergleichbares gibt es aus meiner Kenntnis heute nicht mehr.
Für eine derartige Mobilität im Denken zeitgemäss wieder ein Tor zu öffnen, das scheint mir eine Hintergrund-Zielperspektive Rudolf Steiners im Verlauf des Schreibens seiner Philosophie der Freiheit gewesen zu sein, - neben dem Entwickeln und Darstellen der Methode der seelischen Beobachtung.
Hat Rudolf Steiner deshalb Fichte abgekanzelt, wenn er dem Anschein nach verkürzt Aussagen von ihm zielführend in seinem Sinne verwendete? Hat er das wirklich, hat er das Christian Clement? Disputatio - dem freien Geist ein Tor öffnen?!
Ich habe ja oben schon auf die möglicherweise manipulative Kraft zweifelsohne notwendiger Quellenapparate verwiesen. Unter dem Diktat von Quellenapparaten könnte ja unter Umständen der Blick für das Wesentliche, das Rudolf Steiner in diesem Zusammenhang im Auge gehabt hat, verloren gehen. Wenn Du also Rudolf Steiner diesbezüglich kritisch befragst, muss dann nicht auch die Quelle dazu kritisch auf ihren tieferen Aussagegehalt hin befragt werden, bzw. die blitzschnell und unbewusst ablaufenden Vorstellungsüberlagerungen im "wissenschaftlich forschenden" Umgang mit dieser Quelle. Möglicherweise passt sie gar nicht zu der "Aussage Dynamik" von Rudolf Steiner an dieser Stelle.
Bin ich achtsam mit den Vorstellungen umgegangen, die ich in strenger innerer Selbstdisziplin innerhalb der wissenschaftlichen Klärungsarbeiten zu Rudolf Steiners Arbeitsweise gleichsam wie unter die Lupe genommen habe oder ist es mir entgangen, dass ich unbedachter Weise eigene Vorstellungen der Quelle vor gängig unterschoben habe, um sie im Nachgang dann als scheinbare von der Quelle belegte Tatsachenaussagen der Quelle wiederum zu entnehmen. Ist das Spekulation?
Ich denke nein, denn aus meiner Sicht fängt genau an dieser Stelle das wirklich eigenständige Denken überhaupt erst an. Die seelische Beobachtung kann innerhalb eines wissenschaftlichen Diskurses viel mehr erhellen, als aus meiner Sicht heraus bei Unternehmungen dieser Art bisher schon geschehen. Und damit komme ich zu einem vorläufig letzten Strang von Anmerkungen zu Deiner Arbeit an der SKA.
Wenn in der Zeitschrift "Nature" ein neue Entdeckung innerhalb wissenschaftlicher Forschungsarbeiten zur Quantenphysik publiziert wird, dann bemühen sich innerhalb weniger Tage zahlreiche Forschungsinstitute auf der ganzen Welt darum den publizierten Versuch nachzustellen, um ihn zu verifizieren, bzw. darzulegen, dass ihnen bei ihren eigenen Versuchen eine Verifizierung nicht gelang. Die möglicherweise unterschiedlichen Ergebnisse solcher nachgestellten Versuchsreihen münden in der Folge dann in einen wissenschaftlichen Diskurs, innerhalb dessen das Für und Wider aller Aspekte oft über Jahre hinweg anhaltend erörtert und durch neue Versuchsreihen ergänzt wird, welche die erweiternden Aspekte der vorangegangenen Diskurse in die forschende Betrachtung miteinbeziehen. Soweit so gut.
Rudolf Steiner hat mit seiner Philosophie der Freiheit die naturwissenschaftliche Methode im Vollzug auf den Umgang mit geistigen Prozessen hin beschrieben, um ganz genau zu bleiben, er hat seelische Beobachtungen nach naturwissenschaftlicher Methode vollzogen und beschrieben. Ein Tabu-Bruch vor dem Hintergrund seiner Zeit, denn er hat damit implizit das dualistische Weltbild zugleich in Frage gestellt.
Heute ist es weit verbreitet von Paradigmenwechseln da oder dort zu sprechen. Zu Rudolf Steiners Lebzeiten war es aus meiner Übersicht der damaligen Zeit undenkbar in einer derartigen Weise dieses Grundparadigma auch nur mit einem Wort in Frage zu stellen. Geist und Natur waren zwei Forschungsbereichen zugeordnet und eine  Forschungsmethode, die dezidiert der Forschung an der Natur zugewiesen war, die naturwissenschaftliche Methode auf die Beobachtung des Denkens anzuwenden, das war undenkbar. Im Wortsinn  u n d e n k b a r.
Die sogenannte akademische Wissenschaft hat sich mit der Methode Rudolf Steiners, ich sage das jetzt bewusst argumentativ auf die Spitze getrieben noch nicht wirklich auseinandergesetzt und will doch ein Urteil über ihn fällen?!
Ich will es im Nachgang zur obigen sehr spitzen Argumentation noch einmal anders formulieren. Mit dem Vorhaben Rudolf Steiners, dass es möglich sei seelisch-geistige Prozesse einer naturwissenschaftlichen Beobachtung zu unterziehen, eröffnet er ein neuartiges forschend zu ergründendes Beobachtungsfeld. Auf diesem Felde von der Beobachtung und noch mehr von der Beschreibung her naturwissenschaftlich exakt zu arbeiten ist schwierig. Um beschreibend im Bilde zu sprechen klettert der denkend Forschende gleichsam in innerlichen Denkbewegungen durch Seelenlandschaften, um auf seiner sich voran tastenden Suche die zueinander passenden Denkfäden exakt zusammenzuführen. Das wiederum kann unweigerlich in Situationen hinein führen, in denen der Denkende aus dem Gleichgewicht geraten kann. Mögliche Zusammenhänge entziehen sich wieder und wieder, weil die eigene fokussierende Denkkraft nicht stark genug ist bestimmte Denkbewegungen innerlich exakt zusammenzuführen. Im Bemühen diese Methode zur Anwendung zu bringen können innere Spannungsabfälle in der Fokussierung auf aufzubauende Denkzusammenhänge in jedem Augenblick geschehen und es dauert lange bis es gelingt hier deutlich sichtbare Fortschritte für sich zu erzielen oder anders gesagt eine innerlich nur einigermassen stabile forschende Verfassung herzustellen.
Um an Hand eines Beispiels zu sprechen: Viele, die am Computer arbeiten, beschäftigen sich dabei auch dann und wann mit Bildbearbeitung. Bei dieser Unternehmung wird in unterschiedlichen Ebenen gearbeitet. Die seelische Beobachtung ist aus meiner Erfahrung heraus eine Arbeit gleichsam in fliessenden Gewässern, mit Gegenströmungen sehr wechselhaften Tempos, ist eine Arbeit in blitzschnell sich verlagernden Tiefen Bereichen, unter Umständen weite Zeiten übergreifend und steht dabei, weil dies alles noch nicht genug ist unter dem mehr oder weniger starken Einfluss wechselnder persönlicher seelischer Wetterlagen. Forschen auf einem derartigen Terrain? Da halte ich mich doch lieber an akademisch Bewährtes, bewege mich in abstrakten Gedankenräumen, als mich einer derartigen Virulenz auszusetzen. Deckel drauf und fertig.
Und damit der Zugang zu dieser, in konkret gemeinter Anlehnung an das Höhlengleichnis von Platon, nicht erneut betreten wird, Verschleierung, Verschleierung, Verschleierung; Spekulation, Spekulation, Spekulation. Mit meinen Worten ist die seelische Beobachtung  die Leuchtlampe nach dem Ausstieg aus der Höhle hinein in Sonnenhöhen der Abstraktion für ein Zurück in die selbige, ein Hindurch durch die eigene Unterwelt, hin zur letztendlichen Erfahrung, dass "ich" nie im wirklichen Sinne gefesselt war, ich mich nur durch mein eigenes Denken selber in Fesseln gelegt habe.
Ganz persönlich gesagt, überzieht mich ein Schauer bei der immensen inneren Arbeit und Forschungsaufgabe, die da für viele Generationen von Forschern in die Zukunft hinein aufgetan ist und darauf wartet mutig angegangen zu werden. Bei all dem, was ich mir persönlich im Zuge der Anwendung der seelischen Beobachtung bis in meine Alltagspraxis, oft recht schmerzlich, erarbeitet habe, sage ich mir in diesem Augenblick, Du darfst Dich nicht kopfscheu machen lassen von zu erwartenden Todschlag-Argumenten, wenn Du Dich jetzt in diese beginnende wissenschaftliche Auseinandersetzung einklinkst. Es ist an der Zeit, dass diese Auseinandersetzung verstärkt und hoffentlich in die Tiefe hinein, auch in eine grössere sachliche Fairness aller Beteiligten untereinander eröffnet wird. Ist das naiv gedacht?
Nein es ist aus der Erkenntnis heraus gedacht, dass ich und ein jeder hier in diesem Diskurs sich auf einer sehr konkreten individuellen Entwicklungsebene, in einer  e i n z i g a r t i g e n Entwicklungsdynamik bewegen und Übertragungen oder Erwartungen aus meiner Art des sich Bewegen auf einen anderen sich hier Bewegenden nicht gemacht werden können, ja  k ö n n e n. Sie werden und ich weiss von vorne weg, diese pointierte Aussage wird mir dieser oder jener übel nehmen, möglicherweise sogar sehr übel nehmen, sie werden nicht ineinander passen. Verdächtigungen, Unterstellungen, in Mutmassungen verpackte sogenannte Aha Erlebnisse sind aus meiner Sicht kein Ausdruck eines  g e l e b t e n  freien Geisteslebens. Da haben Eruptionen und Strömungen aus der eigenen Unterwelt heraus mit die Hand am Steuer meines Denkens.
Wenn ich mich recht entsinne, dann hast Du sinngemäß im Verlauf des Dialogs um die SKA vor einiger Zeit einmal gesagt, dass Du noch keinen michaelischen Streiter siehst, der sich in der Arbeit an der SKA an Deine Seite stellen würde. Das hat mich aufhorchen lassen. Und zwar in dem Sinne: Auf einen michaelischen Mitstreiter wirst Du nach meiner Erfahrung solange warten müssen, bis Du Dich selber als ein solcher erwiesen hast. Wie ich es sehe, so hältst Du Dich noch sehr hinter vorgeschobenen abstrakten Denkweisen Deines wissenschaftlichen Verständnisses bedeckt zurück. Die zentralen Fragen zur Methode der seelischen Beobachtung sind aus meiner Sicht noch nicht gestellt. Oder sollte mir da etwas entgangen sein? Ich gebe zu, dass mich nicht nur meine beruflichen Verpflichtungen, die ich nun endlich im Januar abschließen kann, sondern darüber hinaus noch andere weit vernetzte Aufgaben daran hindern Deine Arbeit an der SKA immer zeitnah zu verfolgen.
Ob Du Dich nun in Deiner weiteren Arbeit an der SKA noch mehr aus der Deckung hervorwagen wirst oder nicht, Du wirst weder dem sogenannten wissenschaftlichen Establishment, noch den Pharisäern unter den Anthroposophen gerecht werden können. Da gibt es keine Brücken im äusseren Sinne des Wortes zu bauen. Wenn Du Dir ... und nur Dir aber wissen - schaf (fen) - t - l - "ich" treu sein kannst, dann wird diese Deine standhaft bleibende innere Haltung mehr und mehr ein Ausdruck sein können einer dynamischen Brückenbildung aus der Ich - Bewegung heraus.
Meinen Respekt für Deinen Mut die Aufgabe der SKA anzugehen hast Du und das Vertrauen auf Deine zukünftig noch zu leistende Arbeit auch, selbst wenn dabei herauskommen sollte, dass Du aus meiner Sicht in Deinem wissenschaftlichen Bemühen um einen sachlichen Blick auf Rudolf Steiner andere Wege gehen solltest oder aus Deiner Sicht sachlich belegt zu einem anderen Ergebnis, als ich es aus dieser Sachlage herausarbeiten würde. Solche Art von Unterscheidungen in einem wissenschaftlichen Diskurs tut einem gelebten freien Geistesleben nur gut.
Die Aufgabe, der Du Dich unterziehst, ist einfach zu gross, als dass sie am Ende in jeder Beziehung glatt gelöst in Erscheinung treten kann. Jeder noch so wissenschaftliche Diskurs hat seine Ecken und Kanten und das darf auch so sein, denn wir sind allesamt nur Menschen auf unserem je individuellen Weg zu wachsender Verantwortungsfähigkeit aus dem Ich heraus und damit einher gehenden fortschreitend grösseren menschlichen Reife.
Ich grüsse Dich,


PS.: ... ungewöhnlich ... dieser Gedankengang vielleicht, ... aber könnte es nicht sein, dass, weil ich im Blick auf dunkle Flecken im eigenen Bewusstseinsfeld mir selber gegenüber nicht barmherzig begegnen, ich auch gegenüber anderen Menschen, die meinen Lebensweg kreuzen in bestimmten Momenten nicht mehr Barmherzigkeit walten lassen kann? Brüche zwischen Menschen oder innerhalb von Menschengemeinschaften sind sie vielleicht letztendlich auf eine unbarmherzige Haltung mir selber gegenüber zurück zu führen? ...


Dienstag, 11. November 2014

"... Im Elemente des Ursprungs ..."

„Im Denken steht der Mensch im Elemente des Ursprungs der Welt, hinter dem etwas anderes zu suchen als sich - den Denker - selbst, für den Menschen keine Veranlassung besteht.“ Carl Ballmer

Was ist aber dann dieses Element des Ursprungs und was heisst es in der konkreten Erfahrung in diesem Elemente zu stehen, sich im Stehen in der inneren Aufrichte halten zu können? Ist das Denken wirklich das Element mit dem ich im Ursprung stehe, stehen kann? Und wenn dem so sein sollte, in welcher Weise und wann kann ich dann von einem Denken, in dem der Mensch zeitgleich im Ursprung der Welt steht, sprechen?
Stehen ist eine Kraftbewegung gegen die Schwerkraft und eingebunden in diese gegen die Müdigkeit und eigene Schläfrigkeit. Weil ich schläfrig in der seelischen Beobachtung meines Denkens bin, weil ich denke, ohne im tieferen Sinne zu wissen, mit was ich da innerlich eigentlich umgehe, wird mein Körper im Wortsinn zu einem Schwerkraft Element, der das Erfahren der Kraftbewegung im Augenblick möglicher Erfahrung des Denkens und damit des Elementes des Ursprungs sofort wieder verschleiert.
Das klingt nach hartem Tobak und demzufolge heftigem Gegenwind in möglichen Antwort- Argumentationen. Dennoch will ich mein Fragen noch mehr auf die Spitze treiben. 
Wie weit haben wir wirklich ein „echtes Erfahrungswissen“ über das Denken oder bewegen wir uns mit ihm unter dem Feigenblatt angeblicher seelischer Beobachtung mehrheitlich nach wie vor in abstrakten Räumen ohne echten Erfahrungsbezug? Vielleicht sollte ich hier sogar besser und damit gleichzeitig unumkehrbar  noch provokativer sagen, bewegen wir uns nicht in „tendenziell stark abgehobenen Sphären,“ wenn wir vermeintlich denken?
Damit mich hier niemand missversteht, ich unterstelle keinem Leser dieser Zeilen, dass er das Denken gänzlich unbewusst gebraucht. Ich räume nur auf meinem Schreibtisch auf, auf dem sich im Laufe vieler Jahre so allerlei Utensilien über ein so oder anders geartetes Verständnis des Denkens angesammelt haben und lasse für mich dabei keinerlei Tabus in der Herangehensweise auf das Denken mehr gelten.
So frage ich also weiter: Welchen Stellenwert hat der Hinweis Rudolf Steiners in seiner Philosophie der Freiheit auf die „Zurückdrängung des Leibes“ als inneres Erfahrungsfeld in Bezug auf das Denken? Ein aus meiner Sicht viel zu wenig beachteter Zusammenhang in den Auseinandersetzungen über das Denken und die Art und Weise wie dieses dabei in einer inneren „wachsamen“ Weise zur Anwendung kommt. Komme ich durch den Leib zur Erfahrung des Ursprungselementes im Denken? Muss ich etwa, um das Denken wirklich tiefer zu verstehen und anwenden zu können, lernen mit dem ganzen Körper zu denken?
Eine wenig schmeichelhafte Herausforderung für den Denker, der sich sein Leben auf dem Himalaja Plateau seines Kopfdenkens wohlfeil eingerichtet hat?! Es wird ihm grauen vor dem Absturz in die Schluchten des Nichts. Und dennoch führt aus meiner Sicht kein Weg daran vorbei, will ich das Denken und seine Ursprungsqualität auf das Leben hin verstehen, dass ich vorausgehend alle Vorstellungen über das Denken in mir zuerst „löschen“ muss.
Ist Denken in Anlehnung an Sokrates ein Tanz auf dem Felde des „ich weiss, dass ich nicht weiss?“ Ist ein Erfahrungsausblick auf das Denken, ein Erfahren der Kraftgestalt des Denkens letztlich nur über das Aufrecht Stehen Lernen im Nichts zu gewinnen?
Über Nondualität zu reden ist eines, das Wagnis einzugehen  Denken nondual auch erfahren zu wollen ein ganz anderes.
Aus meiner Sicht lässt sich das Lebenswerk Rudolf Steiners auf einen einzigen Satz hin verdichten: Lerne nondual denken!

Sonntag, 5. Oktober 2014

Pause

Ich gehe in die Ferien und danach in eine kreative Pause, in eine Pause und Neuorientierung auch nach der nunmehr definitiven Beendigung meiner Berufszeit. Mein Schreiben hier auf meinen beiden Blogs „Wege der Befreiung“ und „Ich Quelle“ wird gewiss weiter gehen, in welcher Form, das wird sich zeigen.
Mehr aktive, auch kontrovers denkende und erlebende Leser könnten meine Kreativität in dieser Richtung sicher beflügeln. In diesem Sinne würde ich mir für die Zukunft mehr Mut zum "Dialog" wünschen.
Was ich bisher in Worte zu fassen versuchte, das betrachte ich als Keime, die in den verschiedensten Richtungen weiter gedacht und vertieft werden könnten, nicht nur poetisch. Für mich war und ist die Poesie ein Mittel hoch sensiblen Bewusstseinsvorgängen eine Sprachform angedeihen zu lassen, in der das Wort nicht nur vom Kopf her, sondern gleicherweise vom Herzen her erlebt, wie gedacht werden kann.
Im Denken sehend zu werden, aus meiner Sicht eine Zeitforderung für Menschen, die durch die gegenwärtigen Weltverhältnisse sich nicht nur mehr oder weniger bewusst zwischen Resignation und hemmungsloser Jagd nach diesem oder jenem Hipe langsam aber sicher zerreiben lassen, sondern die Verantwortung ganz aus dem Kleinen der schlichten Bewusstseinsbemühungen ihrer Lebenswelt heraus „bewegen“ und dabei bemerken, dass sie sehr viel mehr bewegen können, als sie zunächst annahmen jemals zu können. Dies ist jedenfalls meine Erfahrung.
Keiner ist eine Insel. Das Ego mag einem eine gewisse Zeit vorgaukeln können, dass dies so sei und Abschottung oder filigraner besserwisserischer Hochmut Mittel der Wahl sein könnten, um in dieser Welt zu bestehen. Wenn nun aber das Ego nicht die sichere Insel, sondern nur der Hafen ist, von dem aus das Ich seine Fahrt zur kreativen Vernetzung mit anderen gleich gesinnten Menschen (nicht unbedingt gleich denkenden Menschen) aufnehmen will, was dann. Dann bleibt nur die Verantwortungsbereitschaft für meine kreativen Beiträge zum Wohle des Ganzen und das Gezerre um ein Recht Haben in diesem oder jenen Aspekt wird zur Nebensache.
Im Vordergrund steht dann das miteinander Weiterdenken, das fragende sich wechselseitige Inspirieren für Lösungen in dieser oder jener Richtung.
Die Begegnung von Ich und Ich auf dem Leuchtschiff des je potentiell evolutionäre Türen öffnen könnenden Du, die echte Begegnung mag dann einen initiatischen Prozess auslösen, in dessen Verlauf sichtbar wird, dass keiner mehr über dem anderen steht, sondern der eine alleine um der Förderung des anderen Willen seinen Weg geht. Mit Mut durch alle äusseren und inneren Wirrnisse hindurch.

Bernhard Albrecht Hartmann

Mittwoch, 25. Juni 2014

Ich

Bewegt in Bewegung. Ich ist nicht, wo diese fliessende Bewegung, dieses bewegt in Bewegung Sein nicht in sich aufgesucht werden kann.
Ich sehe den Einwand. Ich ist nicht?
Das widerspricht dem Anschein nach jeglicher philosophischen Forschung über Jahrhunderte hinweg, die sich um dieses Thema bemüht hat. Es widerspricht auch den Forschungen der Entwicklungswissenschaften, die von einem ersten grossen Schritt der Ich Vergegenwärtigung des Kindes im Alter von etwa drei Jahren ausgehen. Das Kind spricht zum ersten Mal von sich als Ich.
Und jetzt: Ich ist nicht, wenn ...
Ja wenn fliessende Bewegung in sich nicht aufgesucht, wenn eine Erfahrung dieser Art sich nicht eindeutig vergegenwärtigt werden kann. Ja, was nun? Fliessend erfahrene Bewegung in sich soll zum Ich führen und wo diese Bewegung sich nicht vergegenwärtigt werden kann, da ist kein Ich, da ist Ich nicht, noch nicht?  Ja wie nun?
Ich und Bewegung, wie hängen sie zusammen?
Und die andere zwangsläufig sich daraus ergebene Frage? In welcher Beziehung steht dazu die Erfahrung der Leere als scheinbarem Endpunkt einer Bewegung, als Erschöpfungszustand des Verstandes am Abgrund, als Sinnkrise, die heute so viele Lebensbereiche der Menschen durchzieht? Leere und Sturz ins Nichts, Depression.
Nun, ich will hier diese Fragen nicht ins Einzelne gehend ausloten, vielmehr das Augenmerk allein auf einige wenige Tatbestände lenken, die zum Ausgangspunkt von eigenen inneren Erkundungen werden können.
Wer sich auf eine so geartete Selbst Erkundung einlässt, der wird in deren Verlauf unschwer feststellen, dass nur das zu einer Erkenntnis hin reifen kann, was aus einer Eigentätigkeit hervorgeht. Mehr Wissen zu den angedeuteten Zusammenhängen führt, auch dies kann als Selbsterkenntnis aus einem derartigen Erkundungsgang hervorgehen, nur immer näher an eine zunächst schleichend auftretende Depression heran, mit der Folge früher oder später sich in panikartigen inneren Zuständen vor einen schwarzen Abgrund gestellt zu sehen.
Es ist heute eine allgemein zugängliche Erfahrung, dass sich unsere gegenwärtige Verstandestätigkeit als eine seit der griechischen Antike entwickelte Kulturtechnik des Denkens auf ein Aussen bezieht, also dual gepolt ist. Die Folge davon ist, dass sich daraus eine höchst differenzierte abbildende Denktätigkeit, ein abbildendes Wirklichkeitsverständnis entwickelt hat. Die bloss abbildende Tätigkeit des Denkens hat dabei eine derartige Intensität angenommen, dass unkritisch sich selber gegenüber sogar geistige Prozesse  anscheinend nicht mehr anders als abbildend wahrgenommen werden können, mit der Konsequenz eines nahezu durchgehenden materialistischen Weltverständnises.
Es scheint mir in dieser über alle Grenzen hinaus betriebenen Denkbemühung längst nicht mehr um die Abgrenzung von Subjektivität und Objektivität, was den wissenschaftlichen Blick auf die Ergebnisse des Denkens hin betrifft zu gehen, sondern um einen krampfhaft verdeckten Selbstausschluss der Kraftgestalt des Denkens innerhalb eigener innerer Erfahrungsmöglichkeiten schlechthin.
Ich und Welt erleben sich per paradigmatischer Festlegung als getrennt. Ich? Sagte ich nicht, Ich ist nicht, wenn es nicht in fliessender Bewegung, als in Bewegung auftretende Erfahrung erlebend gegenwärtig werden kann. Das aber ist die Schwierigkeit für ein abbildendes Verstandesdenken. Es hat die Verbindung zur schaffenden Bewegung in sich verloren, mit anderen Worten, die Kraftgestalt, aus der im ursprünglich aristotelischen Sinne das Denken genauer besehen hervorzugehen hat, ist dem inneren Blickfeld entschwunden. Dieser Umstand aber ruft das Abgrunderleben von immer mehr Menschen in der heutigen Zeit hervor. Die selbstgeschaffene Dualität im Verhältnis zur Welt muss aus sich heraus dynamisiert werde.
Das mit dem dualen Wirklichkeitsverständnis erworbene Selbstbewusstsein und daraus resultierend die Möglichkeit zur fortlaufenden Selbstbestimmung hat ihren Preis in einer immer offenkundiger zu Tage tretenden Angst, sprich einem fast pandemisch um sich greifenden Sicherheitsbedürfnis auf beinahe allen Ebenen des Seins. Der Mensch stürzt ins Nichts, erlebt sich in einer immer tiefer um sich greifenden Leere, die er durch alle nur erdenklichen Ablenkungen zu unterlaufen, von sich zu weisen sucht. Seine grösste Angst ist es dabei den Boden unter seinen Füssen und damit im Bodenlosen sich selber zu verlieren.
Die  Schnelligkeit, die im äusseren Leben allenthalben gefordert und forciert wird, ist, tiefer betrachtet, ein Hinweis auf die notwendig zu entwickelnde Wachheit für im Inneren eigentätig zu gestaltende und fortlaufend tiefer zu erfahrende Bewegungen. Schwimmenlernen in geistigen Prozessen ist angesagt. Dort aber wo das abbildende Denken unterschwellig immer noch als Massstab für ein sich selbstordnend im Denken Einfinden Können angesehen wird, ist der Sprung über diesen inneren Abgrund hinweg ein immer wieder auf ein Neues sich bemerkbar machendes und zu verdrängendes Ärgernis eigene Entwicklung nur selbstverantwortlich in die Hand  nehmen zu können.
Ich in Bewegung zu erfahren scheint in der Tat für ein zur Gänze in die Abstraktion geratenes Denken unmöglich zu sein.
Dennoch ist die Abstraktion ein nicht zu überspringender höchst bedeutsamer Schritt in der Entwicklung zu selbstbestimmtem Denken, führt sie den Menschen doch an eine einzigartige Grenze heran, an eine Grenze, die, so der denkende Mensch sich eine innere Anschauung von seinem Tun des Grenzganges verschafft, eindrücklich zum Erleben bringen kann, dass an dieser Grenze im eigentlichen Sinne überhaupt kein Abgrund vorhanden ist.
Die Abstraktion ist ein unendlich weites Feld und was in dumpfem Erleben hier einen Abgrund vorgaukelt, das ist genauer besehen der in Kraftlosigkeit hinein zusammenbrechende Ausdruck eigenen Denkens, ist Ausdruck von Muskelkater in Bezug auf die eigenen Möglichkeiten denken zu können. Um das Feld der Abstraktion in seiner verschleierten Imateralität zu durchdringen fehlt die innere Spannkraft. Bildhaft gesprochen liegt der Abstraktion ein Denken im Glashaus zu Grunde. Das der Abstraktion innewohnende Wesenhafte kann nicht erfasst werden, weil dem Denken die Kraft dazu abhanden gekommen ist und Wege diese Kraft aufs Neue zu erwerben zwar vorhanden, aber allem Anschein nach als Quellgrund für ein weitreichendes forschendes Tätigwerden Können noch nicht ernsthaft genug begangen und erkundet werden.
Es mag verwundern, wenn hier gesagt wird, dass die Überwindung oder besser gesagt ein lebensvolles Durchdringen der Abstraktion nur über eine innere Neuausrichtung von Ich und Du im sozialen Raum möglich werden kann. Aus dem einfachen Grunde heraus, weil Gleiches nur durch Gleiches, Wesenhaftes also nur durch Wesenhaftes, Ich und Du als wechselseitig Wesenhaftes nur auf Augenhöhe und in Respekt für einander als gleicherweise wesenhaft erkannt werden können. Gelingt es das Wesenhafte im sozialen Raum sich erneut lebendig vor Augen zu führen,  dann wird es auch möglich werden die Abstraktion in der Wissenschaft aufzubrechen, sie auszurichten auf einen Paradigmenwechsel in der Anschauung immaterieller geistiger Realitäten.
Was als Kraftgestalt hinter dem aristotelischen Denken liegt und was Aristoteles einstmals in seinen Dialogen, soweit sie noch erhalten sind, allem Anschein nach zum Ausdruck gebracht hat, das gilt es im Dialog zwischen Ich und Du erneut an das Licht des Tages, ins Bewusstsein herauf zu heben, wenn die über weite Ereignisfelder hin reichende gegenwärtige Bewusstseinskrise überwunden werden soll. Das Ego als ein Ergebnis dual ausgerichteten Wirklichkeit Verstehens will dynamisiert werden.
Dass ein vertieftes Verständnis, ein Durchschauen der dem Ego zugrunde liegenden Bewegungsdynamik für die Erweiterung des gegenwärtigen Wissenschaftsverständnisses in Richtung auf eine noch zu entwickelnde naturwissenschaftssysthematische Erforschung geistiger Realitäten von entscheidender Bedeutung sein könnte, das kann einem jeden einsichtig werden, der sich auf ein Erkunden der Bewegungsdynamiken innerhalb des Ich Du Prozesses über längere Zeit einlassen mag. Dass damit auf keinen leichten Weg verwiesen wird, das kann nicht verschwiegen werden. Bewusstseinsklarheit zu erringen, ganz gleich auf welchem Arbeitsfeld, das ist noch zu keiner Zeit eine einfache Aufgabe gewesen.
Ein Gewinn, den das abbildende Verstandesdenken in Bezug auf das heutige Wirklichkeitsverständnis gebracht hat, ist aber nicht hoch genug zu bewerten, nämlich ein damit einher gehendes Selbstbewusstsein des Menschen als Basis eines der Möglichkeit nach immer weiter um sich greifen könnenden Freiheitsbewusstseins. Dass an dieses Selbstbewusstsein nicht wenige auch leidvolle Erfahrungen von Verstrickungen in Ego Mustern innerhalb des eigenen sozialen Umgangs eingebunden sein können, das wird ein jeder Zeitgenosse auf seine ganz eigene Weise bestätigen können. Für den Fortgang der Bewusstseinsentwicklung ist das Ego aber nicht zu überwinden, sondern in seiner inneren Bewegungsdynamik anschauend zu verstehen. Kann doch bei genauerem Hinsehen das Ego verstanden werden als die Samenkapsel, aus der durch eine entwickelte Eigentätigkeit das Ich bewegt in Bewegung mehr und mehr in Erscheinung treten kann.
Die Abstraktion ist das Ergebnis eines auf sich bezogenen Ego zentrierten Denkens. Diesem Denken ist das Erleben der eigenen Kraft im Denken entglitten. Denken wird nicht als eine eigene Kraftbewegung erfahren und noch weniger als eine aus einem inneren Blicken hervor gehende Tätigkeit. Erwacht innerhalb dieser blickenden Tätigkeit das Bewusstsein für ein in fliessender Bewegung sich ausdrückendes Ich, dann keimt in der blickenden Tätigkeit zeitgleich ein Lichtprozess auf, der das Feld der Abstraktion mehr und mehr gleichsam aus seiner Erstarrung wie aufweckt und den Blick öffnet auf ein Reich wesenschaffend zu einander in Beziehung stehender Wesenheiten.
Für mutige Wegsucher auf dem inneren Feld des Denkens wird damit auf ein weites Forschungsfeld verwiesen, das ein jeder nur Kraft eigenen Entschlusses betreten kann. Wahrheit kann nur dem zu Teil werden, der die Vertiefung eigenen Erfahrens nicht scheut. Keine Institution, kein wie auch immer ausgebildeter Mensch kann mir die Schritte zu Entwicklung einer inneren Eigentätigkeit abnehmen, auf dem sich Erfahrungs- und Forschungsfelder dieser Art eröffnen können und damit Selbstgewissheit in Bezug auf Wahrheit dessen was ist ermöglichen. Der Dialog über alle Grenzen unterschiedlichen Anschauens hinweg, bezüglich dessen, was ein jeder zunächst für wahr halten mag, baut Schwellenängste ab und lässt scheinbare Abgründe verschwinden.
Wahrheit ist eine Prozesserfahrung im Dialog.

© Bernhard Albrecht Hartmann, 25. 06. 2014