Dienstag, 30. Juni 2020

Zwischenruf 1/2020

Das Denken ist gerade dadurch kraftvoll und lebendig, dass es zart, tastend und zerbrechlich entsprechende Sinn-Felder öffnen, den Blick daraufhin richten kann und damit Authentizität zum Ausdruck bringt. Es trägt etwas still mit sich "von mach die Augen auf, halte sie auf und weite sie beständig." Querfront Brecheisen Ideologie, in welcher Weise auch immer, gehört nicht zu seinen gestaltenden Intentionen. 

Kollektive Verwirrung entsteht allein dadurch, dass das Denken seinen eigenen Quellgrund für sich noch nicht hat erschliessen können. Wenn Denken und Wille nicht zusammen geführt werden können, dann öffnen sich Türen für Verwirrungen ohne Ende. Denken ist ein Blickorgan, ein Organ mit dem wachsam umzugehen gelernt sein will. Warum wohl standen über dem Eingangsbereich alter Mysterienstätten die Worte: Erkenne Dich selbst? Das "Erkenne Dich selbst" zu behüten war die grösste Sorge von Aristoteles.

Wo das hinführt, wenn das Denken nicht seinem Wesen gemäss gebraucht, wenn es als Steinschleuder missbraucht wird, das können wir in den Twitter Kommentaren von Donald Trump verfolgen. Cäsarenwahn steigt aus dem Grab, mit allen üblen Nebenwirkungen.


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Samstag, 27. Juni 2020

Den Willen dynamisieren vom "Nirgendwo" her(1) - überarbeitet

Was soll das heissen, vom „Nirgendwo“ her … den Willen? Verrückter kann ein Essay seinen Ausgangspunkt  wohl  nicht  setzen  oder? Doch wenn schon verrückt, dann will ich es genau wissen und dieser V e r - r ü c k - t h e i t  vorgängig mutig einmal tiefer ins Auge schauen. Sachlich. Kann das sein einen Tatbestand im „Nirgendwo“ aufsuchen? Bin ich etwa bekloppt so etwas untersuchen zu wollen? Und dann auch noch den Willen, den eigenen, den Willen (den freien?) dynamisieren, vom „Nirgendwo“?
Nirgendwo, Ja genau darum geht es. Die Herausforderung an die eigene Unbefangenheit sich auf bis anhin Ungewohntes einzulassen, etwas ins Auge zu nehmen, das Dir so heute nicht an jeder beliebigen Strassenecke begegnet. Deinen bisherigen Standpunkt zu hinterfragen oder gar festzustellen, dass Dein Selbstverständnis leise zu wackeln beginnt, dass selbst das scheinbar Absurde eines derartigen Ansinnens ein leises Unbehagen bezüglich des in Frage gestellten nicht beiseite zu schieben vermag. Wer weiss? Wenn ich es wirklich wissen will, dann muss ich mich mit der Frage nach dem Nirgendwo vielleicht doch näher befassen als mir eigentlich lieb ist?
Kann es sein, dass der Wille im Nirgendwo ankert? Hmm. Wenn ich ganz ehrlich sein will, dann weis ich gar nicht so recht was Wille eigentlich ist, habe … streng genommen keine so rechte Anschauung, was hier wirklich Sache ist. Da blicke ich in … eher dumpfe Untergründe.
Blicke ich? Wohl nicht wirklich. Wille hat auf ein Erstes hin betrachtet nämlich eher etwas mit mehr oder weniger gezügelten Trieben zu tun, die nur zu gerne tun wonach ihnen gerade der Sinn steht ohne lange zu überlegen? Triebe wissen ihre eigenen Wege zu gehen oder noch unmittelbarer ausgedrückt, sie wissen mich zu überrumpeln, was natürlich zumeist nicht gerne benannt wird, sondern eher ins Abseits möglichst schnellen Vergessens abgedrängt wird. Das Selbstbild könnte sich ansonsten erkälten. Das mit dem Willen ist also jenseits abstrakter begrifflicher Erwägungen eine höchst sensible Angelegenheit.
Wille in der eigenen Erfahrung sich zur Anschauung zu bringen, gleicherweise in seinen triebhaft geprägten Komponenten, wie seinen mentalen (spirituellen) Manifestationen ist alles andere als ein Unternehmen mit garantiert schnell nachfolgendem Erfolg. Warum: Weil Wille auf sich manifestierender Bewegung fusst. Und diese Bewegung zeigt sich im Bilde wie ein wildes, ungebändigtes Ross, das ich erst einmal zu bezähmen habe, bevor ich auf seinen Sattel aufspringen kann.
Aufspringen:
Es bedarf der Unbefangenheit, um zu einer inneren Erfahrung von dem kommen zu können was Wille seiner Essenz nach ist, einer grossen Offenheit, um vermeintlich Bekanntes mit allen Sinnen neu zu erfahren. Vergleichsweise hat Wille erfahren durchaus etwas mit dem ersten Moment beim Schwimmen Lernen zu tun, jenem Moment des totalen Loslassens „von allem“ bisher Erfahrenem und dem sich Einfinden in ein völlig neues Medium. Und doch ist Wille erfahren mehr als das, denn er wird seiner Konsistenz nach nicht nur wässerig erfahren, sondern ebenso feurig wie luftig und auf noch manch andere sehr fein verwobene Weise. Er ist elementar in seinem Charakter, wie immer wieder auch sehr leise und unscheinbar in seinem Ausdruck, so dass er sich dem Anschauen immer und immer wieder entziehen kann. Er ist ein Flüchtling, der nicht so leicht an die Kette gelegt werden kann und nach auch bestürzenden Erfahrungen genauer besehen wirklich beobachtbar und nicht nur begleitend erlebbar sich einfindet eigentlich nur in Ego befreiten Lebenszonen.
In Ego befreiten Lebenszonen:
Weil über Ego-Bezug und Abstraktion hinaus Wille in der Erfahrung im tieferen Sinne auf die Lebensessenz des Ich hinweist. Auf das Ich als Willensgeber.
In dieser Kräftespannung liegt der Wille für die Beobachtung und daraus hervorgehend die eigenständige innere Erfahrung dessen was Wille ist geborgen. Wirklich zu greifen ist der Wille nämlich nur für Menschen, die den Mut aufbringen ihre je eigene Seins-Befindlichkeit mutig unter die Lupe zu nehmen, was heisst, dass sie über letztlich abstrakt verallgemeinernde Aussagen oder ideelles Flanieren zu diesem Problembereich in der Tat konkret werden wollen und  und von daher dazu bereit sind auch schmerzliche Konsequenzen aus eigenen Beobachtungen zu ziehen. Das heisst, ohne Ablenkungsmanöver in Form von Übertragungsversuchen persönlicher Willens-Ausdrucksweisen auf andere Menschen Verantwortung, basierend allein auf der eigenen Person, also Ich geführt zu übernehmen.
Das aber ist unangenehm. Ist es doch so viel einfacher den eigenen Willens-Triebmüll unversehens auf fremden Deponien klammheimlich zu entsorgen, sprich den jeweils anderen Menschen anzugreifen für eigene unter der Decke gehaltene verdeckt Trieb induzierte Willensschwächen oder Willensaussetzer. Was von anderer Seite zu fehlen scheint ist immer leichter festzustellen, als eigenes Verständnisbemühen langanhaltend zu vertiefen und Nicht-Eintreten oder gar Verschlafen von aus Zeiterfordernissen heraus sich abzeichnenden konkreten Forschungsfragen sich einzugestehen.
Zeiterfordernissen begegnen:
Weiss ich was ich will, stehe ich in einer inneren erfahrungsbasierten Verbindung zu meinem Willen, wenn ich in divergierenden sozialen Auseinandersetzungen „meine“ zu wissen, wo der Weg lang geht? Nicht wenige Leser dieses Essays werden hier im Brustton ihrer Überzeugung erwidern, natürlich weiss ich das.
Sicher? Sicher ist in meinen Augen hier nur dies, dass ich eine Vorstellung von dem habe, was in einer bestimmten sozialen Auseinandersetzung zu tun ist. So sachbezogen hingeschaut die weit verbreitete Realität. Doch habe ich unter der Wegleitung einer Vorstellung tatsächlich den durchgängigen Zugriff auf meinen Willen? Dies wäre über eingehende Beobachtungen vorgängig gegen ein allzu schnellläufiges Vermeinen genau zu prüfen, was ein jeder der dies will sich in längeren Versuchsreihen erschliessen kann. Mein inneres Forschen hat jedenfalls ergeben, dass innerhalb der Vorstellung der Wille gebunden und nicht schöpferisch frei ist. Mit der Konsequenz, dass es sehr schwer ist anderen Menschen gegenüber im eigenen Sprachausdruck durchgängig respektvoll zu begegnen.  

                  Ego und Ich - der Wille in sozialen Wirkfeldern.

Eine Zumutung ist das, höre ich hier murmeln. Ja, so erwidere ich, es ist eine grosse Herausforderung mutig wider sich selbst hier sich beobachtend in Stellung zu bringen. Ohne wenn und aber. … Ohne wenn und aber.
Seelische Beobachtung ist kein leicht Ding. Das Ego ist ein grosser Verwandlungskünstler, ein Komödiant, ein Bittsteller voller Selbstmitleid, ein Agitator und noch vieles mehr. Das Ego weis unendlich viel ins Feld zu führen, um das Ich daran zu hindern in den Sattel springen und sich dort auch wider jede Art von Bocksprüngen halten zu können. Und das ist gut so. Denn das Ego hat die Aufgabe den Ich-Keim auf jede nur denkbare Weise rüttelnd und schüttelnd herauszufordern, um dessen Reifung und Erwachen zu befördern. Denn ist das Ego nicht die  Gebärmutter des Ich?
Von daher gesehen ist jegliche soziale Auseinandersetzung wertvoll, wenn sie unter den jeweils Beteiligten zu einem gesteigerten „Erkenne Dich Selbst“ führt, was heisst: Ich bin nach dem intensiven Lesen eines Buches, nach einem Gespräch oder einer konfliktreichen Konfrontation im Nachklang ein Anderer geworden, habe mich durch den anderen Menschen „erinnert“ etwas in mir verwandelt und integriert, was ich so bisher nicht beachtet hatte. Mit anderen Worten, ich bin um ein Mehr zu mir hin erwacht.
Auf diese Weise wird die seelische Beobachtung innerhalb meiner besonderen Lebensumstände zur Fortsetzung meiner vorgeburtlichen Inkarnation. Ganz im Sinne der Aussage von Angelus Silesius: „Wer nicht stirbt bevor er stirbt, der verdirbt.“ Das Ich tritt in den Worten der Menschen, die mir in diesem Leben schicksalsmässig zugeordnet, entgegen. Je mehr ich diese Worte verinnerliche, desto tiefer kann sich mein Ich mit mir verbinden und übernimmt die Lebensführerschaft, wird zum geistesgegenwärtigen Lebensquell des Menschen, der sich auf es einlassen kann und will. Auf den eigenen Seelengrund stirbt der Mensch innerlich zu, der sich um selbstinduzierte Veränderungen innerhalb seines bisherigen Selbstverständnisses bemüht, der sich am Ende also nicht mehr ausweicht und sich etwas vorgaukelt.
Ja höre ich hier einwenden. Wir sagen doch ab dem 3. Lebensjahr alle Ich zu uns. Tun wir, nur tönt dieses Sagen im späteren Leben eher wie ein leises Wispern von innen an unser beobachtendes Herz als ein wirklich kraftvolles Sagen. Wenn wir Ich sagen drücken wir damit zumeist mehrheitlich unsere jeweilige Ego-Befindlichkeit aus. Wir sind eher selten so präsent in unserem Ich wie wir meinen es zu sein. Warum: Weil wir einschneidende Veränderungen vom Grund her fürchten. Fürchten den Boden unter den Füssen zu verlieren, sobald wir uns tatsächlich daran wagen unsere Vorstellungen einer näheren Überprüfung zu unterziehen. Ein mehr oder weniger untereinander verknüpftes kleineres oder grösseres Bündel von Vorstellungen vermittelt uns nämlich unser auf den jeweiligen individuellen Lebensort bezogenes Grund-Lebensgefühl. Und gerade in spirituellen Belangen hat dieses Lebensgefühl nicht selten eine zu meist gut getarnte Hemmschwelle zu überwinden, um den Weg frei zu bekommen, der in die Ich-Verankerung führt.
Autsch, das tut jetzt weh. Gewiss, das muss es auch oder ich weigere mich in eine permanente Wirklichkeitsbildung, sprich fliessende, fort und fort sich umstrukturierende, Veränderung einzutreten. Wirklichkeit ist nämlich nicht per se, sie will tätig hervorgebracht werden. Was ich als so genannte Realität wahrnehme ist das Netzwerk meiner Vorstellungen, die ich mir im Verlauf meines Lebens gebildet habe. Freiheit tatsächlich Schritt um Schritt erlangen zu wollen, heisst sich seinen je individuellen Ängsten zu stellen und Veränderung, sprich Vorstellungsauflösung von dem jeweils individuellen Ort und Zeitaugenblick her zu wagen, den mir das Schicksal anzeigt.
Was wir mitunter gar nicht wahrhaben wollen ist, dass das Schicksal in Zumutungen an die Fenster und Türen unserer inneren Ego-Verschränkungen rüttelt, die wir nicht bereit sind einer näheren Untersuchung zu unterziehen, also auf Veränderung hin zu trimmen. Doch wo keine echten inneren oder äusseren Dialoge stattfinden, keine Gespräche über Gegensätze hinweg mehr gewagt werden, finden aus der Vorgeburt durch unsere Mitmenschen für uns mitgebrachte Karma-Botschaften keine Möglichkeit mehr sich in unser Leben hinein verändernd auswirken zu können. Die individuelle tatsächliche Freiheitsfindung gerät ins Stocken. Mit allen in der heutigen Zeitlage am Horizont aufscheinenden, potenziell gefährdenden Momenten.
Schauen wir darauf hin. Weist uns Corona auf unsere allseitig geschwächten sozialen Atmungsprozesse hin? Will es uns aufrütteln uns wieder vermehrt aufeinander aus- „und“ einatmend zu besinnen und wirklich einzulassen? Haben unsere hartnäckigen Vorstellungsverklebungen möglicherweise mehr Einfluss auf unser Immunsystem, als wir bisher sehen wollten? Wie steht es gesamthaft angeschaut um unsere vielschichtigen leiblichen und psychischen zirkulären Systeme? Können wir weiter in dem Umfang für dieses und jenes Pillen einwerfen oder in Ablenkungen flüchten, wie es sich landauf landab anzeigt? Ist hier vielleicht eine gesamthaft ins Blickfeld zu nehmende erweiterte Verantwortungsbereitschaft ins Auge zu fassen? Die Menschheit an der Schwelle.
An der Schwelle. Doch halt. Was heisst das. Ein Fatum, das gleich einem Damoklesschwert über uns schwebt? Schauen wir genauer hin. Tun wir es unbefangen. Schwelle bildet sich dort wo etwas abbricht. Wo sich also irgendwie ein „Nirgendwo“ auftut, ein „ich weiss, dass ich nicht weiss,“ wie es einst Sokrates mit seiner Art zu fragen seinen Schülern zumutete. Schwelle. Ein durch die Verweigerung des Vorwärtsgehens entstehende Staubildung. Schwelle, eine entschiedene Aufforderung die weitere Entwicklung vermehrt in die eigenen Hände zu nehmen, mutig. Selbstführung und Selbstermächtigung anstatt Hinterherlaufen wem auch immer, ohne die Selbst-Denkerkraft aus jeder Lebenslage heraus beständig weiter zu entwickeln.
Wille, das grosse Wagnis. Der Drache erhebt sich vielgestaltig aus unseren vielfach von unscheinbaren Triebkräften zusammen gehaltenen Gedankenblöcken, unseren je eigenen Lebensnarrativen, um zwischen unsere Füsse hinein grätschend uns am Vorwärtsgehen zu hindern. Wer oder was ist der Drache? Eine unzeitgemässes mythologisches Bild oder eine auch heute reale Kraftgestalt, die es gilt in der seelischen Beobachtung individuell zu verifizieren. Was ist Wille? Was heisst es ganz real ein Drachenreiter sein? (Könnte es bedeuten mit dem Speer in der Hand in durchgehender Aufmerksamkeit auf dem Drachen zu stehen?) Wie weit ist unser Wille wirklich Ich geführt? Wie weitgehend haben wir ein Bewusstsein von unseren Illusionen im konkreten individuellen Lebensmoment? Im Hier und Jetzt dieses Augenblicks während Sie dieses Essay lesen? Ich will hier für mich kein Blatt vor den Mund nehmen.
Wer ein Bewusstsein von seinen Illusionen hat, der spricht nicht mehr nur von Schwelle, beruft sich auf ein „Meister-Sagen,“ er weis seine Füsse über diese Schwelle zu bewegen, sein Ich durch schmerzliche Lebenswandlungen zu gebären und im Hier und Jetzt fliessend zu verankern. Er taucht aus dem in unserer Zeit dynamischen „Jordan-Fluss“ als ein Neuer auf, um hinfort seiner wachsenden Ich-Auferstehung zuzuwandern. Mutig.


(1) Der hier verwendete Begriff "Nirgendwo" bezieht sich in ganz eigener Anwendung auf Thomas     Nagel und sein Buch. Der Blick von Nirgendwo. Suhrkamp TB 2012.
Siehe auch: https://ich-quelle.blogspot.com/2016/07/einige-anmerkungen-zu-thomas-nagel-der.html











 

Montag, 9. März 2020

Ein Spaziergang mitten durch den Sturmwind der Bewusstseinsseele

„Das Wesentliche ist und bleibt, dass man nicht über die Sache meines Denkens redet und schreibt, sondern sich auf sie einlässt, auf dass das mir Eigene das verwandelte Eigene eines Anderen werde. Was den Schritt zur Freilegung der Wahrheit des Seins selbst betrifft, so muss ich differenzieren. Wesentlich war der Schritt vom Vorstellen des Seienden als solchen zur Andacht des Seins als Sein. Da ich jedoch zunächst und lange hin das Sein gemäss derselben Offenbarkeit gedacht habe, gemäss der die Metaphysik das Seiende als solches  v o r s t e l l t,  (Hervorhebung von mir) blieb ich, wiewohl schon auf dem Wege aus der Metaphysik heraus, ihr dennoch verhaftet. Erst als mir mit der Kehre, die ich die eigentliche nenne, die ursprüngliche Un-Verborgenheit als die dem Sein eigene Offenheit aufging, konnte man wahrhaft von einem Verlassen der Metaphysik und einem Einsprung in eine nicht mehr metaphysische Dimension des Denkens sprechen.“ (Martin Heidegger in einem Gespräch mit Fridolin Wiplinger 1972) (1)

Was in diesen Worten dem Leser in einem selten so transparenten seelischen Beobachten eigenen philosophischen Denkens formvollendet vor Augen tritt, kann als eine Sternstunde zwischen Lehrer und vormaligem Schüler auf Augenhöhe gesehen werden. Das Denken wird zur Andacht und weitet sich zwischen den miteinander Sprechenden unversehens über den reinen Intellekt hinaus still zu einem Herzdenken. Die Hoheit vorschneller Deutung tritt, zurückgehalten in den Hintergrund und erschlossen wird im inneren Mitgehen Seins-Offenheit.

Un-Verborgenheit kehrt sich bewegt in Bewegung in gemeinsames inneres Erfahren von Seins-Offenheit … Geist-Berührung mit der stillen Möglichkeit fortschreitender Geist-Erfahrung. Zwei Individualitäten reichen in einem Über-Individuellen Raum einander verstehend die Hände.

Emaus 1972. Aletheia als  S e i n s - E r f a h r e n  (Hervorhebung von mir) von Nicht-Verborgenheit (2), Aletheia als Kraft-Ferment zu einer der Möglichkeit nach in jedem Augenblick sich fortlaufend erneuern könnenden sozialen Offenheit. Der Dialog als Spielfeld, auf dem im umeinander Bemühen Inspirationsfelder eröffnet werden, wenn mitgebrachte Vorstellungen in den Hintergrund treten dürfen. 

Gelingt dies, so lässt sich von hier aus innerlich anschauend nach und nach näher erschliessen warum Rudolf Steiner über sein gesamtes Werkschaffen hin immer und immer wieder, wie er es zu charakterisieren pflegte, auf das Verbrennen der eigenen Vorstellungen hinwies. Diese mitgebrachten Vorstellungen sind es nämlich, die verhindern in die Gegenwärtigkeit der Geist Berührung und Geist Erfahrung eintreten zu können. Die Vorstellung als abstraktes Bild von „Seins-Wirklichkeit,“ von dem, was unter subjektiver Perspektive gemeinhin als  d i e  Wirklichkeit oder Wahrheit angesehen wird, sie ist vorgängig zu löschen, wenn in Seins-Erfahrung bewegt in Bewegung eingetreten werden will.

Seins-Erfahren erwächst aus der Bereitschaft mit dem Fremdartigen im dialogischen Raum erst einmal bereit sein mitzugehen. Es kommt demnach darauf an in den Worten der Dialog Teilnehmer mit aktiv beobachtendem Interesse das ganzheitliche Umfassen und Anschauen des fremd Anmutenden versuchsweise aktiv zuzulassen (und wie Heidegger sagt, das Denken überhaupt einmal erst zu lernen (2)), damit sich im Sinne des Ereignisses von Emaus der Möglichkeit nach eine „Lichtung“ (3) im Geschehnis-Raum der Dialogbemühungen bilden kann. - Die Wolken subjektiven Vermeinens sich lichten könnten, um auf diese Weise, was in geblendeter Selbsttäuschung nicht hinterfragt das eigene Erleben gleichsam besetzte, unverborgen in Seins-Offenheit erblühen zu lassen.

Das aber hebt den Dialog gegenüber der Diskussion gewissermassen auf eine höhere Stufe der Bemühung um ein Miteinander. Der Dialog trennt streng zwischen dem was Sache ist und dem Menschen, der etwas zu einem bestimmten Sachzusammenhang in den Dialog einbringt. Der Dialog ist selbst dann von Respekt geprägt, wenn in der Sache die Auffassungen weit auseinander liegen.

In einem echten Dialog wissen die Teilhaber untereinander eine Atmosphäre wechselseitigen Zugewandt-Seins über alle sachlichen Differenzen hinweg durch ihr menschliches Interesse aneinander aufrecht zu erhalten. Der Dialogverlauf wird auf diese Weise von einer Achtsamkeit gestaltet, unter deren Schirm sich jeder Dialogteilhaber auf seine ihm eigene unnachahmliche Weise an dem im Mittelpunkt stehenden Sachzusammenhang beteiligen kann, ohne wegen seiner besonderen Auffassung als Mensch ausgegrenzt zu werden. Der Dialog ist Herausforderung für den eigenen Willen, in welche Tiefe hinein seine Teilhaber bereit sind Freiheit tatsächlich zu leben, inwieweit sie die ihnen jeweils angemessene Kehrtwende aus eigenen Vorstellungskonstrukten heraus zur Seins-Offenheit im Erwachen am anderen Menschen für sich konkret an die Hand nehmen können und wollen. Von daher  kann die Wirklichkeit eines freien Geisteslebens an der Qualität seiner Dialoge abgelesen werden.

Der einleitende Dialog-Ausschnitt zwischen Martin Heidegger und Fridolin Wiplinger zeigt beispielhaft auf, wo wir heute in der Entwicklung auf ein sich erneuerndes Geist-Erfahren in der so genannten Aussenwelt stehen, eine Entwicklung, die seit 1972 weiter fortgeschritten ist, während in anthroposophischen Zusammenhängen nach aussen hin selbstvergessen zunehmend Deutungshoheiten den Ton anzugeben scheinen und das Begehen wirklich authentischer Neuland-Wege sich in kaum zur Kenntnis genommenen Randzonen abspielt.

Die beiden Jünger von Emaus haben zu ihrer Zeit unmittelbar und doch nahezu unbemerkt den Keim eines ersten Erfahren von Bewusstseinsseele gelegt, einen Keim, der heute mitten in der Gesellschaft angekommen ist, von Eiferern jedoch nicht wahrgenommen, bzw. in gemeinsamen Erfahren als Kraftquelle verantwortungsvoll gestaltet und behütet werden kann. Es geht nämlich innerhalb sozialer Prozessherausforderungen nicht mehr darum von anderen Teilhabern des jeweiligen gesellschaftlichen Umfeldes vermeintlich etwas einfordern, ein so oder so geartetes Anliegen auf diesem Weg zu mehr Aufmerksamkeit auf seine innewohnende Problemlage hin performen zu können.

Angesagt ist vielmehr eine andere Qualität von eigenem Seelenverhalten in das gesellschaftliche Umfeld einzuspeisen, was heisst ein stärkeres Auge auf die eigenen inneren Prozessqualitäten, die eigenen ätherischen und astralen Prozess-Dynamiken zu richten, um auf diesem Weg am sich Bilden einer „erhöhten Seins-Offenheit“ mitwirken zu können, der die entsprechende Erkenntnishaltung und stringente Handlungsreife sodann folgen kann. Mit anderen Worten:„Seelisches Beobachten nach naturwissenschaftlicher Methode“ ist zu vertiefen, damit auf den sozialen Feldern das zu Entscheidende aus allzu vielen Sackgassen heraus auf Neuland-Wege geleitet werden kann.

Die tagtäglichen Verkehrsstaus auf unseren Strassen sind nur Bilder für die vielen Staulagen innerhalb unserer sozialen Verhältnisse. Die gestaffelten Barrieren, die wir hier täglich durchlaufen, damit wir uns durch Stop and Go Gassen mühsam unseren Zielen annähern können, sind, aus einem gewissen inneren Abstand betrachtet, nichts anderes als Hürden für die Schulung unseres Willens. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit wirklich darauf richten wollten, uns in Tateinheit daran erinnerten, was Rudolf Steiner vor beinahe einhundert Jahren, weit voraus schauend für die neu zu begründende soziale Gemeinschaft selbstverantwortlich veranlagt sehen wollte, welche Konsequenzen müssten genau von diesen Bildern ausgehen? Ein resigniertes weiter so? Oder: Ich präge dem Geist Erinnern und Geist Besinnen, von dem Rudolf Steiner so eindringlich sprach, über eigene Beschämungen hinaus meine individuelle Signatur ein, löse mich mutig aus rückwärts gewandten ideell verklärenden Erinnerungen und belichte aus dieser Quelle selbsterinnernd eigene Alltagssituationen. Ich setze meine S e l b s t v e r w a n d l u n g e n  im Jetzt um. Was in seelischen Obertonlagen vieler Menschen sich heute mehr und mehr bemerkbar macht, könnte so in individuellen Wirklichkeiten Fuss fassen und von dort her, der Dringlichkeit der Stunde Rechnung tragend, in weitere soziale Räume fruchtbar ausstrahlen.

Was heisst das? Das Geist Erinnern, das uns in Alltagsbegegnungen da und dort weit mehr  berührt als wir schon wahrhaben können oder wollen wird zum leise anklopfenden Schicksalsboten für von uns aufzulösendes Karma. Wir sind also gefragt sorgsam zu ergründen, was es mit unseren Seelenregungen denn so auf sich habe, die in Begegnungen mit dem Du mitunter sehr impulsiv nach oben schwappen und für die wir oft allzu schnell unser Gegenüber verantwortlich machen, indem wir z.B. auf etwas, das uns scheinbar auf ein erstes hin völlig abwegig zu sein scheint, zurückweisend reagieren. Selbstbehauptung also anstatt über tieferes Erinnern und stilles Besinnen eine andere Sicht zu erwägen und in Folge ein Metanoia Bewusstsein zu entwickeln.

Denn: Metanoia Bewusstsein führt zu Bewusstseinserweiterung. Von daher ist also zu fragen: Sind wir irgendwann schon einmal dem Umstand denkend und empfindend näher getreten, dass es sich bei den mantrisch gehaltenen Wortverbindungen von Geist Erinnern und Geist Besinnen Rudolf Steiners um die am weitesten in die Zukunft reichende und doch zugleich die unmittelbar praktisch ganz das Hier und Jetzt berührende Bewusstseinsformel, den Code für ein an die Wurzel reichendes modernes Karma Verständnis und sein peripathetisches Verwirklichen durch unser aller guten Willen handeln könnte? Was könnte das konkret für die gegenwärtig neu aufgeflammten Auseinandersetzungen um die SKA bedeuten, was für unser aller still zu erlauschenden und selbstverantwortlich anzunehmenden Auftrag innerhalb unserer jeweiligen sozialen Alltagssituationen? (4) (5)

Geist-Erinnern und Geist-Besinnen beinhaltet also den Weckruf an den eigenen individuellen Willen schlechthin, ist die Herausforderung individuelle Selbstermächtigung zu wagen und mit ihr den stürmischen Winden wider die Selbst-Denkerschaft nicht auszuweichen. Das war das Ansinnen Rudolf Steiners, das in dem Michael-Spruch seiner letzten Ansprache kulminierte und nicht Anhänger diesen oder jenen Couleurs um sich zu scharen, die in Folge um die Vorherrschaft untereinander stritten. Wenn er sprach, dann sprach er in einer schöpferischen Art und Weise, die nicht nachzuahmen war. Als Selbstdenker, der sich sprechend an unabhängige Selbstdenker wandte.

Aus dieser Grundhaltung ergibt sich streng genommen, dass Rudolf Steiner als Person auch nicht verteidigt werden kann (⭐︎). Geisteswissenschaft kann sich nur durch Selbstdenker weiter entwickeln, durch Denker also, die Eigenständiges zu sagen haben, die Keimgedanken Rudolf Steiners schöpferisch über ein Interpretieren hinaus mutig weiter denken. Der Geist steht nicht still, ist nicht stehengeblieben bei Rudolf Steiner. Und weil da seinerzeit durch die gesamte Biographie Rudolf Steiners kein Stillstand zu verzeichnen war, kann er jeweils auch wie Rudolf Steiner das tat nur immer wieder neu individuell bezeugt, d.h. sich entwickelnd transparent gemacht werden. „Das Wesentliche ist und bleibt, dass man nicht über die Sache meines Denkens redet und schreibt, sondern sich auf sie einlässt, auf dass das mir Eigene das verwandelte Eigene eines Anderen werde (⭐︎⭐︎).“ Das könnte der Essenz seiner Aussage nach auch Rudolf Steiner ausgesprochen haben.

Geisteswissenschaft zu repräsentieren bedeutet also schöpferisch denken und handeln zu wollen und keinesfalls festzukleben am Status Quo von Rudolf Steiner. Geisteswissenschaft wie sie Rudolf Steiner vor Augen stand ist in meinen Augen eine Wissenschaft mit dem Mut sein eigenes Menschsein durch sie zu entwickeln und zu weiten. Sie lebt aus dem Geiste der Freiheit und meidet von daher jedwede Art der Brandmarkung. In der Sachargumentation klar und eindeutig, in der Auseinandersetzung von Mensch zu Mensch in der inneren Haltung respektvoll und wertschätzend.

Dass dies alles andere als leicht ist, das hat heute wohl ein jeder Mensch, der strebend sich bemüht in seiner Rückschau immer wieder auf seinem Bildschirm der seelischen Beobachtung. Wenn es hier nicht weiter zu gehen scheint, dann ist zu fragen, scheue ich davor zurück in den Wetterwidrigkeiten meiner Lebenswanderschaft ernsthaft nass zu werden oder gar unsanft im eigenen Dreck zu landen. Karma-Arbeit ist eine Herkules Aufgabe und kein das eigene Selbst beflügelnder Sirenen-Reigen durch vergangene Inkarnationen. Karma-Arbeit bedeutet den eigenen Augiasstall aufzuräumen und diese Arbeit nicht ruhen zu lassen, dazu werde ich tagtäglich mit jeder sozialen Begegnung erneut aufgefordert. Einmal mehr still, das andere Mal unverhohlen deutlich. Dabei geht es in erster Linie nicht um jene Begegnungen und Beziehungen, die von mir favorisiert in mein Bewusstsein gelangen, sondern um die ganz alltäglichen Begegnungen, wie z.B. im Supermarkt an der Kasse. Gelingt diese Arbeit dort nicht, dann kann sich Karma auch rundum den „Dornacher Hügel“ nicht wirklich klären, bleibt in idealisierten Absichtserklärungen hängen. Karma-Arbeit ist also die meinerseits fort und fort neu zu aktualisierende Auseinandersetzung um den eigenen Ich-Ausdruck und …  Karma-Arbeit ist ohne Respekt vor dem Du und zwar jedwedem Du eine Illusion.

Neige ich also im hier gegebenen Zusammenhang zu der Auffassung Christian Clement, den Herausgeber der SKA wegen bestimmter Aussagen als Feind meiner grundständigen spirituellen Ausrichtung zu bezeichnen oder sind mir nach meinem Verständnis gewisse „Tatsachen“ scheinbar unabweisbar  ihn als vermeintlichen Gegner Rudolf Steiners auf den Pranger zu stellen (6), so habe ich unter Wahrung der vollen Sachlichkeit seiner Person gegenüber, in heutiger Zeit, also in einer Bewusstseinsseelen-Zeit, den Grund für diese Auffassung in erster Linie innerhalb ungeklärter Empfindungen meinerseits zu suchen. Duale Übertragungen von eigenen seelischen Befindlichkeiten unter Ego zentrierter Vorspiegelung von Sachlichkeit sind nicht zeitgerecht. Was Christian Clement über Rudolf Steiner zu sagen hat fällt insoweit in seine Verantwortung als auch er seinen ureigenen Weg zu gehen hat Freiheit individuell für sich zu verwirklichen. Ich kann und darf ihm nicht ins Stammbuch schreiben, was er zu sagen hat, damit es aus meiner Sicht mit Rudolf Steiners Werkschaffen konform geht. Ich kann nur stets auf ein Neues bemüht sein, dass meinen sprachlichen Verlautbarungen ein Seelenleben zu Grunde liegt das Bewusstseinseele, also Ich-Wirksamkeit zum Ausdruck zu bringen weis. Die gegenwärtige Auseinandersetzung um die SKA ist für einen jeden Teilhaber insofern als Herausforderung anzuschauen Ichwirksamkeit sichtbar werden zu lassen und dem Gemischten König die Türe zu weisen, indem irrlichternde Vorstellungen über das Sagen Rudolf Steiners allseitig „verbrannt“ werden.

Von daher steht die grosse Frage im Raum:
Kann heute noch mit Aussagen Rudolf Steiners argumentiert werden, die keine zeitgerecht selbständige Signatur, sprich gedankliche Weiterentwicklung erfahren haben? Ist Geisteswissenschaft im Sinne Rudolf Steiners nicht von allem Anfang an von einem schöpferischen Duktus geprägt und muss von daher in der Argumentation mehr ausweisen als lautlos ins Abstrakte abgedrängte geisteswissenschaftliche Begriffe Rudolf Steiners oder versteckt subjektive seelische Befindlichkeiten? Ist doch der Bewusstseinsseelen-Sturm bereits voll über uns und rast durch unsere Seelen. Eine in sich ruhende Urteilskraft ist das Gebot der Stunde, denn Scylla und Charybdis sind in unseren Tagen allgegenwärtig, prüfen unsere Standfestigkeit innerhalb einer vielfältig wirksamen Dynamik des Willens in unserer aller Alltag. Wer dies als solches nicht in sich erlebt, bzw. dem derartiges nicht in seinem Umfeld unter die Augen tritt, der scheint einfach immer noch zu sehr in Vorstellungsillusionen befangen zu sein. Doch unbefangen angeschaut gilt auch hier: Eines jeden Menschen Geist Erinnern wird diesen zu seiner Zeit darüber aufklären, was für seine Person „Tatsache“ (7) ist.

Dies lässt erschrecken, macht es doch offenbar, dass, wer wegschaut schon tot ist bevor er stirbt; mithin eine Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft sich ihr Grab schaufelt, wenn sie zulässt dass durch Repräsentanten aus ihren Reihen „geisteswissenschaftlich“ ins Abstrakte abgedrängte, in der individualisierten Anschauung vorschnell, weil nicht genügend vertiefte Argumente auf ein Gegenüber übertragen werden, um damit die Gegnerschaft dieses Menschen zu Rudolf Steiner zu begründen. Ist es klar, dass ich mit einem so gearteten Denken auf einer sehr dünnen Kreditnehmer Beziehung im Verhältnis zu Rudolf Steiner argumentiere, wenn ich ein Du auf der Grundlage meines Vorstellens zum Gegner mutiert darstelle, anstatt mich mit ihm in einem von unverstelltem Interesse geleiteten Beobachten, sowie  innerem Gleichgewichtsbestreben sachlich auseinander zu setzen? Unterbricht ein derartiges Verhalten nicht den von Rudolf Steiner grundständig für die Geisteswissenschaft veranlagten Freiheitsgeist? Kann lebensmässig von einem Freien Geistesleben gesprochen werden, wenn bestimmte Vertreter genau diese Freiheit anscheinend in Wort und Schrift nicht allseitig zu gewähren bereit sind? „Offenheit“ jedoch ist der Quellort von Freiheit, wie der Mut Freiheit zu leben bewirkt, dass das Ich sich innerhalb der ihm zugeordneten Berührungsereignisse verschiedener Du-Akteure sich immer mehr in seine Präsenz (8) erhebt. Denn: In und aus dem Ich kommt der Mensch erst voll in der Wirklichkeit des Lebens an, weil Leben Tätigkeit aus dem Ich ist.

© Bernhard Albrecht Hartmann, 09.03.2020


(1)  Von der Un-Verborgenheit. Fridolin Wiplingers Bericht von einem Gespräch mit
       Martin Heidegger, (Seite 52). Centaurus-Verlagsgesellschaft Pfaffenweiler 1987
       siehe unter anderem:
(2)  https://egoistenblog.blogspot.com/2020/01/aletheia-die-nicht-verborgenheit.html
       und weiter reichend: Martin Heidegger: "Was heisst Denken? Reclam Verlag 2015
       (nur noch als e-book erhältlich)
 (3) Eine Wortbildung von Martin Heidegger in seinem Gespräch mit Fridolin Wiplinger.
       Siehe unter (1) Seite 36/37
       Wiplinger:
       „Sie wollen also sagen: Die Lichtung ist nur dann ihrem Wesen gemäss gedacht,
       wenn sie als Lichtung des bergenden Sichverbergens gedacht ist.“
       Heidegger:
       „Das Wesentliche der Verbergung liegt nicht in der Verhüllung der Entborgenheit,
       sondern liegt in der Bergung bzw. im Sichbergen.
       Wiplinger:
       „Wenn Sie der Auffassung sind, die Lichtung sei noch nicht in der rechten Weise
       gedacht, dürften Sie auch das Wesen des Menschen, die Ek-sistenz, inzwischen anders
       denken als früher; Ek-sistenz und Lichtung gehören ja wesenhaft zusammen."
       Heidegger:                        
       „Die Er-fahrung der ursprünglichen Aletheia nötigt zu einem gewandelten             
       Verständnis alles bisher von mir Gedachten, vor allem des Wesentlichsten und dazu
       gehört ohne Zweifel das, was ich die Ek-sistenz nenne.“
       Wiplinger:
       „Dass die Bestimmung des Wesens des Menschen im Sinne der Ek-sistenz mit der  
       Exsistenzphilosophie nichts zu tun hat, versteht sich und sei nur nebenbei erwähnt.
       Wichtiger ist das Phänomen, dass Sie in Hinsicht auf die Ex-istenz im Blick haben -
       nämlich, dass einzig unter allem Seienden der Mensch offen steht für die Offenheit
       des Ganzen der Wirklichkeit, welches einheitliche Ganze das Sein ist.“
       Heidegger:
       „Und diese Offenheit habe ich in meinen früheren Schriften - man mag das etwa in    
       der Einleitung zu Was ist Metaphysik? nachlesen - als Un-Verborgenheit ausgelegt.
       Ebenso ist es mir mit der Lichtung widerfahren. was ich im Zusammenhang der
       Erörterung der Ek-sistenz - man denke an den Brief über den Humanismus -
       gedacht habe, als ich sie dachte, war nichts anderes als die Un-Verborgenheit.
       Von ihr kann jedoch, wie ich inzwischen erfahren habe,
       die Ek-sistenz nicht gedacht werden.“
       Wiplinger:
       „In welchem Sinne hat sich denn Ihr Denken über die Ek-sistenz  in den letzten
       Jahren gewandelt?“
       Worauf Heidegger nach Wiplingers Versicherung folgendes geantwortet haben soll:
       „Das tragende Phänomen einer jeden Erörterung der Ek-sistenz haben Sie schon
       in der rechten Weise benannt:
       Die Offenständigkeit des Menschen für die Offenheit des Seins.
       Die Sistenz der Ek-sistenz beruht in der Insistenz.
       Ex-sistenz besagt dann Inständigkeit in der Offenheit des Seins.
       Diese Offenheit dürfen wir jedoch nicht mehr im Sinne der Un-verborgenheit denken.
       Wir können an Stelle von Offenheit auch Lichtung sagen, müssen sie dann jedoch       
       in ihrem äussersten Wesen denken: als Freigabe
       des bergenden Sichverbergens des Seins.
       Die Inständigkeit des Menschen in der sogenannten Lichtung
       ist ekstatischen Wesens, welche Ekstasis das Ausstehen meint.
       Die hier massgebliche Weise des Ausstehens vermag ich heute
       nicht mehr als Sorge, Hut oder Wächterschaft zu begreifen, wie ich das früher tat.“
       Wiplinger:
       „Weshalb denn nicht? Wenn die Ek-sistenz die Insistenz der Lichtung des sich
       verbergenden und bergenden Seins ist, anders gesagt die Lichtung des Geheimnisses,
       als welches das Sein west, dann ist das Hüten des Geheimnisses,
       zu dem sich ja der Mensch nicht selbst ermächtigt,
       sondern in das er gerufen ist, doch das einzig angemessene Verhalten des Menschen.“
(4)  siehe:
       https://egoistenblog.blogspot.com/2020/01/aletheia-die-nicht-verborgenheit.html
(4)  siehe https://ich-quelle.blogspot.com/2019/12/der-dialog-als-beburtsstatte-der.html
(5)  und https://egoistenblog.blogspot.com/2020/01/denunzianten-und-gralsritter.html
       (⭐︎)     siehe oben unter (4)
       (⭐︎⭐︎)  siehe oben unter (1)
(6)  siehe: Ludwig Wittgenstein, tractatus-logico-philosophicus Traktate 1 -  2.013
(7)  und einige Anmerkungen zum Tatsachenbegriff gegen Ende des Essays hier: 
      https://ich-quelle.blogspot.com/2017/09/den-willen-dynamisieren_97.html
(8)  siehe unter anderem dies in:
      https://ich-quelle.blogspot.com/2018/09/ich-karl-balmer-die-frage-geht-weiter.html
„Das Ich als die sich selbst greifende, sich fliessend beständig wandelnde Entität des Seins schlechthin zu verstehen, als den Gestaltfaktor der das sogenannte Übersinnliche in fortlaufender Vertiefung zur Seinserfahrung werden lassen könnte, das wäre „die“ erweiterte Aufgabe, die ein sich selbst zu gegenwärtigen Erfahrung bringendes Ich in die eigene Seinserfahrung zu implementieren hätte. Ein Denken, welches das Übersinnliche nicht praktisch konkrete Seinserfahrung werden lassen kann ist in meinen Augen nämlich eine Verzerrung dessen was es sein kann.“


Freitag, 13. Dezember 2019

Der Dialog als Geburtsstätte der Bewusstseinsseele

Die Dialogkultur ist heute nicht selten von nichtssagenden und verschleppenden, um nicht zu sagen feindseligen Tendenzen geprägt. Der mutige Gedankenaustauch über Gegensätze hinaus, als Quelle möglichen Wachstums und innerer Reifung, scheint mir eher eine seltene Ausnahme zu sein. Einen Anstoss zu einem derartig offenen Dialog zu geben, war der Grundgedanke meines nachfolgend hier eingestellten Briefes.

Persönliche Stellungnahme zu dem Brief von 20 Mitgliedern des Dresdener Zweiges
an den Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft in Dornach, sowie
der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland e.V., Stuttgart

Sehr geehrte Damen und Herren

Ich will Sie vorweg wissen lassen, ihr Brief ist, auf welchen Wegen auch immer, im Internet https://egoistenblog.blogspot.com/2019/11/lieber-anthroposophischer.html#disqus_thread aufgetaucht. Der Inhalt und der Stil des Briefes, wie auch der Umstand seines Auftauchens im Internet, alles zusammen hat eine wachsende Betroffenheit in mir ausgelöst.
Zusammengefasst will ich das wie folgt beschreiben:
Unabhängig von den Gründen, die sie zur Abfassung dieses Briefes veranlasst haben, frage ich mich, drückt sich in der Argumentationsführung und dem Stil dieses Briefes der Geist aus wie Rudolf Steiner Geisteswissenschaft vertreten sehen wollte? Geist Erinnern und Geist Besinnen bis in tiefere Schichten „des eigenen Seins-Zustandes  hinein?“

Wie steht es, lausche ich in Ihren Brief hinein, um ein dialogisch zu entwickelndes Freies Geistesleben? Wie steht es hierbei um die durchgehende Sachlichkeit und den unbedingten Respekt, gerade im Umgang mit gegensätzlichen Argumentationslinien, denn wird ein Freies Geistesleben nicht gerade durch den Stil wie miteinander in Gegensätzen umgegangen wird erst wirklich zu einem Freien Geistesleben? Wird dabei in zureichender Weise an die allseitige Aussenwirkung eigenen Verhaltens innerhalb von Prozessen des miteinander Sprechens gedacht, was „die öffentlich beispielhafte Vertretung“ von Geisteswissenschaft als eines fortlaufend hoch sensiblen wechselseitig zwischenmenschlichen Entwicklungsprozesses des Erwachens aneinander betrifft? Gehört dazu das an den Pranger stellen von Personen des anthroposophischen Lebens, bzw. das Einfordern von „Sündenbock Opfern“ und das an die Wände Malen von Feindbildern, wie das seit dem Ausschluss von Ita Wegmann und Elisabeth Vreede aus der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft immer wieder geschah? In welchem Jahrhundert leben wir eigentlich?

Haben wir in beinahe einhundert Jahren nach Rudolf Steiners Tod so wenig gelernt? Selbst das Mittelalter verfügte über eine höhere Disputationskultur, als diejenige, die ich hier im Hintergrund  dieses Briefes mit seinen halbseidenen Vorstellungen und auch Unterstellungen vermisse. Mit einer Wagenburg Mentalität ist eine „Bewusstseinsseelen Haltung“ als Vermächtnis Rudolf Steiners nicht zu verwirklichen.

Ich scheue mich nicht es ganz offen zu sagen: Es schmerzt mich, wenn ich sehe, dass die Sorge und die „Angst“ um die Anthroposophie in ihrem Brief ein grösseres Gewicht einnimmt als der  „Mut,“ der nachhaltige Mut für eine wirklich offene Auseinandersetzung. Die letzte öffentliche Ansprache Rudolf Steiners vom 28.09.1924 sehe ich in Ihrem Brief jedenfalls nicht widergespiegelt.

Hegen Sie wirklich die Auffassung die beiden Vorstandskollegien, an die Sie ihren Brief gerichtet haben, könnten die angesprochenen Probleme von ihrer jeweiligen Warte aus durch eine wie auch immer geartete eindeutige Aussage, wie Sie diese sich zu wünschen scheinen oder gar durch ein „Machtwort,“ lösen? Fehl gedacht. Was Not tut ist, dass sich unter den Mitgliedern dieser Gesellschaft eine Haltung innerer Wandlung ausbildet, der Metanoia-Geist in Dialogen in Erscheinung tritt und eine bisher in weiten Teilen tradierte „Vorstellung“ von Anthroposophie, die sie aus Ihrer Sicht hier anscheinend gerne verteidigt sähen, sich in einer authentischen Lebenshaltung einen individuell bewussteren und von daher mutig verantworteten Lebensausdruck sucht.

Anthroposophie ist keine Ideologie. Wo Menschen das lebendige Geistesgut der Anthroposophie aus ihrer Seelenhaltung heraus „unmerklich“ nach und nach so weit verformen, dass sich im Umgang mit Aussagen Rudolf Steiners innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft immer mehr dogmatische Deutungs-Strukturen Bahn brechen, dort tut sich in meinen Augen eine Bruchlinie zu dem durchgehenden Freiheitsgedanken im Lebenswerk Rudolf Steiners, und dem wie er diesen im Willen der Bewusstseinsseele verwirklicht sehen wollte, auf.

Dialog bedeutet folgerichtig ausgerichtet Suche, Suche, die das Bewusstsein eigener blinder Flecken mit einschliesst und von dort her Suche nach dem selbstverantwortlich zu vertretenden individuellen Geist Ausdruck. Menschen, die eine wirklich michaelische Dialogkultur repräsentieren wollen, suchen gerade in gegensätzlich verlaufenden Argumentationsprozessen unermüdlich den sachlichen Dialog, in dem sie immer wieder aufeinander zugehen — und halten an sich einem „scheinbar“ als Feind ausgemachten wissenschaftlichen Autor, bildhaft gesprochen wie Krähen die Augen auskratzen zu wollen.

Rudolf Steiner hat die Geisteswissenschaft, wie ich das sehe, als einen bewussten Impuls zur Vertiefung des Wissenschaftsverständnisses für die gegenwärtige Weltlage verstanden wissen wollen. Und das heisst, er betrachtete seine wesentlichen, aber dennoch keimhaft verbliebenen Aussagen dazu als erste Veranlagung einer Kehrtwende von einer auf das Aussen der Natur bezogenen exakten wissenschaftlichen Forschung hin zu einer nicht weniger notwendigen exakten Erforschung der inneren Bewusstseinsfelder des Menschen. Die Aufklärung der Renaissance, die der exakten Naturwissenschaft in die Spur verhalf, ist erst dann vollendet, wenn die Kehrtwende auf die geistigen Ebenen des Menschen, wie sie Rudolf Steiner programmatisch durch die seelischen Beobachtung nach naturwissenschaftlicher Methode weiter bearbeitet sehen wollte, sich etabliert haben wird.

Es ist leicht aus einem Mix von eng geschürzten eigenen Vorstellungen (die im übrigen nach immer wieder geäusserten mahnenden Worten Rudolf Steiners verbrannt werden sollten) einen Menschen wie Christian Clement zum Gegner der Anthroposophie zu machen und anerkannte Vertreter wissenschaftlichen Denkens innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft wie Wolf Ulrich Klünker oder Jost Schieren, pointiert gesagt dem Verdacht der Toten-Gräberei anthroposophischen Wissenschaftsverständnisses auszusetzen — nur weil sie für einen offenen wissenschaftlichen Dialog eintreten.

Die Geschichte der Wissenschaft setzt sich aus einer Kette menschlicher Gegensätze zusammen und lief über diese Gegensätze oft sehr mühsam im Dialog auf eine Abstraktheit im Denken zu, welche die Entwicklung einer Geisteswissenschaft im Sinne Rudolf Steiners erst möglich machte. Mit anderen Worten, die abstrakte Klarheit im Denken war für Rudolf Steiner die Grundvoraussetzung, dass er das Bewusstsein für den Willen, der seit Aristoteles dem Denken mehr und mehr verloren gegangen war, wieder in das Denken hineinzuversetzen vermochte und von daher die Geisteswissenschaft begründen konnte. Kant wurde so für Rudolf Steiner zum wissenschaftlichen Eckpfeiler, der es ihm in Folge ermöglichte von der seelischen Beobachtung nach naturwissenschaftlicher Methode im Gang durch seine Philosophie der Freiheit sprechen zu können.

Wollen Sie also wirklich die unleidliche Geschichte von Dialogabbrüchen und Dialogverweigerungen innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft fortsetzen und das, wie ich das bisher Gesagte hiermit auf den Punkt bringen will, in dem Wissen, dass „allein“ durch Dialog, durch die immer wieder neue und auch schmerzhafte Begegnung von Ich und Du im wechselseitigen „Hinblicken Müssen“ auf eigene blinde Flecken die Bewusstseinsseele entwickelt, zu je individuellen Erfahrung werden kann? Wollen Sie den ruppigen Gastwirt von Bethlehem nach diesem Brief weiter ausspielen, der auf ein fragendes Anklopfen hin die Bewusstseinsseele auf der Suche nach Einkehr in winterlicher Kälte weiterziehen lässt?

An uns liegt es, den mit der Bewusstseinseele verbundenen Prozess der Willenserweckung im Erwachen am anderen Menschen aufzunehmen und weiter zu entwickeln, damit Geisteswissenschaft durch ihn immer deutlicher ihren zeitgemässen wissenschaftlichen Ausdruck finde. An uns liegt es, wieviel an Selbstkritik jeder Einzelne von uns dabei für sich immer wieder gegenüber dem Drang den schwarzen Peter beim jeweiligen Dialogpartner suchen zu wollen zu sich zu nehmen bereit ist (d.h. seelisch seine Willensprozesse zu beobachten und gegebenenfalls zu korrigieren), um z.B. zu vermeiden in dualistische Auseinandersetzungen verwickelt zu werden, die nur allzu schnell zu einem Schattenboxen führen. Die Wissenschaftsentwicklung steht nämlich im Übergang von einem dualen, auf die äussere Natur bezogenen Verstandesseelen Bewusstsein hin auf eine Bewusstseinsseele, die nach innen im Denken auf die exakte Führung von Willensprozessen die Aufgabe hat Entwicklungen voran zu bringen.

Schütten Sie also bitte nicht weiter Öl ins Feuer und halten im kommenden Jahr den Dialog mit aus Ihrer bisherigen Sicht gegnerischen Elementen der Anthroposophie  über alle Gegensätze hinweg offen. Suchen Sie, mit Verlaub in unser aller guten Willen, das Gespräch mit Wolf Ulrich Klünker, Christian Clement und Jost Schieren in einem geeigneten Dialogforum.
Ich grüsse Sie aus vorweihnachtlicher Kälte,



                Erkenne Dich selbst


                Im Spiegel des Ander-Ich
                trittst Du Dir entgegen,
                bist laut oder leise aufgefordert
                Dich zu erinnern,
                wo von heute her
                Du wachsen kannst über Dich hinaus.
               
                Das Ander-Ich ist Dein Stimmgeber.

                Im grossen Orchester der Vielen,
                die mit Dir unterwegs sich zu erkennen,
                bist du herausgefordert
                stets auf ein Neues das Mass zu finden,
                die notwendig nächsten Schritte zu erwägen
                und authentisch besonnen zu gehen.

                © Bernhard Albrecht Hartmann, 27.11.2019


Montag, 18. November 2019

Im Dialog zu notwendige Berichtigungen III - Ingrid Haselberger und Bernhard Albrecht Hartmann

 
Ingrid Haselberger • vor einem Monat

ich habe mich zwar lange Zeit nicht mehr an den Gesprächen hier im Blog beteiligt, aber dennoch regelmäßig mitgelesen.
Daß Du mich vor kurzem ausdrücklich erwähnt hast (danke für die „Blumen“ :-)), nehme ich zum Anlass, meine „Stimme“ hier wieder zu erheben.

Es geht um Deine Bitte:

»Sollten Dir aus der reichhaltigen Erinnerungsliteratur irgendwelche Verlautbarungen bekannt sein, wonach Rudolf Steiner suggestiv gesprochen habe, so lass es mich bitte wissen. Mir jedenfalls sind diesbezüglich nur Erinnerungen zugänglich gewesen, die sein freilassendes Sprechen hervorzuheben wussten.«
Ich weiß, diese Bitte richtete sich an Michael - aber mir fällt so vieles dazu ein, daß ich's Dir nicht vorenthalten will.

Es gibt sehr wohl etliche Äußerungen von Zeitgenossen, die von Steiners Charisma, von seiner beinahe magischen Ausstrahlung, von der hypnotischen Kraft seiner Augen berichten.

Dazu vier Zitate aus dem Band „Der andere Rudolf Steiner. Augenzeugenberichte, Interviews, Karikaturen“, den Wolfgang Vögele 2005 herausgegeben hat:

»Steiners Werke schienen mir immer langweilig und ziemlich unbegabt. […] Steiner [hatte] rednerisches Talent […], aber kein literarisches. Seine Manier zu sprechen war ein magischer Akt zwecks Eroberung der Seelen durch entsprechende Gestikulation, durch wechselnden Ausdruck der Augen. Er hypnotisierte seine Jünger, einige unter ihnen schliefen sogar ein. Andrej Belyj, der damals das Deutsche so gut wie gar nicht konnte, unterlag ebenfalls dieser hypnotischen Wirkung.«

Neue Zürcher Zeitung vom 25.2.1919 (S 237):
»[…] 
Und dann kam der Meister selber: mittelgroß, schmal, blass, mit welkem Mund, buckliger Stirn und flammenden Augen. Er beginnt langsam, ruhig, fast trocken; seine Bewegungen sind noch sparsam und beherrscht. Aber bald schwillt seine Stimme an, klingt immer singender, lauter, donnert dumpf, grollt, wird süß, beschwörend, beteuernd, fleht, droht, verheißt, segnet, - kurz: kein primo amoroso kann es besser machen. […]

Aber es kommt ja auch gar nicht auf die Gedanken an, sondern auf den Ausdruck der Stimme des Meisters und auf seine Gebärden, sein Händefalten, sein in-den-Himmel-greifen, sein Kopf-Zurückwerfen, seine flammenden Augen. 

Je dünner und allgemeiner die Gedanken werden, desto ausdrucksvoller wird der Vortrag, desto andächtiger die Zuhörerschaft: sie ahnt - und sie soll auch ahnen, sie soll hinter all dem scheinbar so nüchternen Wortkram mystische Tiefen fühlen, erneuernde Kräfte, reinigende Mächte; sie soll glauben, dass die soziale Frage im Geiste des Meisters schon gelöst sei und dass es nur auf den guten Willen der bösen Welt ankäme, um das Wirklichkeit werden zu lassen, was der Meister geoffenbart. «Sursum bumbum».«

Emil Kläger (S 277, über den Kongress 1922):
»[…] 
Wien hat Dr. Steiner mit seiner liebenswürdigen Neugierde und Freude am Geheimnisvollen wie einen sehenswerten Schauspieler aufgenommen. So wirkte er auch, als er in dem gut gefüllten großen Musikvereinssaal mit seinem einleitenden Vortrag vor einem Parkett, das sich aus den gebildeten Ständen rekrutierte, sprach. 

Sein mageres, blasses Gesicht mit tiefem müden Blick, von Brillengläsern umrahmt, gefiel. In seinem schwarzen Anzug mit schwarzer Krawatte und der mild pathetischen Haltung sah er wie ein Priester aus, besser: Wie ein geistreicher Schauspieler, der einen Priester mit gutem Gelingen darstellt. 
Ein mächtiges, metallisches Organ schallte durch den Raum und drang mit Intensität auf die Hörer ein. Diese nicht erlahmende Stimme, die das mächtige Haus bis zum Schluss ohne Anstrengung durchdrang, ist das Organ der Suggestion dieses Mannes, der in allen Abschattierungen bis zum schmeichelnden süßen Piano die Klaviatur der Deklamation beherrscht und sich in der Diktion der erlesenen Mittel des echten wissenschaftlichen Forschers bedient. 

Es war zweifellos eine rhetorische Leistung ersten Ranges, die Dr. Steiner bot, dramatisch gesteigert, eine prickelnde Mischung zwischen Kirchenpredigt und Rezitation. 

Es gab unter den Hörern Andacht, Spannung und immer tiefer glitt dieses Publikum, das mit der Bereitschaft gekommen war, sich überzeugen zu lassen, in die Gedankengänge Dr. Steiners hinein, verstrickte sich dort, wurde festgehalten, glaubte am Ende fest an anthroposophisches Heil. 
Denn die Gemeinde der geistig Entwurzelten, Unzufriedenen, Unerlösten ist groß und alle bunt kostümierten Verkünder neuer Lehrern haben Zulauf. […]«

Stefan Zweig (S 131f):
»[…] Hier, in Rudolf Steiner, dem später als Begründer der Anthroposophie die prachtvollsten Schulen und Akademien von seinen Anhängern zur Durchsetzung seiner Lehre gebaut wurden, begegnete ich nach Theodor Herzl zum ersten Mal wieder einem Mann, dem vom Schicksal die Mission zugeteilt werden sollte, Millionen Menschen Wegweiser zu werden. 
Persönlich wirkte er nicht so führerhaft wie Herzl, aber mehr verführerisch. 

In seinen dunklen Augen wohnte eine hypnotische Kraft, und ich hörte ihm besser und kritischer zu, wenn ich nicht auf ihn blickte, denn sein asketisch-hageres, von geistiger Leidenschaft gezeichnetes Antlitz war wohl angetan, nicht nur auf Frauen überzeugend zu wirken.
[…]


Ich masse mir kein Urteil über die Anthroposophie an, denn mir ist bis heute nicht deutlich klar, was sie will und bedeutet; ich glaube sogar, dass im Wesentlichen ihre verführende Wirkung nicht an eine Idee, sondern an Rudolf Steiners faszinierende Person gebunden war. 

Immerhin, einem Mann solcher magnetischer Kraft gerade auf jener frühen Stufe zu begegnen, wo er noch freundschaftlich undogmatisch sich Jüngeren mitteilte, war für mich ein unschätzbarer Gewinn. An seinem phantastischen und zugleich profunden Wissen erkannte ich, dass die wahre Universalität, derer wir uns mit gymnasialer Überhebung schon bemächtigt zu haben meinten, nicht durch flüchtiges Lesen und Diskutieren, sondern nur in jahrelanger brennender Bemühung erarbeitet werden kann. […]«
Herzlichen Gruß,

Ingrid

Bernhard Albrecht Hartmann an Ingrid Haselberger. • vor einem Monat 


Liebe Ingrid.

Es ist schön, dass Du, aus dem Hintergrund hervortretend, Dich wieder zeigst. Auch auf die Gefahr hin, dass Michael oder Tomtetom auch diese Gelegenheit nicht auslassen können meine Haltung zu Rudolf Steiner kurzschlüssig aufs Korn zu nehmen, will ich Dir doch einige Gedanken zu Deinen Zitaten über Rudolf Steiner zum eigenen Weiterbedenken mitteilen. Ich mache diese Aussagen vor dem Hintergrund, dass schon zu Rudolf Steiners Lebzeiten und heute noch sehr viel deutlicher die innere Dynamik der Bewusstseinsseele, sich wie herausschälend aus der Verstandesseele, mehr und mehr zeigt.


Was heisst: Wer immer das Wort ergreift spricht in erster Linie nicht über ein Thema das ihm wichtig ist oder über das zu sprechen er aufgefordert wurde (was konsequenterweise hier auch für mich gilt), er macht eine Bewusstseinsseelen-Aussage, er spricht aus seiner Bewusstseinsseele heraus, so wie er sie eben werdend bereits zum Ausdruck bringen kann. Bewusstseinsseele aber ist Ausdruck einer inneren geführten Entfaltungsdynamik, ist selbstbeherrschte Willensaktivität oder auch Metanoia-Bereitschaft in stiller Vorleistung. Der Bewusstseinsseelen-Mensch steht demnach sprechend seinem „Erkenne Dich selbst“ gegenüber.


Verstandesseele hingegen arbeitet sich ab am Gegenüber, nimmt dieses mehr oder weniger ausschliesslich in sein Blickfeld und fordert offen oder indirekt Veränderungen ein, die „vermeintlich“ eine Angelegenheit des Gegenüber sein sollen, in Wirklichkeit aber nur vom Sprechenden selber auf einen Weg innerer und äusserer Erneuerung gelenkt werden können -soweit er sich anteilig ihnen stellen kann und mag. Verstandesseele ist also mehr oder weniger subjektseitig, Ego zentriert gebunden und in ihrer mehr objektseitigen Ausprägung innerlich meist sehr deutlich in abstrakten Aussagen von der eigenen Willensgegenwärtigkeit abgeschnitten.


Daher die Aussage Rudolf Steiners: Alles Vermeinen, alle Vorstellungen müssen verbrannt, einer inneren Wandlung unterzogen werden, was verstärkt ins Bewusstsein genommen zu inneren Kamaloka-Erlebnissen im Leben führen kann. 
Bewusstseinsseele ist keine Sommerfrischen-Kutschenfahrt. Sensibilisierung der eigenen Seele in seelischen Beobachtungen ist angesagt, mit der Folge individuelle Verantwortungen ohne wenn und aber sich zuzusprechen - selbstverantwortlich. Darum geht es und nicht um das Ausmachen angeblicher beanspruchter Deutungshoheit und in Einsitz genommener Elfenbeintürme. 


Die folgenden Aussagen zu Aleksandrowitsch Berdjajew usw. mache ich bewusst stichpunktartig, um damit für Dich eine Art Tropfenbild erzeugen zu können und eine fliessende Bewegung durch die Zwischenräume des Gesagten aufzuschliessen - als Einstieg in eigene Dich weiterführende seelische Beobachtungen. 

In der seelischen Beobachtung geht es wie Du weisst darum sehr feine Tonschwingungen beobachtend sich in die Vergegenwärtigung zu bringen. Tonschwingungen von aussen wie gleicherweise Resonanz-Töne von innen - beides sich anschauend und erlebend auf Abstand haltend, um aus dem ganzen Spektrum - an auch Echotönen - möglichst wenig zu verlieren und alles sich nach und nach immer besser ichhaft beobachtend bewusst machen zu können. 

Also den Atem im Hinblick auf Neulande zu weiten. 
Die gesangliche Erarbeitung einer Koloratur-Passage in einer Stimmen-Partitur scheint mir dem nicht so unähnlich zu sein, lächel.

Nun denn eine mögliche Spiel-Sequenz zu Berdjajew: …immer langweilig … magischer Akt …Eroberung … Gestikulation … Ausdruck der Augen … schliefen sogar ein … dieser hypnotischen Wirkung.


Anmerkung: Ich will hier nicht möglichen aufschlussreichen seelischen Beobachtungen Deinerseits vorgreifen und nur einen Tatbestand etwas hervorheben. Wer das Glück gehabt hat in seinem Leben einmal einer wirklich kraftvollen Geistespersönlichkeit zu begegnen, der hat dabei möglicherweise die Erfahrung machen dürfen, dass deren Denkbewegungen zu folgen keine so ganz leichte Sache ist. Dass dabei der Faden der eigenen Konzentration abreissen kann, bei wiederholt neu aufgenommener Anstrengung zwei, drei … Mal - mit so etwas wie einer vorübergehenden Nebelbildung in der eigenen Seele, einem Black-out was die eigene Aufmerksamkeit betrifft und am Ende sogar einem kurzen Nickerchen, der weiss um die positive Herausforderung, der Du Dich im Nachgang so einer Erfahrung vielleicht zu stellen gewillt bist. 
Zu dem Bericht der Neuen Zürcher Zeitung und zu Emil Kläger magst Du Dir eigene Klang-Spiel-Sequenzen erstellen, wenn Du willst. Ich muss Rudolf Steiner nicht verteidigen oder auch nur eine Zeile dieser Aussagen auf welche Weise auch immer zurechtrücken. Zwischen den Worten und Zeilen ist alles Notwendige verzeichnet. Wenigstens für den, der ein Sagen nicht nur hinnimmt, sondern dabei seinen Willen auch aktiv in Einsatz zu bringen weis.


In Stefan Zweig sehe ich so einen Menschen vor mir stehen, der den Willen aktiv innerlich ergreift und sich auf "seinen" ureigenen individuellen Weg begibt.
Ich aber will hier, meiner Gesundheit Rechnung tragend, diese (in mancher Hinsicht unvollendeten) Gedankengänge abschliessen und grüsse Dich von Herzen.

Bernhard Albrecht



Ingrid Haselberger an Bernhard Albrecht Hartmann • vor einem Monat 


Lieber Bernhard Albrecht,

danke für Deine Antwort!
:-) Danke auch für Dein »Tropfenbild« - das für mich freilich kein »Einstieg in eigene [m]ich weiterführende seelische Beobachtungen« ist: denn natürlich bin ich längst in solche Beobachtungen „eingestiegen“, noch bevor ich diese Zitate hier hereingestellt habe.


Zu Deinen Berdjajew-Assoziationen:

Freilich kenne auch ich Erlebnisse wie das von Dir geschilderte: »Wer das Glück gehabt hat in seinem Leben einmal einer wirklich kraftvollen Geistespersönlichkeit zu begegnen, der hat dabei möglicherweise die Erfahrung machen dürfen, dass deren Denkbewegungen zu folgen keine so ganz leichte Sache ist. Dass dabei der Faden der eigenen Konzentration abreissen kann, bei wiederholt neu aufgenommener Anstrengung zwei, drei … Mal - mit so etwas wie einer vorübergehenden Nebelbildung in der eigenen Seele, einem Black-out was die eigene Aufmerksamkeit betrifft und am Ende sogar einem kurzen Nickerchen, der weiss um die positive Herausforderung…«
Ja natürlich - positive Herausforderung.

Nun ging es mir allerdings nicht um „positiv“ oder „negativ“, sondern um die Beantwortung Deiner Frage:
»Sollten Dir aus der reichhaltigen Erinnerungsliteratur irgendwelche Verlautbarungen bekannt sein, wonach Rudolf Steiner suggestiv gesprochen habe, so lass es mich bitte wissen.«

Ich finde, die Zitate, die ich hereingestellt habe, sind solche „Verlautbarungen“.
Meiner Ansicht nach war Rudolf Steiners unstreitig großes Charisma selbstverständlich mit großer Suggestivkraft verbunden.

Schon allein der Umstand, daß er offenbar imstande war, den großen Musikvereinssaal in Wien (den ich sehr gut kenne) mit seiner Stimme, und zwar seiner Sprechstimme, zu „füllen“, und das stundenlang — schon allein dieser Umstand muß überwältigende Wirkung gehabt haben.

Nun ja.
„Überwältigend“ ist so ziemlich das Gegenteil von freilassend - nicht wahr? 
Und: wie „frei“ ist ein Mensch, in dessen Seele sich vorübergehend »Nebel« bildet, dessen Aufmerksamkeit gerade im »Black out« ist, und der so manche Passage eines Vortrags während eines »Nickerchens« aufnimmt… ?

Ich finde übrigens nichts Verwerfliches daran.
 Aber ich finde es wichtig, uns - im Zeitalter der Bewusstseinsseele - bewußt zu machen, daß wir nicht in jedem Augenblick unseres Lebens „frei“ sind.
Wir schlafen als Willenswesen, sagt Rudolf Steiner… frei sein können wir aber nur in unseren wachen Gedanken.

Lieber Bernhard Albrecht, ganz besonderen Dank noch für diesen Satz, dem ich voll und ganz zustimme:
»Verstandesseele hingegen arbeitet sich ab am Gegenüber, nimmt dieses mehr oder weniger ausschliesslich in sein Blickfeld und fordert offen oder indirekt Veränderungen ein, die „vermeintlich“ eine Angelegenheit des Gegenüber sein sollen, in Wirklichkeit aber nur vom Sprechenden selber auf einen Weg innerer und äusserer Erneuerung gelenkt werden können -soweit er sich anteilig ihnen stellen kann und mag.
«
Herzlichen Gruß,

Ingrid


Bernhard Albrecht Hartmann an Ingrid H. • vor einem Monat 


Liebe Ingrid

Der „Einstieg“ in eigene weiterführende seelische Beobachtungen war allein auf die hier angeführten Zitate bezogen. Lächel. Es ist ja durchgehend in Deinen Beiträgen auf diesem Blog nicht zu übersehen, wie Du mit seelischen Beobachtungen umzugehen weisst. Und was mein „Tropfenbild“ betrifft, so eröffnet dieses ja nur eine Variation der Aussage. 
Andere sind möglich, insbesondere auch Aussagen zu Berdjajew selber. Diese sich zu enthüllen halte ich für wichtig, um seiner Aussage über Rudolf Steiner gewissermassen noch ein Gegengewicht hinzufügen zu können. Ein Blick auf seelische Grundstrukturen von Berdjajew, die ihn (nur) so sprechen lassen wie er spricht und damit den Horizont seines Sprechens aufweisen.

„Meiner Ansicht nach war Rudolf Steiners unstreitig grosses Charisma selbstverständlich mit grosser Suggestivkraft verbunden.“ Wirklich selbstverständlich, Ingrid? 
Oder könnte hier nicht möglicherweise ein Verwirrspiel geistiger Kräfte vorliegen, die uns so lange ein weiter gehendes Eindringen in den Zusammenhang dieser vordergründig nicht anders zu beschreibenden Situation verwehren, wie wir über billige Vorstellungsübertragungen hinaus uns nicht mehr Anschauung auf die tiefere Ebene tatsächlichen Geschehens durch eigene aktivierte Willenskraft verschaffen wollen?

Seelische Beobachtungen tragen gewissermassen den Impuls in sich erweitert und vertieft zu werden. Sie drängen sich aber dem Träger nicht auf, sobald auf dessen Seelenboden sich derartige Impulse zeigen. Der Geist ist geduldig und kann warten bis eine noch subjektseitig an das Ego gebundene Verstandesseele sich fragend weiter zu öffnen bereit ist.

Hat Rudolf Steiner hier also wirklich suggestiv auf seine Zuhörer eingewirkt? Oder hat er nicht sehr viel dafür getan diese suggestive Illusion von Seiten seiner Zuhörer immer wieder und wieder aufzulösen? Z.B. sogar durch zottige Witze mitten in einem Vortrag, um seine Zuhörer wieder aus schwärmerischen Höhen auf den Boden zurückzuholen. Tut so etwas ein Mensch, der tatsächlich suggestive Verbindungen erzeugt? 

Tiefer grabend: Wenn Du Dich jetzt aus freien Stücken wirklich erlebend jener Gedankenrichtung zuwenden willst, die mir hier vor Augen steht, dann betrittst Du eine sehr turbulente Erfahrungsebene. 
Ich muss das hier sagen: Halte also inne und überlege Dir genau, ob und wie weit Du hier erlebend mitgehen willst und kannst. Denn die Frage zielt darauf: Durch welches geistige Wesen wurde Rudolf Steiner in dieser Weise charismatisch begnadet, dass er den Musikvereinssaal in der Weise stimmlich durchdringen konnte, wie er es tat. Eine Begnaden das mir möglich erscheint, sobald die Bewusstseinseele eine bestimmte Ich-Reifung durchlaufen hat. Eine Ich-Reifung innerhalb derer das Fürchten gelernt und bewältigt werden konnte. 

Über die innere Reifung Rudolf Steiners und ihre Konsequenzen für ihn scheint mir bis heute nämlich noch viel zu wenig nachgedacht worden zu sein. Was heisst: Hat Rudolf Steiner vor den Augen seiner Zuhörer etwa lebensnah bezeugt von was er sprach.

Von Adolf Hitler wissen wir, dass in der Reichskanzlei, nahe bei ihm, ständig drei Grünmantel Lamas meditierend anwesend waren, die ihn mit dämonischer Kraft gespeist haben. Und Rudolf Steiner? Von wem wurde er begnadet? 
Michael?
 Kann Michael suggestive Wirkungen auslösen? Und wenn dem so sein sollte, wo liegen dann die Auslöse-Momente, von woher in den Seelen der Zuhörer Rudolf Steiners breitet sich das Empfinden einer suggestiven Wirkung aus? Hier ist genau hinzuschauen und dieses Hinschauen, wenn es denn ein echtes Hinschauen ist, kann nichts anderes bewirken, als dass es sehr sehr weh tut.

Vorstellungsverklebungen Ingrid, 
es sind unsere eigenen Vorstellungsverklebungen, die wir beständig in Bezug auf unser ängstlich als Haltestange gehütetes Ego subjektseitig übertragen um nicht in eine möglicherweise individuell nicht mehr so leicht zu bändigende Willens-Dynamik hineingerissen zu werden. 
Unsere Vorstellungsverklebungen sind tiefer betrachtet nichts anderes als Selbstsuggestionen. Michael versuchte durch Rudolf Steiner uns zu wecken. Haben wir seinen Weckruf bis in die Füsse hinein vernommen?

Eine gute Nacht Dir,

Bernhard



Ingrid Haselberger • vor 25 Tagen

Lieber Bernhard Albrecht,
»Der „Einstieg“ in eigene weiterführende seelische Beobachtungen war allein auf die hier angeführten Zitate bezogen.«
:-) Ja, so hatte ich Dich auch verstanden.
Und eben in solche „seelischen Beobachtungen“ war ich bereits vor dem Posten dieser Zitate „eingestiegen“. 
Ich habe daher ganz bewußt unterschiedliche Stimmen angeführt: den philosophischen „Konkurrenten“ (Bjerdjajew); den polemischen Journalisten (NZZ); den Berichterstatter und genauen Beobachter seiner Zeit (Kläger); und den einfühlsamen Weltbürger (Zweig). 
Sie alle bezeugen, aus unterschiedlichen Blickwinkeln, die Suggestivkraft Rudolf Steiners.
Du fragst:
 »Hat Rudolf Steiner hier also wirklich suggestiv auf seine Zuhörer eingewirkt? Oder hat er nicht sehr viel dafür getan diese suggestive Illusion von Seiten seiner Zuhörer immer wieder und wieder aufzulösen? Z.B. sogar durch zottige Witze mitten in einem Vortrag, um seine Zuhörer wieder aus schwärmerischen Höhen auf den Boden zurückzuholen.«
:-) — und gibst damit selbst zu, daß Steiners Vorträge suggestive Wirkung hatten.

Denn hätte es keine suggestive Wirkung gegeben — was hätte Steiner dann »immer wieder und wieder aufzulösen« gehabt?
Zeigen nicht gerade die überraschenden Witze in Steiners Vorträgen, ebenso wie so manche Anekdote (»Ich muß doch die Steinchen aus meinem Schuh heraustun, sonst hinkt morgen ganz Dornach« ;-) ) — zeigt das alles nicht sehr deutlich, daß er selbst um seine suggestive Wirkung wußte?
Deine anschließende Frage: »Tut so etwas ein Mensch, der tatsächlich suggestive Verbindungen erzeugt?« zeigt mir, daß Du mich immer noch mißverstehst.
Suggestivkraft – ohne die, so meine Ansicht (die Du vielleicht als der »subjektseitig an das Ego gebundenen Verstandesseele« geschuldet wahrnimmst ;-) ), Charisma nunmal nicht zu haben ist – ist nicht dasselbe wie absichtliche Manipulation. (Wenn das nicht auseinandergehalten wird, würde ich von »Vorstellungsverklebung« sprechen ;-) ).
Aber: Suggestivkraft wirkt auch dann, wenn sie nicht absichtlich zur Manipulation eingesetzt wird.

Und ein auf seine Freiheit bedachter Zuhörer tut gut daran, das im Bewusstsein zu behalten.
Dazu ein Zitat aus GA 293:
»Stehen Sie einem Menschen gegenüber, dann verläuft das folgendermaßen: Sie nehmen den Menschen wahr eine kurze Zeit; da macht er auf Sie einen Eindruck. Dieser Eindruck stört Sie im Inneren: Sie fühlen, daß der Mensch, der eigentlich ein gleiches Wesen ist wie Sie, auf Sie einen Eindruck macht wie eine Attacke.
Die Folge davon ist, daß Sie sich innerlich wehren, daß Sie sich dieser Attacke widersetzen, daß Sie gegen ihn innerlich aggressiv werden. Sie erlahmen im Aggressiven, das Aggressive hört wieder auf; daher kann er nun auf Sie wieder einen Eindruck machen. Dadurch haben Sie Zeit, Ihre Aggressivkraft wieder zu erhöhen, und Sie führen nun wieder eine Aggression aus. Sie erlahmen darin wieder, der andere macht wiederum einen Eindruck auf Sie und so weiter.
Das ist das Verhältnis, das besteht, wenn ein Mensch dem anderen, das Ich wahrnehmend, gegenübersteht: Hingabe an den Menschen - innerliches Wehren; Hingabe an den anderen - innerliches Wehren; Sympathie - Antipathie; Sympathie - Antipathie.
Ich rede jetzt nicht von dem gefühlsmäßigen Leben, sondern nur von dem wahrnehmenden Gegenüberstehen. Da vibriert die Seele; es vibrieren: Sympathie - Antipathie, Sympathie - Antipathie, Sympathie - Antipathie.
Das können Sie in der neuen Auflage der «Philosophie der Freiheit» nachlesen. 
Aber es ist noch etwas anderes der Fall. Indem die Sympathie sich entwickelt, schlafen Sie in den anderen Menschen hinein; indem die Antipathie sich entwickelt, wachen Sie auf und so weiter. Das ist ein sehr kurz dauerndes Abwechseln zwischen Wachen und Schlafen in Vibrationen, wenn wir dem anderen Menschen gegenüberstehen.
Daß es ausgeführt werden kann, verdanken wir dem Organ des Ich-Sinnes. 
Dieses Organ des Ich-Sinnes ist also so organisiert, daß es nicht in seinem wachenden, sondern in einem schlafenden Willen das Ich des anderen erkundet - und dann rasch diese Erkundung, die schlafend vollzogen wird, in die Erkenntnis hinüber leitet, das heißt, in das Nervensystem hinüber leitet.

So ist, wenn man die Sache richtig betrachtet, die Hauptsache beim Wahrnehmen des anderen doch der Wille, aber eben gerade der Wille, wie er sich nicht wachend, sondern schlafend entwickelt; denn wir spinnen fortwährend schlafende Augenblicke in den Wahrnehmungsakt des anderen Ich ein.«
Wer sich durch das Charisma des Vortragenden verleiten läßt, nur die „Sympathie“ walten zu lassen, sodass er fortwährend in den Vortragenden „hinein schläft“ und auf das „antipathische Aufwachen“ verzichtet, der verzichtet solange auf seine Freiheit. 
Und zwar unabhängig davon, von welchen »geistigen Wesen« der Vortragende »charismatisch begnadet« ist, und auch unabhängig davon, ob er von „guten“ oder „bösen“ Mächten inspiriert ist.
Wie schon gesagt: ich finde an solchem „Hinein-Schlafen“ nichts prinzipiell Verwerfliches.
 Ich meine nur, daß wir uns - im Zeitalter der Bewusstseinsseele - dessen bewußt sein sollten. 
Gefährlich wird es dann, wenn wir überhaupt nicht mehr „aufwachen“ und das nicht wahrhaben wollen.
Daß es möglich war, Steiner auch zuzuhören, ohne von ihm „überwältigt“ zu werden – daß er also für diejenigen, die nicht auf „antipathisches Aufwachen“ verzichteten, tatsächlich „freilassend“ vortrug –, das genau belegen die von mir zitierten Zeitgenossen.
Herzlich,

Ingrid

Bernhard Albrecht Hartmann an Ingrid H. • vor 19 Tagen 


Liebe Ingrid

Ein grosses Wort das „Aufwachen.  “
Nur: Wie vollziehe „ich“/„Du“ es in jedem Augenblick, da Worte von dritter Seite mir zugesprochen Empfindungen auslösen, da Empfindungen von einem anderen Menschen mich berühren und Worte aus meiner Seele, meinem Denken an die Oberfläche steigen, um ausgesprochen zu werden. Sympathie und Antipathie, Rudolf Steiner hin oder her sind mir zu einfache Wortgefässe, jedenfalls so lange, wie ich sie nicht weit über die Vorstellung hinaus, die diese Worte unmittelbar auslösen bereit bin tiefer auszuforschen. Und da komme ich in innere Willenslandschaften wo es schwierig wird Kurs zu halten, und mein inneres Radarsystem die Untiefen auf dem Weg vorweg ausloten kann ohne dass ich mit meinem Schiff auf Grund laufe.

Auf Grund laufen: Gehört dieses Auf Grund laufen nicht elementar dazu mit Möglichkeiten in Berührung zu kommen, die schlussendlich in ein Erwachen, mein Erwachen und nur mein Erwachen münden können. Auf Grund laufen — sich auf neue Fragehorizonte einlassen … 
Auf Grund laufen also die Geburtsstunde durch bisherige Selbstverschleierungen hindurch sich neue Fragehorizonte eröffnen für das eigene Ich-Werden? Das eigene Ich-Werden Wirklichkeit werden lassen durch sich in Frage stellen … und … sich nicht Verführen Lassen die Abgründe oder auch nur das Nichtverstehen anderer „vermeintlich vordergründig“ auflösen zu können.

Ich/Du können einander nur Briefträger sein, zu erinnern was immer. Ob daraus ein Erwachen erblüht, das kann ein jeder nur selbst auf den Weg bringen. 
Sympathie und Antipathie sind von jedem Wort her, das Rudolf Steiner ausgesprochen zu prüfen, sachlich auch in Bezug auf meine Reaktionen, Empfindungen und Wortbildungen, die zuhörend sich in und durch mich ereigneten, vor allem aber jene schwer zu identifizierenden „Übertragungen“ auf Rudolf Steiner, die nicht Teil seines Sagens, bzw. seines Sprachausdrucks waren. 

Hier begegnet einander mein minder durchgearbeiteter Denkkraft-Wille dem Denkkraft-Ausdruck Rudolf Steiners. Und dieser mein Denkkraft-Wille ist eben durchwachsen mit Vorstellungsverklebungen, deren subjektiv mich „suggestiv fesselnde Selbststeuerung-Mechanismen“ es zu durchschauen gilt. 
Ja, Du hast richtig gelesen: Vorstellungsverklebungen beinhalten geradezu ein kleines Atomlager an Selbstsuggestionen, die mich unbemerkt in der Unfreiheit fesseln und damit auch im Missverstehen Rudolf Steiners, wie darüber hinaus vieler, vieler Alltagssituationen.
Charisma beutet das eigene Unterbewusstsein „immer“ zu suggestiven Steuerung anderer Menschen aus. Eine nicht manipulative Suggestiv-Kraft ist ein Widersinn in sich.

Es ist geradezu ein Merkmal von Charisma (in Verbindung mit Narzissmus), dass es allenfalls ein flirrendes Bewusstsein ihres Tuns hat, aber eben kein wirkliches. Charisma ist von einem verdeckten korrupten Verhalten umgeben, das macht deren Träger so gefährlich. Sie lächeln Dich an oder wissen Dich zu faszinieren und werfen im gleichen Atemzug einen Anker aus, der Dich von da an von Deinem Unterbewusstsein für sie steuerbar macht.

War Rudolf Steiner nun ein suggestiv sprechender Mensch? Ich denke, dass ich Dir einiges Werkzeug an die Hand gegeben habe, um das für Dich klären zu können. Bewusstsein-Seelenprozesse können nur vollkommen eigenständig vollzogen werden. 
Sie unterliegen nicht der Möglichkeit von dritter Seite her beweiskräftig untermauert zu werden. 

Ich grüsse Dich,

Bernhard Albrecht



Ingrid H. an Bernhard Albrecht Hartmann • vor 19 Tagen • edited 


Lieber Bernhard Albrecht,

»Ein grosses Wort das „Aufwachen.“
Nur: Wie vollziehe „ich“/„Du“ es in jedem Augenblick, da Worte von dritter Seite mir zugesprochen Empfindungen auslösen, da Empfindungen von einem anderen Menschen mich berühren und Worte aus meiner Seele, meinem Denken an die Oberfläche steigen, um ausgesprochen zu werden.«
Freilich können wir ein solches „Aufwachen“ nicht in jedem Augenblick vollziehen.

Deshalb spricht Steiner ja auch von einer Art „Pendelbewegung“: Hinein-Schlafen - Aufwachen - Hinein-Schlafen („Sympathie“) - Aufwachen („Antipathie“) …
 Ohne „Hinein-Schlafen“ gibt es kein Sich-Hinein-Fühlen in den jeweils anderen, und damit kein Verstehen.

Ohne „Aufwachen“ aber gibt es keine Freiheit des eigenen Denkens …
 „Sympathie“ und „Antipathie“ sind Dir »zu einfache Wortgefäße«, sagst Du — nun, es war Rudolf Steiner, der diese Wortgefäße verwendet hat, um die Vorgänge der zwischenmenschlichen Kommunikation zu schildern, und der gleichzeitig - meiner Ansicht nach sehr klar und deutlich - beschrieben hat, was er mit diesen Begriffen meint. Nur in diesem Sinne habe auch ich die beiden Begriffe verwendet. Deshalb habe ich sowohl „Sympathie“ als auch „antipathisches Aufwachen“ in Anführungszeichen gesetzt - und gehofft, sie damit aus den Vorstellungen herauszulösen, die, wie Du richtig anmerkst, diese Worte im „normalen“ Sprachgebrauch unmittelbar auslösen.

Du sagst:
 »Charisma beutet das eigene Unterbewusstsein „immer“ zu suggestiven Steuerung anderer Menschen aus. Eine nicht manipulative Suggestiv-Kraft ist ein Widersinn in sich.
«
- nun, ich bleibe dabei:
» Suggestivkraft – ohne die, so meine Ansicht, Charisma nunmal nicht zu haben ist – ist nicht dasselbe wie absichtliche Manipulation. (Wenn das nicht auseinandergehalten wird, würde ich von »Vorstellungsverklebung« sprechen ;-) ).«
Dabei spreche ich von absichtlicher Manipulation - die also nicht aus dem Unterbewusstsein des „Manipulierenden“ kommt, sondern ganz bewußt erfolgt.

Du sagst weiter:
 »Es ist geradezu ein Merkmal von Charisma (in Verbindung mit Narzissmus), dass es allenfalls ein flirrendes Bewusstsein ihres Tuns hat, aber eben kein wirkliches. Charisma ist von einem verdeckten korrupten Verhalten umgeben, das macht deren Träger so gefährlich. Sie lächeln Dich an oder wissen Dich zu faszinieren und werfen im gleichen Atemzug einen Anker aus, der Dich von da an von Deinem Unterbewusstsein für sie steuerbar macht.«
- und machst damit deutlich, daß der Begriff, oder, wie Du es nennst: das Wortgefäß „Charisma“ für Dich einen vollkommen anderen Inhalt hat als für mich. 
Das überrascht mich.

Hattest Du nicht selbst (hier) gefragt: »Durch welches geistige Wesen wurde Rudolf Steiner in dieser Weise charismatisch begnadet […] Von wem wurde er begnadet? Michael? « 
Eben. Für mich ist Charisma eine Begnadung, eine „Gottesgabe“, wenn man so will … und selbstverständlich fällt darunter auch die Begabung/Begnadung durch den Erzengel/Zeitgeist Michael. 
(Ich freue mich, daß auch die wikipedia von „Gnadengabe“ spricht …)

Im übrigen möchte ich daran erinnern, daß Deine ursprüngliche Frage, die mich zum Hereinstellen diverser Zitate veranlaßte, nicht diese (aus heutiger Sicht wohl kaum unstreitig zu beantwortende) war:
 »War Rudolf Steiner nun ein suggestiv sprechender Mensch?«
 sondern diese:
 »Sollten Dir aus der reichhaltigen Erinnerungsliteratur irgendwelche Verlautbarungen bekannt sein, wonach Rudolf Steiner suggestiv gesprochen habe, so lass es mich bitte wissen. Mir jedenfalls sind diesbezüglich nur Erinnerungen zugänglich gewesen, die sein freilassendes Sprechen hervorzuheben wussten.«

Herzlichen Gruß,

Ingrid


Ingrid H. Ingrid H. • vor 19 Tagen 


P.S.:
Ich sehe jetzt (erst jetzt - verzeih bitte!):
Dein Charisma-Begriff unterscheidet sich offenbar doch nicht so sehr von dem meinen, wie ich gedacht hatte - denn Du sprachst ja von »Charisma (in Verbindung mit Narzissmus)«.
Ah ja.
Allerdings das habe ja wiederum ich nicht gemeint, als ich von „Suggestivkraft“ sprach.
Suggestivkraft - unbewußt oder auch bewußt - hat ein charismatischer Mensch auch dann, wenn er kein Narzisst ist.
Umso besser, wenn er sich - wie offenbar Rudolf Steiner - dessen bewußt ist.



Bernhard Albrecht Hartmann an Ingrid H. • vor 6 Tagen 


Liebe Ingrid

Aus gegebenem Anlass muss ich meine weiteren Ausführungen zur Klärung dessen, was Charisma alles an Bedeutungsaspekten in sich fasst und welche Aspekte möglicherweise von heute her gesehen bewusstseinsgenetisch Sinn machen zu modifizieren, knapp halten.


Auch wenn ich mich jetzt scheinbar widerspreche (ich öffne nur ein weiteres Fenster im Fliessgeschehen hier möglicher seelischer Beobachtungen) frage ich: Kann es angehen Rudolf Steiner als von Michael charismatisch begnadet zu betrachten? 
In wie weit kollidiert ein Begnaden mit dem reinsten Freiheitsgeist, den Michael repräsentiert?

Der Schulungsweg ist ein Pfad der freien Entscheidungen. Ich entscheide wie weit und wie tief ich diesen höchst individuellen Pfad jeweils beschreite. Michael steht solange unscheinbar am Wegrand -- schweigend, bis ich mein "Ich will" bereit bin selbstlos in die Waagschale zu legen. Und dann, so meine Sicht, unterstützt er den Wanderer, soweit dieser es zulässt.

Soweit dieser es zulässt ... Und da, im Zulassen tritt das hier entscheidende Willenselement in Erscheinung. Wie weit und wie tief bin ich bereit in dialogischen Willensbewegungen seelische Beobachtungen meiner Seele an die Oberfläche zu heben und mich diesen betrachtend "wie ein Fremder gegenüber zu stellen"(Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten).

In Zeiten einer immer mehr sich konturierenden Bewusstseinsseele halten sich geistige Mächte im Gegensatz zu früheren Zeiten zurück. Sie begnaden nicht mehr, sondern öffnen dem Geisteswanderer von einem bestimmten Zeitpunkt an lediglich die Augen für das was wirklich ist - eben soweit dieser es zulässt. Die Anzahl der „Vorstellungsverklebungen ist eine viel, viel grössere als wir zunächst annehmen möchten. Seelische Beobachtung ist ein Weg der Desillusionierung, was unser so sicher angenommenes Wirklichkeitsverständnis betrifft, dass wir alle nur möglichen Register ziehen, um die Verantwortung für die uns auferlegte Wirklichkeitsbildung nicht aufnehmen zu müssen.

Michael ist hier sehr geduldig im Zuwarten, er ist aber auch streng und geradezu kompromisslos in dem, was er den Menschen zutraut. Dem in die Augen zu schauen birgt harte Zumutung wie Milde gleicherweise in sich. Die Entscheidung, wie es weiter geht, liegt alleine bei uns. Weil Rudolf Steiner das wusste, deshalb hat er sein Lehramt niedergelegt. Die Tragik ist, dass dies bis heute nur von wenigen verstanden wird.

Wir sind das Problem, nicht eine Wiederkehr Rudolf Steiners, die völlig illusionär sich aus verschiedenen Äusserungen Rudolf Steiners vermeintlich (vorstellungsverklebt) ablesen lässt. Hier wird einfach nicht tief und vernetzt genug in erwachender eigener Willensverantwortung mit seelischen Beobachtungen dialogisiert. 
Ich habe mich 50 Jahre lang an diesen und vielen anderen Äusserungen Rudolf Steiners fragend gestossen. Heute, da mir so einiges klar wird erschrecke ich, dies sagend, über die Konsequenzen.
Eine Verbindung mit dem individuellen Wesen Rudolf Steiners kann nur aufrecht erhalten, bzw. real neu geknüpft werden über den erwachenden Willen unsererseits. Alles gläubige Anhaften und Verantwortung delegieren an Rudolf Steiner gehört bewusstseinsgenetisch der Vergangenheit an und kann Anthroposophie in unserer heutigen Welt nicht wirklich vorwärts tragend beleben.

Das wird hart in Deinen Ohren, wie den Ohren vielleicht so mancher weiterer Leser klingen und sofern wir dem still standhalten wollen Beschämung auslösen angesichts unserer vielfältigen eigene Willensschwächen.

Es ist an der Zeit unsere Selbstsuggestionen (sprich Vorstellungsverklebungen), die wir weiter allzu gerne auf Rudolf Steiner (siehe Deine Zitate mit Ausnahme dessen von Stefan Zweig) weiter rück zu übertragen geneigt sind, selbstverantwortlich in Bezug auf uns in seelischen Beobachtungen genauer unter die Lupe zu nehmen. Rudolf Steiner hat in diesen Vorträgen und an anderer Stelle uns lediglich für ein kurzes Momentum in die Lage versetzt in unserem Willen zu erwachen. Wir aber ziehen es bis heute anscheinend weiter vor hier weiter zu schlafen.

Ich grüsse Dich herzlich,

Bernhard Albrecht


Ingrid H. • vor 5 Tagen • edited

Lieber Bernhard Albrecht
zunächst eine kleine Klarstellung:
Du sagst:
 »Alles gläubige Anhaften und Verantwortung delegieren an Rudolf Steiner gehört bewusstseinsgenetisch der Vergangenheit an und kann Anthroposophie in unserer heutigen Welt nicht wirklich vorwärts tragend beleben. «
und fügst dann hinzu:
» Das wird hart in Deinen Ohren […] klingen und […] Beschämung auslösen«

Nicht im geringsten. Weder klingt das „hart“ für mich noch löst es in mir „Beschämung“ aus.
Und ich bin etwas verwundert darüber, daß Du mir so etwas unterstellst.
Ich bin es nicht gewohnt, die Verantwortung für irgendetwas, das heute geschieht, an Rudolf Steiner zu delegieren. Er ist nicht mein „Guru“ (und er war es auch niemals). 
Noch mehr: ich „glaube“ ihm nichts von seinen Mitteilungen; sondern ich erkenne darin entweder etwas wieder, das ich schon vorher selbst erfahren/erkannt habe - oder, wenn das nicht der Fall ist, dann halte ich es für möglich (aber auch nicht mehr!), daß es sich so verhält, wie er sagt.

Freilich kommt es vor, daß sich beim späteren Wiederlesen etwas, das ich früher nur für möglich gehalten habe, aufgrund eigener Erfahrungen in „Wiedererkennbares“ verwandelt.

Das bewirkt zwar, daß mein Interesse an Rudolf Steiner lebendig bleibt oder sogar größer wird — es bewirkt aber nicht, daß ich ihm daraufhin nun auch alles andere „glaube“: ich bleibe weiterhin bei meinem „für-möglich-Halten“.
Soviel zu Deinem Missverständnis.
Und bevor ich näher eingehe auf das Thema „Charisma“, insbesondere auf das, was Du über „Begnadung“ sagst (und darüber, ob sie heute noch „zeitgemäß“ ist oder nicht...) — vorher habe ich eine Frage:
Du sagst:
»Die Entscheidung, wie es weiter geht, liegt alleine bei uns. Weil Rudolf Steiner das wusste, deshalb hat er sein Lehramt niedergelegt.«
 Was genau meinst Du damit, Steiner habe »sein Lehramt niedergelegt«? Wann soll das geschehen sein? Gibt es dazu Äußerungen von ihm? 
(Und ich meine nicht das, was er vor 125 Jahren, am 4. November 1894, an Rosa Mayreder schrieb: »Vielleicht ist aber überhaupt die Zeit des Lehrens in Dingen, wie das meine, vorüber. Mich interessiert die Philosophie fast nur noch als Erlebnis des einzelnen.« — denn danach hat er ja dennoch nachweislich gelehrt - oder meinst Du, nicht?)
Herzlich,

Ingrid

(P.S.: Über Deine jüngsten Äußerungen bezüglich Deiner Rolle als „Punching Ball“ staune ich — soviel sei hier doch angemerkt.)

Bernhard Albrecht Hartmann an Ingrid H. • vor einem Tag 


Liebe Ingrid

Mit einem Lächeln will ich vom „PS.:“ Deiner Antwort an mich beginnen. Punching Ball … Wenn Du dieses Bild, wie anscheinend geschehen, im Sinne Deines Vor-Verständnisses Dir ins Auge sticht, was durchaus auch in gewissem Sinne dem landläufigen Verständnis dieses Bildes entspricht, sobald jemand sich zum Prügelknaben macht, dann hättest Du allen Grund Dich zu verwundern. Nur, ich habe mich „persönlich“ nicht zum Prügelknaben erklärt, mich vielmehr nicht in Michaels Interpretationen einwickeln und weiter durch die Gassen jagen lassen, sondern ihm lediglich bewusstseinsgenetisch sachlich die Schulter hingehalten mit der Bemerkung  er könne sich „an mir“ weiter abarbeiten, ... so zielt das auf seine festgefahrenen Interpretationen und nicht auf mich.

Ich selber bin in dieser Angelegenheit also aussen vor und Michael kann sich aufgefordert fühlen seine Interpretationen sachlicher zu durchforsten.

Mit Deiner Art, Ingrid, dies hier in der Weise anzumerken, wie Du es getan - mit Deinem so ganz individuellen Gefühlstimbre - hast Du lediglich den Raum geöffnet für eine im Gefühlsbereich gleichsam schwimmende verborgenere Flotte von Vorstellungsverklebungen, die in den allermeisten Fällen sich verwickelnder Gespräche unter Menschen unbemerkt bleiben. Wenigstens so lange wie Du Dich ihnen nicht ganz entschieden versuchst zuzuwenden, was wiederum ganz und gar nicht leicht ist, weil sie wirklich sehr verborgen agieren.

Und damit komme ich zum nächsten Fallstrick, den Vorstellungsverklebungen Dir/uns blitzschnell um die Füsse wickeln können. Es ist dies beim Lesen eines Textes, bzw. im Verlauf des einem Menschen Zuhören einfach ein Wort das schriftlich niederlegt, bzw. mündlich gesagt wurde hinten runter fallen zu lassen. „Ein Wort“ und schon ergibt sich ein völlig anderer Sinn … der unbemerkt besser in den eigenen Vorstellungshorizont passt und von daher Dich in die Lage versetzt den anderen Menschen vermeintlich aushebeln zu können, ein Missverstehen zu sehen, wo genauer besehen keines sein müsste.

Hier dein Exzerpt meines Sagens: »Das wird hart in Deinen Ohren […] klingen und […] Beschämung auslösen« Nicht im geringsten. Weder klingt das „hart“ für mich noch löst es in mir „Beschämung“ aus. Und ich bin etwas verwundert darüber, daß Du mir so etwas unterstellst.

Unterstellst … Du hast das kleine Wort „vielleicht“ in meinem Sagen hier völlig ausgeklammert - und darüber hinaus viele Worte mehr in meinem Sagen nicht in Deinem Empfinden abgebildet - lächel und damit das Missverstehen selber gesät.

Vorstellungsverklebungen sind eine Folge von selektivem Lesen und Hinhören, deshalb können sie auch so allgegenwärtig ihr Unwesen betreiben.

Doch nun zu Deiner Frage: „Die Entscheidung, wie es weiter geht, liegt alleine bei uns. …“
 Ich sagte es ja schon in verschiedenen Variationen. Bewusstseinsseele ist ein Weg zur Erfahrung des Seins durch seelische Beobachtungen zu gelangen, ist eine wachsende Seinserfahrung durch Willenserweckung. Und vieles nach und nach mehr, so ich es zulasse.
Bewusstseinsseele ist ein Weg sich für fragendes Erstaunen in Seinserfahrungen hinein zu öffnen, anstatt abstrakt Sperrgitter unversehens konstruierter Missverständnisse vor sich in Stellung zu bringen. …
 Bewusstseinsseele beinhaltet die Bereitschaft zu leben im „ich weis, dass ich nichts weis.“ Also um fliessende Bewusstseinsgegenwärtigkeit sich fort und fort zu bemühen.

Rudolf Steiner hat sein ganzes Leben die Frage innerlich bewegt, ob er in unserer Zeit noch in spirituellen Fragen lehrend unterwegs sein könne und dürfe. Im Bilde gesprochen hat er in seelischen Beobachtungen tagtäglich die Schwertspitze zu spüren bekommen, die sich einem Menschen in unserer Zeit zeigt, sobald er den Übergang von der Verstandesseele in die Bewusstseinsseele aktiv sucht. 
Du erwähnst ja Deinerseits seinen diesbezüglichen Brief an Rosa Mayreder. 
Diese Frage verdichtete sich in der Stuttgarter Zeit von 1923 geradezu dramatisch, als er sich in den dortigen Zusammenhängen, er erwähnt dies ganz nüchtern sogar in einem seiner Vorträge dieser Zeit, als quasi zu vernachlässigende Grösse sehen musste. Von verschiedenen Personen wurde er leise oder auch unverhohlen in den Querelen um den Kommenden Tag einfach nicht mehr ernst genommen. 
So kam er dazu: „Muss ich mein Lehramt opfern,“ wenn ich die Anthroposophische Gesellschaft neu begründen und mich als ihr Vorsitzender in die Mitte stellen will. (Die genaue Quelle kann ich zeitbedingt leider gegenwärtig lesend nicht belegen. Ich bin mir aber sicher, dass dies zwischen Oktober und Dezember 1923 geschah).

In die Mitte bedeutet hier bewusstseinsgenetisch angeschaut auch sich auf Augenhöhe zu den Mitgliedern zu begeben. Welchen Gegenwind er damit auslöste, das belegen die Folgen mehr als deutlich. Die Mitglieder waren in einer genügend grossen Zahl einfach nicht bereit den Übergang von der Verstandesseele zur Bewusstseinsseele praktisch anzugehen.

Inwiefern es für Rudolf Steiner im übrigen spirituell ein hohes Risiko bedeutete diesen Schritt ins Auge zu fassen, darüber will ich hier lieber schweigen. Rudolf Steiners inneren Bewusstseinsentwicklungsprozess tiefer sich vor Augen zu rücken, das ist in anthroposophischen Zusammenhängen einfach noch kein wirkliches Thema. Hätten sich Anthroposophen dies zum Thema gemacht, dann wäre nach und nach ein Verständnis dafür gewachsen, dass Rudolf Steiner vom Beginn seines Eintritts in die Theosophische Gesellschaft tiefer betrachtet eigentlich nicht mehr lehrte. Er vertrat durch seine innere Haltung vielmehr die Philosophie der Freiheit und damit die zeitgemässe Bewusstseinsseele, die „nicht gelehrt“ werden kann, sondern nur „aus dem Erwachen am anderen Menschen individuell lebensmässig in Wirklichkeit zu erschaffen ist.

Rudolf Steiner ist hier bewusstseinsmässig voraus gegangen. Zu wenige Zeitgenossen waren bereit ihm auf diesem Weg zu folgen. Das ist in meinen Augen der tiefere Grund warum die Weihnachtstagung gescheitert ist, der spirituelle Grund auch für die vielen Gesellschaftskrisen in der Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft.

Ich grüsse Dich herzlich,

Bernhard Albrecht


Tomtetom Bernhard an Albrecht Hartmann • vor 5 Tagen

Hallo Bernhard,

was genau verstehst du unter bewusstseins-genetisch? 
Eine Wortschöpfung, die ich so noch nicht gehört bzw. gelesen habe...Ist das lediglich ein Hinweis darauf was man halt in den Genen trägt und geerbt hat? Oder meintest du damit ein erarbeitetes, besonderes Bewusstsein (worin du dich ebenfalls siehst) - was quasi erst im Laufe des Lebens quasi 'in die Gene übergeht' - wenn das denn überhaupt möglich ist...
Wie gesagt, der Begriff ist mir neu...


Bernhard Albrecht Hartmann an Tomtetom • vor 2 Tagen • edited 


„Bewusstseinsgenetisch:“
Eine Begriffsschöpfung von mir:. Doch eigentlich nicht so neu, wie sie erscheint, denn sie fokussiert lediglich die Fähigkeit zur Selbststeuerung (freier Wille) und Zurückdrängung des Leibes (wider die Gene, die nicht so weitgehend festlegen, wie lange vermutet) um das zu aktivierende Bewusstsein ins Feld zu führen. Prof. Joachim Bauer (Neurobiologe in Freiburg) ist einer, der dazu einiges schreibt. Die Philosophie der Freiheit ist insgesamt sehr viel mehr in der Wissenschaft von heute angekommen als von vermeintlichen Anthroposophen gerne angenommen.

Während der Anthroposophische Zweig in Dresden einen Protestbrief an den Vorstand nach Dornach richtet findet das Leben ganz wo anders statt. Z.B. auch in den posthum veröffentlichten philosophischen Vorlesungen eines verstorbenen Professors und Heidegger Schülers aus Wien, der in der Art wie er auf Aristoteles zurückgreift eine moderne Logoslehre (philosophische Beschreibung des Lebensgeist-Prozesses (Rudolf Steiner) in Grundzügen liefert, die, hast Du nur die lebendige Lese-Bereitschaft dazu sie bewusstseinsgenetisch verstehen zu können, die Wände im Anthroposophen-Land zum wackeln bringt.
„Noch“ schützt dickwandige Illusion die Anthroposophen, dass dieses geschieht, „noch.“
„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“

Bernhard Albrecht

Ingrid H. an Bernhard Albrecht Hartmann • vor 5 Tagen

Lieber Bernhard Albrecht,
Du sagst zu meinem »Exzerpt [D]eines Sagens«, ich hätte »das kleine Wort „vielleicht“ in [D]einem Sagen hier völlig ausgeklammert« — ich habe nochmal nachgelesen: das kleine Wort „vielleicht“ steht da nur auf andere Leser bezogen, nicht aber auf mich. Der erste Teil Deines Satzes lautet vollständig: »Das wird hart in Deinen Ohren, wie den Ohren vielleicht so mancher weiterer Leser klingen« — und ich finde noch immer, daß Du damit (wie auch in manchen anderen Sätzen) zeigst, daß Du etwas von mir glaubst, das in Wirklichkeit nicht so ist, wie Du glaubst.
:-) Weißt Du, ich habe beim Lesen Deiner Antworten - vielleicht ähnlich wie Du beim Lesen der meinen - immer wieder den Eindruck, Du unterlegst dem, was ich sage, einen subtil anderen Sinn, »der unbemerkt besser in den eigenen Vorstellungshorizont passt und von daher Dich in die Lage versetzt den anderen Menschen vermeintlich aushebeln zu können« … :-) sehr schön ausgedrückt!
- - -
Zu meiner Frage bezüglich Steiners „Niederlegung des Lehramtes“:

Du hattest geschrieben:
 »Die Entscheidung, wie es weiter geht, liegt alleine bei uns. Weil Rudolf Steiner das wusste, deshalb hat er sein Lehramt niedergelegt.« Jetzt aber formulierst Du es anders, und obwohl Dein Satz einen Punkt hat, klingt er für mich wie eine Frage: 
»„Muss ich mein Lehramt opfern,“ wenn ich die Anthroposophische Gesellschaft neu begründen und mich als ihr Vorsitzender in die Mitte stellen will.«
 Eine Frage, die Rudolf Steiner meinem Dafürhalten nach (wenn ich mir die Vorträge ansehe, die er nach der Weihnachtstagung gehalten hat) schließlich doch mit „Nein“ beantwortet hat.

Du scheinst da anderer Ansicht zu sein?
P.S.:
Über alles, was Du zur Erläuterung Deines „Punching Ball“-Vergleiches sagst, wundere ich mich fast noch mehr als darüber, daß Du diesen Vergleich überhaupt angestellt hast. 
Das liegt wohl daran, daß ich Dein Gespräch mit Michael vollkommen anders wahrnehme als offenbar Du.
:-) Aber ich will mich in dieses Gespräch nicht einmischen und begnüge mich daher mit dieser Anmerkung, die ich ganz bewußt im P.S. lasse.

Bernhard Albrecht Hartmann an Ingrid H. • vor 2 Tagen

Liebe Ingrid
Du hast natürlich recht, ich habe Dich in meinem Sagen (Dein Exzerpt) nicht direkt angesprochen.
Nur stellst Du nur ein kleines Bruchteil des Resonanzfeldes dar, um den es in meinem Sagen geht, auf den ich meine Aufmerksamkeit richte und aus der Oberton-Ebene leise einlade sich darauf hin, die Kreise eigenen Vermeinens im Verstehen zu weiten, „vielleicht“ zu öffnen. Ich unterlege also nicht subtil einen anderen Sinn … weiche eloquent aus … ich versuche nur den Blick auf das grössere Ganze hin offen zu halten.

Aber ich habe Deinen Hinweis auch noch in einem anderen Sinne verstanden und das veranlasst mich mit diesem Kommentar vorläufig eine Zäsur zu setzen in der gegenwärtigen Kommunikation zwischen uns. Der Dialog zwischen uns ist mir einfach zu wertvoll, als dass ich ihn abstürzen lassen will und das könnte durch auch nur eine kleine weitere Unbedachtsamkeit geschehen.
Argumente umzudrehen und zurück zu rollen, das Ingrid ist doch nicht Dein wirklicher Stil, oder?
Ich denke es braucht einige Zeit um das zwischen uns Gesagte noch tiefer ausloten und verstehen zu können. Geben wir uns also diese Zeit, bitte.
Ich will mich auch einem grösseren Projekt widmen, das wie ich hoffe einiges noch weiter verdeutlichen kann, was mir gegenwärtig ein Anliegen ist.
Im Übrigen hast Du recht, ich habe eine andere Ansicht zu Rudolf Steiners Lehramt. Die Aussagen Rudolf Steiners dazu müssen in meinen Augen mehrschienig, auf unterschiedlichen Ebenen auch gegenläufig gelesen werden, um ihre tiefere Bedeutung entfalten zu können. Der heute überwiegend linear denkende Verstand ist diesbezüglich überfordert.

Die innere Dynamik des Willens auf dem weiteren Bewusstseinsfeld (ich habe das verschiedentlich angedeutet) ist turbulent und sich da in wechselseitigen Abgrenzungen einen tatsächlichen Überblick verschaffen zu können ist nicht einfach.
Auch hier ist sehr viel Zeit notwendig, bis die einzelnen Aspekte aus sich heraus zu sprechen beginnen. 
Der Logos spricht, wenn Du Dein Bewusstsein darauf einzustellen weisst.

Von Herzen,

© Bernhard Albrecht Hartmann