Das Lebensende von Rudolf Steiner ist geradezu tragisch von Mahnungen überschattet, dass „alle Vorstellungen“ einer immer neuen Auflösung überantwortet werden müssten, wenn die kommende Zeit in eine menschlich gedeihliche Zukunft münden wolle. Ein innerer Feuerprozess war damit angestossen. Einen Mutprozess ausserordentlichen Masses erachtete Rudolf Steiner als not-wendend, welcher durch die Mitglieder der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft zu initiieren sei, um den spirituellen Fortgang der Weihnachtstagung von 1923/24 zu sichern.
Was ist stattdessen geschehen? Die Zerstrittenheit der AAG nahm über den Tod Rudolf Steiners hinaus ihren Fortgang bis heute. Sie ist in der gegenwärtigen Zeit im Untergrund nicht weniger virulent als dazumal 1935. Auch wenn das von gewissen Seiten heute vehement bestritten werden wird, es ist so.
Weil - der zuletzt angestossene mutvolle Feuerprozess vom 28.09.1924 - nicht in eine breitere Wirklichkeit unter den Mitgliedern dieser Gesellschaft münden konnte. Fortlaufende Vorstellungsauflösungen konnten dem tieferen Augenschein nach nicht im notwendigen Umfang in einem breiteren Übungsprozess gebündelt zusammenfinden. Sie setzten in Folge dessen auch nicht grundlegend wirksame Kräfte für das ernsthaft weitere Wachsen der spirituellen Impulse von Weinachten 1923/24 frei. Stattdessen wurden bis heute immer wieder Vorstellungen vielfältigster Art gebildet, welche die bestehenden unterschiedlichen Auffassungen unter den Mitgliedern zuzudecken bemüht waren, um wenigstens einen gewissen Schein von Zusammenhang innerhalb dieser Gesellschaft aufrecht zu erhalten. Dem notwendigen tieferen Zusammenwirken unter den Mitgliedern dieser Gesellschaft wurde damit jedoch der keimfähige Boden in einander wirklichkeitsbildend zugewandten Dialogen entzogen.
In wiefern? Ein lebendiges Geistesleben über Gegensätze hinweg kann nur auf der Basis sich langsam entfalten, wenn die Teilhaber an einem derartigen Prozess - sich selbst und nur sich selbst - bis auf den tiefsten Grund ihres gegenwärtigen Verhaltens immer und immer wieder hinterfragen. Schuldzuweisungen, bzw. verschleierte Kritik an diese oder jene Seite in einem Auseinandersetzungsprozess zu verteilen ist in einer Bewusstsein Seelenhaltung nicht mehr zeitgemäss. Zeitenwende vollzieht sich - und damit weise ich auf das diesem Beitrag vorangestellte Bild von Emma Kunz - in einer dynamischen Aufmerksamkeit Zentrierung ganz auf sich. Sprich: Sie ist letztlich nur möglich in Vorstellungsauflösungen innerhalb von Prozesserfahrungen seelischer Beobachtungen nach naturwissenschaftlicher Methode. Eine in meinen Augen bisher wenig verstandene Denkmethode innerhalb anthroposophischer Zusammenhänge, die als vielleicht bedeutungsvollster Keim im Denken Rudolf Steiners noch entwicklungsfähig ist.
Das Bild spricht in dieser Hinsicht lebendig zu mir, zu ihnen den Lesern dieses Beitrages, wenn sie so wollen. Der schwerthafte Lichtpfeil ist bis zur Mitte braun eingefärbt. Hier wird vor dem eigenen inneren Spiegel wahrnehmbar - die entscheidende Umkehr der inneren Haltung, die dieser Lichtpfeil zum Ausdruck bringen will. Die Vorstellungen erfahren eine Wandlung tiefer betrachtet nur auf der Herzebene der involvierten Menschen. Der Lichtpfeil oder Denkblick (die blickende Denkkraft, die dynamische Willenskraft im Denken, die sich von allen fixierenden Vorstellungsgebilden löst) weist nunmehr lichthell auf den Urgrund der eigenen Seele, den Brunnen, aus dem nichts als Leben schöpferisch sich entfaltet … wenn er denn tätig innerhalb der dialogischen Prozesse in der AAG „u n d“ in den Alltagsbegebenheiten nach innen beobachtend aufgesucht wird.
Übe Geisterinnern - sei mutig dich immer tiefer vor Deinen „Spiegel der Wahrheit“ zu stellen.
Der andere Mensch ist nicht dein quälender Kritiker oder gar vermeintliche Feind, weil er eine andere Denkhaltung zum Ausdruck bringt bzw. möglicherweise einer anderen Geistesströmung angehört. Jeder Mensch darf und muss innerhalb dialogischer Streite seinen eigenen Weg gehen, ohne dass vom Herzen her eine Trennung stattfinden muss. Übe Geisterinnern nach innen schliesst taktvoll achtsame Teilhabe an den Wegen des anderen Menschen über alle Grenzen hinweg nicht aus. Ich habe für meinen Teil verstanden, dass andere Menschen mir immer wieder an neuralgischen Lebenspunkten (und nicht nur dort) als Briefträger oder auch Lichtboten in den Weg getreten sind, damit ich meine Lebensspur finden und selbstkorrigierend erneut weiter verfolgen konnte.
In alten Zeiten wurden den Mysterien Schülern das Wort e r k e n n e d i c h s e l b s t auf den Weg ihrer Initiation mitgegeben. Heute ist unser Begleiter in Sachen Initiation unser Nachbar, der Postbote oder ganz beiläufig auch unser Universitätsprofessor, bzw. die Verkäuferin auf dem Wochenmarkt der Universitätsstadt.
Soziale Blickwinkel Verschiebungen von eminenter Tragweite sind damit für unser aller Zukunft zu berücksichtigen. Unser Nachbar, die Diskussionspartner in einer Talkshow werden über unsere persönlichen politischen Einstellungen hinaus zu Diskurs Trainern innerhalb eigener spiritueller Wachstumsbemühungen.
© Bernhard Albrecht Hartmann, 29.09.2024
Teil 2: Aufmerksamkeit Richtkraft
Schaue ich auf das Bild von Emma Kunz so wird für mich darin sichtbar - etwas recht Seltsames. Die geometrische Figur ist eingefasst von einem dicken braunen Rahmen. Schwarze geometrische Linien, die im Kreis strahlenförmig von der Innenseite dieser braunen Umrandung nach unten auf den zentralen Fusspunkt des Bildes hin verlaufen, werden innerhalb dieser Umrandung von roten geometrischen Strahlenlinien, die wie von einem innerlich pulsierenden Herzzentrum ausgehend auf die Umrandung zulaufen berührt.
Wird hier im Bilde einer geometrischen Figur auf Dynamiken innerer Bewegungen verwiesen, die Prozesse der Seele - von mir zu ordnende Aufgaben - sichtbar zu machen suchen? Die braune Farbe, wie auch die balkenförmige Kreisbildung um das eigentliche geometrisch Bewegungsgeschehen im Inneren des Kreises haben mich jedenfalls auf das Verstehen hin nachhaltig beschäftigt.
Lasse ich die braune Umrandung des geometrischen Bildgestalt im fortlaufend meditativen Bemühen gleichsam dynamisch sich weiten, dann wird mir immer deutlicher erfahrbar wie viel unmittelbare Aufmerksamkeit Kraft gerade auf die Prozesse zwischen innen und aussen zu richten ist. Gehen wir nicht alle - mehr oder weniger diesem Umstand gegenwärtig - mit unseren eigenen Bildern, bzw. Vorstellungen auf das zu, was wir vermeintlich (?) dann als Wirklichkeit allzu schnell bereit sind uns zuzusprechen - was aber „redlich“ näher betrachtet nur der Schein von Wirklichkeit ist?
Die Wirklichkeit bleibt uns - unverblümt angeschaut - von daher verborgen. Sie bleibt uns verborgen, solange wir unsere eigenen Signalemente wie eine Art Überwurf auf sie übertragen (Plato Höhlengleichnis). Wir stehen uns in Folge nicht beständig neu überprüfter Vorstellungen gegenüber dem, was wir als Wirklichkeit für uns ansehen selbst im Wege. Als selbstinduziert in Selbst-Haft genommene Gefangene taumeln wir so allzu oft durch unseren Alltag - nicht selten weit davon entfernt uns in dem uns gemässen eigentätigen Wirklichkeit-Wesensausdruck einfinden zu können. Wir stehen uns selbst im Wege ohne dies zu bemerken. An den Erschütterungen, die Selbsterforschungen dieser Art heute auslösen müssen kann kein ernsthafter Zeitgenosse, der Zeiten - Wende als individuelle Aufgabe gewillt ist anzunehmen, mehr umgehen.
Sachlich betrachtet umfasst der Begriff Wirklichkeit für uns eine „Tabula Rasa,“ ein Nullfeld oder auch eine Leere, bzw. ein Nichts und wir, wir scheuen letztendlich tagtäglich davor zurück dieses uns einzugestehen. Wir scheuen wider besseres Wissen davor zurück. Und das obwohl die Welt rings um uns brennt. Der Begriff Zeitenwende weckt in uns keine Tatwende zu mehr Willenseinsatz auf eigene innere Verwandlungen hin. „Weiter so“ stellt sich als scheinbar einzig mögliche Devise vor unser eigenes tägliches Bewusstseinsfeld. Augen zu und durch …
Muss das zwangsläufig so weitergehen? Was kann mich öffnen für individuelle Zeitenwende Taten, die dem Wort nach wirkliche Tat-Wenden bezeugen können. Es ist die ernsteste Aufmerksamkeit Zuwendung für mein jeweiliges Gegenüber, dass Du schlechthin. Die AAG lebt diesbezüglich ein geradezu tragisches Ausschlussverhältnis zum Du innerhalb allzu vieler sozialen Verbindungen. Ich weis, dass dem heute nicht wenig widersprochen wird unter Verweis auf dieses oder jenes. Dennoch will ich hier festhalten: Der Relativismus, der in die Wurzelbereiche dieser Gesellschaft eingezogen ist, das sich Schönreden von Ecken und Kanten, die selektive Wahrnehmung von unbequem sich darstellenden Tatsachenzusammenhängen ohne eine von Fall zu Fall mitunter weitreichende Auflösung eigener Subjektivismen, baut jene Winde vom Grund her auf, aus denen im Weltzusammenhang dann Kriege entstehen.
Ich denke in diesem Zusammenhang an den Gemischten König in Goethes Märchen von der schönen Lilie und der grünen Schlange. Ist dieses Märchen auf unsere gegenwärtigen Weltverhältnisse hin verstanden? Ist von Menschen, die sich in einem Zusammenhang zu Rudolf Steiner sehen und damit zur Weihnachtstagung von 1923/24 der Tatwille genügend tief aktiviert worden, der über die Arbeit eigene Vorstellungen beständig zu hinterfragen und umzubilden zur Auflösung des Gemischten Königs in einer gesellschaftlichen Kernzone hätte führen können? Haben die Menschen der AAG, wie dieser Gesellschaft in der einen oder anderen Weise nahestehende Persönlichkeiten, ihre ihnen von Rudolf Steiner direkt oder indirekt übertragene Verantwortung in die Tiefe hinein ergriffen und von dort her in die Breite getragen?
In diesen Tagen (100 Jahre nach Rudolf Steiners letzter Ansprache vor den Mitgliedern der AAG) gibt es der Gedenkveranstaltungen viele, die in ihr Zentrum Worte Rudolf Steiners seiner letzten Lebenszeit gestellt haben und weiter stellen. Doch ist damit das wirklich Entscheidende für die gegenwärtige Weltlage getan? Es wird nicht gefallen, wenn ich an dieser Stelle sage: Gedenken nein, denn dieses kann die Worte Rudolf Steiners nicht lebendig machen, wenn sich damit nicht ein geradezu erschreckendes eigenes inneres Erleben verbindet. Was habe ich in meinem Leben versäumt zu tun in Bezug auf die Auflösung des Gemischten König?
Denn der Gemischte König weist in meinen Augen unmittelbar auf die Zeitenwende. Er ist der Dreh- und Angelpunkt, von dem allein aus der Zeiten - Wende - Wille im wahren Sinne des Wortes seinen Anfang nehmen kann. In ihm scheint auf die nicht ernst genug zu nehmende individuelle Herausforderung dieser Tage.
Zurückkehrend zum Bild von Emma Kunz will ich an Hand desselben fragend noch dies ins Auge nehmen. Verweist der braune Balken als Kreisabschluss des geometrischen Prozessgeschehens auf die Selbstgefangenschaft des Menschen durch seine umaufgelösten Vorstellungsbildungen? „Deutet“ der in seinem Fusspunkt lichthelle Pfeil innerhalb der geometrischen Darstellung auf den am Du erwachten Willen zur Selbstverwandlung und mit dieser not-wendend verbunden - die einzulösende Metanoia Erfahrung? Auf das sich von seinen Ego - Schatten befreiende Ich? Im Sinne von Karl Balmer auf die historische Geburt des Ich - über die Zurückdrängung des Leibes - im Bewusstsein eines jeden Menschen heute? Ist die Zurückdrängung des Leibes in der seelischen Beobachtung als Aufgabe bewusstseinsklarer Entflechtung der Prozessebenen zwischen Ätherleib und Astralleib (was bedeutet damit verbundener „blinder Vorstellungsverklebungen) zu verstehen? Gaukelt mir etwa mein Ego, sprich meine Vorstellungsverklebungen hier eine Scheinwelt im Bezug auf das Du vor? Führt es mir wie einen alles überlagernden flimmernden Fernsehschirm vor Augen, der mich eigentlich daran erinnern will, schau tiefer, sofern Du Deiner eigenen Wirklichkeit vor dem Spiegel selbsterkennender Wahrheit begegnen willst? Entpuppt sich das Ego - genauer besehen - etwa als grosser Charmeur, das mich auf vielen Wegen beständig in vielerlei Richtungen umgarnt, um genau die Scheinwirklichkeit aufrecht zu erhalten aus der es sein Überleben speist? Das Ego, die letzte grosse Hürde, das Brandopfer vor dem Eintritt in die michaelische Zeiten - Wende? Der Michael Spruch Rudolf Steiners vom 28.09.1924 setzt in meinen Augen hier markige Zeichen.
© Bernhard Albrecht Hartmann, 14.10.2024
Nachtrag 1
„Wo die Stille nicht einkehren kann und darf, dort kann der Kyrios, der Christus oder auch der Meister von Emaus nicht zwischen die Menschen treten, um mit seinem Segen zu heilen. Dort kann der Erzengel Michael nicht die Metanoia Taufe bewirken, um über das Ego hinaus das Ich als schöpferischen Kraftquell mit einem jeden Menschen zu verbinden. Kann das Ich, aus den Banden seiner Ego-Vorstellungen befreit, nicht auf die Reise seiner Selbstverantwortung gehen.“
Nachtrag 2
Der Falke lebt in und durch das Greifen. Sein Gleitflug, wie sein Sturzflug sind fliessende Greifbewegungen. Zentriert in sich ruht er beständig im Zentrum greifender Bewegung. Auch wenn er nur auf einer Astgabel sitzt. Er verfügt in der nachhaltigen Beobachtung über eine schier endlose Ausdauer in Ruhe, wie im Flug. Selbst wenn keine äussere Bewegung mehr an ihm festzustellen ist, ruht er nicht. Auch seine Ruhe ist verdichtete, dynamische Bewegung.
Von daher umfasst er den Begriff Freiheit viel tiefer als beinahe jeder Mensch. Seine greifenden Bewegungen sind fliessende Manifestationen gelebter Freiheit.
Sitzt Du dem Falken in einer echten Falken-Schulung gegenüber und Du kannst irgendwann einmal fliessend seinem Blick standhalten, dann kannst Du bemerken, dass er einzig und allein darauf wartet, dass Du im inneren Durchgang durch seine Augen Deine Freiheit findest.
Wenn die Menschheit überleben will, dann, so meine Sicht, wird sie sich erneut darauf einlassen müssen diese Kräfte zu entwickeln. Fliessendes Greifen, fliessender Begriffsfluss.
Dazu gehört einiges an Selbstvertrauen und viel, viel Mut. Der Schritt auf den Schwebebalken des „ich weiss, dass ich nicht weiss“ hinaus ist ein gewaltiger. Hier … im Bewusstsein nicht nur irgendwelcher Unzulänglichkeiten, sondern Deiner gesamten bemüht verdeckt gehaltenen Hinfälligkeiten Dein eigenes Gleichgewicht zu wahren, darin wird Deine Ich-Gegenwärtigkeit mehr und mehr historisch. In der unverblendeten Selbstkritik wird seelische Beobachtung real … und wirst Du mit den Worten von Karl Balmer in einem Buchtitel (1) von ihm zum Vollzieher: „der Macher bin ich, den Schöpfer empfange Ich.“ Ich entfalte aus der Erfahrung werdenden Willenskraft den Logos, das Wort in mir, lasse es als Ich in die Welt treten.
Wie aber werde ich des Wortes, das vom Weltengrund her (ein Wort Rudolf Steiners) mich anspricht, gewahr. Der Weltengrund ist heute nichts Überweltlich, Übersinnliches mehr, weist nicht mehr auf eine irgendwie geartete Transzendenz hin. Er tritt mir vielmehr in jedem Augenblick meines Lebens durch das Du entgegen. Sein Raum ist in den Armen des Du geborgen und öffnet sich, so ich darauf hin schauen will. Ich das Du insoweit also nicht mehr als ein duales Gegenüber ansehe, sondern als den Botschafter, den Überbringer der Karma Aufgaben des Ich-Werdens, in die hinein ich erwachen will.
© Bernhard Albrecht Hartmann, 11.12.2025
Die geometrische Darstellung von Emma Kunz, welche auf vielen Plakaten die Ausstellung im Zürcher Kunsthaus von 1999 bewarb kann im Internet abgerufen werden.